Morgenstunde (554. Blog-Notat)

Das nächste Abfüllgefäß in der Bienenküche meint, sein Inhalt sei gleich cremig. Das werden spätesten Mittwoch noch einmal rund 80 Gläser, dann ist das Honiglager voll und der Imkergatte kann die restlichen Honigeimer ruhen lassen. Mal sehen, ob er sie im Winter noch „auftauen“ wird und selbst abfüllen, oder ob wir die verbleibenden 150 Kilo dem Großhandel geben. Es hängt von den Hofverkäufen ab. Mit fünf Variationen von Sommerblütenhonig gehen wir in den Herbst. Er stammt ausschließlich aus unserem Walddorf und nicht von einer pestizidbelasteten Felderwirtschaft. Die haben wir hier nicht.  Alle Sorten sind lecker, der Imker ist zufrieden. Und ehrlich, ich bin froh, dass sich diese Jahresarbeit neigt und nicht mehr das „Kurtschlager Gold“ den Tag diktiert. Der September hat andere Themen. Neben dem, was immer ist:  Das Literaturfest in Wandlitz, Reparaturen am Häuschen, einige Besuche und die Pilzpirsch…

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Morgenstunde (553. Blog-Notat)

Das war vielleicht ein pralles Wochenende! Das kleine Sommerfest auf der Wiese am Land Dojo in Krohnhorst war schon ein Geschenk für die Seele. Mein erstes Fest seit zwei Jahren. Neuen Menschen zu begegnen, ihnen zuzuhören und dabei miteinander zu speisen. Für die Festtafel brachte jeder etwas Besonderes mit und danach in der Abendstimmung am Feuer zu sitzen, entspannt und absichtslos – einfach herrlich. Ich bin voller Dankbarkeit dafür.
Der Familiensonntag war anstrengender: Drei Menschen im Pilzsammelrausch… ich habe acht Trockensiebe voll geschnippelt. Weil die Kinder ne Katze haben, wollten sie ihre Pilze nicht mitnehmen, nur später die Getrockneten – Mütter und Söhne eben…
Heute schreibe ich wieder weiter, aber ich lasse hier im Blog nicht den kompletten Fortgang mitlesen, das Buch soll ja noch Neuigkeitswert haben… Eben brachte mir die Post eine Bücherladung aus dem Schuttertal. Ich konnte „Meander Memolos Zeitloch“, meine Eulen-Fiktion aus 2006, noch einmal nachbestellen. Wie schon immer war die Verlegerin Daniela Messer beim Einpacken großzügig und legte zwei kostenfreie Exemplare, Lesezeichen und Schokolade hinzu. Durch sie erfuhr ich, wie geschäftliche Verbindungen aussehen können. Sie ist eine Kleinverlegerin und spezialisiert auf das Thema Eulen. Bei unseren zwei Kalenderproduktionen bekam ich als Honorar jeweils 100 Freiexemplare, die ich gut verkaufen konnte. Und: Sie kaufte zusätzlich alle 24 Motive (das Stück für 150 €) an. Sehr fair für beide Seiten. So, nun weiter im Text…

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Morgenstunde (552. Blog-Notat)

Das ganze Häuschen duftet nach trocknenden Steinpilzen. Zauber oh Zauber für die Fantasie, aber das Märchen von der Raupe Nimmersatt gibt es ja schon… Heute wird Zeit sein für ein paar neue Romanzeilen, denn die Hexe ist abgesprungen – endlich, ich kann wieder länger am Computer sitzen! Abends gibt es ein kleines Spätsommerfest in Krohnhorst, und morgen kommt mein Sohn mit Freundin zum Pilze suchen, da gibt’s Nachschub für die Trockensiebe auf der Fensterbank und den Duft.

