Gestern Abend sah sich Christian Seipel, der neue Leiter der Klosterscheune Zehdenick, sehr interessiert im Atelier und Bilderspeicher um. Es gab keine speziellen Absichten, er will die Künstler des Landkreises einfach kennenlernen (eine Gemeinschaftsausstellung der sogenannten Buschdorfkünstler ist bereits für 2023 geplant). Die haben seinen Vorgänger in all den Jahren nicht interessiert. Er war eher der Verhinderer ostdeutscher Künstler. Seipel ist das ganze Gegenteil und man darf gespannt sein, wie sich das auf das Schaffen der regionalen Künstlerschaft auswirkt. Für mich ist das leider ein bisschen zu spät. Vor 10 Jahren wäre eine Ausstellung in dieser herrlichen Kunsthalle eine inspirierende Herausforderung gewesen, heute fehlt einfach das wichtigste – die Kraft. Sehr schade, aber eine Lesung wird schon noch werden. Planen hat für die Klosterscheune gegenwärtig viele Fragezeichen, nicht nur wegen Corona, ganz elementar geht es nun auch darum, wird man sie im kommenden Winter beheizen können. Das weiß heute noch keiner… alles offen. Für Seipel habe ich auch die alten Arbeiten auf Papier (70 x 100) aus der großen Mappe im Zeichenschrank hervorgezerrt, die haben ihn offenbar mehr angesprochen, als was er im Bilderspeicher sah. Er meinte, da wären Motive dabei, die gehörten größter – an eine Hausfassade zum Beispiel. An sowas hatte ich noch nie gedacht….
Autor: Petra Elsner
Die Stimme auf ihrer Schulter

Sie fegte den Hauch mit der Hand von der Schulter und dachte leise: Geh‘, verdrück‘ dich aus meinem Leben! Aber er war immer noch da, dieser miesepetrige Herr, der ihr ständig ins Ohr raunte: „Tu‘ dies oder jenes nicht!“ Als er das letzte Mal über ihre Bettzipfel sprach: „Schlaf nicht so lange, nur der frühe Vogel fängt den Wurm!“, stellte sie einfach den Wecker ab und drehte sich noch einmal um. Es war der trotzige Beginn, sich gehen den Nörgler aufzulehnen. Jetzt versuchte sie ihn loszuwerden, diesen Schatten aus der Vergangenheit. 25 Jahre war der Vater schon tot. Sie hatte längst vergessen, starb er 1996 oder 97? Er hatte sich schon lange zuvor weit von ihr entfernt und steckte in einem anderen, neuen Leben. Sie konnte kaum glauben, wie liebevoll und großzügig dieser harte Kerl in der neuen Familie sein konnte. Ein Gestaltwandler. Als er aus dieser Welt ging, schien er sich ihrer zu erinnern, denn seither war sie da, die strenge Stimme auf ihrer Schulter. Es ging der Stimme nicht um beste Leistungen, sie verlangte Anpassung, unauffälliges Sein. Beides war Isabell nicht gegeben. Sie stach immer schon aus der Mitte hervor. Laut und eigensinnig. Wenn Isabell eine wichtige Arbeit nur mit Überstunden erledigen konnte, sah sie nicht mehr auf die Uhr und die Stimme schimpfte: „Bist du ordenssüchtig?“ War Isabell nicht, aber sie liebte ihre Arbeit und sie war verlässlich. Nicht immer schon, erst nach ihrer fünften Berufswahl. Von da an lief sie wie ein Uhrwerk. Es ist wichtig den richtigen Job zu finden, das Leben fühlt sich dann leichter an, selbst wenn es schwer ist.
Isabell wusste, der Vater hatte nicht das Recht ihr Dinge zuzuflüstern. Dinge wie: „Halt dich zurück!“; „Mach was Anständiges, nicht so einen Krimskrams!“; „Sei nicht so großzügig, da kommt eh nichts zurück!“; „Verschenk nicht das letzte Hemd!“ Sie verachtete solche Ansagen und gab meist mit vollen Händen. Nach seinem Verrat hatte er ihr gar nichts mehr zu sagen. Man verrät nicht die 14-jährige Tochter. Isabell konnte nicht verstehen, weshalb er sie postwendend zurückschickte in dieses Internat. Dort waren alle Wege plötzlich verschlossen. Der Trainer beschimpfte sie, als sie ihm mit zittriger Stimme das ständige Trainingsverbot der Mediziner mitteilte. „Du versaust mir meine Jahresprämie!“, brüllte er. Sein Atem roch nach Wodka und seine Augen schwammen im blutigen Rot wie jeden Morgen. Isabell fühlte sich schuldig, dabei war sie „nur“ krank. Wovon eigentlich? Den Becher mit dem täglichen Vitamintrunk nahm sie nicht mehr vom Tablett in seinen Händen. Sie flüchtete, denn hier in diesem Augenblick bekam ihr Leben den ersten Riss. Was sollte sie an diesem Ort, der sie gerade ausspuckte? Völlig aufgelöst lief sie davon. Nach Hause.
