Der Goldene (3)

Öffentliches Arbeiten – der Schluss.   

…Vor Kälte zitternd fand ihn der Rabe. „Du gehst sehr leichtsinnig mit meinen Geschenken um!“, schimpfte der Vogel. „Den Glanz der goldenen Blätter sollst du in die Welt tragen, um den Menschen vor der kargen Winterzeit noch eine pralle Freude zu bringen. Du hast ihn nicht bekommen, um dich darin allein zu sonnen!“ Der Rabe war höchst ärgerlich und murrte vor sich hin. „Wie kann man nur so seinen Daseinsgrund verpennen, nein aber auch!“  Aurel schlotterte und ihn packte die Scham als er bat: „Verzeih mir bitte, es soll nie wieder vorkommen.“ Da rief der Rabe nach seinen Brüdern vom goldenen Reif. Gemeinsam zupften sie sich die Farben des Jahres aus dem Gefieder und schenkten dem Herbstmann daraus ein neues Gewand, dessen Pracht mit ihm in die Landschaft wehte. Spät zwar, aber besonders schön.

Der Goldene. Hier die ganze Geschichte im Zusammenhang:

Der bunte Schläfer drehte sich noch einmal in seinen Wolkenkissen auf die Herzseite. Ein Zwielicht streichelte sein funkelndes Haupt. Es konnte ihm noch nicht flüstern, ob der Tag noch Sommer oder schon Herbst werden wollte. Nachts hatte es den ersten Frost gegeben und die Hirsche röhrten majestätisch im kalten Mondlicht. Doch Aurel fühlte sich nicht gerufen. Er schlummerte genüsslich, wie alle jene, die gerade den Wecker ausgeschaltet haben, um sich noch eine kleine Zugabe zu gönnen. Längst müsste der Herbstmann walten, denn der September war weit vorangeschritten und die Herbstsonne stand schon tief.
Der Hüter des Jahres war besorgt und stieß seinen Rabenreif an. Die vier Raben erwachten, reckten ihre Köpfe und krächzten: „Was ist zu tun?“ Der Maigrüne, der Mohnrote, der Goldene und der Schneeweiße sahen erwartungsvoll zu ihrem Herrn. Der raunte ernst: „Goldener, dein Herbstmann verschläft seinen Auftritt. Du musst ihn aufstöbern, damit er seine Aufgaben verrichtet. Spute dich, es eilt!“
Der Rabe erhob sich sogleich und spähte bei seinem Flug nach Aurel zwischen all dem bunten Laub auf der Erde. Irgendwo dort unten musste er doch stecken. Aber der Herbstmann schlief noch in den Wolken. Sein Blattgewand färbte sich indes von Rot zu Orange und schließlich golden. Das war die Zeit, in der Aurel besonders gefährdet war, denn sein Glanz weckte Begehrlichkeiten, was er sehr bald zu spüren bekommen sollte. Am Horizont zog ein wildes Wetter auf und in dem Sturm jagten die Wolkenreiter nach allem was edel funkelte. Das Windrauschen weckte den Schläfer, aber schon stachen die Blitze der Wolkenreiter nach seinem Blattgoldgewand. Kaum, dass er sich erheben konnte, hatten sie ihm seine ganze Pracht entrissen und ließen ihn vollkommen nackt zurück.
Vor Kälte zitternd fand ihn der Rabe. „Du gehst sehr leichtsinnig mit meinen Geschenken um!“, schimpfte der Vogel. „Den Glanz der goldenen Blätter sollst du in die Welt tragen, um den Menschen vor der kargen Winterzeit noch eine pralle Freude zu bringen. Du hast ihn nicht bekommen, um dich darin allein zu sonnen!“ Der Rabe war höchst ärgerlich und murrte vor sich hin. „Wie kann man nur so seinen Daseinsgrund verpennen, nein aber auch!“  Aurel schlotterte und ihn packte die Scham als er bat: „Verzeih mir bitte, es soll nie wieder vorkommen.“ Da rief der Rabe nach seinen Brüdern vom goldenen Reif. Gemeinsam zupften sie sich die Farben des Jahres aus dem Gefieder und schenkten dem Herbstmann daraus ein neues Gewand, dessen Pracht mit ihm in die Landschaft wehte. Spät zwar, aber besonders schön.

© Petra Elsner

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Der Goldene (2)

Öffentliches Arbeiten: Ein Märchen entsteht:

…Der Rabe erhob sich sogleich und spähte bei seinem Flug nach Aurel zwischen all dem bunten Laub auf der Erde. Irgendwo dort unten musste er doch stecken. Aber der Herbstmann schlief noch in den Wolken. Sein Blattgewand färbte sich indes von Rot zu Orange und schließlich golden. Das war die Zeit in der Aurel besonders gefährdet war, denn sein Glanz weckte Begehrlichkeiten, was er sehr bald zu spüren bekommen sollte. Am Horizont zog ein wildes Wetter auf und in dem Sturm jagten die Wolkenreiter nach allem was edel funkelte. Das Windrauschen weckte den Schläfer, aber schon stachen die Blitze der Wolkenreiter nach seinem Blattgoldgewand. Kaum, dass er sich erheben konnte, hatten sie ihm seine ganze Pracht entrissen und ließen ihn vollkommen nackt zurück…

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Kerzen in der Stadtbahn (4)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:
Er hatte sich verspätet, Irenes Schutzengel. Er war nie wirklich so pünktlich, wie er sollte. Auch unter den Engeln gab es nachlässigere Gewächse. Doch glücklicherweise hatte das Mädchen die Heilige Nacht allein überstanden und nun war er an ihrer Seite. Unsichtbar saß er im Sessel in der Leseecke und wachte.
Irene lugte in den duftenden Stoffbeutel, frische Schrippen und eine Streuselschnecke. Wunderbar! Sie liebte diese tellergroßen Schnecken. Das Mädchen schloss das Fenster und sah, unten auf dem Gehweg schlenderte Herr Kronberg. Ob er den Beutel an die Tür gehängt hatte? Egal.
Irene frühstückte und sprach mit vollem Mund mit dem Schreibblock:
„Moin, moin, schmeckts Euch auch?“
Wieder räusperte sich die väterliche Stimme und erklärte: „Deine Mutter hat Früchtebrot gebacken. Ist köstlich wie jedes Jahr.“
„Oh, Mann, Früchtebrot! Aber stellt euch mal vor, heute Morgen hat mir jemand ganz frische Schrippen und eine Streuselschnecke an die Tür gehängt – in einem wunderschönen Stoffbeutel.“
„Du weißt nicht von wem die sind und isst sie?“
„Ja, Mama, sei nicht so vorwurfsvoll. Es hat nur jemand an mich gedacht. Vielleicht der nette Herr Kronberg, der nebenan eingezogen ist.“
„Die Wohnung nebenan ist unbewohnt. Gesperrt wegen Rohrbruch, der den ganzen Fußboden ruiniert hatte. Dieser Herr Kronberg ist -,“ die Mutterstimme brach ab und Irene trieb ein Verdacht hinaus aus der Wohnung. Sie sprang die Treppe hinauf in den dritten Stock und klingelte bei Familie Krause. Die Nachbarin öffnete: „Ah, Irene. Frohe Weihnachten.“
„Ja, frohe Weihnachten. Frau Krause, ich will nicht stören, nur eine Frage: Ist in der Wohnung neben uns ein neuer Mieter eingezogen?“
Die Krause schüttelte den Kopf. „Die Wohnung muss erst saniert werden. Wenn da einer reingeht, dann ist er vielleicht von der Versicherung oder ein Klempner.“
Irene setzte düster nach: „Oder – einer von der Firma.“
„Wer weiß“, murmelte Frau Krause verhalten. „Ist sonst noch was?“
„Nein danke.“ Die Tür schloss sich wieder und Irene, wusste plötzlich nicht, was sie tun sollte. Wut stieg in ihr auf. Der hatte sie einfach frech angelogen. Sie klingelte Sturm bei Kronberg, aber niemand öffnete.

Sie hastete zurück in die elterliche Wohnung zu ihrem Blockdialog. Sie schrieb und sprach: „Mama, ich glaube, der Kronberg ist mein Schatten!“
„Und von dem nimmst du Brötchen an?“
„Sie sind von mir“, flüsterte der Engel. Irene sah erschrocken in die Leseecke. Dort war nichts. „Werd‘ ich jetzt irre, wer spricht da?“, schrie sie in den Raum. Da schimmerte der Engel in seiner Gestalt. Lessig saß er da in einem grünen Kapuzenmantel. Braune Locken fielen bis zu seinen schmalen Schultern und er schaute mit einem sanftmütigen Blick, der Irene an ihren Lieblingsbeatle George Herrison erinnerte.
„Mir wurde gesagt, mit Streuselschnecken kann man dich trösten. Ich bin Raphael und werde über Weihnachten Dein Schutzengel sein.“
Für Irene war das im Augenblick alles ein bisschen viel. Missgestimmt fragte sie barsch: „Und, wo warst du gestern?“
„Ich hatte verschlafen.“
„Die Heilige Nacht?“
„Ja.“
„Na sowas.“
„Wenn ich störe, bleibe ich unsichtbar.
„Ja, bitte.“
Der Engel atomisierte sich und Irene tippte mit dem Stift auf ihren Schreibblock: „Vati, Mama, ich bin nicht mehr allein. Ich habe jetzt einen Schatten und einen Engel.“ Der Schreibblock schwieg.

Sie musste raus. Abends fuhr Irene wieder S-Bahn und sprang von Wagon zu Wagon. Sich an Leuten sattsehen und ihnen Kerzenlicht spendieren. Diesmal war es schwieriger ihre Weihnachtslichter unbemerkt aufzustellen. Himmel und Menschen waren unterwegs und schleppten Geschenke von A nach B. Doch Irene fand stets diesen kleinen unbemerkten Moment oder war da wer, der sie abschirmte? „Raphael?“ flüsterte sie. Der Engel stand direkt neben ihr und lächelte. Und da noch einer, der sie beobachtete. Dieser Kurt Kronberg. Als sie ihn entdeckte, kam er auf sie zu und reichte ihr wieder ein Telegramm. „Sie sind wohl unter die Briefträger gegangen?“ zischte ihn Irene an. Dann las sie unter Freudentränen: „Komme morgen mit dem Zug, Mama“. Der Schatten verschwand, der Engel aber begleitete sie durch die Nacht.
                                                                         ***
© Petra Elsner

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Kerzen in der Stadtbahn (3)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:

… Sie stellte sich vier Kerzen auf, holte die Geschenke für Vater und Mutter herbei, legte sich Stift und Schreiblock zurecht und goss sich ein Glas Punsch ein. Irene prostete den imaginären Eltern zu und schrieb:
„Frohe Weihnachten! Wo immer ihr seid. Könnt ihr mich hören ihr Lieben?“
„Wir hören dich Kind. Im Herzen sind wir bei dir.“
„Ich weiß, Mama. Macht euch keine Sorgen, ich schaffe das.“
Irene schluchzte, denn sie spürte, dass es nicht stimmte, was sie gerade sagte, aber sie fühlte, ein Rollenspiel könnte ihr guttun. Und so schrieb sie diesen Dialog und sprach dabei die Worte mit verstellten Stimmen.
„Du musst nicht so stark tun, mein Kind. Wir wissen, dass diese Situation für dich schlimm ist. Trink einen Schluck, er hilft dir zu entspannen.“
„Mach ich, Vati. Prost! Wie geht es auf dem Kahn?“
Die Stimme des Vaters räusperte sich: „Em, es geht. Noch haben wir es warm, aber ich glaube, wir werden beobachtet.“
„Wie jetzt?“
„Na, vielleicht denkt man sich, die stecken im Eis fest, das ist eine gute Gelegenheit zu türmen, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Du meinst, die Stasi denkt das?“
„Ja. Die trauen doch keiner Seele. Pass auf dich auf mein Kind und lass dir nichts erzählen. Wir würden dich niemals zurücklassen. Ja, es gab solche Fälle, und wahrscheinlich haben wir deshalb diesen Schatten am Ufer bekommen, aber du kannst dich auf uns voll verlassen.“
„Das weiß ich doch.“
„Und warum sorgst du dich dann?“
„Na, wer weiß schon genau, was der andere denkt und wohin ihn das führt.“
„Kindchen!“
„Ja, Vati? Ich sorge mich halt und ich bin nicht gerne allein.“
„Weiß ich, deshalb machen wir uns ja Sorgen.“
Im Fernseher flimmerte „Die Feuerzangenbowle“. Irene legte den Stift beiseite, goss sich einen zweiten Punsch ein und kuschelte sich in eine Decke auf dem Sofa. Der Film lenkte sie ab und das Getränk machte sie schläfrig.

Am ersten Weihnachtsfeiertag weckte sie das Sendeschlussrauschen des Fernsehers. Sie sprang vom Sofa und schaltete das nervende Gerät aus. Zuerst legte sie Kohlen auf das letzte Glimmen im Kachelofen. Das Wohnzimmer roch nach abgestandenem Punsch. Sie füllte den Rest in eine Flasche und verschloss sie mit einer Gummikappe. Bestimmt ließe der sich noch einmal aufwärmen. Während Irene die Fenster weit öffnete, um zu lüften, schepperte die Wohnungsklingel. Niemand stand vor der Haustür, aber am Türknauf hing ein roter Stoffbeutel mit weißen Punkten und es war ihr, als ob ein Hauch in den Wohnungsflur wehte. Seltsam, bestimmt war es nur ein Luftzug zwischen offenem Fenster und dem Treppenhaus. Aber es war kein Luftzug…

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Kerzen in der Stadtbahn (2)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:

… Ostkreuz. Der obere Bahnsteig hinter dem Wasserturm lag gebogen, dunkel und menschenleer. Das machte Irene keine Angst. Es war etwas anderes, dass sie augenblicklich angefallen hatte: dieses Gefühl, verlassen zu sein, für immer. Es schlich sich über Irenes Gänsehaut vom Rücken hinauf bis unter die Kopfhaut, um in den Schläfen laut zu pochen. „Wo seid ihr?“ rief sie leise, fast jammernd in die Nacht. In ihrem Kopf hämmerte der Gedanke: Abgehauen, übers Eis in den Westen. Sie stieg die Treppen hinab zu den unteren Gleisen und am anderen Bahnsteigsende wieder hinauf. Dort nahm sie die nächste Bahn heimwärts.  Würde sie die Nacht aushalten? Sie fühlte sich elend als sie in ihre Straße einbog. Es war eisig kalt und der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Der viergeschossige Neubau lag im Dunkel, als sie die Haustürschlüssel aus der Manteltasche zog. Ein Glimmen auf einem der Balkone verriet, da rauchte einer und blies Kringel in die Nacht. Als Irene in der zweiten Etage ankam stand ein Mann vor der Wohnungstür: „Bitte nicht erschrecken, ich habe nur ein Telegramm abzugeben.“
Irene nickte und nahm das Kuvert. „Danke, ich kenne Sie gar nicht, wohnen Sie schon lange hier?“
„Entschuldigung, ich hätte mich vorstellen müssen: Kurt Kronberg. Bin gerade erst gegenüber eingezogen. Aber durch diese Tür habe ich noch keinen gehen sehen.“
„Meine Eltern sind Binnenschiffer.“
„Verstehe. Na, dann, frohe Weihnachten.“
„Ihnen auch.“
Irene schloss auf und huschte in die Wohnung. Sie Atmete tief und riss das Telegramm auf: Wir stecken bei Hamburg fest. Geld liegt im Brotkasten. Halte durch, Mutti!
Tränen verschleierten ihren Blick. Sie lehnte an der Tür und rutschte nun weinend in die Hocke. Das Telegramm fiel zu Boden. Schließlich stand sie auf, legte Kohlen im Ofen nach und stocherte in den Küchenschränken nach etwas essbarem. Drei Tütensuppen: Ochsenschwanzsuppe, Brühnudeln und Gemüseeintopf fanden sich und im Tiefkühler steckten ein halbes Brot und ein Stück Butter. Damit käme sie über Weihnachten. Essen hält Leib und Seele zusammen und Irene wollte nicht in dieser schrecklichen Einsamkeit untergehen.  Sie entschied sich für die Brühnudeln. Zum Essen schaltete sie die Nachrichten im Schwarz-Weiß-Fernseher an und hörte:

Stillstand in der Binnenschifffahrt: Der anhaltende Frost in weiten Teilen Deutschlands hat fast alle Wasserstraßen zufrieren lassen. Selbst Eisbrecher schaffen es nicht mehr, die Fahrrinnen frei zu halten. Die Verluste für die Binnenschiffer lassen sich im Augenblick noch nicht abschätzen.

