Das Sonnenmädchen

(Die ganze Geschichte)  

Wenn sie den Raum betrat wurde es hell. Alle Blicke zog das Sonnenmädchen auf sich. Eileen war das höchst unangenehm, denn sie war schüchtern. So schüchtern, dass sie keine festen Schritte setzen konnte, sondern nur leicht tänzelte, als wenn sie schwebte. So war es nicht verwunderlich, dass sie alle nur “die Tänzerin” nannten.
Tanzen war Eileens Element, aber sie scheute das Rampenlicht. Nur auf der stillen Waldwiese drehte sie barfuß ihre Pirouetten. Eines Tages entdeckte sie im Waldsaum einen alten Mann, der ihr zusah. Seine Hände klatschten begeistert, als sie ihren Tanz beendete. Langsam ging er auf Eileen zu und sprach: „Noch niemals sah ich ein Mädchen so wunderfein tanzen. Ich will dich dafür belohnen, magst du dir etwas wünschen?
„Ach“, seufzte das Sonnenmädchen, „hätte ich einen dunklen Umhang, dann würden mich die Menschen weniger beachten und ich könnte ganz unscheinbar unter ihnen sein.“
„Das ist dein Wunsch? Du willst dich verkleiden?“, staunte der Alte.
„Nur das Leuchten bedecken.“
„Du willst also nicht mehr deinen Glanz verschenken? Oh, wie traurig. Aber gut, wenn es dein Wille ist, dann soll es so sein.“ Der Alte drehte sich einmal um sich selbst, griff aus der aufziehenden Dämmerung einen graublauen Umhang und legte ihn um Eileens Schultern. Im selben Moment war der Alte verschwunden.
Als sie nach Hause kam, schlüpfte sie in die Küche, aber weder die Mutter noch der Vater erhoben ihren Blick. Es war ganz so, als wäre sie unsichtbar. Überall wohin sie auch ging, niemand nahm mehr Notiz von dem Mädchen, das sein Leuchten verbarg. Zuerst empfand das Eileen wirklich befreiend. Kein Auge ruhte mehr auf ihr. Doch mit der Zeit wurde ihr Haar stumpf, das Gesicht grau und die Augen leer. Mit hängenden Schultern betrat Eileen die Waldwiese und begann einen müden Tanz. Der Alte war wieder am Waldrand erschienen und schüttelte entgeistert sein Haupt. Noch nie hatte er so einen schweren Trauertanz gesehen. Er ging auf das Mädchen zu und zog ihm das dunkle Tuch von den Schultern. Dazu sprach er sehr ernst: „Es ist deine Natur zu leuchten. Indem du dein Licht mit den Menschen teilst, belebt sich dein Glanz immer wieder neu. Los, tanzt dich raus aus deiner Dunkelheit!“ Er schupste Eileen ein bisschen von sich und warf ihr eine goldene Kugel zu: „Das ist das passende Geschenk für eine wunderfeine Tänzerin.“ Das Sonnenmädchen fing die Kugel und drehte sich lachend mit ihr. Alles an ihr begann wieder zu glänzen. Auf dem Heimweg begegnete sie einigen Nachbarn, die sie erstaunt fragten: „Wir haben dich so lange nicht gesehen, wo warst du nur?“
© pe

