Morgenstunde (945. Blog-Notat)

Mein Lieblingsfrühlingssong von Manne Krug summt mir heute durchs Hirn:

Sonntag – häng’ den Pelz in den Spind
Sonntag – wärmer weht heut’ der Wind
Alle Blumen blüh’n und es ist Frühling da
Und rund um uns ist es nun so weit
Schau’ nur, es blüht auf jeder Wiese
Es blüht auf jedem Kleid
Du siehst: Es ist Zeit

Sonntag – es fällt nie wieder Schnee
Es fallen Blüten an dein Dekolleté
Alle Leute sind froh, und das ist nicht immer so
Alles liebt und alles lebt
Schau’, wie der Wind die dünnen Kleider
An schöne Beine klebt
Du spürst, wie das hebt…

Wie schön, nicht wahr? Und dazu diese Soul-Nuance (man könnte auch Sex sagen) in seiner Stimme… es war einmal, die Platte lebt weiter.

Mein Liebster ist gestern wieder ins Erzgebirge gedüst, um die Eltern für kurze Zeit zu sehen. Seit sie im Pflegeheim sind, sind die Besuche nur auf Stunden begrenzt und die Rückfahrt tritt er noch am selben Tag an. Rund 800 Kilometer. Das ist so, wenn keine elterliche Wohnung mehr vorhanden ist. Ich hab ihn mit Hühnersuppe abends empfangen.

Inzwischen sind drei meiner Bilder in die Kirche von Groß Dölln gewandert. Dort werden ab 4. Mai wieder Malerei, Fotografie und Skulpturen verschiedenster Künstler über den Sommer zu sehen sein. Parallel dazu findet auf der Empore eine Dauerausstellung zum Leben und Werk der Heimatdichterin Erna Taege Röhnisch statt, und natürlich hat die Künstlerschar des Dorfes an diesem ersten Maiwochenende ihre Ateliers geöffnet.
Ich beteilige mich an dieser Brandenburgischen Kunstaktion aus bekannten Gründen nicht mehr. Aber mein Atelier kann jederzeit besucht werden, Anruf sichert, dass wie auch zu Hause sind… In den nächsten Tagen werden wir die Winterabdeckung zum Obergeschoss aufnehmen, dann ist auch wieder der Bilderspeicher zu sehen…

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Morgenstunde (944. Blog-Notat)

Es sind die Weißhaarigen, die heute immer noch die klassischen Lesungen besuchen. Auch meine, aber die Reihen lichten sich. Schon vor der CORONA-Zeit schwante mir, dass ich „nur“ noch für meine Generation schreibe, obgleich ich das nicht anstrebe. Ich glaube aber nicht, dass das ausschließlich an den neuen Medien liegt. Das Buch als Medium hat noch Konjunktur, nur die Alten nicht.
Ich erinnere mich noch sehr gut an Jürgen Kuczynski, der mit seinem „Dialog mit meinem Urenkel“ 1983 Hörsäle überfüllte. Der Wirtschaftshistoriker war damals schon gebrechlich und schwerhörig. Er galt als „Querdenker und fröhlicher Marxist“, man wusste von seiner Nähe zu Honecker und doch wurde er selbst von Systemkritikern geachtet. Ein wacher Geist mit Narrenfreiheit, so erschien er, denn er lebte unerschrocken im Alter nach dem Motto: Ich bin über 80, wollen se mich jetzt noch verhaften? Auch für solche Sätze haben die Jungen ihn verehrt, für den Mut dahinter, denn natürlich konnte jeder in Ungnade fallen… auch im Alter.
Was also ist heute anders? Wir haben das Scheitern der mächtigen Alten  gesehen. Sie rissen mit ihrer Starre ein ganzes Land mit sich, ohne Antworten für das Leben zu hinterlassen. Der Respekt vor dem Alter verschwand hernach. Ich war damals 36 Jahre alt. Nicht jung, nicht alt, auf der Suche nach dem neuen Sinn… und wuchs langsam hinüber in die nächste Generation der Alten. Ob diese Nachkommen noch lebenswichtige Antworten haben, wer weiß, denn viele von uns bleiben leider ungehört, unreflektiert, denn die Jungen hören nicht hin…

