Milchmond (40)

… Nachts hockten abermals die schrulligen Moosgestalten vor Julie Ackers Hof und sinnierten unbeobachtet. „Sie haben den Falschen“, versicherte der schmale Schatten.
„Sie werden ihn wieder freilassen, denn selbst ein Wilderer ist er nicht. So was nenne ich schlicht Mundraub.“, raunte der kleine Schatten und der Große erinnerte sich: „In den 1840er Jahren gab es hier regelrechte Wilderer-Banden, die gewerbsmäßig alles bejagten, was ihnen vor die Flinte kam. Derbe Meuten waren das, die auch vor Mord nicht zurückschreckten. Sie rechtfertigten sich mit ihren Hungerlöhnen oder Missernten. Das waren üble Zeiten, in denen selbst für ein bisschen Holz gemeuchelt wurde. Drei Tote hinterließ der Raub von sechs Birken 1822 in den Königlichen Forsten zwischen Zerpenschleuse und Hammer. Aber es konnte noch um viel weniger gehen, wenn beispielsweise Förster oder Fußjäger und heimliche Grasmäher sich im Wald begegneten, da wurden meist kräftige Fausthiebe verteilt. Für eine Fuhre Gras fast totgeschlagen. Herrje. Viele Fälle blieben damals ungeklärt. Und die heimliche Jagd im Scheinwerferlicht gibt es immer noch, mit teuren Waffen ohne Rast und mit großer Gier. (*) Ich bin mir nicht mehr gewiss, ob die Kommissare wirklich noch die richtige Spur je finden.“

Als Julie morgens das Fenster zur Straße öffnete, sah sie noch die drei Sitzspuren im Schnee auf der Moosbank. Hatte sie was verpasst? Seit sie mit dem Ausbau der Ferienzimmer zugange war, fiel sie nachts in einen traumlosen Tiefschlaf. An den Wochenenden kam Kai, verlegte Kabel und putzte Wände. Heute würden sie malern. Aber noch lauerte sie auf das Bäckerauto, das heute etwas später dran war. Über all der Arbeit kamen Julie und Kai Fischer sich nicht näher, obwohl es sie es spürten, dass da ein Gefühl zauberte. Sie wusste nicht weshalb sie ihn auf schützende Distanz hielt. Es hupte schon weit von der Kreuzung her. Die Frau griff ihre Börse und schlenderte zum Halteplatz des Versorgerautos. Dort warteten bereits ein paar Nachbarinnen. Dörte tönte ganz aufgeregt: „Die Wildkamera hat einen großen Weißen abgelichtet. Einen weißen Wolf. Unglaublich!“ Die Frauen ringsum waren nicht so begeistert wie die Rangerin. Im Gegenteil. „Früher haben die Bonzen uns den Wald mit Schlagbäumen für ihre Staatsjagd verstellt, und jetzt ist es der Wolf, der uns den Wald als unsicheres Terrain vermiest. Abschießen müsste man die alle, ehe noch etwas geschieht“, schimpfte die alte Rosa. Sie war eine ausgewiesene Wolfsfeindin. Dörte holte tief Luft und giftete zurück: „Außer im Märchen ist noch keine Großmutter vom Wolf gefressen worden!“
Julie kaufte ihre Brötchen und entfernte sich wieder wortlos. Die ganze Aufgeregtheit rund um den Wolf nervte sie. Es ist ein großer Wald in dem wir hier wohnen und kein geschützter Freizeit- oder Therapiepark, dachte sie für sich. Waldbaden – was den Leuten so alles einfällt, wenn sie das gesunde Gespür für Natur verlernt haben. Die Frau kochte Kaffee, deckte den Frühstückstisch und wartete. Kai kam nicht. So begann sie alleine die Wände zu streichen.  Gegen 11 Uhr klingelte das Telefon. Julie ließ die Malerquaste fallen und nahm mit Farbfingern den Anruf entgegen: „Sind Sie Frau Acker?“ „Ja.“ „Hier ist das Vivantes, Klinikum im Friedrichshain. Herr Fischer liegt mit einer Bauchfellentzündung auf unserer Station und lässt sich entschuldigen…“
Eine gute Stunde später saß Julie an Kais Bettkante. Man hatte ihm das Bauchfell innerlich gespült und noch war er benommen von der Narkose. Sie griff seine Hand und streichelte sie vorsichtig…