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Mit dem Bus ins Glück

Meine Weihnachtsgeschichte für 2021

Als der Bus die Haltestelle vor dem Krankenhaus ansteuerte, entdeckte der Fahrer eine zusammengekauerte Gestalt im Wartehäuschen. Vielleicht war sie eingeschlafen, was bei dieser Kälte nicht ratsam gewesen wäre. Der Mann am Steuer öffnete den Zustieg und zwei große Augen schreckten auf. „Was ist?“
„Komm, ich bin der Lumpensammler. Nach mir fährt kein Bus mehr.“ Das Mädchen zuckte mit den Schultern: „Hab‘ kein Fahrgeld.“ Das kannte der angegraute Busfahrer schon, aber es war Heilig Abend, da wollte er großzügig sein: „Komm, steig schon ein.“ Das Mädchen sprang auf und sprach erleichtert: „Danke, Sie sind heute mein Held!“ Der Mann errötete verlegen und fragte noch: „Wo willst du denn hin?“
„Einfach anderswohin“, antwortete das Mädchen und ließ sich erschöpft auf die Sitzbank gleich hinter der Tür fallen. Von dort aus konnte sie dem Fahrer beim Lenken zusehen und mit ihm voraus in die dämmrige Stadt blicken. „Wartet jemand auch dich zu Hause?“, fragte der Fahrer besorgt. Das Mädchen schüttelte den Kopf und schwieg. Es war warm in dem Bus und die Siebzehnjährige war sehr bald eingeschlafen. Eine große Traurigkeit schien sie einzuhüllen und die Zeit tickte der Nacht entgegen. Als das Mädchen wieder erwachte, rieb es sich die Augen. Im Linienbus blinkten hunderte Lichter und Geschenkpakete türmen sich im Gang. Das Radio tönte „Weihnachten, Weihnachten ist überall…“ und der Fahrer trug plötzlich eine rote Kapuzenrobe und einen Wattebart im Gesicht. Neben dem Mädchen lag ein weißer Mantel mit angenähten Flügeln. Der Weihnachtsmann grinste: „Du hast doch nichts vor, dann kannst du ja heute Nacht mein helfender Weihnachtsengel sein. O.K.? Ich muss die Geschenkefuhre bis Mitternacht verteilt haben.“
Beim Imbiss-Stand am Bahnhof hielt der leuchtende Weihnachtsbus: „Dort drüben gibt’s die besten Bratwürste der Stadt. Ich heiße übrigens Klaus und du?“
„Klara.“ Sie zog sich inzwischen den schönen Kostümmantel über. Er passte wie für sie gemacht.
Klaus griff sich eines der Päckchen, eilte zum Imbiss, beschenkte den Verkäufer und kam mit zwei duftenden Bratwürsten zurück: „Nicht auf das Kostüm kleckern! Sonst bekomme ich in der Weihnachtsmannzentrale echten Ärger.“
Klara war froh, endlich etwas Essbares zu bekommen und sah sich vor, das Weiß nicht zu beschmutzen. Gestärkt fuhren sie in den Abend.
Sie klingelten und klopften bei kleinen und großen Menschen. Überall verbreiteten der ehrenamtliche Weihnachtsmann und sein helfender Weihnachtsengel Überraschung und Freude. Sie besuchten nicht nur heile Familien, sondern auch einsame und kranke Menschen in den Altenheimen und im Obdachlosenasyl. Jeder sollte an diesem Abend ein kleines bisschen Glück erfahren, aber Klara berührten die traurigen Anblicke sehr. Sie gaben ihrer inneren Furcht Nahrung, doch die Freude überwog in all ihrem Tun. Als es Mitternacht schlug, parkte Klaus den Bus vor einem Vorstadthäuschen. Die Haustür öffnete sich und ein junger Mann murrte: „Opa, es wird Zeit!“
„Ich weiß, Tobias, ich weiß, Weihnachtsmannfamilien kommen immer zuletzt dran. Aber sieh‘, ich habe uns einen einsamen Engel mitgebracht. Ist sie nicht schön, die Klara?
Tobias lächelte: „Ja, zum Verlieben schön!“ und bat nun nachdrücklich zu Tisch.
Die Hühnersuppe duftete ganz köstlich, sie war genau das Richtige für die beiden, die aus der Heiligen Nacht kamen. Plötzlich klingelte Klaras Handy: „Klara Weiß?“ „Ja?“ „Wir haben ein schönes Weihnachtsgeschenk für Sie, Ihre Mutter ist eben aus dem Koma erwacht. Wenn Sie mögen, können Sie vorbeikommen.“

