Nachtblau

Zeichnung: Petra Elsner
Zeichnung: Petra Elsner

Der Regen pladderte auf dem Fensterblech ein Rondo. Doch diese Wetterpoesie ließ keine Leichtigkeit wachsen, sie nervte nur noch. Der Sommer war einfach zu grau, zu kalt, zu einsam. Leonie fröstelte. In der Pfanne brutzelten Bratkartoffeln, sie hatte Hunger wie im Winter. Der Duft aus der Pfanne legte eine Gedankenspur in eine Zeit, als die Sommer noch Leichtigkeit waren oder schienen. Damals unterm weiten uckermärkischen Himmel – sonnabendnachts:
Schwerer Rosenduft hing in den Gartenterrassen am See. Die Rockband hatte eingepackt, denn die übliche Lokalschlacht hatte sie schnell übertönt, und sie wollte nicht in die Keilerei hineingezogen werden. Es brauchte nie viel, um die Hitzköpfe der Dörfer in Position zu bringen. Jeder gegen jeden und jede Sonnabendnacht. Die Mädchen huschten in eine sichere Distanz und sorgten sich um ihren Favoriten. Chancenlos schrie der Wirt: „Raus, schlagt Euch draußen!“
Da flogen schon die ersten Stühle, Holz und Scheiben barsten. Die Minuten dehnten sich. Niemand hätte später genau sagen können, wie lange die Prügelei dauerte. Nur der Dorfpolizist, der allein im Schatten seiner Amtsbarracke, die gleich gegenüber dem Rosengarten stand, wartete, hatte ein sicheres Gespür dafür, wann er nach dem großen Finale, die angeschlagenen Raufbolde gefahrlos trennen konnte. Dann schrieb er die Namen und die Schäden auf, stieg wieder auf sein Fahrrad und fuhr nach Hause. Er wurde hier nicht mehr gebraucht.
Es war die Zeit, als man meist gefahrlos nachts von den ländlichen Tanzböden auf Waldwegen heim lief oder radelte. Die Zeit roch nach Bier, Club-Cola-Wodka, Rummel und schlechtem Deo.
Nichts konnte Leonie damals davon abhalten, ihre Lust in süßer Sorglosigkeit auszuleben, bis sie abermals in einer schwülen Sommernacht auf einer Bank am gleichen See schlaflos auf die Morgenfrische wartete. Ihr Leib beulte sich und pochte. Wenn die Fischer nach ihren Reusen sehen, wird sie heimgehen, in der Hoffnung auf Schlaf in der Kühle des Morgens. Aber noch war es nicht so weit. Himmel und See ergossen sich noch in ein tiefes Nachtblau, das kaum einen Horizont kannte.
Irgendwo tapste und hechelt etwas. Leonie zog die Schultern gerade nach hinten und späte nach dem Geräusch. Es kam schnell näher und dann lief er auf sie zu. Ein großer Schäferhund, der sich vor sie setzte und herzzerreißend jaulte.
„Lass das, Bero, du weckst noch alle Hühner auf!“, flogen die Worte dem Hund hinterher. Ein Mann tauchte aus dem Dunkelblau, nicht alt, nicht jung, in schwarzen Lederhosen und grünem Parker. Er rauchte Zigarre und brummte: „Sitzen Sie ganz alleine hier rum?“
„Sehen Sie doch oder?“ antwortete Leonie kühl.
„Ist aber nicht gut, allein in der Nacht mit dem gefülltem Bauch. Gibt es keinen Beschützer?“
„Gibt es nicht und wird auch nicht gebraucht.“
„Aha“, brummte der Mann, zog an seiner Zigarre und paffte Kringel in die Luft. „Es ist sauschwül, keiner kann schlafen, nicht mal der Hund.“ Er hockte sich zu Leonie auf die Bank und tippte ihr sacht auf den Bauch und sprach gutmütig: „1972 wird ein guter Jahrgang.“
Sie lächelte verklemmt.
„Und, wie wird das Alleinstehend so werden?“, fragte der Mann und kraulte dabei seinen Hund.
Leonie zog die Schultern hoch: „Mein Vater hat mir vorgerechnet, dass man mit 385 Mark Jungfacharbeiterlohn nicht klarkommt. Das merke ich gerade.“
„Und, wenn er das herausgefunden hat, unterstützt er Sie?“
„Leonie schwieg.
„Echt nicht?“, raunte der Mann.
„Er meinte nur, für solche wie mich, haben sie den Abtreibungsparagrafen gemacht, und wenn ich das nicht schnalle, dann solle ich mich auch allein kümmern“, erzählte sie tonlos.
„Aha“, brummte der Mann wieder und schwieg in das Morgengrauen.
Die Fischer zogen auf ihren Booten vorbei und Leonie streckte sich: „Ich geh dann mal.“
Der Mann nuschelte: „Wird ja auch Zeit. Ich bring Sie noch durch den Rosengarten.“
Der Hund sprang ihren gemächlichen Schritten voran, plötzlich stand und scharrte er. Als die Zwei bei ihm waren, sahen sie ein silbernes Fünfmarkstück. Und während der Mann sich bückte, es aufhob und es in Leonies Hand legte, scharrte Bero erneut und wieder brachte er ein Silberstück hervor und noch eines, bis zur Straße waren es neun. Leonie traute ihren Augen kaum, als der Mann sprach: „Reicht das für die nächsten Tage?“
Die Frau war dem Mann mit dem Hund nie wieder begegnet, aber sie wusste seither: Das Glück muss einem unterwegs begegnen und nicht erst am Ende des Tunnels.
Petra Elsner

Mit dieser Geschichte möchte ich nochmals auf meine Lesung am 6. März, 15 Uhr, im Jagdschloss Groß Schönebeck (Schorfheide) aufmerksam machen. Ich lese dort aus meinem Buch “Vom Duft der warmen Zeit”

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Delle in der Zeit

Eine Lesekostprobe zur Lesung am 6. März 2016, 15 Uhr,  im Jagdschloss Groß Schönebeck (Schorfheide):