© Petra Elsner
5. Januar 2019

Quellen:

(*) „… nur der Mond war Zeuge“ von Helmut Suter, Heft 6 der Schriftenreihe des Schorfheide-Museums Groß Schönebeck

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 574

Milchmond (39)

… Drei Kähne mit Bootsführern hatte die Wasserpolizei den Kollegen von der Kripo per Lastwagen zum Damm im Moor gebracht. Seit Stunden suchten sie nach jenem Mann, der offenbar im Wald hauste und sich vor ihren Blicken verbarg. Warum? War er der Mörder von Laura, einer der entlaufenden Psychos oder nur ein scheuer Aussteiger? Die Anspannung war undefinierbar. Das Moor führte schmale Wasseradern, über die sie gut vorankamen, aber das Land im Dickicht erreichten sie so nicht. Sie mussten aussteigen und festen Boden suchen. Die Ranger wussten, wo diese kleinen Inseln zu finden waren. Der Weg war beschwerlich und Franziska Korn maulte bald: „Wozu gibt es eigentlich Hubschrauber?“
„Ja, ich dachte, so sind wir näher dran,“ antwortete Eberhard Stark. Es sollte recht behalten, denn kaum später entdeckten sie eine Köhlerhütte auf festem Grund. Bretter, Schilfgras und Moos bildeten eine Art Meiler, aus dessen offener Spitze Rauch aufstieg. Es war still, nur ein paar Hühner scharrten auf dem Boden nach Futter. Das Suchkommando umzingelte lautlos die Hütte und Ermittler Stark klopfte schließlich kräftig an die klapprige Tür. Sie wurde vorsichtig geöffnet. Eine gebeugte Gestalt trat ins Freie, die einigermaßen Erstaunen auslöste: Langes Grauhaar fiel dem Mann ins Gesicht und sein struppiger Bart bedeckte spärlich die Zahnlücken im Mund. Gehüllt in eine verfilzten Deckenkutte stand er ganz wehrlos in diesem Wintertag und stammelte: „Ich heiße Leo Altmaier und lebe seit Jahren in diesem Wald.“
Zeigen Sie uns bitte ihren Ausweis, Herr Altmaier? Wir müssen einen Sachverhalt klären!“, sprach Ermittlerin Korn ruhig den Mann an. Seine Augen huschten nervös hinter seinen dicken Brillengläsern über ihrem Blick, dem er nicht standhalten konnte. Er nuschelte kaum verständlich: „Hab keinen.“ Er blies sich fröstelnd in seine gefalteten Hände und trat von einem Fuß auf den anderen.
„Wenn sie gar nichts vorweisen können, was Sie ausweist, müssen wir Sie mitnehmen,“ sprach Eberhard Stark streng und der Waldmensch flüsterte resignierend: „Dann müssen Sie das tun.“
Leo Altmaier sprach an diesem Tag kein Wort mehr. Er wusste, dass die Gesellschaft Aussteiger argwöhnisch ins Visier nahm. Ohne Gemeinschaft und ohne Geld in die Wildnis abzutauchen, machte den Mann verdächtig. Sein Alter war kaum zu schätzen. Franziska Korn hatte ihm zur Nacht in die Zelle einen Stapel gebrauchter Kleidung neben das Waschbecken gelegt. Obenauf thronte ein Einmalrasierer. Er verstand den Wink.
Nein, Altmaier war nicht der gesuchte Psycho, sondern lediglich ein Zivilisationsflüchtling. Vielleicht hätte man im Wilderei vorwerfen können, aber darum ging es nicht. Frisch rasiert und gekleidet in Jeans, kariertem Hemd und einer dicken Strickjacke begann er anderntags bei der Befragung spärlich zu antworten: „Ich stamme aus Greifswald. Bin 46 Jahre alt, geschieden und war Tierpfleger. Die Trennung von Frau und Kindern hat mich und unseren Bio-Hof ruiniert. Die Zwangsversteigerung stand an. Ich wusste nicht mehr, wie es weitergehen sollte. Hab‘ ich alles stehen und liegen gelassen und bin ich einfach losgelaufen bis hierher in die Schorfheide. Das ist etwa zehn Jahre her.“
„Was wissen Sie über den Mord, Ende November im Wald bei Sandberg?“, polterte Kriminaloberkommissar Stark dazwischen. Diese Aussteigermär nervte ihn. Er verachtete den Mann und zeigte das ganz deutlich. Sein herrischer Ton ließ Altmaier zusammenzucken. Er stammelte nur leise: „Em, ich weiß nichts Genaues. Hab eine Frau schreien gehört. Bin dorthin, so schnell ich konnte. Fast irre vor Angst. Ich sah noch wie der Mann zustach und wegrannte. Zu einem grünen Auto, mit dem er floh. Es regnete und ich habe ihn nur als Schatten gesehen.“
„Und warum haben Sie uns nicht informiert?“, fragte Franziska Korn. „Sie haben die Frau einfach liegen gelassen?“
„Sie war tot und ich wollte nicht aus meinem Versteck. Ich hab sie am nächsten Tag mit einem, weißen Tuch bedeckt. Zu grausam war ihr Anblick. Man hätte mir bestimmt nicht geglaubt. Einem Waldmenschen. Sie haben mich ja auch gleich einkassiert, nur weil ich keinen Ausweis vorweisen konnte.“
Franziska Korn räusperte sich: „Herr Altmaier, wir brauchen eine DNA-Probe von Ihnen, um sie mit unseren Spuren abzugleichen.“ Hinter ihr stand bereits der Kollege vom Labor, mit einem Wattestäbchen zwischen seinen weißen Handschuhfingern…

