Morgenstunde (1139. Blog-Notat)

Heute musste ich das Schreiben für einen Termin beim Lungenspezi in Finowfurt unterbrechen und danach war ich doch wirklich angeschlagen: 25 Prozent Lungenvolumen ließen sich nur messen. Das hört sich nicht gut und fühlt sich auch nicht gut an. Bedauerlicherweise schreitet die Krankheit schleichend voran, und frage mich bitte niemand mehr: Geht es Dir besser? Was soll ich darauf antworten? Ich hoffe auf ein mildes Frühjahr. Bis dahin schreibe ich. Hier eine erste Lesekostprobe:

Klausur 2026, Beginn: 30. Januar

Flüsterton

Er begann ihr etwas zuzuflüstern. So leise, dass sie es kaum verstand: „Du musst aus der Tiefe schöpfen.“ 
„Was?“, fragte Ronja mit einem Räuspern. Die Stille brach und das Gesagte verschwand, indem der Flüsterer eilig den Wartebereich der Notaufnahme verließ. Die vier wartenden Personen sahen einander an, als hätten sie diesen Moment wie Verschworene erlebt. Doch außer Ronja dachten die anderen nur – einer weniger, wie lange noch? Sie saßen schon Stunden in diesem offenen Raum, aus dem sich Gänge – ins Labor, zum Röntgen, zur Intensivstation – schicksalhaft hinaus wanden. Draußen vor der Tür tönte die Welt sprachlos gegen das Entgleiten, wie die letzten Worte vor der Narkose von Oskar, dem frischen Unfallopfer.

Seinetwegen warteten sie. Ronja war in Gedanken versunken. Der Mann hatte sie aufgeschreckt. Wie konnte er es wagen, sich in ihre Gedanken zu mischen? Der letzte Gedanke führte doch gerade in geheimes Leben – tief in ihrem Inneren. Wie war das doch gleich? Wenn die Stille hauchdünn summt, vertiefen sich die Sinne, die Zeit ist ausgeschlossen und es filtern sich…
„Frau Kiekebusch? Ronja Kiekebusch?“ Ronja war irritiert, als sie ihren Namen hörte und schreckte auf: „Ja, hier!“ Dann stolperte sie dem Aufruf nach. Der Arzt verwies sie, kurz angebunden, auf den Stuhl neben seinem Schreibtisch. Dann starrte er auf seinen Monitor und sprach ohne sie anzusehen: „Das CT weist einige Vernarbungen in Ihrer Lunge auf. So etwas sehen wir jetzt recht häufig nach Corona. Wir beobachten das erst einmal und machen nächstes Jahr wieder ein CT, dann wissen wir mehr. Vielleicht. Für alles weitere wenden Sie sich an Ihren Hausarzt.“
Ohne ein weiteres Wort stand Ronja Kiekebusch wieder vor dem Krankenhaus. Dürrer Ostwind blies ihr ins Gesicht. Vernarbungen also. Und für diese knappe Auskunft durfte ich stundenlang warten? Na fein, dachte sie missmutig. Ihr war kalt, und die eisige Luft stach beim Atmen. Sie zog den Schal über die Nase. Linkerhand sah sie durch ein großes Schaufenster in die Cafeteria des Hauses. Dort saß der Flüsterer.  Die Frierende drehte um, holte sich am Tresen einen Pott Kaffee und ging damit auf den Zeitung lesenden Mann zu. „Was hat Sie eigentlich geritten, mir etwas ins Ohr zu hauchen?“ Er blickte erstaunt auf und murmelte: „Das mache ich immer so bei nachdenklichen Menschen. Glauben Sie mir, dass kommt nicht oft vor. Meistens sieht man ja nur die stillen Verzweifelten.“ Jetzt lächelte er: „Setzen Sie sich doch. Ich bin Hannes Wagner, und wer sind Sie?“ „Ronja Kiekebusch. Der Tag ist eh versaut, schlimmer wird es ja wohl nicht werden, oder?“
„Was hatte denn Ihre Gedanken so gepackt?“
„Die Schichten der Zeit. Dass mit der Tiefe ist nämlich schon lange meine Methode. Versunkenes oder überlagertes Wissen auszugraben und noch einmal zu betrachten, ob es uns aus der Klemme helfen kann.“
„Oh, spannend. Sie meinen also, wir kommen aus dem Schlamassel wieder raus und finden den Schlüssel in der Vergangenheit?“
Die Frau nippte am Kaffee und zuckte mit den Schultern. „Möglicherweise.“
Der Mann faltete ruhig seine Zeitung zusammen und sah Ronja forschend an: „Scheinbar gibt es das noch, das tiefe Nachdenken. Freut mich sehr. Aber ich muss jetzt leider aufbrechen, der Bus kommt gleich. Mein Bruder Oskar hat unser Auto heute Morgen geschrottet und sich selbst wohl auch. Aber sie haben ihn, Gott sei Dank, wieder zusammengeflickt. Er lebt, das ist das Wichtigste. Ich muss jetzt los.“ Hannes Wagner stellte sein Geschirr in die Ablage, zahlte und nickte ihr durch das Fensterglas noch einmal zu, bevor seine lange Gestalt aus ihrem Blickfeld verschwand.

