Eine Buchbesprechung

Nach hinten nicht und nicht nach vorne

Der neue Erzählband von Eckard Mieder ist auf der Suche nach dem Grund für die allgegenwärtige Müdigkeit und der Angst vor dem Zeitenwandel. Mit ruhiger Meisterschaft und zuweilen hübsch altmodischen Worten inszeniert der Dichter Kreuzfahrten durch die Abgründe der Seelen seiner Antihelden. Alle stehen im Zeitgestöber und stolpern geradewegs zu ihrem Wendepunkt. Bei der Stadt-Streunerin Ines findet der sich mitten auf einer belebten Straßenkreuzung. Im Polizeibericht heißt es dazu: „Sie ging nach hinten nicht und nicht nach vorne.“ Mieder denkt sich in das Desaster seiner Figuren und lässt den Leser wissen, wo es ins Ungewisse geht. Eine Stimme aus dem Off verrät uns „Das wissen wir nicht…“, und so erfahren wir auch etwas von den Zweifeln des Autors. Wie schon in „Der Lord geht noch einmal auf Sendung“ werden uns absurde und phantastischen Geschichten erzählt, die allesamt präzise das gesellschaftskritische Warum analysieren. Lebensweise und desillusioniert. Die eine schrumpft auf ihren Kern, bis sie verstummt. Ein anderer schaut teilnahmslos auf diese irre Frau, die ihn mit einer Waffe bedroht. Der Schneefall hinter dem Fenster hatte ihn mehr überrascht. Den Kindern des Ameisenvereins wachsen Ameisenköpfe – wohl als letzter Versuch Aufmerksamkeit zu erhaschen? Wahrscheinlich. Ein Aussteiger lebt als Eremit im Wald und begegnet unverhofft seinem früheren Ich. Realität oder Fieberwahr? Wir wissen es nicht. Und auch nicht, weshalb der Leser eines antiquarischen Buches, den Anmerkungen seines Vorlesers verfällt und plötzlich nach Oppenheim aufbricht, um diesen Leser kennenzulernen. Stadtgestalten, denen wir, wenn wir genau hinschauen, überall begegnen können. Irgendwo haben sie die falsche Kurve genommen, einen bizarren Richtungswechsel erfahren und wurden so zu Menschen, die das System ausspuckte. Eckhard Mieder hat sich ihrer mit feinem Gespür angenommen. (pe)

Nach hinten nicht und nicht nach vorne von Eckhard Mieder, ISBN: 978-3-89793-333-0, Verlag am Park, 208 Seiten, Softcover, 16 €

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Landwärts Poesie
Der Gedichtband „Landwärts Sölle“ von Frank Martens

Aufs Land gehen, die Stille zu suchen. Sie zu finden, auszuschreiten und auszuhalten, sich umzusehen, sie ansehen, sich von ihr umarmen zu lassen, zu trösten – davon erzählt die freie Lyrik von Frank Martens. Seine Gedichte kommen einem leise und listig entgegen, wie auf einem langsamen Spaziergang durch die Jahreszeiten, durch Landschaft und ländliche Gemäuer. Vom Leben erfahren wir, von seiner Süße und seiner Beschwerlichkeit. Mit körperlichem Gespür wählt der Dichter seine Worte und es ist Akkuratesse, die seine natürliche Poesie entwickelt. Intuitiv und langsam. Es sind ruhige Mitteilungen von innen nach außen, von denen manche „…mit einem Ton wie dünnes Glas knackt oder das Rückgrat nach einem Streit“ (Seite 22).
Die Rhythmik muss sich der Leser bei vielen dieser Gedichte selbst wählen, denn die Aneinanderreihung der Worte folgt nicht den klassischen Hebungen und Senkungen. Das verlangt vom Leser genaue Auseinandersetzung mit der geronnenen Ruhe in Martens’ Lyrik – sehr ungewöhnlich, als hätte sie einen Input aus zeitgenössischer Musik bekommen.

