Milchmond (31)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… „Sie werden sich schon finden“, unkte der große Schatten in die Schneeweihnacht, „ganz bestimmt.“ Während die Alleinstehenden in der Wirtschaft miteinander tanzten, erschienen die Nachtschatten wieder unter den Sternen und sprachen über das große Zeitvergehen. Eine schmale, dritte Gestalt hatte sich zu ihnen gesellt. Die seufzte: „Ganz schön dunkel bei Euch.“
Der Große raunte warmherzig: „Du wirst Dich daran gewöhnen müssen, denn die Ewigkeit ist lang. In ihr begleiten wir unsere Sippe als Zeitschatten. Ab und an flüstern wir ihnen Botschaften in ihre Träume, ansonsten bewachen wir den Lauf der Zeit.“
„Deshalb sind wir hier, um unsere Liebsten zu beschützen“, fragte der neue Schatten überrascht.
Der Kleine nickte und murmelte bedächtig: „Die Lust der Menschen nach immer größerer Beschleunigung hat uns in das monumentale Jetzt getrieben. Auf immer, denn es lebt kaum noch jemand in diesem klaren Moment. Ruhelos jagen sich die Leute bis in die Erschöpfung. Der Erschöpfte aber hat keine Empathie, keinen Weitblick, ist verführbar. Er braucht unseren Beistand.“
Nebelschleier flossen um die erdigen Füße der Moosgestalten, die verschwanden als aus dem Dorfkrug ein Paar in die Nacht trat….

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.
Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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Milchmond (30)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… „Ach, Sigmund Freud lässt grüßen!“ nörgelte Henry, als Jan Uhlig die alte Sage über die Theke erzählte.
„Wie jetzt, was hat denn der alte Seelenforscher mit unserer Wolfs-Legende zu schaffen“, fragte Jan irritiert.
„Nix, der Wolfsmann war nur sein berühmtester Fall. Der dreht sich um so einen russischen Psycho, der unter einem  Angstraum mit zwei weißen Wölfe litt. Und bei uns im Wald haben die Ahnen, als es noch Wolfsland war, eben diese Legende erfunden. Sie verrät etwas von der ländlichen Urangst. Die lebt immer auf, wenn Wölfe im Revier sind. Angst ist eben ein guter Treibstoff für die Fantasie.“
„Aber die Polizei, spricht auch von einem Wolfsmann.“
„Ja, und meint einfach einen gewalttätigen Irren“, blubberte Henry. „Komm, schenk‘ mir noch einen ein, es ist so traurig, dass es Laura erwischt hat. Ich kann’s nicht fassen. Die Schöne hätte echt noch ein gutes Stück Leben verdient, ein Jammer.“
Im Nebenraum feierte die Jugend-Runde am Billardtisch einen gut geglückten Stoß. Dörte hatte mit den Nagel-Brüdern die Skatrunde beendet, drehte den Radiorecorder lauter und schob sich dann hüftschwingend zum Tresen: „Noch eine Lage bitte, für die alten Herren und mich.“
Der Mittvierziger am Tresen lästerte leise: „Und welchen von den alten Säcken schleppst Du heut‘ noch ab?“
„Ich dachte da, eher an Dich“, antwortete sie ein wenig lasziv. Er wusste, dass sie meinte, was sie sagte und grinste anzüglich.
Julie und Kai Fischer saßen am Beobachtertisch bei den trinkenden Zwillingen, den zwei Schwestern vom Waldrand und dem Anton, der sich lieber an die Häppchen hielt. Irgendwann zog Anton eines der späten Waldmädchen aufs Parkett und tanzte seinen perfekten Foxtrott. Kaum später war die Tanzfläche rappelvoll.
Kai fragte unsicher Julie: „Willst du vielleicht auch?
Sie zuckte mit den Schultern, atmete tief durch und antwortete: „Warum nicht.“
Die Nähe machte sie geschmeidig. Sie plauderten nicht belanglos, sie wiegten sich in der Musik und taten einander ganz offensichtlich gut.
Im Krug war eine seltsame Stimmung in dieser Nacht entstanden – ein bedecktes Gemurmel, dass nur zur vorgerückten Stunde anhob, als wollte die Heilige Nacht ein fröhliches Finale haben…