Ist doch komisch, dachte Ronja, in Krankenhäusern und in der Bahn entstehen rasch und unkompliziert sonderbare Verbindungen. Die können ein wohltuend unverfängliches Eigenleben führen, für die Zeit des Aufenthalts, völlig losgelöst von dem, was sonst noch ist. Sie wusste das aus einem anderen Leben. Ja, mit diesem Typen hätte ich doch glatt Stunden weitersprechen können. Sie schmunzelte in sich hinein, während sie die Cafeteria verließ, ihr Auto startete und zu ihrem Ausbau am Oberuckersee fuhr.
Das Dorf davor protzte mit raumgreifenden Häusern. In den Corona-Wintern waren hier wirklich alle Menschen über 80 Jahren gestorben. Schlagartig. Berliner haben danach die verwaisten Katen gekauft, um sie abzureißen und diese kantigen Stadtquartiere zu errichten. Die letzten verbliebenen Fachwerkhäuser muten jetzt geradezu wie trotzige Überbleibsel an. Da prallen Lebenswelten aufeinander. Das Dorf als Ganzes hatte sich noch nicht entschieden, was es nun werden will, man rieb sich aneinander. Seltsam, dachte Ronja, alle anderen Zuzugswellen waren in den letzten Jahren behutsamer mit der ländlichen Welt assimiliert. Diese hier ist eine Übernahme. Stadt frisst Land. Aber kein Wunder, wenn die Erben verzogen sind und lediglich an den Meistbietenden verkauften. Mondpreise waren das. Unbezahlbar für Normalos. Der reinste Wucher! So etwas bringt das komplette soziale Gefüge durcheinander. Die Frau atmete tief und ließ den Zuzug hinter sich. Jetzt fuhr sie die letzte kleine Strecke über die Eulenberge zu ihrem Gehöft in der welligen Senke. Frieden, dachte sie und huschte in das kleine Haus.
Ronja fühlte sich erschlagen von diesem Tag, der langen Wartezeit, der Diagnose, auch von der merkwürdigen Begegnung. Diese Art Neugier hielt sie inzwischen auf Sparflamme. Sie hatte so gar keine Lust auf noch mehr Beschleunigung oder gar Veränderungen. Seit der Erfindung des Smartphons raste die Zeit. Sie war müde von den Oberflächlichkeiten, den ständigen Verlusten und dem hetzenden, empörten Geschrei im Land. Keiner dachte mehr in großen Zeitabschnitten. Da haben die Dinge immer weniger Bestand, dachte sie und ermahnte sich: Mach‘ ruhiger, lies ein Buch, darin ist noch Langsamkeit zu finden.

