Märchenzeit

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Und bevor morgen meine neueste Weihnachtsgeschichte auf schorfheidewald.de erscheint, spendiere ich schon mal vorab eine weitere Geschichte aus dem Fundus:

Die Stallweihnacht

Das Feuer im Kamin knackte und tanzte, aber im Stall war es noch kalt.  Marie fröstelte, während sie ein weißes Tuch über den großen Esstisch warf. Den ganzen Sommer über hatte sie mit ihren Freunden den alten Stall entrümpelt, gekärchert, die Fenster abgebrannt, geschliffen,  gefirnisst und schöne alte Dinge aus der Scheune zum dekorativen Leben erweckt, um in diesem urigen Ambiente die Weihnacht zu feiern. Fern vom Lack der Stadt und ihrem Getöse. Gemeinsam wollten sie den Baum schmücken, doch Marie war allein. Es schneite seit Tagen und der Hof im Ausbau lag abgeschnitten in der ländlichen Weite. Max war auf der Autobahn in eine Karambolage geraten, und die Freunde Sophie und Johannes saßen mit ihren Zwillingen im Züricher Flughafen fest. „Hier geht nichts mehr“, simste Sophie. Doch von irgendeinem Hoffnungsfunken angetrieben, bereitete Marie das Fest vor. Neunerlei Speisen würde es geben, so wie es Großmutter immer zur Heiligen Nacht auftischte.  Im Mai hatte Marie ihren Katen geerbt und wollte ihn als stilles Sommerquartier nutzen. Im Dorf fand das keiner so richtig gut. Nur der Ortsvorsteher sprach aus, was alle dachten: „Wieder ein Haus mehr ohne Augen im Winter.“ Doch dann kam alles ganz anders.

Marie stützte ihren Rücken mit den Händen, um von ihm kurz die Last ihres Leibes zu nehmen. Dazu flüsterte sie: „Alles wird gut, du wirst im Grünen leben.“  Es dämmerte draußen. Während die Frau das Kerzenlicht in den Stalllaternen anzündete, brach die Musik im Radio jäh ab. „Auch das noch!“, fluchte Marie. Der Strom war weg. Ein Blick aus dem Fenster verriet, dort hinten, wo das Dorf lag, herrschte auch Finsternis, sie brauchte also keine Sicherung zu suchen. Marie hockte sich in den Schein des Feuers und wartete beklommen. Eine Stunde vielleicht. Da tuckerte plötzlich schweres Motorengeräusch heran. „Hallo, jemand Zuhause? Ich bringe den Baum“, polterte es an der Tür. Marie erkannte die Stimme von Förster Paul und öffnete die Haustür. „Hallo kleine Frau, weil der Mann den Baum nicht geholt hat, dachte ich, es ist was passiert und wollte einfach nachsehen. Ist alles in Ordnung?“ „Ja schon, bis auf Schnee, Stau und flüchtigen Strom!“ Marie lächelte, als sie sah, dass der Mann mit dem Schneepflug gekommen war: „Oh, toll, da wird mein Max vielleicht doch noch heute durchkommen.“ „Jedenfalls das letzte Stück ist frei“, brummte Paul in seinen verschneiten Bart. Wohin soll denn das Prachtexemplar“, kam er wieder zur Sache, und Marie deutete hinunter zum alten Stall. „Och, das ist ja romantisch hier! Wo ist denn der Baumständer, ich setze ihn gleich ein.“ Und das tat er dann auch. Marie reichte Paul einen heißen Pott Kaffee und seufzte, „was für eine schöne Tanne! Nur werde ich sie wohl ganz alleine bestaunen.“ Paul räusperte sich und druckste: „Ich muss dann mal wieder.“

Zwei Stunden weiter hatte Marie den Baum festlich geschmückt. Der Strom fehlte immer noch, als es abermals an der Haustür klopfte. Es waren drei Männer in Overalls, die frierend von einem Bein auf das andere traten. „Frohe Weihnachten! Entschuldigen Sie, Frau, wir sind mit dem Werkstattwagen im Schnee steckengeblieben“, sprach der Älteste. „Können wir uns bei Ihnen ein wenig aufwärmen?“ Marie war die Situation nicht geheuer, aber sie sah in den Augen der schlotternden Gestalten keine Arglist. Es war ihr nicht recht, aber sie sagte: „Dann kommen Sie schon herein.“
Sie hatte begonnen auf dem Kaminofen ihr Festmahl zu bereiten, dabei erklärte sie den ungebetenen Gästen: „Dieses Essen symbolisiert Lebenswünsche. Hier, die Bratwurst und das Sauerkraut bewirken Herzhaftes und geben Kraft. Die roten Rüben stehen für Freude. Brot und Salz bringen Segen ins Haus und gute Gäste. Schweinebraten mit Klößen bedeuten Wohlstand und viele Taler. Kartoffelsalat steht für Fleiß und Sparsamkeit, die Linsen für Kleingeld, der Sellerie für Fruchtbarkeit. Nüsse schenken ein langes Leben und die Milch die Schönheit.“  Die Männer am Tisch strahlten, aßen genüsslich und erzählten sich die Weihnachtsbräuche ihrer Familien. Dann legte sich die Stille im Stall wie Tau auf die Seelen der Menschen darin. Max staunte nicht schlecht, als er im Morgengrauen drei schlafende Männer im Heu entdeckte: „Kaspar, Melchior und Balthasar“, witzelte er.  „Nein, Karsten, Mike und Bodo, nicht die Heiligen drei Könige, und das Kindchen ist, Gott sei Dank, auch nicht gekommen“, erwiderte der Ältere und rieb sich dabei die Nacht aus den Augen.  Als Marie erwachte, waren die Blaumänner längst aufgebrochen. Max hatte ihren Werkstattwagen mit dem Trecker aus der Schneewehe gezogen, so konnten sie endlich aufbrechen. Im Briefkasten steckte ein schmuddeliges Kuvert. „Danke!“ stand auf einem Zettel, und dabei lag ein kleines Goldstück, etwas Myrrhe und Weihrauch.                                         

Text & Zeichnungen: Petra Elsner, die Geschichte befindet sich in meinem Weihnachtsbuch “Von der Stille des Winters”.