© Petra Elsner
März 2018

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Milchmond (29)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Natürlich hatte die Frau diesen Blick gespürt und nach innen gelächelt. Nach außen blieben ihre Augen verschleiert. Julie wusste, dass sie sich nicht weiter vergraben durfte, um nicht  gänzlich in der Süße der Selbstzerstörung zu versinken. Diese Bittersüße, die dem Tod das Bett bereitet. Ihr Verstand riet ihr zu mehr Gesellschaft, doch ihre Seele hielt Trauer. Es war ihr nicht möglich, diesen Blick zu erwidern, aber er verstand weshalb.
Als man sich am Abend vor dem Acker-Hof voneinander verabschiedete, war es die Frage von Dörte, die eine neue Option austeilte: „Was machst Du Heilig Abend?“
Julie trat von einem Bein auf das anderen und blies sich in die gefalteten Hände. Es war kalt und alle waren rechtschaffend müde. So antwortete sie nur kurz: „Ich gehe zur Single-Weihnacht.“
„Und Du“, fragte Dörte den Berliner?
„Em, keine Ahnung.“
„Na, dann 20 Uhr im Dorfkrug, ich besorg‘ Dir ein Zimmer.“
„Em, ja, wenn das geht?“
„Das geht“, antwortete Dörte forsch, verabschiedete sich und verschwand schnellen Schritts in ihrem Winterhaus.

Jan hatte beizeiten den Kachelofen angeheizt. Der Sohn der Wirtsleute lud schon seit Jahren zur Single-Weihnacht. Dorthin kamen alle, die Lust darauf hatten. Die Jungen, die zu Gast im Elternhaus schnell die Langeweile nervte und die Alleinstehenden jeden Alters. Die Nacht der Nächte bot immer auch eine Chance, eine neue Liebe oder wenigstens eine Affäre für die Feiertage zu finden. Schönere Geschenke gibt es zu Weihnachten nicht. Jan, der auch nur zu den Wochenenden aus Berlin nach Sandberg kam, um seine Eltern zu unterstützen, spendierte dem Dorf diese Weihnachtsidee, als er selbst gerade wieder einmal Single war. Es brauchte dazu nicht viel – einen warmen Ofen und reichlich Getränke.  Die Gäste trugen leckere Häppchen herbei, damit die echten Alleinstehenden etwas Festliches verkosten konnten.
Der Abend begann immer ähnlich wie bei einem Klassentreffen. Erst mal schauen, wie die Exil-Schweizer und die Neu-Süddeutschen das Jahr überstanden hatten. Wie viele Kilos zu- oder abgenommen wurden. Ob ein neues Auto vor dem Elternhaus parkte. Welche Geschenke dieses Jahr die alleinstehenden Mütter bekamen, und ob sie ein weiteres Jahr in der Fremde verlängern werden würden oder dem ewigen Heimweh nachgeben. Die „Jugend“ des Dorfes war inzwischen Mitte 30, kinderlos und gut solvent.
Die Sandberger Eltern hatten nach der Wende beinahe alles richtig gemacht. Sie holzten keine Obstplantagen ab, verkauften kein Land, ließen keine Windräder zu. Fast alle schulten noch einmal um und machten sich selbstständig. Es gibt wohl kein weiteres Deutsches Dorf aus dem so viele Materialprüfer stammen, wie aus Sandberg.  Diese Menschen, die auf Sanddünen siedelten, entwickelten über Generationen einen weiten Blick, der sie immer dorthin führte, wo es ein gutes Auskommen gab. So lebten in Sandberg kaum Arbeitslose und die meisten Dorfkinder hatten eine gute Ausbildung im Reisegepäck. Doch nach langen Wanderjahren sehnten sich inzwischen viele nach der Heimat und einer eigenen Familie. Die Löhne stiegen endlich wegen des bedrohlichen Fachkräftemangels in Brandenburg, darüber galt es sich auszutauschen. Dieses Jahr aber war das Thema Nummer 1 bei Jans Single-Weihnacht: Der Mord unterm Milchmond…