An dem Tag, an dem Ronja Kiekebusch und Hannes Wagner sich erneut begegneten, schien der Winter eine Atempause einzulegen. In den Auslagen vor dem kleinstädtischen Supermarkt leuchteten frühlingshaft jede Menge Primeln. Aber alle wussten, der nächste Schnee würde den milden Hauch schnell wieder vertreiben. Die Wetter-APPs sagten es voraus. Ronja ließ sich verführen und nahm ein ganzes Gebinde gelb-rot leuchtend. Als sie in den Supermarkt ging, entdeckte sie im offenen Gastraum der Bäckerfiliale Hannes neben einem Mann mit Kopfverband. Letzterer verdrückte gerade einen Berg belegter Hackepeter-Brötchen. Die Frau holte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich dazu. „Na, da hat wohl einer die Glatteiszeit nicht gut überstanden!“ „Hab kein Glatteis gesehen“, murmelte der Mann mit Verband. Hannes Wagner stellte einander vor: Das ist Oskar, mein Bruder, der unsere Familienkutsche geschrottet hatte. Ich habe ihm heute mal einen illegalen Ausgang verschafft, weil er das Krankenhausessen nicht mehr sehen kann.“
„So lange sind Sie schon im Krankenhaus? Gruslig.“
„Nun lass mal das Sie“, blubberte Oskar, „wir kommen vom Dorf, wenn du verstehst, was ich meine.“
Verstand sie. Oskar hatte so gar nichts gemeinsam mit dem schlaksigen Hannes. Er war klein und gedrungen, aber wendig, wie sein wieselflinker Vater. Hannes hatte einen anderen Vater, einen Physiker, der es auf dem Lande nicht aushielt. Der Kompakte war ein echtes Schrauber-Talent, und Hannes reiste mit seinen himmlischen Vorträgen. Die Magie des Sternenhimmels hatte ihn fest im Griff. Er wusste was Lichtverschmutzung in der Natur so alles anrichtet und kannte die dunkelsten Orte im Land. In Sternenparks spricht er über den Reiz der Dunkelheit. So viel wusste Ronja schon, als sie die beiden Männer zum Outdoor-Fischsuppenessen einlud. Eine Gastwirtschaft existierte in ihren Dörfern nach Corona nicht mehr.


10 Grad und Sonne, die Bienen flogen zum ersten Mal nach diesem eisigen Winter. Ronja freute und sorgte sich zugleich. Das war ein kritischer Moment für ihre Bienen. Raus aus den Stöcken, den Darm entleeren – das war gut, nur hoffentlich verklammten sie nicht unterwegs. Da sie nichts an der Situation ändern konnte, sah sie besser nicht zu und tackerte stattdessen einen Stapel Holzrähmchen für die neuen Waben. Das Imkern hatte sie von ihrem früh verwitweten Vater gelernt. Auch er war an den Folgen von Corona gestorben und hatte der Tochter Haus und Imkerei vermacht. Das veränderte ihr Leben total. Die einstige Köchin hatte in Berlin Shutdowns erlebt und wollte danach nie wieder von jemandem abhängig sein. So kehrte sie zu ihren Wurzeln zurück, wie manch anderer Mittvierziger auch. Die totgesagten Dörfer bekamen neues Leben eingehaucht.
Ronjas Hof in der Senke nannten die Leute „Einsiedel“. Das passte. Nach den hektischen Lebensjahren in Berlin genoss sie die ländliche Ruhe und kam gut mit sich alleine klar. Von März bis August war sie vollauf mit der Imkerei beschäftigt, und im Winterhalbjahr rührte sie aus Propolis Tinkturen und Salben. Außenkontakte beschränkten sich auf Einkäufe und ein wöchentliches Freitagsfrühstück bei ihrer Schulfreundin Sandra im Nachbardorf.

