Scherbenkinder

Öffentliches Schreiben an einer Kurzgeschichte (Abschnitt 2):

… Benjamin Richter spürte ihren verächtlichen Blick so unangenehm, dass sich ihm die Nackenhaare aufstellten. Das konnte nicht so weitergehen, er musste diese knisternde Situation zwischen den Schreibtischen entschärfen. Nur wie? Bis zum Abend war ihm nicht wirklich eine Idee gekommen, so griff er nach dem Naheliegendsten und fragte schlicht, als sie schon in der Tür stand: „Lust auf ein Feierabendbier?“
Sophie glaubte sich verhört zu haben: „Bier? Ich dachte du trinkst nur stilles Wasser. Aber gut.“
Benjamin raffte seine paar Sachen, kaum später liefen sie die Oranienburger hinunter. „Wo kommst du eigentlich her“, fragte Sophie. „Aus Hamburg, aber geboren wurde ich gleich um die Ecke in der Charité.“ „Ah, ein echtes Kind der Spree und deine Alten, sind die mit nach Hause gekommen?“
Benjamin schüttelte seinen Kopf und sprach etwas belegt: „Nein, die hatten den Osten restlos satt, sind 1989 über Ungarn mit mir getürmt, waren stinksauer als ein paar Wochen später die Mauer fiel, und haben sich dann nie mehr Richtung Osten umgedreht. Nur geackert, um irgendwie Fuß zu fassen und wohlstandmäßig aufzuholen. War nicht einfach, die stehen immer noch unter Dauerdruck und stottern ihre Kredite ab.“ Sie schwiegen nachdenklich und ließen zu ihren Schritten ihre Augen wandern. Die Reste der verwegenen Zeit Anfang der 90er Jahre waren entlang der Meile nur noch spärlich zu entdecken, längst erstickten Baustellen die Magie des Szenekiezes. Nur in den Quartieren spürte man noch gut den Puls jener Zeit. In dem gemütlichen Kellercafé „Assel“ gegenüber dem Monbijou Park bestellten sie sich ein großes Weizenbier. Sophie fragte, während sie sich zuprosteten: „Und du hast offenbar viel von dem Druck abbekommen, und lebst deshalb so hübsch angepasst?“
„Quatsch, ich will nur meine Chancen nutzen.“
„Nee, mein Lieber, du hast nur echt schiss, irgendeinen lächerlichen Fehler zu machen.“
Benjamin sah Sophie an, als zählte er jede einzelne, der zweihundert Sommersprossen und sie sah, dass ihre Worte ihn aus der Fassung gebracht hatten. Sie hatte keinen Spaß daran und wollte sich schon entschuldigen, denn schließlich ging sie ja seine Lebensart gar nichts an, da antwortete er angesäuert: „Aber dir scheint ja alles Wurst zu sein. Du hältst dich an keine Regeln. hast keine Manieren und bist stur wie ein Panzer.“
„Aber begabt, in allem, was ich tue“, grinste Sophie. „Der Rest ist einfach Wendeschaden, wie bei dir auch, da kommt es eben zu Mutationen. Du bist ein hipper Nordwestdeutscher geworden und ich bin so unangepasst, wie es nur irgend geht. Denn meine Alten sind hiergeblieben, aber geblieben ist ihnen nix, trotz guten Glaubens, Hoffnung und viel Fleiß. Mit mir machen sie das nicht, kannste wissen.“
„Verstehe“, murmelte Benjamin und nippte an seinem Weizen…

© Petra Elsner
12.  August 2019

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Scherbenkinder

Öffentliches Schreiben an einer Kurzgeschichte (Abschnitt 1):