 

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Morgenstunde (257. Blog-Notat)

Himmel wie Meer überm Erzgebirge am 17. Dezember 2019.

Eine Glocke voll Dunstsuppe überstülpt heute die Schorfheide. Wir sind zurück im Reich der Nebelfee und blicken erleichtert hinaus in den großen Märchenwald hinterm Garten. 😊 Es wird wohl wieder eine weiße Nebelweihnacht geben. Kein Vergleich mit einer Schneeweihnacht, aber auch irgendwie weiß, milchig Weiß. Ein Himmel wie Meer überspannte das Erzgebirge am 17. Dezember. Licht wie im Frühling, die Temperaturen auch.  Die echte Weihnachtsstimmung will da nicht wachsen, es ist mir mehr nach  Gärtnern, was ich später auch ein wenig tun werde, allein schon, um den Stress der letzten Woche zu erden. Drei Lesungen und die Fahrt nach Aue zu den Eltern, um den Beiden hilfreich zur Hand zu gehen.  Ab jetzt ist Trödeln angesagt. Das Tempo aus der Zeit nehmen, jeder macht nur was er kann und will. Entschleunigen also… und zum Einstimmen auf so eine Nebelweihnacht kommt hier für Euch die passende Geschichte:

Weiße Weihnacht mit Ariella

Der Mond schien zu lächeln, als er aus seinem Nachtblau Ariellas Tanz zusah. Unter den wallenden Röcken der Nebelfee versank die Schorfheide mit ihren kleinen Buschdörfern wie in einer milchigen Wolke. Es würde zwar keine Schneeweihnacht werden, aber eine weiße. Weiß waren auch Ariellas ständigen Begleiter: Der schnelle Hirsch Vitus und Nele, die hellwache Schleiereule. Vollkommen unsichtbar reisten Hirsch und Eule mit der Fee, und so hatten weder die Jäger noch die Waldarbeiter die wundersamen Albinos jemals gesehen.
Jonas, der junge Designer, raste mit seinem kleinen Auto die Landstraße entlang und fluchte. Er war viel zu spät dran, längst hätte diese merkwürdige Robe dort hinten auf dem Rücksitz geliefert sein müssen. Doch erst auf den letzten Drücker überließ ihm der Großvater diesen geheimnisvollen Auftrag. Den alten Schneidermeister hatte eine heftige Erkältung erwischt, die nicht enden wollte. Jonas entwarf gerade eine neue Strandmode für die nächste Saison, da raubte ihm die unerwünschte Näharbeit an der altmodischen Klamotte wertvolle Zeit. Wer bestellt denn heute noch mitten im Winter einen Mantel? Einen roten Kapuzenmantel – wer trägt denn so etwas? Und diese Lieferadresse: „Abzulegen am Heiligen Abend, um 16 Uhr, auf den Stufen zum Postamt in Himmelpfort.“ Sehr eigenartig. Der eilige Fahrer wischte wirsch an seiner Frontscheibe herum, als könnte er so eine Nebelbank lichten, doch stattdessen krachte es plötzlich dumpf, das Auto scherte aus und donnerte jenseits der Piste in einen Wassergraben und dampfte.
„Bin ich tot?“, fragte Jonas, denn er sah in ein weißes, fließendes Gesicht. Ariella schüttelte ihren Kopf: „Offenbar nicht.“ Der junge Mann versuchte sich aus seiner misslichen Lage zu befreien: „Dann muss ich ganz schnell – au, au, au …!“, doch er spürte seine Blessuren, und das Auto saß fest. Als die Nebelfee einmal um den Wagen geweht war und ihm schließlich Vitus und Nele vorstellte, dachte Jonas bei sich, das ist auf gar keinen Fall die Wirklichkeit. Aber so schlecht gefiel ihm diese Traumzeit nicht, zumal Ariella befand, sie könnten ja auch auf dem Hirsch nach Himmelpfort reiten, um das rote Gewand noch rechtzeitig abzugeben. Schließlich wäre es ja der Mantel für die Hauptperson des Abends. Der Hirsch galoppierte wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil über die Nebelschwaden hinweg und holte indem die Zeit ein, die Jonas irgendwo verloren hatte. Vor dem alten Posthaus angekommen, sprang Ariella mit dem roten Bündel vom Rücken des Hirsches, und genau hier stoppte die Handlung in Jonas Erinnerung.  
Als er wieder zu sich kam, befand er sich auf einer Unfallstation. „Ah, da ist er ja wieder“, hörte er eine Stimme sagen und sich: „Wie komme ich denn hierher?“ „Keine Ahnung“, meinte die Krankenschwester. „Sie lagen vor der Tür. Eine weiße Eule hockte auf ihrem Bauch und schrie uns herbei. Jonas rieb sich die Augen: „Eine weiße Eule?“ „Hm, und es sah so aus, als würde Sie eine tanzende Wolke wärmen wollen.“ „Eine Nebelwolke?“ „Ja, und ein vollkommen weißer Hirsch sprang davon. Merkwürdig, nicht wahr? Aber es ist ja die wunderreiche Weihnacht, wieso soll darin nicht eine weiße Eule den Notarzt rufen? Ach ja, und dann war da noch ein alter Mann an der Rezeption, der ausrichten ließ, der Mantel passe ausgezeichnet, und er würde sich in ein paar Jahren, wenn dieser verschlissen sei, bei Ihnen melden.“

Text & Zeichnung: Petra Elsner, die Geschichte befindet sich in meinem Weihnachtsbuch “Von der Stille des Winters”.