© Petra Elsner
4. Januar 2019

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 562

Milchmond (38)

… Bisher führten die Ermittlungen der Kripo im Mordfall Laura Acker ausnahmslos ins Leere. Jetzt schien sich eine neue Spur aufzutun, der man umgehend folgte. Unter Mithilfe der örtlichen Jägerschaft und der Ranger von der Naturwacht durchkämmten sie am nächsten Morgen den Schneeglöckchenwald. Der Winter war zurück. Nachts hatte es geschneit und den milden Frühlingssonntag als Episode verweht. Zwei Dutzend Männer und Frauen mit geschärften Sinnen durchsuchten das Revier. Sehr leise, man hörte nur ab und an das Knacken der Zweige unter ihren achtsamen Schritten.  Plötzlich brüllte einer: „Hierher!“ Bernd Uhlig hatte ein weiteres Lager entdeckt, in einer Senke unter einer gestürzten Kiefer. Dieser Unterschlupf war größer, als das Erdloch im Dachsbau und mit einer alten LKW-Plane regensicher gemacht. Ermittler Stark sperrte den Ort mit weiß-rotem Band für die Spurensicherung ab, denn hier waren deutliche Fußabdrücke zu entdecken. Kaum schneeverweht. Stark murmelte Franziska Korn zu: „Den haben wir bestimmt aufgescheucht, aber gut, dort liegt eine Fährte.“ Er winkte zackig dem Hundeführer zu: „Geht langsam voran!“
Hinter dem Schneeglöckchenwald lag das Moor, ein unheimliches Gebiet, das kaum von Menschen betreten wurde. Geheimnisvoll hockte das Binsengras auf der stahlgrauen Wasserfläche. Wie listige Trolle. Der Wind über der weiten, offenen Fläche fuhr in das trockene Schilf und ließ die Blätter knistern. Flüsterlaub, dachte Bernd Uhlig bei sich und es schien ihm, als würden die Moorgeister den Suchenden zuschauen und miteinander wispern. Ein mystischer Schauer wehte Uhlig Fantasie an. Er schlug den Jackenkragen hoch, als wollte er seinen Nacken vor weiteren düsteren Anflügen schützen. Nur ein fester Damm durchquerte das schwankende Sumpfland. An einer kleinen Brücke, die über einen der vielen Wassergräben führte, verlor der Fährtenhund die Spur. Sie schien ins Wasser gesprungen.
Franziska Korn trat an die Stelle und dachte laut: „Es ist kalt. Der Mann wird nicht das Wasser durchwaten, nur in allerhöchster Not. Also ist er vielleicht mit einem Kahn von hieraus weiter.“ Stark nickte: „Wir brechen hier ab. Es dämmert schon. Ich ordere uns zu morgen früh ein paar Kähne.“…

© Petra Elsner
3. Januar 2019

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 511

Morgenstunde (96. Blog-Notat)

Am Wuckersee in der Schorfheide tanzten die Sonnenfunken.
Auf dem Rückweg fuhren wir entlang des hellen Werbellinsees.