 

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Morgenstunde (598. Blog-Notat)

Der Schnee rieselte heute wie Puderzucker, als wir nach Groß Schönebeck fuhren, um beim Jäger unseren Weihnachtsbraten einzukaufen. Der Imkergatte konnte dort reichlich zwei Kisten Honig liefern und ich mein neues Fantasy-Buch zeigen. Aber schließlich war es sehr viel mehr, als nur ein freundschaftlicher Handel. Im Eine-Welt-Lädchen „Solidario“ des Ortes habe ich schon seit einigen Jahren eine winzige Auslage meiner Bücher, durch Corona ist der Kontakt fast gerissen. Doch bei dieser Gelegenheit bekam ich die Jahreseinnahmen des ehrenamtlichen Lädchens von meinen Sachen in die Hand gedrückt. Es war einfach rührend, wie auch das begleitende Gespräch über die Zeit in der wir feststecken. Über die Unwägbarkeiten, die große Angst, die allgemeine Ratlosigkeit ging es. Über die schwierigen Versuche weiterzusprechen, wo einer/eine zumacht. Es ist wichtig aneinander festhalten, zu bewahren. Das ist schweres Familienarbeiten, um da, wo es bricht, einen Kitt zu finden. Was ist wichtig in so einer Zeit? Die Herzensbänder. Vielleicht ist der erste Ansatz der, dass wir alle es nicht so genau wissen, wie diese „Durcheinanderzeit“ wieder ins Gleichgewicht kommen kann. Nur im Austausch können wir uns wieder annähern und miteinander abwägen. Das hilft vielleicht verhärtete Fronten zu lösen. Denn wir brauchen einander. Atem, der ist meine Schwachstelle. Es macht mir neuerdings in geschlossenen Räumen Angst, mich in einer Atemgemeinschaft zu bewegen. Was für Zeiten… Trotzdem: Habt alle miteinander einen schönen 3. Advent!

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Adventskalender

Wie auch immer gerade die Zeiten sind: Lasst Euch ein auf die Wunderzeit im Advent. Sie macht das Leben ein wenig leichter und heller. An dieser Stelle biete ich Euch einen virtuellen Adventskalender. Den Dezembertagen ist jeweils ein Link unterlegt, der zu einem Gedicht oder zu einer Geschichte aus meinem weihnachtlichen Schaffen führt.
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Schmöckern,
Eure Petra

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Die kleine Dachsbande

Heute gibt es hier mal etwas ganz anderes:
Eine Vorlesegeschichte für KITA-Kinder

Die kleine Dachsbande

„Attacke!“, rief die kleine Dachsbande wie mit einer Stimme in die Dämmerung und begann ihr allabendliches Wettgraben am Zaun zum alten Obstgarten.  Das Dorf inmitten des großen Waldes bot einfach zu verführerische Futterplätze. Die munteren Jungen legten sich schwer ins Zeug und untergruben den ersten Zaun. Die Menschen hatten ihre Schlupflöcher aus der vergangenen Nacht tagsüber mit schweren Steinen verstellt. Aber denen werden sie es schon noch zeigen, schließlich hießen sie nicht umsonst Frechdachse. Also begannen die Drei unerschrocken mit ihren starken Schaufelkrallen sich einen neuen Weg zu bahnen. Keiner konnte das besser. Der Eine grummelte dabei, der Andere grunzte etwas angestrengt und der Letzte schnaubte kräftig. Mit dem Vater war es leichter, Zugänge zu schaffen. Aber die Eltern waren von ihrer Nachtwanderung nicht zurückgekehrt.  Die Jungen wussten, es war spät im Herbst, sie mussten sich unbedingt für die Winterruhe einen dicken Speck anfressen. Also gingen sie alleine auf Futtersuche. Vom großen Komposthaufen duftete es gar köstlich nach Gemüseabfällen und den Regenwürmern darin.  Die jungen Dachse stießen ihre Nasen tief in den Kompostberg und quiekten vor Freude, als sie frisches Futter fanden. Es dauerte nicht lange, da kamen drei Waschbären am Komposthaufen vorbei und meinten: „Das Vogelhaus ist wieder aufgestellt, lasst uns dorthin laufen. Sonnenblumenkerne sind einfach köstlich!“ So schlichen sie zu sechst, ganz, ganz vorsichtig in den spärlich erleuchteten Innenhof, wo ein prächtiges Vogelhaus stand. Die Waschbären kletterten gekonnt den Dreifuß hinauf. Im Häuschen angekommen, fraßen sie gierig die saftigen Kerne. Die Dachse konnten nicht klettern. Aber weil die kleinen Bären in dem Futter herumtobten, fielen auch jede Menge Kerne zu Boden, die die Dachsjungen auflasen. Zusammen ist man eben stärker, erfuhren die jungen Tiere in dieser Nacht und so gingen die sechs Freunde fortan gemeinsam auf Futtersuche.