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Die Weihnachtsgeschichte für 2018

Zeichnung: Petra Elsner

Das Haus der 24 Fenster

Die alte Stadtvilla blickte das ganze Jahr über grau und unscheinbar auf den Fluss, doch im Dunkel des Dezembers begann sie zu leuchten. Die Villa wurde von der Familie Adventus mit ihren 24 Kindern bewohnt, die allesamt im Dezember geboren waren. So kam es, dass vom 1. bis zum 24. Dezember an jedem Tag ein anderes der Fenster besonders erstrahlte, weil dahinter ein Fest gefeiert wurde. Jedes dieser Winterkinder war besonders begabt und überraschte mit seinem Talent: Jonas spielte Geige, Emma und Frieda sangen mit glockenklaren Stimmen. Paul zupfte die Laute und Anne die Harfe. Der eine konnte gut Rezitieren, die andere gut Zeichnen, der nächste wunderbar Kochen. Zusammen war es, als wären sie auf die Erde gekommen, um den allerschönsten Abend des Jahres auszustatten. Nur Julius, der am 23. seinen Geburtstag feierte, hatte nichts dergleichen aufzuweisen. Er war stets nur der Zuschauer und strich wie ein Schatten durch das Haus der 24 Fenster.
Der Neid auf seine Geschwister wuchs von Jahr zu Jahr. Besonders auf seinen Bruder Noel, der am 24. geboren war. Mit dessen Jahresfest setzte sich der Advent seinen feierlichen Schlusspunkt und es schien so, als würde die ganze Welt mit Noel feiern, während an Julius Ehrentag alle nur in Eile waren. „Jungs, holt Holz und die Bräter aus dem Keller! Und die Mädchen rupfen die Weihnachtsgänse“, rief die Mutter in den Morgen. Julius saß allein am Frühstückstisch, blies seine Geburtstagskerze aus und schob achtlos die Geschenkschachtel beiseite. Sein Herz krampfte vor Zorn, wieder überschatteten die Vorbereitungen für den Heiligen Abend sein Fest. Während er die Stufen zum Kellergewölbe abstieg, kamen ihm schon die Brüder schwer beladen entgegen. Nur Noel hangelte noch am hohen Wandregal nach dem letzten Bräter. Er hatte ihn gerade erwischt und wollte absteigen, da kippte das klapprige Kellermöbel. Der Bräter schepperte vor Julius Füße, während der Bruder ohnmächtig unter dem Regal lag. Julius griff sich kurzerhand das Gefäß, verschloss die Kellertür, löschte das Licht und lief so schnell er konnte in die Küche, wo er ungesehen den Brattopf abstellen konnte. Eine diebische Freude stieg in dem Jungen auf, diesmal würde das Fest der Liebe ausfallen, und niemand würde die Auftritte der Geschwister brauchen. Erst am Abend fiel Noels Abwesenheit auf. Wo er nur stecke? Niemand hatte ihn in den vergangenen Stunden gesehen. Die Eltern durchsuchten Haus und Garten, ohne Erfolg. Noel war inzwischen zu sich gekommen und fror auf dem nackten Steinboden. Warum lag er hier im Dunkeln? Hatte ihn Julius eingeschlossen? Er konnte es kaum glauben, was hatte ihn nur dazu getrieben? Eifersucht? In seinem Kopf hämmerten die Gedanken und der Schmerz vom Sturz.
Draußen schlug die Turmuhr Mitternacht. Noel hatte sich in einen Jutesack gehüllt und versuchte zu schlafen. Plötzlich wippte ein winziger Funken durch das Dunkel. Noel blinzelte und lächelte: „Du bist ein Weihnachtslicht, nicht wahr?“
„Ja, ich bin gekommen, ein Herz zu erwärmen!“
Noel murmelte: „Mir ist zwar kalt, aber mein Herz braucht dich nicht. Ich kenne da ein anderes, dass dich dringend nötig hat.“  Der Funken nickte und flog durch einen Lüftungsschlitz in die Nacht. Julius lag schlaflos in seiner Dachstube. Längst war sein Neid einer mulmigen Unruhe gewichen, denn das Verschwinden Noels hatte nun auch den Abend verdorben. Keiner dachte auch nur daran, mit ihm ein Stündchen zu feiern, alle suchten nur nach dem Bruder. Etwas flackerte an seinem Fenster. Julius rieb sich die Augen und lief langsam auf das Flämmchen zu. Er öffnete das Fenster und die kleine Lichtgestalt schwebte in den Raum. „Oh, wer bist du?“, fragte er staunend.
„Ich bin ein Weihnachtslicht und gekommen, dein Herz zu erwärmen.“
Der Junge nörgelte: „Mein Herz?“
Das Flämmchen nickte: „Du musst verstehen lernen, dass ein Talent nichts ist ohne einen Zuschauer. Darin bist du einzigartig und wirst von all deinen Geschwistern gebraucht.“
„Meinst du wirklich?
„Ja, natürlich!“, antwortete das Weihnachtslicht. „Jeder hat seine Aufgabe im großen Kanon des Lebens, du wirst ein geliebter und viel beachteter Zuschauer sein, wenn du deinen Neid ablegst.“ Julius staunte. „Soll ich dir leuchten?“, fragte das Flämmchen und wippte zur Tür. Der Junge folgte ihm in den Keller. Noel schlief als sein Bruder in sacht weckte: „Bitte verzeih mir, ich war so neidisch auf dich, dass ich dir den Glanz deines Tages nicht mehr gönnte. Das Weihnachtslicht hat mein Herz berührt und meinen Sinn verändert.“  Noel lächelte versöhnlich und mit dem Weihnachtsmorgen begann eine neue Zeit im Haus der 24 Fenster, in dem wirklich jeder ganz besonders war.

