Eine Buchbesprechung

Bevor ich mich morgen wirklich in die KLAUSUR mit dem Altersmonolog zurückziehe, dies noch:

Über die wahre Bienen-Königin im Imkerhaus

Ich liebe spitzfindige Kolumnen, die süffisant menschliches Alltagschaos betrachten. Das kann erheitern und Erleichterung aufkeimen lassen: „Gott sei Dank, ist es bei uns nicht so!“ Aber was, wenn doch? Wenn also eine gestandene Imker-Frau vom Leder zieht und das Geheimste vom Imker und sin Fru seziert? Ui, da schlägt das Herz höher und lauter. In „Hier spricht die wahre Bienen-Königin“ erzählt die Journalistin und Imkergattin Steffi Pyanoe von den tonlosen Stoßgebeten, den romantischen Irrtümern und den wüsten Verwünschungen, die das Leben mit einem Imker flankieren. Alles, beinahe alles, wovon sie spricht, habe ich exakt so erlebt und ohne Selbsthilfegruppe nicht schadlos durchlitten. Das „raumgreifende Hobby“ ihres Imkergattens wird so anschaulich präsentiert, dass selbst die leiderfahrene Leserin in Lachsalven gerät. Der beste Weg zur heilenden Gelassenheit. Das fein illustrierte Bändchen gleicht einer herrlichen Lästerschrift! Unterhaltsam, lehrreich und desillusionierend zugleich.  Ineinem ist die Autorin konsequenter als ich, sie hat wenigstens ihr Schlafzimmer von frisch gefirnissten Zagen, drachenkopfartigen Honigeimern und Gläserkistenstapeln frei gehalten… Mir ist das nicht gelungen, wenn ich erwache, schaue ich auf ein gut gefülltes Honiglager und so manch anderes noch…😊

© Petra Elsner

Kredits zum Buch:
Steffi Pyanoe: „Hier spricht die wahre Bienen-Königin“, mit Illustrationen von Heike Isenmann, ISBN: 978-3-9823126-7-5, Preis: 14,90 €

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Eine Buchbesprechung

Die im Regenbogen wohnten
von Eckhard Mieder

Gut 30 Jahre nach dem Sommer 1989 stieg der Autor Eckhard Mieder noch einmal hinab in das „labyrinthische Denkgelände“ jener Tage, um mit Abstand diese Zeit zu betrachten. Das war gewagt. Denn natürlich war die Gefahr gegeben, dass eine neuerliche Draufsicht altklug daherkommt. Aber das wäre nicht Mieder, der sich herumquält mit dem Leben und Authentizität herausschälen will. Sein neuer Roman „Die im Regenbogen wohnten“ schafft das perfekt. Er erzählt auf 360 Seiten aus dem Leben einer Ostberliner Abiturklasse und von der Liebe zwischen Vera und dem neuen Mitschüler. Dem bemerkenswerten Gadji, Sohn eines sowjetischen Offiziers. Doch die Zeit und all ihre Gewissheiten geraten mit der Wende ins Wanken. Für Vera, die die Veränderungen eher verstören, sprechen die alten und neuen politischen Akteure mit gleichem Vokabular. Sie ist skeptisch, fast ablehnend gegenüber dem Engagement der Mutter. Ihre Denkunterschiede werden erst später eine neue Sprachmelodie bekommen. Aber dann werden ihr Land und Gadji schon für immer verschwunden sein.

Nicht schon wieder „Wende“, wird der eine oder andere abwehren. Aber es lohnt sich, in den Sog des spannenden Buches zu geraten. Allein deshalb, weil diese dichte Zeit ganz genau aufgebröselt wird. Der Autor hält sich streng an Fakten und so gelingt es ihm, ein neu akzentuiertes Kapitel deutscher Geschichte aus der Sicht junger Erwachsener aufzuschlagen.

©Petra Elsner

Credits:
Eckhard Mieder
Die im Regenbogen wohnten
erschienen im Verlag am Park
Roman, 362 Seiten, Taschenbuch, 23 €
ISBN 978-3-89793-381-1

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Druckfrisch: Der wilde Garten

„Der wilde Garten“ ist eingetroffen. Wie schon vermutet, steckt auch er  im leichten Softcover, als Folge der gestiegenen Produktionskosten. Dennoch, wer das Bändchen aufschlägt, wird ganz sicher von seinem stillen Zauber berührt. Im Rücktiteltext heißt es begleitend:

„Gute Märchen machen stark, weil sie uns zu leben lehren.“, meint die Geschichtenerfinderin. Ganz in der Tradition alter Hausmärchen sind Petra Elsners Erzählungen für die Familie gedacht. Magisch ziehen die Geschichten, die mit den Jahreszeiten wandern, in ihren Bann. Begegnen Sie dem Schneeglöckchenlicht, stöbern Sie einen Wetterkobold und den kleinen Blattträger im wilden Garten auf. Im Schattenwald erzählen Holzmann und Birkenfrau von den Geheimnissen des Waldes. Vielleicht treffen Sie unterwegs den Regenmann, die Heideelfe, den Grasflüsterer, das Sonnenmädchen, den Dunkelgnom und viele andere Bewohner der Uckermark, des Barnims und der Schorfheide. Denn wenn sie nicht gestorben sind…
Die fiktiven, regionalen Märchen, die aus der Moderne stammen und den Zeitenwandel in sich tragen, erzählen vom Glück, den Tücken des Lebens und seinen Festen. Sie knüpfen einen klaren Bezug zur Realität, wobei meist ein winziger Initialfunke das Märchenhafte anknipst wie eine magische Lampe, indem sich augenblicklich für den Helden neue Chancen auftun. Dabei bleiben Petra Elsners Fantasiegestalten dicht bei dem aufrechten Menschenschlag des Brandenburger Nordens …“

Die Credits: Petra Elsner: „Der wilde Garten“, Taschenbuch, ISBN: 978-3-949557-17-0, 98 Seiten, mit Illustrationen von Petra Elsner und Fotos von Lutz Reinhardt. Erschienen in der Verlagsbuchhandlung Ehm Welk in Schwedt an der Oder. Das Buch kostet 20 €, zzgl. Versand und ist überall im Buchhandel erhältlich, bzw. bestellbar.

Abends im Atelierfenster…

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Eine Buchbesprechung

Neuer Besuch im Kinderzimmer

Nach den zwei Emotionen „Wut“ und „Angst“ besucht diesmal die „Liebe lange Weile“ das Kinderzimmer. Eine seltsame Stimmung bringt sie mit, die verunsichert und schlechte Laune verbreitet. In dieser bezaubernden Vorlesegeschichte erfahren die kindlichen Zuhörer etwas über das große Nichts. Wieder hat die Autorin und Malerin Kerstin Undeutsch dem diffusen Unbehagen eine treffliche Gestalt gegeben, die zu so gar nichts Lust hat und kein guter Begleiter ist. Aber die Autorin findet einen einfachen Weg, diese gähnende Emotion zu überlisten. Und urplötzlich ist sie wieder weg, die „Liebe lange Weile“. Es ist das dritte kluge und spannend illustrierte Kinderbuch von Kerstin Undeutsch, dass der Verlag Tasten & Typen herausgegeben hat. Wie schon die Bilderbücher „Keine Angst vor der Angst!“ und „Wut zu Besuch“ wurde auch „Liebe lange Weile“ außerordentlich stimmig inszeniert. Eltern werden das klare und hilfreiche Buch lieben, weil es ihr Kind stark für das Leben macht. (pe)

Kerstin Undeutsch: „Liebe lange Weile“
Hardcover, Fadenheftung
ISBN 978-3-945605-50-9
Preis: 16,80
Erhältlich hier:

 

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Eine Buchbesprechung

Das Café ohne Namen
von Robert Seethaler

Die Handlung beginnt 1966 in Wien im ärmlichen Viertel um den Karmelitermarkt. Der Tagelöhner Robert Simon hört davon, dass der Pächter der heruntergewirtschafteten Kneipe am Markt aufgibt. Er erfüllt sich einen Traum und verwandelt das schäbige Quartier in ein gepflegtes Café. Von diesem Ort erzählt der Autor Lebensgeschichten. Knapp und konzentriert wie beste Kurzgeschichten, die für sich stehen, aber zusammen eine wunderbare Milieu-Skizze jener Zeit ergeben. Mit Leichtigkeit und einem Schuss Melancholie erzählen all diese menschlichen Auftritte von der Schwere des Lebens. Bittersüß.
Ein Roman über das Werden und Vergehen zu etwas Neuem. Empfohlen wurde er mir der Bestseller von meiner Freundin Ines, mir bescherte er wirklich wohligen Lesegenuss. (pe)

Erschienen ist es hier.

