
Zeichnung: Petra Elsner
Für alle, die hier dennoch schmökern möchten:
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habt eine gute Sommerzeit.
ATELIER PETRA ELSNER
Draußen lockte unwiderstehlich eine milde Sommernacht. Meander Memolos spürte jetzt wieder das Herannahen der nächtlichen Jagdzeit – von innen heraus, und nicht weil sein Magen knurrte – das beruhigte ihn doch sehr.

Er schwebte erleichtert über das Wäldchen auf dem Campus und landete wahrhaft formvollendet im Schwatzbaum der benachbarten Eulen, gewissermaßen als gesellige Zwischenstation vor dem Mäusefang. Anders als gewöhnlich grüßte er sehr heiter und hörte so gar nicht gedankenverloren den Jagd- und Tratschgeschichten der Runde zu. Schon darüber wunderten sich die Eulen. Würde das schrullige Professorchen auf seine alten Tage etwa noch richtig umgänglich?
Eine sehr alte Eule fragte sodann: „Wo warst du so lange, Meander?“ „In einem Zeitloch“, antwortete er schlicht. „In einem schwarzen oder einem weißen?“ erkundigte sich die Alte. Meander Memolos schaute ungläubig: „In beiden.“ Und viel wissend raunten die Eulen und kicherten in die sternenklare Nacht.
Meander Memolos Zeitloch, erschienen 2006 bei:
Messner Druck & Verlag
Bestelltelefon: 06061 968564 oder 07823 9609750
ISBN 978-3-934309-15-9, Preis 12 Euro
© Petra Elsner
Hinweis zum Urheberrecht:
Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bedarf meiner Genehmigung.

Die völlige Abwesenheit von Zeit irritierte den Vogel auf der blauen Scheibe. Er raufte sich die Federn, keinen klaren Gedanken bekam er zu fassen. Die reglose Zeitstille nervte und machte seine Flügel bleischwer. Für ein Flatterwesen war das ein bedenkliches Alarmzeichen. Meander begann spontan im Kreis zu laufen, erst langsam, dann rannte er. Er schwitze und schnaufte, als die Scheibe plötzlich unter ihm zu rotieren begann. Mit jeder Umdrehung legte sie an Geschwindigkeit zu, bis sie sich zu einem Trichter formte, der sich schließlich in den mutmaßlichen Vulkan stöpselte. Meander rutschte und fiel komplett zerzaust in die nächste Leere, die, kaum in ihr angekommen, weiß explodierte. Ihm war als schösse er mit Lichtgeschwindigkeit durch ein Feuerwerk der Sphären in die Unendlichkeit. Atemberaubend schön, aber atmosphärisch beängstigend. Wohin driftete er nur? Ehrfürchtig fragte er sich noch: „Göttliches Wunder, Werk der Natur, oder eulige Einbildung?“ Als sich der kosmische Nebel lichtete, fand sich der Vogel auf seinem vertrauten Fenstersims wieder und rieb sich die Augen.
Traum oder Wirklichkeit, er wusste es nicht. Er konnte das nicht herausfinden, weil er ja seine innere Uhr, sein Zeitgefühl vergaß, und so seine Zeit nicht erkannte. Nein aber auch, das sollte er besser zukünftig vermeiden, dachte Meander bei sich, denn dieser irrwitzige Zeitvertreib hatte offenkundig abenteuerliche Folgen. Der alte Eulenvogel klopfte sich den Reisestaub vom Hütchen und sortierte seine Federn, dann flatterte er zu seinem Schreibpult, zückte die Feder, tauchte sie in schwarze Tinte und notierte sich: „Isolation ist kein guter Weg gegen die Phänomene der gefühlten Zeitverkürzung. Sie löscht das Zeitgefühl und umnebelt die Sinne.“ Der gefiederte Zausel nickte noch einmal nachdenklich: Selektion von Wichtigem und Unwichtigen wäre ein vielversprechender Weg der Zeitverlängerung. Oder ein Ortswechsel in eine weniger bewegte Gegend? Ausgeschlossen für ein immerwährendes Universitäts-Faktotum. Wie auch immer, er würde einen anderen Weg finden, seiner Zeit genug Zeit zu geben. Jedenfalls war er zuversichtlich.

