MINIATUR (11)

Am Rande

Als es der Demütigungen genug war, rappelten sich einige jenseits der Elbe und besannen sich ihrer Talente. Manches taugte dazu ein kleines Unternehmen zu gründen oder zu Freiberuflichem. Sie waren reife Erwachsene ohne Handgeld, nur ihr Können hielt sie am Rande des großen Marktes. Irgendwo im Regionalen hantierte die verdrängte Elite des Ostens. Für anderthalb Jahrzehnte, dann begannen die Gewissheiten zu schwimmen. Die Grundfeste: die Sprache wurde aufgeladen für einen Kampf, der auf Zerstörung von Selbstverständlichkeiten zielte. Gepflogenheiten und hohe Feste wurden attackiert. Die einen fuhren Autos in die Menge, die anderen schrieben das literarische Erbe und die Geschichte um. Und weil man sich ihrer nicht erwehren konnte, wählten viele aus Notwehr zu guter Letzt rechtskonservativ, und die Zeit blieb nicht stehen. Sie tickte nur anders, und am Rande wurde es eng.

Morgenstunde (1174. Blog-Notat)

Ein lieblicher Morgen. Seidenweich die Luft, Stille über dem Grün. Der Mohn tanzt, die Spatzen tschilpen gedämpft. Der Efeu im Lesegarten verbirgt die Märchenplatten, seine Zeit ist vorbei. Ich ziehe Kleinigkeiten näher an das Haus heran und genieße das gerade sehr. Schönes Wochenende allerseits!

Morgenstunde (1173. Blog-Notat)


Atemschweres Wetter seit drei Tagen. Schwüle und Feuchte schlagen Pflöcke in meine Tageswege: Bis hierhin und nicht weiter. Es stehen überall Sitzmöglichkeiten, auf die ich mich fallen lassen kann und beim Verschnaufen darf ich die Mohnblüteninseln anschauen. Das Rot ist eine Freude fürs Herz. Ich habe mich dann lieber doch ins Haus zurückgezogen und helfe mit dem Abwaschen der Siebe und Honiggefäße. Der Imkergatte bereitet die erste Honigschleuder in 2026 vor. Wir sind gespannt.
Im Atelier warten zwei neue Aufträge: ein Firmen-Logo und eine Landschaftsmalerei. Die Leinwand hat ein ungewöhnliches Format und musste bestellt erst werden. Diese Arbeiten werden in die kommenden Regenzeiten gelegt. Alles drängt nicht und deshalb habe ich sie auch angenommen. Auch mit dem Zeichnen meiner Weihnachtsgeister möchte ich ein bisschen vorankommen. Die Hälfte des Jahres ist ja schon bald rum…

MINIATUR (10)

Stadtengel

Man sieht sie an Brücken, auf Türmen oder Sockeln in Bronze gegossen. Erhaben und stark. Die Stadtengel aus Fleisch und Blut hingegen sind beinahe unsichtbar. Vielleicht entdeckt man einen in der blauen Stunde eines späten Tages, das aber ist selten. Robert war weder kampfstark wie Erzengel Michael noch so ein prächtiger Heiler wie Raphael. Er war nur ein leiser Bote des Herzensguten. Nicht zu verwechseln mit einem Gutmenschen. Er hatte dafür zu sorgen, dass das Herz gehört wird und echt klingt. Aber manchmal empfand der Engel seine Rolle zwischen verwahrlosten Stadtsteinen als uferlos. Dann trugen seine Flügel schwer an dieser Last, und so war es nicht verwunderlich, dass er zuweilen eine Kneipe aufsuchte, um sich die Schwere leicht zu trinken. Dabei murmelte er kaum hörbar ins Glas „diese Rolle ist zu schwer für mich“. Jemand hörte ihn doch. Sein massiger Leib nahm die Stimmung des Engels auf. George Meister kannte sich aus mit den energetischen Schwingungen der geistigen Welt. Er beruhigte Schauspieler in den Garderoben vor ihren Auftritten. Das konnte er wirklich gut. Er nahm seinen Rotweinschoppen und setzte sich zu dem Erschöpften. Dann malte er in seine Hand ein paar geheime Zeichen und hielt sie schwebend über Roberts Haupt. Dessen Haare stellten sich auf und vibrierten. Verwundert fragte er „Was machst du?“ „Ich gebe dir neue Kraft!“ Die Hand des Meisters begann zu zittern und er zog sie erstaunt zurück. Robert raunte: „Du wirst doch nicht einem göttlichen Boten mit deinem irdischen Hokuspokus kommen?“ Der Engel ratschte mit seinem Stuhl vom Tisch, sprang auf, schüttelte sich und es schien, dass er all die Schwere augenblicklich verlor. Es war seine innere Kraft, die aufleuchtete, um den Moment der Schwäche hinfort zu fegen. Dann schritt er hinaus in die blaue Stunde und verwebte sich mit dem Klang der Herzen auf alle Zeit.

