MINIATUREN (3)


Putzwunderlich

„Schau mal, ich habe ein schönes Wort gefunden: ‚putzwunderlich‘. Wenn du willst, schenke ich es dir, denn du schaust mich gerade putzwunderlich an.“ Der Wortfinder staubte das schöne alte Wort mit einem Pinsel ein bisschen ab, bevor er es dem staunenden Kind übergab. Dann riet er ihm: „Du musst es ab und zu statt des Wortes ‚erstaunt‘ sagen. Falls nicht, dann verlierst du es wieder.“ Das Mädchen sah in seine leere Hand und sprach lächelnd mit der kleinen Unsichtbarkeit: „Putzwunderlich. Ah – ein Putzwunder, ein wunderliches Was-weiß-ich, etwas Putzwunderliches.“ Es trällerte das geschenkte Wort auf seinem Nachhauseweg vor sich hin, so lange, bis es sicher war, dass es diese Wortherrlichkeit nie wieder vergessen würde.
Der Wortfinder war indes wieder auf seiner ständigen Suche nach vergessenen Wörtern. Am Imbiss an der Straßenbahnhaltestelle stritten sich zwei Männer um eine Nichtigkeit, bis eine ältere Dame ihnen zurief, macht doch nicht so einen Heckmeck! Der Wortfinder schmunzelte und dachte, ist das nicht ein wunderbares Wort für solch unnötiges Gehabe? Die Männer verstummten sofort, denn sie kannten das Wort nicht. Es klang aber irgendwie abwertend, und das reichte, um voneinander abzulassen. Schöne Wirkung! Das Wort hatte Kraft, fand der Sammler, und wusste, andere können ein Zwinkern wecken, wie dieses „garstig“ oder „ergötzen“.
Wortschmuggler brachten ständig neue Wörter aus der Welt ins Land. Die strahlten hell und beschatteten jene Wörter, die Emotionen auslösten. Der Wortfinder hatte nichts dagegen, nur wollte er, dass der vorhandene Reichtum bestehen bleibt. Nicht ersetzen, sondern dem Schatz hinzufügen. Das war sein Ansinnen, und so spazierte er Sonntag nachmittags durch die Straßen und Gassen seiner Stadt und verschenkte ab und zu einem Kind mit größter Wonne ein vergessenes Wort und hoffte, dass sie wieder zu klingen beginnen.

MINIATUREN (2)


Lücke in der Zeit

Als die Zeitung sparen musste, nahm sie keine Artikel mehr von freien Journalisten an. Schlagartig wurde es um den stadtbekannten Schreiber Wolf Kunze still. Keine hundert Mails mehr am Tag, auch das Telefon schwieg. Kunze war verwundert, denn er glaubte wirklich, dass ihn die Leute kontaktierten, weil er so ein feinfühliger Rechercheur war und seine Schreibe liebten. Unzählige Feste hatte er beschrieben, Menschen portraitiert, und so manchen Schwätzer, der sich um Kopf und Kragen redete, verantwortungsvoll beschützt. Nicht über alles, was man erfährt, muss man auch schreiben. Der Mann lebte noch Berufsethos. Aber nun konnte er ganz deutlich spüren: er war den Leuten egal, weil nicht mehr nützlich – und deshalb fiel er aus all ihren Leben.  Bis zu diesem Zeitpunkt vermutete der Schreiber, es bestünde zwischen all diesen Menschen und ihm eine gewisse Verbindung. Was für ein Irrtum. Er raufte sich die Haare, als er das erkannte. Aber gut, dachte der Kunze, von nun an hätte er endlich Zeit für das ganze Lebensbild. Nicht nur für den programmatischen Ausschnitt, den es brauchte, um – während die anderen zu feiern begannen – einen spritzigen Artikel vor Druckschluss zu schreiben, ein Foto auszuwählen, es zu betexten und beides via Mail in die Redaktion zu senden. Anfänglich wäre Kunze gerne bei diesen Festen geblieben, er war schließlich ein quietschfideler Menschenfänger, der auch einen oder zwei Schoppen Rotwein nicht verschmähte. Doch unter dem jahrelangen Termindruck wurde er immer ernster. Das Feste feiern war ihm unwichtiger geworden, bis er nun feststellte, er hatte es vollends verlernt. Wie geht Feiern? Er trank am Rande eines ländlichen Sommerfestes seinen Rotwein und sah still den Leuten beim Lachen und Tanzen zu, aber wusste mit dem was er sah so gar nichts anzufangen. Der Zeilenschinder kannte nur den programmatischen Ausschnitt, das pralle Leben floss schon lange an ihm vorbei.

Frohe Weihnachten!