 

 

 

 

 

 

Gestern kutschierten wir zeitig über die wild-romantische Waldpiste entlang des Großen Dölln- und des Wuckersees. In diesem Gebiet legte der letzte schwere Wintersturm hunderte mächtige Bäume um. Inzwischen stapeln sie sich am Weg zur alten Carinhaller zu Langholzablagen. Die aufgetürmten Stämme schaffen beinahe einen Tunnelblick, der die berührende Landschaft verstellt. Vorbei an den alten Torhäuschen, ging es weiter nach Friedrichswalde und schließlich nach Joachimsthal. Dort gibt es die einzige Möglichkeit in der „Nähe“ (30 Kilometer entfernt), wo frau zu einer wundersamen Bildvermehrung gelangen kann. Gemeint ist ein Copyshop, der ordentliche Kopien herstellt. Diesen Vorgang – aus einem mach viele – finde ich unglaublich schön. Daran hat auch nicht ein guter Heimdrucker etwas geändert, denn so satte und konturscharfe Laserkopien stellt der eben doch nicht her. Also stehe ich einmal im Jahr in einem guten Copyshop und freue mich wie ein Itsch, wenn die allerschönsten Blätter aus der Maschine fliegen. Zuhause bekommen sie ein feines Passepartout und eine schützende Klarsichttasche – fertig ist die Replik für den Kunstmarkt. Auf diese Idee kam ich, als einige Leute begannen sich meine Postkarten einzurahmen. Das gab mir zu denken, ich brauchte also etwas füs kleine Geld und so kam es zu der Repliken-Kiste. Und die fülle ich gerade mal wieder…

Nur noch eintüten…

1015. Blobeitrag

PS: Entschuldigung, liebe Leser, irgendwie hat WP heute morgen meine letzte Fassung nicht gespeichert. Jetzt sind die Korrekturen drin…

Aufrufe: 587

Milchmond (36)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Wochen später strahlte sie Sonne derart frühlingsschön, dass an diesem letzten Februarsonntag wirklich alles was Beine hatte draußen war. Auf den alten Schulwegen spazierte zwischen den Dörfern halb Sandberg nach Kappe oder Groß Dölln quer durch den Wald. Das war den Schwestern Anna und Luise zu belebt, die Mitsechzigerinnen wählten einen anderen Weg. Fast zugewachsen und kaum beschritten, im Grunde nur ein Tierpfad. Die beiden kannten eine entlegene Waldwiese, auf der rund um einen Wassertümpel ein Meer von Schneeglöckchen stand. Dorthin wollten sie, um ein paar Pflanzen zu stechen, die sie später verkaufen wollten. Ja, das war verboten, aber wen kümmert das, wenn die Rente nicht mehr als ein Almosen war und außerdem lang die Stelle im Waldbesitz ihres Vaters. Sie waren schon gut eine Stunde in die Tiefe des Waldes gelaufen, als Luise einen kleinen Brandplatz entdeckte. „Sieh‘ mal, hier hat doch wirklich einer gekokelt. Mitten im Wald.“ Anna besah sich die Stelle und fand: „Das gibt es doch nicht, da hat sich jemand etwas gebraten. Einen Hasen oder ein kleines Reh. Wer macht denn heutzutage noch so etwas? Wildern mit Schalldämpfer oder Schlingen legen, ja, das geschieht schon noch, aber an Ort und Stelle verköstigen, dass ist seltsam.“  Die zwei Frauen sahen sich den Platz genauer an. Was sie entdeckten, lag jenseits ihrer Fantasie, aber doch in ihrer Erfahrung: Im nahen Unterholz befand ein alter Dachsbau der weiträumig ausgehöhlt war. „Weißt Du Anna, dass hier sieht aus, als hätte jemand darin Schutz gesucht, kein Tier, ein Mensch. Die Russen haben sich früher solche Schlafplätze geschaffen, wenn sie bei Manövern tagelang im Wald ausgesetzt waren. Weißt Du das noch?“ Luise zeigte auf trockenes Moos und weiter hinten lag eine Decke. „Aber sieh“, Anna stocherte mit einem Stock in den Brandplatz, „keine frische Asche, die Feuerstelle ist scheinbar schon eine ganze Weile nicht mehr benutzt worden. Kann ja sein, dass im Sommer so ein spartanischer Waldläufer ein wildes Leben für ein Wochenende ausprobiert hat. Komm weiter Luise, es ist nicht mehr weit.“
Sie verließen den merkwürdigen Ort, aber ihre Gedanken wanderten weiter durch das verlassene Versteck. Wer mag dort nur gehaust haben?
Sehr bald erreichten die Frauen ihren traumhaften Schneeglöckchenwald. Wie jedes Jahr waren sie vollkommen überwältigt von dem alljährlichen Frühlingswunder. Tausende von Feenglöckchen wippten leise im Wind. „Wenn die alle läuten würden, wäre es nicht auszuhalten“, kicherte Anna. Die Schwestern gönnten ihren Augen noch ein Weilchen diesen euphorischen Anblick, bevor sie am Nordhang des nassen Wiesentales Pflanzen mit noch nicht geöffneten Knospen stachen…