Irene löffelte die dünne Brühe mit den dicken Eiernudeln und grübelte: Bei Hamburg. Im Westen! Wenn so ein Kahn erst mal eingefroren ist, das könnte dauern. Sie sprang auf und schaute im Brotkasten nach: 100 Mark. Für Irene war das viel Geld. Ihr monatliches Taschengeld betrug 20 Mark. Jetzt aber musste sie damit über die Weihnachtsferien kommen und zurück ins Internat. Es würde reichen. Beruhigt ging sie zurück zu ihrem Suppenteller. Wie sollte sie diese Zeit alleine aushalten? Sie muss sich unterhalten, um diese Stille zu füllen. Irene holte sich die Baumkerzen und eine Flasche Rotwein aus der Speisekammer und kochte sich einen Punsch mit Zimt und Nelken. Ein Glas gestatteten die Eltern zu Weihnachten…

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Kerzen in der Stadtbahn (1)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:

1969: Das Licht flackerte wie ein Sehnsuchtsfunken als das Teenie-Mädchen aufstand. Die Stadtbahn bremste. Als sie anhielt stieg Irene aus dem Wagon, aber nur um in den dahinterliegenden zu huschen. Doch auch dieser war menschenleer. Sie richtete ihr weißblondes Kurzhaar im Fensterspiegel. Keine einzige Seele war in dieser Heiligen Nacht unterwegs. Irene zog die Packung Baumkerzen und das Feuerzeug aus ihrer Manteltasche, nahm sich eine Kerze, zündete den Docht an, tropfte etwas Wachs auf das Fensterbrett und stelle das Licht in die Nacht. Wo seid ihr nur? Offenbar steckte der Lastkahn der Eltern irgendwo auf der Elbe im Eis fest. Sie konnte es nur vermuten, aber das gab es schon manches Jahr. Heimkehr aus dem Internat und kein Feuer im Ofen, im Kühlschrank nur Licht. Es gab Heilige Nächte, in denen wollte die kindliche Irene vor Einsamkeit sterben, aber heute fühlte sie sich stark genug, das ungewisse Alleinsein zu ertragen. Sie wusste nicht, ob ihr das wirklich gelingen würde. „Nächster Halt: Baumschulenweg“ krächzte die Ansage des Zugführers durch den Lautsprecher. Irene stieg abermals um in den nächsten Wagon. Im hintersten Eck entdeckte sie einen älteren Herrn, der gerade Glühwein in den Becher seiner Thermoskanne goss. Als er aufblickte, stand sie noch. Er winkte sie zu sich. „Auch ‘nen Schluck, ich habe noch einen zweiten Becher dabei?“ Irene nickte, ließ sich auf den Sitz gegenüber fallen. Sie blicke in das zerfurchte Gesicht des Mannes und fragte sich still: Wie viele Jahre mochten in diesen Gräben stecken? Wortlos stellte sie eine brennende Kerze auf das Fensterbrett.
Dazu murmelte der Alte, „Kokeln in der Bahn ist verboten“ und schlürfte an seinem Becher Glühwein.
„Und Saufen in der Öffentlichkeit wird auch nicht gern gesehen“, maulte Irene zurück.
„Stimmt,“ sprach der Mann und fuhr sich nachdenklich durch das borstige Silbergrau in seinem Gesicht. „Aber allein Trinken, ist nicht gut für die Seele. Eben dachte ich noch, ich hätte eine zum Anstoßen gefunden. Komm, auf die Heilige Nacht!“ Er prostete Irene zu und sie erwiderte schweigend. Der Wein dampfte und stieg ihr in die Nase. Schon mit dem ersten Schluck spürte sie einen Anflug von Rausch. Sie hatte mittags etwas gegessen, jetzt war es später Abend. Der Alte sah ihre Einsamkeit und auch, dass sie im Grunde zu jung war, durch die Nacht zu stromern. „Darf ich fragen, warum du allein unterwegs bist?“ Irene hob ihre Lieder: „Meine Eltern sind Schiffer. Sie stecken irgendwo mit ihrem Kahn fest. Passiert schon mal. Und Sie, warum sind Sie Weihnachten allein?“
Der Alte murrte: „Passiert immer wieder. Die Frauen bleiben nicht lange bei mir.“
„Warum? Zuviel Glühwein?“
„Quatsch. Zuviel Arbeit, ich bin Monteur, wenn du verstehst.“
„Hm. Da ist es wohl besser, Paare sind gemeinsam unterwegs, wie meine Eltern.“
„Und warum kümmerts keinen, dass du allein bist heute Nacht?“
„Es weiß wohl einfach keiner.“
„Weiß man in diesem Land nicht immer alles?“
„Kann sein.“
„Und was sagt das Amt zu sowas?“
Irene sah den Mann verkniffen an und schnauzte: „Das geht Sie gar nichts an!“ Sie blies die Kerze aus, erhob sich ruckartig und stieg ohne zurückzusehen beim nächsten Halt aus …

 

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Die Stimme auf ihrer Schulter

Sie fegte den Hauch mit der Hand von der Schulter und dachte leise: Geh‘, verdrück‘ dich aus meinem Leben! Aber er war immer noch da, dieser miesepetrige Herr, der ihr ständig ins Ohr raunte: „Tu‘ dies oder jenes nicht!“ Als er das letzte Mal über ihre Bettzipfel sprach: „Schlaf nicht so lange, nur der frühe Vogel fängt den Wurm!“, stellte sie einfach den Wecker ab und drehte sich noch einmal um. Es war der trotzige Beginn, sich gehen den Nörgler aufzulehnen. Jetzt versuchte sie ihn loszuwerden, diesen Schatten aus der Vergangenheit. 25 Jahre war der Vater schon tot. Sie hatte längst vergessen, starb er 1996 oder 97? Er hatte sich schon lange zuvor weit von ihr entfernt und steckte in einem anderen, neuen Leben. Sie konnte kaum glauben, wie liebevoll und großzügig dieser harte Kerl in der neuen Familie sein konnte. Ein Gestaltwandler. Als er aus dieser Welt ging, schien er sich ihrer zu erinnern, denn seither war sie da, die strenge Stimme auf ihrer Schulter. Es ging der Stimme nicht um beste Leistungen, sie verlangte Anpassung, unauffälliges Sein. Beides war Isabell nicht gegeben. Sie stach immer schon aus der Mitte hervor. Laut und eigensinnig. Wenn Isabell eine wichtige Arbeit nur mit Überstunden erledigen konnte, sah sie nicht mehr auf die Uhr und die Stimme schimpfte: „Bist du ordenssüchtig?“ War Isabell nicht, aber sie liebte ihre Arbeit und sie war verlässlich. Nicht immer schon, erst nach ihrer fünften Berufswahl. Von da an lief sie wie ein Uhrwerk. Es ist wichtig den richtigen Job zu finden, das Leben fühlt sich dann leichter an, selbst wenn es schwer ist.
Isabell wusste, der Vater hatte nicht das Recht ihr Dinge zuzuflüstern. Dinge wie: „Halt dich zurück!“; „Mach was Anständiges, nicht so einen Krimskrams!“; „Sei nicht so großzügig, da kommt eh nichts zurück!“; „Verschenk nicht das letzte Hemd!“ Sie verachtete solche Ansagen und gab meist mit vollen Händen. Nach seinem Verrat hatte er ihr gar nichts mehr zu sagen. Man verrät nicht die 14-jährige Tochter. Isabell konnte nicht verstehen, weshalb er sie postwendend zurückschickte in dieses Internat. Dort waren alle Wege plötzlich verschlossen. Der Trainer beschimpfte sie, als sie ihm mit zittriger Stimme das ständige Trainingsverbot der Mediziner mitteilte. „Du versaust mir meine Jahresprämie!“, brüllte er. Sein Atem roch nach Wodka und seine Augen schwammen im blutigen Rot wie jeden Morgen. Isabell fühlte sich schuldig, dabei war sie „nur“ krank. Wovon eigentlich? Den Becher mit dem täglichen Vitamintrunk nahm sie nicht mehr vom Tablett in seinen Händen. Sie flüchtete, denn hier in diesem Augenblick bekam ihr Leben den ersten Riss. Was sollte sie an diesem Ort, der sie gerade ausspuckte? Völlig aufgelöst lief sie davon. Nach Hause.
Der Vater war dieser Tage krankgeschrieben. Seine Kriegsverletzung puckerte, aber er klagte kein bisschen. Er hörte sich ungerührt das kindliche Drama an, kochte währenddessen eine Tütensuppe und löffelte die Buchstabennudeln wortlos. Als alles gesagt war und die Tränen getrocknet, griff er zum Telefon und rief in der Sportschule an. Isabell dachte, er würde jetzt ihrer Bitte folgen, dass sie sofort in eine normale Schule wechseln könnte. Aber es kam anders. Er schickte sie zurück. Man erwarte sie. Er schwieg fortan über das Geschehene, nicht einmal die Mutter erfuhr davon. (Sie würde bis zuletzt glauben, ihre Tochter habe versagt.) Erschrocken reiste Isabell zurück und fragte sich – wie konnte er nur? In der Schule erwartete sie niemand. Sie gehörte nicht mehr dazu, sollte aber das Schuljahr hier abschließen. Warum? Wer wollte Zeit gewinnen und wofür? Es gibt Fragen, die ins Leere laufen und am Selbstwert nagen.
An diesem Morgen öffnete die Frau das Fenster, schaute kurz zu ihrer linken Schulter und sprach laut und deutlich: „Schweig’ jetzt und geh’, sofort!“

PS: Diese Geschichte habe ich 2020 begonnen, abgebrochen und heute erst wurde sie fertig…

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Ein Waldmärchen

Im Schattenwald

Im Schattenwald der guten Geister tobte der Holzmann Eichbert als wollte er Heerscharen von Borkenkäfern eigenhändig verjagen. Das klang wie das Baumkronenschlagen im Sturm. Aber es war vollkommen windstill. Sianca, die weiße Birkenfrau wagte sich keinen Schritt weiter. Was hatte den Holzmann so zornig gemacht, ein Landstreicher? Ein Waldfrevler? Unter den leuchtenden Nachtwolken war die Birkenfrau leicht zu entdecken. Für sie war selbst der Schattenwald kein wirkliches Versteck. Aber dem Jähzorn des starken Waldgeistes wollte sie nicht begegnen und so verbarg Sianca sich hinter einer dicken Buche, bis das Zornschlagen im aufziehenden Regen verstummte.
Waldrauch* hing in den Baumkronen als der Tag anbrach. Die Birkenfrau lief zum Fließ. Am Ufer entdeckte sie einen schlafenden Angler. Sie verwandelte sich in ein knorriges Moosweiblein und stupste dann den jungen Mann an. Der rieb sich noch die Augen, als sie ihn fragte: „Schenkst du mir einen von deinen Fischen?“ Der Angler murrte: „Warum sollte ich?“
„Weil ich alt und arm bin,“ sprach Sianca.
„Was geht mich das an? Ich brauche den Fang selbst und gebe dir keinen Fisch.“ Da verwandelte sich das Moosweiblein zurück in die bezaubernde Birkenfrau, die sich von dem Staunenden abwandte und im Gehen raunte: „Waldgeistern zu begegnen kann Glück bringen, sofern man sie gut behandelt. Du hast diese Chance verspielt.“ Indem sah der geizige Angler, dass sich all seine Fische in Nattern verwandelt hatten. Erschrocken warf er den Kescher ins Fließ und lief hastig davon.
Sianca suchte den Holzmann. Im Schattenwald wisperte es von jedem Ast und jedem Halm. Die Schattenelfen trugen schwarze Kleider, so waren sie nicht zu sehen, aber zu hören. Die Birkenfrau fragte in das Dunkel: „Wisst ihr wo der Holzmann steckt?“
„Auf dem Baum der Bäume hockt er bei seinen Freunden, den schwarzen Störchen“, flüsterte ein Stimmchen zurück. Die Birkenfrau bedankte sich für die leise Antwort und ging langsam zum Baum der Bäume. Unterwegs kam sie an einem verbrannten Waldstück vorbei und jetzt wusste sie, weshalb der Holzmann letzte Nacht so wütend war.
Die Anmut der Schwarzstörche hatte Eichbert besänftig und als er die Birkenfrau sah, wärmte ihr Anblick sein Herz. „Guten Morgen, du Schöne. Hast du das Elend im Wald gesehen?“ Sianca nickte und fragte ratlos: „Weshalb nur verderben manche Menschen den Grund auf dem sie stehen? Der Wald beschützt doch das Leben.“
Eichbert sinnierte betrübt. „Wer weiß, manche sind krank im Kopf, andere wollen sich rächen oder haben nur Langeweile. Wahrscheinlich wissen sie nicht mehr, dass auf manchen alten Bäumen ihre Götter wohnten. Die Ehrfurcht vor ihnen ist hinter den Wolken verschwunden.“
„Mein lieber Holzmann, wir sind noch hier und wissen: der Wald mit seinem Blätterrauschen, seinen Düften und dem Vogelgesang kann alles heilen. Wir werden es weitersagen, bis es viele wissen. Nicht aufgeben, guter Waldgeist!“
Der Holzmann und die Birkenfrau machten einander Mut und verschenkten fortan am Wegesrand jedem achtsamen Besucher die wunderbaren Geheimnisse des Waldes.

© Petra Elsner
 * Waldrauch bezeichnet die Nebelbildung in Wipfel der Bäume nach Niederschlägen.

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Die Glücklosen

Ihre wassergrünen Augen schauten immer etwas beleidigt in den Tag. Noch hatte sie etwas Apartes, obwohl sie schon fast 70 Jahre alt war. Modern gekleidet und die feuerrote Mähne frisch frisiert. Das hätte sie sich von ihrer mickrigen Rente niemals leisten können. Aber sie pflegte jahrelang ihren Vater, dann ihre Altersliebe. Mürrische Männer, die man in der schönen, neuen Welt nicht ankommen ließ. Dafür beschenkten sie ihre Margarete. Bis in den Winter 1989 war sie die kinderlose Geliebte eines Romeo-Spions, der durch die Verhältnisse getrieben, im Sumpf der Geschichte verschwand. Die Frau hatte erst spät begriffen, mit wem sie da gelegentlich das Bett teilte. Sie hatte Zeit und Muße. Auch in der damaligen DDR hatte die sogenannte 68er-Generation Mitte, Ende der 70er Jahre die Chefetagen und Institutionen erreicht und deren Posten besetzt. Für die drei, vier Jahre später Geborenen blieben diese ein Arbeitsleben unerreichbar. Die Zwischengeneration der ewigen Mitarbeiter entstand. Es war nicht verwunderlich, dass gerade diese Menschengruppe nach der Wende vom Westen in den Osten strömte, ihre Chance ergriff und alles weg biss, was sich um Augenhöhe und Posten bemühte. Margarete war damals 40 Jahre alt, studierte Werbeökonomin und versank uferlos in der Massenarbeitslosigkeit der 90er Jahre. Sie gehörte fortan zu den Glücklosen, die selbst von ihren Eltern, den gut ausgestatteten und fitten Einheitsrentnern, keinen Respekt bekamen. Anfänglich hoffte sie noch, irgendwann wieder einen einträglichen Job zu bekommen, aber ihr Leben hatte einen Riss und es gab immer einen, der sie verhinderte, bis sie verbittert in Rente ging. Dieser beleidigte Blick bekam nun nicht mehr täglich neue Nahrung, aber er verlor sich nicht. Er wandelte sich höchstens in einen enttäuschten, einsamen Blick. Der sagte schweigend an jedem Grab eines ehemaligen Kollegen: Was hätten wir alles werden können! Man starb früh in dieser Zwischengeneration. Verschlissen und entehrt von schlechten, billigen Jobs, schlugen in ihr Krankheiten härter zu. Margarete war halbwegs gesund. Die Hinterlassenschaften ihrer Männer ermöglichten ihr kleine Reisen und ausgiebige Kaffeehausbesuche, bei denen sie eintauchte in die Sphären der anderen. Hier saß keiner, der abgehetzten Paketboten oder der übernächtigten Zeitungszusteller. Hier lustwandelte das selbstgerechte Leben. Margarete bemerkte sehr bald, dass sie die einzige der Glücklosen war, die diesen Ort besuchte. Lange. Bis sich eines Tages die Glastür des Café Einsteins öffnete und sie ein Blick traf, der ihr vertraut war. Der wissende Blick eines Glücklosens. Er streifte sie nur und hielt dann Abstand. Der Mann griff sich eine Zeitung und fläzte sich mit ihr auf eine der Lederbänke zwei Tische weiter. Er las, trank Kaffee und entfaltete dabei diese seltsame Aura eines Unberührbaren. Die hatte Margarete auch, weswegen es niemand wagte, sich zu ihr zu setzen. Aber seine Anwesenheit ließ sie still in sich hineinlächeln. Sie war an diesem Ort nicht mehr allein.
© Petra Elsner

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Virtuell komplett

Die Zeiten sind ungewiss. Der Ukraine-Krieg, die Entwicklung der Lebenshaltungskosten… Keiner weiß zu welchen Einschränkungen es noch kommen wird und was das für die Kultur bedeutet. Was ich jetzt schon weiß, dass ich keine Winterlesungen mehr geben kann. Kleine, sommerliche Gartenlesungen gehen noch. ABER all das stellt für mich eine weitere Buchproduktion infrage. Und weil dem so ist, veröffentliche ich nachfolgenden Text komplett auf meinem Blog.
11. Mai 2022

 Die Zeit der weißen Wälder

Eine Novelle von Petra Elsner

Wie es war, weiß nur, wer es erlebte.