Zum Heiligen Abend kommt meine Weihnachtsgeschichte für das Jahr 2025, verbunden mit dem Wunsch für alle Blog-Leser: Habt alle eine friedliche Weihnacht und ein gutes Leben, Eure Petra!

Das Weihnachtserbe

Es sind die einfachen Worte, die unter die Haut gehen. Das wusste Henning und dachte berührt an seinen Vater, der aus der Erinnerung brummte: „Mach keine Schnörkelsprüche. Immer schön geradeaus: Ho, ho, ho … Eine frohe Weihnacht wünsche ich euch allen! So einfach geht das, und auf gar keinen Fall bitte: himmlisch ruhige – engelschöne – kalorienbombige – oder rentierstarke… Weihnachten! Verstehst du? Das Echte ist immer schlicht.“

Henning nickte mit feuchten Augen und wusste: Feste feiern heißt auch Traditionen zu pflegen. Er hatte im Herbst die rote Robe des Vaters geerbt. Nun stand er tief atmend vor dem großen Spiegelschrank und zupfte unpässlich an sich herum. Vielleicht wird er irgendwann hineinwachsen, jetzt aber war ihm die Robe viel zu groß. Er sah aus wie reingeborgt. Ein windiger Ersatzmann, eine gemästete Fahrradspeiche; so geht das nicht. Er griff nach einem breiten Gürtel und schnürte sich ein pralles Kopfkissen vor den dürren Leib. Jetzt saß der Mantel gleich viel besser. Aber was hilft gegen das furchtbare Lampenfieber?

Schon als Kind geriet Henning Krause ins Stammeln, sobald er zur Tafel kommen musste, um ein Gedicht vorzutragen. Dabei schlotterten ihm die Knie, und seinen Körper erfasste ein großes Zittern. Im Älterwerden ist er das nie losgeworden, deshalb vermied er irgendwelche Auftritte. Aber nun kam da etwas auf ihn zu. Eine Hauptrolle sozusagen. Manch einer riet ihm, ein Schnäpschen würde ihn bestimmt mutiger machen, doch das lähmte nur die Zunge. Der junge Mann setzte die strenge Maske mit den buschigen Brauen und dem Rauschebart auf und hoffte, erkennen würde ihn so niemand, und ein richtiger Weihnachtsmann verhaspelt sich auch nicht. Aber hach, warum hatte er dem Vater nur seine Nachfolge versprochen?

Die Zeit schritt voran, es half kein Hadern mehr, er musste aufbrechen. Er griff nach dem Geschenkesack und stecke sich noch ein Schnupftuch in die Manteltasche, dabei spürte er ein Papierknäuel, den er hervorzog und vorsichtig öffnete. Ein hellblau gestreifter Stein kam zum Vorschein, und auf dem knittrigen Zettel stand:

„Mein lieber Henning, fürchte dich nicht, dieser Chalcedon-Edelstein wird dich stärken. Auch ich hatte einst ganz große Auftrittsangst, bis ich diesen Stein fand. Es ist ein Rednerstein, und du wirst sehen, in die Hand genommen wird jedwede Angst gebannt sein und deine Stimme wohlklingen. Er wird dir Leichtigkeit schenken. Dein Vater.“
Henning lächelte irgendwie erleichtert. Es war, als wäre eine große Last von ihm abgefallen. Als Weihnachtsmann ging er nun in dieser Nacht im Kiez von Tür zu Tür und spendierte den Menschen Glück und Freude. Und im Wohlklang seiner Stimme tanzten die weisen väterlichen Worte zum Fest.

Text & Zeichnungen: Petra Elsner

Dezember

Aus meinem Weihnachtsfundus kommt heute das Märchen: Die Stallweihnacht

In Kurtschlag gibt es eine schöne Aktion für die Dorfkinder: Adventsfenster-Raten. Das Thema heißt „Märchen“. Mein Atelierfenster ist heute Abend dran. Morgen schieße ich noch ein Foto von draußen. Heute nicht, mir wurden gerade die Narbenfäden gezogen…