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 682

Milchmond (35)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Kurz vor 13 Uhr füllte sich der Gastraum. Dörte Sandig trat zu den Nagel-Söhnen und fragte dringlich: „Könntet Ihr vielleicht mal eine Wildkamera auf Euren Kahlschlag richten? Ich hab da heute beim Joggen etwas sehr merkwürdiges gehört, nicht gesehen, aber mir war, als habe mich von dort aus etwas verfolgt. Ich wüsste einfach gerne, was das war.“
Konrad Nagel lästerte: „Ich würd‘ es ja mal mit einer Brille versuchen. Aber O.K., wir hängen Dir einen Spion auf. Neujahr reisen wir wieder ab, bis dahin werden wir schon ein paar Treffer von Deinem Geräusch ergattern. Wieso warst Du eigentlich allein im Wald, gelten für Dich die Aufforderungen der Polizei nicht?“ Dörte grinste, aber Konrad schüttelte besorgt seinen Kopf: „Mädchen, das ist kein Spaß! Das nächste Mal nimmst Du zum Joggen jemanden mit. Klar?“
„Versprochen“, salutierte Dörte und knallte dazu die Hacken zusammen. Jetzt grinste auch ihr alter Skatkumpel.
Die Tür schrammte auf und ließ eine Wolke Sandberger Familien in den Raum, darunter auch Julie mit ihrer Mutter Helene, die sie zum Weihnachtsessen aus dem Altenheim geholt hatte. Jan warf die Weihnachtslieder-CD an. Während Helene aus dem Mantel schlüpfte, summte sie sofort guter Dinge mit. Mag auch der gestrige Tag im Vergessen versinken, die alten Lieder taten es nicht.
An der Tafel erzählten Rosa und ihre Söhne inzwischen, dass die Polizei bis jetzt nichts Greifbares zu dem Holzdiebstahl herausgefunden habe. Konrad winkte gelassen ab:  „Die Stämme können wir wohl abschreiben. Schlimmer finde ich, dass sie auch bei dem Mord nicht weiter gekommen sind. Ja, da haben sie tagelang Hubschrauber über der Heide kreisen lassen, aber wer sagt denn, dass der Irre überhaupt in diesem Wald steckt. Und ob er wirklich der Täter ist, die Blutgruppe AB positiv gibt es zwar nicht oft, aber doch mehr als nur einmal.“ Rosa zupfte ihren Sohn am Ärmel und deutete hinüber zu Julie und Helene am Garderobenständer: „Hör‘ auf, Junge, heute wird nicht über den Mord spekuliert!“
Julie staunte, als Kai Fischer in die Wirtsstube trat. Jan huschte an ihr vorbei und fragte beherzt: „Em, ist es Dir recht, wenn ich den Typen da neben Dir platziere?“ Sein Blick wies zu dem Berliner Gast.
Sie zögerte einen Moment lang, dann nickte sie. Neben ihr trällerte Helene laut und brüchig „Weihnachten, Weihnachten, steht vor der Tür…“ und Julie spöttelte: „Ist schon da, Mama.“ Ihr wurde heiß, als sich Kai neben ihr auf dem Stuhl niederließ…