Hühner und Gänse hielt Sandra auf der weitläufigen Wiese hinter ihrem feinen terrakottafarbigen Häuschen. Sie war gerade am Briefkasten, als Ronja angeradelt kam. „Hi, hast du an Propolis gedacht?“ „Selbstverständlich!“ Sie lehnte das Rad an den Zaun und umarmte die Freundin. „Gibt’s was Neues?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ Frage und Antwort waren Dorf-Standard, aber manchmal geschah ja auch wirklich etwas, dann mussten die beiden nicht nach einem Thema suchen.
„Ich habe Zimtschnecken für die Kinder gebacken, willst Du?“
Ronja setzte sich an den Küchentisch, auf dem schon ein 6er-Pack Eier auf sie wartete. „Gerne, Zimt macht nicht nur Kinder glücklich.“
Sandra Langschwager unterhielt einen kleinen Weiberhaushalt mit ihren drei Mädchen. Sieben, neun und zwölf Jahre alt. Einen Mann gab es nicht. Männer hielten sich nicht lange bei der durchaus dominanten Frau. Sandra nahm es inzwischen gelassen. Sie verdiente als Physiotherapeutin gutes Geld, die Kinder kannten keinen echten Mangel.
„Wie ist die Stimmung?“, fragte Ronja, bevor sie herzhaft in die Zimtschnecke biss.
„Wenn ich den Fernseher nicht anschalte und die Mädchen keinen Ärger ins Haus bringen geht es eigentlich. Aber wehe dem, eine sagt was Politisches, dann schrauben sich alle Gemüter in die Höhe und das ganze Dilemma ergießt sich wie stinkende Gülle. Man will es nicht und doch geschieht es immer wieder.“
Ronja nickte: „Es scheint seit einer gefühlten Ewigkeit, als atmen wir immerzu nur Schwere. Ein und wieder aus.“
Sandra Langschwager wusste, was die Freundin meinte: „Keine Ahnung, ob das Land in eine Depression schliddert oder diese Schwere nur die Ruhe vor dem Sturm zu krassen Veränderungen ist. Ich mach‘ mir echt Sorgen um die Kinder.“
Ronja griff sich die nächste Zimtschnecke und meinte nachdenklich. „Du solltest dich nicht fürchten, wir wissen doch seit damals: in den Brüchen wird klar, was im Leben wichtig ist. Das Mitmenschliche zum Beispiel, was mehr und mehr abhandenkommt. Du kannst die Mädchen nicht in Watte packen, sie müssen das Leben lernen. Und du, du halt‘ einfach fest, was bleiben soll.“
Sandra seufzte: „Da ist sie wieder, die Philosophin, die du schon in der Grundschule werden wolltest. Und gelernt hast du Köchin.“
„Und Imkerin bitte. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Wenn die Pandemie Künstlern Auftritte und Ausstellungen untersagte, dann hat man doch nicht das Kunstmachen aufgegeben, weil man einen anderen Job nachgehen musste. Man hat seine Kunst nur in die Freizeit verlegt. Gezwungenermaßen. Dann ist man eben die philosophierende Imkerin. Oder wie du: Malende Physiotherapeutin oder der schreibende Hotelier oder musizierender Bademeister… Die Zeiten, in denen man nur eines ist und bleibt, um akzeptiert zu werden, sind vorbei. Mit der Pandemie. Unsere Eltern erlebten diese Umbrüche nun schon zweimal. Das erste Mal zur Wende.  Du weißt ja, fast alle wurden danach aus ihrem Beruf gedrängt, verloren Status und Ansehen. Aber der gegenwärtige Zeitenbruch ist anders, da geht es um die Existenzbedingungen ganzer Länder. Nur du kannst auf deine Lebensreise mitnehmen was du willst. Positiver Wandel eben, und nicht einfach nur Altes gegen Neues austauschen. Fürchte dich nicht, bitte.“
Die Frauen plauderten noch ein Weilchen über anstehende Verrichtungen, bevor Ronja nach Hause aufbrach.