Frank Martens (Jahrgang 1964) lebt heute in Krohnhorst und betreibt dort als Lehrer ein LandDojo. Er stammt aus dem Dorf Golzow bei Brandenburg. Martens studierte Bibliothekswesen in Leipzig und arbeitete in Bibliotheken, verschiedenen Redaktionen, einer Grafikagentur und in diversen Kulturprojekten. Weitere Informationen finden sich hier:

Sein Lyrikband „Landwärts Sölle“ erscheint im Januar 2022 in der Edition Rugerup und kostet 20 €, ISBN 978-3-942955-87-4

© Petra Elsner

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Seidel Singt, ziemlich beste Lieder

Wenn Micha Seidel singt, juckt einem ungebeten die Tanzsohle.  Aber diese Scheibe „Seidel Singt, ziemlich beste Lieder“ ist viel mehr als „nur“ tanzbar. Manch‘ Liebeslied („Außer Dir“) hat das Potenzial zum Ohrwurm. In 14 Songs mischt der Süden sich mit dem Norden. Seidels musikalischer Kompass flimmert zwischen Polka-Pop („Wer weiß, wer weiß“), ein bisschen Rock, Klezmer („Die Reuse“) und Folk – Weltmusik mit charismatischen Texten. Da verschmelzen Pointen des Comedians mit dem Tiefsinn eines Liedermachers, zeichnet der Gehalt einer Landliebe Heimat im besten Sinne. Michael Seidel (bekannt durch Ex-Arbeiterfolk, Schauorchester Ungelenk oder als Frontmann von Polkaholix) hat sich in der Corona-Zeit eine Eigenproduktion (Musik und Texte) gegönnt (mutig!), bei der ihm große Musiker- und Künstlerfreunde mit ihren Talenten beistanden. Mit 58 Jahren schuf er so sein erstes Solo-Album. Gerade ist die CD bei BuschFunk erschienen. Möge es die Radiowelt wahrnehmen, denn diese Scheibe färbt sich aus dem Klang-Kosmos unserer Zeit. (pe)

Eine pralle Klangzeit, die aus der weiten Landschaft am schönen Wentowsee entsprungen ist.

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Morgenstunde (567. Blog-Notat)

Ach, ich muss mal schwärmen: Unser keines Schorfheidedorf feierte gestern sein erstes Fest seit gut anderthalb Jahren. Ein Herbstfest. Das Wetter war ein Gedicht und die Stimmung geschmeidig. Viele fleißige Hände haben zugepackt, gebacken, gebrutzelt, arrangiert, ausgeschenkt… Viel gab es für unsere Kinder, Kürbisschnitzen, Hüpfburg, Kinderschminken, Stockbrot rösten und obendrauf etwas ganz Besonderes: Die wunderbare Puppenspielerin Roberta Annecchino entführte unsere Kinder in ein Waldmärchen, das die Freundschaft hochleben ließ. Mit wenig zauberte sie viel aus ihrem Wunderkoffer und nahm alte wie junge Menschen mit auf eine Reise in die Fantasie, die Rocco, der Sohn der Puppenspielerin erfand. „Das großherzige Eichhörnchen“ heißt sie.
Roberta hat das „Il Teatrino degli Errori“ (Das Theater der Fehler) in Berlin-Neukölln gegründet. Es ist ein kleines intimes Puppentheater für das die charismatische Frau handgeschnitzte Figuren und die Bühnenbilder selbst herstellt. Ich kann ihr Puppenspiel bedenkenlos weiterempfehlen, holt sie zu Euch, sie verbreitet eine feine Magie!
Kontakt: roberlina@gmail.com

Es sieht so aus, als würde dem Herbstfeuer ein kleiner Drache entspringen.

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In der Schwebe zwischen heute und gestern
„Raumfahrer“ von Lukas Rietzschel

Es wurden schon viele Bücher über Lebenszeiten in der DDR und der Nachwendezeit geschrieben, viele reduzierten sich sie auf Stasi. Kaum Zwischentöne, selten respektvoll. Aber „Raumfahrer“ von Lukas Rietzschel ist anders. Der Autor erzählt aus der Warte eines Nachgeborenen, der im zerfallenden Kamenz aufwächst. Zwischen Industriebrachen, verlassenen Plattenbauten und dem Neonlicht der Laderampe des Dänischen Bettenlagers. Das Stadtkrankenhaus, in dem Jan als Pfleger arbeitet, soll abgewickelt werden. Ganze Bereiche stehen schon leer, nachts spazieren Wildtiere durch die Gänge. In dieser Halbbrache beginnt die Geschichte im Grundton der Tristesse einer ausgeschabten Gegend. Ein Patient im Rollstuhl soll zu seiner Physiotherapie gebracht werden. Der alte Herr Kern zeigt Jan blitzschnell ein Foto und zieht es wieder weg. Wenn Jan es noch einmal sehen will, soll er ihn besuchen. Etwas an diesen Fotogesicht kennt Jan. Und so folgt er der Aufforderung und bekommt von Herrn Kern einen Schuhkarton mit Briefen und Fotografien der Brüder Baselitz aus Deutschbaselitz in der Lausitz… Jan spürt deren Zeit nach, erkennt, dass die Bildwerke von Georg Baselitz, in seiner Familiengeschichte wurzeln: Der Kriegsheimkehr des Vaters, der nicht mehr Lehrer sein darf und was das für die Brüder Günter und Georg bedeutet. Der Flucht Georgs in den Westen und die erfolglosen Versuche Günters, ihm zu folgen. Er muss sich schließlich einrichten in dem Land, dass ihn nicht freigibt. Irgendwo hier gibt es eine Verbindung zu dem jungen Pfleger.
Lukas Rietzschel erzählt brillant und klar. Leise steigt die Lesespannung, die einen aber nicht mehr loslässt. Man versinkt förmlich in der Romangeschichte. Ein ehrliches, wichtiges Buch über das Land, indem wir leben.

