Morgenstunde (953. Blog-Notat)

Die ersten Pfingstrosen, die ich je bekam, brachten mir gestern Barbara und Micha. Dass allein werde ich nie vergessen. Mohnstreusel hatte sie gebacken, so war für uns nicht viel zu tun, außer sich Zeit zu nehmen und dass taten wir gerne. Das Paar war das erste Mal bei uns und erstaunlich schnell steckten wir in einem guten Gespräch über das Leben mit seinen herben Verlusten und ihrer reisenden Trauerarbeit. Das ist etwas wirklich Besonderes. Den Segeltörn auf dem Atlantik wollte eigentlich ihr verstorbener Sohn unternehmen. Sie gingen also auf seine Reise und ganz offensichtlich tat es ihnen gut, was sie in einem privaten Buch festhielten. Trauer hat viele Facetten und das Gespräch darüber war nicht schwerlastig, im Gegenteil. Das kann nur ermutigen, sie offen zu leben und den Schmerz zu zeigen. Danke Euch beiden, es waren drei gute Stunden mit Euch.

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Morgenstunde (431. Blog-Notat)

Wenn nahe Menschen auf die Zielgerade des Lebens gehen, rückt normalerweise die Familie zusammen. Man begleitet den Sterbenden und zugleich beginnt hier schon die Trauerarbeit, das Abschiednehmen der Zurückbleibenden. In der Corona-Zeit wird das den Betroffenen verwehrt. Man darf nicht ans Krankenhausbett, das sich irgendwann in ein Sterbebett verwandelt. Keine Hand halten, keinen Trost spenden, keinen Beistand leisten. Das ist schwer und lässt die Menschen ratlos zurück. Die Stimme am Telefon gaukelt, weckt Hoffnungen, denn sie klang gar nicht so zerbrechlich. Wer nicht ans Krankenbett kann, erlebt nicht die Täuschungen, das kurze Aufblühen vor dem Ende. Wir sind ganz benommen und geplagt von dem schlechten Gewissen, das Schwiegermütterchen so allein lassen zu müssen. Sie liegt in dem Auer Krankenhaus, das gestern durch die Nachrichten ging: voll belegt mit ausschließlich Corona-Patienten. Das Weihnachtsland ist dunkelrot und mich graust, die Umstände zu Ende zu denken. Noch kämpft sie und wir warten, hoffen, wünschen… es soll ja Wunder geben.

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