WENDE-STRUDEL

Nachdem sich zur US-Wahl die  gesellschaftlichen Eliten so komplett geirrt haben, und immer wieder von Wutbürgern und Abgehängten als ausschlaggebende gesprochen wird, eine undefinierbare Bedenklichkeit nachschwappt, ist es vielleicht besser, erst einmal hier die eigenen Hausaufgaben zu machen. Wie und warum entstehen diese „Schattengewächse“. Durch Misswirtschaft, soziale Härte, mangelde politische Verantwortung im Kontext der ungezügelten Weltwirtschaft und die Arroganz der Macht. Meiner Meinung nach birgt auch der Einigungsprozess der Deutschen solch einen Sprengstoff. Man hat einander damals nicht gut zugehört… Ich habe O-Töne aus meiner damaligen Gedakenwelt. Etwas werde ich hier posten. Wieviel davon liegt bei Euch – für ein Mehr braucht es die Nachfrage.

"Wieder geboren werden", Augsustraße, Berlin 1993
„Wieder geboren werden“, Augsustraße, Berlin 1993

Nachgesetzter Epilog:

Noch vor zwei Jahren war es selten, dass irgendwer wirklich Gehör bekam, der sich kritisch zum Prozess der Deutschen Einheit äußerte. Wer sich vorsichtig vorwagte, stand augenblicklich im Hagel. Es prasselten Vorwürfe von Undankbarkeit über ihn nieder. Wo doch so viel Geld in den Aufbau Ost fließt. Und wo kein Haben, da kein Sagen. Oder aber, man stellte den Rufer in die PDS-Ecke und verunglimpfte ihn zugleich als Ewig-Gestrigen. Wer aber will schon bei den Verlierern sein? Wenngleich, sagt das –zig tausendfache Aufstehen nach dem Fall nicht ungeheuerliches über die innere Kraft von diesen Menschen? Man könnte daraus Mut schöpfen. Oder sind die Zeiten wirklich so satt und sicher, dass man diese Wandel-Geschichten nicht als gesellschaftliche Anregung braucht? Es schien lange so. Also öffneten ohne Getöse sehr bald hier und da im Osten Kneipen mit bewusst zusammengesuchtem DDR-Ambiente. Leise, sich selbst ironisierende Schwatznischen. Im Winter 1995/96 feierten tausende in Ostdeutschland „Ost-Rock-“ und „Kessel-Buntes-Partys“. Die Gazetten nannten es Nostalgietrip. Erneut ein Schuss daneben. Das ist so, wenn vorzugsweise Westdeutsche für Ostdeutsche öffentliche Medienmeinung machen. Ein Klischee mehr ist geboren. Eines, das den Ärger der Ostdeutschen nur mehrt und sie an ihre DDR-eigenwillige „So-nicht-Mentalität“ erinnert. Tonlos wie damals, aber nie ohne Gegenwehr. Am 5. Mai 1996 sagten Ostberliner und Brandenburger zur Länder-Fusion schlichtweg NEIN. Erschütterung zuckte durchs Land. Wie schön, denn ohne Erschütterung gibt es keinen Zweifel. Aber Zweifel ist ein innovatives Moment. Die Ostdeutschen zogen nach dem unglaublichen Leben verändernden Tempo der letzten sechs Jahre einfach die Notbremse. Menschen mit östlicher Erfahrung wissen: das ist ein Zeichen. Ein „So-nicht-Zeichen“. Aber Vorsicht mit schnellen Schlüssen! Es gibt sie nicht, DIE Seelenlage der Ostdeutschen und auch nicht eine einzige Erklärung. Will man wirklich wissen, was los ist, muss man zurückgehen in die Zeit nach der Stunde Null. Wer hat westseits schon wirklich eine kleine Ahnung, was den Ostbürgern mit und nach der Wende widerfuhr?