Morgenstunde (1172. Blog-Notat)

Es ist Draußenzeit und doch werde ich immer wieder gebeten, mein Fotoarchiv zu durchsuchen. Eines meiner Fotos auf Facebook brachte die Sache vor zwei Wochen ins Rollen. Mein Sohn rief an und fragte, ob ich noch mehr von diesen alten Ansichten hätte, ein Freund wolle einen Fotokalender mit Stadtansichten von Zeuthen gestalten, ehrenamtlich. Da habe ich stundenlang gesucht und alte Bilder im Photoshop bearbeitet und dabei flogen die Gedanken weit weg… Der Freund war ganz außer sich vor Freude und hatte naturgemäß weitere Wünsche. Manche konnte ich erfüllen und wäre ich nicht Anfang der 90er gedrängt gewesen, von diesem Westgrundstück, auf dem ich 35 Jahre lebte, wegzuziehen, hätte ich niemals diese Aufnahmen geschossen… Sie sollten für mich Erinnerung sein. Ich glaube, niemand ist seinerzeit durch Zeuthen gewandert, um die abgetakelten Häuser zu fotografieren… Dieses Suchen und Finden gut 30 Jahre später hat wirklich Laune gemacht. Mich befiel dabei Sehnsucht nach den alten Lebenskreisen, den Freunden, den Nachtgesprächen, der Aufbruchstimmung 1989 – unwiederbringlich. Aber die Fotos gibt es noch… und aus dem Nachsinnen entstanden die MINIATUREN „Die Schreibmaschine“ und „Versehrte“.

Der S-Bahnhof Zeuthen 1990 – das anstiftende Foto auf FB.

Lyrik-Krümel

Gestaltete Lyrik

Morgenstunde (1171. Blog-Notat)

Mein nächstes Künstlerheft in der Reihe ELSNER EDITION wächst langsam heran. Der sechste Titel MINIATUREN wird Kurzprosa & gestaltete Lyrik umfassen. Eigentlich sollte es ein Klausurthema werden und nun fließt es so nebenher. Nichts liegenlassen, wenn die Zeit tickt. Bei diesem herrlichen Sommerwetter sind wir natürlich mehr im wilden Garten, aber in der frühen Morgenstunde sind die kleinen Teile rasch geschrieben und die Lyrikblätter entstanden ja schon im letzten Winterhalbjahr, sie bekommen hier nur einen besonderen Platz. Der Imkergatte hat indes drei Schwärme gefangen, das wird wohl bis zur Sonnenwende so weitergehen. Da hat er mehr zu tun, als er ursprünglich wollte. Das Gartenjahr wird reicher, denn zum ersten Mal seit vielen Jahren, ist unsere Obstblüte mal nicht erfroren. Und nun steht ist Pfingsten im Kalender und das Wetter wird fabelhaft, also macht es Euch schön alle miteinander!

Morgenstunde (1170. Blog-Notat)

Das Gemeinschaftswerk GARTEN pendelt sich ein. Als ich sieben Tomatentöpfe bestückt hatte, platzierte der Liebste sie im Tomatenhäuschen. In das zweite Hochbeet schüttete er weitere vier Säcke Erde und lockerte das gepresste Material. Danach konnte ich pflanzen, was noch in Töpfen wartete. Gurken, Kohlrabi, Paprika. Zwischendurch ein Tosen in der Luft. Ein Bienenschwarm stieg auf und landete nicht wie die zwei Vorgänger dieser Tage in den Gärten der Nachbarschaft, sondern hoch oben in einer Kiefer am Waldrand. 18, 20 Meter hoch, da winkt der Imker ab. Wie es aussieht, entpuppt sich das Frühjahr als Schwarmjahr. Gestern hat er bei der Durchsicht der Beuten jede Menge Weiselzellen entdeckt und entfernt, was das Schwärmen verhindern soll. Nun denn. Das ruhigen Pflanzen gestern und heute füttert meine Seele und glättet die emotionale Krise der vergangenen Woche…

MINIATUR (9)