Er war der Mann, der sich fehlerlos gab, was Sophie von vorneherein suspekt war. Sie trug heute die eine Strähne, die aus ihrem kahlrasierten Haupt fiel, verwegen in einem leuchtenden Blau, was jedem sogleich signalisierte: Bin heute auf Krawall gebürstet – geht mir besser aus dem Weg! Aber der Zwei-Meter-Typ sah sie einfach kompromissbereit zu allem an, dass verdarb ihr sofort die Laune. Diese Spaßbremse, fluchte sie stumm in sich hinein. Und immer dieses makellose Outfit, wie aus einer Illustrierten geschnitten. Nie ein Haar auf der Schulter oder gar eine Schuppe. Jeden Morgen sah Benjamin Richter sie mit diesem aufgeräumten Blick an, als hätte er gerade eine wochenlange Schlafkur hinter sich. Lebte der Typ überhaupt oder funktionierte er nur? Ja, der neue Kollege war ein perfekter System-Optimierer, aber als Mensch fühlte er sich irgendwie nicht echt an. Getarnt, gespielt, wie eine Blaupause von Supermann, aber dafür war er dann doch viel zu ausgeschlafen. Wahrscheinlich war er eher eine heimlich eingeschleuste künstliche Intelligenz. Der Prototyp der Zukunft: Geschmeidig, gehorsam, genügsam, fließbandfleißig und ohne jede Rebellion. Gruslig, dachte Sophie, pustete sich die blaue Strähne aus ihrem Sommersprossengesicht und warf ihm einen verächtlichen Blick zu.
Sophie war das ganze Gegenteil von diesem gestylten Tarnwesen. Sie lebte den Punk, wie schon ihre Eltern, es war ihr egal was, wer von ihr dachte. Nur wenn ihr jemand ihren Weg verbaute, wurde sie sauer. In diese Technik-Crew war sie ungelernt als Naturtalent eingestiegen. Von der Spielkonsole im Kinderzimmer rutschte sie in den Chaos Computer Club. Auf einem CCC-Kongress entdeckte sie ihr späterer Chef und bot ihr den Job als Computersicherheits-Administrator an, gleich nach der Mittleren Reife. Nicht ungewöhnlich für jene Jahre, als das Computerzeitalter erste Schritte in die Wirtschaft setzte. Inzwischen war die junge Frau mit der wilden Strähne eine Institution in der Hacker-Szene und nun das: Die Firma setzte ihr so einen glatten, studierten Schnösel vor die Latichte…

© Petra Elsner
11.  August 2019

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Morgenstunde (198. Blog-Notat)

Es sieht im Kräutergärtchen schon sehr spätsommerlich aus, da lasse ich die „Unkräuter“ gewähren, meine, der Gartenfleiß lässt ein wenig nach. Die drei Elfchen unterm Wunschbaum hatten heute Nacht einen spielsüchtigen Waschbären zu Besuch. Es schaut nur noch eins aus dem Gras, die anderen beiden hat es dahingerafft. Aber das verwaiste Flügelmädchen wird nicht lange solo bleiben, ich repariere die Schwestern nachher sogleich. Der Waschbär war wohl auf dem Weg zu den Pflaumenbäumen, die so viele Früchte notreif abgeworfen haben, obwohl ich sie in der Hitze täglich gegossen habe, sie hatten offenbar Sonnenstress. Irgendwie ist es zurzeit schön in den Garten zu gehen und immer ein paar Hände voll zu ernten: Tomaten, Gurken, Zucchini, unterwegs ein paar Beeren und Kräuter. Die Gurken habe ich gestern an Stangen hochgebunden, um im Hochbeet neue Kohlrabi-Pflänzchen in die Erde bringen zu können.
Ihr merkt schon, es ist Wochenende – ganz entspannt, eine neue Geschichte winkt schon aus der Ferne. Montag ist sie vielleicht näher gekommen …
Habt alle miteinander eine gute Zeit!