Schlagartig wusste Meander wieder, was mit seinem Zeitgefühl geschah: Er hatte es verbannt. Ja, natürlich, er wollte dieses hektische Empfinden loswerden. Jedes Jahr schien die Zeit eiliger unterwegs zu sein, und die Monate huschten nur noch wie ein Hauch vorbei. Das war nicht sein Tempo, sondern das seiner rastlosen Umgebung, die mehr und mehr und noch mehr Ereignisse aufführte. Die kamen schrill und grell daher, gleich, ob sie wichtig oder unwichtig waren – eine wirre Gaukelei. Irgendwann fühlte sich Meander Memolos wie ein Ertrinkender im reißenden Strom der Zeit. Das war der Tag, an dem er das Tempo der anderen aus seinem Leben vertrieb. Er zog sich einfach zurück auf den Dachboden über dem Uni-Archiv und begab sich dort in eine kauzige Isolation. Alle Termine blieben draußen, und so dehnte sich fortan seine Zeit.
Er hatte endlich Gelegenheit, die Dinge zu tun, die ihm wichtig waren, und war froh damit. Selbst als er in einem verstaubten Winkel die alte Uhr entdeckte, reinigte und aufzog, änderte sich das nicht, denn sie schlich eigenwillig apathisch durch die Stunden. Meander klebte ihr demonstrativ einen seiner gelehrigen Sprüche an das antiquierte Gehäuse: „Uhrzeit ist nicht gleich Ereigniszeit“ – als weisen Selbsterhalt für sich und das rhythmusgestörte Laufwerk. Beide tickten eben anders. Nur wie? Meanders Zeitgefühl verflüchtigte sich in dieser Einsiedelei langsam vollends. Wieso vermisste er es nur auf ein Mal? Weil er allein war? Aus Langeweile?

Kaum hatte Meander Memolos das gedacht, spürte er abermals jene magische Kraft, die ihn tief in sein Inneres zog. Spiralförmig. Irgendwie stand er währenddessen neben sich und sah, wie er an einer flachen, in sich beweglichen Scheibe hilflos hangelnd abwärts rauschte. Das Teil war schillernd Blau, fühlbar instabil, aber auch mit einer gewissen Schwerkraft umgeben. Schwindelerregend sauste der Vogel mit ihm auf einen hellen Punkt zu. Dann bremste es scharf, und trudelte um den Rand eines Gebildes, das an einen Vulkanschlund erinnerte, aus. Atemschwere Stille hing darüber. Die Zeit schien gefroren. Nichts, aber auch gar nichts bewegte sich mehr, außer Meanders baumelnde Gestalt. Er hievte sich jetzt auf das blaue Rund und dachte – einfach dankbar für das Ende des freien Falls: „Eigentlich ein guter Ort zum Sinnieren: Kann die Zeit stehen bleiben? Offensichtlich, zumindest vor einem Schwarzen Loch oder in meinem Kopfe.“
Aber der Zustand fühlte sich merkwürdig an. Diese absolute Ruhe verströmte merkwürdigerweise Stress – einen, der schlimmer war als jeder Zeitdruck, den Meander je erlebte. Ganz erschöpft davon, wollte er sich gerade ein kleines Schläfchen gönnen, da dröhnte von weit her eine tosende Woge heran.

Unwillkürlich zog der Eulenvogel seinen Kopf ein, und er tat gut daran, denn flutartig schoss ein monströser Konvoi aus Wanduhren, Weckern, Gongs, Piepsern, Turmglocken, Stoppuhren, Chronometern, Ratschen, Schellen, Handys, Faxmaschinen und Laptops über ihn hinweg. Ohrenbetäubend mit tausenderlei Klingeltönen und Geläut. Die geduckte Gestalt schaute erst wieder auf, als der Spuk vorüber war und nur noch als Echo einer wüsten Lärmverschmutzung nachklang.