Versehrte

Bereits, wenn der riesige Mann im braunen Mantel mir entgegenkam, kroch mich ein Schaudern an. Herr Schawan hatte eine tiefliegende Narbe auf der gewölbten Stirn, wie von der Axt getroffen. Das eine Auge irrte flink nach allen Seiten, während sein Glasauge immer streng geradeaus starrte. Eine schwere Strenge umgab diesen gezeichneten Mann, der das Lachen verloren hatte. Die Grausamkeiten des Krieges hingen in seinem Blick wie ein Kainsmal. Es lebten etliche Versehrte und schwarz gekleidete Witwen in unserer Straße, wie überall im Land. Niemand kam an ihnen vorbei, ohne sie mit einem verschämten Blick zu streifen. Kriegszeichen im noch jungen Frieden und die Schuld als Last. Auch mein Vater ging noch an Krücken. Bei der Kesselschlacht auf den Seelower Höhen trafen ihn Granatensplitter. Es war sein erstes und letztes Gefecht auf dieser atemschweren Erde, dass ihn beinahe das linke Bein kostete. Mit dem Segelfliegen war es vorbei, und die Narbenschmerzen blieben ein Leben lang. Die jungen Frauen hassten ihn, wenn er morgens die S-Bahn bestieg, sich in dem Gedränge mit einer Krücke den Weg zu den Sitzbänken stocherte, um dort seinen Schwerbeschädigtenausweis zu zücken. Während er saß und die Zeitung aufschlug, mussten sie eine Stunde lang stehen. Erschöpfung hing blass in ihren Gesichtern.
Und dann gab es noch Hermann. Der konnte keine Stille mehr ertragen. Sein Mundwerk ratterte los, sobald er einen Menschen auf der Straße traf. Ganz gleich, ob bekannt oder unbekannt. Nicht alle Verletzungen sind offensichtlich, aber noch war das ganze Land versehrt, der Schwur „Nie wieder Krieg!“ wurde gelebt beim Anblick der Trümmer und Narben.
Lange her. Glatt sind inzwischen die Fassaden, die Einschüsse verborgen und vergessen „Nie wieder Krieg!“? Die Pazifisten werden neuerdings als naiv beschimpft, und man rüstet wieder. Aber Schwüre bricht man nicht!

MINIATUR (8)

Der Schlapphut

37 Grad, und auf den Steinplatten des Alexanderplatzes schien es noch heißer. Ina streckte ihre Füße in das Becken des Womacka-Brunnens und spürte ein wenig Erleichterung. Über der Szenerie schwebte etwas Verspieltes. Jemand klimperte schräg auf einer Campinggitarre, ein anderer spielte Mundharmonika dazu. Die junge Arbeiterin Ina hatte Urlaub, aber nicht genug Geld, um zu verreisen. Am Brunnen schien es einigen ähnlich zu gehen. Deren Blicke verrieten das. Die einen suchten einen Anker, die anderen ein Abenteuer. Als es über dem Platz dämmerte und die quälende Hitze von einem lässigen Windhauch vertrieben worden war, hatte sich ein Kreis gefunden, der in jenem Hitzesommer spontan beieinanderblieb. Man zog von einem Quartier zum nächsten – auf Dachböden oder in leerstehende Wohnungen, in einen Garten in der Vorstadt oder ein Lagerhaus am See. Die Wandergesellschaft bildete eine Art Urlaubsfamilie, und wo immer sie ihr Lager ausbreitete, traten junge Menschen hinzu, die nach einer kleinen Weile wieder verschwanden. Irgendwann tauchte Marie auf. In dem Blick unter ihrem schwarzen Schlapphut lag ergriffenes Staunen. Es sah so aus, als würden diese dunklen Augen das erste Mal ins Leben schauen. Das weckte Inas Beschützerinstinkt. Sie blieb in ihrer Nähe, während zum Abend ein Lagerfeuer loderte. Plötzlich sprach Marie in das flackernde Licht: „Ich werde morgen 18 und muss mich entscheiden. Eine Woche hatte ich dafür Zeit.“ „Was musst du entscheiden?“, fragte Ina vorsichtig. „Ob ich Nonne werde.“ Ina schwieg irritiert und erfuhr, dass Marie in einem Kloster geboren wurde. Man schickte sie auf diesen Ausgang, damit sie etwas von der Außenwelt erlebte, um wirklich entscheiden zu können. Die Novizin war unschlüssig, und was sie bisher sah, beunruhigte sie. Eines der Mädchen am Feuer zog sich unbemerkt in die Dunkelheit zurück. Ein Wimmern ließen Ina und Marie aufhorchen. Das Mädchen lag zusammengerollt im Gras und erlitt gerade eine Fehlgeburt. Was war zu tun? Es gab keine öffentliche Telefonzelle und in der Runde besaß niemand ein Auto. Aufgewühlt fanden sie zur Landstraße, und als ein LKW heranschepperte, hob Ina den rechten Arm. Der Koloss mit Hänger stoppte schnaufend. Heraus sprang ein gedrungener Mann mit Igel und Dreitagebart: „Was ist los?“ „Fahren Sie uns bitte in das nächste Krankenhaus!“ Für Kalle war das keine Frage. Er legte eine Wolldecke über sein Lager in der Schlafkoje, hob das schluchzende Geschöpf darauf. Ina und Marie kletterten auf den Beifahrersitz. Der Mann war nur wenig älter als die jungen Frauen, doch er schwieg väterlich. Langsam kamen sie zur Ruhe. Keine halbe Stunde später war das Mädchen in die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses gebracht. Auf dem Parkplatz fragte Marie den Fahrer: „Du fährst Richtung Sachsen?“ Er nickte. „Würdest du mich nach Hause bringen? Das hier ist nichts für mich.“ Kalle nickte wieder. Die zwei kletterten in die Fahrerkabine, und Ina flog der schwarze Schlapphut auf den Blondschopf. „Der passt besser zu dir als zu mir! Mach‘s gut!“