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Vorgestellt

Hier ist mein Land – gute Unterhaltung aus dem Norden Brandenburgs

@HierIstMeinLand ist ein neues Format auf YouTube, das seit Juni 2023 schon Tausende Zuschauer in seinen Bann zog. Der Macher – Micha Seidel aus Ringsleben – hatte es satt, für abgehobene TV-Konzepte zu produzieren, die zusehends dominant für schillernde Falter und Minderheiten das Wort ergreifen. Den Entertainer, Musiker und Filmer interessiert hingegen das bodenständige Leben auf dem flachen Lande und um nichts anderes geht es bei „Biertrinken mit…“. Gäste sind Typen aus der Gegend mit denen Seidel unverstellt über deren Lebenswelt plaudert. Immer freitags um 18 Uhr startet eine neue Folge. Beim Reinschauen könnte Sie das Gefühl beschleichen, Sie säßen mit am Stammtisch. Denn da fragt einer, wie Sie vielleicht auch fragen würden und der Gast antwortet offen und natürlich. Ja, Promis gibt’s auf diesem privaten Kanal auch gelegentlich, aber im Grunde geht es Seidel um Einblicke ins Regionale. Produziert wird das Ganze nicht billig mit der Handykamera, sondern mit richtiger Filmtechnik. Ein Jahr hat sich das kleine Dreh-Team um Micha Seidel gegeben, um dieses Regionalformat auszuprobieren. Ich muss Sie allerdings vorwarnen: Sie könnten süchtig werden. (pe)

 

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Seidel sang ziemlich beste Lieder

Jeder Takt floss in eine geschmeidige Bewegung. Der ganze Mann klang und swingte auf der Bühne, kaum, dass mir ein scharfes Foto gelingen konnte. Bis in die letzte Fingerspitze ist dieser Musikpoet eine herrliche Rampensau und seine Zwischentexte – eine Salve spitzer Ironie. Das anderthalbstündige Konzert „Seidel singt – ziemlich beste Lieder“ wurde unterm weiten Altlüdersdorfer Himmel vor 130  mitwippenden Zuschauern inszeniert. Ich fühlte mich dabei umarmt, seelenverwandt und gut mitgenommen. Micha Seidel ist ein Klangzauberer, einer, der mit dem Wort spielt, es dreht und wendet, bis aus dem Brandenburger Hinterland die große Politik spritzt. So war das kleine und große weltschattierte Konzert von „Seidels Volkskunst Kollektiv“ nicht nur musikalisch eine Offenbarung. Ich danke dafür.

PS: Die CD-Produktion „Seidel singt ziemlich beste Lieder“ hatte ich im Blog bereits letztes Jahr besprochen, siehe hier. Ich will mich nicht wiederholen…

„Seidels Volkskunst Kollektiv“: Micha Seidel, Sänger, Musiker und Entertainer; André Kuntze, Keyboard; Matthias „Felix“ Lauschus, Gitarre, Percussion, Trompete und Mario Rühl, Kontrabass und Gezupftes.

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Der Vogel im Preußenkleid des Igels
Gedichte von Eckhard Mieder

Das neueste Buch von Eckhard Mieder ist ein lyrisches Bündel, in dem der Autor selbst Protagonist in seinen Texten ist. Im Chamäleon-Gewand kann er Vogel, auch Igel sein. Seiten voller heiterem Gezwitscher, dann plötzlich stachlige Absurdität – ein echter Mieder also, der für seine Gedichte-Sammlung schon mal ins „Archiv der Albträume“ griff. Dabei begegnet er Ikarus und Sisyphus, um dann, ganz entspannt Orten die Stimmung abzulauschen. Der Leser begegnet mit „Fresslust gendernden Wespen“, von denen die dickste zur Hummel mutiert. Leichtfüßig, auch hadernd spürt der Dichter der „Rätsellast des Lebens“ nach, vergangenen Zeiten und Reisen nach Island, Schweden, Lappland. „Am Ende der Welt spricht Gott mit Gletscherzungen, Fischschuppen im Haar.“ Von der Schönheit der Natur überwältigt, schenkt er uns Wander-Balladen, witzige Sprachbilder, freche Aphorismen, scharfsinnige Verserzählungen, die wenigen vulgären Sprüche hab‘ ich großzügig überblättert. Nicht meins. Aber gleich dahinter freie Lyrik vom Feinsten mit humoristischer Note im Abgang, wie hier:

„Es gibt eine Stille

Schritte. Ein paar Dutzend Meter
in den Wald. Die Blaubeeren sind
geharkt von Menschen aus
Thailand. Die ausgehobenen Bäume,
braun vor Erde um ihre Wurzeln, ähneln
Bären im Stande launischer Scheu. Das Moos
klumpt zu Buckeln der Trolle.

