Das Nebeltor (15 – der Schluss)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Sie hatte alle Grenzen im blauen Land überschritten, um an das Elixier der Freude zu gelangen. Mit dem randvollen Horn lief sie nun zurück zu jenen Wasserwesen, denen sie noch etwas schuldete. Im Sumpfland schwappten aus dem Horn ein paar Tropfen und Flora dachte bei sich, schaden kann das nichts.
Sie eilte vorbei am Sternensee und wunderte sich dann doch ein bisschen, dass dort zwei Herren brüderlich und gestaltschön miteinander plauderten, ein grün-blauer und ein schlamm-brauner. Eine feine Magie umwehte sie.
Den zarten Tautropfenelfen gab Flora die Unzerbrechliche zurück, sie war ihr Kompass und Beschützerin in der Not. Flora war froh, von den Zerbrechlichen erfahren zu haben, dass die Schwächsten zuweilen die Stärksten sein können. Aber sie wollte nicht abwägen, welche Begegnung im blauen Land für sie die wichtigste war. Alle waren wichtig.
Endlich gelangte die Grenzgängerin in das Reich der Nebelfee. Flora brauchte nicht lange durch die blickdichten Schwaden zu irren. Sehr bald schälte sich aus dem Silbergrau die schöne Fee mit ihren Nebelgeistern, die wieder wie mit einer Stimme sprachen: „Wir haben dich schon erwartet, tapfere Grenzgängerin!“ Die Nebelfee schwebte auf das Mädchen zu: „Was bin ich froh, du hast es geschafft. Viele kamen mit leeren Händen aus dem Land der Quellen zurück, du hast die Herzen der Wasserwesen berührt, was für ein Glück!“
Flora reichte der Fee zuerst das Nebelhorn, dann das goldene Horn mit dem Elixier. Da drängte die Nebelfee schon: „Nun aber komm, wir wollen den Zauberguss vollziehen.“
Sie gingen zu dem großen Wasserfall, dort goss die weiße Frau einen Schwall aus dem Horn in das stürzende Wasser. Die giftigen Tropfen schrien dabei noch wilde Worte, aber die Fee sprach klar und deutlich ihr Ritual: „Fließe, heiliges Elixier, in alle Wasser und bringe den Quell der Freude den Lebewesen in alle Welten zurück. Mögen Hass und Neid versiegen und Freude das Leben antreiben, denn sie ist das Ziel des Lebens.“
Der Strom des Wassers leuchtete licht, der Zauber wirkte und floss von hier hinaus in das Leben. Flora lauschte ihm nach, aber sie hörte kein böses Wort mehr. Sie hatte ihre Mission erfüllt. Die kleinen Nebelgeister umtanzten die Grenzgängerin und führten sie an die Schwelle des Nebeltors. Im weißen Bogen schoben sie Flora hinüber in die reale Zeit.

Es war Spätsommer geworden, als Flora die Wiese im Kuppenland betrat. Die Eltern waren erleichtert, das vermisste Kind gesund und munter in die Arme schließen zu können. Von ihrem Jubel gelockt, trat der Bruder aus dem Haus. Er hatte bei Suche nach ihr geholfen und fragte nun sehr aufgeregt, aber lächelnd: „Wo warst du nur?“ „Im zeitlosen blauen Land hinter dem Nebeltor!“, antwortete Flora.
Abends saß die Familie beim Lagerfeuer am Großen Döllnsee, wo das Mädchen die ganze Geschichte vom blauen Land mit seinen Welten erzählte, während von der Seemitte her ein blau-grüner Hut die Runde grüßte.

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Das Nebeltor (14)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Der Bruchwald öffnete sich und über dem Quellgebiet im blauen Land wurde es dunstig hell. Es war, als würden Schwebegeister in der Luft tanzen, aber es waren nur Mückenschwärme. Überall floss etwas sacht, kaum hörbar. Aus Sickerquellen quoll Wasser auf die wellige Nasswiese. In ihren Senken sammelte sich die Ucker unsichtbar zu kleinen Rinnsalen und Tümpeln, um schließlich zum Fluss zu wachsen. Wie sollte Flora die vielen Quellen ausmachen und welche wäre die richtige? Sie konnte das Rätsel nicht allein lösen. Ihre Augen suchten die Wiese nach einer Wasserlache ab. Im Schilfsaum bei den Sumpfdotterblumen spiegelten sich die Wolken. Dorthin stapfte Flora durch das feuchte Gras und schnaufte sehr bald, denn es lief sich schwer über diesen nassen Boden. Endlich war sie bei der Pfütze angelangt. Sie schlug mit der flachen Hand auf den Wasserspiegel und rief: „Nix, ich brauche dich!“ Und wirklich, aus der winzigen Wasserstelle stiegen Nix und Nixe auf. „Ich habe dir die Hüterin der Quellen gleich mitgebracht, denn nur sie weiß, welcher Quell der rechte ist.“
Flora war froh über die Gesellschaft der Eingeweihten und Ella führte sie zu jeder einzelnen Quellkraft des Regenlandes. „All diese Quellen treiben das Leben an, aber jede kann etwas anderes. Sieh hier, dieses Wasser schenkt Heilung und dieses andere nährt die Lebensenergie. Und schau, dieses winzige Rinnsal kann Zerstörung bringen oder als Wasserkraft wertvolle Energie.“
Sie liefen über die alte Geröllhalde des geschmolzenen Eiszeitgletschers. Überall rann Wasser, aber an wenigen Stellen sprudelte es. „Schau Flora, dort, diese herrlichen Sprudel, das sind die Zauber-Elixiere“, flüsterte Ella. Die Hüterin der Quellen bat den Nix zurückzubleiben, denn nur das Kind durfte sie in ihr Geheimnis einweihen.
Kaum hörbar sprach Ella weiter. „Dieses Wasser ist uralt, es steigt auf aus der Sohle des alten Gletschers. Es gibt viele Zauberwasser, aber ich zeige dir nur, wo du das Elixier der Freude schöpfen kannst. Wo es fließt, darfst du niemandem verraten, damit es nicht verdorben werden kann. Willst du mir das auf immer und ewig versprechen?“
„Darauf kannst du dich verlassen“, versprach Flora.
Ella rollte jetzt einen Findling beiseite. Dort, wo er lag, sprudelte kristallklar der Zauberquell und Flora schöpfte vorsichtig das Elixier mit dem goldenen Horn der Nebelfee. Bis zum Rand war es nun befüllt und die Grenzgängerin strahlte die Hüterin der Quellen dankbar und glücklich an….