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Eine Buchbesprechung

KAIROS von Jenny Erpenbeck

War es Glück, dass sich ihre Blicke im Bus berührten, oder stolperten Katharina und Hans am 11. Juli 1986 geradewegs in eine Tragödie? Sie ist Lehrling und 19 Jahre alt, er ist Schriftsteller und Ende 50. Verheiratet und eine Geliebte hat er, aber das interessiert Katharina noch nicht, sie verliert sich in ihrer Liebe zu Hans und er verliert sich in seiner Liebe zu Katharina. Wir schreiben die bleierne Zeit in der DDR. Man hat viel Zeit füreinander, sehr viel Zeit für Musik und Theater, für kultivierte Gespräche mit reichlich geistigen Getränken. Aber Hans ahnt, das wird nicht ewig halten und er würde auch nie seinen gutbürgerlichen Ehestand verlassen. Aber die Lustbarkeiten eines Geheimnisses hat immer zwei Seiten: Licht und Schatten. Bei einem Praktikum in einer anderen Stadt wird Katharina von Hans überraschend verlassen. Er kommt nach Frankfurt an der Oder nur zu ihr, um ihr das in den zehn Rangierminuten der Lok zu offenbaren. Danach fährt er mit dem gleichen Zug zurück nach Berlin. Sie heult sich auf dem Bahnhofsklo die Augen aus. In ihrem Weltenschmerz wird es diese eine Nacht mit einem anderen Mann geben. Doch  Hans entschuldigt sich und nimmt die grundlose Trennung zurück. Nur das Schlachtfeld ist schon angerichtet und die Obsessionen beginnen. Das Paar steckt bald im schlecht bewohnbaren Unglück. Hans verlangt ein vollständiges Überein, doch das kann es nicht geben. Er malträtiert die junge Frau regelrecht mit Worten und schlägt mit seinem Gürtel zu. Da möchte man als Leser durchaus austeigen, aber die Autorin zieht einen tief hinein in diese sonderbare Liebesgeschichte, die das Zeitgeschehen zugleich mit messerscharfen Konturen skizziert. Hier nimmt die Handlung dramatische Fahrt auf, als der Spielboden des Landes auseinanderfällt. Am Ende sind alle nur noch frei…
Jenny Erpenbeck zieht ungewöhnlich klar, oft nur mit wenigen Sätzen komplexe Erinnerungen aus dem Schlamm der Geschichte. Besonders dafür kann man ihr wirklich dankbar sein. (pe)

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Morgenstunde (943. Blog-Notat)

Links und Mitte – die Inhaltsbögen; rechts – der Titel.

Als ich gestern die Null-Nummer für mögliche „Hefte zur Lesung“ zusammengestellt, layoutet und gebunden hatte, war ich innerlich auf der sicheren Seite und konnte beruhigt meine Nachbestellung von „Vom Duft der warmen Zeit“ an den Verlag absenden. Im Juli wird es zu diesen Kurzgeschichten eine musikalische Lesung auf der Schlossterrasse in Groß Schönebeck geben. Heute Morgen konnte ich aufatmen: Die Verlagsantwort war erfreulich – es wird nachgedruckt 😊, jedenfalls dieser Titel ist so gewiss. So brauche ich vorerst keine Veranstaltungshefte zu bauen, aber ich habe die Idee im Gepäck. Für den Fall der Fälle. Wer übrigens Interesse an einer Vorbestellung dieses schönen Sommerbuches hat, sollte auf den Link klicken, denn es werden sicher keine großen Mengen in Auftrag gegeben…

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Morgenstunde (942. Blog-Notat)