Zeichnung: Petra Elsner
Zeichnung: Petra Elsner

Immer, wenn Ina sich entspannt für einen Termin entscheidet – irgendjemandem zum Geburtstagsbrunch zusagt oder zu einem literarisch-musikalischen Abend, kommt irgendwer daher und schiebt sich exakt mit seiner wichtigen Veranstaltung auf dieses freundliche oder festliche Datum. Am 4. wird Freundin Sabine 40 Jahre alt und nun trötet der Briefkasten gehässig: „Ätsch, ich hab‘ hier noch eine Einladung des örtlichen Kulturvereins, genau zum 4. – mit einem großen, unausgesprochenen, aber gut fühlbaren MUSS versiegelt.“ Der Tag hat plötzlich eine Delle, ein blaues Auge, und Ina mag gar nicht mehr in diese sommerliche Kalenderzeile schauen, denn die suggeriert jetzt Stress. Sie ist schlicht sauer, dass jemand es wagt, in ihren Kalender zu spucken. Ihr mit seiner kurzentschlossenen Wichtigkeit ein schlechtes Gewissen zu impfen, denn nun muss sich Ina neu entscheiden, zwischen Fest und Notwendigkeit. Und die Zeit als unbekannte Dimension tickt augenblicklich schneller, und schneller und schon ist es geschehen: Die gehetzte Variante von Ina erscheint.
Und weil die Zeit sich nicht verdoppelt und Ina immer vom Ernst des Lebens überrannt wird, kommt sie kaum noch zum Feiern. Das geschieht selbst in dem stillen Land, obgleich es doch den Stempel der gedehnten Zeit trägt. Und was ist mit Sex? Die gehetzte Variante von Ina hat keinen, denn Stress macht lustlos.

*

Die zierliche Kindfrau balancierte lange auf extrem hohen High Heels von Termin zu Termin, um körperlich auf Augenhöhe jener Kerle zu sein, die die Verträge vergeben. Sie arbeitete eigentlich immer. Die Gedanken streng bei der Sache, strategisch und effizient in allem, was die gut gestylte PR-Frau auch tat. Erst nach dem zweiten oder dritten Weinschoppen konnte sie am Abend ihre fixierten Gedanken loslassen und vielleicht in die Weite schweifen. Aber für Sex war sie jetzt einfach viel zu müde, zumal es keinen festen Mann in dem Leben der Zarten gab, nur diese Sommerliaison mit Micha.

*

Der Physiker war wie sie zeitlos unterwegs. Aber wenn der Sommer zur Hochzeit anstimmte, packte Micha seine Badehose ein und fuhr für drei Wochen aufs Land zu Tante Beate. Er hackte und stapelte ihr in dieser Zeit das Holz für den Winter, und sie verköstigte ihn dafür.
Abends schaukelte Micha mit seinen Gedanken in der Hängematte zwischen zwei Bäumen. Er döste sich im Nachtblau von Stern zu Stern und dann hinein in die Sommermilchstraße von Gasnebel zu Sternenhaufen, als wäre er der Held in Douglas Adams Zukunftsrausch „Per Anhalter durch die Galaxis“. Er liebte dessen Spruch: „Keine Panik!“ und scharfe Getränke im Bademantel. Am dritten, vierten Ferientag zog es Micha ins Templiner Kino, dort traf er sie ­ ­– magisch von ihr angezogen.
Wenn Micha auftauchte, nahm Ina spontan eine Auszeit. Sie schlief in den Tag, pflegte sich und perlte erwartungsvoll die verführerische Variante von Ina hervor, für die pure Lust im Heu oder in Beates Rosenbettwäsche. Seit fünf Jahren ging das schon so. Micha und Ina trafen sich sonnabends auf der Terrasse zum Jazz wie ein Tanzpaar für ein paar Sommerwochen, stolz und schön, ohne irgendein Versprechen. Sie zehrten beide davon das ganze nächste Jahr – zwei Rastlose auf dem Weg zum Workaholic-Dasein. Doch etwas war anders in diesem Sommer.

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Der Schatz der Baumriesen

Diese Fantasy-Geschichte habe ich noch nicht als Lesekostprobe vorgestellt, was ich heute einfach mal nachholen muss:

Die erste Seite
Die erste Seite

Der Schatz der Baumriesen

Das tiefgrüne Land war wild und mächtig. Nur wenige tapfere Männer haben es je gesehen. Uralt war es, wie auch seine Bewohner, die Baumriesen. Niemand ahnte, dass sie heimlich wanderten. Langsam und unmerklich nahmen sich ihre Baumkinder jeden Frühling ein Stück neues Land von den Wiesen. So wuchs das Baumland zu einem mächtigen grünen Pelz der Erde heran.
Natürlich hatte das Land der Baumriesen auch einen König. Hanjor, der friedfertige Seher. Und die Riesen bewahrten einen einzigartigen Schatz – die Elementekugeln: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Hier schlug das Herz der Welt. Diese leuchtenden Kugeln hielt Loriell, die Tochter des Baumkönigs, unter ihrem Rindenkleid, in einer Asthöhle verborgen. Die gleich starken Kugeln mussten immer beieinander sein, um das Gleichgewicht der Erde zu wahren.
Loriell wuchs deshalb dicht umstanden im Schutze ihrer vier Wächterbäume Robur, Benjo, Solan und Pikar heran. Schlank und schön. An einem kalten Dezembertag fiel plötzlich Eisregen ins Land der Baumriesen. Er umzog jeden Ast und jeden Halm mit einem glasklaren Mantel, der vom Wind angefacht den ganzen Wald zum Singen brachte. Es war ein klirrendes, bedrohliches Lied. Kaum später kam der Schnee.
Tage und Nächte fielen Flocken aus dem Wolkengrau und legten sich schwer auf die alten Baumgestalten. Die ächzten und knarrten unter der Last. Es war die zarte Loriell, die als Erste in sich zusammenbrach. Der Kugelschatz erreichte im Fallen nicht einmal den Boden, denn der Wind fing sie auf und nahm sie mit sich fort. So sehr auch die Wächterbäume versuchten, dem stürmischen Gesellen den Weg zu verstellen, sie waren einfach zu steif gefroren, als dass sie wendig genug gewesen wären. Seither war es dunkel und kalt im Land der Baumriesen.
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Gerdas Hofgesellschaft

Eine Leseprobe aus meinem neuesten Buch “Vom Duft der waren Zeit”, erschienen bei der Verlagsbuchhandlung Ehm Welk:

Wer fliegen will,
muss auch landen können.