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Das Nebeltor (13)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

…Uldis flog in Gestalt eines nachtblauen Raben über das Regenland und spähte nach der Grenzgängerin. Sie war weit gekommen, deshalb war es für ihn hohe Zeit, sie aufzuhalten. Er segelte zu Boden und verwandelte sich im flachen Sumpfwasser unter brodelndem Ächzen wieder in die böse Schlammgestalt, die mit so viel Wut unterwegs war. Uldis erhob seine donnernde Stimme zu einem Ruf, wie er schauriger nicht sein konnte. „Du dummes Menschenkind, steh auf der Stelle! Ich, der mächtige Uldis, habe dich gewarnt, du spielst mit deinem Leben, wenn du den Weg weitergehst!“
Unter Floras Füßen begann der Boden zu wanken und zu sinken. Sie hastete verschreckt hin und her und kletterte schließlich blitzschnell auf einen Baum. Von dort oben goss sie das Nebelhorn in den Sumpf. Dichter Dunst stieg auf und verbarg geheimnisvoll den Ort. Flora drehte die silberne Kappe vom Nebelhorn ab und blies so kräftig sie konnte hinein. Ein dunkler Ton erklang und schwoll an zu einem magischen Ruf, der den Sumpfgeist in den Nebel lockte. Er schrie tosend: „Nichts kann dich verstecken! Kein Nebel und kein Nichts. Gleich, gleich hab’ ich dich!“  Er schob wie ein Schwimmer die Nebelbänke beiseite, doch der Nebel lichtetet sich nicht, er wurde immer dicker und dichter und plötzlich steckte der Sumpfgeist fest. Der Nebel hatte ihn gefangen. Uldis brüllte und grölte hasserfüllte Flüche der übelsten Art. Lange. Flora hielt sich die Ohren zu, denn sie fühlte sich beschmutzt. Aber nach und nach erschlaffte der Sumpfgeist und irgendwann jammerte er nur noch. Aber Flora wartete geduldig, bis er endlich flehte: „Bitte gib mich frei!“
„Was gibst du mir dafür?“, fragte die Grenzgängerin.
„Du hast einen Wunsch frei, wenn ich nur wieder freikomme.“
Eigentlich habe ich zwei Wünsche, grübelte Flora bei sich, aber ich muss mich entscheiden. Ein warmes Herz für Uldis oder das Elixier der Freude? Natürlich war ihr klar, dass die Freude für alle Welten wichtiger war und so sprach sie:
„Du hast mich mit deinem Hass fast getötet, aber ich verzeihe dir, denn ich bin gekommen, allen in den Welten die Freude zurückzugeben. Bitte lass mich hinüber ins Quellgebiet, um das rechte Elixier zu finden.“
„Das ist dein Wunsch?“, zweifelte der Sumpfgeist. „Du könntest Ruhm und Reichtum von mir verlangen, überlege es dir noch einmal“, brummte Uldis.
„Nein, ich wünsche mir nur, dass du mir nicht mehr den Weg verstellst. Freude ist wichtiger als schnöder Reichtum. Freude ist Liebe, Freude ist als Lachen Widerstand gegen Hass und Neid. Es gibt nichts Schöneres.“
Der Sumpfgeist grummelte in sich hinein und antwortete dann voller Respekt vor der kleinen Grenzgängerin: „Gut, dann soll es so sein! Ich werde dich deiner Wege ziehen lassen.“
Das Mädchen setzte nun das Horn an seine Lippen und sog den Nebel zurück in das Horn und der Sumpfgeist war wieder frei.
Flora ging auf ihn zu und sprach vorsichtig: „Zeig mir deine Hand, bitte“ Und der Geist hob seine mächtige Pranke und streckte sie ihr entgegen. Flora legte Ellas Rosenblütenblatt in seine Hand und eine feine Magie beschlich Uldis. Flora konnte zusehen, wie die leere Finsternis aus seinen Augen verschwand und der Wandel zu einem herzlichen Wesen sacht begann.“
Die Grenzgängerin sagte noch: „Versuche den Menschen zu verzeihen, denn sie haben ihren Fehler eingesehen.“ Dann lief sie hinüber in das Reich der Quellen….