Nein, diese nachstehenden Notate beanspruchen keine literarische Qualität. Fiktiv sind nur die Namen. Die Begebenheiten und das Bedenken der Zeit sind authentisch. Ich wollte den Strudel fassen. Jene damalige gedankliche Kasteiung und die ungeheure Hatz. Dieses „täglich neu begreifen“ zwischen Schock, Wut, Scham, Aufbruch und Erschöpfung musste ich einfach festhalten. Denn irgendwie war mir ja klar, dass man selbst Teil einer ungeheuerlichen Verwandlung war. Günter Gauss nannte den Prozess für die Ostdeutschen „Kulturschock“. Der vorliegende Text gibt bruchhafte Reflektionen dessen wider. Als distanzloses Zeitdokument auf der Suche nach Halt. Ich habe es nicht aus Sicht der Jahre danach bearbeitet, denn es geht nicht um gegenwärtige Gewissheit. Der O-Ton ist für das Nachempfinden jener Zeit (so das überhaupt geht) wichtiger.

Ganz sicher ist es etwas riskant, die betagten Gedanken unkaschiert in eine Zeit zu legen, in der die Deutschen immer noch durch soziale Befindlichkeiten getrennt sind. Das wird noch Jahrzehnte so sein. Denn ich glaube, man kann seine Wurzeln nicht einfach kappen: Schnitt, Klappe, ein neues Leben. Das Neue wird immer etwas getönt sein vom Alten. Ein völlig normaler Umstand, den man allerdings den Ostdeutschen als Handikap vorwirft. Hier beginnen die Merkwürdigkeiten und Demütigungen. Doch es hilft niemandem materielle und ideelle Krisen totzuschweigen. Man/frau muss sie als deutsches Erfahrungskapital bergen, tabuisiert reißen sie die Gräben nur weiter auf. Deshalb lege ich diese Essays in Ihren Tag. Sie stammen von einer, die einst dachte, dass die Geschichte Deutschland für immer geteilt hat und sind ein Bedenkangebot über anders gewachsene Leben mitten in Deutschland. Damals Anfang der 90er.

Petra Elsner, Mai 1996

Wenn Ihr davon etwas lesen wollt, dann sagt es.

Die Familienweihnachtsplätzchen

Der Rezeptzettel in meinem alten Kochbuch.
Der Rezeptzettel in meinem alten Kochbuch. Nüsse nach Geschmack, ich nehme 250 Gramm.

Leute, die Weihnachtsgeschichten schreiben und sie in der Adventszeit auch noch vorlesen, auf Märkten Bücher und Bilder anbieten, die haben in der Adventszeit NULL Zeit. Und weil das bei mir auch so ist, müssen die Rituale etwas früher vorbereitet werden. Heute waren  die Familienweihnachtsplätzchen dran.

Das Rezept stammt von meiner Mutter, sie hat es von ihrer usw. Es ist ein feines Nuss-Mandelgebäck und stammt aus Böhmen. Dieser Rezeptzettel, den mir meine Mama notierte, ist etwa 41 Jahre alt. Die Krakel darüber stammen von meinem Sohn Jahn, der als Dreijähriger seinerzeit gerne mitmachte. Heute ist er 44 und eher der Genießer.

Alle Zutaten beieinander.
Alle Zutaten beieinander.

Bei diesen Plätzchen geht es weniger um die perfekte Form, denn der Teig ist so feucht-klebrig, dass er sich ausgerollt schwierig bewegen lässt. Doch wer zu mehr Mehl greift, der verliert alles: Geschmack, Aroma und das Knusperfeine. Ich liebe diese Teile.

Der Teig muss klebrig sein.
Der Teig muss klebrig sein.
Auf dem Blech...
Auf dem Blech…
Bereit zum Naschen.
Bereit zum Naschen.
... und der schöne Rest kommt in die Dose.
Und der schöne Rest kommt in die Dose.

Was nicht auf dem alten Rezeptzettel steht: Leg den fertigen Teig 1 h in den Kühlschrank, dann verarbeitet er sich leichter.  Gehackte Nüsse soviel wie Butter und Mehl, Nüsse können auch mehr sein. Den Teig dünn ausrollen (2-3 mm). Die Fertigen dünn mit Puderzucker bestreuen.