Sonntags fuhr die Frau mit dem grünen Hut in ihrem grünen Kleinwagen hinaus aus ihrem Alltag. Die Robinien begannen zu blühen und färbten die Wipfel der Wälder weiß. Als sie aus dem Wagen stieg, verströmten am Waldrand Holunder- und Hartriegelbüsche mit ihren Blüten einen lieblichen Duft.  Lange war das Leben an ihr vorbei gegangen, aber als sie dieses frische Weiß sah, lächelte Emilia. Im Juni würden sie zusammenkommen, das wäre ein Anfang. Aber von was? Das war noch unklar. Das Weiß aber träumte mit ihr von einer lebhaften Zeit.
Doch der Juni verging, und Mark war nach seinem Sabbatjahr nicht zu ihr zurückgekehrt. Er blieb irgendwo in Übersee. Kein erklärendes Wort, einfach nichts, auch in all den vergangenen Monaten nicht. Er sprach von einer Auszeit, aber jetzt ahnte sie, er wollte das endgültige Aus, war nur zu feige, es ihr selbst zu sagen. Mark blieb unsichtbar. Aber seine letzten Worte hallten schmerzhaft in ihr nach: „Du trägst den Tod mit dir!“
Sie war wie versteinert von diesem Satz. Als hätte Mark einen bösen Zauber über sie verhängt. Aber er hatte recht, all ihre Verwandten waren in den letzten Jahren verstorben. Emilia hatte keine Schuld daran, doch sie musste den Vater, die Mutter, den Bruder begraben; und davor ein ganzes Land. Nur sie blieb zurück im Leben, und der Schmerz darüber mergelte die kleine Frau aus. Sie ging freudlos, aber doch zäh durch die Zeit des Wandels. Und jeder, der bei ihr stand, fühlte beklommen das Dunkel in ihr.

Der Sommer war heiß. Die Menschen verließen nur noch in den frühen Morgen- und späten Abendstunden ihre Quartiere. Die Leichtigkeit der hellen Jahreszeit war einer stickigen Schwere gewichen. Die Hitze belagerte den Juli und August. Erst im September atmeten die Heidelandbewohner wieder auf. Emilia hatte seit langem endlich mal wieder tief geschlafen. Sie fühlte sich gut ausgeruht, als sich das Smartphone meldete. Sie sah auf die Uhr und fluchte „Herrje! Die Muppet-Show!“ In Windeseile warf sie sich ein Kleid über, kämmte sich flüchtig das halblange, braune Haar, fuhr den Computer hoch und schaltete sich der wöchentlichen Videokonferenz des Berliner Instituts für Stadtplanung zu.
„Ah, Emilia Bach gibt uns die Ehre“, begrüßte sie der Teamleiter Herzog leicht ironisch.
Emilia war die Präzision in Person und gewöhnlich nie zu spät dran, deshalb musste sie auch nicht flunkern: „Ja, eben auferstanden aus Morpheus‘ Armen. Tach in die Runde.“
Die Kollegen murmelten teilnahmslos einen Gruß zurück. Seit der dritten Corona-Welle steckten alle vollkommen vereinsamt im Homeoffice, und es würde auch nach der Krise so bleiben. Die Institutsleitung hatte, bis auf die Chefetage, längst die Büroflächen gekündigt und so Tatsachen für immerwährendes Homeoffice geschaffen.
Herzog schlug seinen Stift gegen das Wasserglas: „Kollegen, wir sind in der Diskussion über die Zukunft von städtischen Großsiedlungen. Die Pandemie hat die soziale Entmischung dieser Quartiere befeuert. Wir müssen eine Antwort darauf finden, denn der Anteil von Familien in prekären Verhältnissen wächst und wird dort dominant…“
Emilias Gedanken schweiften ab, sie kannte Herzogs Studie, sie selbst war von Wohnungstür zu Wohnungstür gegangen und hatte das Fundament für die Analyse geliefert. Die Stadtplanerin war erschöpft von der langen Sommerhitze, ihrer Einsamkeit in den Monaten der Pandemie und dem entmutigenden Thema der Studie.
„Frau Bach! Hallo, bitte Kollegin, wir warten auf Ihren Beitrag.“
Emilia Bach sah in die gelangweilten Gesichter der Videoschalte und sagte abrupt: „Ich brauche eine Auszeit – jetzt, sofort.“ Im selben Augenblick klickte sie sich aus der Schalte. Einen Moment lang atmete die Mittvierzigerin tief durch, da klingelte schon das Festnetztelefon: „Frau Bach, so geht das nicht!“ brüllte Herzog auf sie ein.
„Doch, Herr Herzog, nur so geht das noch. Ich bin raus. Seit Monaten arbeite ich uferlos für Sie. Sie sind maßlos in Ihren Forderungen. Wenn Sie mich nicht auf eine unbestimmte Zeit umgehend freistellen, kündige ich.“ Sie legte auf und das Telefon schwieg. Eine Stunde später kam per Mail:
Grüße an den Gott des Traumes! Herzog.
Also alles offen, dachte Emilia und war damit zufrieden. Sie gewann Zeit.

 

Warum war sie so dünnhäutig geworden? Sie stach sich an jedem Dorn eines Gestrüpps aus Belanglosigkeiten, anstatt es einfach auszublenden. „Herzog“ war nicht nur der Name ihres Chefs. „Herzog“ war ein Schluckauf-Wort für Emilia, ein Brech-Wort, eben ein Kotzbrocken. Er hatte seine Leute nie respektvoll behandelt, sie nur als Material für seinen eigenen Aufstieg gesehen und benutzt. Er verfügte über Steigbügelhalter und fleißige Marathonakteure. Emilia aber war seine kluge Kreative und seine Geheimwaffe für schwierigste Prozesse. Doch für ihre Lösungen schenkte er ihr nie Anerkennung, nur Druck und fadenscheinige Kritik, die auf ihr Selbstbewusstsein zielte. Aber Herzog hatte es übertrieben, ihren Stolz aufgerieben. Jetzt holte Emilia zum Befreiungsschlag aus. Mit Entzug. Ohne sie würde er scheitern. Bald.

Aber was wollte sie? Emilia hatte es irgendwie vergessen. Sie öffnete den Kühlschrank, griff sich eine Wasserflasche und spülte die pulsierende Aufregung von der Kehle. Die Flasche in der Hand lief sie langsam durch ihr kleines Landhaus und ließ dabei die Augen über all die glatten Flächen wandern. Staubfrei und kahl blickten die stumm zurück. Nichts von ihren Träumen war hier noch zu entdecken. Weggeschlossen und ausgeblendet. Staubfänger aus dem Schmerz der gelebten Zeit stören nur die Konzentration auf das Wesentliche – die Optimierung ihres Seins. Plötzlich gruselte Emilia dieser Gedanke. Selbstoptimierung für Herzog, nicht für sich selbst. Sie trank hastig, fast angewidert, den nächsten Schluck Wasser und sah sich danach weiter um. Hier würde sie keine Spur aufnehmen können. Oder doch? Da war noch etwas. Emilia erspähte das winzige vergilbte Foto an der Pinnwand, darunter steckte eine poetische Erinnerung:

Auf Zehenspitzen
zum Fenster.
Im Traum
klopfte jemand
an das Glas.
Aber sie sah:
Niemand
war aus der
grauen Zeit
zurückgekehrt.
Von einem alten Foto
schimmerte
nur eine Gestalt
durch ihre Träume.

Der Gaukler – dachte Emilia, und lächelte traurig, als sie nach dem Foto griff. Sie steckte es behutsam zu ihren wichtigen Papieren. Dann packte sie zügig ein paar Sachen zusammen, verschloss ihr kahles Leben und stieg grün behütet in das grüne Auto vor der Tür.

Emilia Bach fuhr nach Süden. Instinktiv. Vorbei an den brüchigen Landschaften, in denen sich die Kohlesaurier Abschiedsschreie lieferten.  Sie dachte, wenn hier das Erdbeben endet, wird ein neues Drama aufziehen. Aber jeder Anfang ist ohne Schuld. Die emsigen Lausitzer werden es schon hinkriegen. Zwischen Weißwasser und Niesky brauchte sie eine Pause und steuerte den nächsten Parkplatz mit Imbiss an. „Land der Tausend Teiche“ grüßte ein Schild am Straßenrand und sie erinnerte sich: Die Biosphärenreservate – das war wohl der größte Coup der letzten DDR-Regierung! Sie war damals 15 Jahre alt und hatte sich mit Umweltschützern ihres Ortes zwei Jahre vor der Wende für die Erhaltung des Lebensraums der Europäischen Sumpfschildkröte eingesetzt. Schlapp fünf Prozent des staatlichen Gebiets stellte die DDR damals, im September 1990, unter Schutz. Für eine kurze Zeit war in diesem Zwischenland alles möglich, und die vielen Umweltgruppen und Naturschützer witterten und nutzten diese Chance. Das hat der alte Kanzler Kohl sicher nicht gemeint, als er von „blühenden Landschaften“ sprach. Aber doch, die Wende war ein großes Glück für die geschundene Natur. Die Schutzgebiete und die Deindustrialisierung ließen sie wieder aufblühen.
Emilia bog auf den Parkplatz ein und stutzte über den vorgefundenen Anblick: Die parkenden Autos hatten einen weiten Kreis gebildet, in dem Kinder auf Decken lagerten. Vor ihnen stand ein buntes Mini-Holzhaus auf Rädern. An seiner Flanke war eine Bühne ausgezogen, auf der ein dürrer Mann mit einer großen Marionette hantierte, die eine Geschichte erzählte.
Emilia ging am Rande der Szene zum Imbisstand und bat um einen Kaffee. Die Frau hinter dem Plexiglas nickte, griff nach der Kanne auf der Kaffeemaschine und behielt dabei die Kundin in ihren Augenwinkeln. Sie sah, wie Emilias Blick von der kleinen Wanderbühne eingefangen wurde. Die Verkäuferin räusperte sich und holte damit Emilias Aufmerksamkeit zurück zum flüchtigen Geschäft: „Ihr Kaffee, 2,50 Euro, bitte.“ Dazu wies sie über den Platz: „Hans der Täuscher spielt! Das fühlt sich immer an, als wäre Liebe in der Luft.“

Emilia fand die Aussage einigermaßen überhöht, aber wie sie da so stand und am heißen Kaffee nippte, spürte sie auch, dass der spielende Mann in völliger Hingabe versank. Er ließ die Puppe sprechen und bewegte sich dazu, wie ein trauriger Tänzer. Denn die Geschichte war eine traurige Geschichte. Eine von Neid und Verrat, aber sie hatte ein Happy End, und das fanden die kleinen Zuschauer besonders gut. Der Puppenspieler trug so eine taubenblaue Kluft, ähnlich die der traditionellen Chinesen. Die grauen Haare streng zum Dutt gebunden, wirkte er wie ein in die Jahre gekommener Hipster. Aber Hans der Täuscher gehörte nicht in dieses Subkultur-Milieu. Er war ein Einzelgänger, der sich nur für Kinder öffnete. Für sie fuhr er durchs Land und zog seine Schlafstatt als Bühne aus dem Wanderhäuschen. Der Rest der Welt war ihm gleichgültig geworden. So war es auch kaum verwunderlich, dass er nach seinem Schauspiel die Blicke der Frau am Imbisswagen ignorierte. Er trank dort in aller Ruhe sein Feierabendbier aus der Flasche im Stehen und verabredete dabei mit der Imbiss-Frau: „Helga, nächsten Freitag zur gleichen Zeit. Machst du bitte wieder einen kleinen Aushang?“
Helga nickte: „Klaro, Meister. Mach ich doch gerne.“
Hans der Täuscher dankte scheu, schob die Bühne zurück ins Häuschen und fuhr langsam davon.

Emilia stieg ebenfalls in ihr grünes Auto und setzte merkwürdig berührt von dem Erlebten ihren Weg fort. Das Land stieg jetzt langsam zum Oberlausitzer Bergland an. Unweit entdeckte sie auf einem dieser langgezogenen Bergrücken den Puppenspielerwagen. Es gab wohl kein trefflicheres Abbild für die totale Einsamkeit. Sie bog auf den nächsten Sommerweg ab und lenkte das Auto, wie bei einer Crossfahrt, um tiefe Löcher in der Lehmpiste. Auf der Kuppe angelangt, lief Emilia schnurstracks auf den Wohnwagen zu. „Tach! Ich wollte nur fragen, ob du diesen Mann kanntest?“ Sie hielt ihm demonstrativ das kleine Gauklerfoto vor die Nase und wartete.
Hans der Täuscher setzte sich eine alte Nickelbrille auf die schmale Hakennase, fingerte nach dem Foto und starrte es an. „Hm, Fredi, der Spezi von meinen Urgroßvater. Doch, ich kannte ihn.“
„Ach, wirklich?“
„Ja, wer nicht? Ein Unikum wird man nicht im Stillen.“ Er nahm die Brille wieder ab, steckte sie ganz bedächtig zurück in die abgegriffene Schutzhülle: „Und Sie, wonach suchen Sie mit diesem alten Foto?“
„Wenn ich das so genau wüsste.“
„Aha. Ein guter Grund um zu Reisen.“ Er sah nach diesem Satz so aus, als thronte plötzlich ein schwerfälliger Gedanke über seinem Dutt-Haupt, der ihn fortnahm, weit weg von der fragenden Frau. Er horchte in sich hinein und verstummte.
Emilia ging grußlos. Ja, sie war auf Reisen und nun ein Mensch mit Zeit. Sie hatte diese Zäsur selbst gesetzt, war ihr nicht ausgeliefert wie andere Leute, deren Lebensbrüche durch Krieg und Vertreibung, durch die Wende oder durch Naturkatastrophen herrührten. Sie war aufgebrochen, um die Spur des Gauklers aufzunehmen.

Im nächsten Dorf entdeckte Emilia ein „Zimmer frei“-Schild an einem frisch sanierten Umgebindehaus. Diese besonderen Häuser der Oberlausitz fand sie schon als Kind wunderschön und kuschelig. Es ist eine Volksarchitektur, die Blockhaus-, Fachwerk- und Massivbauweise verbindet. Wahrscheinlich hat Emilia hier zum ersten Mal gelernt, sehr Verschiedenes zusammen zu denken, um etwas Neues zu schaffen oder ein Problem zu lösen. An dem hölzernen Türstock hing eine alte Kuhglocke, die ließ die Reisende nun scheppernd läuten. Die öffnende Frau machte nicht viele Umstände. Sie zeigte der Interessentin die schlichte Schlafstatt im Anbau: Im Flur befand sich eine Kochnische und ihr gegenüber lag ein kleines Bad. Die Blockhausstube dahinter bestand aus Liege, Tisch, zwei Stühlen, einem Schrank und einem großen Sonnenblumenbild an der Wand. 
„15 Euro pro Nacht und ohne Frühstück, geht das in Ordnung?“   Emilia nickte und zog ein.