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Das Nebeltor (12)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Flora musste zurück und die Unzerbrechliche zeigte ihr den schnellsten Weg durch die blauen Landschaften. Uldis stellte ihr nach. Das Mädchen fühlte sich schaudernd von seinen Augen berührt. Flora beschlich Angst, die ihr jeden klaren Gedanken raubte und so fragte sie aufgeregt die Unzerbrechliche: „Was soll ich nur tun? Der Sumpfgeist wird mich einholen, bevor ich ihn mit dem Horn der Nebelfee fangen kann.“ Die Unzerbrechliche seufzte: „Und ich dachte schon, du fragst mich nie. Nur ruhig, mein Kind, du wirst ihm entkommen. Schüttle mich, ich schenke dir einen Tropfen aus meinem Herzen, der gibt dir die Stärke der Unbesiegbarkeit für die Zeit dieses Weges.“ Flora schüttelte die Unzerbrechliche und sah, wie sich aus ihrem Innern ein Tropfen löste und nun auf der Oberfläche perlte. Sie nahm ihn auf die Zunge und fühlte sofort eine mächtige Energie.
Der Sumpfgeist spürte sie auch und stoppte. Etwas war stärker als er. Uldis hockte im schlammigen Grund eines Waldgrabens und war irritiert. 
Flora gelangte unbeschadet ins Reich der Nebelfee, die ihr natürlich dieses besondere Horn gab und ihr erklärte: „Du musst es ausgießen, wenn du den Sumpfgeist siehst und ihn mit dem Ton des Horns heranlocken. Betritt er den dichten Nebel, bleibt er in ihm stecken, bis man ihn freilässt. Dann kannst du von ihm alles verlangen, was in seiner Macht liegt. Willst du ihn wieder freigeben, musst du den Nebel mit dem Horn absaugen. Verstanden?“
Das Mädchen nickte und dankte.
Auf dem Rückweg war die Kraft der Unzerbrechlichen aus Flora wieder entwichen, aber sie fürchtete sich nicht mehr, sie hatte ja dieses wundersame, fein ziselierte Nebelhorn, nichts würde ihr geschehen, oder doch? Wie würde der Sumpfgeist reagieren, wenn sie ihn wieder freiließe? Sie wusste es nicht, musste es aber riskieren, sonst käme sie nie ins Quellgebiet des Regenlandes.
Während sie lief, erinnerte sie sich an die Aufzählung der zwei Himmelslichter, die vielen Kraftquellen, von denen sie sprachen. Würde sie die richtige Quelle finden?
Etwas raschelte links und rechts des Weges. Die kleinen Moorgeister waren herbeigeeilt, denn es hatte sich herumgesprochen, dass der große Sumpfgeist wieder einmal einen Grenzgänger vertreiben würde. Dieses Spektakel wollte sie sich nicht entgehen lassen. Noch war er nicht eingetroffen, also kreisten sie als Schatten um Flora und versuchten sie vom Pfad abzubringen.
Die blau leuchtenden Moorgeister waren in der blauen Landschaft kaum auszumachen. Ungesehen hielten sie dem Mädchen Stolperstöcke vor die Füße, die sich in Schlangen verwandelten, wenn es mit den Fußspitzen an ihnen hängen blieb. Flora schrie. Schlangen waren für sie das Gruseligste überhaupt. „Bitte, liebe Unzerbrechliche, bitte hilf mir“, flehte sie. Und die Unzerbrechliche begann magisch zu leuchten und beschien nun mondhell den Stolperpfad. So konnte das Kind über die Stöcke steigen und deren schlangenhafte Verwandlung bliebt aus. Flora fasste sich, sie musste nur gut darauf achten, wohin sie trat. Aber sie war nicht wirklich in Gefahr, denn die kleinen Moorgeister wollten sie nur necken…