Zeichnung: Petra Elsner

Gerdas Hofgesellschaft

Der Schattenriss schwankte mit einem Humpen Bier in der Hand auf dem Kieshaufen unter der Laterne und rief in die Nacht. „Ich bin so leer, so schwer, schenk mir einen Grund zu leben oder zünd’ ein Licht für mich an.“ Der Mann schlug mit der flachen Hand verächtlich in die Luft und jaulte dann rhythmisch weiter: „Nichts hält für die Ewigkeit, deine Briefe sind geschreddert, ausgelöscht sind sie für alle Zeit, doch der Schmerz quält mein Fleisch und ich hab keinen Halt.“
„Ruhe“ brüllte es von der finsteren Fassade im zweiten Stock. „Lass deinen Katzenjammer anderswo los!“
Der Mann auf dem Kies blickte verschwommen auf und rief in das Dunkel: „Was heißt hier Katzenjammer – ich übe. Für den Dichterwettstreit. Er nahm einen großen Schluck und lallte weiter: „Ja, deine Briefe sind jetzt Datenmüll, zum Streifenkonfetti mutiert.“ Er spuckte die Worte, die ihm sein Herz diktierte, wie Kirschkerne aus. Julian mit der schwarzen Mütze war verlassen worden und schrie seinen Schmerz als Seelenlichter in die Nacht, doch das Rauschen seines aufgewühlten Blutes war lauter: „Wir waren doch eins – jetzt haust nur noch die Erinnerung in mir …“
„Früher hätten wir Nachtpötte über dich gegossen, hau‘ ab“, schnauzte es vom Balkon.
„Oho, das traust du dich nicht“, grölte Julian zurück.
Plötzlich plätscherte es neben der Mützengestalt und von oben sagte jemand anderes: „Es geht auch ohne.“ Getroffen hatte er nicht, aber Julian preschte vom Hügel und wankte in Richtung Nirgendwo davon.

Die Hühner badeten im Sand, scharrten und pickten auf dem Hof. Julian schlich leichenblass von Gelege zu Gelege und sammelte die braunen Eier ein. Sein Kopf brummte. Gerda Fiebelkorn fegte energisch das Hoflädchen, als er ziemlich zerknittert ihr seine Tagessammlung brachte. „Du hast auch schon mal frischer ausgesehen“, kommentierte sie kurz und spitz seine schlappe Erscheinung. „Trägst du mir noch das Gemüse vor die Tür?“
Julian nickte der Großmutter zu und hievte die Kartoffelkörbe und Salatstiegen unter den großen Sonnenschirm. Gerda kam mit einer Karaffe Brunnenwasser hinaus, warf zwei Sitzkissen auf die Bank neben der Tür, goss die zwei Großvatergläser voll und sah zu Julian: „Komm, hock dich her, was ist los, mein Jung?“
Mit Gerda auf der Bank, das ist immer gut. Ihre aufgeräumte Art. Ganz gleich was das Leben spielte, Großmutter war für ihn da, immer und ohne Umstände. Er setzte sich zu ihr, und sie tranken das Brunnenwasser aus den schönen Abrissgläsern. Die waren noch von Gerdas Großvater und sie servierte darin Wasser als wäre es Wein. Kostbar eben. Er fingerte versonnen über das geschliffene Monogramm in dem Glas. Hundert Jahre alt und immer noch schön. Er fühlte wie das Wasser langsam seinen inneren Brand löschte. Er schenkte sich nach und schwieg immer noch. Gerda beobachtete eine Bachstelze, die über die Katzenköpfe stolzierte. Sie sah aus, als würde sie dabei einen unsichtbaren Schlapphut durch die Luft tragen.
„Hanna hat Schluss gemacht.“
„Ach, das ist schade, mein Jung.“
„Alle müssen hier weggehen, um was zu werden. Und Hanna meint, wenn sie das Herbstsemester in New York beginnt, dann schläft unsere Beziehung sowieso ein, da könne man sich ja schon die letzten großen Ferien anderweitig umsehen. Das ist doch blöd“, schimpfte Julian.
„Saublöd“, setzte Gerda trocken nach.
„Vielleicht hat sie ja auch Recht: sie in Übersee und ich an der Eberswalder Wald-Uni.“
Gerda seufzte: „Der eine hat halt große Flügel und der andere tiefe Wurzeln. Da kann man nichts machen.“
„Vielleicht sollte ich lieber Slam-Poet werden und das mit dem ökologischen Landbau lassen. Als Slamer kommt man gut rum“, sinnierte der junge, traurige Mann.
„Nö, wenn dann beides, das passt auch zusammen – Natur und Literatur“, fand die Großmutter.
„Oma, das ist mehr als nur Gedichte schreiben. Das ist Bühnenliteratur. Es geht nicht nur um die Worte, sondern die Art des Vortrags als eine stimmige Inszenierung mit knackiger Performance, verstehst du?
„Verstehe, Kunst und Comedy.“
„Na, das kann es auch sein… auf jeden Fall geht es darum, den eigenen Texten Leben einhauchen bis sie eine gute Bühnenreife haben. Soweit bin ich aber noch nicht.“
„Na, der Karl aus Angermünde hat heute früh beim Käse liefern gemeint, deine nächtliche Performance in der Rosenstraße, wäre bühnenreif gewesen.“
„War ich in der Rosenstraße?“
Gerda zog eine Braue vielsagend hoch und nickte.
Der junge Mann sah seine Großmutter von der Seite aus an, ihre hohe, kluge Stirn und die schönen Lachfalten. Er war allein, aber wollte er frei sein? Nicht wirklich. Sie war allein und frei – aber war sie es gern? Er zweifelte daran, schon lange und war etwas besorgt, was werden würde, wenn auch er einmal fort wollte oder müsste.
Gerda spürte Julians fragenden Blick, sie griff nach seiner Hand, drückte sie leicht und sagte ihm sanft: „Geh‘ unter Leute und versuche sie loszulassen. Es wird ein Weilchen dauern, bis es nicht mehr wehtut.“

Abends saß Gerda wieder auf dieser Bank – tief in Gedanken versunken. Die Vögel schilpten und zwitscherten eine Woge ins Abendrot, bevor sie mit dem Untergang des Feuerballs verstummten. Bilder flackerten vor dem geistigen Auge der Frau auf. Die von Rudi, ihrem galanten Ex, und die von ihren Kindern, alle waren sie weit weg von hier, sie aber konnte nicht weggehen, auch als es keine guten Jobs mehr gab. Sie hatte diese tiefe Wurzel in dieser anmutigen Landschaft, die sie so sehr liebte, aber um sie wurde das stille Land noch stiller.
Gerda atmete tief und seufzte in das milde Abendlicht. Die Katze strich ihr um die müden Beine und schurrte, als sie nach ihr griff. Diese tiefe Wurzel konnte schmerzen, weil sie dem Phantomschmerz all der entrissenen Teile nachspürte. Gerda klagte nicht. Ihre Liebe war und ist bedingungslos. Die Tage vergingen, die Monate, die Jahre, in denen sie Julian allein aufzog. Er hatte diese tiefe Wurzel auch. Ihre Gedanken kreisten um das Was-würde-sein, wenn auch er ginge – der Arbeit oder der Liebe wegen? Sie dachte an Rudi, seine schönen, gepflegten Hände, die hätten es ihr verraten müssen, dass sie nie schwer arbeiten würden. Rudi war ein Schlawiner, der sich schnell wieder verdrückte, als ihr die Kinder die Jugend und die schlanke Taille nahmen. Sie hatte keine Zeit, ihm nachzuweinen, sie musste arbeiten, die Kinder versorgen, den Hof erhalten. Jeden Tag aufs Neue. Nur in manchen Nächten war es ihr hundeelend so allein. Dann zog sie los, mit dem Fahrrad in die Stadt, auf irgendeinen Tanzboden oder in die Bahnhofskneipe und holte sich einen Mann aus der Nacht, und wenn es hell wurde, verschwand sie, wie sie gekommen war. Sie nahm sich nur, was sie gerade brauchte. Einen Mann für den Tag suchte sie nie wieder. Kein Vertrauen.
Gerda spürte, das Leben zog inzwischen wie ein Luftzug an ihr vorbei. Das öffentliche Tempo raste, während ihres die Stille umströmte, wenn Julian nicht bei ihr war. Aber sie durfte sich nicht seiner Energie bemächtigen. Auf keinen Fall. Sie hatte eine andere Idee und für die wurde es nun Zeit..
Am nächsten Morgen gab sie im Büro der Regionalzeitung eine Annonce auf: „60-Jährige gründet eine Hofgesellschaft. Gesucht werden für diese Wohngemeinschaft fitte Alte mit dem Drang zur Aufgabe (Koch, Hausmeister, Maurer, Buchhalterin, Hauswirtschafterin, Gärtner, Tierpfleger – was ihr könnt), die miteinander gleichberechtigt und selbstbestimmt leben. Die Gründung ist für September vorgesehen, Vorstellungen bitte umgehend.“