© Petra Elsner
1. März 2018
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Milchmond (28)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Eines Morgens waren sie aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Manche Nacht hörte er nun einen Schrei aus der Erde, aber es war kein Ton, der noch zu ihm gehörte. Frau und Tochter blieben seit jenem Unfallmorgen verschwunden in einer anderen Zeit, und er begann sein Eremitendasein ohne den Wunsch nach menschlicher Nähe. Bis zu ihrem Blick, der so traurig war, dass er ihn kaum aushielt. Seither dachte er an Julie und wartete auf ihren Anruf. Wenige Tage vor Weihnachten war es soweit. Eine schlichte Verabredung für den nächsten Tag, aber sein Herz klopfte dabei, als hätte er einen 100-Meter-Sprint hinter sich.
Sie fuhren die 70 Kilometer von Sandberg nach Pankow mit drei Autos. Dörte, Otto und Julie. Kai Fischer hatte den nötigen Parkplatz für ein paar Stunden mit einem rotweißen Band abgesperrt und wartete vor dem fein sanierten Gründerzeithaus. Als Otto Lauras Wohnung betrat, bekam er weiche Knie. Er sah sofort, dass seine Ex-Geliebte hier nur ein Zwischendasein führte, und er fühlte sich dafür irgendwie verantwortlich. Jetzt zerlegte er Regale und die Frauen packten den übersichtlichen Hausrat in Taschen und Kisten. Die ganze Aktion dauerte keine drei Stunden. Als fast alles verstaut war, stellte Julie eine Platte mit belegten Brötchen und Becher mit Kaffee auf den Fußboden und bat: „Kommt, kleine Stärkung!“ Die Helfer hockten sich wie um ein Lagerfeuer auf die blanken Dielen und langten zu.
„Was machst Du jetzt mit dem ganzen Zeug?“, fragte Dörte. Julie hing mit den Lippen pustend am heißen Kaffee und sprach ganz ruhig: „Ich bin noch nicht ganz sicher, ob dass der richtige Weg ist, aber ich muss das Leben neu zu sortieren. Hab mir überlegt, zwei Ferienzimmer auf dem Hof einzurichten, dafür kann ich die Sachen hier gut gebrauchen. Und wenn die Saison angelaufen ist, hole ich die Mutter zurück nach Hause. Wir hatten eine Verabredung, die Laura und ich, unsere Mutter kommt nicht ins Heim. Im Moment ging es für mich nicht anders, aber ich werde mein Versprechen halten.“
Kai Fischer fixierte Julie mit großen Augen und dachte: Stark, so eine tapfere Frau.
Dörte sah seinen Blick, freute sich still für ihre Nachbarin und sprach dann in das Rund. „Ferienzimmer – das ist eine gute Idee! Was meinst Du, wie oft ich nach meinen Schorfheide-Führungen gefragt werde, wo man hier ein Wochenende oder ein paar Tage unterkommen kann. Auch die Jäger suchen immer ein einfaches Quartier. Da kann ich Dir bestimmt ein paar Weichen stellen.“
Otto Ehrenburg fand die Idee auch gut und nützlich: „Wisst ihr, der Alfons aus Friedrichswalde und ich planen ab Mai Fototouren ins Wolfserwartungsgebiet. Ich bin sicher, dass diese Waldwanderer auch Übernachtungsmöglichkeiten suchen werden. Gut möglich, dass Du bald noch die Scheune ausbauen musst.“
Dörte neigte sich flüsternd zu Julie: „Spürst Du eigentlich, wie der Dich anschaut?“ …

 

