ALTERN – eine Buchbesprechung

Wenn eine wie Elke Heidenreich über das Altern schreibt, dann ist das nicht ein schlichtes Nachsinnen, sondern das Ausgießen des Füllhorns der Bücherwisserin. Störrisch und kämpferisch, wie sie eben ist, die Heidenreich, erzählt sie uns von sich und ihrem zum Thema Gelesenen. Darüber entsteht ein fiktiver Dialog über Zitate. Spannend ja, aber zuweilen auch schwergewichtig wie ein Gesellschaftsvortrag. Mir sind die Passagen am liebsten, in denen sie über sich selbst schreibt. Wie zu viel Energie, für andere bedrohlich wirken kann. Sie ist eine, die sich mit 81 Jahren immer noch ein Arbeitspensum zumutet, dessen Preis „Erschöpfung und oft eine gewisse Einsamkeit…“ ist. Sie will für sich ein bisschen „Ruhe in eine Welt bringen, in der es keine Ruhe mehr gibt,“ indem sie „weniger, aber alles zu Ende“ liest, hört, sieht. Nicht weglegt, wegzappt, eben ruhig bei der Sache bleibt.
Heidenreich reflektiert über Herkunft, Glück, Lebenssinn, Schuld und (sehr wichtig!), dass man sich vor der „Enteignung“ im Alter nur durch Selbstbewusstsein schützen kann. Sie schreibt über selbst gewählte „Einsamkeit als Technik der Leidensabwehr – nicht als Dauerzustand.“ Und unterscheidet zwischen Einsamkeit als Verzicht und Vereinsamung als Verlust. Sehr wahr. Am Ende spricht sie vielen Lesern aus dem Herzen, wenn sie das „Grundgefühl der Überforderung“ der Alten benennt, die uns ab und zu in eine tiefe Niedergeschlagenheit führt. Da muss man sich wieder rausrappeln, auch um wieder gesehen zu werden. „ALTERN“ ist ein reiches, gedankenanstiftendes Essay zum Thema Altwerden in dieser unserer Zeit. (pe)

ALTERN von Elke Heidenreich, Hanser Berlin Verlag,
ISBN: 978-3-446-27964-3

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Morgenstunde (387. Blog-Notat)

Es ist ein kleines Wunder, was ein Menschenleben erträgt. Aber wenn es mager und beschädigt ist, kein Tanz mehr möglich, keine Liebesnacht, nur ein schwindendes Dasein, dann fragt es sich: Macht es noch Sinn? Selbst der Heiterste kommt um diese Frage nicht herum, ob er es auslebt oder selbst Hand anlegt. Als sich diese Frage in mir anstimmte, machte sie mich unglaublich traurig. Jetzt schon? Sie kam ganz sacht, wie ein leiser Zweifel, wuchs zum Grummeln, bis sie sich demonstrativ in meinen Weg stellte und mich nötigte, sie zu beantworten. Eigentlich wollte ich mir einen schönen Baum suchen, wenn es soweit ist, aber ehrlich, ich wäre sowieso nicht mehr rauf gekommen, um in die Schlinge zu springen. Und schließlich kann man den Liebsten nicht bitten, mir die Leiter zu dem Baum zu tragen. Um so etwas darf niemand seine Liebe bitten. Niemals! Aber plötzlich und unerwartet, war da diese Neugier in mir, zu sehen, wie das Leben im Übergang ist. Die Pforte dahin hatte ich längst passiert, aber wie lebt es sich auf der letzten Stufe vor dem Fall ins Licht oder ist es doch nur das große Nichts? Das wird sich nicht klären lassen, aber das lautlose Gehen. Ich habe mich immer schon gefragt, weshalb sich die Alten so heimlich zurückziehen und dabei regelrecht unsichtbar werden. Jetzt weiß ich es. Es ist nicht die Scham zu welken, die anderen, die Lebenstüchtigen gehen einem einfach auf den Geist. Sie nerven mit ihrer Kraft und ihrem Tempo. Und sie schauen einen an, als wären Alter und Krankheit etwas, dass ihnen niemals widerfahren würde. Hah., glaubte ich auch – einst. Als junges Mädchen beobachtete ich eine arg zerknitterte alte Frau in der Berliner S-Bahn und dachte über diese Furchen in ihrem Gesicht: die müssten doch weh tun. Tun sie nicht. Aber wenn Lunge „vergisst“, verbrauchte Luft wieder auszuatmen, dann wird gruslig. Angst ist jetzt ganz schlecht. Ruhig atmen, die Angst weg atmen, sich ablenken. Eine Buchseite lesen, ein Wimmelbild betrachten, einen Brief schreiben. Menschen mit COPD Stufe IV und obendrauf ein diffuses Asthma haben nicht mehr viel Lebenszeit, wieviel genau lässt sich nicht sagen. Vielleicht eine Handvoll Jahre, eher weniger. Ich versuche gegenzusteuern mit Atemtraining, leichter Gymnastik, gesunder Ernährung, trotzdem schreitet der Prozess voran und ich würde lügen, wenn ich hier erzählen würde, dass ich mich nicht fürchte. Aber damit kann ich nicht andauernd meine Zeit verbringen. Es gibt gute Zeitfenster, in denen ich all das vergesse und arbeite, auch körperlich, selbst wenn ich sehr rasch hochrot dabei werde und schnaufe. Ich bin nicht so der Hängemattentyp. Aber dann gibt die anderen Tage, da steh ich schon nach wenigen Schritten und japse wie eine alte Dampflok. Das treibt mir Tränen in die Augen und die bange Frage ins Herz: Wie lange noch? Das Rätsel ist nicht zu erraten, schiebt mir aber das Dunkel ins Hirn, ach, das verbraucht nur Zeit. Ich seufzte in Lyrik-Krümeln oder trinke an solchen Abenden zu viel von dem kühlen Wein, was solls.

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Morgenstunde (265. Blog-Notat)

Ich hadere mal wieder mit dem Alter, vor allem, wenn ich mich aus der Zeitung ansehe und ein zerknautschtes Morgengesicht zurückblickt – 66 Jahre alt und längst vom Kortison gezeichnet. Heilig Abend in der Gransee Zeitung gab es einen Beitrag über meinen Blog schorfheidewald.de, die Frau dahinter und dieses unvorteilhafte Konterfei. Es haben den Artikel nicht viele entdeckt, an so einem Tag … ganz klar, da ist keine Ruhe zum Zeitungslesen und ich denke: Gott sei Dank. Herrje: Atmen oder „schönsein“? Atmen ist alternativlos. Ich bin ungeübt mit dem Altern von Frauen in meiner Nähe. Bin jetzt vier Jahre älter als meine Großmutter Marie es wurde, 13 Jahre älter als meine Mam Rita, 17 Jahre älter als meine einzige Schwester Angelika. Die Schwiegermutter wird alt, aber sie hat andere Gene. In meiner Linie stehe ich ganz vorne und grusele mich durchaus an dieser Front. Ich fürchte nicht den Tod, nur den Verfall. Wann kommt die Gelassenheit? Es ist nicht die Zeit für Gelassenheit. Die Zeit dort draußen tobt zu wild, sie rüttelt an mir, lässt mich nicht wirklich in Ruhe. Vielleicht kommt Gelassenheit irgendwann, wenn der dünne Atem das öffentliche Lesen nicht mehr möglich macht, wenn ich mich zurückziehe und nicht mehr auftreten kann. Noch ist es nicht soweit, aber der Augenblick kommt näher…

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