Birkengold

Goldene Birke
Goldene Birke

In diesem lichten Foto-Moment lag der ganze Glanz des ersten November-Sonntages, der ansonsten im Grau-in-Grau versank. Ich zeichne derweil Konturenblätter für ein Schulprojekt. Im Kopfe versunken in eine andere Zeit, an einen anderen Ort voller Heiterkeit …

Erinnerungen

Verwaiste Plätze:

Zeichnung: Petra Elsner
Zeichnung: Petra Elsner

Klick-klack, klick-klack tippelt es stelzend im Innenhof des HdjT (Haus der jungen Talente) in der Klosterstraße. Eine Frau durchquert zügig den unbedachten Raum, in dem sich ein milder Herbstabend fängt. 4.11.1990. Im großen Saal referieren internationale Mitglieder und Gäste des Europäischen Bürgerforums. Aber ich konnte mich dort nicht erwärmen, taub für den bedeutsamen Redeschwall. Das Gemäuer wirft das Echo meiner Jugend zurück. Es ist lauter. Gesichter tauchen vor mir als Irrlichter auf und verschwinden wieder im wirklichen Menschengewühl. In einem Seitengang lehne ich mich in ein geöffnetes Fenster und rauche. Mir ist schlecht vor Einsamkeit. Was hat mich nur geritten, hier alleine aufzutauchen? Aber am 4.11.89 war ich ja auch alleine unter einer halben Million Menschen. Hans wollte damals wie heute nicht mit. Heute – nun gut, aber vor einem Jahr ließ sich in der Redaktion auch keiner auf Verabredungen ein. Dabei ging es doch auch um uns Journalisten: „Meinungsfreiheit, Pressefreiheit…“.

Der Mann, der in der „Jungen Welt“ am 8.10.89 seinen Kommentar zu den vornächtlichen Ereignissen mit der Frage „Wer seid Ihr?“ überschrieb, schreckte die Kollegen bei einem Verlagsforum am 3.11.89 mit den Worten: „Wer da (am 4.11.) hinginge, stütze die Konterrevolution!“ Eigentlich ging es am 3.11. um Analytisches zu rechtsradikalen Tendenzen im Land. Doch die eingestreute Warnung wirkte auf viele. Auf mich nicht mehr. Ich sah die Dinge schon anders, aber keineswegs klar. Erst unterwegs, in diesem Riesenstrom der unterschiedlichst denkenden Menschen begriff ich, es geht auch um die unkaschierte Meinungsfreiheit eines jeden. Ungeheuerlich. Warum ist mir das nicht schon früher bewusst gewesen? Wie kam ich denn nur darauf, dass es ausschließlich um Presseleute gehen könnte? Und keiner da, mit dem man dieses obskure Erwachen bereden könnte. Beängstigend. In diesen Tagen verklickern sich mir die Ausmaße meiner Denkfehler. Immer noch mehr ahnungsreich als wissend. Und das widerfährt jedem Beteiligten in der ehemaligen DDR auf andere Art und in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Es sind die jungen Leute, mit denen ich, durch meine Arbeit in der Jugendpresse, jetzt am besten reden und denken kann, während meine Verwandten und Bekannten noch in ihren Grübelkisten sitzen. Aber heute? Als „PeP“ (ein Wendemagazin) tot war, ich so den Leuten im Haus der Jugend unter den Linden nicht mehr nützlich schien, wurde ich auch dort zum Fremdkörper, mit dem man nur noch höflich umging. 4.11.90 im HdjT – das ist auch nicht mehr die Szene der Akteure und Zaungäste der gewaltigen Demo des Vorjahres. Die Jungen, 16- bis 18jährigen, erobern sich ihr Haus zurück. Wehmut? Ja. Gespaltenes. Ich habe bekannte Gesichter erwartet. Nicht nur die Crème de la Crème der Wende. Aber nichts da. Stattdessen tänzeln mir verstaubte Lieben im Kopf herum und die Aktionen im damaligen Iskraclub des Hauses. Die Nächte, in denen wir Angela-Davis-Plakate malten und Petitionen für Corvalan verfassten, die ungezählten elitären Politdiskussionen. Bettina Wegners „Eintöpfe“. Diese couragierte Liedermacherin, die selbst hochschwanger in engem, schwarzem Zeugs gegen die vielen Stasiisten im Saal ansang. Und hinter der Foyer-Diskothek Bastians Erzeuger. Man, ist das lange her. 1971/72. Fünfzehn Jahre später stand der Typ vor meiner Tür und wollte erstmals „seinen“ Sohn sehen. Klick-klak tönt es wieder vom Hof verloren durch die Nacht: Was willst du noch hier? Hast dich in der Party geirrt? Geh nach Haus spätes Mädchen…

(Aus meinem „Wendestrudel“ – unveröffentichte Notate aus jenen Tagen.)