Der Vater war dieser Tage krankgeschrieben. Seine Kriegsverletzung puckerte, aber er klagte kein bisschen. Er hörte sich ungerührt das kindliche Drama an, kochte währenddessen eine Tütensuppe und löffelte die Buchstabennudeln wortlos. Als alles gesagt war und die Tränen getrocknet, griff er zum Telefon und rief in der Sportschule an. Isabell dachte, er würde jetzt ihrer Bitte folgen, dass sie sofort in eine normale Schule wechseln könnte. Aber es kam anders. Er schickte sie zurück. Man erwarte sie. Er schwieg fortan über das Geschehene, nicht einmal die Mutter erfuhr davon. (Sie würde bis zuletzt glauben, ihre Tochter habe versagt.) Erschrocken reiste Isabell zurück und fragte sich – wie konnte er nur? In der Schule erwartete sie niemand. Sie gehörte nicht mehr dazu, sollte aber das Schuljahr hier abschließen. Warum? Wer wollte Zeit gewinnen und wofür? Es gibt Fragen, die ins Leere laufen und am Selbstwert nagen.
An diesem Morgen öffnete die Frau das Fenster, schaute kurz zu ihrer linken Schulter und sprach laut und deutlich: „Schweig‘ jetzt und geh‘, sofort!“
PS: Diese Geschichte habe ich 2020 begonnen, abgebrochen und heute erst wurde sie fertig…
Morgenstunde (675. Blog-Notat)
Gestern Abend kam nach 20 Uhr noch Atelierbesuch. Auf eine Viertelstunde und eine schnelle Suche nach einem passenden Geschenk für eine angehende Ruheständlerin. Die Ferien werfen ihre Schatten voraus. Morgen ist Schulschluss in Brandenburg und die allermeisten hocken schon auf gepackten Koffern, um kaum später hinaus in die Welt zu düsen. Apropos Koffer. Ich suche nach einem kleinen braunen Lederköfferchen von anno knips. Vielleicht hat ja noch einer einen auf dem Boden rumstehen und braucht ihn nicht mehr? Ich würde Zeichnungen darin vor dem Sonnenlicht verbergen wollen, der Zeichenschrank ist längst gefüllt…
Da es heute nicht mehr so heiß wird, kann mein Tag zwischen Garten und Atelier pendeln. Eine neue Geschichte entsteht. Zwischendurch werde ich einen weiteren Satz Bücher bauen und danach schauen, was im Garten zu tun ist oder einfach nur schauen… Ohne Hitze sind die Tage gut zu mir 😊.
Morgenstunde (674. Blog-Notat)
Es war nicht mein Wochenende. Die Wärme ließ mich nicht gut atmen, so dass die Luft schon beim Sprechen knapp wurde. Sehr bald musste ich mich aus dem Dorffest zurückziehen. Hab dann anderthalb Tage still vor mich hin layoutet. Gestern Abend waren die ersten drei handgefertigten Exemplare zum 12. Titel der KURTSCHLAGER EDITION fertig. „Sonntagsmärchen“ nenne ich das Künstlerheft. Es enthält vier Märchen aus 2022: „Das Sonnenmädchen“, „Die Raureifelfe“, „Die Heideelfe“ und „Im Schattenwald“. Ja, und weil ich mich beim hin- und herschieben der Seitenverläufe wie so oft um eine Winzigkeit verrechnet hatte, gibt’s da auch noch ein Gedicht, sozusagen als „Platzhalter“, der sich ganz gut dort macht 😊. Frau ist eben nicht perfekt, aber einfallsreich. Heute werde ich stoisch weiterbauen und die limitierte Auflage wachsen lassen…
Habt alle eine schöne Woche miteinander!