Am anderen Morgen klopfte der Puppenspieler an ihre Tür. Er lächelte geheimnisvoll. Zu ihrer Überraschung trug er heute eine rot-lila schillernde Jacke mit großen aufgesteppten Taschen und weite weiß-schwarze Streifenhosen. Der Mittfünfziger sah in ihr verwundertes Gesicht, drückte ihr wortlos eine Tüte mit belegten Brötchen in die Hände und schlängelte sich an ihr vorbei. Aus seinen großen Jackentaschen holte er eine Thermoskanne, einen Salzstreuer und zwei schöne Glasbecher. Emilia stand noch wie angewurzelt in der Tür und dachte, was für eine Verwandlung. Erst seine galante Handgeste holte sie an den Tisch. Hans der Täuscher goss Kaffee ein und streute eine Prise Salz darüber. „Das nimmt das Bittere aus dem Kaffee,“ erklärte er und legte ein Gruppenbild zwischen die Becher.  „Es ist ein Foto von einem Treffen des Arbeiter-Turn- und Sportbundes zu Zeiten der Weimarer Republik. Und sieh mal, hier unten hocken Fredi und Harry, unsere Urgroßväter. Sie waren damals einfache Arbeiter in einer der Reichenbacher Druckglashütten. Die Eltern der jungen Männer verlangten, dass sie nach ihren Wanderjahren ihre Flausen vom Künstlerdasein sausen ließen, um endlich etwas Anständiges zu machen. So denken ja leider die meisten Leute auch heute noch. Die Familien stammten aus Nordböhmen, und die jungen Männer waren im 1. Weltkrieg in eine Wiener Munitionsfabrik zum Arbeiten eingezogen worden. Als dort eine der Arbeitsbaracken explodierte, sind sie auf und davon und nach Budapest gelaufen. Es waren Hungerjahre, und es hieß, in Budapest gäbe es Weißbrot. Das war ihr Antrieb. Fredi lernte unterwegs von einem Wandergesellen die Grundbegriffe der Ölmalerei und mehrere Musikinstrumente spielen. Harry eignete sich das Puppenspiel an, schrieb Stücke und schnitzte seine Figuren. Die beiden waren einfach unglaublich im Zusammenspiel, das sie in den 20er Jahren in ihre knappe Freizeit verlegten mussten. Stattdessen fertigten sie nun sechs Tage in der Woche Schliffperlen für Kronleuchter. Oder sie schliffen Linsen, Signalgläser, Knöpfe, Fahrradstreuscheiben und technische Gläser.  Über die Glashütte fanden sie zum Turnen. Doch diese sozialdemokratische Sport-Bewegung wurde 1933 nach der Machtübernahme der Nazis verboten. Dieses Foto aber hat die Männer 1945 vor der Kriegsgefangenschaft bewahrt und ihnen vielleicht sogar das Leben gerettet; damals zu Kriegsende, als die Russen über die Neiße kamen. Sie konnten damit beweisen: Sozi, nicht Nazi.“
Emilia schwieg nachdenklich. In Gedanken war sie plötzlich in Fredis Laube am Sportplatz. Ein wackliges Lattenhäuschen auf schwerem, schwarzem Boden. Sie war mit ihrer Mutter für eine Ferienzeit Ende der 70er Jahre dort untergekommen. Es regnete ununterbrochen. Alles in der wackligen Bude war längst klamm, aber in Fredis Glaskiste funkelte das Licht. Es war Bruchglas oder Fehlschliffstücke, mit denen sie spielen durfte. In dieser Kiste lag der Baustoff für ein Traumzauberland. Schillernd und prächtig, ganz anders als das Grau, dass die kleine Stadt unweit des Rotsteins damals überzog. Als gäbe es gegen den Staub der Zeit keine Farbe. Ja, sie kannte den Urgroßvater noch. Er erfand für sie Geschichten von Zwergen und Räubern. Uralt sah er beim Mittagsschlaf auf dem Sofa neben ihr aus, dass es sie manchmal gruselte, er könnte nicht mehr aufwachen. Alt nicht von den Jahren, sondern verbraucht vom Leben. Eines schönen Sommertages ging er mit der Zeitung hinaus aufs Klo im Hof und kam nicht wieder. Vom Schlag getroffen. Damals hat man die Alten noch human sterben lassen, dachte Emilia. Nicht erst nach etlichen Reanimationen, nach denen das Überleben eines Hochbetagten meist kein gutes Leben mehr war. Fredi lebte 84 Jahre lang und wurde von seinem sanften böhmischen Humor getragen. Emilias Mutter hatte seine Staffelei, den Koffer mit den Ölfarben und seine Fantasie geerbt. Die Übergabe glich einer Initialisierung, denn die Mutter wurde zur malenden Geschichtenerzählerin. Als sie starb, nahm Emilia das mütterliche Skizzenbuch an sich und zeichnete darin weiter. Häuser, Stadtquartiere. Sie brauchte etwas Handfestes, etwas Relevantes, das nicht von Stimmungen anderer abhängig war. Und doch spürte sie diffus das innere Familienband, das sie verweigert hatte. Die künstlerischen Talente der Ahnen – sie sind die Verbindung.

Der Puppenspieler sprach in ihre Gedanken: „Du starrst noch ein Loch in das Foto.“
„Entschuldige.“ Emilia legte das Gruppenbild zurück auf den Tisch und murmelte: „Was ein Erinnerungsbild so alles auslösen kann. Sogar Leben retten. Erstaunlich. Dahinter zerbröselt die Zeit, wird fremd, verfälscht. Die Wahrheit verliert sich auf kurz oder lang im Meinungsnebel.“
„Oh, ich mag Menschen, die nachdenklich philosophieren.“
„Die meisten nennen es eher kopflastige Schwermut.“ Sie sah auf den verkleideten Mann und zog flüchtig an seinem schillernden Jackenärmel: „Ist das der echte Täuscher oder verkleidet sich der Puppenspieler nur streng?“
„Das wirst du allein herausfinden müssen.“ Er lächelte gespielt, steckte das Foto ein und fragte: „Wonach suchst du hier?“
Sie sah ihn offen an und zögerte doch einen Moment. Dann flüsterte sie fast: „Ich suche nach der Verbindung.“
„Verstehe“, sprach der Mann jetzt tonlos. Er ahnte, welchen Prozess die Frau auf sich nahm. Er zog eine kleine Handpuppe aus seinen unergründlichen Jackentaschen und ließ den Kasper sprechen: „Sieh‘ mich an. Hundert Jahre bin ich alt und bin der einzige Kasper meiner Art. Einem Bauch- und Handgefühl entsprungen, geschnitzt von Harry. Fast 50 Jahre habe ich in einer Kiste verschlafen, bis mich der Hans fand. Der Sohn eines Holzhausbauers studierte Landschaftsarchitektur und schien damit zufrieden. Doch nach dem frühen Tod des Vaters, gleich nach der Wende, fand er beim Entrümpeln die Puppenkiste des Urgroßvaters auf dem Dachboden. Da wars um ihn geschehen. Er kündigte, baute sich dieses ausgeklügelte, minimalistische Häuschen auf Rädern und fuhr einfach los. Die Oberlausitz rauf und runter, als Wanderer, der die Puppen wiedererweckt. Verstehst du worum es hier geht? Seinem inneren Klang zu folgen, aber dazu braucht es Mut.“
Emilia nickte: „Ich weiß, sonst werden mich die Toten nicht loslassen.“
„Genau, aber Geduld ist das wichtigste Gewürz der Heilung,“ sprach der Kasper noch und verschwand wieder in den schillernden Jackentaschen des Puppenspielers.

Samstagnachmittag fuhr Emilia nach Reichenbach. Schlapp 20 Kilometer waren es nur von dem Dörfchen bei Niesky. Abends würde sie in ihr Fremdenzimmer zurückkehren. Sie wollte die sichere Distanz bewahren und sich nicht sofort von der Familienvergangenheit vereinnahmen lassen. Aber würde das gelingen? In der Parktasche vor dem Ackerbürgermuseum in der Görlitzer Straße stoppte sie. Es war ihr, als lächelte sie das fein sanierte, weinberankte Kleinstadthäuschen an. Sie hatte Glück, denn das Museum öffnete nur am Wochenende. Emilia trödelte ein wenig ratlos durch das rekonstruierte Hausinnere, den schönen Garten und die anliegenden Werkstätten. Was suchte sie hier? In ihrer Erinnerung hing in der Vorgängerin dieser „Guten Stube“ eine kleine Malerei ihres Urgroßvaters, aber nach der Erneuerung zierten jetzt große Fotos die sandgelben Wände. Auf dem großen Tisch in der Raummitte lagen Fotoalben, als hätte soeben ein Familienbesuch dazu geführt, den Nachfahren ein altes Foto von einer Hochzeit oder einem runden Jahrestag zu zeigen. Sie zog sich einen der dunklen Holzstühle zurecht, setzte sich und begann in die schwarzweißen Fotogesichter zu schauen. Während sie blätterte, hatte sie das Gefühl, gleich würde Fredi an den Tisch heranschlurfen und sich mit einer Tasse Eingebrocktem zu ihr setzen. Diesen Schlabberkram aus Malzkaffee, Milch, Zucker und Weißbrotstücken mochte sie so gar nicht und schüttelte sich jetzt angewidert. Ja, diese Stube atmete das Original der kleinen Leute von einst, nur war Fredis Stube viel dunkler und dichter möbliert. Die Enge zwang dazu. Emilia wollte schon gehen, als die Museumsaufsicht mit einem Stapel Broschüren das Ziegelpflaster im Hausflur betrat und den Gast freundlich ansprach: „Die Nachauflage unserer Künstler-Broschüre ist gerade eingetroffen. Möchten Sie mal reinsehen? Allein die Stadt Reichenbach hatte in den 1900er Jahren immerhin 13 Kunstmaler. Deswegen finden Sie auch keine Gemälde mehr in unserem Museum. Alle oder keiner, sonst gibt es nur böses Blut, denn für alle ist eben dieses Haus zu klein. Aber schauen Sie mal, so sahen diese Maler damals ihre Stadt und deren Umgebung.“
Emilia griff nach dem obersten Bändchen und sah, das erste Bild neben den Geleitworten zeigte ihren Urgroßvater an seiner Staffelei. Zwischen Eingangs- und Küchentür hatte er auf lumpigen zwei Quadratmetern gearbeitet. Ein paar Sonntagsstunden. Das Bildwerk darin war vielleicht 1,20 Meter breit. Eine Welt in der Welt, und von dort aus ein Blick in die Weite, die wie in Zeitlupe entstand. Minutiös, Pinselstrich an Pinselstrich glänzende Ölfarbe, und ein Dunst aus Malöl und Terpentin zog durch den Raum. Emilias Sinne nahmen die Foto-Pose in sich auf und sie dachte: Wie klein Fredis Welt war, und doch holte er für sich und andere verlorene Landschaften zurück in diese Nachkriegsstuben: Das Isermoor, das Kirchlein von Morchenstern, die Wälder Nordböhmens. Später erst erkundete er künstlerisch die neue Heimat, den Rotstein, den Töpferberg, das Hussitentor… Still bei sich. Emilia wusste von ihrer Mutter, dass Fredi es nie wagte auszustellen. Er fürchtete sich vor der öffentlichen Kritik, vor dem Verriss seiner Heimatmalerei als kleinbürgerlich rückständig. So schuf er nach innen gewandt, und in diesem Schutzraum durfte er alles.
Emilia verließ mit der Künstler-Broschüre das kleine Museum. Sie steckte das Bändchen in eine leere Papiertüte und dachte: Mutter konnte das auch – auf wenigen Quadratmetern Bilderwelten schaffen. Viele Jahre ohne Atelier. Sie legte einfach ein paar Plastiksäcke auf den Wohnzimmerboden und legte los. Sie war die Einzige dieser Familie, die sich wirklich traute von ihrer Kunst zu leben. Wahrlich nicht immer gut. Aber gerade das fürchten die Menschen seit der Zeit der Aufklärung. Die Freiheit der Kunst von Glaubenszwängen, aber auch vom Dienstherren-Salär, führte in das Risiko der Verarmung. Heutzutage bauen sich manche gut betuchten Rentner nach einem sicheren Berufsleben erst einmal ein stattliches Atelier, bevor sie beginnen, ihre erste Leinwand zu bepinseln. Sie nennen sich ein Jahr später „Künstler“ und stellen ihre Anfängerarbeiten in Kaffeehäusern und Zahnarztpraxen zur Schau. Aber ach, Emilia wollte das nicht weiter sinnieren. Sie startete das Auto und fuhr aus der Stadt.

Emilia kaufte sich in Niesky ein neues Skizzenbuch. Stifte trug sie ja immer bei sich, einfach, um rasch eine plötzlich aufkeimende Idee festzuhalten. Als wäre sie sonst flüchtig, wie ein nächtlicher Traum. Im Fach Entwurfszeichnen war sie die Beste während ihres Architekturstudiums. Viele Kommilitonen meinten, sie solle doch besser zur Kunsthochschule wechseln, doch sie winkte ab. Warum? Das war kein Rätsel. Sie wollte einfach nicht wie ihre Mutter den stimmungsgeladenen Gezeiten ausgesetzt sein. Dem Wetter von guter oder schlechter Laune. Den Krisen in den Brieftaschen der Leute. Den diversen Moden rauf und runter. Und den Seitenhieben der Westkollegen gen Osten. Damals nach der Wende und dreißig Jahre weiter immer noch. Vom Wegbeißen der Männerklüngel gegen Frauen in der Kunst ganz zu schweigen. Die Mutter hatte sich bis zuletzt wund geschuftet mit den Händen und dem Hirn. Dieses Leben schien Emilia zu hart, zu unwägbar, zu verletzlich. Aber dennoch wollte sie, die Urenkelin von Fredi, jetzt einfach zeichnen in Reichenbach. Sie klappe ihren Regiestuhl auseinander und platzierte ihn auf dem Bürgersteig gegenüber dem Hussitentor (*) und begann ihre Skizze. Erst das Ganze, dann viele herangezoomte Details: Die Steinadern, die Maserung, die Patina der Zeit, das Mauerblümchen… Bald schon blieben Passanten stehen, blickten ihr über die Schulter und fragten nach dem Woher und dem Warum. Sie hatte erst keine Worte dafür, aber schließlich konnte sie es formulieren: „Zeichnen ist für mich ein Pilgern zu den Vorfahren.“
Emilia vertiefte sich tagelang in die Strukturen der Stadt. Das Wetter hielt sich sommerlich, und die Leute begannen im Vorbeigehen zu scherzen: „Na, was sagt der Stein heute?“ Jetzt zeichnete Emilia abgelaufene Steinplatten der Gehwege. Alle ihre Herzmenschen hatten Schritte auf sie gesetzt, Fredi, seine Tochter Ria, deren Tochter Sylvia und nun Emilia. Es war, als spürte sie ihren Abdrücken nach – der gepressten Zeit. Donnerstagnachmittag blieb eine alte Frau bei der sonderbaren Zeichnerin stehen. Sie sagte nichts, zog aus ihrem unverwüstlichen Dederonbeutel mit zittrigen Händen ein kleines Gemälde. Nicht größer als ein grau-weiß gerahmtes A4-Blatt. Leuchtende Sonnenblumenköpfe waren darauf zu sehen, frisch, wie aus dem Tau gezogen. Emilia wusste es sofort: Es war eine kleine Wohnzimmermalerei von Fredi. „Ich schenke es Ihnen, weil ich glaube, Sie brauchen es nötiger als ich.“ Die Alte stellte es einfach an den Regiestuhl, rollte ihren Beutel zusammen, steckte ihn in ihre Kittelschürze und tippelte langsam davon. „Danke!“ rief Emilia ihr hinterher. „Danke!“ Die hochbetagte Frau drehte sich noch einmal um, lächelte verschmitzt und verschwand in einem der Häuser am Markt.

Es dämmerte als sie ihr Fremdenzimmer aufschloss. Flackerndes Licht zuckte darin. Die Frau trat ans Fenster und sah den Puppenspieler am Feuer hocken. In Jeans und Holzfällerjacke wirkte er nicht so klapprig wie in seinen dünnen Kostümen. Emilia zog sich einen dicken Pullover über und ging in den Hof. Sie wunderte sich ein bisschen, als sie an der Seitenmauer das Wanderhäuschen erblickte.
„Du hier, wie kommts?“
„Gelegentlich habe ich hier einen Stellplatz.“
„Aha. Und, morgen wieder ein Parkplatzspiel bei Helga?“
Er nickte und steckte wortlos eine zweite Kartoffel auf einen Holzspieß und legte sie in die Glut.
Sie saßen im Feuerschein und hingen ihren Gedanken nach. Als die Kartoffeln gar waren, reichte er ihr einen Spieß, ein Küchenmesser und eine Schale voll Kräuterquark. Während sie ihre Kartoffel pellte sagte sie: „Ich reise morgen ab.“
Hans der Täuscher sah verdutzt auf: „Schon alles gefunden, wonach du gesucht hast?“
„Nein, aber die Steine sprechen nicht mit mir.“
„Warum versuchst du es nicht mit den Menschen?“

Sie blickte auf und ihre großen, traurigen Augen schauten ihn ganz ruhig an. Der Puppenspieler war vielleicht sechs, sieben Jahre älter als sie, aber ebenso ausgemergelt. Dieses Magere gab ihr einen speziellen Hinweis: „Manche Menschen verbrauchen sich schneller als andere. Sie brennen an zwei Enden und zerbrechen früh. Meist hinterlassen sie viel Liebe, aber auch einen elenden Schmerz, der nicht weichen will. Solange die Toten reden, sprechen die Lebenden nicht.“
Dass hatte der Mann am Feuer nicht erwartet. „Deine Toten reden auch?“
„Ja, manchmal.“
Emilia stand auf und holte die Flasche Rotwein, die sie noch in Reichenbach gekauft hatte sowie die beiden Glasbecher. „Die hast du am Samstagmorgen vergessen.“
„Nein, ich habe sie dir hinterlassen. Solche Becher haben Fredi und Harry auch geschliffen. Ich habe noch einige davon.“
Emilia dankte, goss den Wein ein und reichte ihm einen Becher, dabei fiel sein Blick auf ihre Hand und er dachte bei ihrem Anblick: Noch fest, aber schon samtig. Das Leuchten der Haut bevor sie welkt. Er umschloss das Glas und ihre Hand mit beiden Händen. Es war wie eine stille Bitte nach Nähe, und Emilia wartete gerührt, bis er seine Hände wieder öffnete. Sie hatte es geahnt, dass dieser Mann ihr etwas bedeuten könnte. Vielleicht. Die beiden tranken und schauten schweigsam dem lodernden Feuer zu. Man wird vorsichtig nach verwehten Lieben.
Scheitern macht ungelenk, und Marks Spruch „Du trägst den Tod mit dir!“ hatte Emilia emotional schwer verunsichert. Sie gab sich seither ruppiger und fegte zuweilen wie eine Böe durch den Tag. Aber jetzt, hier am Feuer, erwärmte sich ihr Herz. Sie hatte jemanden gefunden, der aus ihrer Zeit kam und sich offenbar auch dem neuen Rhythmus entzog. Sie gerade eben erst, aber er schon Jahre. Wie stolz er da saß. Dieser Stolz verriet innere Balance, nicht übermäßiges Ego. Hans, dachte sie, war die freie Variante des Gauklers. Ein Ungebundener, der jetzt nur die Feuerfunken zu zählen schien. Doch da schlich vorsichtig der Kasper aus seiner Jackentasche und räusperte sich. „Mit den Toten zu sprechen ist eine Gabe, Emilia, aber es ist auch Fluch. Denn nur wenige verstehen das. Viele fürchten sich stattdessen vor solchen Menschen. Harry erzählt ihm manchmal, wie er mit dem geerbten Schatz hantieren muss. Wenn Harry zu Hans spricht, zerfließen die Grenzen. Verstehst du das?“
Emilia nickte und sah den Kasper an: „Weißt du, ich glaube, dass alles beseelt ist. Jeder Stein und jedes Blatt. Das Göttliche ist in allem und nichts geht verloren in der Welt, neben der es auch noch andere Welten geben kann. Für die Toten gibt es keine Grenzen, nur für die Lebenden. Aber manchmal ist es anders. Dann lässt das Band der Liebe sie miteinander sprechen, wenn man es zulässt und sich nicht fürchtet.“
„Du bist ein kluges, spätes Mädchen“, hauchte der Kasper. „Die Geheimnisse allen Lebens – wir kennen sie kaum, aber einige berühren wir und sind verwundert.“