Zum Wochenende kommt hier eine weitere Leseprobe aus “Die Zeit der weißen Wälder”, mein aktuelles Roman-Projekt:

… Scheitern macht ungelenk und Marks Spruch „Du trägst den Tod mit dir!“ hatte Emilia emotional schwer verunsichert. Sie gab sich seither ruppiger und fegte zuweilen wie eine Böe durch den Tag. Aber jetzt, hier am Feuer erwärmte sich ihr Herz. Sie hatte jemanden gefunden, der aus ihrer Zeit kam und sich offenbar auch dem neuen Rhythmus entzog. Sie gerade eben erst, aber er schon Jahre. Wie stolz er da saß. Dieser Stolz verriet innere Balance, nicht übermäßiges Ego. Hans, dachte sie, war die freie Variante des Gauklers. Ein Ungebundener, der jetzt nur die Feuerfunken zu zählen schien. Doch da schlich vorsichtig der Kasper aus seiner Jackentasche und räusperte sich. „Mit den Toten zu sprechen ist Gabe Emilia, aber es ist auch Fluch. Denn nur wenige verstehen das. Viele fürchten sich stattdessen vor solchen Menschen. Harry erzählt ihm manchmal, wie er mit dem geerbten Schatz hantieren muss. Wenn Harry zu Hans spricht, zerfließen die Grenzen. Verstehst du das?“
Emilia nickte und sah den Kasper an: „Weißt du, ich glaube, dass alles beseelt ist. Jeder Stein und jedes Blatt. Das Göttliche ist in allem und nichts geht verloren in der Welt, neben der es auch noch andere Welten geben kann. Für die Toten gibt es keine Grenzen, nur für die Lebenden. Aber manchmal ist es anders. Dann lässt das Band der Liebe sie miteinander sprechen, wenn man es zulässt und sich nicht fürchtet.“
„Du bist ein kluges, spätes Mädchen“, hauchte der Kasper. „Die Geheimnisse allen Lebens – wir kennen sie kaum, aber einige berühren wir und sind verwundert.“ …

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Morgenstunde (551. Blog-Notat)

Die Flaggenwoche neigt sich und sie hatte doch etwas echt Altmodisches: Banner von Hand gestalten, das macht doch heutzutage kein Mensch mehr, dafür gibt es Druckfabriken oder Kopiershops. Aber dieses Handwerkeln war mal wieder ganz schön, die Dinge bekommen so Seele. Und weil ich so schön dabei war, hab ich dem Liebsten noch eine kleine Honigflagge gezaubert, die er heute in die Straßenlinde hängen konnte, als Zeichen – es ist NEUER HONIG da. Schrift- und Grafikmaler ist auch so ein Beruf, den es nicht mehr gibt. Was habe ich in der 70er Jahren für gigantische Bühnenbilder gemalt, Ausstellungswände oder Stadtaufsteller für den Spreepark. Heute hängt man bedruckte Planen auf und gut ist‘s und perfekter geht’s gar nicht. Beim Schriftschreiben auf der Seide – da läuft hier mal die Farbe etwas aus und da gibt’s eine Ungenauigkeit der Handschrift. Wir wurden einst auf Genauigkeit gedrillt, aber die Tagesform folgt eigenen Gesetzen. Jedenfalls kann ich es noch, falls in einem länger währenden Stromausfall Zeichen zu setzen sind… und das war die gute Erfahrung dieser Woche…

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Morgenstunde (550. Blog-Notat)

Im Nachdenken über das Literaturfest am 18. September in Wandlitz ist es zu dieser Banner-Idee gekommen, an der ich gerade rumpinsele.  Es ist nicht so ein professioneller Markt, wie es beim Fest an der Panke einst war. Jeder Aussteller bringt seine eigenen Tische und Zelte oder Schirme mit. Letztes Jahr war das auch bitter nötig, um die Bücher vor den Regenschauern zu schützen. ABER: Der Pavillon ist Graubraun und verschluckt unter seinem dunklen Dach den ganzen Zauber darunter. Mit einem hellen Seidenbanner sollte sich das ändern. Deshalb nehme ich mir ein paar Tage Zeit für eine Eigenwerbung, die frau ja immer mal wieder gebrauchen kann. Qi Gong muss morgen ausfallen, die Hexe sitzt noch fest im Kreuz und lässt sich nicht verjagen…

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Morgenstunde (549. Blog-Notat)