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 740

Milchmond (34)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Gegen Mittag duftete das Areal rund um den Dorfkrug köstlich. Alle Jahre wieder lud das Wirtspaar zu den Weihnachtsfeiertagen zum traditionellen Entenessen. Jan hatte längst die Spuren der Nacht beseitigt und der Wirtschaft ein Festgewand übergeworfen, während die Mutter einen Berg von Geflügel zubereitete. Bernd Uhlig steckte indes im Keller ein frisches Fass Bier an und räumte Flaschen weg. Der Durst in der Heiligen Nacht muss groß gewesen sein. Ihm war es recht so.
Als Kai Fischer gegen 11 Uhr den Gastraum betrat, war er gerade aus dem Bett im Ferienzimmer gestiegen. Alleine natürlich. Julie hatte ihn auf dem Nachhauseweg zwar auf Distanz gehalten, aber nicht abgewiesen. Ganz klar, sie brauchte Zeit und er musste Gelegenheiten schaffen. Uhlig Junior hatte die Haustür gehört, er fegte hellwach aus der Küche und schickte den hageren Mann in die mollig warme Billardstube, wo bereits sein Frühstückgedeck wartete. Brötchen, Eier mit Speck in einer Wärmepfanne und Kaffee. „Na, einen schweren Kopf“, fragte der Wirtssohn und plauderte gut aufgelegt weiter. „Die Cocktails, die unsere Schweizer Garde zuletzt mixte, hatten es wirklich in sich. Ich bin kaum aus den Federn gekommen, aber die Arbeit macht sich nun mal nicht von allein.“
Kai nickte und schlachtete mit einem gut gesetzten Messerhieb sein Frühstücksei. „Kann ich noch ein paar Tage bleiben, bis Neujahr vielleicht, mit Vollpension?“
„Kein Problem, im Winter ist unser Ferienzimmer meistens frei. Zum Entenessen hab ich Dich schon mit eingeplant. Pünktlich 13 Uhr, bitte.“
Julie war an diesen Morgen in das Buch der Schatten vertieft. Sie las überrascht und vergaß vollkommen die Zeit. Es klopfte leise klirrend an die Fensterscheibe, der Rabe brachte sich in Erinnerung und hoffte auf ein bisschen Brot. Julie reagierte prompt und brachte ein trockenes Stück herbei. Der Schwarze hüpfte nur etwas beiseite als sie das Fenster öffnete und flog nicht mehr aufgeschreckt davon. Sie vertrauten bereits einander. Wenn das immer so leicht wäre, dachte die Frau bei sich…

 

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 682

Morgenstunde (56. Blog-Notat)

Boxenstopp in Heidelberg. Wir waren eine Woche unterwegs: Im Erzgebirge, im Odenwald, in den Voralpen in der Schweiz…

Fünf Grad miese, scharfer Wind, ich friere. Letzte Woche hatte ich im Odenwald den Frühling gesehen. Für einen Tag wie ein Traum. Es war der 5. März und wir waren mit alten Freunden touristisch unterwegs, wobei ich staunte, wie schön die Landschaft um Mannheim und Heidelberg ist. Wir spielten bis in die Nacht Doppelkopf und ich hatte dabei eine stille Vorfreude auf jene Zeit, wenn wir alle im Ruhestand sein würden, denn der Plan war immer – sie kehren dann zurück. Schlussendlich aber erklärten sie uns in jener Nacht, sie würden nicht mehr zurückkommen in die Schorfheide, auch nicht im Alter. Nach zehn Jahren Leben in der Westhälfte Deutschlands, wären sie inzwischen so verwurzelt und mit beruflichen Anschlüssen ausstaffiert, nicht mehr aufholbar, müssten sie noch einmal von vorne beginnen. Künstler sind ja nie wirklich im Ruhestand, nicht nur wegen der dünnen Rente…  Das einzige was ihnen echt fehlen würde, wären die Ossis, die unverfänglichen Gespräche, das ungeschützte Offene, die gemeinsamen Erfahrungen. Immer wieder Abschied nehmen und Menschen verlieren.
Ja, ich verstehe gut, dass man/frau nach Wohlergehen strebt und nicht jeder erträgt, dass er 28 Jahre nach der Deutschen Einheit immer noch um so viel weniger wertschöpft als anderswo. Die freien (nicht staatlich subventionierten) Kulturschaffenden reden selten über ihr Dilemma, aber sie sind wohl jene, die man hierzulande am meisten ausnimmt. Ohne Anstand und Respekt, als wären künstlerische  Ideen nur gut als Petersilie auf einem Festtagsbraten. HerzensBildung, Verantwortung, faire Honorierung – Fremdworte im öffentlichen Leben. Und so gehen sie weiter aus dem Osten weg. Ich verstehe meine Freunde gut, denn natürlich kommt zuerst das Fressen, aber um mal Doppelkopf zu spielen, gepaart mit einem interessanten Gedankenaustausch, muss ich inzwischen schon sehr weit fahren…