Das war eine dämmrige Woche. Da passte es, die letzte Lage Stollenkuchen aus dem Tiefkühler zu ziehen und warm der Petra vom See zu servieren. Sie besucht mich alle Jahre mit neuen Ideen und schöner Keramik. Diesmal bekam ich rote Schälchen spendiert. Karminrot – meine Farbe! Sehr schön und ich bin natürlich dankbar für ihre Zuwendungen. Wie sprachen über „Morgenstill“ und darüber, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren. Wie im Leben eben, die einen tragen ihr Herz auf der Zunge und die anderen schweigen bis über den Tod hinaus. Man kann das Verwelken zwar verbergen, aber aufhalten wird man es damit nie. Für viele Menschen ist Kranksein ein Makel.
Immer noch lehnt die Öffentlichkeit Gespräche über den Tod als morbid ab. Bücher wie „Interviews mit Sterbenden“ von Elisabeth Kübler-Ross, „Tagebücher und Briefe“ von Maxi Wander und „Es wird mir fehlen, das Leben“ von Ruth Picardie gelten bis in die Jetztzeit als brisante Bücher. Als Geheimtipp für so oder so Betroffene, für andere kursieren diese Notate als „Unberührbare“. Während die Spaßgesellschaft sich ständig jugendlicher und perfekter gibt, erleben wir in ihr das Paradoxon, dass die aufgeklärte Gesellschaft Krankheit und Tod heute noch weiter von sich weist, als vor Zeiten. Die Angst vor dreierlei „Defekten“ manifestiert sich. Man will nicht auf die respektlose Seite der Verlierer geraten. Schon der Berührung mit anderer Leute Leid weicht der erfolgsorientierte Mensch eher aus. Der hoch kultivierte Individualismus treibt so offenkundig nicht nur die Vereinsamung des Einzelnen, sondern zugleich eine allgemeine Gefühlskälte voran. Dem Schein nach, denn wer involviert ist oder wird, steht vor existentiellen Fragen, die zumeist seine komplette Wertewelt aushebeln. All das war und ist für mich schon lange ein Schreibgrund…

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Morgenstunde (941. Blog-Notat)

Heute, 12:45 Uhr, landete das erste Schwälbchen auf unserem Dachfirst. Einen Moment nur, dann flog der Kundschafter weiter auf seiner Erkundungstour. Dort, wo ich herkomme, gab es seinerzeit keine Schwalben. Zeuthen, im Süden vor Berlin, war und ist eine grüne Vorstadtoase. Viel Wasser, Wiesen und Wälder. Nur in der kleinen Dorfaue am Zeuthener See gab es noch eine Handvoll landwirtschaftliche Höfe. Vielleicht waren dort Schwalben Zuhause. Ich kannte die Vögel damals nur aus einem Kinderbuch, dass ich heute noch besitze. Es erzählt in altmodischen Reimen von der Familie Zwitscherfried, die im Herbst mit ihren Kindern übers Meer nach Afrika fliegt. Den Jungen passt das Klima wunderbar und als das Schwalbenvölkchen heimwärts will, haben sie sich versteckt. Bald aber packt die Sehnsucht alle und der alte Zwischerfried lässt per Brieftaube wissen, er sei inzwischen schwer erkrankt. Ne Wolkenfrau bringt schließlich die Vogelkinder heim und alles soll vergessen sein… Nun denn – Erinnerungen 😊. Aber echte Schwalben auf dem Dach, das ist ein Glück…

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Morgenstunde (940. Blog-Notat)

Nun will es doch noch einmal kühler April sein. Acht Liter Regenwasser sind heute Nacht gefallen und jetzt rupft eisiger Wind am frischen Blattgrün der Linde. Über die Ansaaten in den Hochbeeten habe ich weißes Schutzflies gelegt. Ob es gegen Nachtfröste helfen wird – wer weiß. Man kann ja schließlich nicht den ganzen Garten einpacken…, so ist Schaden zu erwarten. Aber das haben wir leider alle Jahre. Die Schwalben sind noch nicht da. Sie werden vielleicht die Rückkehr der Kälte im Gespür haben. Ihr liebliches Gezwitscher fiel gewöhnlich 10 Tage früher von den Dachfirsten. Es kommt, wie es kommt… Wir trieseln uns derweil wieder in den Alltag ein. Die Ostseebrise im Nacken, geht das ganz gut…