 

 

Und abends sind es wieder drei…
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Morgenstunde (197. Blog-Notat)

Es ist ein schön klarer Morgen dort draußen, da kann ich mal wieder im Garten einiges richten. Die letzten Tage waren einfach zu schwül dafür. Trotzdem hab ich gestern noch einen neuen Kompostplatz geschaffen, weil die anderen drei von mächtigen Kürbispflanzen überwuchert sind.
Dafür musste mein Hexlein aus dem Gestrüpp weichen. Es war längst fest eingewachsten und steht nun etwas derangiert auf der Streuobstwiese. Mit der Zeit wird es wieder mit neuen Weinranken ausstaffiert werden und zu neuer Kraft erstarken, um seinen guten Gartenzauber zu verbreiten…

Nach diesem Umzug war ich pappensatt, denn schwere Luft und körperliche Arbeit, dass verträgt sich für mich nicht mehr, also habe ich lieber das Tastenklavier am Computer gespielt und die 13. Kurzgeschichte seit März erfunden. Auch schön. Aber heute nehme ich mir eine Atelier-Auszeit,

habt alle miteinander einen schönen Bilderbuch-Sommertag,

Eure Petra

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Am Ende der Zeit (3)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte (Der Schluss):

Sie posierte vor dem alten Spiegelschrank die Rolle der Drachenschlange, aber sie hatte nicht wirklich gutes Gift und vernichtendes Feuer zu versprühen. Für eine kapriziöse Diva fehlte ihr nicht nur die glamouröse Garderobe und auch die komische Alte stand ihr nicht so recht. Schließlich goss sie sich einen Schoppen Rotwein ein, setzte sich die Brille auf die Nase und begann sich ihre großen Lebensrätsel anzusehen. Der unverdaute Berg kam ihr mächtig vor, aber diesmal wollte sie wirklich alles bedenken, und sie begann mit der offenen Frage: Warum verlangt schwindende Kraft nach Lebenshunger? Weshalb begehrte das eine das andere? Eleonore Wundersam las sich in die Welt hinter der Frage, wälzte alte Bücher und klickte sich durch online-Essays. Lesen hilft durch jede Lebenszeit. Es sind die inneren Bilder, die das Erlesene zu eigenen Gedanken stimulieren.  Dabei fand die Frau zu diesem Gleichnis: Wenn der Frühling mit all seinen frischen Farben unsere Sinnlichkeit berührt, ist es der Schnee im kahlen Winter, der alle Konturen schärft. Auf den Verlust der Farben folgt der klare Blick, die reife Erkenntnis. So halten sich Jugend und Alter die Waage und jedes hat deshalb gleichgewichtigen Wert. Eleonore lächelte, während sie das notierte. Sie spürte, wie sie plötzlich gelassener auf die Hiebe der Zeit sah. Ihre Neugier auf all diese Rätsel trieb sie nun an, jeden Morgen am Ende der Zeit aufzustehen, um sich ein neues Rätsel aus dem Berg der Zeiten zu ziehen.

***

 

© Petra Elsner
7. August 2019

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Am Ende der Zeit (2)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte (Abschnitt 2):