© Petra Elsner

Mit dieser Geschichte wünsche ich allen Lesern von schorfheidewald.de eine frohe und besinnliche Weihnacht, herzensgute Gedanken und Glück in allen Momenten des Lebens,

Eure Petra

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Der Weihnachtsapfelbaum

Hinter dieser  Tür wohnt ein Sack voll Märchen… Ich weiß, die Tür müsste mal wieder gestrichen werden, vielleicht schaffe ich das ja 2018 :).

Alle Jahre wieder schreibe ich eine Weihnachtsgeschichte und wünsche damit meinen Liebsten und Freunden eine frohe Weihnacht. So auch dieses Jahr: Ich denke fest an Euch und wünsche Euch allen Gesundheit und Glück, Mut zur Lücke und Freude am Leben, Eure Petra

Scharfer Novemberwind wehte einen Hauch von Schnee in den kahlen Apfelhain. Josefine fröstelte und sorgte sich. Die Obsternte war nach den späten Frösten im Frühjahr komplett ausgefallen. Trotzdem kamen seit Oktober Kunden auf ihren Hof und fragten nach Weihnachtsäpfeln, den Purpurroten Cousinots, der Ingrid-Marie und der Roten Sternrenette. Bedauernd schüttelte Josefine Kannengießer ihren Kopf und wiederholte die Worte „Alles im Frühling erfroren, keine Chance dieses Jahr.“ wie ein Mantra. Die enttäuschten Blicke der Leute nagten an Josefines Ehre. Schließlich versorgten die Kannengießers schon seit  Generationen die Leute in der Gegend mit knackigen Weihnachtsäpfeln. Die Tanne in der Mitte des  Dreiseitenhofes wurde stets zum Weihnachtsfest mit Nüssen, Strohsternen und roten Äpfeln geschmückt. In Ermangelung von echten hatte die junge Landfrau Deko-Äpfel via Internet geordert. Was für eine Schande, dachte sie währenddessen.  Der Urgroßvater würde sich im Grabe umdrehen.

Der Sturm rüttelte arg an dem alten Fachwerkhaus. Die Frau trat ans Fenster und lauschte ihm nach. Es war ihr, als fegte der Wind ihre Gedanken in eine Zeit, als ihre Urgroßeltern lebten. Dunkel erinnerte sie sich, dass ihr Urgroßvater immer im Spätherbst von einem geheimen Ort im Wald tiefrote, spritzig-süße Äpfel holte. Die lagerte der alte Köhler sorgsam ein und polierte am Weihnachtsabend die schönsten für den großen Weihnachtsteller der Familie.  Alle Jahre ging das so, bis der Alte verstarb. Der Weihnachtsapfelbaum im Wald geriet in Vergessenheit. Schließlich wusste ja niemand so genau, wo er stand. Das war auch nicht weiter schlimm, da die Familie inzwischen einen großen Apfelhain geschaffen hatte. Aber keiner dieser Äpfel hatte dieses feine Weihnachtsaroma, wie jene, die der Urgroßvater verschenkte. Was das nur für eine Sorte war? Josefine suchte nach dem alten Familientagebuch ihrer Großmutter und blätterte darin. Ziemlich weit hinten waren zwischen den handgeschriebenen Zeilen kleine quadratische schwarz-weiße Fotos geklebt. Auf einem dieser Bilder entdeckte sie sich selbst als Fünfjährige neben ihrem schon sehr, sehr alten Urgroßvater. Sie standen vor einem mächtigen Apfelbaum. Im Hintergrund rauchte ein Kohlenmeiler. Darunter stand: „Der letzte Brand.“ Das musste doch der Standort des alten Baumes sein und sie war sogar schon einmal dort. Irgendetwas trieb die Frau an, diese Lichtung im Wald zu suchen.

Beim Findling “Märchenwald” in der Schorfheide. Zeichnung: Petra Elsner

Am nächsten Morgen brach sie auf. Mit dem Kleintransporter fuhr  sie bis zum Wuckerweg tief in der Schorfheide. Eine Kiepe auf dem Rücken stapfte sie los. Auf dem Foto im Familientagebuch war unten links im Grauschleier ein Jagenstein erkennbar, der eine verwitterte Nummer trug. Josefine entzifferte die Zahl als 230. Diese Markierung könnte sie bei ihrer Suche leiten. Bei dem Jagen 228 war sie schon angelangt. Sie pirschte sich weiter Richtung Süden. In der Stille der Waldluft fühlte sich die Frau frei und stark.  Es dämmerte schon als sie bei ein paar alten Fichten, rechts beim Weg einen großen Findling erblickte, auf dem „Märchenwald“ geschrieben stand. Josefine dachte bei sich, dass passt zu diesem verwunschen-schönen Ort und ihrer Absicht. Kaum später gelangte sie auf einen schmalen Wildacker und entdeckte im Waldsaum ein rotes Leuchten. Die Augen der Frau strahlten: Geschützt vor Wind und Wetter stand dort der mächtige Urgroßvaterbaum voll behängt mit prächtigen Winteräpfeln.
Tagelang machte sich nun Josefine zu dem Baum im Wald auf und erntete die wundervollen Früchte. Und weil sie nicht dahinterkam, wie diese alte Apfelsorte hieß, schrieb sie sie einfach auf ihr Angebotsschild am Hofladen: „Köhlers Märchenapfel – perfekt zum Weihnachtsfest“.                                                                                                                                                               Petra Elsner, 2017

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Nachtrag
Den Findling mit dem Namen “Märchenwald” gibt es wirklich in der Schorfheide. Keiner weiß, weshalb der so heißt.  Aber nun gibt es diese Geschichte für ihn… Sie erschien  gestern im Barnim-Echo der Märkischen Oderzeitung.

Der Stein ist u.a. in dem Bändchen “Gedenksteine und Forstorte in der Schorfheide” von Joachim Bandau vermerkt.