Es war jene Stunde in der Nacht, in der das Leid des Trinkers über den Tresen schwappte und der Wirt sich einen Schnaps eingoss, damit er das lallende Elend weiter ertragen konnte. Zu dieser Zeit schlich sich ein Schemen des Gauklers in die Bar. Ganz in Schwarz gekleidet verschluckte ihn beinahe der dunkle Raum.
„Ah, der Fürst der Finsternis gibt uns mal wieder die Ehre“, murmelte der Wirt in seinen Dreitagebart. Aber Hans der Täuscher kam nicht an den Tresen. Er blieb in seiner Ecke und trank Bier und Whisky. Schon am Feuer mit Emilia verspürte er diesen aufsteigenden Drang, der ihn alle paar Monate beschlich. Seit Jahren trank er immer dann, wenn sein Leben jähe Wendungen nahm. Veränderungen warfen den Mann aus der Spur, denn dem Wandel folgten meist die schmerzlichen Verluste. Er war nicht bereit für eine neue Liebe und doch hatte sie ihn einfach angesprungen. Emilia erinnerte ihn an seinen eigenen Ausstieg aus dem bürgerlichen Leben. Als sie das Feuer im Hof löschten, hatte sie ihn an sich gezogen, doch er steckte bereits in diesem Gefühlschaos, das den Trinker in ihm wachrief. Mit einem „Ich muss nochmal weg.“ hatte er sich aus ihrer Umarmung gelöst und war mit seinem Wanderhäuschen in der Nacht verschwunden. Als niemand mehr den Tresen bevölkerte, erhob sich der Puppenspieler aus seiner Nische und setzte sich zu dem Barmann, der inzwischen Gläser polierte. „Warst lange nicht hier, Hans.“
„War nicht nötig, Tom.“ Der wusste, die nächsten Nächte würde dieser Gast nicht mehr vom Tresen weichen und sich schweigend verdüstern, bis ihn der Selbsthass wieder davon trieb.

Emilia packte. Sie war nicht wirklich verärgert, aber doch fühlte sie sich zurückgewiesen. Offenbar hatte sie ihn falsch verstanden und wollte nicht länger darüber nachdenken, sondern einfach nur weg hier, um ihrem Grund weiter nachzuspüren. Dafür aber musste sie zurück in die Heide.  Auf Helgas Imbiss-Parkplatz hielt sie noch einmal an. Freitag, 15 Uhr. Eigentlich müsste jetzt Hans der Täuscher sein Puppenspiel beginnen. Aber er war nicht gekommen und das brachte Helga einigermaßen in Verlegenheit. „Immer mal wieder kommt er einfach nicht und verprellt sein Publikum. Das ist richtig ärgerlich mit dem schrulligen Kauz.“ Sie fragte Emilia gar nicht erst, ob sie etwas wünsche, sie goss ihr einfach einen Spendierkaffee ein und ließ Dampf ab. Wie sich herausstellte, war sie die älteste Freundin des Puppenspielers. Schon in ihrer Kinderzeit stand sie dem Sonderling aus der Nachbarschaft bei. „Wissen Sie, Hans hat mir früher immer sonntags im Park die Geschichten seines Urgroßvaters vorgespielt. Mit Fingerpuppen aus Stofftaschentüchern. Dabei wurde der stille Junge plötzlich lebhaft. Aber er brauchte diese Knotenfiguren als Deckung, nur hinter den Puppen fühlte er sich sicher. Ach, es ist ein Jammer.“
„Wieso?“
„Na, er könnte mehr sein, als nur ein Wanderer mit Puppen.“
„Aber vielleicht will er gar nichts anderes, schließlich hat er die Puppen für sich erst spät wiederentdeckt.“
„Ja, stimmt schon.“ Helga winkte ratlos ab.

Im Anrufbeantworter steckten nur Notrufe von Herzog, die Emilia nach ihrer Ankunft in der Heide ignorierte.  Sie hing das Sonnenblumenbild von Fredi über ihrem Schreibtisch auf. Platzierte die geschliffenen Becher auf dem Küchentresen und legte die Künstlerbroschüre aus dem Reichenbacher Museum zu ihrem Leseplatz und suchte nun nach dem Schlüssel für das Nebengelass. Den Schuppen im Hof hielt sie seit Jahren verschlossen. Nichts darin schien von Bedeutung zu sein. Aber das stimmte so gar nicht. Sie hatte sich den Dingen nur entzogen. Während sie die Metalltür aufschloss, begann ihr Herz schneller zu schlagen und sie fühlte, am liebsten wäre sie jetzt nicht allein. Aber da war niemand, aber auch das stimmte nicht, denn als sie eintrat in den Raum aus Kistentürmen, spürte sie sie. Ein Anflug, ein Hauch von Nähe, und in Emilias Kopf flüsterte es: „Endlich kommst du!“.  Als die Mutter starb und sie das Häuschen erbte, hatte sie es vollkommen entkernen lassen und grundsaniert: Neue Heizung, neues Bad, neue Fenster und Türen, neue Dielen, das Dachgeschoss ausgebaut und das Wohnzimmer zum Dachgeschoss geöffnet. Das geduckte Haus bekam so Weite und modernen Schick. Kurz vor der Corona-Krise verließ Emilia Bach Berlin und zog allein in den Norden Brandenburgs. Da hatte gerade Marks Sabbatjahr begonnen, und sie konnte nicht ahnen, dass er niemals nachziehen würde.
Durch die Corona-Regeln lernte sie im Dorf nach ihrem Zuzug niemanden wirklich kennen. Die Menschen blieben verborgen in ihren Bauernkaten, keine Chance auf Aufnahme ins Dorfleben.  Es gab einfach keins mehr. Hier ein grüßendes Zuwinken, dort ein sorgenvoller Blick, mehr wurde ihr nicht zuteil.
Alles, was zuvor in dem Mutterhaus steckte und von Wert war, hatte die Erbin in diesen Schuppen umgelagert, oder besser gesagt versenkt. Denn sie betrat diesen Abstellraum seither nicht mehr. Die Dinge störten, verströmten eine andere Art zu leben, die ihr gefährlich schien. Die Krise verschärfte diesen Eindruck sogar noch.
Die Künstler – die Unrelevanten, die man einfach verhinderte, bis viele von ihnen aufgaben. Manche brachten sich lautlos um. Berufsverbot, das kannte Emilia nur vom Hörensagen. In den alten Ländern betraf das Beamte, die beispielsweise Mitglied in der verbotenen DKP waren. In der DDR bekamen etliche systemkritische Künstler Berufsverbot. Aber im geeinten Deutschland wegen einer Seuche? Warum die Künstler? Warum nicht dann auch die Profisportler? Die Politiker meinten wohl, auf Kunst ließ es sich am leichtesten verzichten. Das hatte Emilia empört. Und diese Empörung war es wohl gewesen, die sie auf ihre unwirkliche Suche trieb. Die Suche nach den abgeschnittenen Wurzeln.
Wo anfangen? Emilia strich mit der flachen Hand über die Kisten und las die Aufschriften: „Bücher“, „CD’s“, „Belege“, „Manuskripte“, „Fotos“, „Zeichnungen“. Unmengen Kisten mit „Illustrationen“. Die Mutter war keine schnelle Zeichnerin, aber eine emsige. Emilia erinnerte sich, dass an einem Neujahrsmorgen, an dem die meisten Menschen noch verkatert in den Federn dösten, die Mutter an ihrem Zeichenplatz saß und arbeitete: Neujahr, 9 Uhr morgens. Dieses permanente Arbeiten, diese strenge Disziplin, die von Sylvia Bach ausging, hatte Emilia abgeschreckt sich auf ihre Talente einzulassen. In Gedanken sah sie die Mutter zeichnend am Schreibtisch. Gebeugt, mit konzentriertem Blick und um den Mund: ein Lächeln. Es war eine besondere Art des Lächelns, eine, die das innere Glück nach außen kehrt. Ebendiese Aura hatte Emilia auch bei Hans während seines Puppenspiels gesehen. Ein Leuchten.
Bei solchen Gedanken stellte sich Emilia vor, dass Kunst zu schaffen ein Schöpfungsakt sei, der beseelt. Nicht nur das Werk, auch den Künstler. Sie öffnete eine Schachtel nach der anderen und fühlte den Stich im Herzen. Sie, die Mutter, war ihr der wichtigste Mensch gewesen. Nicht wegen der sogenannten Mutterliebe, sie war die Einzige, die sie präzise verstand. Sie hätte auch ihre Reichenbacher Strukturzeichnungen verstanden. Die mäandernden Lebenslinien im Stein, den Versuch den Schimmer von Zeit einzufangen. Jetzt war es Emilia, als kämen aus der Stille der Kisten flüsternde Worte: „Schau‘ genau hin, das sind wir.“
Sie nahm einen Stoß dieser Kisten mit hinüber ins Haus. Dort legte sie die Zeichnungen aus. Ein Bilderteppich wuchs, der alles überzog. Emilia hockte mit einer Tasse heißer Schokolade inmitten dieser Fülle. Tränen stiegen auf und ihre Atmung zitterte. Sie hatte sich damals keine Auszeit für eine Trauer gestattet, wollte einfach weiter funktionieren, den Ansprüchen gerecht werden. Damit ihr das möglich wurde, hatte sie sich emotional gepanzert und diese glatte Emilia-Wohnwelt geschaffen. Berührungslos, bedeutungslos. Jetzt platzte mit jedem Blick diese Schutzhülle auf.  Splitter aus Schmerz. Eingehüllt in die mütterliche Stimme, die aus jeder Linie aufstieg, saß sie da, sanftmütig, verletzlich und versunken. Tagelang? Sie spürte die Zeit nicht mehr. Sie aß nicht, trank nur diese Kakaomilch, schlief inmitten des Bilder-Chaos, erschöpft vom Schauen und Erinnern auf dem Boden, nur in eine Decke gehüllt.
Es klingelte. Wenig später klopfte es an die Terrassentür. Herzog griff nach der Klinke und stand plötzlich in dieser überbordenden Bilderwelt. Seine Stadtplanerin blickte ihn aus verquollenen Augen an. Irgendwie entrückt, vernachlässigt. Der mächtige Zweimetermann sah, dass hier kein Platz war für ihn und sein Anliegen. „Wollen wir ein paar Schritte gehen?“ Emilia Bach schüttelte den Kopf, „Ich habe Ihnen nichts zu sagen, und ich will auch nicht mit Ihnen durch die Heide spazieren.“ Er nickte und ging langsam hinaus, die Dorfstraße hinunter bis zur Brücke über das Döllnfließ. Herzog lehnte sich auf das blaue Geländer und sah dem Lauf des Wassers zu. Den hatte er auch schon spritziger gesehen. In der Hitze der letzten Sommer war aus dem Fließ ein dünnes Rinnsal geworden.  Zeichen der Dürre, dachte der Mann, der im Frühling gerne mit der Naturwacht durch die Schorfheide wanderte. Durch die Auen am Döllnfließ und weiter auf schattigen Waldwegen um den Großen Döllnsee herum. Mit jedem Schritt glitt ihm der Stadtstress von den Schultern. Aber nicht heute. Wie er da so stand und sinnierte, beobachteten fremde Augen sein Ungeschick. Er spürte die fragenden Blicke hinter den Gardinen in seinem Rücken. Jemanden ungebeten zu besuchen, war ein unerwünschtes Eindringen. Er hätte sich ankündigen müssen. Aber konnte er ahnen, in welchem Zustand sich diese Kollegin befand? Und warum jetzt, fragte sich Herzog, warum hatte sie jetzt die Trauer geweckt? Nach so vielen Jahren? Er verstand es nicht und auch nicht den Rückzug der Bach in diese entlegene Gegend. Ja, sie hatte dieses Mutterhaus geerbt und gewiss war es schlau, es nicht gleich zu verkaufen. Häuser sind in diesen Zeiten wachsende Bankkonten und sie werden mit der globalen Völkerwanderung immer wertvoller. Aber muss sich die Frau gleich in dieser Einöde vergraben und sich den Jahreszeiten aussetzen? Das Leben in den Städten war doch viel smarter. Was war los mit dieser Emilia Bach. Sinnkrise? Verstimmt stieg der Mann in seinen schwarzen BMW und fuhr unverrichteter Dinge davon. So etwas war er nicht gewohnt, er würde ihr schreiben müssen.

 Liebe Frau Bach,
bitte entschuldigen Sie meinen unangekündigten Besuch. Ich wollte nicht übergriffig sein, aber ich brauche Sie dringend im Institut. Die Studie über die Zukunft von städtischen Großsiedlungen kommt ohne Sie nicht zum Abschluss. Wir brauchen Ihren sozialen Scharfsinn dafür. Bitte melden Sie sich …

Emilia las nicht weiter. Sie verschob die Mail in den virtuellen Papierkorb. Herzog störte. Aber die Frau wusste inzwischen, ohne den Verlustschmerz zuzulassen, würde sich ihre Trauer nicht legen. Deshalb verweigerte sie sich dem gewohnten Leben. Stattdessen holte sie sich aus dem Schuppen die nächsten Kisten und es war ihr, als würde sie in all der Fülle förmlich ertrinken. Die ungelesenen Bücher und Manuskripte der Mutter – unaufgeräumte Herzstiche.


Der erste Herbststurm riss das Goldlaub von den Bäumen und peitschte das Land. In der Dämmerstunde fiel Strom aus. Es war wie ein Zeichen für Emilia, das Sichten zu beenden. Sie räumte auf und verschloss die Kisten wieder. Nur die mütterlichen Geschichten behielt sie bei sich. Bücher, die lange in der Finsternis davon träumten, dass jemand sie aufschlug und ihren Schatz entdeckte. Es wurde dunkel, als der Sturm endlich einschlief, doch der Strom fehlte weiter. Die Frau stellte gerade Kerzen auf, als es sacht an die Fensterscheibe klopfte. Emilia blickte auf und sah den Kasper hinter dem Glas, der ihr vorsichtig zuwinkte. Na sowas, der Puppenspieler, dachte sie und öffnete die Tür mit klopfendem Herzen. „Ich kaufe keine Taschenspielertricks an der Haustür,“ spöttelte sie.
„Na, dann lass uns doch einfach reingehen,“ antwortete der Kasper und Hans der Täuscher grinste.