Morgen ist. Bläue ist. Nicht
ein Vogel unterwegs. In der Nähe
gibt es einen See, in dem die Fische
beim Morgentee sitzen und Knäckebrot
essen. Was der Mensch kann, kann
der Rotbarsch seit langem; frag ihn mal.

Und nichts ist zu hören. Nichts.“

Und zwischen all dem expressionistisch Absurden ein Seitenhieb von West nach Ost:
„…Hab Geduld! Mach uns nicht das schöne Land entzwei
so plötzlich…“

In fast allen Notaten schwingt sie mit, die Liebe zu den Wurzeln, dem Land, das verlassen liegt und der Dichter weit weg, wo „die Sonne untergeht“ im Überdruss versinkt. Nur eine schwache Stimmung vielleicht, denn am Ende spricht er von Liebe und kämpft gegen Salomon um die bessere Hymne den Frauen. Da wagt er sich was und gewinnt (mein Lächeln).

Mieders Gedichte in „Der Vogel im Preußenkleid des Igels“ sind im Verlag am Park erschienen. ISBN: 978-3-89793-357-6, 130 Seiten, Softcover, 15 €

© Petra Elsner

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„Rotkäppchen spricht“

Im Flüsterton spricht mich dieses wunderschöne Buch an. Es war der Begleitband zu der Ausstellung „Rotkäppchen spricht“, die letzten Sommer Märchenbilder von Julia Kneise im Erfurter Haus Dacheröden präsentierte. Jetzt steht es für sich und das kann es auch, das sinnliche, sinnreiche Buch, das von der Stimmung und dem verborgenen Moment hinter der Geschichte erzählt, denn es berührt Herzen. Immer wieder verschoben, aus hinlänglich bekannten Gründen, verschaffte Corona dem Autor und Verleger Siegfried Nucke Zeit und Zugang, diese Worte für das gemeinschaftliche Projekt mit Julia Kneise zu finden. Nucke nimmt den Märchenfaden aus Grimms- und Andersen-Texten auf und assoziiert zu der Spannung des bildhaften Moments, den Kneise auf ihren Malgründen inszeniert. Die feinsinnige, safte, aber auch eindringlich-distanzierte Malerei, die nach der Zeit für Märchen sucht, tritt mit Tiefgang, Romantik und Poesie gegen die Inflation der Bilder an. Der Autor stimmt sich ein in diese rätselhafte Reise – ein Zweiklang von lyrischer Schönheit entstand, der mit Subtexten den Augenschein lichtet. „Julia Kneises Rotkäppchen blickt uns an, unschuldig und wissend: ‚Schau mich an! Ich bin stark. Lass mich gehen, auch wenn es dir das Herz zerreißt. Niemals bin ich allein.“, schreibt Nucke in seinem Text zum Geleit. Das gilt auch für dieses starke Buch, in der Welt, um zu verzaubern. (pe)

Das Buch ist ausschließlich über den Verlag Tasten & Typen für 25 Euro (Vorkasse, portofrei) bestellbar. Im Frühjahr wird die Ausstellung noch einmal im Schloss Molsdorf (bei Erfurt) zu sehen sein.

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Dorfkreuzung mit Regulierer

Dreizehn traumschattierte Gedichte versammelt das stilsicher handgedruckte Bändchen von Frank Martens. Seine poetischen Blicke in die Kindheit spiegeln Lebensgefühl, Klang und Farbe von Heimat, bevor er heranwachsend entdeckt: „das Wort wächst mir als stachliges Blatt“. Martens Gedichte erzählen uns kleine Geschichten vom Wahrnehmen: Von „rauschenden Kiefernwellen in träger Brandung“, von „der staubigen Kehle des Sommers“, von den Finsternissen im Kinderzimmer „schwarze und langsam schwenken Kastanienfinger“, von Vorkommnissen auf der Dorfkreuzung und von der Magie der Langsamkeit der Zeit in Golzow (Potsdam-Mittelmark). Ein feines Nachspüren, als wollte der Autor jene Zeit noch einmal vermessen. Dazu passt wunderbar der grafische Landkarten-Einband, deren Gestaltung Ute Langner übernahm. „Dorfkreuzung mit Regulierer“ ist 2022 in limitierter Auflage bei Eidechsen Presse Krohnhorst erschienen, ein stimmiges Buchkunstwerk ist es allemal. Für 13 € ist es direkt beim Autor unter: 039886 340062 zu haben.
Petra Elsner

Weiteres über Frank Martens siehe hier:

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