Die Nacht hing schon satt über dem Campus, als Meander sich auf Futtersuche begab. „Ha, da ist er ja endlich! Unser Professorchen hat wieder die Zeit verpasst.“ „Nein, verdichtet.“ „Quatsch, vermehrt! “ – spöttelte es aus den Baumkronen. „Seht nur, wie er torkelt. Bestimmt berechnet er gerade die relative Flugbahn einer Feder.“ Meander ertrug den Spott der Nachbareulen einigermaßen gelassen, denn er mochte es, wenn sie ihn „Professorchen“ nannten. Wer sonst nahm schon Notiz von seinen langjährigen Studien über die Phänomene der Zeit. Nur leider schliefen diese schlichten Vögel regelmäßig über seinen weit schweifenden Lektionen ein. Was für ein Jammer, dass niemand im Schwatzbaum der Eulen seine Interpretationen verstand. Aber Meander bewahrte Haltung, solange er nicht über seine eigenen Irritationen stolperte. Das konnte schon sehr albern ausgehen – als beulenträchtige Bruchlandung oder kursverpeilter Zickzackflug. Immer wenn Meander Memolos seine Gedankenwelt im Zeitraffer durchforstete und diesen Schnelldurchlauf für eine betrachtende Momentaufnahme abrupt stoppte, dann geschah so ein Dilemma. Er wusste es vorher, doch er konnte nicht anders, so sehr ihn auch manch Federnlassen verstörte – die großen Rätsel der Zeiterfahrung zogen ihn in einen geheimnisvollen Bann. Der Eulerich hob nachgiebig die Flügel und sagte sich: „Was soll’s, Wahrheitssucher ecken halt öfter mal an.“

Selbstvergessen verdaute Meander sein Nachtmahl in jener täglich wiederkehrenden Stunde, die etwas gedankenlos verstrich. Der Vogel saß im Dachbodenfenster und schaute in die Stille des Moments vor dem Morgengrauen. Etwas fehlte darin. Was war es doch gleich? Ah, die Uhr lief nicht mehr. Meander zog das alte Räderwerk auf und döste noch ein bisschen, doch das Ticken des Zeitmessers erinnerte ihn, nach seiner vermissten Schachtel zu suchen. Steckt sein verlorenes Zeitgefühl wirklich darin? Weshalb hatte er es überhaupt abgelegt? War es ihm taktlos erschienen? Wenn er in der Zeit rückwärts gehen würde, dann müsste er doch finden, wonach er suchte.
Irgendetwas schmatzte darin ungeniert, und Meander fühlte sich, als zupfte wer an seinem Gefieder. Zunehmend aufdringlicher. Erregt fragte er sich: „Was geschieht mit mir?“ Und dumpf dröhnte das Dunkel zurück: „Du bist im Schwarzen Loch des Vergessens.“
„Wie jetzt, soll das heißen, du frisst meine Erinnerungen“, erschrak sich der Vogel. Doch der Ort antwortete nicht mehr, er schmatzte, und für Meander war klar, er musste entweder diese hinterhältige Attacke abwehren oder umgehend flüchten. Vergesslich war er inzwischen genug, und wer will schon den großen Löschlauf all seiner schlauen Zellen erleben? Um keinen Preis! Doch wie entrinnen? Schließlich verschwindet in einem Schwarzen Loch alles, was ihm zu nah kommt, selbst Licht verschluckt es unwiederbringlich.

Meander schüttelte sich, nein, er hatte sich nicht auf eine Zeitreise durch die Weiten der Galaxien begeben. Eben war er noch auf seinem Dachbalken gewesen. Das hier konnte kein Schwarzes Loch im All sein. Was war es dann? Eine mulmige Ahnung beschlich den Eulerich, könnte es sein, dass er während seiner gedanklichen Suche in seinen eigenen inneren Kosmos gerutscht war, in dem es alles gibt, wie im Äußeren? Du meine Güte. Und hatten sich dabei seine Gedankenströme derart komprimiert, dass sie zu einem Schwarzen Loch kollabierten? Meander Memolos schauderte der Gedanke, doch in die fatale Situation mischte sich ein Lichtblitz: Nach einer physikalischen Theorie würde alles, was so ein schwarzes Fressmonster verschluckt, von einer weißen Gegenwelt wieder ausgespuckt. Unversehrt. Sollte er darauf hoffen und warten, oder besser einen listigen Zeitumkehrtrick versuchen? Indes tickte für Meander die Zeit als Feind. In Windeseile hatte er vergessen, was er eigentlich suchte. In diesem schwarzen Raum fühlte es sich nicht mehr wichtig an. Ihm war, als verdampfe er mit jedem Pulsschlag mehr und mehr zu einem flüchtigen Gas. Panik befiel den Eulenvogel.
Wie lange er in diesem misslichen Zustand hockte, wusste Meander Memolos nicht, er hatte ja dummerweise sein Zeitgefühl verloren. Nur das Knurren seines Magens signalisierte ihm, es ist an der Zeit, Mäuse zu jagen. Indem er das gewahr wurde, verschwand das Dunkel, und der Vogel hockte erlöst auf seinem Dachbalken und wunderte sich: „Was war das – eine Gedankenfiktion? Ein merkwürdiges Zeitspiel? Ein bedeutsamer Fingerzeig? Eigenartig.“
Es hat sich geöffnet – das Sommerloch. Das bedeutet für mich meist, in die Latschen anderer Leute zu springen, heißt Urlaubsvertretungen und Lückenbüßer zu sein, denn auch Künstler müssen irgendwie Rechnungen begleichen und dergleichen….
Also: In Ermangelung von Zeit erzähle ich Euch kapitelweise eine gebrauchte Geschichte aus meiner Hand. Sie stammt aus dem Jahre 2006, und auch darin dreht sich alles um DIE ZEIT, die abhanden gekommene. Die Eulenfiktion für Erwachsene heißt: „Meander Memolos Zeitloch“