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Das Nebeltor (11)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Der Nix steckte seinen Kopf in jeden kleinen Weiher und spähte darin nach Ella. Doch statt der Hüterin der Quellen entdeckte er in den Feldsöllen nur kleine Wassergeister, Ringelnattern, Eidechsen und Frösche. In einem der Tümpel hauste eine uralte Moorhexe, die alle längst vergessen hatten. Sie schlief einen Jahrhundertschlaf und ließ sich nicht wecken. In einem der Teiche hatte sich ein seltenes Wassermännchen eingerichtet und in einem anderen eine weiße Nixe.
Bei ihrer Suche ließen sie kein einziges Wasserloch aus und spürten dabei, dass sie auf Schritt und Tritt beobachtet wurden. Uldis folgte ihnen. Er schwamm ihnen durch die Schlammschicht der Gräben nach, bis auf eine kleine Bugwelle war er völlig unsichtbar. Der Sumpfgeist konnte sich flach wie ein Blatt verformen oder zu einem Berg auftürmen, ebenso wie er saugender Schlund sein konnte oder Schlammlawine. Aber wirkliche Macht hatte er nur im Sumpf, deshalb liefen der Nix und Flora jetzt auf trockenen Wegen. Uldis konnte ihnen nur folgen.
Es ärgerte ihn, dass sein Bruder das Mädchen befreit hatte und nun begleitete. Ohne den Nix wäre sie schon längst im Morast versunken und er könnte sich wieder um die gründliche Vermehrung des Neids kümmern. Der Schlammgeist wollte, dass sich endlich seine Rache erfüllte, doch nun musste er erst dieses Problem lösen und den Moment abwarten, in dem das Menschenkind unbeschützt von seinem Bruder unterwegs war.
Auf der Grenze zum Regenland befand sich ein alter Brunnen. Den hatte der Nix fast vergessen, aber jetzt, da sie das Grenzgebiet erreicht hatten, erinnerte er sich und auch daran, dass dessen Wasser lieblich duftete. Es war genau der Hauch, von dem die Hüterin der Quellen immer umweht war. Neben dem Brunnen wuchs ein wilder Rosenbusch, der Blütenblätter auf den Wasserspiegel fallen ließ. Ja, dachte der Nix, Rosenwasser, das war dieser Duft. Er steckte seinen Kopf in das Wasser und endlich sah er sie, Ella, die schöne Wasserfrau, die er heimlich schon lange verehrte. Er reichte ihr seine Hand und zog sie an die Oberfläche.
„Oh, was für ein seltener Besuch“, sprach die Schöne sanft und lächelte dem Nix zu. „Bist du wieder einmal auf einer Gewässerschau oder haben dich die Angler aus dem Großen Döllnsee vertrieben?“
„Du scherzt, verehrte Ella! Mich vertreibt niemand aus meinem Stammsee. Aber eine schöne Wasserfrau hat darin schon noch Platz. Willst du nicht mit mir kommen, das Wasser ist klar, spritzig und stahlblau.“
Ella blickte etwas verlegen den Wassermann an: „Du weißt doch, dass ich die Quellen hüten muss. Es gibt genug Arbeit an ihnen, seit dein Bruder dort reinste Schlammschlachten führt.“
Flora räusperte sich, denn sie spürte, dass sie irgendwie störte, weil es zwischen diesen beiden Wasserwesen richtig knisterte: „Hallo, Entschuldigung wenn ich mich einmische, aber wir sind mit einem Anliegen gekommen.“
Nix räusperte sich: „Stimmt, aber Ella verzaubert mich jedes Mal, wenn ich sie sehe. Also, weswegen wir gekommen sind: Mein schlammiger Bruder verstellt jedem den Weg zu deinen Quellen und er ist mächtiger geworden. Kennst du einen Weg, der Flora an Uldis vorbeiführt. Sie sucht die Quelle des Elixiers der Freude, um den Urstoff aller Liebe den Menschen zurückzugeben.“
Ella sprach jetzt leiser, denn natürlich spürte sie Uldis’ Nähe. „Wenn man einen Sumpfgeist fängt, dann kann man ein Geheimnis oder einen Wunsch als Lohn für sein Freilassung verlangen. Einen anderen Weg sehe ich leider nicht.“
Flora flüsterte: „Ja, gut, aber weißt du auch, wie man den Sumpfgeist fangen kann?“
Ella sprach ihr hinter vorgehaltener Hand ins Ohr: „Nur mit dem Nebelhorn der Nebelfee. Nur sie kann dir sagen, wie das geht. In den Wasserwelten behütet jeder sein Geheimnis, damit niemand zu mächtig wird. Also verrate das auch nicht dem Nix. Du musst allein ins Nebelland gehen.“
Flora hörte ihr aufmerksam zu und fragte: „Und welchen Zauber hast du?“
Ella fischte eines der schwimmenden Rosenblütenblätter aus dem Wasser und legte es Flora in die Hand: „Es hat eine feine Magie, du wirst wissen, wann und wie du sie brauchst.“ Dann wandte sich die Schöne geheimnisvoll ab.
Zum Nix sprach nun das Mädchen: „Ich danke dir für deine Hilfe und deinen Beistand, in die Nebelwelt gehe ich ohne dich.“
„Gut“, meinte der Nix, „aber solltest du mich brauchen, klatsche einfach auf einen Wasserspiegel und rufe laut nach mir, ich werde kommen.“
Dann sprangen Nix und Nixe in den Brunnen und verschwanden….