Der gelbe Punkt Nummer 6 markiert seinen Standort. Die Karte stammt aus dem Buch von Joachim Bandau. Um dort hin zu gelangen, benutzt man nicht wie im Märchen den “Wuckerweg” (ich musste im Text die Frau ja auf einen weiteren Weg schicken…), sondern läuft dort, wo der Wildauerdamm von der L100 abgeht, den Waldweg parallel zu den beiden Radangseen. Dort werdet ihr dem Stein begegnen, dem Apfelbaum sicher nicht. Es ist eben ein Märchen, kein Reiseführer…

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Der Spuk in der Tanne – der 5. Akt

Fridolin von der Tanne

Die Tage vergingen und Weihnachten rückte heran. Rudi Sonne und Leon hatten seit jener abendlichen Begegnung dem kleinen Eichkater täglich drei Nüsse spendiert. Ohne goldene Farbe, versteht sich. Fridolin besuchte sie immer zur gleichen Stunde. Es tönte dazu ganz leise, weil an seinem Sprungast zwei Weihnachtsglocken hingen, die natürlich mit der Bewegung läuteten.

An diesem Abend standen die Jungs von der Kinderfeuerwehr vor Rudi Sonnes Tür. Sie waren extra zum Revierförster gefahren, bei dem in dieser Jahreszeit auch Eicheln für die Waldtiere lagerten. Längst war es stadtbekannt, dass  Leon und der Maler 200 Nüsse vergoldet hatten, die Fridolin samt und sonders vom Baum gepflückt und versteckt hatte. Den jungen Kameraden war ihre Unterstellung wirklich peinlich, und sie baten Leon mit einer großen Schüssel Eicheln in den Händen um Verzeihung. „Schwamm drüber!“, meine der nur großzügig. Alles schien gut, denn auch die Händler hatten den kleinen  flauschigen Kerl tief in ihr Herz geschlossen und verwöhnten ihn mit schönsten Früchten. Die Nachtwächter wurden abbestellt. Fridolins akrobatische Aktionen brachten die Menschen auf dem Platze oft zum Lachen, es schien fast, als gehörte er für immer an diesen Ort.

Nur was sollte werden, wenn der Markt am Heiligen Abend schloss und der Weihnachtsbaum  nach den Feiertagen abgeschmückt und zu Kompost verarbeitet werden würde? Gewiss, die Bewohner am Markt würden Friedolin auch weiter füttern. Aber auf dem Marktplatz standen keine Bäume, und es gab auch keinen schönen Stadtpark. Wo sollte er eine Höhle finden, wo einen Fluchtpunkt und sicheren Ort? Und sollte dieses Eichhörnchen immer ohne Gefährtin leben? Leon und Rudi rauften sich die Haare über diesen Gedanken, denn ihnen wurde klar: Sie mussten etwas unternehmen.

Zuerst fragten sie den Ortsbrandmeister Lemke, wer denn den Baum der Stadt geschenkt hätte. Lemke wusste das nicht. Er habe den Baum doch nur aufstellen lassen und geschmückt: „Da müsst ihr wohl den Bürgermeister fragen.“ Doch auch Conrad Lob konnte keine Auskunft zu geben: „Sprecht einmal mit der Unteren Naturschutzbehörde, der Bodo Grünlich ist dort der Baumexperte.“

Besagter Sachverständige und Baumfreund wusste, von welchem Haus am Wald die Tanne stammte: „Nicht  wahr? Der Baum war viel zu schön zum Fällen. Aber wenn es um einen Weihnachtsbaum geht, drücke ich alle Augen zu. Was? Der Fridolin von der Tanne ist nicht rechtzeitig ausgezogen und hockt nun auf den öden Stadtsteinen?  Das ist ja furchtbar!“, rief Grünlich aufgebracht.

Der Maler und der Junge saßen noch lange bei dem Naturbeamten und hörten sich geduldig an, was so ein Tier frisst und was nicht, wie es artgerecht gehalten wird und was geschehen könnte, wenn nicht. Eines war gewiss, Fridolin von der Weihnachtstanne musste dorthin zurück, wo er herkam ….

 

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Der Spuk in der Tanne – der 4. Akt

Der Spuk.

Die kleine Stadt erwachte langsam. Flocken wirbelten. Ein Mann schlich um die Tanne und lauschte, ob sich darin etwas regte. Es war ihm, wäre etwas in ihr Unterholz gehuscht, schnell wie ein Luftzug. Fridolins Augen suchten hellwach die Dunkelheit ab. Dort, bei den Blumenkübeln, entdeckte er einen zweiten Wachmann. Und weiter hinten noch einen und dahinter noch einen. Bewegliche Schatten, die offenkundig den Marktplatz beobachteten. Die Schritte knirschten nicht mehr im Schnee.  Der Mann in Fridolins Nähe blieb stehen. Klein und kahlköpfig. Just dort, wo gestern das Eichhörnchen seine Vorräte vergraben hatte. Fridolin wartete, aber der Wächter bewegte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Er  passte auf, dass niemand mehr unbemerkt über das Marktgelände spazierte.

Gut, dass in dem Baum noch andere Leckereien hingen. Fridolin kletterte von Astetage zu Astetage, knabberte hier an Schockladenplätzchen, dort an roten Äpfeln, ganz unten fand er Leons goldene Nüsse: Oh, wie wunderbar, dachte der kleine Nager und knackte eine Schale nach der anderen. Die übrigen versteckte  Fridolin diesmal in den Balkonkästen des Hauses gleich hinter der Tanne. Es war mit einem kleinen Eichkatersprung locker zu erreichen,  ohne  dass er auf das Steinpflaster hinabsteigen musste.