© Petra Elsner
28. Februar 2018
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Milchmond (26)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Alte Empfindungen knisterten unter ihren Schritten im Schnee. Helene Acker tippelte neben ihrer Tochter zum Friedhof. Sie stolperte mehr, als dass sie lief und es war nicht sicher, ob die Mutter verstanden hatte, wozu sie aufgebrochen waren. Die Frau ohne Erinnerungen war in dieser Stunde mehr umwölkt als andere. Ahnungsreich oder ahnungsleer, man sah es nicht. Sie liefen mit ihren Gebinden gebeugt in die Flocken hinein. Besser als Regen, dachte Julie bei sich und sah unterwegs erstaunt, wie viele der Sandberger sich zum Gottesacker aufgemachte hatten. Sie war also doch nicht so allein wie sie glaubte. Der Pfarrer sprach von unabänderlichem Schicksal und das Dorf umarmte die Acker-Frauen.  Kaum später verwehte eine plötzliche Schneeböe die Spuren der Trauergesellschaft vom Friedhof, die inzwischen im Dorfkrug Kaffee und Kuchen zu sich nahm und miteinander trank –leise, dem Leben zugewandt. Es ist anders, wenn eine vor der Zeit geht, wenn sie nicht ein ganzes Leben hatte, nicht einer schweren Krankheit erlegen war, sondern brutal hingestreckt wurde – von einer Mörderhand. Und der Mörder war noch da draußen, vielleicht sogar in ihrem Wald.
Die Wirtsleute hatten die große Tafel so angerichtet, dass jeder nach dem Kaffee oder Korn greifen konnte. Sie fühlten sich selbst als Trauergäste und hockten inmitten der Runde. Bernd Uhlig sprach in das verhaltene Gemurmel: „Ist wohl doch etwas dran an unserer alten Legende vom Milchmond.“  Anton, der neben ihm hockte, blubberte. „Mensch, Bernd, lass den alte Budenzauber ruhen. Es ist einfach ein irrer Mörder da draußen und kein sagenumwobenes Wesen. Hoffentlich fangen sie den Typen bald ein. Der Förster mault schon, es käme keiner bei ihm Weihnachtsbäume schlagen, das ganze Geschäft sei dieses Jahr im Eimer.“
Die Tür der Wirtschaft knarrte vor Kälte als sie aufsprang. Ein hagerer, gebeugter Mann schob sich in die Wärme. Mit stechendem Blick, spitzem Kinn und straff gebundenem Silberzopf lugte er unter einem schwarzen Schlapphut hervor. Als er ihn lüftete und nickend die Gesellschaft tonlos grüßte, raunte es in die Runde: „Der Gerhard!“
Julie glaubte nicht, was sie sah: Dort an der Garderobe stand offenbar ihr Vater. Ja, sie hatte deutschlandweit Traueranzeigen in den einschlägigen Wochenblättern  drucken lassen, eben deswegen, weil sie hoffte, er würde sich wenigstens zur Beerdigung seiner kleinen Tochter blicken lassen. Aber geglaubt hatte sie nicht wirklich daran. Nun stand er da und keiner wusste, wie mit der Situation umgehen. Es war der Wirt, der ihn an den Tisch holte. Dort saß er nun, aber keiner sprach mit ihm, auch Julie nicht…

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (25)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Die Flugblätter der Polizei zeigten Wirkung. Plötzlich standen wieder Menschen auf der Dorfstraße beieinander, plauderten, gestikulierten und lachten auch.  Die Erleichterung, dass Lauras Mörder nicht aus den eigenen Reihen stammte, war ganz offensichtlich. Aber dass man nun keine Waldspaziergänge allein unternehmen sollte, war doch unheimlich. Dörte schauderte es und sie sorgte sich zugleich: „Wie soll ich denn jetzt meinen Vermessungen in der Heide nachgehen? Wir sind viele zu wenige Ranger in der Biosphäre, als dass wir zu zweit unterwegs sein könnten. Kommst Du mit Rosa?“ Die alte Nachbarin grinste und meinte nur: „Wenn Du mich trägst und meine Katze nimmst.“ Dörte atmete tief durch: „Tragen ja, Katze – nein.“
Hans-Joachim betrat die Straßenbühne. Er wollte seine Wochenladung Eier ausliefern und hatte dazu sein weißes Lieblingspferdchen angespannt, das einen Großvaterschlitten zog. Die Frauen prusteten, als der Mann seine üppigen Massen auf das Gefährt setzte und indem die morschen Leisten unter ihm zerbrachen. Zwei Zentner Hans-Joachim plumpsten in den Schnee, aus dem es nörgelte: „Da gibt’s nur alle zehn Jahre mal richtig Pulverschnee und dann putscht mein einziger dieselfreier Transporter!“ Als er wieder stand und Rosa ihm den Schnee vom Rücken klopfte, tröstete sie den Eiermann des Dorfes: „In meiner Scheune steht noch ein schöner, alter Kutschenschlitten. Den kann‘ste Dir holen, vorausgesetzt, Du nimmt auch meine kleine Katze mit dazu.“ Hans-Joachim brummte: „O.K.“