Am Montag kam Harry. Hektisch und hochrot stand er vor Gerda. „Tach, ich komme wegen der Anzeige. Interessiert mich, kann ich mir erst einmal den Garten ansehen, bevor wir was bereden?“ Sagte es und war schon an Gerda vorbei, mit großen Schritten über das Kopfsteinpflaster des Dreiseitenhofes, dem Grünland entgegen mit den Gemüse- und Kräuterbeeten. Er pfiff leise durch seine Zahnlücke und verlor plötzlich goldene Sätze: „In den Teich muss ein Stück Kupferrohr rein, dann wird das Wasser glasklar. Und das hier soll eine Kopfweide werden? Die zerreißt der Wind, wenn man sie nicht lichtet.“ Er sah Gerda streng und gewichtig an: „Sieh, dort unten klafft schon ein Riss am Stamm. Solche Baumwunden musst du desinfizieren. Ist ganz einfach. Eine Knoblauchknolle zerstampfen, in ein Marmeladenglas geben, Wasser drauf, drei Wochen stehen lassen, dann die Tinktur auf die Wunde streichen und alles wird gut.“ Er stampfte weiter und sah „ Ah, du machst Brennnesseljauche, das ist gut, aber Rainfarnjauche bewirkt das Gleiche und stinkt nicht ganz so. Die Brombeerruten musst du zu Bögen binden, dann werden sie schön dicht und tragen mehr. Das kannst du auch mit deinen Kletterrosen machen. Übrigens wenn mal wieder die Mücken nerven, so einen Wedel vom Essigbaum vor dem Partyabend einfach in eine Badewanne mit kaltem Wasser hauen und abends beim Sitzplatz aufhängen, den Duft mögen die fiesen Stecher gar nicht. Die Eibe da sieht aber dürr aus! Du musst beim Pflanzen nicht nur das Pflanzloch wässern, sondern den Wurzelballen richtig mit Erdschlamm einschwämmen. Der Schlamm umschießt sofort die feinen Wurzeln, es bilden sich keine Luftkammern, die oftmals zum Vertrocknen der Pflanze führen …“  Der Mann mit dem schrägen Schlapphütchen lächelte verschmitzt in Gerdas verwundertes Gesicht und dann sagt er noch: „Ich könnte ja hier den Gärtner geben, die Bäume beschneiden und das Holz machen, wenn gewünscht.“
Die Frau zeigte ihm noch die vielen freien Zimmer und Harry nickte wohlwollend, dann schob ihn Gerda wieder vor die Hoftür: „Wir überlegen uns das mal, Sie hören von mir.“
Harry zückte noch eine zerknitterte Visitenkarte aus der Brusttasche seiner grünen Latzhose, stieg ächzend in seinen weißen Transporter. Blitzschnell war er wieder fort. Gerda holte tief Luft und dachte, das kann ja heiter werden.

Gegen 11 Uhr erwachte Julian aus einen Ferientraum und schaute aufgeräumt kurz in den Hofladen: „Hattest du heute schon Besuch?“
„Ja, komm, ich will dir was erzählen.“
Dann saßen sie wieder auf der Bank bei der Karaffe Brunnenwasser, in der Hand die schönen Großvatergläser und Gerda begann: „Du weißt, der Hof ist viel zu groß für uns beide allein, und ich will nicht, das du dich krumm schuftest und dich angebunden fühlst, weil meine Kraft nachlässt. Ich habe mir schon lange etwas überlegt und finde, jetzt ist es soweit, es anzupacken.“ Julians Augen hafteten fest auf seiner Großmutter, er spürte, es wird einen Wandel geben und was hatte sie vor?
Gerda atmete tief durch und sprach nun ganz klar: „Ich möchte eine kleine Hofgesellschaft gründen. Eine Art Alters-WG, in der jeder eine feste Aufgabe hat. Für eine gewisse Tageszeit und in den verbleibenden Stunden selbst entscheidet über Nähe und Distanz.“ Sie blätterte in ihrem Notizblock, suchte nach den Skizzen: „Sieh mal, ich habe mir gedacht, die Wand zum Wohnzimmer rauszunehmen. So entsteht die große Gesellschaftswohnküche, und die anderen fünf Zimmer bekommen alle ein kleines Bad, damit es keinen Stress gibt. Du ziehst ins Gartenhaus und hast dort deine Selbständigkeit. Die Ferienwohnung darin hat alles, was du brauchst, sie gehört jetzt dir. Zum Essen kannst du natürlich kommen, wenn du willst.“ Julian staunte mit offenem Mund und freute sich zugleich: „Man, Oma, das ist eine tolle Idee!“
Sie sah ihn erleichtert an und murmelte noch: „Vielleicht kann ich ja auf diese Weise den Hof noch gut zehn Jahre bewirtschaften. Mit der Kraft aller Bewohner, die zwar alt und allein sind, aber nicht reif fürs Altersheim. Und wenn das Modell mal so oder so ausläuft, bleibt eine Art Pension übrig, aber das ist dann deine Baustelle.“