Am Nachmittag schlenderte Leon mit seinen Freunden von der Kinderfeuerwehr über den Adventsmarkt. Von Tag zu Tag kamen immer mehr Händler mit weihnachtlichen Waren. Darunter auch Handwerker, die ihre Künste vorführten. Auch Rudi Sonne, war unter ihnen und bot sich als Porträtzeichner an. Leon wollte ihm dabei zusehen.  Als die Kindergruppe bei der Tanne ankam, fragte jemand: „ Habt ihr  wirklich alle hundert Nüsse neu vergoldet und angehängt, du und der Maler, ganz allein?“ Leon nickte. Sein Blick suchte jetzt die Tanne ab. Wo waren sie nur. Aufgeregt lief er um den ganzen Weihnachtsbaum herum. Nein, nicht eine einzige konnte er noch finden. Leon stand und prustete: „Jemand hat meine Nüsse geklaut!“ Alle Augen richteten sich nun auf das Kind. Die Blicke fragten: Wer? Wo? Was? Warum? Aber als sie Leon, den Tollpatsch,  entdeckten, lächelten die Leute nur milde. Gewiss hatte er sie nur wieder verloren.  Die Feuerwehrkinder aber schauten nicht so entspannt: „Erst lässt du unsere Goldnüsse vom Laster zermalmen, und dann schwindelst du uns obendrein noch an“, sprach  einer aus, was alle dachten. Leon drehte sich blitzartig ab und rannte zu Rudi Sonne: „Jemand hat unsere Nüsse gestohlen!“ Der Maler hob die Brauen: „Wie jetzt, unsere Goldnüsse, alle?“ „Alle hundert, wer macht denn  so was?“, schluchzte das Kind. „Und meine Kameraden glauben mir kein Wort mehr!“ Leon sah den Malerfreund so herzergreifend an, dass jener vorschlug: „Komm heute Abend zu mir, wir zaubern zusammen noch einmal neue Goldnüsse und hängen sie morgen Nachmittag mit deinen Freunden gemeinsam auf!“

Diesmal ging alles viel schneller, denn der Maler hatte einfach flüssige Goldfarbe auf den Tisch gestellt, in die er mit Leon Nüsse tauchte. Wieder waren es genau hundert Stück, nur nicht ganz so leuchtend und edel wie jene, die mit Blattgold belegt waren. Die trockneten sehr bald draußen auf dem Balkon. „Hoffentlich stibitzt die nicht wieder jemand!“, wünschte sich Leon.

Fridolin beim Nüsse mausen.

Die Beiden saßen zufrieden beim Tee und schauten hinaus in das Winterdunkel, als plötzlich Fridolin auf dem Balkon auftauchte. Zwischen seinen Zähnen hielt er eine Nuss, natürlich eine  goldene …

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Der Spuk in der Tanne – der 3. Akt

Fridolins Herz raste,  und die ganze kleine haarige Gestalt zitterte.  Noch immer saß ihm der Schock in den Knochen, selbst als der Baum zur Ruhe kam. Was war geschehen? Das kleine Eichhörnchen schlief fest in seiner Höhle, als die Holzfäller nächtens Flutlicht auf die Tanne richteten. Alles ging blitzschnell: Eine Motorsäge jaulte auf,  sie schnitt einen Keil in den Fuß des Baumes, dann legte sich Fridolins allerschönste Tanne krachend um. Im Fallen dachte der Eichkater noch, sein letztes Stündlein habe geschlagen, doch er konnte sich vor Schreck nicht rühren. Und so kam es, dass er mitsamt der Tanne auf dem Tieflader an diesen fremden Ort geriet.

Fridolin. Zeichnung: Petra Elsner

Jetzt sortierte und putzte Fridolin sein Fell über den unzähligen blauen Flecken. Seine Schlafstatt hatte sich komplett aufgelöst und hing nun wie Spagetti an der rauen Höhlenwand. Fridolin sammelte von ihr die Heu-, Stroh- und Moosteile ab und baute sich daraus ein neues Lager. Darauf sank er erschöpft nieder und grübelte: Da hat es Opa Willi doch wahrgemacht. Schon seit Wochen sprach er zu Oma Frieda, die Tanne müsse weg, sie überschatte ihr kleines Häuschen am Waldesrand. Oma Frieda schimpfte: „Das kannst du doch nicht machen,  Willi! Die Tiere im Baum haben hier ihr Winterquartier, sie werden ohne Obdach umkommen!“ Doch der alte Mann meinte nur, wenn kein Licht ins Haus fiele, koste es zu viel Strom. Er werde die Tanne einfach der Stadt als Weihnachtsbaum spendieren, dann habe man auch mit dem Fällen keine Mühe. Zwar hörte Fridolin das Gespräch der beiden Alten, doch er konnte sich nicht  recht  vorstellen, was das bedeuten würde.

„Nun, ich hab es ja überstanden“, murmelte er sich Mut zu. Doch  erst  als der kleine Nager wieder Hunger verspürte, wurde ihm klar, dass ihm seine Wintervorräte abhandengekommen waren. Der unfreiwillige Umzug hatte gefährliche Folgen. Schließlich trug das flinke Tier den ganzen Herbst über sein Futter zusammen. Fridolin rieb sich die Wintermüdigkeit aus den Augen. Er musste neue Nahrung heranschaffen  –  rasch! So lockerte er das Aststück vor seiner Höhle und lugte vorsichtig hinaus. Hui, was war das für ein Lichtermeer, es schien ihm weiter, als das der himmlischen Milchstraße, und wie bunt sein Baum aussah. Beinahe verzückt lauschte er der Marktmusik und dem herzhaften Kinderlachen. Fridolin wunderte sich über all das muntere Treiben. Das letzte Lachen hatte  er in der Pilzzeit gehört, als Ferienkinder den Wald durchstreiften. Und wie er hinter dem Stern in der Tannenspitze in seine neue Welt linste, gefiel ihm, was er sah.