Meander – Kapitel 1:
Meander Memolos zuckte zusammen. Er hatte etwas Wichtiges verlegt oder gar verloren. Der alte Eulenvogel grummelte: „Wie kann einem nur die Schachtel mit dem Zeitgefühl abhanden kommen? Ohne die ist man doch gänzlich aufgeschmissen, weil all den skrupellosen Zeitschindern und Zeitdieben haltlos ausgeliefert. Nein, aber auch!“ Er musste sie unbedingt wiederfinden, denn Meander Memolos war besonders gefährdet. Zu viele Dinge interessierten ihn gleichermaßen. Wenn er sich beispielsweise in ein Thema vertiefte, lenkte ihn bald irgendeine Quellenangabe im Text auf einen ganz anderen Pfad, und die Quelle der Quelle auf den nächsten. So verirrte er sich leicht, und darüber verging die Zeit. Seine Zeit.
Meander Memolos war das ruhelose Faktotum einer altehrwürdigen Universität. Lange schon. Tagein, tagaus schwebte der Vogel durch deren Wandelgänge, hörte von der Empore aus in die Vorlesungen und die mehr oder weniger tiefsinnigen Fachsimpeleien der Studenten auf dem Campus. Jeder kannte ihn, aber keiner bemerkte ihn noch. Das ärgerte ihn ein bisschen – manchmal.

Jetzt jedoch hockte er anderweitig besorgt auf seinem Balken unter dem Dach über dem Uni-Archiv und grübelte, wo sein Verlust stecken könnte. In irgendeiner Zeitnot muss er ihn verlegt haben. Immer tiefer kramte er in seinem Gedächtnis, bis er ganz unmerklich – erst schlingernd, dann stürzend – in jenen Sog geriet, an dessen Ende ein gefräßiges Zeitloch auf ihn lauerte.
Schwarz war es darin, ruhig und leer – bis Meander dort ankam. Der polterte: „Verflixt, wie bin ich nur in diese Finsternis geraten? Keine Feder habe ich bewegt. Was ist das – eine düstere Auszeit, eine Schwarzpause, eine Zeitfalle?“ …

Eine neue Bilderfahne wächst hier. Reichlich zwei Meter lang, 43 cm schmal Alles auf kleinstem Raum. Das Wegrollen ermöglicht mir das große Format. Heute ist das untere Ende entstanden. Es geht mir gut damit. Zwei von diesen gestreckten Formaten sollen für meine Ausstellung „GEHEIMNISSE“ im Bernauer Rathaussaal (vom 8. November 2016 bis 13. Januar 2017) entstehen …

Wolkengrau
webt der Sommer
flüchtige Zeit
und ein schweres Leichentuch,
dass nicht ausreichen will,
für all das Sterben in der Welt.
Ich schenk‘ euch heute diese Blume:
Islandmohn – so zart wie ein Hauch,
sonnengleich leuchtend,
herzerwärmend und tröstlich – vielleicht.
Habt alle miteinander ein friedliches Wochenende!