Nachmittags gab es gestern wieder eine ausgiebige Teezeit im Atelier. Es war Gedankenaustausch mit vielen Gleichklängen. Und seit langem hörte ich mal wieder einen Witz: „Wenn die Neuen Länder, die Neuen sind, dann sind die Alten Länder, die Gebrauchten 😊.“  Zum Abschied hatte sich die Besucherin zwei kleinformatige Originale und vier Ausgaben meiner handgefertigten „Kurtschlager Edition“ ausgesucht. Sie sammelt die handgefertigten Künstlerhefte, zu deren Reihe es inzwischen zehn Titel gibt.
Als es wieder still wurde im Atelier, habe ich sehr genüsslich die letzten Seiten von „Der Buchspazierer“ verschlungen. Was für ein feines Buch von Carsten Henn! Es wärmt das Herz. Ich habe schon sehr, sehr lange nicht mehr so eine wohltuende Lektüre lesen dürfen. Es nährt die Kraft der Fantasie. Empfohlen hatte es mir die Auftraggeberin für das Logo der Wandlitzer Waldflitzer 😊. Danke noch einmal dafür! Inzwischen kaufe ich nur noch Bücher nach persönlichen Empfehlungen. Aber selbst unter diesen sind leider einige, die für mich völlig neben meiner Spur liegen… diesmal nicht, das Buch ist ein Volltreffer für sensible Menschen. Womit ich es hier gerne weiter empfehle und nicht, weil „Spiegel-Bestseller draufklebt. Letzteres ist für mich schon lange kein sicherer Garant für gute Literatur mehr, aber hier stimmt es…

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Morgenstunde (548. Blog-Notat)

So schönes Tropfengrau hängt in den Wolken, genau richtig, um sich zu versenken, aber, aber, mit der Hexe im Kreuz geht das nicht lange genug. Ist doch immer was. Seit Freitagabend also eitler Gang, ich hatte nur einen Gartenstuhl angehoben und zack, das saß und sitzt sie. Auf der Wiesenstelle, auf der ich stand als sie aufsprang, wächst heute ein Birkenpilz, wie ein Entschuldigungsgeschenk.
Der Garten kann Märchen zaubern. Im Romantext aber bin ich nur einen Absatz weiter, das Sitzen will nicht. Also habe ich den 10-Litertopf Hühnersuppe gekocht und zwischendurch 150 Etiketten geschnitten und auf die zweite Honigabfüllung geklebt. Aus der Bienenküche kommen jetzt alle zwei, drei Tage neue Gläser… diese Sommerblütensorte schmeckt sinnlich wie ein Sommer sein kann, für mich ist er perfekt. Jede einzelne Schleuder variiert geschmacklich und kommt in gesonderte Abfüllgefäße (es wird also nicht zusammengegossen) und das macht die Löffelprobe beim Abfüllen wirklich jedes Mal spannend…Ihr könnt ja kosten kommen 😊. Schönen Sonntag noch!

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Morgenstunde (547. Blog-Notat)

Der Vormittag gehörte dem wöchentlichen Beutezug. Ich habe das erste fette Suppenhuhn für diese Herbstsaison erstanden. Acht bis zehn Liter feine Hühnersuppe wird es ergeben. Gut die Hälfte friere ich. Das Tropfenwetter kommt mir auch gelegen, da kann ich mich verkriechen und schreiben. Habt ein schönes Wochenende allerseits!

Eine weitere Leseprobe aus “Die Zeit der weißen Wälder”, mein aktuelles Roman-Projekt:

…Es dämmerte als sie ihr Fremdenzimmer aufschloss. Flackerndes Licht zuckte darin. Die Frau trat ans Fenster und sah den Puppenspieler am Feuer hocken. In Jeans und Holzfällerjacke wirkte er nicht so klapprig wie in seinen dünnen Kostümen. Emilia zog sich einen dicken Pullover über und ging in den Hof. Sie wunderte sich ein bisschen, als sie an der Seitenmauer das Wanderhäuschen erblickte.
„Du hier, wie kommts?“
„Gelegentlich habe ich hier einen Stellplatz.“
„Aha. Und, morgen wieder ein Parkplatzspiel bei Helga?“
Er nickte und steckte wortlos eine zweite Kartoffel auf einen Holzspieß und legte sie in die Glut.
Sie saßen im Feuerschein hingen ihren Gedanken nach. Als die Kartoffeln gar waren, reichte er ihr einen Spieß, ein Küchenmesser und eine Schale voll Kräuterquark. Während sie ihre Kartoffel pellte sagte sie: „Ich reise morgen ab.“
Hans, der Täuscher sah verdutzt auf: „Schon alles gefunden, wonach du gesucht hast?“
„Nein, aber die Steine sprechen nicht mit mir.“
„Warum versuchst du es nicht mit den Menschen?“
Sie blickte auf und ihre großen, traurigen Augen schauten ihn ganz ruhig an. Der Puppenspieler war vielleicht sechs, sieben Jahre älter als sie, aber ebenso ausgemergelt. Dieses Magere gab ihr einen speziellen Hinweis: „Manche Menschen verbrauchen sich schneller als andere. Sie brennen an zwei Enden und zerbrechen früh. Meist hinterlassen sie viel Liebe, aber auch einen elenden Schmerz, der nicht weichen will. Solange die Toten reden, sprechen die Lebenden nicht.“
Dass hatte der Mann am Feuer nicht erwartet. „Deine Toten reden auch?“
„Ja, manchmal.“
Emilia stand auf und holte die Flasche Rotwein, die sie noch in Reichenbach gekauft hatte und die beiden Glasbecher. „Die hast du am Samstagmorgen vergessen.“
„Nein, ich habe sie dir hinterlassen. Solche Becher haben Fredi und Harry auch geschliffen. Ich habe noch einige davon.“
Emilia dankte, goss den Wein ein und reichte ihm einen Becher, dabei fiel sein Blick auf ihre Hand und er dachte bei ihrem Anblick: Noch fest, aber schon samtig. Das Leuchten der Haut bevor sie welkt. Er umschloss das Glas und ihre Hand mit seinen beiden Händen. Es war wie eine stille Bitte nach Nähe und Emilia wartete gerührt, bis er seine Hände wieder öffnete. Sie hatte es geahnt, dass dieser Mann ihr etwas bedeuten könnte. Vielleicht. Die beiden tranken und schauten schweigsam dem lodernden Feuer zu. Man wird vorsichtig nach verlebten, verwehten Lieben…

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Morgenstunde (546. Blog-Notat)

Heute ist keine Zeit für eine ausgiebige Morgenstunde, ich will gleich zum Qi Gong und nachmittags kommen Gäste. Statt Alltagsschilderungen aus Atelier und Garten, lege ich Euch einen weiteren Abschnitt aus “Die Zeit der weißen Wälder” in den Tag… machts Euch schön!

Aus meinem aktuellen Roman-Projekt:

…Emilia kaufte sich in Niesky ein neues Skizzenbuch. Stifte trug sie ja immer bei sich, einfach, um rasch eine plötzlich aufkeimende Idee festzuhalten. Als wäre sie sonst flüchtig, wie ein nächtlicher Traum. Im Fach Entwurfszeichnen war sie die Beste während ihres Architekturstudiums. Viele Kommilitonen meinten, sie solle doch besser zur Kunsthochschule wechseln, doch sie winkte ab. Warum? Das war kein Rätsel. Sie wollte einfach nicht wie ihre Mutter den stimmungsgeladenen Gezeiten ausgesetzt sein. Dem Wetter von guter oder schlechter Laune. Den Krisen in den Brieftaschen der Leute. Den diversen Moden rauf und runter. Und den Seitenhieben der Westkollegen gen Osten. Damals nach der Wende und dreißig Jahre weiter immer noch. Vom Wegbeißen der Männerklüngel gegen Frauen in der Kunst ganz zu schweigen. Die Mutter hatte sich bis zu Letzt wund geschuftet mit den Händen und dem Hirn. Dieses Leben schien Emilia zu hart, zu unwägbar, zu verletzlich. Aber dennoch wollte sie, die Urenkelin von Fredi, jetzt einfach zeichnen in Reichenbach. Sie klappte ihren Regiestuhl auseinander und platzierte ihn auf dem Bürgersteig gegenüber dem Hussitentor und begann ihre Skizze. Erst das Ganze, dann viele herangezoomte Details: Die Steinadern, die Maserung, die Patina der Zeit, das Mauerblümchen… Bald schon blieben Passanten stehen, blickten ihr über die Schulter und fragten nach dem Woher und dem Warum. Sie hatte erst keine Worte dafür, aber schließlich konnte sie es formulieren: „Zeichnen ist für mich ein Pilgern zu den Vorfahren.“
Emilia vertiefte sich tagelang in die Strukturen der Stadt. Das Wetter hielt sich sommerlich und die Leute begannen im Vorbeigehen zu scherzen: „Na, was sagt der Stein heute?“ Jetzt zeichnete Emilia abgelaufene Steinplatten der Gehwege. Alle ihre Herzmenschen hatten Schritte auf sie gesetzt, der Fredi, seine Tochter Ria, deren Tochter Sylvia und nun Emilia. Es war, als spürte sie ihren Abdrücken nach – der gepressten Zeit. Donnerstagnachmittag blieb eine alte Frau bei der sonderbaren Zeichnerin stehen. Sie sagte nichts, sie zog aus ihrem unverwüstlichen Dederon-Beutel mit zittrigen Händen ein kleines Gemälde. Nicht größer als ein grau-weiß gerahmtes A4-Blatt. Leuchtende Sonnenblumenköpfe waren darauf zu sehen, frisch, wie aus dem Tau gezogen. Emilia wusste es sofort: Es war eine kleine Wohnzimmermalerei von Fredi. „Ich schenke es Ihnen, weil ich glaube, Sie brauchen es nötiger als ich.“ Die Alte stellte es einfach an den Regiestuhl, rollte ihren Beutel zusammen, steckte ihn in ihre Kittelschürze und tippelte langsam davon. „Danke!“ rief Emilia ihr hinterher. „Danke!“ Die hochbetagte Frau drehte sich noch einmal um, lächelte verschmitzt und verschwand in einem der Häuser am Markt….

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Morgenstunde (545. Blog-Notat)

Die Schmetterlingswiesen sind verblüht und stehen trockengrau, also kommt die Mahd. Gestern Nachmittag schon und heute folgt der Rest unter den Obstbäumen. Ich will die letzten trockenen Stunden dafür nutzen. Der Garten bekommt so augenblicklich wieder Weite, auch schön, aber ehrlich, die Wildblumenwiese war mir lieber, doch alles ist vergänglich…

Für Euch kommt hier eine weitere Leseprobe aus “Die Zeit der weißen Wälder” (meinem aktuellen Roman-Projekt):