Als die Nacht kam und kein Mensch mehr unterwegs war, kletterte Fridolin durch die Tanne. Oh, hier fand er viele Leckereien, doch er brauchte etwas Handfestes, um der Kälte gut trotzen zu können. So griff er sich eine der Solar-Laternen und balancierte tänzelnd erst über die Hüttendächer der Händler, über die Stromleitungen, Verkehrsschilder und Litfaßsäulen, bis er sein neues Revier erkundet hatte. Er schien in ein kleines Paradies geraten zu sein. Überall duftete es lecker und nahrhaft. Bald schon hatte er einen Futterberg zusammengetragen. Nur wo sollte er seine neuen Vorräte verstecken? Der Boden war hier überall mit Steinen belegt, nur in den großen Blumenkübeln konnte er etwas einlagern. Als der Morgen graute und erste Autos Ware auf de m  Markt anlieferten, huschte Fridolin wieder in seine Höhle zurück…

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Der Spuk in der Tanne – der 2. Akt

Beim Vergolden. Zeichnung: Petra Elsner

Leon hockte an Rudi Sonnes blank gescheuertem Küchentisch und tupfte mit ihm vorsichtig Blattgold auf die frischen Walnüsse. Der Maler konnte die Traurigkeit des Jungen einfach nicht mit ansehen und  hatte das Kind noch am gleichen Abend zu sich   eingeladen. Dort saßen sie nun. Das Küchenfenster gab den Blick zum Markt frei, wo die Weihnachtstanne ihr glanzvolles Licht über den inzwischen leisen Ort warf. Rudi zeigte dem Jungen  noch einmal, wie man mit dem Pinsel eine hauchdünne Blattgoldlage zu fassen bekam. Nämlich,  indem er zuvor leicht mit dem Pinselhaar über seine Wange strich und es so mit Hautfett haftfähig machte. „Es sind die kleinen Tricks, die ein gutes Handwerk zu  Stande bringen“, kommentierte der Mann sein Tun. Dann goss er Tee in zwei Becher und schob den Teller mit Schmalzstullen wortlos in die Mitte des Tisches. Er wusste, Leons Mutter hat Nachtschicht, ein gemeinsames Abendbrot konnte dem Kind nur willkommen sein. Der Junge balancierte noch ein Goldblatt auf seine Nuss. „Jetzt nur nicht niesen“, warnte Rudi mit einem Augenzwinkern. Leon musste sich schwer ein prustendes Lachen verkneifen. Dann aßen sie erst einmal in aller Ruhe. Sechs Nüsse hatten sie inzwischen bezogen,  und  sie wussten, sie würden Morgen auch noch Zeit damit zubringen.

Leon schärfte seinen Blick auf die Tanne. „Schau’ mal,  Rudi, irgendetwas bewegt sich in dem Baum. Sieh’ nur, jetzt hüpft ein kleines Licht über die Marktstände. Und nun tänzelte  es dort oben auf der Stromleitung entlang. Was ist das nur?“ Der  Mann stutzte ebenso und wusste keine Antwort. Die  Zwei schauten dem seltsamen Wanderlicht nach, bis es entschwand. Ratlos zuckten die Beobachter mit ihren Schultern und wandten sich wieder dem Vergolden zu.

Am nächsten Morgen hing ein Geschrei und Gezeter über dem Marktplatz. „Bei mir hat einer den Sack mit Sonnenblumenkernen aufgerissen“, brüllte verärgert der Mann vom  Bio-Stand. „ Bei mir fehlen zwei Duftkissen“, rief die Blumenfrau. „In meiner Hütte hat auch jemand stibitzt“, raunte der Mandelbäcker. Und die üppige Frau vom Gemüsestand entdeckte: „Von meiner Auslage hat jemand Aprikosen und Trockenpflaumen geklaut!“ An anderer Stelle waren Esskastanien und ein Lebkuchenherz angeknabbert. Es war nicht wirklich viel, was jedem fehlte, aber die Händler fühlten sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass nächtens jemand frech durch ihre Hütten spazierte und sich heimlich bediente.

Bürgermeister Conrad Lob hatte die ärgerlichen Rufe durch das offene Fenster seiner Amtsstube vernommen. Jetzt trat er in die aufgebrachte Runde und versicherte, nein, Ratten gäbe es in seiner sauberen Stadt wirklich nicht. Doch was oder wer könnte dann der nächtliche Besucher sein? Auf jeden Fall forderte Herr Lob sicherheitshalber einen Wachschutz an, damit der schöne Adventsmarkt seiner Stadt nicht in Verruf geriet.

Als abends Rudi Sonne und der kleine Leon mit ihren Goldnüssen vor die Tanne traten, war der Ärger unter den Marktleuten längst verraucht. Keiner sprach mehr von den nächtlichen Vorkommnissen. Gern wäre Leon jetzt auf die Feuerwehrleiter gestiegen, um rund um die große Weihnachtstanne seine schönen Schmuckstücke zu platzieren. Doch die rückte wegen solcher Kleinigkeiten nicht extra an. Auch nicht für Mitglieder der Kinderfeuerwehr. So hängten die Zwei ungesehen ihre Goldnüsse nur ins  Erdgeschoss des Baumes. In der Tüte der Gemüsefrau war nur noch eine einzige unverzierte Walnuss verblieben. Der Maler zog seine buschigen Augenbrauen hoch und drückte  die Nuss dem Jungen mit den Worten in die Hand: „Es ist eine Zaubernuss! Öffne sie nur, wenn dir gar nichts  Anderes mehr einfällt.“ Dann zog der Mann seinen schwarzen Schlapphut und ging. Leon schaute hinauf in den prachtvollen Weihnachtsbaum. Aber seltsam, irgendetwas schien ihn von dort oben aus zu fixieren…

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Der Spuk in der Tanne (1)