Morgenstunde (673. Blog-Notat)
Nach drei Jahren findet endlich wieder ein Sommerfest im Dorf statt. Und weil die Feuerwehr 90 wird, gibt es sogar einen Umzug, wofür gerade geschmückt wird. Es hingen noch die Regentropfen in den Linden, als kurz nach 8 Uhr überall in der Nachbarschaft Luftballons, Bänder und Wimpel auf die Straße getragen wurden. Das feierfreudige Dorf macht sich fein…und ich muss nach dem Schmücken erst einmal verschnaufen, denn für so frühzeitige Aktivitäten ist der Atem noch zu flach. Da zittern rasch die Hände und die Knie. Es braucht ein, zwei Morgenstunden, bevor die Medikamente für den Tag das Atemvolumen etwas aufbauen. Aber was solls, es nützt nichts die Schwäche zu beklagen. Ich hab zwei Stühle bereitgestellt, von dort aus schauen wir dem Festumzug zu. Das einst quirlige Umrunden von möglichen Fotomotiven fällt aus.
Lykik-Krümel
Morgenstunde (672. Blog-Notat)
Gestern haben wir in der Groß Döllner Kirche zwei große Fahnenbilder aufgehängt. Es wird dort auf der Empore von Siegfried Haase eine Gemeinschaftsausstellung von zehn Bildschaffenden gehängt, die den ganzen Sommer zu sehen sein wird. Im Rahmen der Offenen Kirche (täglich von 10 bis 18 Uhr). Dummerweise hab ich kein Foto geschossen, wird aber nachgereicht. Anschließend haben wir noch ein paar Stündchen in seinem verwunschenen Garten gesessen, inmitten seiner hintersinnigen Schrottkunst und über Gott und die Welt sinniert. Zu guter Letzt durfte ich mir einen seiner Schrägen Vögel aussuchen, als Gegengeschenk für einige meiner Bücher, in denen sein Kunstwald eine Rolle spielt. Der Rostige wohnt jetzt bei uns und wird sich gewiss mit meinen Schrägen Vögeln gut vertragen… 😊
Morgenstunde (671. Blog-Notat)
Regen und Abkühlung! Ein Weilchen nur, aber ich bin dankbar dafür. In der jüngsten Trope sich etwas vorzunehmen, war nicht das reinste Vergnügen. Letzten Samstag war das Sommerfest auf der Imkerwiese in Mildenberg. Naja, es war wohl eher eine kleine Grillzeit und schwitziges Wiedersehen nach zweieinhalb Jahren Pandemie. Die Kinder sind zwanzig Zentimeter gewachsen, man erkennt sie kaum wieder und die Alten sind noch klappriger geworden, aber das Gemeinschafts-Thema ist geblieben: Bienen. Schwärme! Dampfwachsschmelzer… 😊. Gestern haben wir in der Rübengasse zu viert die Feuerwehrausstellung in den Flur der Kulturbaracke gehängt. Schrauben drehen und Strippen ziehen. Der Liebste wird die Hängung heute noch ausrichten. Am Wochenende steigt das Kurtschlager Dorffest, ich bin gespannt, ob uns das Wetter feiern lässt oder nur apathisch schwitzen. Aber heute heißt es einfach nur: Durchlüften… und ein paar Künstlerhefte falten und binden.
Morgenstunde (670. Blog-Notat)
Es ist noch nicht einmal Juli und wir hatten schon so viele Hitzetage. Wetter.com kündigte uns gestern Supergewitterzellen mit möglichen Tornados (!) an- du meine Güte. Wahrheit oder Übertreibung? Die Medienleute legen ja gerne noch eine Schippe Dramatik obenauf, damit wir uns auch richtig fürchten. Es fällt mir schwer, bei all den schlechten Nachrichten, den Hiobsbotschaften (man kann ja nicht andauernd weghören!) und der veränderten Lebenslage noch guter Dinge zu bleiben. Ich versuche es mit Pragmatismus: Gestern habe ich beispielsweise in den Morgenstunden auch den Hochbeeten im Garten Omas Laken spendiert – als Hitzeschutz. Vieles will in der Mittagsglut einfach nicht mehr wachsen, versenkt geradezu. Vor dem Ventilator platziere jetzt ich Eis-Akkus, diese schlichte „Konstruktion“ macht den Luftstrom etwas kühler. Trotzdem – die Temperaturen machen den Kopf mau, erhöhen die Fehlerquote: Für die jüngste Illu habe ich ein größeres Format (30×30) gewählt, weil die Sehschärfe nicht mehr die beste ist und Verkleinern und damit auch Schärfen kann man ja immer. Gesagt, getan und dann lege ich das fertige Blatt auf den Scanner und Tatra (!), der Scanner ist zu klein. A4, hm, hätte sie doch wissen müssen… und so habt Ihr beim Waldmärchen „Im Schattenwald“ nur einen Ausschnitt zu sehen bekommen. Muss erst mit dem Blatt zum Copyshop in Joachimsthal düsen. Hitzeschaden oder… was auch immer 😊.