© Text & Zeichnung: Petra Elsner

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Der träumende Nachtwächter

Eine Weihnachtsgeschichte
Der Nachtwächter träumte im Laufen und nur sein Laternenlicht sah ihm dabei zu. Es tänzelte flackernd, wenn sich der alte Mann für ein Weilchen an eine Hauswand lehnte, um sich kurz auszuruhen. Er war heute schon so viele Stadtstraßen auf und ab gelaufen. Bevor er aber wirklich im Stehen einschlief, blitzte das Flämmchen zwischen jedem seiner Wimpernschläge so hell, dass Eduard Morgenstern wieder die Augen aufschlug, seinen amtlich vorgeschriebenen Weg fortsetzte und währenddessen seine Traumgeschichte weiter durch seinen Kopf rangierte. Er träumte zu jeder Nachtwache denselben Wachtraum, wo war er nur abgerissen? Ah, bei dem kantigen Mann mit den rauen Händen, der die schönen Kerzenleuchter schnitzte. Für jedes neugeborene Menschenkind schuf der kleine Beschützer, für die Mädchen einen Engel und für die Jungen einen Bergknappen. Alle diese Leuchter standen in der Weihnachtszeit in den festlich beleuchteten Fenstern und jeder konnte so im Vorbeigehen erkennen, wie viele Kinder zu dieser Familie gehörten. Diesen Seelenlichtern fühlte sich der Nachtwächter Morgenstern immer schon verwandt, schließlich trug auch er sein Laternenlicht durch das Dunkel und beschützte mit seinem Wachen den Schlaf der Stadt. Im Traum war er einer von ihnen.
Doch dieses Jahr geschah etwas Merkwürdiges. Als es Frühling wurde, standen die Weihnachtsleuchter immer noch in den Fenstern der Leute und auch noch zur Sommersonnenwende flackerten ihre Kerzen. Es ging eine Seuche um und die Menschen suchten einfach nach einem Beistand. Kerzenlicht galt seit jeher als ein Sinnbild für das Leben und so erklärte es sich, dass die Weihnachtslichter alle Nächte des Jahres erstrahlten. Mehr als es Kinder gab drängten sich die Figuren hinter dem Glas, denn auch die hilflosen Eltern und die besorgten Großeltern holten ihre alten Schutzleuchter aus den Truhen und stellten sie mit Hoffnungsfunken in den Augen dazu. Und weil es keine Medizin gegen diese Krankheit gab, hatte der Schnitzer Fidelius Waldvogel alle Hände voll zu tun. Jeder wünschte sich ein handgefertigtes Schutzzeichen. Auch um diese nächtliche Stunde brannte noch Licht in der Werkstatt am Markt. Eduard Morgenstern klopfte wie jeden Abend an dessen Fenster und winkte dem Schnitzer freundlich zu. Als der Meister dem Wächter nachsah, beschlich ihn auf einmal eine Idee.
Er holte sich ein schönes Stück Lindenholz herbei, hobelte eine Fläche glatt, besah sich den Verlauf der Maserung und zeichnete mit einem Bleistift einen neuartigen Schutzleuchter. Mit einem Hohleisen begann er eine Form aus dem Holz zu heben. Langsam tastete Fidelius Waldvogel sich an seine Vorstellung heran und arbeite mit einem scharfen Schnitzmesser die Feinarbeiten nach. Erst in der dritten Morgenstunde ruhten die Hände neben seinem Schnitzwerk. Der Blick des Mannes wanderte hinauf zum hellsten Stern am Firmament und lächelte verschmitzt.
Der Advent wehte heran und Eduard Morgenstern fühlte sein Kommen. Auf seiner nächtlichen Runde bestaunte er, wie festlich die Stadt die Ankunft der Weihnachtszeit erwartete. Waldvogels Werkstatt lag dunkel hinter der angestrahlten Fensterauslage. Offenbar hatte er sein Tagwerk vollbracht. Morgenstern besah sich die neuen, herrlichen Engel und Knappen, aber was war das? Er entdeckte eine Reihe von hölzernen Nachtwächtern mit Windlichtern an der Lanze. Und, na so was, „Das bin ja ich!“, raunte er grinsend in seinen Bart. Auf dem Schildchen las er leise: „Der Nachtwächter, ein Schutzleuchter für alle Tage im Jahr!“ Eduard Morgenstern war verwundert und verzaubert, denn er fühlte sich, als wäre er in seinem Wunschtraum erwacht.