„Es fühlt sich an, als würde das Land verblühen“, sinnierte Hannes, während er ins Feuer blickte. Sie hatten den ganzen Nachmittag über den Zustand Deutschlands debattiert, während sie zwischendurch Fischsuppe löffelten. Ein zufälliges Reizwort führte fast zwanghaft in dieses problemgeladene Gespräch über den bürokratischen Aufbau, der jedes Jahr neue Beamte, neue Ämter, neue Gesetze und Verordnungen heckte, über die opulenten Besoldungen, welche Unmengen des Bruttosozialproduktes verschlangen. Oskar war darüber hitzig geworden und hatte sich gerade schnaufend verabschiedet.
„Es stirbt von innen, wie alles von innen stirbt. Es verheddert sich in seiner überbordenden Bürokratie und erstickt schließlich an ihr“, raunte Ronja in die Dämmerung. Das Feuer war heruntergebrannt und wärmte nicht mehr. „Möchtest du noch mit reinkommen?“ „Eigentlich haben wir heute genug Probleme gewälzt“, schien Hannes die Einladung abzuwehren. Er holte kurz Luft und sah, wie sie den Blick senkte: „aber der Wein ist so gut, viel zu schade, um nicht getrunken zu werden.“ Ronja sah auf und lächelte. Sie deckte die Glut mit einem großen Deckel ab, stellte die Suppenschalen in den Eisentopf und lief zum Haus. Er griff sich die Gläser und die angebrochene Weinflasche und folgte ihr. Es war frisch geworden; der letzte Hauch des scheidenden Winters ließ sie frösteln, bevor sie den Katen erreichten.
Während sie das Geschirr in den Spüler sortierte, sah er sich in der offenen Wohnküche um. Niedrige Decke, aber ein weitläufiger Raum mit kleinen Inseln auf abgezogenen Dielen. Ein großer Sessel, beidseitig Bücherstapel, eine Gründerzeit-Stehlampe, daneben ein Sofa, gegenüber die Glotze und ein Essplatz. „Man sieht einen minimalistischen Ein-Frauen-Haushalt, oder?“ „Naja, das war ein Singlehaushalt. Mein Vater lebte hier jahrelang allein – und nun ich. Meine Berliner Zeit – ach, was solls, bisher ist mir die Stille des Winters ganz gut bekommen.“
„Wann bist du heimgekehrt?“ fragte Hannes interessiert.
„Nach dem letzten Corona-Shutdown, im Frühsommer 2022.“
„Ui, drei Jahre einsame Winter?“
„Ich bin nicht einsam, Hannes, ich tauche in die Stille und bin ganz bei mir.“
„Ist das eine philosophische Interpretation von Einsamkeit oder bist du einfach niemandem in der Weite der Felder begegnet?“ Hannes fragte das ernsthaft. Er selbst lebte schon lange allein, was aber nicht sein Wohlfühlzustand war.
„Ich habe nicht gesucht. Es ist die letzten Jahre kompliziert geworden, Herzensmenschen zu finden. Zu viel negative Energie, da wächst der Wunsch nach Abkehr. Aus reinem aus Selbstschutz.“ Ronja räusperte sich, in Hannes‘ Blick spürte sie, dass sie vielleicht zu viel gesagt hatte. Sie goss Rotwein nach und trank.
„Ich weiß, es sind beladeneZeiten, und du hast ja heute am Feuer gesehen, wie schnell man in die Kontroversen rutscht – und zack – macht mein Oskar dicht und entzieht sich. Er wählt inzwischen AFD. Aus Wut. ‚Die kriegen überhaupt nichts mehr auf die Reihe!‘ ist seine Sicht auf das, was ist. Die Freundin hat ihn wegen seiner ausfallenden Wortausbrüche rausgeworfen. Nun bin ich wieder sein Blitzableiter. Ist nicht schön, aber, wenn die Lebensbänder reißen, dann ist alles hin. Wenn Gesellschaft bricht, gilt nichts mehr. Gemeinschaft muss etwas aushalten können, also sitzen wir das miteinander aus und reden miteinander – so gut es geht. Diese Parole ‚Mit denen sprechen wir nicht!‘ geht gar nicht, die spaltet extrem und ist nur feige. Es braucht ein bisschen mehr Mut zum anständigen Leben.“
Ronja nickte ihm zu: „Schwierig.“
„Ja, sehr.“
Er spürte ihre grünen Augen auf sich gerichtet. Ein warmherziger Blick, der musste für diesen Abend genügen. Der Rotwein war ausgetrunken.

Ende März. Das Wetter war kaiserlich als Ronja Kiekebusch ihre sonnengelben Bienenwachstorten zum Imkereifachhandel chauffierte, um sie gegen neue Wabenmittelwände einzutauschen. Sie hatte wochenlang den Dampfwachsschmelzer in der Scheune mit alten Waben gefüttert, um das kostbare Wachs heraus zu schmelzen. Alles was Beine und Räder hatte war jetzt unterwegs. Der lange Winter – die Menschen sehnten sich nach Sonne und Licht.  In Eichhorst schlenderten Familien mit Eistüten und Fischbrötchen am Werbellinkanal entlang. Sogar im Vorbeifahren sah man ihnen den angestauten Lebenshunger an. Ronja ließ die Fensterscheibe herunter, atmete die frische Luft und dachte an Hannes. Sie hatten sich an jenem Abend nicht verabredet, und es war beinahe ein Monat vergangen. Was wollte sie, nachdem sie ihn Distanz spüren ließ? Dennoch knisterte da etwas in ihr.
In Hirschfelde grüßte stolz der Bronzehirsch am Dorfteich, daneben dösten ein paar alte Leute auf der Parkbank. In der Bienengasse war kein Andrang. Die Chefin rief ihren Mann herbei, als Ronja die Heckklappe ihres Kombis öffnete: „Siehste, so müssen Wachstorten aussehen!“ Sie schimpfte über das verunreinigte Zeug, was ihr gelegentlich angeboten wird. Ihr Mann hob die Teile mit seinem Gabelstapler aus dem Auto und jonglierte sie zur Waage.
„Und, wie war der Winter? fragte der Co-Chef. „Es haben ja wieder viele aufgegeben. Die einen können die schwere Arbeit wegen des Alters nicht mehr auf sich nehmen, die anderen hatten zu große Verluste und gaben auf. Bienen sind nicht mehr so in Mode bei den Jungen, wie noch vor ein paar Jahren.“
Ronja nickte. „Bei mir ist alles gut. Der Vater hatte mir die Völker gut in Schuss übergeben, und ich habe schließlich von ihm gelernt und auch keine Mätzchen ausprobiert.“
Die Chefin tippte die Posten in die Kasse: „246 €, den Tauschwert abgezogen, sind es noch 16,50 €. Ronja strahlte und verschwand von diesem immer gleichen Ort.