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Lyrik-Krümel

Lautlos

Hör‘ mir noch zu
wenn ich schon schweige
nur der Zweifel von den Wellen springt
wie war das Leben
nach allen Beben
und der tosenden See.

Hör’ mir noch zu
wenn ich verstumme
nur der Wind die alten Lieder singt
was für ein Leben
war uns gegeben
und wie lautlos das Gehn.

© Petra Elsner

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Eine Buchbesprechung

Heimatlos

Fast vier Millionen Menschen sind zwischen 1991 und 2017 aus dem Osten in den Westen gegangen

„Kosakenberg“, dieses Buch wollte ich unbedingt lesen, denn es erzählt die Geschichte einer Frau, die Anfang der 90er, wie tausendfach andere junge Menschen, ihre alte Heimat verlassen hat. Nur nicht umsehen – dieses Spannungsfeld interessierte mich. Doch ich war enttäuscht von der Heldin Kathleen, einer vollkommen zerrissenen Person, die sich vornehmlich am Statusdenken des Westens orientiert und sich für ihre Herkunft schämt. Ihre belehrenden Auftritte bei Heimreisen verstören und assoziieren ein Fremdsein auf vertrautem Terrain – beiderseits. Es ist, als ob ein allseitiger Vorwurf in jedem Gespräch im Heimatdorf mitschwingt. Und während sich die Fortgegangene als Verräterin fühlt und eine Rückkehr als Niederlage ansieht, schaffen sich die Zurückgebliebenen neue familiäre Ersatzbündnisse. Da ist diese alte Schulfreundin, die nicht mit hinüberwuchs ins Erwachsensein und zur rätselhaften Heileier-Händlerin mutierte. Bauernschlau, patent, rücksichtslos und irgendwie Ersatztochter für Kathleens Mutter. Misstrauisch und eifersüchtig beargwöhnt Kathleen diese neue Beziehung… Hier ist am Ende nicht alles gut. Über den Tod der Mutter hinaus, bleiben die zwei Frauen sich wesensfremd. Ein Haus ist wie eine dritte Haut weiß die leibliche Tochter, und das Elternhaus, das Nadine billig kaufte, trägt seither einen Wasserfleck, als würde es weinen.
Die Autorin Sabine Rennefanz schildert uns eine Heldin in der Ferne ohne Mutterboden, die sich ihre Wurzeln wie einen Feind auszureißen versucht, aber darin jämmerlich scheitert. In meinem Magen hinterließ sie nur ein ungutes Gefühl. (pe)

 

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Morgenstunde (939. Blog-Notat)

Wir sind zurück von der Insel und irgendwie auch ganz froh. So schön das Standlaufen und die Meeresbrise ist, heimisches Essen kann verlockender sein. Als ich gestern beim Italiener auf der Heringsdorfer Seebrücke statt eines feinen Salates mit gutem Dressing nur einen Berg geputztes und sehr grob geschnittenes Gemüse bekam, hatte ich (nach einigen anderen kulinarischen Enttäuschungen) restlos die Nase voll. Ja, es standen Essig und Öl auf dem Tisch, aber Kinner nee, für reichlich 16 € kann man wohl einige Kräuter und Marinade dazu erwarten. Also ein bisschen mehr Finesse… Die aber scheint aus der Mode zu sein. So freue ich mich auf meine eigenen Salate und kann so leichter den Abschied vom Inselleben verdauen. Faulenzen ist nach dem dritten Tag eh nichts für mich 😊. Schönes Wochenende allerseits, es ist Gartenzeit!

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