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Schutzengel

Als die drei kleinen Engel auf dem Zeichenkarton erwacht waren, fragten sie die Zeichnerin, was sie denn hier sollten. Na, was für eine Frage, dachte die Frau und sprach: „Die Welt ein bisschen besser machen. Der Goldene sorge bitte für helle Gedanken, der Rote für Herzwärme und der Blaue für Klarheit. Ihr sollt die Schutzengel der Harmonie sein. Hört ihr es nicht? Auf der Welt herrschen Hass und Streit, die Erde ächzt atemschwer. Das Leben wird untergehen, wenn die Menschen nicht einen neuen Weg miteinander finden. Ihr sollt ihnen bei ihrer Suche beistehen.“
„Oh je,“ stöhnte der blaue Engel, „diese Aufgabe ist viel zu groß für uns Winzlinge.“
„Ach, was!“ meinte die Zeichnerin. „Seid wie ein Funkenflug, eine gute Inspiration, ein zündender Gedanke. Und nun macht euch endlich auf den Weg, die Zeit ist überreif! Ade!“

 

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Der Dunkelgnom

Öffentliches Schreiben – Teil 3 – der  Schluss

… Das war es wohl, weshalb die gedrungene Gestalt so unauffällig ihrem Auftrag nachgehen konnte, denn ein böses Gesicht hätten die Menschen gemieden. Die Kapuzenfrau hatte den Dunkelgnom aus der Ferne beobachtet und wusste nun, dass sein Raubzug Hass nähren sollte. Das musste sie verhindern. Sie diente dem Licht, er den Schatten. Ihr gehörte all das schöne Lachen eines Sommertages, ihm das Furchtsame der Nacht. Beide lebten im Lauf der Zeit, doch der Dunkelgnom versuchte sie zu vertreiben, um der Finsternis mehr Raum zu geben und er wusste, die Kapuzenfrau war nur so schön durch das Lachen und die Freude der Menschen. Die aber gingen Tag um Tag mehr verloren, denn er setzte verschlagen sein Werk fort.