„Von welchem Parkplatz hat es denn dich hierhergetrieben? Und wer hat dir verraten, wo ich lebe?“, fragte Emilia distanziert.
„Die Wirtin deines Ferienzimmers war so frei. Ist zwar nicht datenschutzkonform, aber du weißt ja, ich habe bei ihr einen zeitweiligen Stellplatz.“ Hans der Täuscher legte ein Foto in den Kerzenschein auf dem Küchentisch. Er setzte sich und wartete, dass Emilia es ansah. Sie brachte zwei Becher Rotwein herbei und erblickte das Bild: „Meine Großmutter Ria und Harry – beim Puppenspiel?“
Hans nickte: „Ja, sie musste ihn im ersten Nachkriegssommer über die Dörfer begleiten, sollte erst einmal irgendetwas lernen. Aber sie hat nicht durchgehalten. Der alte Harry nahm es mit der Hygiene nicht so genau, wenn er Überland reiste. Er stank einfach entsetzlich in der Sommerhitze. Da ist sie auf und davon, und Fredi war sauer.“
Emilia schüttelte ungläubig den Kopf: „Für mich war Ria eine Kabarettistin auf irgendwelchen Arbeiterbühnen. Nebenberuflich nur, weil auch Fredi, genau wie seine Eltern, von ihr verlangte, einen anständigen Beruf zu ergreifen. Sie lernte schließlich Stenotypistin, wurde Sekretärin. Weil so viele Männer im Krieg geblieben waren, gab es in den 50er und 60er Jahren eine bemerkenswerte Frauenförderung. Ria kam so zu einem Fernstudium: Regie und Journalistik. Danach wurde sie Aufnahmeleiterin beim Rundfunk und schrieb später für eine Radiosendung sehr durchschnittliche Sketche. Sie war nicht glücklich in alledem, und deshalb kam wohl der Krebs. Großmutter hatte nur einen Bruchteil von Fredis Talenten geerbt, doch nie konsequent daran gearbeitet. Aber Talent ohne Training ist nichts. Ria war einfach eine leichtfüßige Lebefrau. Von ihrem Ausflug ins Puppenspiel hatte sie nie erzählt. Es muss sie abgeschreckt haben.“
„Na ja, es waren ihre Sturm-und-Drang-Jahre. Sei nicht so streng. Wir alle sind Kinder unserer Zeit. Damals herrschte der feucht-fröhliche Überschwang, eine feierwütige Freude, weil man am Leben geblieben war. In diesem Taumel ging sie nach Ostberlin und spürte ihren Chancen nach. Man sah sich danach nur noch selten und wurde sich schließlich fremd.“
Emilia nickte nachdenklich: „Als ich zwölf war, ist sie gestorben.“
„Ich weiß“, flüsterte der Mann, „danach riss die Freundschaft. Wir haben einfach nichts mehr von den Berlinern gehört. Aber es gab dieses Band zwischen unseren Sippen.“
Sie tranken den Wein in großen Zügen. Emilia schenkte nach und schmierte ein paar Schmalzbrote. Hans sah sich inzwischen in dem Raum um. „Sehr aufgeräumt.“
„Hättest ein paar Stunden früher kommen müssen. Totales Chaos. Da hockte ich noch inmitten des mütterlichen Nachlasses. Völlig versunken in der verschwommenen Vergangenheit. Tagelang. Ein wirres, schmerzhaftes Suchen war das.“
„Und, bist du fündig geworden?“
„Ich weiß nicht, vielleicht. Meine innere Stimme sagt mir: ‚Steig aus dem Hamsterrad! Folge deinen Talenten!‘, aber ich fürchte mich.“
„Wovor?“
„Vorm Scheitern.“

„Klar, wovor sonst“, murmelte Hans der Täuscher und sprach dann fester: „Jeder neue Weg, der gegangen werden will, macht erst einmal Angst. Aber neues Terrain zu erkunden ist auch beflügelnd. Man spürt, wie man wächst, das macht mit der Zeit sicherer.“
„Aber auch einsam, denn man passt plötzlich zu keinem der alten Gemeinschaften mehr, ist keiner mehr von ihnen, steht außerhalb des Kreises.“ Emilia gestikulierte mit harten Händen. Es sah beinahe so aus, als schmerzten die Worte, die fielen.
Der Puppenspieler räusperte sich, „Du solltest dir neue Gefährten suchen. Menschen, die ähnliche Wege gehen.“
„Wozu? Diese Solisten sind doch alle irgendwie schräg. Völlig gefangen im eigenen Kreisel. Solche Typen wie du verbieten sich ja sogar zu lieben.“
Da war es raus. Eigentlich wollte Emilia die Szene am Feuer nicht kommentieren. Aber offenbar hatte seine Zurückweisung doch einen Stachel gesetzt. Schweigen begleitete das Trinken. Emilia holte die zweite Rotweinflasche, entkorkte sie und stellte sie etwas zu heftig ab. Die Becher klirrten. Eine Wucht der Gefühle schwappte wortlos aus ihr.
„Ich bin ja hier, um es zu erklären, wenn es denn geht“, druckste der Mann.
Emilia setzte sich demonstrativ, stemmte die Ellenbogen trotzig auf die Tischplatte und ihr Gesicht in die Hände. Ihre Augen fixierten den hageren Mann. Jedes Wort wäre jetzt das Falsche gewesen. Hans stand langsam auf und zog sie aus ihrer lauernden Position in seine Arme. „Bitte verzeih mir.“
Bittere Küsse erwiderten seine. Das Spröde wurde weicher, und zwei Menschen verloren sich aneinander in dieser langen Nacht.

Am nächsten Morgen war der Strom wieder da, aber der Sturm hatte polare Luft herangeschoben. Der Wald hinter dem Haus glitzerte im Raureif. Hans war zeitig aufgestanden und bereitete ein üppiges Frühstück vor. Der Duft des Kaffees schlich über das Nachtlager und weckte Emilia. Sie fühlte sich erwärmt und geborgen, als sie aufstand und in die offene Küche trat.
„Morgen! Aufgehört oder ausgeschlafen?“
„Vom Duft geweckt, bekomme ja nicht jeden Tag ein Frühstück serviert.“
Hans räusperte sich: „Wird auch nicht alle Tage sein. Ich muss weiter touren.“
Emilia verschloss sich wieder: „Ja, verstehe, und was wird das nun? Eine Gelegenheitsbeziehung?“
„Frag nicht, ich weiß es doch auch nicht.“
Sie aßen miteinander, aber die Nähe der Nacht wich einer ungewissen Distanz. Hans der Täuscher brach nach der zweiten Tasse Kaffee auf. Zu einen Schauplatz in der Lausitz. Ohne eine Verabredung. Als Emilia enttäuscht das Radio anschaltete, warnte eine dringliche Stimme vor der anschwellenden vierten Corona-Welle. Sie fluchte angewidert.

Emilia zeichnete. Schwarze, fließende Linien auf langen, weißen Gewebebahnen. Meterlange Lianen, die sich zu Worten wanden, ausstrahlten, um abermals zu zerfließen zu Pfaden, Jahresringen, Lebenslinien. Ihr Thema – das Menschenband, die Verstrickungen der Generationen. Plötzlich wusste Emilia, dass es genau dieser Gedanke war, der sie aufgerufen hatte, ihm Gestalt zu geben. Eine innerliche Initialisierung mit Imperativ: Du musst es zulassen und ihm folgen! All diese Linien ergaben atmende Muster, ein rhythmisches Zusammenspiel, wie ein lebender Organismus. Fieberhaft entwickelte die Frau ihren Stil in absoluter Stille. Kein Radio, kein Fernseher, nur sie und dieses schwarze Acryl auf weißen Bahnen, die an der Decke der einen Wand hingen, abwärts schwebten, über den Boden liefen, um gegenüber an der anderen Wand wieder aufzusteigen. Meterlange Gebilde und mittendrin eine Frau auf der Suche nach dem Gespür dieses großen Zusammenhangs. Sie experimentierte mit natürlichen Pflanzenfarben aus Holunder- und Blaubeeren, aus der Gerbsäure der Walnussfrucht und Spinat. Dieses kräftige Farbspektrum verdrängte das schwarze Acryl vom Malgrund. Emilia hatte das Gefühl, ihre Mutter sah ihr über die Schulter und lächelte. Eine leise Zufriedenheit machte sich in der Suchenden breit. Nur nachts lag sie unruhig und stundenlang schlaflos. Ihre Nachtgedanken kreisten um den Puppenspieler.

Sie war genervt. Seit Tagen baute sie an ihrer Website. Ihr Nacken schmerzte und die Augen waren trocken vom zu langen Starren auf den grellen Bildschirm. Emilia ging ins Bad und träufelte sich Tropfen in die Augen. Dabei dachte sie: Du hast dir den schlechtesten Zeitpunkt für deinen kreativen Aufbruch ausgesucht. Corona schränkte erneut das kulturelle Leben ein und es plante inzwischen niemand mehr wirklich eine Ausstellungszeit im Winter. Deshalb wollte sich die Frau eine virtuelle Galerie einrichten, einfach, um sich irgendwie zu zeigen. Ausgang offen – ein Versuch für öffentliche Wahrnehmung. Heute wird sie endlich beginnen, ihre schier endlosen Gewebebänder als Rauminstallation ins Netz zu stellen. Dann könnte sie ihr Wohnzimmer wieder „entkleiden“, aufräumen, um neu zu beginnen. Während sie den Raum optimal ausleuchtete und zu fotografieren begann, befielen sie wieder diese Selbstzweifel. Was ist es wert? Wer braucht das? Sie änderte ihre Perspektive und schoss im Liegen Ansichten vom Aufsteigen und Fallen der Strukturbänder. Würde sie jemand verstehen? Was löst diese Kunst aus? Könnte sie das Denken beeinflussen? Wegführen von dem detailversessenen Aufflackern von Ideen, die sehr bald wieder niedergerissen werden, ausgelöscht und vergessen? Wäre es möglich, das menschliche Sein als Ganzes anzunehmen? Altes nicht zu verwerfen, sondern einfach Neues dazuzufügen? Um wieviel reicher wäre die Welt? Und man müsste nicht allenthalben Vergessenes neu bergen, um es wieder nützlich zu machen. Das Band der Generationen würde so sichtbar sein. Kein dünner Faden, sondern ein dickes Seil.

Das war ihr Wunsch. All ihre Toten standen imaginär hinter ihrem Rücken und schubsten sie leise dorthin, wo sie jetzt stand: An einem Wendepunkt. Sie war zurückgegangen, um das Band aufzunehmen. Jetzt wusste sie, wie sie vorwärts gehen würde. Einen Augenblick machte sie das leicht und stark zugleich. Sie stellte die Kunstfotos ins Netz und betrachtete noch einmal prüfend das Ergebnis. Danach schrieb sie entschlossen ihre Kündigung und schickte sie per Mail an Herzog.

Sehr geehrter Herr Herzog,

es hat etwas gedauert, bis die Gewissheit in mir wuchs, dass ich meine Kraft nicht mehr in die Planung von städtischen Großsiedlungen stecken möchte. Diese Behausungen sind seelenlos. Ich werde mich zukünftig künstlerischer Arbeit widmen und kündige hiermit unseren Vertrag. Fristlos, denn ich nehme jetzt all meine unbezahlten Überstunden aus 18 Arbeitsjahren in Anspruch. Sie reichen weit über ein Vierteljahr hinaus.

Mit freundlichen Grüßen
Emilia Bach

Herzog war sauer und schlug mit der flachen Hand auf seine Tischplatte. „Fristlos? Eine Frechheit!“ Er stand auf und lief durch den großen Raum. Runde um Runde um Schreib- und Sitzungstisch. Wie konnte sie nur ihren sicheren Job gegen eine ungewisse Freiberuflichkeit eintauschen? Er fluchte gallig: „Der blanke Leichtsinn! Eine Weiberlaune! Kunst – in diesen Zeiten! Pah, wer braucht denn sowas! Das machen doch sowieso bald nur noch die Computer! Die hat einfach zu lange in ihren Albträumen gesessen!“ Marta Liebig, die Sekretärin, öffnete sehr vorsichtig die Tür zum Chefzimmer: „Ist etwas, Herr Herzog? Brauchen Sie irgend etwas?“ „Raus!“ brüllte der Mann.  Die Tür schloss sich noch langsamer als sie sich geöffnet hatte. Herzog holte sich ein Glas Whisky aus der Büro-Bar und ließ sich damit in seinen Ledersessel fallen. Ja, klar, die Bach war eine gewande Zeichnerin, aber glaubte sie denn wirklich davon leben zu können?  Dieser Gedanke sorgte den Mann nicht wirklich. Es war eher der Umstand, dass er nun selbst diese ungeliebte Studie zu Ende führen musste und Vorschläge für eine komplexe Sanierung eines Großwohnblocks des Typs WBS 70 zu entwickeln. Er musste sich sozusagen schnellstens eine Platte machen, denn es gab niemanden im Team, dem er das überhelfen konnte. Und wenn er der Bach mehr Geld anbieten würde? Er griff spontan zum Telefon, wählte; Emilia sah die Nummer auf dem Display und drückte sie schmerzfrei weg. Er hatte sie verloren.

Frei sein – das fühlte sich merkwürdig an. In diesem Land reden die Leute ja andauernd von Freiheit. Aber die allermeisten waren in ihrem Alltag nicht frei, sondern abhängig von Tausenderlei, das spürte Emilia jetzt ganz deutlich. Natürlich wird Freiheit den Menschen in Deutschland sogar per Gesetz zugesichert: Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Reisefreiheit… Aber die Lebensverhältnisse sind übergriffig und schränken die wahren Möglichkeiten ein. Durch Einflussnahme und Machtmissbrauch, durch Armut auch. Emilias Arbeitsverhältnis hatte in den letzten Jahren dazu geführt, dass sie sich nicht mehr spürte. Kein Teil von ihr schien ihr noch zu gehören. Alles ordnete sich diesem hochwertigen Job unter, der auch außerhalb der bezahlten Zeiten verlangte, dass sie bergeweise Fachliteratur las und forschte. Der Kopf war nicht frei. Deshalb war es auch so unermesslich schwer aus der Bahn auf einen anderen Pfad zu springen. Selbst wenn sie sich irrte, sich fürchtete, vielleicht versagte; sie war jetzt aus freien Stücken unterwegs, und der Raum, der sich ihr jetzt öffnete, war weit.


An einem Morgen Ende November steckte ein dickes Kuvert in Emilias Briefkasten. Darin befanden sich Urlaubsfotos von ihr und Mark und diese Nachricht.

Liebe Frau Bach,

sehr lange habe ich nichts von meinem Sohn gehört. Vor einem Jahr begann ich, nach ihm suchen zu lassen und erfuhr schließlich, Mark ist im März 2020 in New York an Corona verstorben. Erst als ich jetzt seine Habseligkeiten sortierte, entdeckte ich, da gibt es noch eine, die auf ihn wartet und deshalb übermittle ich Ihnen diese traurige Gewissheit. Wir konnten ihm nicht beistehen und uns nicht verabschieden, wir haben nur die Echos aus der Vergangenheit. Wir kennen uns nicht, aber wir sind über den Verlust miteinander verbunden.
Seien Sie tapfer und leben Sie Ihr Leben,

Marita Sonnenberg

Mark hatte sie also doch nicht verlassen, aber Emilia hatte nun einen Toten mehr in ihrem Gefolge. Doch dieser erhob in all der Zeit nicht seine Stimme, und sie hatte längst von ihm Abschied genommen. Wenn auch unter anderen Vorzeichen. Es gab nichts mehr zu bedenken, seine Geschichte blieb versiegelt. All die anderen waren noch um sie und spiegelten ihr Bruchstücke ihres einstigen Lebens. Alles wird sie nie erfahren. Alles wäre auch nicht auszuhalten, zu erfassen, schon gar nicht zu bewahren. Es ist die Natur der Vergangenheit, dass sie verblasst und die Menschen nicht alles erinnern. Auch dieser Schuppen im Hof müsste ein neues Leben bekommen, dachte Emilia. Dafür aber musste sie sich entscheiden, was für sie verzichtbar ist. Noch nicht, wehrte die Frau den Gedanken
innerlich ab. Das ist eine Aufgabe für den Frühling. Und trotzdem, irgendwie riss sie dieser Tag aus ihrem Schaffen. Sie spürte, sie brauchte eine Pause, auch um zu überlegen, wovon sie sich ernähren würden, wenn ihre Rücklagen aufgebraucht waren. Noch war Zeit. Ihre Struktur-Malerei würde es nicht bringen, die hat nur Schau- und Erkenntniswert, kaum einen Geldwert, grübelte sie. Denn bis es dafür Eintrittsgelder gibt, würde es dauern, oder es würde nie sein. Sie musste etwas Zweites erwerbsreifes hinzufügen oder wieder irgendeine Arbeit aufnehmen.  
Emilia kochte sich Tee und griff nach den Mutter-Büchern. Die Weihnachtsgeschichten. Sie blätterte und las. Eine Stunde später kochte sich einen zweiten Tee, las weiter und dachte überrascht, das wäre doch was. Sie griff nach der Jacke und huschte über den nebelgrauen Hof hinüber zum Schuppen. Wo war die Kiste mit den Weihnachtsillustrationen? Wenig später stieg sie in das kleine grüne Auto und fuhr in den Copyshop ihres Vertrauens nach Berlin.