Dezember

Wenn man Engel verschenkt

In einer Kirchgemeinde feierte man mit einer festlichen Kaffeezeit den Advent und Lieselotte gab ihr Bestes an der Harfe. Weil es sich herumgesprochen hatte, wie gut sie die Saiten zupft, kamen zu dieser Feier mehr Menschen als erwartet. Die fromme Musikerin hatte sich ausgedacht, jedem Gast am Ende ihrer Darbietung, einen Schutzengel zu schenken. 40 Stück hatte sie sich dafür besorgt, aber, oh je, sie reichten nicht. Jene, die keinen bekamen, standen nun vor der Frau und fragten leise: „Und wo ist mein Engel?“ Lieselotte war entsetzt. Sie hatte Gutes bewirken wollen, doch nun stand Enttäuschung im Raum. So sehr sich die Musikerin auch entschuldigte, die ohne Engel waren glaubten, sie hätten keinen verdient und mit diesem Gedanken, gingen sie nach Hause. Lieselotte schämte sich und schlief schlecht in der Nacht. Ihr unsichtbarer Schutzengel raunte ihr verärgert ins Ohr: „Wenn du Engel verschenken willst, zähle zuvor die Gäste ab oder lass es besser!“ Lieselotte rieb sich erstaunt die Augen, als sie am Morgen genau die fehlende Anzahl von Engeln auf ihrem Nachtisch entdeckte. An diesem Tag im Advent, lief sie durch das Städtchen und brachte jedem enttäuschten Konzertgast, seinen Engel mit einem wohlbedachten Spruch ins Haus. (pe)

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (5 – der Schluss)

Erzählt für Erwachsene

… Als sie am Morgen des Heiligen Abend den Frühstücksraum ihrer Pension betrat, wartete auf Julis Stuhl ein großes Paket auf sie. Es roch nach Heimat. Die wenigen verbliebenen Gäste lächelten erwartungsvoll. Jeder von ihnen wusste, dass ein Weihnachtsfest fern der Familie schmerzendes Heimweh auslösen konnte. Schon die letzten Tage im Advent hatte sich die Seele der jungen Frau verdunkelt. Sie wirkte abwesend und in sich gekehrt. Juli zögerte erst, packte dann aber vor aller Augen aus. Obenauf lag der Bär, den sie sofort an ihr Herz drückte. „Mein Tröster! Ach, wie hab ich dich vermisst, mit dir kann mir nichts mehr passieren,“ frohlockte sie und lachte schief. Sie fand handgestrickte Socken (super bei 30 Grad!), eine Dose mit den köstlichen Familienplätzchen und zwei dicke Bücher über Meeresbiologie. Die wollte sie schon lange haben. Als Letztes eindeckte sie ein Kuvert mit einem Sparbuch, begleitet von einem Zettelgruß der Eltern: „Es wird dir helfen, dein Auslandssemester zu finanzieren. Wir umarmen dich.“
Juli fühlte sich gestärkt. Sie wusste jetzt, sie würde nach dem Semester guten Mutes heimkehren. Und die Zeit bis dorthin beschützte ein kleiner Bär heimlich ihre Wege.
©Petra Elsner

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (4)

Erzählt für Erwachsene

…„Ich dachte mir, sie wollte mich auf ihrer Reise nur nicht verlieren. Kommt ja oft Gepäck weg, habe ich gehört. Vielleicht hat sie auch geglaubt, dass sie mich nicht mehr braucht. Aber man ist doch nicht frei von Erinnerungen, nur indem man etwas zurücklässt. Erinnerungen wohnen in unseren Gedanken, man hat sie immer bei sich.“
Der Besen nörgelte „Wenn du meinst.“ Er wusste, man kann Erinnerungen auch verdrängen, sogar gänzlich ausblenden, aber er wollte dem Bären nicht die Hoffnung nehmen und schwieg. Warum sollte sich Juli an ihre Heimat erinnern wollen, wenn sie doch vor ihr davonlief?

An einem Sonntagmorgen im Dezember klingelte das Telefon im Flur. Der Vater drückte die Stummtaste seiner TV-Nachrichten und lief in den schmalen fensterlosen Gang: „Hallo? Juli???“ Die Mutter sprang aus ihrem Zimmer hinzu, nun lauschten beide. „Hallo ihr Zwei. Wie geht es euch? Habt ihr Schnee?“ Juli druckste herum, als die Eltern wissen wollten, wie es ihr selbst ginge. Bis die Mutter geradeheraus fragte: „Was ist wirklich los mein Kind?“ Da erzählte die Zwanzigjährige, sie habe sich beim Surfen das rechte Schlüsselbein gebrochen und könne nun einige Wochen nicht mehr Kellnern. Ohne das Trinkgeld käme sie nicht zurecht. Ihre Worte „…ich werde wohl mein Pensionszimmer verlieren. Könnt Ihr mir bitte helfen?“, brachte die Mutter auf Trab. „Natürlich Kindchen. Was sollen wir Dir überweisen?“
Der Vater sandte umgehend die gewünschten 1000 €. Beide ahnten jedoch, dass Juli damit nicht weit kommen würde…

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (3)