Oskar raste mit seiner alten Simson über die Feldwege. Sein zäher Bruder, der nie krank war, lag im Fieber und lallte etwas von Propolis und Ronja. Eine späte Grippewelle hatte sich noch einmal durchs Land getröpfelt. Hannes hatte es nach seinem letzten Vortrag schwer erwischt. Oskar hupte, als er in die Senke einfuhr, so stand Ronja bereits vor dem Häuschen, als er hart bremste.
Der coole Oskar war ganz aufgewühlt: „Hannes hat hohes Fieber und braucht Propolis-Tropfen.“ Der rausgeschmetterte Satz ließ Ronja wortlos eilig ins Haus laufen. Sie packte weiße Küchenhandtücher, Propolis-Tropfen, Honig und ein Tütchen Lindenblütentee in ihren Rucksack, zuletzt holte sie noch eine gefrorene Portion Hühnersuppe aus dem Tiefkühler, dann sprang sie zu Oskar auf das Moped. „Du willst mitkommen?“, fragte der erstaunt. „Nun fahr schon, ich kann helfen.“
Über die Feldwege gelangten sie schneller zum hinteren Rand von Potzlow als per Auto. Am alten Familiensitz bremste Oskar und führte Ronja rasch ins Wohnhaus des Hofes. Hannes lag blass und schweißgebadetauf der Liege im Wohnzimmer. Fiebernd schlief er. „Der hat es nicht mal mehr die Treppe zu seinem Zimmer raufgeschafft,“ erklärte der aufgeregte Bruder das provisorische Lager. „Das ist auch besser so, da sind die Wege kürzer. Wo sind Küche und Bad?“ Oskar führte sie kurz zu den Räumen, dann griff sie sich ihre Leinentücher, ein Badetuch und eine Schüssel mit kaltem Wasser. Sie zog das Tuch unter die Beine und legte nun dem Kranken kalte Wadenwickel an. „Komm mal Oskar, hilf mir einen Moment. Setz dich her und fühle, sobald die Wickel warm werden, abbinden, ins kalte Wasser tauchen, auswringen und wieder anlegen. Okay?“ Er zögerte. „Nun mach schon, ich koche inzwischen Lindenblütentee und bin gleich zurück.“ Als sie mit der Teekanne zurück war, wrang Oskar schon zum zweiten Mal tapfer die Wickel aus. „Gut so, ich mache weiter. Versuch ihn mal zu wecken, er muss trinken.“ Oskar nickte und griff so sacht er konnte nach Hannes klitschnasser Schulter. „Hannes, wach auf. Bitte.“ Der Bruder stöhnte und blinzelte durch seine verklebten Lider. „Komm, du musst was trinken!“ Er griff unter dessen Nacken und hob der Kopf soweit an, dass Hannes den Tee schlürfen konnte. Kaum eine Tasse, dann trieselte es ihn wieder weg. Dass Ronja zu seinen Füßen kniete, bemerkte er nicht. Es vergingen fasst zwei Stunden, bis das Fieber sank und die zwei Helfer zur Ruhe kamen.
Sie hockten am Küchentisch, und Ronja stellte die angetaute Hühnersuppe vor Oskars Nase. „Wenn er abends halbwegs wach ist, dann koche die Suppe auf und gib sie ihm. Nicht wegfuttern! Das ist Gesundheitssuppe. Was essen wir?“ „Bockwurst und Brot?“, fragte der Kompakte und sah, begeistert war sie nicht, aber erschöpft genug, um das Angebot anzunehmen. Zuletzt zeigte sie ihm noch, wie das mit den Propolis-Tropfen, dem Tee und dem Honig ging, dann brach sie auf. „Soll ich dich nicht schnell fahren? „Nein, bleib bei Hannes, ich laufe.“