Sie hatte das Versteck im Wald nicht gefunden, dass seinen Zauber hütete. Aber Emma Niesel war klug und wusste, das verschluckte Lachen war ja nur verborgen. Vielleicht konnte sie es erwecken. Dazu tat die Kapuzenfrau plötzlich ganz einfache Dinge: Sie verteilte hier eine Blume, las dort ein Gedicht oder eine Geschichte, dem Nächsten sang sie auf dem Marktplatz ein Lied oder verschenkte Zuckerwatte. Dem Übernächsten überreichte sie ein Kaleidoskop, einen Zauberwürfel oder erzählte ihm einfach einen guten Witz. Und es schien ihr, als würde mancher der Beschenkten einen weicheren Zug um den Mund bekommen. Kultur formt Herzen, ganz gleich wann und wo. Die Kapuzenfrau kann den Dunkelgnom nicht aufhalten, aber sie folgt ihm und verteilt gute Worte und warmherzige Blicke, damit das Lachen im Tag nicht gänzlich verloren geht.

 

Und nun – die ganze Geschichte:

Der Dunkelgnom

Die Finsternis war ihr auf der Spur. Die Frau im Kapuzencape lief schnell, denn sie fühlte schon ihren kalten Atem. Das Winterlicht hing tief in den Bäumen und in den Kuscheln knackte und raschelte es, als würde jemand Tannengrün brechen. Der Wald roch erdig. Kein Mensch war in dieser triefenden Nässe zu sehen und das wollte Emma Niesel auch so, allein und ungesehen sein. Vor einer Weggabelung zog sie die Kapuze tiefer in das blasse Gesicht, da fiel ihr plötzlich eine kopflose Taube vor die Füße. Ihr Atem stockte. Keinen Schritt weit entfernt lag der weiße Vogel. Etwas wehte über sie hinweg. Kein Wind, es war der Flügelschlag eines Habichts, der den Weg überflog. Instinktiv zog Emma Niesel den Kopf ein. Das Tier landete in einer Eiche und lauerte dort auf einen Moment, sich die verlorene Beute wiederzuholen. Die Frau zögerte weiter zu gehen, denn der tote Vogel schien ihr ein schlechtes Omen für ihren heimlichen Weg zu sein. Eine Botschaft? Beklommen stieg sie über den Vogel. Irgendwo kicherte es aus dem Unterholz.

Der Dunkelgnom hatte es geschafft, die Kapuzenfrau auf den falschen Weg zu locken. Sein Versteck war sicher. Er konnte sie laufen lassen und in seine Stadt zurückkehren, um auf Beutezug zu gehen. Dabei trat er den Menschen im Straßengewühl einfach frech in die Hacken und wer sich nach ihm umsah, der verschluckte sein Lachen für immer. Es waren inzwischen viele, die es verloren hatten. Ohne das Lachen aber, waren die Menschen wehrlos und wurden hart. Das genau war sein Auftrag, denn der Dunkelgnom war ein Diener der Finsternis. Noch vor Jahren bewachte er wie andere Zwerge einfach nur seinen Schatz. Doch eines Tages kamen die großen Bagger, hoben für ein Hochhausfundament seine kleine Höhle aus. Seitdem war er ohne Zuflucht und Sinn. Das war die Stunde der Finsternis, sie verwandelte ihn langsam in den Dunkelgnom. Rein äußerlich war es ihm nicht anzusehen, er sah aus wie alle Zwerge so oder so aussehen, nur ein bisschen missmutig wirkte er.

Das war es wohl, weshalb die gedrungene Gestalt so unauffällig ihrem Auftrag nachgehen konnte, denn ein böses Gesicht hätten die Menschen gemieden. Die Kapuzenfrau hatte den Dunkelgnom aus der Ferne beobachtet und wusste nun, dass sein Raubzug Hass nähren sollte. Das musste sie verhindern. Sie diente dem Licht, er den Schatten. Ihr gehörte all das schöne Lachen eines Sommertages, ihm das Furchtsame der Nacht. Beide lebten im Lauf der Zeit, doch der Dunkelgnom versuchte sie zu vertreiben, um der Finsternis mehr Raum zu geben und er wusste, die Kapuzenfrau war nur so schön durch das Lachen und die Freude der Menschen. Die aber gingen Tag um Tag mehr verloren, denn er setzte verschlagen sein Werk fort.