Der Winterliche Scheunenmarkt ist wiederbelebt …

 

Blick in die Scheune.
Blick in die Scheune.

Manchmal braucht es erst einen Verlust, bevor allen schlagartig klar wird, wie besonders der Winterliche Scheunenmarkt auf dem Gestüt von Kitty Weitkamp für Annenwalde und seine Gäste war. Als die Chefin voriges Jahr das Fest nicht mehr in den Kalender schrieb, war die Enttäuschung groß, denn dieses schöne Ereignis stand längst für viele als Beginn der Adventszeit. Dieses Jahr wird es wieder so sein, weil Kitty Weitkamp Beistand bekam. Ein eigens gegründetes Dorffestkomitee, bestehend aus Alteingesessenen und Zugezogenen, hat zugesagt beim Schmücken und Aufräumen kräftig mit anzufassen. So kommt es am 19. November zu einer Neuauflage des bezaubernden Festes in der Gutsscheune. Das Szenario wird sein wie es immer war und es alle lieben: Von 11 bis 18 Uhr swingt unter dem Scheunendach die gute Laune. Zwischen lebenden Weihnachtsgänsen, Soayschafen, saisonalen Leckerbissen, Handwerk, Kunst, Kitsch & Trödel können bei Glühwein, Apfelpunsch und warmen Met, werden Winterlieder vom Annenwalder Singkreis erklingen. Jazz, Funk, Soul und Blues gibt es traditionell von der Gruppe „Don’t Tell Mama“. Kindliche Gäste können nachmittags Ponyreiten und Kutschfahrten unternehmen und im Hofladen wieder einem Puppenspiel lauschen. Das Puppentheater Lampion kommt mit dem Stück „Rotkäppchen, Madame Oh-là-là, der Wein, und der Wolf“. Für das leibliche Wohl sorgt die gegenüber gelegene Gastwirtschaft „Kleine Schorfheide“.

Kitty Weitkamp mit Friesenhengst.  Fotos: Lutz Reinhardt
Kitty Weitkamp mit Friesenhengst.
Fotos: Lutz Reinhardt

Inmitten des bunten Treibens wird Kitty, die Winterfrau, hinter dem Glühweinstand zu finden sein. Mal sehen, was das Dorf an diesem Tag noch alles auf die Beine stellt. Am Ende sind die Besucher gebeten auf den ausgewiesenen Parkplätzen zu parken, damit die Busse und die Kremser nicht ein zugeparktes Dorf vorfinden. Vermeidbare Probleme. Die Kremser fahren von den Parkplätzen ab. Übrigens nimmt auch  ein Annenwalder Bewohner, Christian Wendt, die Zügeln in die Hand.

Winterlicher Scheunenmarkt, Gutsscheune auf dem Gestüt, 17268 Annenwalde bei Templin, Telefon: 01520 3803550, Mehr Infos im Internet unter: www.pferdehof-annenwalde.de

 

Hexlein im Garten

Gestalt aus wildem Wein. Im Frühling wird sie in Rauch aufgehen. Über den Winter kann ein Igel einziehen...
Gestalt aus wildem Wein. Im Frühling wird sie in Rauch aufgehen. Über den Winter kann ein Igel einziehen…

Wir sind beim herbstlichen Räumen und das scheint dieses Jahr besonders auszuufern. Neun Jahre sind wir an diesem Ort, seither stapeln sich unterm Dach Verpackungen  … herrje. Heute ging es ihnen an den Leib, denn dort, wo sie sich türmten, war ein Kabel zu verlegen… Danach musste ich erst einmal ne Runde im Garten spielen: dies Hexlein kam  heraus.

Herbstverweht

Herbst im Lesegarten. Foto: pe
Herbst im Lesegarten. Foto: pe

Golden wirbeln sie davon,
die Blätter im Oktoberwind.
Sie knistern, kreisen, taumeln,
und steigen in den Böen
frech über Nachbars Zäune.
Es ist ihr letzter wilder Tanz im Jahr,
der leuchtend über kahle Kronen lacht.

© Petra Elsner
Oktober 2016

 

 

Tautropfen.
Tautropfen.

 

Hinweis zum Urheberrecht: Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bedarf meiner Genehmigung.