Harry ließ sich nicht wieder blicken, er hatte seinen Auftritt. Aber auf dem Hof war ein reges Kommen und Gehen von Handwerkern und interessierten Kandidaten. Laute und leise, viele, die wieder gingen.
Heinz kam auf einem weißen Pferd, in den Satteltaschen ein geistiges Tröpfchen. Zwei genauer gesagt. Er sah aus wie jener Wildtöter aus einem alten Indianerfilm und schwadronierte amüsant, aber er roch scharf. Heinz wollte gar kein Quartier, er lebte schon seit Jahren im Wald, vielleicht aber bekäme er im Winter hier mal ein warmes Süppchen. Gerda sah hinüber zu Ilse, die nickte.
Die verschlossene, wortkarge Ilse war als Erste eingezogen. Tüchtig und höflich hantierte sie in der Küche, die sie zu ihrem Arbeitsbereich erklärte. Abends lag die kleine, zähe Frau in einem alten Liegestuhl beim Haus und verschlang schmachtend Liebesromane bis ihr die Augen zufielen. Gerda deckte sie dann führsorglich mit einer Decke zu. Sie war froh über die Hilfe im Haus, ihr blieben das Gemüse und der Hofladen.
Klaus-Dieter machte nicht viel Worte, er guckte und wohnte erst einmal eine Woche zur Probe. Er hackte Holz und räumte den alten Stall auf. Währenddessen kam die Elfriede hinzu, mit roten Lippen und gut gekleidet. Klaus-Dieter half beim Einzug und entschied sich prompt zu bleiben. Elfriede war geschickt mit der Wäsche, dem Haarschneiden und sonstigen Dekorationen. Alles unentgeltlich, dafür mietfrei, die Unkosten teilten sie alle miteinander. So verstrich die sonnenhelle Sommerzeit.
Gerdas Hofgesellschaft war beinahe komplett, da läutete an einem nebelverhangenen Tag die Hofglocke. Es war Gerda, als hätte sie den Ton schon einen Augenblick vor dem Klang gehört. Sie war irritiert, stiefelte hastig über den Hof, zog ruckartig am Türriegel, öffnete die Tür und sah wie vom Blitz getroffen in zwei Augen, blau wie ein Sommerhimmel.
„Sie suchen einen fitten Alten mit handwerklichem Geschick“, fragte der kantige Mann vorsichtig in ihren Blick. Der zurückhaltende Bernhard hatte lange gezögert, ob sich der Weg hierher überhaupt lohne, doch als er in die Hofgesellschaft eintrat, blieb er sofort, sturmfest und erdverbunden. Und die Stille schwieg, denn das Leben strömte großzügig hinein in Gerdas feine Hofgesellschaft.

*** (pe)

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Leseprobe

Das ist eine der Geschichten, die im Frühsommer in dem Buch “Vom Duft der warmen Zeit” zu lesen sein werden. Zum Tag der offenen Atelier 2015, am 3. Mai (11-18 Uhr), werde ich eine Handvoll davon im Lesgarten vortragen.

Motiv zu "Nach Hause" von Petra Elsner
Motiv zu “Nach Hause” von Petra Elsner

Mit gekappten Wurzeln lässt sich schlecht wachsen.