Auf der Bank lag etwas. Juli sah es ganz deutlich, auch im Dunkeln. Aber die Schatten waren nicht erschienen, obwohl es schon kurz vor Mitternacht war. Die Frau konnte nicht anders, sie musste aufstehen, den Mantel überstreifen und zu dieser Bank gehen, um zu sehen, was da lag. Es war ein Buch, ein dickes. Ganz neu und mit prächtigem Einband auf dem „Tintenherz“ stand. Sie sah sich um, als wollte sie vermeiden, dass ihr jemand zusah, wie sie nach dem Buch griff und es mit zu sich ins Haus nahm. Als sie es aufschlug, stand da in etwas zittriger Sütterlinschrift: „Lesen heilt. Dieses Buch wird Dein Freund sein, Dir in jeder noch so traurigen Stunde beistehen und Deine Einsamkeit zerstreuen. Vertrau‘ ihm!“

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (24)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Tief verschneit atmete die große Stille. Am frühen Morgen walzte eine Fuhre Langholz, vom Sandberger Damm her kommend, die nachts gefallenen Schneemassen über dem dörf­lichen Kopfsteinpflaster schön platt. Pro­blemlos hätte man jetzt hier Au­torennen fahren könnten, doch die meisten Tagesstunden würde diese schicke Piste nur den Katzen gehören. Bis auf die Zeit des Schneefegens, die den Menschen ein spontanes Nachbarschaftspalaver entlockte. Wenn denn einer draußen war.
Julie hatte den Weg bis zum Hoftor freigeschaufelt und schnaufte rotbäckig. Dieses Jahr würde es bestimmt eine weiße Weihnacht geben. Alle Jahre hoffte sie darauf, jetzt schmerzte der Gedanke, denn mit wem würde sie die Heilige Nacht teilen? Was macht man Weihnachten allein? Sie wusste es nicht und versuchte im nächsten Augenblick die Frage zu verdrängen.
Die Straße hinauf rollte ein Polizeiwagen heran und stoppte von dem Acker-Hof. Bei einer Tasse Tee erklärten die Ermittler der Betroffenen, was inzwischen feststand. Eberhard Stark berichtete sachlich: „Der Abgleich aller Fußspuren hat ergeben, zwischen Holzdiebstahl und der Mord gibt es keine Verbindung. Und auch die Recherchen im Umfeld ihrer Schwester führten uns zu keinem wirklich Verdächtigen. Wir mussten also einen anderen Ansatz finden. Von den bekannten  Sexualstraftätern kommt auch keiner infrage. Niemand der uns bekannten hat die Blutgruppe AB positiv. Aber wir gehen einer anderen Information zurzeit nach: Ende November sind zwei Insassen der geschlossenen Psychiatrie Berlin Hellersdorf entflohen. Bei Nacht und Nebel. Keiner weiß, wie sie das Objekt verlassen konnten. Bisher sind sie unauffindbar. Der eine Mann führt sich als Werwolf auf. Der ist am Werbellinsee aufgewachsen und hat mehrere Jahre wie ein Tier im Wald gehaust. Der kennt sich also aus. Der andere, ein wirrer kleiner Mann, fast blind, ist wohl nur ein Mitläufer. Wir fahnden nach dem Duo, aber in der Winterkälte werden die Männer wohl kaum in den Wäldern der Heide unterwegs sein. Aber wer weiß. Wir werden Steckbriefe in den Dörfern verteilen und die Leute auffordern, nicht alleine durch den Wald zu streifen. “
Julie blickte mit ihren großen, hellen Augen auf, die sich wieder mit Tränen füllten. Ermittlerin Korn griff nach ihrer Hand: „Wir werden sie finden, ganz bestimmt.“ …