Petra Elsner

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Morgenstunde (557. Blog-Notat)

Gestern habe ich das neue FOLKLÄNDER-Album „So viele Wege“ gehört. Eine liebe Freundin hat es mir geschenkt. Und obgleich ich sogar nicht in der Folk-Szene unterwegs war und bin (eher bei den Liedermachern), fand ich es sehr schön anzuhören. Selbstironisch, witzig, altersfrech und immer dieser Irish-Folk-Sound dazu. Klangvoll und melodisch. Die einstige Studentenband gehörte zu den bekanntesten der Folk-Szene in der DDR. Nach einigen Jahren der Rampenlicht-Abstinenz haben Manfred Wagenbreth, Uli Doberenz, Gabi Lattke, Jürgen B. Wolff, Heidi Eichenberg und Ulrike Triebel in der Corona-Zeit neue Lieder und Nachdichtungen eingespielt. Anlässlich ihres 45. Band-Geburtstags brachten sie die neuen Titel bei Löwenzahn/Heideck 2021 heraus. Ich mag diese Comeback-Scheibe, die genaues Zuhören verlangt, damit auch manch‘ Seitenhieb verstanden wird. Das ist keine Backgroundmusik, sondern eine Art musikalische Erzählung. Jedes Teil, wie ein kleines Kammerspiel.

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Morgenstunde (549. Blog-Notat)

Nachmittags gab es gestern wieder eine ausgiebige Teezeit im Atelier. Es war Gedankenaustausch mit vielen Gleichklängen. Und seit langem hörte ich mal wieder einen Witz: „Wenn die Neuen Länder, die Neuen sind, dann sind die Alten Länder, die Gebrauchten 😊.“  Zum Abschied hatte sich die Besucherin zwei kleinformatige Originale und vier Ausgaben meiner handgefertigten „Kurtschlager Edition“ ausgesucht. Sie sammelt die handgefertigten Künstlerhefte, zu deren Reihe es inzwischen zehn Titel gibt.
Als es wieder still wurde im Atelier, habe ich sehr genüsslich die letzten Seiten von „Der Buchspazierer“ verschlungen. Was für ein feines Buch von Carsten Henn! Es wärmt das Herz. Ich habe schon sehr, sehr lange nicht mehr so eine wohltuende Lektüre lesen dürfen. Es nährt die Kraft der Fantasie. Empfohlen hatte es mir die Auftraggeberin für das Logo der Wandlitzer Waldflitzer 😊. Danke noch einmal dafür! Inzwischen kaufe ich nur noch Bücher nach persönlichen Empfehlungen. Aber selbst unter diesen sind leider einige, die für mich völlig neben meiner Spur liegen… diesmal nicht, das Buch ist ein Volltreffer für sensible Menschen. Womit ich es hier gerne weiter empfehle und nicht, weil „Spiegel-Bestseller draufklebt. Letzteres ist für mich schon lange kein sicherer Garant für gute Literatur mehr, aber hier stimmt es…