„Auf weiße Werbebanner, 80 Zentimeter mal 2 Meter und keine Hochhäuser?“, grinste Adelbert Wolf, der längst wusste, dass die Städteplanerin nicht mehr für Herzog arbeitete. Er sichtete die Zeichnungen und fand: „Sie sind vielleicht zu klein, um sie so groß zu ziehen. Aber vielleicht doch, sie haben alle einen sauberen Stich, wir versuchen es erst einmal auf Papier.“ Emilia nickte und folgte dem vertrauten Fachmann. „Erstaunlich!“ murmelte der, als er die ersten Vergrößerungen sichtete. Nach zwei Stunden verließ sie mit zehn gestalteten Bannern und einer Handvoll Plakaten das Geschäft und fuhr über die Dörfer zurück in die Schorfheide. Die Lichter unterwegs verschwammen im Dunst der Niesel-Nebel-Tropfen. Trotzdem schenkten sie der Frau im Auto eine freudige Stimmung.
Eine Woche später hatte Emilia Bach sich im historischen Rathaus der nahen Kleinstadt für zwei Wochen in einen schönen Raum eingemietet und ihn mit den Illustrationen dekoriert. Die Lokalzeitung druckte gerne ihr Vorhaben ab und so wusste man bis in die umliegenden Dörfer, Emilia Bach liest bis Weihnachten jeden Nachmittag von 15 bis 16 Uhr Weihnachtsgeschichten von Sylvia Bach. Der Eintritt kostet für Kinder 2 Euro und 5 Euro für Erwachsene.

Es sollte eine gute Adventszeit für Emilia werden. Jeden Tag fanden sich kleine Grüppchen zu ihren Vorlesestunden ein. Erst nur ein paar wenige, dann immer mehr. Manche kamen zweimal und brachten ihr Plätzchen mit. Man freute sich einfach über das kleine weihnachtliche Angebot, und Emilia lernte endlich Menschen kennen und fühlte sich das erste Mal angenommen.

 

Am Weihnachtsmorgen lag leichter Schnee wie Puderzucker im Land. Emilia hielt es nicht im Haus. Sie schloss die Gartentür zum Wald auf und stiefelte los. Leichter Wind ließ Schnee aus den Kiefernkronen rieseln. Ein Zauber lag in der Luft. Kein Wunder, dass die Mutter sich Märchen aus dieser Landschaft pflückte, dachte Emilia, während sie linkerhand das Döllnfließ durch den Wald blitzen sah. Stämme waren über den Wasserlauf gefallen. Bieberwerk. Fast wie im Urwald sah es hier aus. Nach etwa 20 Minuten stieg der Weg über einen Sander an. Auf der Kuppe öffnete sich ihr der Blick auf die moorastigen Döllnwiesen. Der Hochwald davor behütete ein Waldexperiment einer Handvoll regionaler Künstler. Dort standen sie, die Steinskulpturen von Lutz Kittler, die ihr schon vor Jahren die Mutter bei einem Sonntagsspaziergang zeigte. Auf seiner Hirschbank verschnaufte die Frau und ließ ihren Blick schweifen. Rudimente von hölzernen und metallenen Installationen steckten im Schnee. Ein Wächter, dessen Holz morsch moderte und dessen Farbe bröckelte. Vielleicht ist es gerade so richtig, dachte Emilia, das künstlerische Schaffen in die Zeit zu setzen, aus der man kommt und nicht zu hoffen, dass die Nachwelt es noch interessiert, wie man einst die Welt sah. Eine gebildete Gesellschaft bringt einfach zu viele Kulturschaffende hervor. Wohin mit all ihren Werken? Die Museen gehören zumeist den übermächtigen Toten. Die jungen Toten verschwinden im Depot, wenn überhaupt. Sie wusste von einem alten Maler, der sich einen Container gekauft hatte, um darin seine großformatigen Bilder zu lagern. Als er starb, sah da nie wieder einer rein. Verschlossen im Familiengarten. Den Nachfahren war der Inhalt gleichgültig, er sagte ihnen nichts. Legitim. Sie dachte an die selbst ernannte Sprachpolizei der 2020er Jahre, deren Verfechter selbst Deutsche Klassik nicht heilig war. Sie schrieben sogar alte Märchen um und radierten ihre Unwörter aus. Haben die noch nie etwas von Urheberrecht gehört? In Emilia grummelte es. Das ist Geschichtsfälschung. Man muss ja die alten Texte nicht mögen, aber dann sollen sie doch gefälligst ihre eigenen Märchen und Geschichten schreiben. Politisch korrekt bis zum Anschlag, aber sie sollten die Finger vom kulturellen Erbe der Nation lassen! Nebeneinander belassen, nicht überschreiben, denn keine Generation hat die Wahrheit gepachtet. Sie sah auf den Steinadlerkopf, der aus dem struppigen Gras lugte, als blickte er argwöhnisch von seinem Fang auf und dachte dann, ruhiger werdend: Hier im Wald zwischen Kurtschlag und Groß Dölln war Kunst einfach in den Wald gestellt, als Überraschung für Jogger und Spaziergänger. Keine schlechte Idee, sinnierte die Frau. Die Hallen der Natur bieten viele schöne, mietfreie Räume, ganz ohne künstliche Schwellen im Wechselspiel der Jahreszeiten. Diese Künstleraktivisten experimentierten im Naturraum, vielleicht aber war es auch eine Art Rebellion der Unbeachteten vom Kunstbetrieb. Wie die Schattenintelligenz, so die Waldschattenkünstler. Als sie weiterging fand sie am Rande noch drei wetterfeste Märchentafeln von Sylvia. Die Tochter lächelte; man kann, man muss sie nicht lesen – ein unverfängliches Angebot am Wegesrand. Das hatte was. Im Weitergehen dachte sie an ihre Strukturbänder-Installationen. Ja, man kann sie aufrollen, so rauben sie beim Lagern wenig Platz. Aber ist denn das Großformatige noch wirklich zeitgemäß? Und will sie jetzt bis ans Ende ihrer Tage Kunst produzieren? Teil um Teil? Ist das sinnvoll? Geht’s vielleicht auch kleiner? Und hatte sie nicht schon alles „gesagt“, was sie mit ihrem Band der Generationen meinte und umtrieb? Sie wollte auf keinen Fall Serien schaffen. Könnte sie nicht ebenso eine Kunstschaffende in zeitlichen Episoden sein? Die moderne Arbeitswelt verlangt doch nach ständigem Wandel und Weiterbildung… die Frau grübelte zu ihren Schritten im Schnee eine Endlosschleife.

Auf den Stufen zum Haus hockte Hans der Täuscher und wartete. Sie entdeckte ihn schon vom Waldrand aus und wunderte sich.
Ach! Sieh‘ an, der Puppenspieler mit seinem Kasper.
Aus den Wolken nieselte ein leichter Schneeschauer als Emilia wenige Minuten später vor ihm stand. „Na, hältst du es nicht mehr mit dir selber aus?“
„Ich war in der Nähe“, log der frierende Mann. 
„Aha, na dann, komm rein.“ Sie schloss die Haustür auf und ließ ihm mit einladender Handgeste den Vortritt. Irgendwie war sie sogar froh, die Festzeit womöglich doch nicht allein zu sein. An allen anderen Tagen im Jahr machte ihr das Alleinsein wenig zu schaffen, aber zu Festtagen spürte sie schmerzlich ihre Verluste.
Emilia drehte die Heizung hoch und kochte einen duftenden Wintertee. Hans rieb sich die Hände warm: „Ich habe übrigens für uns gekocht. Einen frischen Karpfen aus den Peitzer Teichen. Er müsste bald gar sein.“
„Echt?“ Emilia war sprachlos und vollkommen überrascht. Es war ewig her, dass jemand für sie ein Essen bereitet hatte. Sie selbst trainierte sich notgedrungener Weise in der Corona-Zeit ein paar einfache Fähigkeiten in der Küche an. Früher ging sie am Wochenende in Restaurants essen. Aber diese Nahrungsquelle war lange verboten und im zweiten Jahr der Seuche machten viele Wirtschaften für immer dicht. Die Einbußen und die Lasten waren einfach zu groß. Die Gastronomie auf dem Lande war arg ausgedünnt und litt unter dem Mangel an Personal.
Hans hatte seinen Tee getrunken. „Ich hol‘ dann mal den Fisch.“
Emilia sah ihm durch das Fenster zur Straße hinterher, wie er in seinem Wanderhäuschen verschwand.
Sie deckte inzwischen den Küchentresen. Zurückkehrend jonglierte Hans eine Glasplatte, auf der er Petersilienkartoffeln, Butter und Meerrettich um den Fisch drapiert hatte. Die andere Hand hielt eine Schüssel mit grünem Salat, und in der Jackentasche beulte ein guter Weißwein. „Jede Frau wäre von so einem Mannsbild verzaubert!“, strahlte Emilia ihren Gast-Wirt an.
In dieser Heiligen Nacht schenkten sich Emilia und Hans erwartungslos einander. Am Weihnachtsmorgen war unausgesprochen klar, diesmal würden sie beieinanderbleiben. Hans wusste, er konnte diese Frau nicht aus seinen Gedanken vertreiben, weder nüchtern noch stockbesoffen, sie saß fest in seinem Fleisch und er in ihren Träumen. Vor ein paar Tagen hatte er ihre virtuelle Galerie beim Chatten entdeckt. Diese kraftvollen Bänder-Installationen beeindruckten ihn und stachelten seine Neugier an herauszufinden, wohin sie aufgebrochen war. Und er wusste plötzlich, er wäre gern dabei.


Die Stille des Winters ließ die Gedanken wachsen, und das schüchterne Vertrauen wandelte sich in eine wohlige Gewissheit. Das Paar schenkte sich Zeit. Emilia und Hans unternahmen ausgedehnte Spaziergänge durch die Schorfheide. Über die Winterwiesen, den Eichendamm hinüber zu den Rabenbergen. Zwei leise Menschen, die unterwegs ihrer Zweisamkeit nachspürten. Und beide blieben nachdenklich in dieser veränderten Zeit, die alle in schlingernder Ungewissheit gefangen hielt. Auf dem Fließ scherbelte das Eis. Ein Aufbrechen der Winterstarre. Die anderen Brüche, die gesellschaftlichen Risse tauten nicht mit dem milderen Wetter. Aber das Paar ahnte, die kommenden Veränderungen trägt man besser zu Zweit.
An einem Morgen im März war Emilia längst aufgestanden als Hans erwachte. Er lief durchs Haus und hörte sie draußen im Hof hantieren. Er zog sich an, goss sich einen Becher Kaffee ein und ging damit hinaus vor die Tür. „Was hast du vor?“
Er pustete in sein Heißgetränk und wartete auf ihre Auskunft.
„Wir brauchen Platz!“
„Aha. Wofür?“
„Für eine Lesebühne. Also eine Vorlesestube, erst einmal für Kinder. Ich habe bei meinen Weihnachtslesungen gemerkt, dass solche intimen Erlebnisse wirklich erwünscht sind. Analog, echt. Ich würde gerne jeden Sonntag zur Kaffeezeit eine Märchenstunde anbieten. Du kannst ja mitmachen, musste aber nicht.“

„Ich überleg es mir. Und wohin willst du jetzt mit all den Dingen?“
Sie wuchtete ein großes Bild vor die Tür und schnaufte, als sie es abstellte. „Der metallene Zeichenschrank mit den Illustrationen bleibt. Aber der Rest wird versteigert, bevor ihn die Mäuse fressen. Verramschen ist besser als vergammeln. So werden die Bilder wenigstens gesehen. Ein, zwei Stücke behalte ich als Erinnerung. Was hälts du von diesen Kranichen?“
„Entscheide das mal ohne mich, es ist dein Vorleben.“ Hans zog sich zurück ins Haus und sie folgte ihm zum Frühstück.
„Es könnte dir irgendwann leidtun,“ gab er beim Essen zu bedenken.
Emilia schüttelte den Kopf. „Wir sind geflutet von Bildern. Weißt du, meine Großmutter väterlicherseits klebte in ein Fotoalbum die Ansichtskarten ihres Sohnes. Jedes Jahr kam eine dazu, manchmal auch zwei, mehr nicht. Diesem Album gehörten ihre Schauzeiten. Etwas anderes gab es nicht. Keinen Fernseher, nur selten der Land-Film. Selbst als meine Mutter jung war, waren Fotos noch etwas Besonderes, weil teuer. Mit dem Internet und der Digitalisierung entstand diese Bilderflut, die sehr bald das Bild an sich entwertete, weil ja jeder knipste – eine Massenware. Natürlich ist das Unikat etwas Einzigartiges; aber Menschen, die das erkennen und schätzen und womöglich auch noch kaufen, gibt es immer weniger.“
Hans nickte zustimmend.
Aus Emilia sprudelte es weiter: „Ich will einen leisen Sonntagston schaffen. Erzählen, eine Stimmung zaubern, in der die Zuhörer, große oder kleine, sich selbst spüren, dem Gehörten nachsinnen, die Reaktionen der anderen miterleben. Klar, das wäre nur eine kulturelle Nische, aber sie könnte ein guter Ort sein. Ein bisschen Gewissheit inmitten des schnellen Wandels, und Inspiration. Also lass mich das Fundus-Asyl im Schuppen auflösen, um diesen Ort gestalten zu können.“
Hans dachte an das Foto von seinem Urgroßvater Harry und Emilias Großmutter Ria und lächelte. „Machen wir.“

Schritt für Schritt, dachte Emilia und schnaufte etwas abgekämpft beim Fegen des Ziegelbodens. Sie hatten tagelang die alte, wacklige Tenne im hinteren Hof entrümpelt. Darin stand noch alles so, wie es Sylvia benutzt oder einfach abgestellt hatte. Einen großen Container voll brüchiges Zeug hatte das Paar für den Sperrmüll zusammengetragen. Was von all den vorgefundenen Dingen noch lebenstauglich war behielten sie.
Hans war unterwegs um eine Ladung Kneipenstühle für die Versteigerung abzuholen. Ein Windstoß fuhr durch den offenen Raum und verwirbelte die Blätter, die Emilia gerade zusammengekehrt hatte.  „Ich habe euch schon vermisst“, murmelte sie. „Wollt ihr mich aufhalten oder ermuntern?“ Sie sah den kreisenden Blättern zu, die im nächsten Augenblick eine mächtige Böe verwehte. Emilia stand in diesem knatternden Wind und fühlte sich angetrieben. „Ja, Mutter, ich zweifele nicht mehr und ich vergesse dich auch nicht, wenn wir morgen deine Bilder verhökern!“, rief sie in den Wind. Eilig schloss sie die beidseitigen Holztüren. Der hohe Raum lag nun im Dämmerlicht, aber durch all die Ritzen pfiff weiter der Wind. Hier klapperte ein loses Brett, dort knarrte ein Balken unter den harten Windstößen. Es war kühl, aber die Frau fröstelte nicht. Sie fühlte sich auf einmal fest umstanden, als wären sie alle angetreten, sie zu schützen. Und irgendwie spürte Emilia in diesem Moment, ihre Toten nahmen Abschied. Sie konnten jetzt gehen, weil sie in ihr aufgegangen waren. Sie stand da wie angewurzelt, einen stillen Moment lang. Das Jaulen des Windes klang nicht nach Wahrung, sondern nach Aufbruch.  Dann sprach sie ruhig: „Ade, ihr Lieben.“, und setzte den nächsten Schritt raus aus dem imaginären Kreis hinein in den Tag.