… Wie konnte das sein, bis eben wurde sie von den Menschen noch reichlich wahrgenommen. Man besuchte sie und holte sich Überlebensratschläge bei ihr. Doch plötzlich war das allgemeine Interesse erloschen. Die Moderne schaute lieber in den Jungbrunnen nach Visionen. Während sich Eleonore Wundersam umsah, fühlte sie sich wie auf das Abstellgleis des Lebens geschoben. Sie nickte in sich hinein, denn sie hatte es kommen sehen: Alte Frauen sind nicht vorführbar. Immer noch nicht, setzte sie gedanklich nach. Die politisch Korrekten unter den verehrten Lesern werden jetzt sofort empört kontern: „Das stimmt doch gar nicht. Die Jutta Speidel oder Katharina Thalbach beispielsweise zeigen ihre Lebensfalten in jedes Rampenlicht oder die Kanzlerin…“ Ja, natürlich, dass wusste Eleonore auch, ein paar Frauen kämpfen sich durch, aber es sind vergleichsweise wenige. Als die Direktorin einer ländlichen Grundschule neulich am Telefon das Alter der Vortragsreisenden Eleonore Wundersam erfragte und die Zahl 64 vernahm, räusperte sich jene verlegen und meinte dann hart: „Eigentlich hatte ich an eine jüngere Person gedacht.“ Sie legte auf. Hiebe, die die Zeit austeilt. Nicht mehr erwünscht, verstand die Vortragsreisende. Sie grummelte: Natürlich ist das Altersrassismus vom Feinsten. Sie könnte gerichtlich Respekt einfordern, aber was sollte das schon, denn Respekt erwirbt man sich so nicht. Trotzdem ärgerte sich die Frau. Sie dachte an die vielen alten Männergesichter, die auf keinem gesellschaftlichen Parkett fehlten. Männerfalten adeln das Alter, Frauenfalten verstören.
Offensichtlich hatte Eleonore Wundersam das Ende, der ihr zugebilligten öffentlichen Zeit erreicht. Am Ende der Zeit war sie damit noch nicht. Schließlich hieß sie Wundersam und sie konnte noch vieles werden: eine giftige Drachenschlage, eine launische Diva oder eine weise Seherin. Denn wie lang das Ende dauern würde, bis es wirklich am Ende der Zeit angekommen war, dass wusste selbstverständlich auch eine Frau Wundersam nicht …

© Petra Elsner
6. August 2019

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Am Ende der Zeit

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte (Abschnitt 1):

Sie sah die Weite nur in der Distanz des nächsten Atemzugs. Nur so war es ihr möglich den ganzen Weg klaglos anzunehmen. Dabei hatte sie gar nicht bemerkt, wie lange sie schon unterwegs war. Als sie diesen klaren Morgen grüßte, war ihre helle Stimme brüchig geworden. Vielleicht hatte sie ja genug erzählt und sollte fortan schweigen. Wer weiß. Jeder Wandel birgt ein Rätsel. Man muss es nicht lösen, aber es vielleicht wenigstens annehmen. Eleonore konnte das nicht. Sie schluckte die Rätsel unverdaut und schleppte sie mit sich wie eine Wanderdüne, bis in diesen Moment hinein, in dem ihr die Stimme versagte und es ihr war, als müsste sie all diese Rätsel aus ihrem Leib kotzen. Die Last leichter machen, um den Weg ihrer aussichtslosen Suche fortsetzen zu können – jetzt eben schweigsam.
In jeder Zeit ihres Lebens wälzte Eleonore die zermürbende Frage „Wer bin ich jetzt und darf ich so sein?“ neu. Sie drehte und wendete die Situation, aber sich tatsächlich in sie hineinzufinden, dass gelang ihr nicht. Und so bröselten die Begebenheiten und Veränderungen missmutig in ihr herum, bis sie an den imaginären Punkt der Offenbarungen gekommen war: Sie, Eleonore Wundersam fiel gerade aus der Zeit…

© Petra Elsner
5. August 2019

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Morgenstunde (196. Blog-Notat)

So, liebe Leute: Wochenende!!! Es hat kräftig geregnet. Alles tropf und trinkt noch. Die dicken Hortensienblüten im Hof fühlen sich gebadet, jetzt nicken sie ich gegenseitig zu: Sind wir nicht wunderschön? Ja, natürlich, ein paar jedenfalls noch, viele der schönen Schwestern haben leider einen Sonnenbrand erlitten und sind braun verwelkt.  Die Tage über 30 Grad ertrugen auch diese Pflanzen nicht, aber ich kann leider nicht überall Sonnenschirme aufstellen… Heute erwarte Besuch und deshalb mache einfache Mal bis Montag Blog-Blau.
Last es Euch gut gehen, Eure Petra

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Das Immerwiederkehrende

“Ohne Wasser, merkt euch das, wär uns’re Welt ein leeres Fass.” (Aus: Der Fiedler auf dem Dach)

Alltag 10, August 2019:

Die „Dinge des Alltags – das Immerwiederkehrende“ – ist das Jahresprojekt der Bloggerin Ulli Gau, an dem ich mich beteilige und 12 Monate lang immer am  1. Monatswochenende etwas aus meinem Alltag vorstelle …

Diesmal: Sommerliche Wassemeditation

Regentage sind in den letzten zwei Sommern in der Schorfheide eher handverlesene Ereignisse. 2018 kamen sie kaum vor, 2019 ist es ein wenig besser, dafür ist es noch heißer und die Himmelstropfen verdampfen rasch wieder im Saharawind. Damit das allabendliche Sprengen nicht zu nerven beginnt, nenne ich es seit Jahren meine „Wassermeditation“. Das Wort assoziiert irgendwie die Silbe OM und flößt mir Ruhe ein. Jedenfalls am Anfang des Sommerhalbjahres. Schließlich ist der Garten groß … Aber nein, es geht hier nicht um Achtsamkeit und so Fragen wie: Wie fühlt sich Wasser überhaupt an? Welche Farbe kann es annehmen? Wie schmeckt es? Es geht bei meiner Wassermeditation ausschließlich darum, das wichtige Lebenselixier meinen pflanzlichen Mitbewohnern zu reichen, aus dem Schlauch oder dem Regensprenger. Beinahe täglich anderthalb Stunden wässern – dass ist lang und die Bremsen sind derzeit leider mächtig aggressiv. Seit Tagen renne ich mit einem roten, dicken Augenlid herum, gestochen von einer Mücke oder wem auch immer – ich bin genervt, wenn der Wetterbericht Regen verspricht und die Wolke dann anderswo inkontinent wird. OM. Nein, ich dehne nicht meinen Geist von der Quelle bis zur Mündung, ich sehe zu Beginn auf 140 Meter Gartengrün vor mir und denke mantramäßig: Das wird schon. Ich lausche still vor mich hin: Das Zebragras namens Herr Richter knistert, wenn ihn ein Schwall erwischt. Die mächtige Bauernhortensie Heike-Antje hebt sich schon mit den ersten Litern tänzerisch, die Bärbel-Otti-Kirsche schlürft ungerührt satte zwei Eimer weg … all die Gartengeschenke, die auch beständig den Namen des Spenders tragen und mich so an ihn oder sie erinnern, wollen trinken und es sind eben viele: OM…

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Wagnis (2 – der Schluss)

Öffentliches Schreiben an einer Kurzgeschichte:

… Erst zwanzig Jahre später kam Klara Heidenreich wieder in die Kleine Hamburger. Sie machte Fotos von Berlins Mitte, die den Wandel zwischen Schrott und Stein einfingen. Graugepellte bröckelnde Fassaden überall, aber das letzte Haus hinten rechts leuchtete in abenteuerlichen Cobaltblau. Knallbunten Grafits darauf signalisierten – hier wohnen alternative Künstler. Wieder schlug Klaras Herz wie wild. Sie war jetzt 39 Jahre alt. Eine späte Schöne. Ihr Sohn jobbte weit weg  in der Schweiz. Die Wende in Ostdeutschland hatte keinen Stein auf dem anderen in ihrem Leben hinterlassen. Nichts hatte mehr Bestand, außer der Liebe zu ihrem erwachsenen Kind. Selbst ihr Fernstudium, dass sie erst im Wende-Herbst abgeschlossen hatte, war wenige Monate später wertlos geworden. Arbeit gab es auf lange Zeit nicht. Ein ungewollter Freiraum entstand, der ein neues Wagnis hervorzauberte: Nach all den verpflichtenden Jahren legte die Frau in dieser Zeit die alte Verantwortung ab. Als sie vor das Blaue Haus in der engen Straße trat, ahnte sie, wohin ihr fliegendes Herz sie führen würde. Vom Dunkel ins Licht. Das Blaue Band der Freiheit konnte sie nur selbst fliegen lassen.

© Petra Elsner
31. Juli 2019

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