Die letzten Tage vor Weihnachten will ich Euch mit einer Weihnachtsgeschichte in sechs Akten (in sechs Tagen) beleben. Sie steckt in meinem Weihnachtsbuch “Von der Stille des Winters”…

Auf dem Marktplatz…

Das erste fahle Licht dieses Morgens stieg gerade über die verschneiten Dachfirste, als ein schwer tuckerndes Motorengeräusch die Stille zerriss. Ein Rabe kreischte auf der Laterne unheilvoll auf,  und der letzte Langschläfer huschte an die Gardine, um zu sehen, was dort draußen so einen Krach verursachte. Otto, dem Truckerfahrer standen Schweißperlen auf der Stirn, während er sich mit seinem Tieflader durch diese enge Gasse quetschte. Kaum drei Meter standen sich die geduckten Feldstein- und Fachwerkhäuschen gegenüber. Zentimeterweise manövrierte der Mann am Lenkrad die gewaltige Fuhre. In jeder Kurve war Präzision gefragt. Er wagte sich kaum zu atmen, als würde er so ein, zwei Zentimeter dünner werden. Nicht, dass er auf den letzten Metern noch die Tannenspitze lädierte. Doch schließlich öffnete sich die Pflasterenge zum Marktplatz, wo schon eine Menge Menschen wartete.

Ortsbrandmeister Lemke schnupperte gerade am Holunderpunsch, als der kleine Leon über ein Kabel stolperte und ihm dabei die hundert vergoldeten Walnüsse aus der Schale sprangen, welche er eben noch stolz vor sich trug. Wie Murmeln rollten sie auf den Steinen auseinander. Leon galt als der größte Tollpatsch der Kinderfeuerwehr, und nun lachten ihn schon wieder alle aus. Er verschluckte entsetzt seinen Aufschrei, während  der große Truck die handvergoldeten Nüsse  platt rollte. Leon stiegen Tränen in die  Augen. Tagelang hatte die Kindergruppe diese Nüsse mit kostbarem Blattgold belegt. Rudi Sonne, der Kunstmaler, zeigte ihnen, wie man den güldenen Hauch mit einem Pinsel auf Nüsse oder Äpfel  aufbrachte. Dazu erzählte der Wirt vom „Weißen Hirsch“, dass dieses Blattgold sogar essbar auf Schokolade oder einem Pfefferkuchen sei.

Die Ankunft der Tanne auf dem Markt vor dem Rathaus war immer ein großes Ereignis im Städtchen. Festlich geschmückt, beleuchtete der Baum die dunkle Jahreszeit und den Monat der Vorfreude auf die schönsten Feiertage des Jahres. Und was das Beste an diesem Ankunftstage war, dass jeder mitschmücken und etwas dazu beisteuern konnte. Doch Leon hatte wieder einmal alles vermasselt. Es interessierte den Jungen  nicht mehr, dass jetzt gerade ein Kran die mächtige Tanne vom Tieflader hievte und die Feuerwehrmänner den Baum zum Stehen brachten. Der Achtjährige  wollte sich einfach nur noch durch die Reihen der Wochenmarkthändler davonschleichen.  Da legte sich plötzlich eine schwere Hand auf seine Schulter. Als er sich umdrehte, lächelte ihn die rotbäckige Gemüsefrau an und drückte ihm eine große Tüte voll Walnüsse in die Hand: „Hier, mein Jung’, nun musst du sie nur noch schön goldig machen.“ Dankbar stand das Kind noch bei der Marktfrau, da wogte ein „Oh“ und ein „Ah“ durch die Menge auf dem Platze. Der erste Stern auf der Tannenspitze erstrahlte,  und Lemke platzierte von der großen Feuerwehrleiter aus auf dem Baum, was man ihm zureichte.

Immer mehr Menschen kamen zum Schmücken herbei. Die einen brachten selbstgebackene Weihnachtsplätzchen mit, die anderen Glaskugeln und Lichterketten, klitzekleine Päckchen mit roten und blauen Schleifen, kandierte Früchte, Schokoladenherzen, kleine, solarbetriebene Laternen  und echte Tannenzapfen. Auf dem Markt duftete es plötzlich nach Zuckerwatte, Zimt, Nelken und gerösteten Mandeln. Es schneite wieder, und das frische Weiß dämpfte alle Töne. Frau Ortsbrandmeister  Lemke schenkte gegen die fröstelnde Kälte dampfenden Holunderpunsch aus, und Adventsstimmung schlüpfte in alle Herzen….

 

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Die Geheimnisse beginnen wieder zu knistern …

Das Farbenspiel des Herbstes tönt das Quartier. Foto: pe
Das Farbenspiel des Herbstes tönt das Quartier. Foto: pe

Heute war ein Draußentag. Endlich mal wieder Licht. Ein bisschen Indian Summer huscht durchs Quartier. Hab Stauden runter geschnitten und Laub von der Straße geholt. Nach den vielen, nass-kalten Dämmertagen und dem permanenten Hocken am Computer war das Rumschuften richtig gut. Mittwoch ist die Weihnachtsgeschichte für 2016 entstanden. Noch eine Vignette oder zwei zeichnen, dann ist das geschafft.

Ein Schirmpilz wächst noch bei der Bienentränke.
Ein Schirmpilz wächst noch bei der Bienentränke.

Bis zum 1. Advent sind es ja nur noch sechs Wochen … Beim Schreiben musste ich andauernd grinsen, weil so viele Inputs aus diesem Jahr im Text stecken, dass hätte ich nicht gedacht, denn 2016 war bisher ein schweres Jahr. Es hat mich schlichtweg überrascht, dass ich ihm etwas Gutes abringen konnte. Mehr aber wird vom Geschichtenschreiben heute nicht verraten, die kleinen Geheimnisse beginnen hiermit langsam zu knistern…

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