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Das Nebeltor (10)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Sie gingen zurück in den Bruchwald. An seinem Rand öffnete sich eine Weite. Über ihrem struppigen Grün lagen Nebelfetzen. Kleine Büsche wirkten in der Ferne wie bucklige alte Frauen. Es schien Flora, als schaute das Sumpfland sie mit unzähligen Augen an. Spuklichter flammten auf und erloschen wieder. Flora blickte auf die Unzerbrechliche, sie verwies auf diesen Pfad, der immer tiefer in das Sumpfland führte. Der Nix im Seewassertropfen flüsterte ihr zu: „Nur Mut!“
Aber das war leicht gesagt, denn plötzlich türmten sich in dieser weiten Senke braune Schlammberge auf. Sie erhoben sich bedrohlich wie umkehrende Muren. Wassermassen schossen dabei das Quellmoor in die Höhe und Schlammregen spritzte zurück in die Niederung. Der Ort verdunkelte sich und ein schauerlicher Ton schwoll an. Ein brodelndes Ätzen und schrilles Pfeifen, Flora musste sich die schmerzenden Ohren zuhalten. Ein geisterhafter Schemen matschte schwer schlurfend auf sie zu: „Was treibst du hier?“, dröhnte es ihr entgegen.
Das Mädchen wich erst ein paar Schritte zurück, bevor es sich ein Herz fasste:
„Bitte sei nicht zornig, ich bin geschickt worden, das Elixier der Freude allen Welten zurückzubringen. Ohne Freude herrschen Neid und Hass, aber das ist kein gutes Leben. Bitte lass mich in das Quellgebiet gehen, um dieses goldene Horn zu befüllen.“
„Das kannst du vergessen, ich lasse niemand zu den Sprudeln der Elixiere. Geh, verschwinde oder du verwirkst dein Leben! Sofort!“, donnerte der Sumpfgeist.
Flora atmete hastig, aber rührte sich nicht: „Ich kann nicht ohne das Elixier umkehren, die Menschen brauchen es.“
Uldis bebte vor Zorn. „Du wagst es, mir zu widersprechen? Was geht es mich an, was die Menschen brauchen? Es hat die Menschen auch nicht interessiert, was ich zum Leben brauche!“ Er warf wutschnaubend ein Schlingseil wie ein Lasso nach Flora und zog sie augenblicklich mit sich in ein brodelndes Sumpfloch. Viele Meter tief schien sie der Schlamm zu verschlucken. Doch plötzlich stieß sie auf etwas Festes, das sie hielt. Sie hockte auf fauligem Holz und konnte erstaunlicherweise wieder atmen. Über dem Stamm hatte sich im Geäst eine wasserdichte Lehmschicht verfangen, die einen leeren Raum bildete. Flora schnaufte sich den Schreck weg. Dann wischte sie die Unzerbrechliche mit der bloßen Hand vom Schlamm frei, vorsichtig, als wollte sie ihre feuchte Haut streicheln. Die warf nun ein schummriges Licht in das Dunkel. „Nix, wo bist du?“, fragte Flora und suchte mit den Augen nach dem kleinen Seewassertropfen, aber er war verschwunden.
„Sei still!“, raunte die Unzerbrechliche, „der Sumpfgeist kann uns hören!“ Die Kugel hatte noch nie mit ihr gesprochen, aber jetzt zeigte sie ihr ein neues Wasserzeichen und zugleich hörte Flora aus der Tiefe des Raums ein fernes Rauschen. Das Zeichen zeigte den Nix, der das Grundwasser am Fuß des Schlammschlunds ansaugte. Er würde sie holen, aber wo steckte Uldis? Sie hoffte, die Brüder würden sich nicht in dieser morastigen Dunkelheit begegnen. Es dauerte und die Luft in der Lehmkuhle wurde dünn. Flora japste nur noch flach, als der Nix in einem klaren Wasserstrom zu ihr stieß, ihr einen Atemzug schenkte und sie mit sich zog. Es war ein seltsames, freies Gleiten. Schließlich tauchten sie in den nassen Wiesen vor den Eulenbergen wieder auf.
Flora lag weinend in den Armen des Wassermanns. Sie war erschöpft und erschrocken. „Er wollte mich töten!“, schluchzte sie.
Der Wassermann murmelte: „Ich hatte dich gewarnt, er trägt den Hass mit sich.“
In den Wiesen zirpten die Grillen und ein blauer Sommerhimmel sah auf den Nix und das Mädchen mit dem erschrockenen Herzen.
Der Wassergeist flüsterte ihr zu: „Sieh das Land um uns. Es war sehr verletzt und ausgemergelt. Vor einiger Zeit haben sich die Menschen besonnen und das Wasser wieder in die dürren Moorwiesen fließen lassen. Nach und nach und mit viel Pflege haben sie sich wieder erholt. Die kleinen Moorgeister sind zurück und tummeln sich als Irrlichter im Sumpf-Engelwurz und in den Trollblumen. Sie haben den Menschen längst verziehen. Sieh, hier wächst wieder der Erdbeerklee und dort blüht Wilder Sellerie, ist es nicht schön in diesen Moorwiesen?“
Flora nickte. Sie erholte sich langsam von ihrem Schrecken. Das Schauen in die Weite mit ihren vielen Seen tat ihr gut. „Wir sollten Ella suchen“, sagte Flora gefasst. „Die Hüterin der Quellen hat vielleicht einen Rat.“…

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Das Nebeltor (9)

Öffentliches Schreiben an einer Geschichte:

… Flora wanderte zurück und nahm dann den Abzweig zum Sternensee. Sie grübelte unterwegs. Ist das hier nicht das wirkliche Leben? Was ist es dann? Ein Zwischenraum? Eine Scheinwelt? Ein Traum? Sie kniff sich in den Arm, autsch, nein, kein Traum. Ist Zeit nicht einfach da, wie das Wasser im See? Wie kann sie einfach verschwinden oder bin ich aus der Zeit gesprungen, als ich durch das Nebeltor ging? In Floras Kopf surrten die Gedanken. Dabei spürte sie kaum, wie sie vorankam. Erst das helle Licht über dem Sternensee weckte wieder ihre Aufmerksamkeit und ihr Blick fiel auf einen Mann, der im seichten Uferwasser saß. Doch, sie hatte ihn schon einmal gesehen, in jener mysteriösen Gewitternacht am Fenster. Aber seine Gestalt änderte sich gerade, die Beine wandelten sich zu einer Flosse. Der Wassermann mochte es gar nicht, wenn ihn jemand während seiner Verwandlungen zusah. Flora hatte keine Chance, ihn noch anzusprechen, denn im Nu tauchte er, halb Mann, halb Nix, ab in die Tiefe des Seewassers, nur sein wassergrüner Hut schwamm noch am seichten Ufer. Flora nahm ihn auf, sie würde dem Nix schon noch begegnen. Doch er blieb vorerst verschwunden. Flora durchschwamm den sternförmigen See, sie tauchte sogar nach dem Wasserwesen. Nichts, nur Fische und Schlamm waren zu sehen. Sollte sie an diesem Ufer warten oder einen anderen Wasserplatz aufsuchen? Sie sah in die Unzerbrechliche und befragte sie: „Kann es sein, dass der Nix zu einem anderen Wasser aufgebrochen ist?“ In der Unzerbrechlichen drehten sich alle Bilder, es war, als suchte sie nach dem Nix und fixierte schließlich den Flusslauf der Ucker. Das blaue Band floss weiter durch das Kuppenland von See zu See. Obenauf schwamm der Richtungspfeil unaufhörlich hin und her, also schien der Nix unterwegs zu sein. Flora blieb an diesem Ufer und betrachtete die tanzenden Sonnenfunken auf dem See. Im Schilfgürtel sang eine reiche Vogelwelt und Fische sprangen ab und zu aus dem Wasser. Fast hätte sie ihren Auftrag vergessen. Doch da wellte sich auf einmal der Wasserspiegel und eine brummige Stimme rief nach ihr: „Du hockst ja immer noch auf meinem Lieblingsplatz. Der Nix stieg aus dem Wasser und setzte sich tropfend zu ihr. Flora reichte ihm lächelnd seinen Hut.
„Danke. Und nun erzähle schon, warum wartest du auf mich?“
„Ich muss den Sumpfgeist Uldis umgehen, um an das Elixier der Freude zu gelangen. Die Welt braucht es unbedingt.“
„Das wird dir kaum gelingen“, murrte der Wassermann. „Niemand kann das, er ist einfach zu mächtig geworden.“
„Agata meinte aber, du könnest mir beistehen!“
„Ach was! Die weise Stimme aus dem Sumpf kann ja viel behaupten und vielleicht war es ja auch einmal so, aber das ist längst Legende. Uldis ist das trickreiche Böse an sich geworden, kaum zu glauben, dass er mein Bruder ist.“
„Gibt es denn keine List, die mich an ihm vorbeiführt?“, fragte Flora. „Doch, denn Wasser- und Sumpfgeister sind nicht unsterblich. Das größte Unglück, dass ihnen widerfahren kann, ist die Austrocknung. Vor Zeiten, als die meisten Sümpfe des Kuppenlandes für die Ackerlandgewinnung entwässert wurden, wäre Uldis beinahe gestorben. Er wurde zu meinem Untermieter im Schlick meiner Seen. Das rettete ihn vor dem Vergehen, was er wohl vergessen hat, aber seither ist er schlecht gelaunt. Viele Sümpfe sind längst wieder geheilt, aber seine Seele nicht. Er sucht nach Vergeltung für sein Leid. Es waren die Menschen, die sein Sumpfland entwässerten, nun rächt er sich an ihnen, indem er ihnen die Freude raubte. Ich kann dir nicht helfen, kleines Mädchen, wer verrät schon seinen Bruder?“
„Du sollst ihn doch nicht verraten. Denk nach, gibt es nicht doch eine Möglichkeit, ihn zu umgehen oder besser noch, ihn umzustimmen?“
„Seit er so wütend ist, kann man nicht mehr mit ihm reden. Er sieht nur noch seinen Schmerz. Einen, der nicht zuhört, kannst du nicht umstimmen.“
„Aber vielleicht kann ich sein Herz berühren?“
Der Nix schwieg nachdenklich. Dann murmelte er: „Womit sollte dir das gelingen?“ Flora sah über das Wasser: „Ich weiß es nicht, aber ich denke, was mein Herz berührt, könnte auch seines berühren. Ich muss nachdenken.“
Das Licht senkte sich langsam über dem Sternensee. Noch flimmerte ein glutroter Sonnenball am Himmel. Der Nix und das Mädchen blickten gebannt auf seinen Untergang. Als sich das Rot im See ergoss, wussten beide, es gibt etwas, dass jedes Herz berührt und der Nix sprach es aus: „Der Spiegel der Natur, mit ihm könnte es gelingen, Uldis’ hartes Herz zu erweichen. Wir sollten uns von Ella, der Hüterin der Quellen, dabei helfen lassen. Sie benutzt eine feine Magie, die jedes Wasserwesen zum Leuchten bringt.“
Flora lächelt den Nix an und sprach aufgeregt: „Lass uns aufbrechen.“ Der Nix sprang in einen Seewassertropfen und setzte sich als Perle in die Feuchte auf der Unzerbrechlichen, so konnte Flora ihn als Beistand mitnehmen.

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Das Nebeltor (8)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:

… Als der Regen pausierte, saßen noch zwei große Wassertropfen auf der Kuppe gegenüber der Weide. „Wir müssen Agata holen“, meinte der etwas Größere. Dann rollten sie den Hang hinunter und platschten in den Wassergraben in der Senke.
„Na, ihr zwei Himmelslichter, was macht ihr denn für große Wellen mitten in der Nacht?“, murrte Agata, die Sumpfschildkröte müde aus dem schlammigen Grund.
Sie war ein wenig schwerhörig und reckte deshalb ihren kahlen Kopf den beiden Regentropfen schräg entgegen.
Der etwas kleinere Tropfen nuschelte aufgeregt: „Ein Mädchen sitzt in der Weide. Ähm, es will ins Quellgebiet, du musst helfen, damit der Kleinen nichts geschieht.“
„Ach was“, moserte Agata. „Immer dieser Hokuspokus, sie ist aufgebrochen, also soll sie sich kümmern.“
Der etwas größere Regentropfen rollte ärgerlich hin und her: „Agata, du bist die weise Stimme im Sumpf, es ist deine Aufgabe von je her, den Suchenden zu helfen. Hast du das vergessen?“
„Nein, natürlich nicht, aber ich bezweifle inzwischen, dass das Gute das wachsende Böse bezwingen kann. Wie viele sind schon ins Quellgebiet gegangen und unverrichteter Dinge zurückgekehrt. Der Sumpfgeist ist dabei nur mächtiger geworden.“ Agata seufzte ein langes „Ach“, dann aber setzte sie doch ihre Schritte schwerfällig in die Richtung der Weide.
Es begann wieder zu regnen, als Flora die Sumpfschildkröte mit den beiden Himmelslichtern entdeckte. Es sah komisch aus, wie die zwei Regentropfen auf dem Panzer hin- und herschaukelten. Flora kicherte leise, aber Agata brummte immer noch verschlafen: „Dir wird das Lachen schon noch vergehen.“
„Deshalb bin ich aber nicht ins Regenland gekommen“, widersprach Flora. „Ganz im Gegenteil, ich suche die Quelle des Elixiers der Freude. Dafür kann ich jeden guten Rat gebrauchen, aber dein lustloses Gegrummel kannst du für dich behalten.“ Der etwas kleinere Regentropfen beschwichtigte: „Nimm es ihr nicht übel, sie wurde einfach zu oft enttäuscht.“
Agata schüttelte sich und sprach danach wie ausgewechselt: „Bitte entschuldige, dieser hoffnungslose Muffel in mir hat mich wieder einmal zum Zweifeln verleitet. Es sind eben schon so viele erfolglos zurückgekehrt, da kann man den Glauben an die Kraft des Guten verlieren.“
„Warum waren die anderen erfolglos?“, wollte Flora wissen und Agata begann langsam zu erzählen: „Weil sie nicht richtig zugehört hatten. Sie folgten einfach dem direkten Weg der Unzerbrechlichen. Aber um das Elixier der Freude zu finden, braucht es Umwege, altes Wissen und ein paar Hilfsmittel. Und natürlich muss die Grenzgängerin auch die verborgenen Botschaften erkennen und verstehen, sonst gelangt sie nicht ans rechte Ziel. Was hat dir die Weide verraten? Weißt du es noch?“
Flora überlegte und erinnerte sich: „Sie meinte, das Regenland habe viele Kräfte, ich müsste mich für eine entscheiden.“
„Ja, aber um diese Wahl treffen zu können, musst du erst einmal wissen, um welche Kräfte es sich handelt. Frag’ die beiden Himmelslichter auf meinem Schild, sie wissen es.“
Flora sah fragend zu ihnen und der etwas kleinere Regentropfen begann sofort zu wispern: „Die mächtigste Kraft des Regenlandes ist die Quelle allen Lebens!“ Der etwas Größere sprach weiter: „Es gibt den Quell der Reinheit, den der Heilung, die warmen Quellen, die Quelle der Lebensfreude, die Kraft zur Energie, die der Zerstörung und etliche Zauber-Elixiere.“
Agata nickte wohlwollend. „All diese Kräfte sprudeln im Quellgebiet. Aber sie werden vom Sumpfgeist Uldis bewacht. Er ist ein böses Wandelwesen, das Mann, Rabe oder Schlange sein kann und keinen zu den Quellen lässt. Nur der Nix kennt den Weg an ihm vorbei, denn er ist sein Bruder und kennt alle seine Tricks. Er ist selbst ein Gestaltwandler, aber einer von den Guten. Schau auf deine Unzerbrechliche, wenn du den direkten Weg verlässt, ändert sich die Wasserzeichenkarte und zeigt dir begehbare Umwege. Aber nun geh, im wirklichen Leben vergeht die Zeit.“ …