 

 

Unterwegs auf den Autobahnen der Begegnungen

Notfallseelsorge
Thomas Lenz (64 Jahre) ist seit sieben Jahren Notfallseelsorger und seit zwei Jahren Chef des Barnim-Teams: „Ich musste mit dem Tod erst eine eigene Erfahrung haben, um in einer solchen Aufgabe zu bestehen. Es braucht eine gewisse Reife. Kirchgänger muss man dafür nicht unbedingt sein.“ Foto: Lutz Reinhardt

Wenn in den Tag ein Schrecken springt, klingelt bei Thomas Lenz das Telefon. Er hört die Umstände und muss augenblicklich entscheiden: Hat er heute die Kraft dafür? Thomas Lenz ist Notfallseelsorger, genauer der Team-Chef der Notfallseelsorge im Landkreis Barnim. Wenn die Aktiven gerufen werden sind Katastrophen, Unfälle oder gar Morde geschehen. Nun braucht es ersten Beistand.

Wie kommt einer dazu, die Hand nach dem Kummer auszustrecken? Thomas Lenz hat sich beizeiten um sein Leben im Ruhestand Gedanken gemacht und erzählt heute: „Vor sieben Jahren habe ich die Ausbildung zum Notfallseelsorger absolviert, weil ich glaubte, das kann man auch im Alter noch gut  machen. Ich habe eine gute Menschenkenntnis, kann auf Menschen zugehen und reden. Das bringt einfach 30 Jahre Hotelarbeit mit sich. Ich mag Menschen ohne Ansehen der Person, gleich welcher Hautfarbe und Passion. Es gibt natürlich Lebenswege, denen ich nicht folgen würde, aber diese Gabe, Menschen zu mögen, ist eine Grundvoraussetzung für diese Aufgabe.“
Freunde ermunterten ihn, denn er findet in extremen Situationen einen guten Grundton, und so ließ sich Thomas Lenz auf einen Versuch ein. Drei Einsätze wollte er mitmachen und erst danach klar entscheiden, ob er das wirklich verlässlich kann. „Es war völlig offen, ob ich im Nachgang damit klarkomme.“

Es gab da diese schlimme Erfahrung während seiner Armeezeit: Die Flugzeugkatastrophe bei Königs Wusterhausen 1972. Er war gerade zur Bereitschaftspolizei gezogen worden und kam bei der Bergung der Absturzopfer aus der Iljuschin 62 zum Einsatz: „Wir durften darüber nicht reden. Es war uns verboten und behandelt wurden wir mit Schnaps. Die Nachkriegs-Generation hat alles mit sich selbst ausgemacht. Man redete nicht über die Schrecken. Auch die Folgegeneration in der der DDR sprach nicht aus, was quälte. Erst in den letzten zwanzig Jahren hat ein Umdenken eingesetzt und das ist gut so. Man ist nicht mehr ganz so einsam mit dem Tod. Und auch die Einsatzkräfte der Blaulichter sind froh, wenn wir einsteigen. Sie können so ihrer Aufgabe nachgehen. Ja, diese Einsätze ziehen Kraft, aber sie sind keine Einbahnstraßen, sondern Autobahnen mit Begegnungen.“

Inzwischen ist Thomas Lenz seit zwei Jahren in der gemeinschaftlichen Teamleitung. Die Notfallseelsorge liegt deutschlandweit in der Trägerschaft der Kirchen, aber die Landkreise sind die Träger im Land. Genauer die Abteilung Katastrophen- und Bevölkerungsschutz, deshalb gibt es im Team eine Doppelspitze. Geordert wird die Notfallseelsorge über Rettungsdienste, Notärzte, Feuerwehr und Katastrophenschutz. Der Mann mit dem offenen Blick erzählt: „Beispielsweise, wenn die Polizei Todesnachrichten überbringen muss, sind wir immer dabei. Der Polizist spricht die Nachricht und der Notfallseelsorger bleibt bei dem Betroffenen bis Freunde oder Angehörige eintreffen. Es geht darum, sich in die extreme Lebenssituation einzufühlen. Die Menschen sollen in ihrem normalen Umfeld aufgefangen werden. Intuitiv – einfach da sein, manchmal ohne Worte, nur die Hand haltend. Kindstod sind die schlimmsten Nachrichten, das geht einem selbst an die Substanz.“