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (23)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Die Zeit war treulos und verschwand in einem schwarzen Loch. Julie konnte sich eine Woche später kaum entsinnen, was sie erledigt hatte und wem sie begegnet war. War sie überhaupt jemandem begegnet? Das Dorf mied jene, die den Tod berühren. Als ob es spürte, dass Julie gerade einen Fuß vor die Tür stellte, war plötzlich die Straße leergefegt. Zufall oder Kalkül, sie wusste es nicht. Die Frau hatte begonnen, mit dem alten Rabenvogel in ihrem Garten zu sprechen. Damit er näher kam, legte sie ihm ein Stück Brot auf das Fensterblech. Der Vogel erspähte ihre Aktion sogleich und kam nur, um rasch das Futter aufzunehmen und wieder ins Birkengeäst zu entfliehen. Aber in dem Moment seiner Landung, sahen sie sich Auge in Auge. Ein Dialog der Blicke – einen dankbaren Atemzug lang.

Zeichnung: Petra Elsner

Als es klingelte, schreckte sie regelrecht auf. Durch das Fenster zur Straße sah sie Otto Ehrenburg vor seinem schwarzen Pick Up stehen.
„Darf ich reinkommen“, fragte er, als sich die Tür öffnete. „Ich wollte endlich mal nach Dir sehen und fragen, ob ich Dir was helfen kann.“
„Kannst Du. Bestimmt“, gab sie abgehackt zurück.
Auf dem Weg zur Küche kramte er in seiner Hängetasche, um vorsichtig ein Päckchen herauszuheben. Als sie den Kuchen aus dem Seidenpapier entblößte, sagte sie nur trocken: „Windbeutel! Dass passt ja wie Faust aufs Auge!“
Otto war ein typischer Brandenburger, der mit Ironie nicht viel anfangen konnte, deshalb maulte er leise vor sich hin: „Du machst auch aus jeder Vorlage einen Elfmeter.“
„Kann sein.“ Julie lächelte milde und Otto Ehrenburg wusste, dass dahinter keine Absichten steckten. Die Schwester seiner Geliebten hatte ihm einst überdeutlich gezeigt, wie sehr sie ihn verachtete, weil er in seine trostlose Ehe zurückruderte. Nun saßen sie beieinander und konnten sich doch keinen Trost zusprechen. Es waren einfach die Falschen, die das versuchten, aber Otto sagte zu, beim Ausräumen der Berliner Wohnung zu helfen und schwere Arbeiten auf Zuruf zu übernehmen. Das war auch schon etwas. Als der Mann den Hof wieder verließ, rutschte Julie für den Rest des Tages abermals in eine dunkle Leere.

In dieser Nacht murmelte der kleine Schatten unbeobachtet auf der Moosbank: „Das Dorf macht wieder einen Bogen.“ Und der Große ächzte: „Das ist überall so, ganz gleich, ob Dorf oder Stadt. Während sich die Gesellschaft ständig jugendlicher, perfekter und effizienter gibt, entsteht in ihr ein Paradoxon: Die aufgeklärte Moderne weist Krankheit und Tod noch weiter von sich, als zu unseren Lebzeiten. Die Angst davor wächst, denn die Leute wollen nicht auf die Seite der Verlierer geraten. Deshalb weichen sie der Berührung mit anderer Leute Leid aus, als wäre es ansteckend. Man nennt das auch: hoch kultivierter Individualismus! Der treibt nicht nur in die Einsamkeit, sondern auch in eine allgemeine Gefühlskälte.“ Der kleine Schatten seufzte: „Können wir ihr irgendwie helfen?“
Und der Große antwortete hoffnungsvoll: „Vielleicht.“ …