Nach Hause

Sie saß an ihrem Computertisch, hatte die Hände gefaltet und lauschte nach innen. Sag was, dachte sie. Aber ihr Inneres sprach heute nicht mit ihr, es hatte ihr schon alles gesagt und Carolin wusste das. Ihr Blick huschte über das Telefon, ob sie sich ankündigen sollte? Sie verwarf den Gedanken. Sie löste die weiß gepressten Finger, steckte den Stick in den Computer, kopierte ihre persönlichen Daten und fuhr die Maschine herunter. Die Kollegen im Großraum steckten konzentriert mit ihren Köpfen in den Versicherungsdaten anderer Leute, niemand sah, wie Carolin aufstand, das Fenster öffnete und den Duft des Sommers empfing. Selbst über der Frankfurter City schwebte über dem Feinstaub der Blütenduft. Carolin atmete tief ein und nahm im ausatmen wortlos Abschied, dann raffte sie eilig ihre Sachen und ging. Vorbei an dem gläsernem Büro ihres Chefs, der in der Mittagspost ihre Kündigung finden und genervt ihr „blöde Osttante“ hinterher brüllen würde. Aber da säße sie schon in ihrem Auto. Die junge Frau hatte als Kündigungsgrund schlicht das Wort „Heimweh“ geschrieben. Nichts von der Entfremdung oder gar unterkühlten Arbeitswelt. Nein, das war es natürlich auch, aber Carolin konnte einfach nicht mehr ohne den prallen uckermärkischen Sommer leben, den Witz und die spröde Herzlichkeit der Leute im Dorf und die Liebe der Eltern. Sie wollte nach Hause. Jetzt war sie unterwegs, dorthin, wo die Sommerbriese ihr wieder ein Lachen ins Gesicht wehen wird. Das hoffte Carolin jedenfalls. Sie fühlte schon lange, wie ihr Körper zur Rüstung mutiert war: kühl, unnahbar und wehrhaft. Aber tief in ihrem Innern pochte ein wilder Schmerz, der sich nach unverstellter Nähe sehnte. * Am Abend erreichte sie die Autobahnabfahrt Finowfurt, sie wollte über die Dörfer nach Hause kommen, ins Land schauen, über die Felder und die stahlblauen Eiszeitseen. So viel Himmel gibt es nirgendwo, dachte die Frau am Steuer. Sie freute sich auf ein einfaches und langsames Leben, eine Zeit zum Menschsein. Unbekümmert. Sie bog auf den Kopfsteindamm, der zum Landsitz ihrer Freundin Lena führte. Bei Tempo 30 schüttelte sie die allerletzten Zweifel aus ihren stylischen Haarspitzen. Auf dem Hof begrüßten sie zwei verspielte Hunde. Der Trecker fehlte, also würde sie Lena, die alle nur Molli nannten, irgendwo auf der Weide finden. Im Karohemd lief Carolin barfuß über die Butterblumenwiese. Sie denkt an Mario, mit dem sie letzten Sommer unterm Sternenhimmel lag. Rotklee schmeckt nach Mario und Sommerliebe, die flüchtig wie ein Windhauch ist. Carolin spürt beim Gedanken an Mario immer noch die Schmetterlinge im Bauch, es war keine Laune der Gelegenheit, aber Mario ist weg, wie die anderen auch. Man sieht sich Ostern oder Weihnachten auf ein paar Biere beim Eichenwirt. Im Stehen, nah und doch schon fremd, weil fern. Lena-Molli war die Einzige aus der Dorfclique, die auf dem Hof der Eltern blieb. Sie war von Kindesbeinen an vernarrt in Kühe, die Braunen, Weißen und Bundgescheckte. So konnte sie in der vertrauten Umgebung bleiben. Carolin hat ihr eine Kuhlichterkette mitgebracht, für die überbordende Kuhsammlung in Lenas Wohnzimmer. In der Wiesensenke sah Carolin ihre alte Freundin bei der Tränke und dachte: Sie ist noch ein wenig molliger geworden und wirkt wie ein rosiges Gewächs in der Landschaft, erdverbunden und sonnig. Molli lachte über ihre Pausbäckchen, als sie Carolin entdeckte und lief ihr aufgeregt entgegen. „Das ist ja mal ne Überraschung“, rief sie und drückte, angelangt, verschwitzt die zarte Ernste im Karohemd. „Hey, Lena, Molli, hast du ein Zimmer frei, für ein Weilchen zur Miete?“ Die Freundin löste die Umarmung und taxierte die Ankommende: „Was ist los?“ „Heimweh, hab hingeschmissen.“ Molli nickte wissend. Sie gingen durch die Wiesen zum Hof. Molli wusch sich kurz an der alten Wasserpumpe, dann stiegen die Frauen unter das Dach zum Gästezimmer. Carolin schnuppert in die Mansarde: „Alles blütenfrisch, hast du mich erwartet?“ „Irgendwie schon“, murmelte Molli, „nach deinen letztem Anruf, war es ja nur eine Frage der Zeit, dass du hier eintrudelst.“ Während Carolin ihr Gepäck hinauftrug, schlug Molli Eier in die Pfanne, schnitt Brot und Schnittlauch, holte die Butter aus dem Kühlschrank, stellte zwei Flaschen Bier auf den gescheuerten Eichentisch vor dem Haus und wartete sinnierend auf Carolin. Ob sie wirklich bleiben würde? Sie hätte dann endlich ihre einzige Freundin zurück. * Carolin schlief. Sie lag fest wie ein Stein, bis in die Mittagszeit. Heiteres Schwalbengezwitscher weckte sie aus der Tiefe eines schweren Traums. Sie lauschte abermals in ihr Inneres, aber Inneres schwieg weiter. Der schlechte Traum schien also nur ein Gespenst gewesen zu sein, der Schatten eines gebrauchten Tages. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen, steckte den Fuß aus den Federn und nahm langsam Kontakt mit ihrem neuen Leben auf. Dann stand auf den warmen Holzdielen und räkelte sich, die Sommerhitze hing unter dem Dach. Im offenen Karohemd stieg sie die Treppe hinab in Mollis Reich, aus dem ein köstlicher Duft kroch. „Beer un Klüt *, ich fass es nicht, Molli, das ist ganz wunderbar von dir, Birnen und Klöße habe ich eine Ewigkeit nicht mehr gegessen.“ Sie schlich wie eine kindliche Naschkatze um die Freundin herum, die lausbübisch in sich hineinlächelte. Sie brachte rasch den großen Topf ins Freie, wo schon die Teller und frischer Zitronensaft warteten. Die Zwei hockten sich in die Sonne und aßen bedächtig als hätten sie alle Zeit der Welt. Molli zögerte das Gespräch zu beginnen. Sie wartete, wie sie immer wartete, dass andere ihre Karten ausspielten. Sie verschaffte sich auf diese Weise Zeit zum Nachdenken. Als Carolin die zweite Portion Birnen und Klöße mit Zitrone beträufelt und verdrückt hatte, begann sie endlich zu sprechen. „Molli, ab heute ist für mich Schluss mit den abstrusen Meetings zum Abgreifen des Wohlstands anderer Leute. Geld heckt zwar Geld, aber für mich ist das nichts.“ Molli schaute die Freundin mit forschendem Blick an: „ Was willst du hier machen, Gänse oder Schafe hüten oder Putzen gehen. Gute Jobs sind hier immer noch rar, auch wenn sie schon überall Köche, Therapeuten und Handwerker suchen, das Rechte scheint mir aber für dich nicht dabei zu sein.“ „Ach, Molli, das habe ich mir lange überlegt. Ich mache mich selbstständig mit einer regionalen Ausflugsagentur. Sonntagsausflüge für Familien per Rad, Kremser, Draisine oder auch dem Bus. Zu den schönen Dorfkirchen zum Orgelspiel lauschen und Wanderungen in die eiszeitliche Landschaft, eben Land- und Dorfschauen. Und im Winter gebe ich Kurse an der Volkshochschule: Neue Heimatkunde für Erwachsene.“ Molli schaute überrascht: „ Das ist eine echt schöne Idee.“ Sie stellte das Geschirr zusammen und murmelte wie nebenbei: „Aber vielleicht solltest du erst einmal deine Eltern begrüßen.“ Carolin nickte ernst. * Der Sommer brodelte als Carolin Richtung Dorf radelte. In der Ferne zog ein Gewitter auf. Er wird sie nicht verstehen, der Vater. Alle werden sich freuen, dass sie wieder im Lande ist, nur er nicht und sie fürchtete seinen bitteren Groll auf alles und jedes. Klaus Wedel gehört zu der verlorenen Generation in Ostdeutschland. Der Melker wurde wie viele in den 90er Jahren wie Müll aus der Arbeitswelt gespuckt und bekam nie wieder eine echte Chance. Gelegenheitsjobs in einer kleinen Parkettfabrik, in zwei Schichten für 750 Euro brutto im Monat. Er war Erntehelfer, Zeitungszusteller, schob Winterdienst und jobbte auf Bauplätzen von betuchten Zugezogenen – immer und überall unterbezahlt. Jedes Jahr bekam er weniger auf die Hand, weil wieder einer der Ostchefs die Leidensgrenze seiner Angestellten erprobte. Viele wegen der eigenen wirtschaftlichen Schwäche, aber auch mancher darunter, der es gnadenlos genoss, die existenzielle Kluft weiter zu treiben. Die Fünfziger Jahrgänge speisen indes ein bedrohliches Heer von Armutsalten im gesamten Osten, ganz besonders in der Uckermark. Der Vater gehört dazu und verachtet seither schon im Aufstehen den jungen Tag der anderen. Carolins Mutter erging es nicht anderes. Sie putzt sich seit Jahren klaglos durch die Häuser der Fortgezogenen, die ihre Sommerferien auf den fein sanierten Höfen der Vorfahren verbringen und das einfache Dasein feiern. Aber sobald der Kunstherbst in den großen deutschen Städten beginnt, verwaisen die Gemäuer auf Monate. Man ist im Dorf wieder unter sich, ohne Gasthof und Supermarkt und fügt sich ins einfache Dasein. Carolin radelt. Der Himmel verdunkelt sich und die Pappeln am Fluss biegen sich schon schwer im Wind. Sie weiß, auch die Kinder der Uckermark, die nach ihren Wander- und Lehrjahren zurückkehren, werden diese Umstände nicht tilgen können, aber vielleicht lindern. Jeder Rückkehrer ist ein Hoffnungsfunke. Als Carolin auf den elterlichen Hof rollte, schlagen schwere Tropfen sie augenblicklich pitschnass. Sie huschte geduckt in die Vorhauslaube, und stand nun als Schattenriss im Gegenlicht in der Tür. „Carolin?“ Die Mutter fingerte aufgeregt nach ihr und heulte vor Freude. * Stunden später war alles gesagt. Der Vater hatte ihr erstaunlicherweise ohne zu poltern zugehört. Während die Mutter Speckstippe* am Herd anrichtete, war er wortlos verschwunden. Nach dem Gewitterguss nach den Tieren schauen. „Er kommt erst wieder rein, wenn es dunkel wird“, sagte die Mutter. Ihre Worte klangen müde, aber ihr milder Blick auf Carolin wärmte das Herz der Tochter. Sie aßen Pellkartoffeln zur Speckstippe und als der Abend kam, brach die junge Frau mit dem Rad in ihr neues Leben auf. „Heiter bis wolkig“ frohlockte der Wetterbericht im Radio für den nächsten Tag. *** (pe)