Erzählt für Erwachsene

…In der Nacht öffnete er das Fenster, sah nach den Sternen und dachte an Juli. Sie arbeitete inzwischen täglich ein paar Stunden in einer Bar am Bondi Beach von Sydney, danach surfte sie auf den Wellen. Sein Kopfkino zeigte ihm Bilder von einem leichten Leben. Ted gönnte ihr den Strandspaß, aber zugleich dachte er, es sind zu viele junge Menschen, die jedes Jahr die Heimat verlassen. Der Bär wusste nicht genau, weshalb sie auswanderten, es musste etwas sehr Beunruhigendes sein. Aber war die Summe der Bedrohungen nicht überall gleich groß? Offensichtlich lebte es sich anderenorts trotzdem leichter. Ach, sinnierte der Bär: Beim Wellenreiten lernt Juli wenigstens, dass schöne Momente die Zeit dehnen. Sie kann sich darin genussvoll strecken und das Hamsterrad der immer schneller werdenden Hatz abstreifen. Ted sehnte sich durch die Sommernacht. „Ob alle Auswanderer ihre Bären vergessen einzupacken?“ Er merkte gar nicht, dass er inzwischen seine Gedanken halblaut vor sich hinsprach und der Besen ihn hörte. „Vielleicht vergessen sie ihre Bären gar nicht, sondern verlassen sie ganz bewusst, um mit ihnen die Erinnerungen zurückzulassen.“ Ted blickte erschrocken den Besen an…

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (2)

Erzählt für Erwachsene

… Wie überhaupt alles in diesem verlassenen Zimmer zu dämmern schien. Der Bär träumte davon, mit einem mächtigen Besen die schlimmsten Weltbrände auszukehren. Nicht als Superheld. Nein, Ted wollte nur das Kriegsgeschrei vertreiben, das Stunde um Stunde aus dem Vaterzimmer hinüberschallte.  Seit Jahren dröhnte es immer lauter. Im Mutterzimmer herrschte seit dem Auszug von Juli Stille. Dort hauste nur noch Schwermut, die kein bisschen Gemeinschaft zuließ. Der Bär fegte so heftig, dass er schweißgebadet und schnaufend erwachte. Wo war der Besen? Der kicherte entspannt neben der Zimmertür, denn er kannte dieses entsetzte Erwachen: „Warst du wieder mit mir unterwegs?“
Der Bär nickte.
„Aber ich war nicht dabei.“
„Weiß schon, ich habe nur geträumt. Leider.“
„Ich bin nicht so mächtig, wie dein Traumfeger. Bin gut zum Hausputz geeignet, zu mehr nicht“ leierte der Besen vor sich hin.
Der Bär wusste das. Er selbst war auch kein Held, er war der Tröster. Immer schon, trösten konnte er gut. Er war ganz zerzaust vom vielen Trösten, aber an diesem Ort konnte er mit seiner Kunst nichts mehr ausrichten. Aus dem Vaterzimmer dröhnten wieder Geschosssalven, im Mutterzimmer schwebte die Stille. „Es ist zum Davonlaufen,“ seufzte der Bär. „So wie Juli davongelaufen ist, der es zu eng war hinter der Gardine und im Land. Australien – sie wird mich dort vergessen.“
„Einen Tröster vergisst man nicht,“ meinte der Besen. „Dein einfühlsames Brummen wird ihr bestimmt wieder einfallen, wenn sie ein Leid zu tragen hat. Bestimmt,“ setzte der Besen nach. Er hätte Ted gern in diesem Moment tröstend gestreichelt, aber er war mit seinen harten Borsten dafür nicht geschaffen. Deshalb schwieg er, ehe aus ihm ausgelatschte Floskeln heraussprudelten. Der Bär sorgte sich…

Eine Geschichte entsteht…

Einsam (1)

Als wir die Masken ablegten, sahen wir in all die erschrockenen Gesichter. Sie sprachen wortlos von Angst, Verwirrung, einer großen Leere und von Verlusten. Aber die Traurigkeit wich rasch einem übertünchenden Sommerleben. Als der Herbst kam, sahen wir die Schäden. Verhaltensstörungen und Lernschwächen. Es reichte offenbar nicht, dass wir drei Lebensjahre verloren hatten und mit den Folgen kämpften. Es musste von den Meinungsmachern hervorgekehrt werden, wer mehr gelitten hat und wer noch einsamer als der Einsamste gewesen war. Das hat uns beschäftigt und das Hinterfragen der Pandemiemaßnahmen verschoben. Das Zerlegen der Gesellschaft nahm weiter Fahrt auf. Die Jungen gegen die Alten, die Andersdenkenden gegen den Rest, die Linksgrünen gegen die Weißbrote. Stadtgesellschaft gegen die ländlichen Sitten. Die Lebensschönheit verschwand und die Debatten gerieten in den Zerhacker. Überall Feindschaft und ein Krieg vor der Tür. In all dem Getöse dämmerte ein Bär im Kinderzimmer…