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (22)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu der Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Nachmittags im Dorfkrug. Anna und Bernd Uhlig sahen Julie beim Löffeln der Täubchensuppe zu. Die stand nicht auf der Karte, Anna verteilte diese feine Suppe ausschließlich an geliebte Kranke im Dorf und Julie war geliebt und krank vor Kummer. Ihre Hausärztin fand das auch und hatte sie mit einem Krankenschein versorgt. Morgen würde sie die Formalien für die Beerdigung anpacken, allein der Gedanke daran, legte ihr Steine auf die Schultern. Die junge Frau schwieg und weil der Wirt die betretene Stille nicht aushielt, erzählte er, was da neulich geschehen war oder besser gesagt, was er davon noch wusste: „Sie haben mir alle Jagdwaffen abgenommen.“ Julie blickte stirnrunzelnd auf und der Wirt murmelte leise, fast unverständlich weiter: „Ich weiß auch nicht, was da in mich gefahren war, dass ich besoffen mit der Flinte in den Wald ging. Tresen-Koller oder erstes Delirium, keine Ahnung. Ich weiß nur noch, dass der Förster-Franz am Vorabend von einem weißen Hirsch erzählt hat, den er zwischen Schluft und Kappe gesehen hatte.“
Anna schüttelte ihren Kopf: „Du weißt doch, dass man einen Weißen nicht jagen darf. Der Göttliche steht dem Tode nahe.“
Uhlig nickte: „Er soll etwa da aufgetaucht sein, wo man Laura fand.“
Julie sah auf und sprach dunkel: „Immer, wenn es keine Klarheit gibt, munkelt das Dorf alte Legenden. Ich weiß nicht, wie ich das finden soll, aber sag mal Bernd, kennst Du die Legende vom Milchmond?“
Der einschlägig belesene Wirt kratzte seinen kahlen Kopf: „Hm, ja, doch, da gab es eine, die man sich erzählte, als der Wolf in der Schorfheide noch zugange war. Es muss vor 1850 gewesen sein, denn aus dieser Zeit stammen die letzten Hinweise auf ein Wolfsrudel in der Region. Die Legende vom Milchmond erzählt von einem weißen Wolf, keinem arktischen Wolf, sondern ein mystisches Mondwesen, das seine Braut meuchelt. Wahrheit oder Legende, die Dinge verweben sich manchmal. Es war die Zeit, als ein Zirkus über Land zog, der menschlichen Kuriositäten zur Schau stellte. Darunter auch einen vollkommen behaarten Menschen, den sie Wolfsmann nannten.  Das las ich im Tagebuch meiner Urgroßmutter. Sie hat beinahe alles aufgeschrieben, was man ihr am Tresen erzählt hatte. Ob die Leute aus solch‘ bizarren Anblicken eine Mär machten, oder ob es wirklich damals einen speziellen Mord in der Heide gab, der diese Geschichte hinterließ – ist mir nicht bekannt.“ Uhrigs Augen leuchteten, denn bei solchen Histörchen war er ganz in seinem Element. Auch er hatte unterm Tresen ein Notizbuch, indem er Kneipengeschichten niederschrieb, die er mit schelmischen Blick gelegentlich leise vortrug. Nur für spezielle Freunde, nie in großer Runde.
Draußen hupte Dörte Sandig. Sie hatte das Licht in der Wirtschaft gesehen, stoppte ihren Jeep, parkte ein und stiefelte über den Kopfsteinpflasterdamm. „Teestunde?“, pustete sie als sie den Raum betrat. „Nee, Märchenstunde“, antwortete Anna.
„Worum geht’s?“
„Um die Legende vom Milchmond.“
„Ach herrje, meint Ihr eine alte Sage bringt Licht ins Dunkel? Dann doch wohl eher echte Spuren und ein Wolf war, soweit ich weiß, nicht dabei“, kommentierte Dörte den seltsamen Denkansatz. Sie hockte sich zu Julie, nahm sie in den Arm und fragte flüsternd: „Was machst Du eigentlich da draußen alleine auf der Bank in der Winternacht?“
„Nichts, rauchen und Sterne gucken.“ …

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (20)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu der Kriminalgeschichte “Milchmond” von Petra Elsner.