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Leseprobe aus der Klausur

Der große Schattenfänger von Petra Elsner
Der große Schattenfänger von Petra Elsner

Toskana im Norden

Der große Schattenfänger hing auf der Leine und trocknete langsam. Die Malerin saß zufrieden im Gras und sah ihm dabei lächelnd zu. Das ist doch mal ein Wurf, dachte sie, ein guter. Der kann sie fangen, die schlechten Träume, alle, wie sie sich knisternd über die Kopfkissenzipfel webten. Er wird sie vertreiben, sie war davon fest überzeugt. Neulich war sie in so einem Traumgespinst im Bademantel über eine Kleinstadtstraße unterwegs, um die öffentliche Badeanstalt aufzusuchen. Und wirklich alle schauten ihr aus ihren blank geputzten Scheiben dabei zu. Nein, diese und weitaus schlimmere Träume wollte sie nicht mehr in diesen klebrigen Sommernächten im Kopf erleben. Sie war jetzt gewappnet.
Die Malerin strich sich die Hände an den Hosenbeinen ihres buntbefleckten, einst weißen Overalls ab und ließ sich ins Gras fallen. Außer dem Summen der Insekten und dem frischen Vogelgezwitscher war es lautlos still. Der Tag war noch unberührt von den Menschen und Rose Bunt genoss es. Diese Stille unter dem Himmelbau, einer Mischung aus Weiß und Helio, war der Tanker, aus dem sich ihre romantische Weltverzauberung speiste. Die Quelle ihrer Inspiration. Nicht die Abbilder der Landschaft, sondern die Traumgespinste daraus suchte die Malerin. Nur deshalb war sie an diesem Ort.
Ein sonderbarer Reiz geht von der dünn besiedelten Landschaft aus, den jeder anders spürt. Die einen finden die Menschenleere anziehend und die einhergehende Ruhe. Andere berührt das landschaftliche Wunder, das die Eiszeit hinterließ – ein spröde Schönheit, prall gefüllt mit Augenfängern. Die Malerin aber sah nicht nur das Land, nein, sie entdeckte in dem einen, besonderen Hügel bei Gerswalde den perfekten Mutterbusen schlechthin und in der nächsten Bodenwelle ein lasziv geschwungenes Becken. Allenthalben Formenschönheit und Energie. Die alten Lindenbäume von Alt Placht verströmen für sie die magische Kraft, zu Zeiten Napoleon pflanzte man sie. Rose saugte das Atmosphärische in sich auf und verwandelte es in Bildgestalten. Und wenn das ihr gelang, wuchs ihre innere Kraft. Ja, sie nährte im kreativen Akt ihre spirituelle Frucht, die neue Ideen reifen ließ. Ein Gänsehautgefühl.
Im benachbarten Garten erwachte die Gesellschaft, die gestern eingetroffen war, um heute mit einem Charterbus in die Toskana aufzubrechen. Die Wohlstandsmaler reisen wieder, dachte Rose, raffte sich auf und verdrückte sich ins Haus. Sie wollte nicht übern Zaun Pseudokunstgespräche führen und schon gar nicht mit der Reiseleiterin Frau Koch. Eigentlich mochte Rose ihre Sommernachbarin, doch zugleich lauerte da in ihr eine tiefe Verachtung. Frau Koch hatte vor einigen Jahren einen Fernkurs im Aquarellzeichnen belegt. So einen, der auf den Rückseiten von TV-Magazinen nach Schülern rief. Mit dem Studienmaterial aus dem Fernunterricht begann Frau Nachbarin ein Jahr später selbst Kurse anzubieten. Darin sammeln sich nun alle jene, die aufs Land zogen, sich ein Atelier vom Feinsten errichten ließen und erst dann ihre erste Leinwand strapazierten. Und weil das nicht auf Anhieb klappte, belegten die solventen Seniorinnen bei Frau Koch einen Kurs. Manche Teilnehmerin stellte ein Jahr später mit den ersten 20 Bildern in einer Hobbygalerie aus und erklärte in ihrer sogenannten Vita: „Sie hat Kurse bei verschiedenen Künstlern besucht und sich selbst Wissen erarbeitet, jetzt gibt sie Kurse in …“ So wuchs unablässig der Bandwurm von Freizeitmalerinnen, es lohnte sich für Frau Koch nach den Aquarellkursen zum Sommerbeginn die Tour „Malen und Reisen“ anzubieten.
Rose zog wirsch die klemmende Haustür ins Schloss und zischelte: „Mache einen Kurs und sei fortan Künstler, ich krieg ´nen Hals.“