Sie war lange diesen Weg nicht mehr gelaufen. Unweit von Potzlow begannen die doppelspurigen Betonbahnen, die sich durch das wellige Ackerland zogen. Alles noch fast kahle Weite, aber links blitzte der Große Potzlowsee, und in der Feldsteinsenke davor blühten schon die Schlüsselblumen. Ronja wagte sich nicht mehr über dieses Steinfeld, um sich welche zu pflücken, denn die Sonne schien kräftig und weckte die Schlangen. Als Kind hatte sie hier eine Kreuzotter gebissen, seither ist ihr dieser Platz ein Schreckbild. Sie erinnerte sich, wie der Vater wegen ihres Geschreis angerannt kam und das Gift aus ihrer Wade sog. „Geistesgegenwärtig, fürsorglich, mein stiller Held,“ sprach sie leise vor sich hin. Das Mutterbild hingegen verschwamm schon lange, merkte Ronja ungerührt. Deren Pendelei in den Westen. Weite Wege, immer müde, und dann Sekundenschlaf auf der Autobahn. Als Ronja zur Schule kam, war sie mit dem Vater allein. Welch Glück, dass er einen sicheren Job als Industriemechaniker im PCK hatte, und nicht wie andere Väter im Meer der Arbeitslosen schwamm. Die Frau lief auf dem Sandpfand neben dem Beton und atmete tief die frische Luft. Wie schön das Land geworden war! Vor sich der Blick zum Aussichtspunkt und Rastplatz an den Eulenbergen. Früher war dort die Müllkippe der LPG – und jetzt: Der aufgehübschte Mittelpunkt der Uckermark. Sogar einen Gedenkstein haben sie aufgestellt. Ronja lächelte als sie von dieser Anhöhe über das wellige Land in die Weite schaute. Der Anblick stach ihr ins Herz: Sechs Seen zwischen den Moorwiesen: Silbersee, Krummer See, Potzlower See, Runder See, Oberuckersee und Kosätensee. Hier und da kleine Waldinseln, die Rapsfelder würden bald blühen – und am Horizont – Windräder neben der Silhouette der St. Marienkirche von Prenzlau. „Hach“, seufzte sie leise und schaute lange in diese schöne Stille. Es war nach der Renaturierung der Lieblingsplatz des Vaters, zu dem er jeden Abend lief und die Gedanken schweifen ließ. Aller Kummer wurde hier kleiner. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihn neben sich, wie er genüsslich Zigarillos rauchte und den Blick nach Norden richtete, wie ein Steuermann durch die Wellen der Zeit. Er fehlte ihr.

Ende April leuchteten die Rapsfelder ringsum Ronjas Gehöft. Die Bienen flogen wir irre auf Tracht, bald würde sie das erste Mal im Jahr Honig schleudern können. Seit Tagen arbeitete sie sich schon durch ihre Bienenstöcke. Wabe für Wabe nachsehen, ob genug Brut vorhanden ist, ob Weiselzellen angefüttert werden und wie weit die Honigwaben schon verdeckelt sind.
Hannes war über die Feldwege zu ihr geradelt. Ihm steckte noch die Schwäche von der abgeklungenen Grippe in den Beinen, und er schnaufte am Hang. Von der Kuppe aus sah er den Hof in der Senke liegen. Wie angeschmiegt in der Delle. Zur Straße das kleine Wohnhaus, dahinter Hof und Scheune, dann zaunloser Garten und die Wiese mit den Bienenstöcken. Grünland und Feld berührten sich geschmeidig, und sie stand dort inmitten einer summenden Wolke. Ein friedliches Bild, dachte Hannes. Er stieg vom Rad und sah ihr eine Weile beim Imkern zu. Ganz ruhige, fließende Bewegungen. Was er sah, stimmte ihn sanft und berührte ihn zutiefst. Das ist Einklang. Einklang mit sich und der Natur. Als die Frau den Stock verschloss und zum nächsten gehen wollte, entdeckte sie Hannes und winkte ihn heran…