Er spricht nicht über die Einsätze mit Unbeteiligten, aus Respekt vor den Betroffenen. Manchmal aber  sind die Bilder, die man von den Einsatzorten mit nach Hause nimmt so schlimm, dass es für die Aktiven notwendig wird, das Erlebte zu verarbeiten, um gesund zu bleiben. Der Teamchef erklärt, wie das vor sich geht: „Viermal im Jahr haben wir Supervisionen. Es besteht auch die Möglichkeit einer Einzel-Supervision. Löschen kann man diese Bilder nicht, aber man kann lernen, diese Anblicke wie ein Bilderalbum auf- und wieder zuzuschlagen. Das muss ein Notfallseelsorger beherrschen, sonst besteht er in dieser Arbeit nicht. Übrigens wenn Aktive eine Auszeit brauchen, dann wird die gewährt, ohne jegliches Murren. Sechsmal im Jahr treffen wir uns zu Teamsitzungen. Da geht es um Einsatz- und Themenbesprechungen und die Supervisionen. Hier wird ausgesprochen und gehört, was gelaufen ist und es werden Hilfestellungen gegeben.“

Seit 1985 lebt die Familie Lenz in Chorin. Er und seine Frau übernahmen damals die Leitung des evangelischen Erholungsheims. „In diesem Haus Chorin hatte ich die schönsten Tage meiner Kindheit erlebt. Meine Eltern unternahmen 1947 ihre Hochzeitsreise hierher und kamen dann jedes Jahr im Urlaub wieder. Nach der Wende entwickelten wir  das Haus zum Hotel.“

Der gelernte Maschinenbaumeister und Ingenieur hatte irgendwann „die Schnauze voll von VEB“. Er stieg aus und fand, wie viele andere damals auch, bei der Evangelischen Kirche eine lebensfreundliche Beschäftigung. Die Ausbildung zum Heimleiter bekam er später. 30 Jahre hat Thomas Lenz das Haus geleitet, seit Februar 2015 ist er Rentner. Im Nachgang weiß er, die Notfallseelsorge war für ihn die richtige Wahl. Als Dank und auch um das Team emotional zu stärken, werden er und seine Aktiven am 6. November, 10.15 Uhr, in der Bernauer Sankt Marienkirche  eingesegnet. Den Festgottesdienst hält der Vorsitzende des Leitungsgremiums des Kreiskirchenrates Christoph Brust, die Einsegnung leitet Stefan Baier von der Landeskoordination für die Notfallseelsorge im Land Brandenburg.

Thomas Lenz erklärt: „Alle Blaulichtorganisationen und Politiker werden dabei sein. Da können wir einmal auf unsere Organisation aufmerksam machen, denn wir brauchen immer neue Aktive. Die Feuerwehr hat eine lange Tradition, die Notfallseelsorge gibt es erst seit dem Drama von Eschede, 1996. Im Barnim existiert sie seit elf Jahren. Thomas Lenz bemerkt zurückblickend, dass er an dieser Stelle richtig ist.

Petra Elsner

 

PS: Bewerbende können sich gern beim Katastrophen- und Bevölkerungsschutz melden, Telefon:03334 3048139.

Eulenkalender 2018 in Arbeit

Das Januarblatt nimmt Formen an ... ist aber noch nicht fertig... Zeichnung: Petra Elsner
Das Januarblatt nimmt Formen an … ist aber noch nicht fertig…
Zeichnung: Petra Elsner

Das erste Blatt zum Eulenkalender 2018 ist in Arbeit … im März 2017 sollen die 13 Blätter stehen. Zwischen dem letzten Eulenkalender und dem Auftakt zum dritten Kalenderwerk liegen zehn Jahre – ein reichlicher Abstand, um Neues zu schaffen.

Stille Schwebe

Bildausschnitt: pe
Bildausschnitt: pe

Verrucht wie eine alte Diva,
die krumme Zigarillos raucht,
qualmt dieser Herbst
Schwaden in grau-lila
dicht über meinem Haupt.
Kein Himmel,
keine Erde,
kein Horizont.
Reglos umwebt der Dunst
die Zeit mit kalter Geisterhand.

© Petra Elsner
Oktober 2016

 

 

Hinweis zum Urheberrecht: Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.