Der Sonntagmorgen war hell und frühlingsmild. Alles war bereit: gut 500 Leinwände der verschiedensten Formate standen oder hingen in der Tenne, versehen mit einer Nummer und einem ausgewiesenen Mindestgebot. In die Mitte des Raumes hatte Hans die geborgten Kneipenstühle platziert. Davor ein schlichter Holztisch mit Mikrophon, einem Gummihammer und einer Glocke darauf. Daneben wartete eine leere Staffelei. Emilia hatte ein paar Annoncen in Berlin und Brandenburg geschaltet und etliche Mails an die alten Kunden der Mutter versandt. Jetzt konnten sie nur noch abwarten, was geschieht. Ob überhaupt jemand kommt? Sie hatten keinen Plan B. Hans spürte ihre Ungewissheit und zwinkerte ihr zu: „Wird schon.“
Um 14 Uhr standen schon Leute im Hof, die sich in der Tenne schlendernd umsahen. Kurz vor 15 Uhr war die Scheune proppenvoll. Hans läutete die Glocke. „Meine Damen und Herren, wir freuen uns sehr, Sie begrüßen zu dürfen, um den Kunstnachlass von Sylvia Bach aufzulösen. Wir haben dafür kein klassisches Aktionshaus bemüht. Wir wollten es stattdessen selbst und somit persönlicher angehen. Sie sollen wissen, dass der Erlös den Ausbau eines neuen Kulturortes hier auf dem Bach-Hof ermöglichen wird.  Da es so viele Objekte sind, haben wir uns entschlossen, heute nur jene in die Versteigerung aufzunehmen, die eine oder einer von Ihnen für sich vormerken möchte. Dafür geben Sie einfach auf einem anonymen Zettel die Bildnummer an und bringen diesen zu meinem Tisch. Wer sich heute nicht entscheiden kann, darf gerne wiederkommen, denn wir werden zu allen Sonntagen im April weitere Versteigerungen ansetzen.
Jedem Werk ist ein Mindestangebot angeheftet, damit wir respektvoll mit dem Bach-Werk umgehen und es nicht billigst verramschen, sondern halbwegs angemessen abgeben. Viele von Ihnen waren hier vor Jahren Ateliergäste und haben Ihre ganz individuellen Erinnerungen an diese Begegnungen. Helfen Sie heute mit, dass Sylvia Bachs Bilder aus dem Dunkel ins Licht zurückkehren können. Dankeschön für Ihr Kommen. Sie können jetzt nach den Nummern des Sie interessierenden Objekts Ausschau halten.“
Der Raum war von Besucherstimmen und einer knisternden Erwartung gefüllt. Hans der Täuscher warf sich eine schwarze Robe über und verwandelte sich in einen tüchtigen Auktionator. Emilia nahm die Interessenten-Zettel zur Hand, suchte die erste Leinwand und stellte sie auf die Staffelei. Als sie platziert war, läutete Hans mit der Glocke zur Ruhe im Raum. Es war eine der größeren Arbeiten, zu der es auch eine Werknotiz von Sylvia Bach gab. Er begann mit sicherer Stimme: „Liebe Kunstfreunde, das hier ist eines der wenigen Großformate der Malerin. Es heißt ‘Lichtgestalt‘ und gehört zu ihrem Millennium-Bilderzyklus. Sie notierte 2002 zu diesem Werk:
‚Ich bin in diesen Bildwerken der Mystik des Seins auf der Spur und setzte zunehmend einen weiß-in-weiß oder weiß-in-gelb angelegten Malgrund als Luft- und Lichtatmosphäre ein. Als flirrende Teilchen, die alles miteinander verbinden und doch manches unausgesprochen lassen. Einerseits, um dem Unaussprechlichen Gestalt zu geben, anderseits, um beim Betrachter die eigene Fantasie zu aktivieren. Denn wir alle sind schlussendlich am Enträtseln der geheimnisvollen, verdeckten Untertexte des Lebens.‘
 
Wenn Sie mich fragen, eine wunderbare, mystische Arbeit. Das Mindestangebot lautet 500 €, was weit unter dem wirklichen Wert liegt. Bitte melde sich nun, wer ein Gebot abgeben möchte und spreche dazu die Summe gut hörbar aus.“
Hans sah zwei Bieter die Hand heben und forderte mit Gesten die Interessenten auf zu sprechen. Man hörte schließlich „550 €“, „600 €“, „650 €“. Die beiden Bieter schaukelten sich auf 1000 € hoch. Dort stand die Summe und bewegte sich nicht mehr. „Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten“ – der Hammer fiel, und Hans notierte den Namen des Käufers. Emilia hatte das zweite Objekt, eine kleine Spachtelei, aufgestellt und verpackte, während das Bieten schon wieder begann, die Lichtgestalt. Sie hatte ein gutes Gefühl dabei und flüsterte ihr zu „Du kannst wieder leuchten.“
Fast zwei Stunden dauerte die erste Versteigerung. Als sich der Hof geleert hatte, zählte Emilia die Scheine und meinte trocken zu Hans, der rechtschaffend müde ein Flaschenbier trank, „Das Geld für das Toilettenhäuschen der Lesebühne haben wir schon mal drin. Kein schlechter Anfang.“

Anfang Mai waren die meisten Bilder versteigert. Viele eher unter Wert), einige aber erzielten ihren wirklichen Wert. So hatte Emilia nun ein gutes Startkapital zur Verfügung. Im neuen WC-Trakt werkelte emsig ein Installateur aus der Nachbarschaft. Hans baute im Hof an einem Holzpodest, und Emilia pinselte an dem Schild „Vorlesestube“. Das milde Wetter brachte Leben ins Dorf. Allenthalben standen Gucker an der Hoftür, um ein paar Einblicke zu erhaschen oder um den Aushang im Schaukasten zu studieren. Eine gebrechliche Landfrau schleppte sich bis zum Bauplatz und spöttelte: „Wir sind ja nicht neugierig, wollen aber alles wissen. Was wird das hier?“
„Eine Lesebühne.“, antwortete Emilia.
„Ein Dorftheater?“ staunte die Alte.
„Na, Theater ist zu hoch gegriffen, es wird eine Vorlesestube für Kinder und deren Eltern.“
„Können auch Urgroßmütter kommen?“
„Unbedingt.“
Die Alte kehrte vorsichtig um und murmelte im Gehen: „Ich hab schon Ihrer Mutter gerne bei ihren Gartenlesungen zugehört.“

Abends bestückte Hans die Feuerschale im Hof mit Holzscheiten. Er hatte nichts erzählt und sie hatte nicht gefragt, aber die Zeit war reif. Er stocherte mit einem Haken im Feuer und begann vorsichtig zu sprechen: „Könntest du damit leben, wenn ich den Sommer über toure und nur im Winter hier fest verbringe?
Emilia schwieg. Sie hatte sowas erwartet, schließlich brauchte er seinen Raum neben ihr. Aber sie genoss in diesen Wochen seine Nähe und die Zweisamkeit.
„Mir ist klar geworden, so gerne ich auch bei dir bin, mir fehlt das freie Leben mit der Wanderbühne.“
„Ich weiß,“ gestand Emilia, die plötzlich blass und zerbrechlich wirkte. Sie schwieg, er redete, aber seine Worte verschwammen, waren weit weg. Sie trank zügig den roten Wein.
Am nächsten Morgen war der Puppenspieler verschwunden und das Wanderhäuschen auch. Auf dem Küchentresen saß der Kasper mit einem Zettel vor seinem Bauch. Emilia las: Vergiss mich nicht, ich bin am Wochenende zurück.
Sie atmete tief und dachte. Schwierig, so ein älteres Liebespaar. Sie trank ein Glas Wasser, schnappte sich den Kasper und ging hinüber zu ihrem Schuppen, um an die frisch geweißten Wände gerahmte Märchen-Illustrationen zu hängen. Der Kasper saß auf der Kante der Holzbühne und sah ihrem Treiben zu.


Hans fuhr zurück in die Oberlausitz. Gelbe Berghänge, wohin das Auge blickte. Die Rapsblüten ließen sie leuchten. In Niesky klingelte er abends bei Helga. Sie hatte eine kleine Dachgeschosswohnung in der historischen Holzhaussiedlung (*). Helga rollte mit den Augen, als sie ihren alten Schulfreund vor dem Vorgärtchen warten sah. „Ah, der Meister gibt uns die Ehre! Aus welcher Versenkung bist du denn diesmal gekrochen? Soll ich wieder Programmzettel kleben, wonach du mich dann sitzen lässt? Mensch, wir haben uns Sorgen gemacht!“ Sie war sichtlich sauer und stand mit verschränkten Armen stämmig vor ihm.
Hans der Täuscher schaute auf seine zornige Freundin und grinste verlegen. „Muss ich mich bei dir abmelden?“
„Ja, musst du, alter Freund! Man verschwindet nicht für Monate, einfach so!“
„Ich habe mich verliebt, so was passiert.“, setzte Hans ruhig entgegen.
„Und, was jetzt? Ausgeliebt oder was? Komm rein, ich bin den ganzen Tag an der frischen Luft.“
 Sieh‘ an, dachte Hans, die Helga ist eine Glucke.
„Wer ist sie?“, Helga stellte ruppig zwei Flaschenbiere auf den Küchentisch am Fenster. „Erzähl!“
„Was willst du wissen, du bist ihr schon begegnet.“
„Die Frau mit dem grünen Auto und dem grünen Hut?“
„Genau. Emilia wohnt in der Schorfheide, und da war ich die ganze Zeit und habe ihrem Selbstfindungsprozess ein bisschen zugeschaut.“
„Aha, Selbstfindungsprozess, das klingt anstrengend. Bist du deswegen hier?“
„Ich weiß nicht, ich brauchte irgendwie Bedenkzeit, etwas Abstand. Du musst wissen, sie kann einen gut vereinnahmen mit all ihren Vorstellungen von einer Lesebühne.“
Helga räusperte sich: „Na, das liegt dann wohl auch an dir. Und nun denkst du, in den Auszeiten spiel‘ ich mal wieder auf Helgas Parkplatz oder auf irgendeinem frühsommerlichen Bergrücken? Du müsstest wissen, wenn einer so lange seine Spielorte verwaisen lässt, dann füllt sie ein anderer. Wir haben bekanntlich eine dichte Puppenspielerszene in Sachsen. Die Bösen werden ausgebuht und die Guten beklatscht.“
Hans nahm nachdenklich einen Schluck Landskronenbier und sah stumm in das milde Abendlicht in der Dachstubenmansarde. Diese alte Freundin hat ihm immer schon den Kopf gewaschen. Sie hatte einen klugen Blick aufs Leben zwischen all ihren Goldfiletdeckchen und Klöppelbildchen. Das Leben war rau zu ihr gewesen, da brauchte sie das Traditionelle fürs Gemüt. Ja, sie hatte natürlich recht, man geht nicht ohne Abschied von guten Freunden weg.
„Es ist kompliziert, Helga. Sie ist die Urenkelin vom legendären Fredi. Es fühlt sich mit Emilia so an, als würden sich die alten Bande unserer Familien wiederfinden. Das ist verrückt und beglückend. Aber natürlich sind wir beide nicht mehr blutjung. Verbindungen werden kompliziert. Wir tragen unsere Lebensnarben auf und unter der Haut. Da findet man sich zwar ab und zu im selben Bett wieder, aber ist man auch bereit es warmzuhalten? Emilia war sehr einsam mit ihren Toten und deren künstlerischem Erbe. Sie hat gerade begonnen, sich freizustrampeln. Verstehst du?“
„Ach, komm schon, Hans, nach dem Chinesischen Sternzeichen bist du Hund, und der Hund-Mann kann sich eben nur schwerlich in der Liebe entscheiden, aber wenn, dann tut er das bedingungslos. Das kennst du doch: Einer trage des Anderen Last.“
„Und bricht zusammen“, Hans grinste, und Helga grinste zurück.
Sie blickte über ihre Geranien im Blumenkasten hinaus auf den Abendhimmel. Etwas Verträumtes lag in ihrem Blick, als sie weitersprach: „Ich konnte sie nie festhalten, die Liebe. Aber wenn das Gefühl stimmt, warum bist du jetzt hier? Es geht doch ums miteinander leben, das heißt doch nicht zwangsläufig sich auch beruflich miteinander zu verbinden. Mach du deins und lass ihr ihres. Der Rest wird sich finden.“

Freitagabend parkte das Wanderhäuschen vor dem Bach-Hof in der Heide. Emilia schraubte gerade das ovale Werbeschild über der Eingangstür an, als Hans hinter ihrem Rücken auftauchte. „Hängt schief.“
„Hi, der Überlandschleicher ist zurück!“ Sie stieg von der Leiter, ohne nochmals zu prüfen, ob das Schild wirklich schief hängt. Sie umarmten sich. Lange. Dann setzten sie sich in das neue Bank-Karree für Draußenzuhörer vor der Vorlesestube. Hans nickte zustimmend, „Sieht gut aus, ist eine feine Tischlerarbeit geworden. Wann hat er sie aufgestellt?“
„Gestern.“
Hans holte tief Luft: „Versprochen, es war meine letzte Bedenkzeit. Ich war einfach unschlüssig, ob ich hier neben dir noch Luft bekomme.  Alles drehte sich um dein Ding. Unterwegs hast du mir schon gefehlt. Da habe ich gemerkt, wie tief wir schon verbunden sind. Das war seltsam schmerzhaft. In Niesky hat mir Helga dann den Kopf zurechtgestutzt. Naja, das macht sie schon sehr lange. Dann bin ich noch ein bisschen in der Lausitz herumgefahren und habe mich von meinen Leuten verabschiedet. Auf den alten Spielplätzen hat längst ein Dresdener Marionettenspieler mein ehemaliges Publikum übernommen, was mir, zugegeben, die allerletzte Entscheidung etwas leichter machte. Ich muss hier neu anfangen. Eigenständig, was die Arbeit angeht. Es gibt in der Umgebung so viele schöne Wanderrastplätze, die könnte ich im Sommer bespielen, wenn mich die Ortsvorsteher lassen. Im Winter könnte ich in Seniorenheimen auftreten oder deine Bühne an einem freien Tag bespielen.“
Die Frau an seiner Seite meinte schlicht: „Klingt gut. Das wird schon.“

Am 4. Juni schwebte eine Traube Luftballons im Straßenbaum vor dem Hofeingang. Es war die Zeit der weißen Wälder, die das Herz weit und leicht macht. In und vor der Vorlesestube saßen junge und alte Besucher und hörten zur Hauspremiere die wundersame Geschichte „Der weiße Regenbogen“, worin ein tapferes Mädchen ein großes Abenteuer besteht. Es war muxmäuschenstill und die Spannung knisterte. Und Emilias Tote schwiegen endlich.
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Danksagung

Ich danke meinem Liebsten für die Geduld mit mir, während ich diese Novelle schrieb, seine Erstlese und seine hilfreichen Anmerkungen. Dankbar bin ich meiner Freundin Ines Wagenbreth für ihr höchst sensibles Korrekturlesen.

Mit „Die Zeit der weißen Wälder“ wollte ich eigentlich einen Roman schreiben. Ich hoffte, das Arbeiten daran würde mich zum weitläufigeren Schreiben führen. Aber mein kurz und bündig Naturell hat mich eingeholt und das Projekt auf eine Novelle eingedampft. Was nicht schlimm ist.

Die Familiengeschichte trägt autobiografische Züge mit frei erfundenen Zugaben. Beispielsweise sind die Emilia und der Puppenspieler nicht existent. Der Text verhandelt die Frage nach den Wurzeln eigener Auf- und Umbrüche, den Umgang mit persönlichen Verlusten und dem kulturellen Erbe in Zeiten des Wandels. 

Erläuterungen

* Das Reichenbacher Hussitentor:  Im Zentrum der Stadt befindet sich die spätgotische zweischiffige St.- Johannes – Kirche, von der angenommen wird, dass der jetzige Kirchenbau etwa aus dem Jahr 1550 stammt. Ein älterer Bau hat aber bereits 1430 bestanden, als sich der Bau als „Wehrkirche” mit seiner Wehrmauer gegen den Hussitenansturm glänzend bewährt hat. Drei Tore führten aus dem Kirchplatz in die Stadt hinaus, von denen das eine noch heute „Hussitentor” genannt wird. Eine Stadtmauer hat Reichenbach zu keiner Zeit besessen. Die Lage von drei Stadttoren ist jedoch bekannt. Ein „Obertor” gab es an der Einmündung zur Färbergasse zwischen Görlitzer Straße 21 und 32. Das „Niedertor” befand sich am Nordwestausgang des Marktes, dem noch ein „äußeres Tor” an der Einmündung zur Weißenberger Straße vorgelagert war. (Aus der Reichenbacher Stadtchronik)

* Historische Holzhaussiedlung: Nach dem I. Weltkrieg führte der Mangel an Stahl und Zement dazu, dass der Architekt Konrad Wachsmann Holz als Baustoff u.a. für Werkswohnungen, aber auch für die besondere Pfarrkirche der Kleinstadt entdeckte. Die Nieskyer Firma Christoph & Unmark war gewissermaßen Pionier der Fertighausbauweise. Heute sind die meisten dieser Tafel- und Fachwerkbauten denkmalgeschützt.
Stimmen zur Veröffentlichung:

Andre Jahr: Liebe Petra, ein wenig machen mich die Umstände der Veröffentlichung traurig. Doch diese Geschichte um Aufräumen, Klärung und Beginn in diesen Zeiten hat mich mehr berührt, als ich zwischendrin ahnte. Danke 🙏💕

Margrit Burger schrieb am 11.6.2022:
Liebe Petra,
Danke für “Die Zeit der weißen Wälder” – das ist auch für mich eine Reise in die Vergangenheit und zeigt mir noch unerfüllte Träume auf. Darüber möchte ich später gern mit dir reden.
Bitte hebe mir ein Exemplar deiner handgefertigten Künstlerausgabe auf.
Danke für “Das Sonnenmädchen” – da gibt es für mich eine wundersame Verbindung zur Novelle.
Bitte mehr davon.
Danke für deine wunderbaren Buch-Empfehlungen – “Der Buchspazierer” war in der Adventszeit genau das Richtige und in “Hufeland Ecke Bötzow” spielt meine Familie indirekt mit. Wir haben zur selben Zeit im Selben Haus mit Lea Streisand gewohnt. 
Bitte weitere Tipps.
Danke für “Die Glücklosen” – zwei Jahrzehnte mit wenigen Worten treffend in Szene gesetzt. Ich gehöre auch dazu.
Bitte sag, wo nimmst du all die Inspirationen her?
Petra , du bist eine sehr gute, feinsinnige Beobachterin und setzt das Gesehene, Gehörte, Gefühlte in klare und berührende Texte und Bilder um. Auch deine täglichen Berichte sind wirklich gut. 
Ich freue mich jedesmal darauf und bewundere deine Stärke die Widerwärtigkeiten des Daseins auszutricksen und zu bewältigen.
Danke für Alles und Bitte mach weiter so.
Ich glaube, wir haben viel Stoff für Gespräche und freue mich auf ein Wiedersehen mit Euch. Im August vielleicht….
Habt einen schönen Sommer, Margrit

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