Meander, Kapitel 3

Auf Futtersuche.
Meander auf Futtersuche.

Die Nacht hing schon satt über dem Campus, als Meander sich auf Futtersuche begab. „Ha, da ist er ja endlich! Unser Professorchen hat wieder die Zeit verpasst.“ „Nein, verdichtet.“ „Quatsch, vermehrt! “ – spöttelte es aus den Baumkronen. „Seht nur, wie er torkelt. Bestimmt berechnet er gerade die relative Flugbahn einer Feder.“ Meander ertrug den Spott der Nachbareulen einigermaßen gelassen, denn er mochte es, wenn sie ihn „Professorchen“ nannten. Wer sonst nahm schon Notiz von seinen langjährigen Studien über die Phänomene der Zeit. Nur leider schliefen diese schlichten Vögel regelmäßig über seinen weit schweifenden Lektionen ein. Was für ein Jammer, dass niemand im Schwatzbaum der Eulen seine Interpretationen verstand. Aber Meander bewahrte Haltung, solange er nicht über seine eigenen Irritationen stolperte. Das konnte schon sehr albern ausgehen – als beulenträchtige Bruchlandung oder kursverpeilter Zickzackflug. Immer wenn Meander Memolos seine Gedankenwelt im Zeitraffer durchforstete und diesen Schnelldurchlauf für eine betrachtende Momentaufnahme abrupt stoppte, dann geschah so ein Dilemma. Er wusste es vorher, doch er konnte nicht anders, so sehr ihn auch manch Federnlassen verstörte – die großen Rätsel der Zeiterfahrung zogen ihn in einen geheimnisvollen Bann. Der Eulerich hob nachgiebig die Flügel und sagte sich: „Was soll’s, Wahrheitssucher ecken halt öfter mal an.“

Wieder auf Zeitgefühlsuche.
Wieder verstrickt in der Zeit.

Selbstvergessen verdaute Meander sein Nachtmahl in jener täglich wiederkehrenden Stunde, die etwas gedankenlos verstrich. Der Vogel saß im Dachbodenfenster und schaute in die Stille des Moments vor dem Morgengrauen. Etwas fehlte darin. Was war es doch gleich? Ah, die Uhr lief nicht mehr. Meander zog das alte Räderwerk auf und döste noch ein bisschen, doch das Ticken des Zeitmessers erinnerte ihn, nach seiner vermissten Schachtel zu suchen. Steckt sein verlorenes Zeitgefühl wirklich darin? Weshalb hatte er es überhaupt abgelegt? War es ihm taktlos erschienen? Wenn er in der Zeit rückwärts gehen würde, dann müsste er doch finden, wonach er suchte.

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