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Das Nebeltor (7)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:
… Der Weg führte in einen Auwald und wurde von Schritt zu Schritt schmaler und schwankender. Mannshohe Farne verdeckten die Weitsicht und alle paar Meter war ein Totholzstamm über den Pfad gefallen. Flora stieg durch das Dickicht, war sie hier richtig? Sie sah auf die Unzerbrechliche, das Wasserzeichen zeigte, linksseits würde sie an einen sternförmigen See gelangen, aber die Karte verwies auf diese morastige Spur ins Ungewisse, auf der sie sich bereits befand. Flora pfiff leise vor sich hin, wie sie es immer tat, wenn sie ins Dunkle trat, in einen lichtlosen Keller oder ein abendliches Wegstück ohne Laternen. Es war jetzt nicht ganz so stockdunkel, denn der Mond schien hell in diese Bruchlandschaft und ein paar Glühwürmchen tanzten über den Wasserspiegeln der Gräben und Fließe, die ihren Weg säumten. Ihre Augen konnten die Nähe gut erfassen, aber nicht in die Tiefe hineinsehen. Etwas knisterte dort. Einen Augenblick später begann es zu regnen und das Mondlicht erlosch. Aus dem Knistern wurde ein Prasseln. Flora war im Nu klitschnass und der Regen wurde immer noch stärker. Im nachtblauen Dunst entdeckte sie unweit entfernt die Schemen einer knorrigen Weide, die sie ächzend zu rufen schien. Dorthin hastete sie schutzsuchend. Schlamm spritzte dabei von ihren Sandalensohlen kniehoch. Flora rutschte förmlich die letzten Meter auf den alten Weidenbaum zu, schnaufend stand sie schließlich davor. Das Holz der Weide war in der Mitte weit aufgebrochen. In diesen moosbedeckten Hohlraum flüchtete sich Flora. Drinnen schien es ihr, als wollte sie der alte Baum mütterlich umarmen und wärmen. Das Mädchen sank in die Hocke und wartete schlotternd. Langsam nahm das trockene Moos die Nässe ihrer Kleidung auf und Flora fror bald schon nicht mehr. Die Zeit schien weiter zeitlos zu sein. Flora verspürte keinen Hunger und auch keine Müdigkeit. Was für ein Rätsel, wunderte sie sich im Dunkel der Höhle. Um die Weide wehte eine traurige Weise und Flora dachte, hier kann das Quellwasser der Freude nicht wohnen, aber warum bin ich hier? Sie lauschte dem nachlassenden Regenlied, bis nur noch wenige Tropfen fielen. „Das Regenland hat viele Kräfte, du musst dich für eine entscheiden“, murmelte leise die Weide.
Flora wunderte sich kein bisschen darüber, dass der Baum mit ihr sprach. Sie hörte auf das, was die Weide sagte, denn nur das würde sie ein Stück weiterbringen. „Bin ich im Regenland?“  „Ja“, antwortete die Weide. „Das Regenland ist das Land der Feuchte, der alles entspringt. Jedes Leben und jedes Gefühl. Sieh, dort fließt ein immerwährendes Rinnsal, das schon einen See durchschwommen hat und darin Kraft aufnahm. Es wird gleich in den sternförmigen See fließen, um weiter zu wachsen und bald zu dem Strom anzuschwellen, der dem Land den Namen gab.“
„Die Ucker hat hier ihre Quelle?“
„Nicht genau hier. Wenn du dem Weg der Unzerbrechlichen folgst, kommst du direkt in ihr Quellgebiet. Aber dorthin geht man besser über Umwege“, murmelte die Weide bedeutungsvoll.
„Welche Umwege?“, fragte Flora in die Nachtstille, aber die alte Weide schwieg…



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Das Nebeltor (6)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte:
… Flora war erleichtert, weil sich ihr die Tropfenelfen nicht entzogen, sondern sich selbst nur schützen wollten: „Ihr könnt euch auf mich verlassen, ich werde mich vorsehen und euch nicht schaden.“ Das Sirren und Flirren um Flora wurde lauter, denn all die winzigen Flügelwesen begannen sich nun um sie zu versammeln. Es war ein Tanzen und Schweben filigranster Art. Flora wurde beim Anblick der Zierlichen das Herz warm. Dann wurde es leise und das Mädchen verstand, dass die Stille eine Aufforderung zum Sprechen war: „Mein Name ist Flora. Die Nebelfee hat mich gebeten, die Quelle des Elixiers der Freude zu suchen, damit sie in allen Welten wieder aufleben kann. Könnt ihr mir den Weg zu dieser magischen Quelle weisen oder wisst ihr jemanden, der das kann?“
Nach Floras Worten wurde es noch stiller, als es bereits war. Kein Laut war vernehmbar. Die Elfchen schwiegen und sahen einander mit großen Augen an. In diesen Blicken stand eine große Frage und Flora spürte, dass sie alle überlegten, ob sie ihr vertrauen könnten. Flora wartete geduldig, denn sie wusste, dass das so eine Sache mit dem Vertrauen war. Sie hatte bereits selbst den Verrat einer scheinbaren Freundin erfahren. Im Schmerz darüber riet ihr die Großmutter: Wer sein Herz auf der Zunge trägt, ist leichte Beute für den Neid. Achte darauf, wem du dein Vertrauen schenkst. Ist es der Falsche, können sich üble Nachrede und eine gnadenlose Hatz über dich ergießen. Daran dachte Flora jetzt. Nach einer Weile flüsterte sie in das Grübeln der Elfen: „Ich werde es niemandem verraten, denn ich möchte doch selbst, dass die Freude für immer zurückkehrt in die Welt.“ Dann schwieg sie wieder, bis endlich aus dem Kreis der Tautropfenelfen ein Wasserkobold hervortrat und sehr ernst sprach:
„Wir kennen den Ort der Quelle nicht, aber wir leihen dir unsere Unzerbrechliche, nur sie allein kann dich auf rechten Weg bringen. Sie ist das geronnene allwissende Wasser, fest wie ein Stein, aber leicht wie der Wind und immer feucht. Du muss sie uns wiederbringen, wenn du deine Mission erfüllt hast. Willst du uns das fest versprechen?“
Flora nickte eifrig, nahm den lichten Tropfen entgegen und sprach ergriffen: „Ich danke euch für euer geschenktes Vertrauen. Ich werde die Unzerbrechliche gut behüten und euch nicht enttäuschen.“ Die Elfchen klatschten und kicherten lebensfroh, währenddessen versank das blaue Land hinter dem Vorhang einer dichten Nebelwand.
Welche Richtung sollte sie einschlagen? Flora drehte und wendete die Unzerbrechliche in ihren Händen. Zuerst sah sie in eine klare Sternennacht über einem schwarzen Wasser im Mondschein. Dort saß am dunklen Ufer eine leuchtende Gestalt, die ihr irgendwie bekannt vorkam. Das Mädchen drehte und kippte die Unzerbrechliche sacht, als wollte es das Bild scharf stellen. Dabei entdeckte es auf dem nachtblauen Grund ein silbergraues Wasserzeichen, das eine Karte enthielt. Flora war erleichtert, hatte sie doch nun einen Weg vor Augen, den sie gehen wollte…

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