Samstagnachmittag fuhr Emilia nach Reichenbach. Schlapp 20 Kilometer waren es nur von dem Dörfchen bei Niesky. Abends würde sie in ihr Fremdenzimmer zurückkehren. Sie wollte die sichere Distanz bewahren und sich nicht sofort von der Familienvergangenheit vereinnahmen lassen. Aber würde das gehen? In der Parktasche vor dem Ackerbürgermuseum in der Görlitzer Straße stoppte sie. Es war ihr, als lächelte sie das fein sanierte, weinberankte Kleinstadthäuschen an. Sie hatte Glück, denn das Museum öffnete nur am Wochenende. Emilia trödelte ein wenig ratlos durch das rekonstruierte Hausinnere, den schönen Garten und die anliegenden Werkstätten. Was suchte sie hier? In ihrer Erinnerung hing in der Vorgängerin dieser „Guten Stube“ eine kleine Malerei ihres Urgroßvaters, aber nach der Erneuerung zierten jetzt große Fotos die sandgelben Wände. Auf dem großen Tisch in der Raummitte lagen Fotoalben, als hätte soeben ein Familienbesuch dazu geführt, den Nachfahren ein altes Foto von einer Hochzeit oder einem runden Jahrestag zu zeigen. Sie zog sich einen der dunklen Holzstühle zurecht, setzte sich und begann in die schwarzweißen Fotogesichter zu schauen. Während sie blätterte, hatte sie das Gefühl, gleich würde Fredi an den Tisch heranschlurfen und sich mit einer Tasse Eingebrocktem zu ihr setzen. Diesen Schlabberkram aus Malzkaffee, Milch, Zucker und Weißbrotstücken mochte sie so gar nicht und schüttelte sich jetzt angewidert. Ja, diese Stube atmete das Original der kleinen Leute von einst, nur war Fredis Stube viel dunkler und dichter möbliert. Die Enge zwang dazu. Emilia wollte schon gehen, als die Museumsaufsicht mit einem Stapel Broschüren das Ziegelpflaster im Hausflur betrat und den Gast freundlich ansprach: „Die Nachauflage unserer Künstler-Broschüre ist gerade eingetroffen. Möchten Sie mal reinsehen? Allein die Stadt Reichenbach hatte in den 1900er Jahren immerhin 13 Kunstmaler. Deswegen finden Sie auch keine Gemälde mehr in unserem Museum. Alle oder keiner, sonst gibt es nur böses Blut, denn für alle ist eben dieses Haus zu klein. Aber schauen Sie mal, so sahen diese Maler damals ihre Stadt und deren Umgebung.“
Emilia griff nach dem obersten Bändchen und sah, das erste Bild neben den Geleitworten zeigte ihren Urgroßvater an seiner Staffelei. Zwischen Eingangstür und Küchentür hatte er auf lumpigen zwei Quadratmetern gearbeitet. Ein paar Sonntagsstunden. Das Bildwerk darin war vielleicht 1,20 Meter breit. Eine Welt in der Welt und von dort aus, ein Blick in die Weite, die wie in Zeitlupe entstand. Minutiös, Pinselstrich an Pinselstrich glänzende Ölfarbe und ein Dunst aus Malöl und Terpentin zog durch den Raum. Emilias Sinne nahmen die Foto-Pose in sich auf und sie dachte dazu: Wie klein Fredis Welt war und doch holte er für sich und andere verlorene Landschaften zurück in diese Nachkriegsstuben: Das Isermoor, das Kirchlein von Morchenstern, die Wälder Nordböhmens. Später erst erkundete er künstlerisch die neue Heimat, den Rotstein, den Töpferberg, das Hussitentor… Still bei sich. Emilia wusste von ihrer Mutter, dass Fredi sich nie wagte auszustellen. Er fürchtete sich vor der öffentlichen Kritik, vor dem Verriss seiner Heimatmalerei als kleinbürgerlich rückständig. So schuf er nach innengewandt und in diesem Schutzraum durfte er alles.
Emilia verließ mit der Künstler-Broschüre das kleine Museum. Sie steckte das Bändchen in eine leere Papiertüte und dachte: Mutter konnte das auch – auf wenigen Quadratmetern Bilderwelten schaffen. Viele Jahre ohne Atelier. Sie legte einfach ein paar Plastiksäcke auf den Wohnzimmerboden und legte los. Sie war die Einzige dieser Familie, die sich wirklich traute, von ihrer Kunst zu leben. Wahrlich nicht immer gut. Aber gerade das fürchten die Menschen seit der Zeit der Aufklärung. Die Freiheit der Kunst von Glaubenszwängen, aber auch vom Dienstherren-Salär, führte in das Risiko der Verarmung. Heutzutage bauen sich manche gut betuchten Rentner nach einem sicheren Berufsleben  erst einmal ein stattliches Atelier, bevor sie beginnen, ihre erste Leinwand zu bepinseln. Sie nennen sich ein Jahr später „Künstler“ und stellen ihre Anfängerarbeiten in Kaffeehäusern und Zahnarztpraxen zur Schau. Aber ach, Emilia wollte das nicht weiter sinnieren. Sie startete das Auto und fuhr aus der Stadt…

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