Es klingelte. Ihre Mimik drohte im Angesicht einer hellwachen Frauengruppe zu entgleisen.
„Wir haben das große Bild auf Ihrer Leine entdeckt, dürfen wir es näher ansehen?“, zirpte eine der Frauen.
„Nein, dürfen Sie nicht!“ Rose wollte die Tür schon wieder schließen, als eine herrschte: „Nun stellen Sie sich mal nicht so Etepetete an, wir kicken Ihnen schon nischt ab!“
„Ach, dass glauben Sie doch nicht wirklich. Ich hab unter den Kursteilnehmerinnen von Frau Koch noch nie eine Erfinderin gesehen“, teilte Rose aus, in der Hoffnung, dass sich die Malweiber verdrücken würden. Aber im Gegenteil, sie rückten einen Schritt näher an die Schwelle, über die sie Rose nicht lassen wollte.
„Wie meinen Sie denn dit?“, fragte die hochgewachsene Berlinsche, „ick will Malen lernen, nicht Erfinden.“
„Ja, eben, Sie sind Abmaler und deshalb ist mein großer Schattenfänger auch nicht sicher vor Ihnen!“
„Großer Schattenfänger, aha, so heißt die Figur. Seltsamer Name, was hat Sie dazu getrieben?“, fragte eine und Rose holte tief Luft. Eigentlich wollte sie gerade weiter wettern, doch dann sah sie in den Augen der Fragenden etwas, dass sie berührte: Entdeckerlust und die entwaffnete Rose sofort.
Sie musterte die kleine, zähe Person, die so gar nicht zu dem Rest der Gruppe passen wollte. Während sich die anderen nörgelnd zurückzogen, stand sie wie angewurzelt und reichte schließlich Rose die Hand: „Ich bin Karo, ich gehöre nicht zu der Gruppe, hab nur zwei von denen hierher gefahren. Mit dem Taxi von Berlin. Bitte, zeig mir Dein Bild.“
Die Malerin nickte wortlos, dann liefen die Zwei langsam durch die Kleewiese dorthin, wo der große Schattenfänger trocknete.
„Kann er etwas Bestimmtes“, fragte Karo.
„Ich weiß nicht, aber ich hätte es gerne“, antwortete Rose ruhig. „Ich hab ihm gesagt, dass er die Schatten der Angst von den Menschen nehmen soll, und ihn dafür mit allen guten Zeichen, die ich kenne, ausgestattet.
„Ah, ich sehe, aber viele hast Du fast wieder übermalt. Warum?“
„Weil ich sie ja nur ihm verliehen habe, sie sollen für andere nur eine Ahnung sein“, flüsterte Rose jetzt. Sie sah die Malweiber am grünen Zaun, sie lauschten. Im Grunde war die bunte Hecke zwischen den Grundstücken blickdicht, nur an dieser einen Stelle blitzten die fremden Blicke, die Rose nicht mochte. Sie wollte auf ihrem Hektar Land unbeobachtet sein.
Die Taxifahrerin schwieg lange das mannsgroße Bild an und sprach dann brüchig: „Vielleicht hilft er mir ja und verscheucht meine Schatten.“
Rose sah erschrocken auf: „Bist Du krank?“
Karos Blick verriet tonlos: Ja. Aber dann fragte sie unverhohlen: „Darf ich wieder kommen, mit meinen zwei Söhnen? Morgen Mittag vielleicht? Ich möchte ihnen den großen Schattenfänger zeigen.“
Rose staunte und konnte nicht anders als einfach „Aber gerne doch.“, zu sagen.

Frau Koch und die Malweiber waren grußlos abgereist, als anderntags das Taxi wieder auf dem Sandweg vor Roses Hof stoppte und Staub aufwirbelte.
„Was ist die Toskana?“
„Eine Landschaft im Süden.“
„Aber hier ist doch Norden?“
„Ja, hier ist die Toskana des Nordens.“
„Warum?“ Moritz wollte immer alles sehr genau wissen.
„Das Hügelland, die hohen Pappeln, die vielen Seen, die geduckten Dörfer und das schöne Licht, dass alles ähnelt der südlichen Toskana – sagt man“, erklärte Karo geduldig dem Knirps.
Oskar, sein größerer Bruder hingegen, folgte sichtbar genervt und nur lustlos ihren Schritten zu Roses Anwesen. Was sollte er hier in der Pampa? Heile Familie spielen? Die Schatten auf Mutters neuer Röntgenaufnahme waren größer geworden. Sie wird ihn verlassen. Bald. Diese Aussicht wehte Trauerschauer durch seinen Tag. Die Malerin spürte seine Last sogleich.

Sie sprachen nicht viel. Das war gut. Endlich mal eine, die nicht sein Haar tröstend tätschelte. Die Bohnensuppe zum Mittagessen war überraschend lecker und auch die Holunderblütenlimonade schmeckte. Nun schlich Oskar mit großen Augen durch das Atelier und staunte die seltsamen Gestalten an. Sie hingen dicht und in Reihen wie große Wäschestücke auf der Leine. Vor einer Figur ließ er sich auf den Boden nieder und musterte jedes Detail. Er hatte Rose nicht kommen hören und zuckte zusammen, als sie plötzlich neben ihm war und sich zu ihm hockte: „Ist das der große Schattenfänger?“, fragte er sie.
Sie nickte.
„Er sieht stark aus. Welche Schatten kann er vertreiben?“
„Ich hoffe, alle“, antwortete die Malerin.
„Auch wenn die Schatten größer sind als das Licht?“
„Ich weiß nicht, es kommt darauf an, was den Schatten wirft.“
Oskar murmelte: „Es wird nicht heller davon, wenn man das Objekt benennt.“
„Das stimmt, aber vielleicht nimmt man ihm etwas von seiner Macht und damit etwas von der eigenen Ohnmacht“, meinte Rose ernst. Sie stand auf: „Die Farbe der Schatten ist übrigens nicht nur dunkel. Dort drüben liegt Leinen und dort stehen Pinsel und Farbtöpfe, wenn Du willst, kannst Du Dich bedienen.“ Die Malerin verschwand wieder im Garten und Oskar blieb mit seinen Schatten im Kopf zurück. Der Halbwüchsige fühlte, sein Leben kroch auf der Hell-Dunkel-Grenze, würde er die Schattenlinie übertreten können? In welche Richtung? Er wusste es nicht, aber etwas in ihm rumorte, seit er den Schattenfänger der Malerin gesehen hatte. Was war das?
Am späten Nachmittag schlief Karo immer noch in der Hängematte zwischen zwei Birken und Moritz spielte still mit einem kleinen Auto auf dem Boden neben ihr. Zwei Stunden hatte er dort gesessen und leise ihren Schlaf bewacht. Rose war ergriffen von seinem Beistand. Diese Kinder wussten, was geschieht.
Als die Malerin ihr Atelier wieder betrat, lag Oskar neben einem Stück Leinen von dem ein menschlicher blau-grüner Schattenriss zu springen schien. Der Junge schluchzte und seine Augen waren von Tränen randvoll, aber er lächelte unter seinem Schmerz. Die Malerin war nicht überrascht über das, was sie sah. Oskar raffte sich und stand nun anmutig stolz. Rose legte den Arm um ihn: „ Leben hinterlässt Spuren in der Kunst und Kunst soll auch Spuren hinterlassen. Diesen Sprung aus dem Schatten hast Du wirklich gut rausgelassen. Spürst Du seine Energie?“ Oskar nickte. „Was auch geschieht, mein junger Malerfreund, meine Tür steht Dir jederzeit offen.“ (pe)

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