Morgenstunde (257. Blog-Notat)

Himmel wie Meer überm Erzgebirge am 17. Dezember 2019.

Eine Glocke voll Dunstsuppe überstülpt heute die Schorfheide. Wir sind zurück im Reich der Nebelfee und blicken erleichtert hinaus in den großen Märchenwald hinterm Garten. 😊 Es wird wohl wieder eine weiße Nebelweihnacht geben. Kein Vergleich mit einer Schneeweihnacht, aber auch irgendwie weiß, milchig Weiß. Ein Himmel wie Meer überspannte das Erzgebirge am 17. Dezember. Licht wie im Frühling, die Temperaturen auch.  Die echte Weihnachtsstimmung will da nicht wachsen, es ist mir mehr nach  Gärtnern, was ich später auch ein wenig tun werde, allein schon, um den Stress der letzten Woche zu erden. Drei Lesungen und die Fahrt nach Aue zu den Eltern, um den Beiden hilfreich zur Hand zu gehen.  Ab jetzt ist Trödeln angesagt. Das Tempo aus der Zeit nehmen, jeder macht nur was er kann und will. Entschleunigen also… und zum Einstimmen auf so eine Nebelweihnacht kommt hier für Euch die passende Geschichte:

Weiße Weihnacht mit Ariella

Der Mond schien zu lächeln, als er aus seinem Nachtblau Ariellas Tanz zusah. Unter den wallenden Röcken der Nebelfee versank die Schorfheide mit ihren kleinen Buschdörfern wie in einer milchigen Wolke. Es würde zwar keine Schneeweihnacht werden, aber eine weiße. Weiß waren auch Ariellas ständigen Begleiter: Der schnelle Hirsch Vitus und Nele, die hellwache Schleiereule. Vollkommen unsichtbar reisten Hirsch und Eule mit der Fee, und so hatten weder die Jäger noch die Waldarbeiter die wundersamen Albinos jemals gesehen.
Jonas, der junge Designer, raste mit seinem kleinen Auto die Landstraße entlang und fluchte. Er war viel zu spät dran, längst hätte diese merkwürdige Robe dort hinten auf dem Rücksitz geliefert sein müssen. Doch erst auf den letzten Drücker überließ ihm der Großvater diesen geheimnisvollen Auftrag. Den alten Schneidermeister hatte eine heftige Erkältung erwischt, die nicht enden wollte. Jonas entwarf gerade eine neue Strandmode für die nächste Saison, da raubte ihm die unerwünschte Näharbeit an der altmodischen Klamotte wertvolle Zeit. Wer bestellt denn heute noch mitten im Winter einen Mantel? Einen roten Kapuzenmantel – wer trägt denn so etwas? Und diese Lieferadresse: „Abzulegen am Heiligen Abend, um 16 Uhr, auf den Stufen zum Postamt in Himmelpfort.“ Sehr eigenartig. Der eilige Fahrer wischte wirsch an seiner Frontscheibe herum, als könnte er so eine Nebelbank lichten, doch stattdessen krachte es plötzlich dumpf, das Auto scherte aus und donnerte jenseits der Piste in einen Wassergraben und dampfte.
„Bin ich tot?“, fragte Jonas, denn er sah in ein weißes, fließendes Gesicht. Ariella schüttelte ihren Kopf: „Offenbar nicht.“ Der junge Mann versuchte sich aus seiner misslichen Lage zu befreien: „Dann muss ich ganz schnell – au, au, au …!“, doch er spürte seine Blessuren, und das Auto saß fest. Als die Nebelfee einmal um den Wagen geweht war und ihm schließlich Vitus und Nele vorstellte, dachte Jonas bei sich, das ist auf gar keinen Fall die Wirklichkeit. Aber so schlecht gefiel ihm diese Traumzeit nicht, zumal Ariella befand, sie könnten ja auch auf dem Hirsch nach Himmelpfort reiten, um das rote Gewand noch rechtzeitig abzugeben. Schließlich wäre es ja der Mantel für die Hauptperson des Abends. Der Hirsch galoppierte wie ein von der Sehne geschnellter Pfeil über die Nebelschwaden hinweg und holte indem die Zeit ein, die Jonas irgendwo verloren hatte. Vor dem alten Posthaus angekommen, sprang Ariella mit dem roten Bündel vom Rücken des Hirsches, und genau hier stoppte die Handlung in Jonas Erinnerung.  
Als er wieder zu sich kam, befand er sich auf einer Unfallstation. „Ah, da ist er ja wieder“, hörte er eine Stimme sagen und sich: „Wie komme ich denn hierher?“ „Keine Ahnung“, meinte die Krankenschwester. „Sie lagen vor der Tür. Eine weiße Eule hockte auf ihrem Bauch und schrie uns herbei. Jonas rieb sich die Augen: „Eine weiße Eule?“ „Hm, und es sah so aus, als würde Sie eine tanzende Wolke wärmen wollen.“ „Eine Nebelwolke?“ „Ja, und ein vollkommen weißer Hirsch sprang davon. Merkwürdig, nicht wahr? Aber es ist ja die wunderreiche Weihnacht, wieso soll darin nicht eine weiße Eule den Notarzt rufen? Ach ja, und dann war da noch ein alter Mann an der Rezeption, der ausrichten ließ, der Mantel passe ausgezeichnet, und er würde sich in ein paar Jahren, wenn dieser verschlissen sei, bei Ihnen melden.“

Text & Zeichnung: Petra Elsner, die Geschichte befindet sich in meinem Weihnachtsbuch “Von der Stille des Winters”.

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