PS: Mit der öffentliche Schreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” geht es nächste Woche weiter…

Aufrufe: 790

Milchmond (33)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Ein Leuchten lag über dem offenen Schneefeld und Dörte spürte ganz deutlich die Anwesenheit von einem Etwas unter den Zweigen. Es schlich ihr entgegen, leise und irgendwie bedrohlich. Sie späte über das Weiß, konnte aber nichts entdecken. Ihr Instinkt schob sie wieder in den Laufmodus, weg von der Waldbrache. Dörte joggte ihre Runde weiter. Nicht mehr entspannt. Diesen Bogen noch, dann den Quer-Pfad links bis zum Fließweg, der sie zurück ins Dorf schicken würde. Unterwegs entdeckte sie nichts, witterte aber eine merkwürdige Begleitung. Am Kiefernbogen verschnaufte sie einen Moment. Hinter dem Rauschen des Blutes in ihren Ohren war ein leises Hecheln vernehmbar, das schlagartig inne hielt, als sie nach ihm lauschte. Ein Mensch war das nicht. Die Frau war verwachsen mit dem Wald, der sie an diesem Morgen seltsam beunruhigte, was sie zugleich ärgerte, denn schließlich war sie kein Hasenfuß. Beim Rodelberg stoppte sie kurz ihren Lauf, um die Beine auszuschütteln, die Arme zu kreisen, ihren Körper zu dehnen und vielleicht währenddessen die mulmige Stimmung abzustreifen. Doch abermals war das Schleichen in der Deckung des Buschwerks vernehmbar. Ein Knacken und ein Rascheln kaum 30 Meter entfernt. Das nervte und trieb ein dumpfes Gefühl an. Die Frau dachte an Laura, die Gewalt, die ihr angetan wurde. War sie in Gefahr? Aber nein, was sie da aus dem Unterholz fixierte, bewegte sich nicht auf zwei Beinen. Entschlossen, den Spuk zu vertreiben, klatschte sie ein paarmal laut in die Hände. Etwas lief davon. Dörte blickte dem Geräusch nach, atmete erleichtert auf und trabte schließlich zurück ins Dorf…

 

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 667

Milchmond (32)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Die Frau schmiegte sich an den rauchenden Mann. Sie umfasste ihn, streichelte druckvoll seinen Rücken und atmete seinen Duft. Dörte war lange nicht mehr ihrer Lust gefolgt, aber heute pflückte sie sich diesen Jan wie einen Apfel vom Baum. Der Tresen-Mann war es gewöhnt, von Frauen verführt zu werden. Er brauchte nur ein bisschen seinen Charme spielen zu lassen und eine weltgewandte Geschichte zu erzählen, schon flogen ihm die Gespielinnen für eine Nacht zu. Mehr wollte die  Rangerin nicht und dem Mann gefiel dieser Rollentausch.
Die Nacht war Flut. Als sich Dörte am Weihnachtsmorgen räkelte, war der Platz neben ihr schon wieder verlassen. Sie lächelte, es war gut so. Beim Frühstück verspürte sie den Wunsch nach einem Waldlauf. Die Forst hatte mit ihren Holztransporten wieder neue Pisten gezaubert, so würde gut über den Schnee kommen. Wenig später joggte sie los. Die Luft war frostklar, kein Windhauch fing sich in den Baumwipfeln und der Schnee dämpfte ihre Schritte. Die Läuferin war schon eine halbe Stunde unterwegs, als sie den Kahlschlag von Rosas Wald erreichte. Wüst sah es hier immer noch aus. Nach den Sturmschäden hatte keiner Zeit, sich um das wild verstreute Nadelgrün zu kümmern. Der Schnee beruhigte nur den Anblick. Plötzlich knackte es und Dörte horchte auf. Etwas bewegte sich im Unterholz der gefällten Kronen…

© Petra Elsner
März 2018

 

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 675