… Die Ermittler hatten die schlimme Nachricht erst am Abend Julie Acker überbracht. Die OP-Schwester konnte tagsüber telefonisch nicht erreicht werden. Wegen des Sturms war der ganze Operationsplan dicht zusammengerückt. Die Pausen waren kurz und unbestimmt, so entschloss man sich, auf ihre Heimkehr zu warten. Nun hocken sie in der Hofküche. Das Surren des Kühlschranks verstärkte die große Sprachlosigkeit, die nach der Todesnachricht plötzlich unter dieses Dach gezogen war. Die Botschaft war Bestätigung, irgendwie hatte Julie den Verlust seit Tagen gespürt, nur das Wie, konnte und wollte sie nicht erahnen. Alles geriet an diesem Abend aus den Fugen. Die Mutter dement, der Vater verschollen, die Schwester tot. Diese Lebensbrüche schnitten ihr Kerben ins Herz.  Wie sollte sie das alles ertragen, den Verlust und die Einsamkeit? Julie konnte die Tränen nicht mehr halten. Die Zeit dehnte sich, irgendwann fragte die erschütterte Frau schluchzend: „Wer hat sie gefunden?“
„Ein Feuerwehrmann, Otto Ehrenburg“, antwortete Franziska Korn.
„Oh, wie bitter, gerade er.“, murmelte Julie.
„Wieso, was ist mit ihm?“
„Wegen Otto hat Laura Sandberg verlassen. Sie hatten ein Techtel, aber Ehrenburg entschied sich, in seiner Ehe zu bleiben. Zuletzt kam Laura nur noch ungern nach Sandberg, aber wir hatten ja gemeinsam unsere Mutter zu pflegen.“ Julies Augen versanken beim Sprechen wieder in Tränen. Die Korn blinzelte ihrem Kollegen zu, was soviel bedeutete: Komm, Rückzug. Sie verließen das Trauerhaus. Für heute war es genug, sie wollten nur noch die Akte zum Holzdiebstahl aus der Nacht vom 24. zum 25. November einsehen. Offenbar gab es zwischen diesem Mord und dem Holzdiebstahl einen Zusammenhang, und man musste nach dem grünen Opel des Opfers suchen. Die Auskunft der Wiese-Zwillinge im Dorfkrug ließ vermuten, dass es der Täter war, der über die Döllner Chaussee mit diesem Auto davon fuhr.

Als die Dorflaternen zur Nacht abgeschaltet waren, schlürften die Schattengestalten wieder zu ihrer Moosbank. Der Kleine raunte: „Endlich haben sie die unterm Laub gefunden. Da wird die Legende vom Milchmond wieder Nahrung bekommen, wir müssen sie ihr erzählen.“ Der große Schatten nickte.
Eine Welle schwerer Gedanken überflutete Julie.  Was um Himmels Willen war nur in dieser Nacht auf der Waldstraße geschehen? Wer oder was hatte das Auto zum Stehen gebracht? Und weshalb hatte Laura den Wagen verlassen? An Schlaf war für Julie nicht zu denken. Sie öffnete die Tischschublade und griff nach den Pausenzigaretten ihrer Schwester. Sie nahm sich eine, zündete sie an, zog an ihr und hustete. Vor drei Jahren hatte sie sich das Rauchen abgewöhnt, jetzt aber glaubte sie, die Dinger wieder zu brauchen. Sie trat ins Freie, sog wieder an der Zigarette und lief ein paar Schritte. Als sie aufblickte, sah sie die Nachtschatten winken. Allein die Vorstellung, dass die Beiden auf sie gewartet hatten, wärmte ihr leidendes Herz. Die Frau hockte sich still auf die Bank und die andere, hinter der Gardine, trat kopfschüttelnd zurück in Dunkel. Sie sah nur wie die junge Nachbarin mutterseelenallein auf der Bank saß – was für ein seltsamer Anblick.
Julie hörte indes schweigend den Moosgestalten zu und rauchte. Nun ächzte der große Schatten: „Es ist schon fast vergessen, aber vorzeiten erzählten sich die Frauen in der Schorfheide diese Legende: Wenn es im Winter einen großen Milchmond gibt, holt sich der weiße Wolfsmann eine Braut, begehrt sie eine Nacht lang und versenkt sie Morgengrauen im Reich der Toten. Fortan erscheint sie als weiße Frau immer wenn es wieder einen Milchmond gibt und geistert durch die Nacht.“
„Herrje, müsst ihr mir auch noch Schauergeschichten erzählen“, stöhnte Julie. Sie stand ruckartig auf und verließ die Schatten. Aber natürlich würde sie noch den Wirt vom Krug nach dieser alten Sage fragen – morgen oder übermorgen…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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