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Der Lord geht noch mal auf Sendung von Eckhard Mieder: Er klimpert schon seit Jahrzehnten geistreich und anspruchsvoll auf der Tastatur der Erinnerungen und Fiktionen, der Eckhard Mieder, ein Urberliner, der jetzt in Frankfurt/Main lebt. Doch diese neun Novellen in „Der Lord geht noch mal auf Sendung“ sind das Beste, was ich bisher von ihm las, überraschend und meisterlich erzählt. Es sind absurde, abgründige und phantastischen Geschichten von diversen Abgängen. Die Umstände weshalb einer aus der Zeit fällt oder verzaubert aufgefunden wird, können kurioser kaum sein. So zieht das neue Mieder-Buch in seinen Sorg, der den Leser ins tiefe Nachdenken schickt. Es geht um eine rätselhafte Lebenslüge, die auf der Suche nach dem greisen Vater dem Sohn spät zublinzelt. Die zweite Novelle erzählt scheinbar eine Beziehungsgeschichte, doch plötzlich und unerwartet, denkt der Held Friedrich am Rande des Marktes über Mensch-Wesen nach, die sich funktional bis ins Unkenntliche verbessern.  Den Wanderer der nächsten Begebenheit lässt Mieder in die Schönheit Lapplands eintauchen, um die „Ewigkeit zuzuschauen“ und dabei über Gott und die Welt zu sinnieren. Er will den schwindenden Verstand herauszufordern, bis er entrückt. In diesen still erzählten Geschichten resümieren die Protagonisten ihr Leben, manche verschwinden, andere öffnen das Fenster und folgen dem Blinken eines roten Lichts. Mieder erzählt reif, verstörend, doch keineswegs ohne Humor von den Tücken des Lebens, in die nicht nur manche stürzen. © Petra Elsner Credits: Der Lord geht noch mal auf Sendung von Eckhard Mieder, ISBN 978-3-947094-84-4, Verlag am Park, 180 Seiten, Softcover, 16 €

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Liebe für Athen

Der Bildband in meinen Händen schickt mich auf eine Zeitreise in das alte Athen der 60er Jahre. Er lässt mich diese Stadt mit den Augen der Fotografin Katerina Zoitopoulou-Mavrokefalidou betrachten und ich kann dem Erwachen ihrer Liebe für diese Stadt beiwohnen. Zehn Jahre lebte die junge Griechin in Westberlin, bevor sie 1966 heimkehrte und sofort den Heiligen Felsen bestieg, um das Licht und die Schönheit, den Marmor und die alten Denkmäler in sich aufzunehmen. Sie geht den Weg der Touristen, doch im Abstieg entführt sie eine halb geöffnete Brettertür in die Stadt, in der ihre Liebe für die Athener erwacht. Katerina zeigt uns eine Stadt im Zeitenwandel. Langsam kommt die Moderne, aber die Armut der Menschen ist allgegenwärtig. Doch die fotografierende Frau sieht mehr: „Diese Stadt ist nicht arm. Sie ist reich an Mühsal, an Arbeit, an Leben.“, notiert sie. Sie führt mich an quirlige Plätze mit Kaffeeduft und Musik, daneben warten die Anstreicher auf ihre Tagelöhne und der Schuhputzer auf Kundschaft, ihr blickt er teilnahmslos, aber neugierig nach. Und weiter geht es über den Markt, wo für die Frische noch Eisblöcke sorgen. In dieser Männerwelt fallen aufdringliche Blicke auf die Fotografin, die sich hinter der Optik versteckt. Sie schaut auf die Auslagen und die Menschen dahinter. Und sie denkt dazu: „Götter der Fotografie. Sagt mir, wo sonst ihr solche Gesichter gesehen habt?“ Beim Betrachten ihrer Fotos spüre ich den Atem der Zeit, den Katerina Zoitopoulou-Mavrokefalidou eingefangen hat und ihn in diesem besonderen Bildband ausatmen lässt. Berührende Bilder aus jenen Tagen, in denen die Griechen noch fast unter sich waren. Sie hat den Blick von innen und von außen, denn sie verließ ihre Stadt, um zu studieren und sich zu entfalten. Mathematik an der TU Berlin und Film und Fotografie an der staatlichen Schule für Film und Fernsehen. Sie ist viel rumgekommen, hat Preise bekommen, hat ihr Leben als Filmeditor verbracht und hat sich neben vielem anderen mit der Übersetzung deutscher Literatur befasst. Ein Leben wie im Film, dramatisch und stolz. Ich durfte ihr einst begegnen, der wachen Frau mit dem magischen Blick für starke Bilder.

Der Bildband „Athen“, zweisprachig, mit Fotos von Katerina Zoitopoulou-Mavrokefalidou, erhältlich: kaziou1983@gmail.com,
ISBN 978-618-00-2316-9, Preis: 15 €, zzgl. Versand

 

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