Ein Waldmärchen

Im Schattenwald
Im Schattenwald der guten Geister tobte der Holzmann Eichbert, als wollte er Heerscharen von Borkenkäfern eigenhändig verjagen. Das klang wie das Baumkronenschlagen im Sturm. Aber es war vollkommen windstill. Sianca, die weiße Birkenfrau, wagte sich keinen Schritt weiter. Was hatte den Holzmann so zornig gemacht? Ein Landstreicher? Ein Waldfrevler? Unter den leuchtenden Nachtwolken war die Birkenfrau leicht zu entdecken. Für sie war der Schattenwald kein sicheres Versteck. Aber dem Jähzorn des starken Waldgeistes wollte sie nicht begegnen, und so verbarg Sianca sich hinter einer dicken Buche, bis das Zornschlagen im aufziehenden Regen verstummte.
Waldrauch hing in den Baumkronen, als der Tag anbrach. Die Birkenfrau lief zum Fließ. Am Ufer entdeckte sie einen schlafenden Angler. Sie verwandelte sich in ein knorriges Moosweiblein und stupste den jungen Mann an. Der rieb sich noch die Augen, als sie ihn fragte: „Schenkst du mir einen von deinen Fischen?“ Der Angler murrte: „Warum sollte ich?“
„Weil ich alt und arm bin,“ sprach Sianca.
„Was geht mich das an? Ich brauche den Fang selbst und gebe dir keinen Fisch.“ Da verwandelte sich das Moosweiblein zurück in die bezaubernde Birkenfrau, die sich von dem Staunenden abwandte und im Gehen raunte: „Waldgeistern zu begegnen kann Glück bringen, sofern man sie gut behandelt. Du hast diese Chance verspielt.“ Plötzlich sah der geizige Angler, dass sich all seine Fische in Nattern verwandelt hatten. Erschrocken warf er den Kescher ins Fließ und lief hastig davon.
Sianca suchte den Holzmann. Im Schattenwald wisperte es von jedem Ast und jedem Halm. Die Schattenelfen trugen schwarze Kleider, so waren sie nicht zu sehen, aber zu hören. Die Birkenfrau fragte in das Dunkel: „Wisst ihr wo der Holzmann steckt?“
„Auf dem Baum der Bäume hockt er bei seinen Freunden, den schwarzen Störchen“, flüsterte ein Stimmchen zurück. Die Birkenfrau bedankte sich für die leise Antwort und ging langsam zum Baum der Bäume. Unterwegs kam sie an einem verbrannten Waldstück vorbei, und auf einmal wusste sie, weshalb der Holzmann letzte Nacht so wütend war.
Die Anmut der Schwarzstörche hatte Eichbert besänftigt, und als er die Birkenfrau sah, wärmte ihr Anblick sein Herz. „Guten Morgen, du Schöne. Hast du das Elend im Wald gesehen?“ Sianca nickte und fragte ratlos: „Warum nur verderben manche Menschen den Grund, auf dem sie stehen? Der Wald beschützt doch das Leben.“
Eichbert sinnierte betrübt. „Wer weiß, manche sind krank im Kopf, andere wollen sich rächen oder haben nur Langeweile. Wahrscheinlich wissen sie nicht mehr, dass auf manchen alten Bäumen Götter wohnten. Die Ehrfurcht vor ihnen ist hinter den Wolken verschwunden.“
„Mein lieber Holzmann, wir sind aber noch hier und wissen: der Wald mit seinem Blätterrauschen, den Düften und dem Vogelgesang kann alles heilen. Wir werden es weitersagen, bis es viele wissen. Nicht aufgeben, guter Waldgeist!“
Der Holzmann und die Birkenfrau machten einander Mut und verschenkten fortan am Wegesrand jedem achtsamen Besucher die wunderbaren Geheimnisse des Waldes.
*Waldrauch bezeichnet die Nebelbildung in Wipfel der Bäume nach Niederschlägen.
© Petra Elsner
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