Sie hatte das Versteck im Wald nicht gefunden, dass seinen Zauber hütete. Aber Emma Niesel war klug und wusste, das verschluckte Lachen war ja nur verborgen. Vielleicht konnte sie es erwecken. Dazu tat die Kapuzenfrau plötzlich ganz einfache Dinge: Sie verteilte hier eine Blume, las dort ein Gedicht oder eine Geschichte, dem Nächsten sang sie auf dem Marktplatz ein Lied oder verschenkte Zuckerwatte. Dem Übernächsten überreichte sie ein Kaleidoskop, einen Zauberwürfel oder erzählte ihm einfach einen guten Witz. Und es schien ihr, als würde mancher der Beschenkten einen weicheren Zug um den Mund bekommen. Kultur formt Herzen, ganz gleich wann und wo. Die Kapuzenfrau kann den Dunkelgnom nicht aufhalten, aber sie folgt ihm und verteilt gute Worte und warmherzige Blicke, damit das Lachen im Tag nicht gänzlich verloren geht.

© Petra Elsner
Oktober 2020

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Der Dunkelgnom (2)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte. Heute der zweite Abschnitt:

… Der Dunkelgnom hatte es geschafft, die Kapuzenfrau auf den falschen Weg zu locken. Sein Versteck war sicher. Er konnte sie laufen lassen und in seine Stadt zurückkehren, um auf Beutezug zu gehen. Dabei trat er den Menschen im Straßengewühl einfach frech in die Hacken und wer sich nach ihm umsah, der verschluckte sein Lachen für immer. Es waren inzwischen viele, die es verloren hatten. Ohne das Lachen aber, waren die Menschen wehrlos und wurden hart. Das genau war sein Auftrag, denn der Dunkelgnom war ein Diener der Finsternis. Noch vor Jahren bewachte er wie andere Zwerge einfach nur seinen Schatz. Doch eines Tages kamen die großen Bagger, hoben für ein Hochhausfundament seine kleine Höhle aus. Seitdem war er ohne Zuflucht und Sinn. Das war die Stunde der Finsternis, sie verwandelte ihn langsam in den Dunkelgnom. Rein äußerlich war es ihm nicht anzusehen, er sah aus wie alle Zwerge so oder so aussehen, nur ein bisschen missmutig wirkte er…

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Der Dunkelgnom (1)

Öffenliches Schreiben an einer Kurzgeschichte. Heute der Absatz 1:

Die Finsternis war ihr auf der Spur. Die Frau im Kapuzencape lief schnell, denn sie fühlte schon ihren kalten Atem. Das Winterlicht hing tief in den Bäumen und in den Kuscheln knackte und raschelte es, als würde jemand Tannengrün brechen. Der Wald roch erdig. Kein Mensch war in dieser triefenden Nässe zu sehen und das wollte Emma Niesel auch so, allein und ungesehen sein. Vor einer Weggabelung zog sie die Kapuze tiefer in das blasse Gesicht, da fiel ihr plötzlich eine kopflose Taube vor die Füße. Ihr Atem stockte. Keinen Schritt weit entfernt lag der weiße Vogel. Etwas wehte über sie hinweg. Kein Wind, es war der Flügelschlag eines Habichts, der den Weg überflog. Instinktiv zog Emma Niesel den Kopf ein. Das Tier landete in einer Eiche und lauerte dort auf einen Moment, sich die verlorene Beute wiederzuholen. Die Frau zögerte weiter zu gehen, denn der tote Vogel schien ihr ein schlechtes Omen für ihren heimlichen Weg zu sein. Eine Botschaft? Beklommen stieg sie über den Vogel. Irgendwo kicherte es aus dem Unterholz…

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