Woche II

Morgenstunde (1138. Blog-Notat)

Die zweite Woche neigt sich – ich will ein Lebenszeichen „funken“. Der Einstieg in einen längeren Text kostet mich gewöhnlich etwas mehr Anschub-Energie. Es galt erst einmal den Story Pot zu finden und zu strukturieren. Dazu klauten mir plötzlich Termine zwei Tage. Aber jetzt läuft die Geschichte und zehn Seiten sind zu „Flüsterton“ geschrieben. Es wird wohl wieder eine Novelle werden.
Heute kam noch eine (für mich) stressige Computer-Installation von „Zoom“ hinzu. Wird gebraucht, um an einem WEBbinar der Verwertungsgesellschaft Wort teilnehmen, um mögliche Text-Tantiemen überhaupt melden zu können. Alles wird von Jahr zu Jahr komplizierter, zeitraubender und blutdrucktreibend. Aber ich habe letzte Woche im „Handbuch der Klosterheilkunde“ eine Teemischung gefunden, die nervös bedingten Blutdruck senkt. Wen das auch interessiert, die Zusammensetzung lautet: 40 g Johanniskraut, 25 g Melissen-Blätter, 30 g Schafgrabe, 5 g Arnikablüten. Einen Esslöffel auf die Tasse, 10 Minuten ziehen lassen. Kann man mehrfach am Tag trinken, mir hilft der Tee nach Albträumen mitten in der Nacht oder bei kurzweilig bedingtem Stress. Tabletten ersetzt er nicht, aber er nimmt die Spitzen im Moment. Noch was?
JA: Proteine. Mein Sohn brachte mich darauf, doch ich war zunächst skeptisch und zögerte. Weil aber die Pfunde wieder purzelten, habe ich mich eingelesen und fand die Info, dass alternde Menschen einen Proteinbedarf hätten, wie Leistungssportler. Nein, ich werde es nicht übertreiben, aber hoffe, mit diesen Drinks den Muskelaufbau zu unterstützen, zumindest den Verfall aufzuhalten. Bin jetzt bei 49 Kilo, immerhin 😊 vier mehr als im Sommer… Alles klar, in diesen Wochen geht es um mehr als NUR ums Schreiben. Habt es gut alle miteinander!

Klausurbeginn

Es wieder soweit: ich beginne meine Winterklausur und schicke meine Gedanken in geheimes Leben: Das Innere 😊. Geplant sind vier, fünf Stunden täglich volle Konzentration. Heißt, hier auf dem Blog wird es derweil wenige Posts geben, vielleicht hier und da eine Lesekostprobe, mal sehen. Die erste Geschichte wird „Flüsterton“ heißen, den Einstieg schrieb ich schon Ende November im Krankenhaus… Wie immer bin ich selbst gespannt, wohin es mich führen wird. Natürlich bleibe ich ansprechbar, denn das Leben geht ja weiter und das Kunst- und Honighäuschen ist sowieso immer offen für Euch …
Bis die Tage!

Eine Buchbesprechung

Kater Nepomuk und die Geister von Weimarvon Ingrid Annel

Es ist ein edles Buch: „Kater Nepomuk und die Geister von Weimar“. Schon der Titel atmet die Aura einer Theaterbühne – und ein Kater, der Glücksgriff überhaupt, stolziert mit all seinen Leben als Erzähler durch die Zeilen dieser ungewöhnlichen Stadtgeschichte. Vom Jetzt zurück in die Vorzeit auf Gedankenpfaden; so reiht sich eine Erinnerung an die nächste: Zeichnende Kinder auf dem Markt führen Nepomuk gedanklich in das Haus von Lucas Cranach. Eine Geigerin spielt am Gänsemännchenbrunnen Bach, woraufhin Autorin Ingrid Annel den Kater eine wundervolle Hommage an den großen Musiker seufzen lässt. Leichtfüßig wie es nur ein Kater darf. So gelingt es, wortgewaltige Geschichte für junge Menschen abzustauben. Fast im Plauderton erfährt der Leser, wie Weimar zur bewunderten Kulturhauptstadt heranreifte und die Träume einer kindlichen Herzogin wahr wurden. Nepomuk schwärmte für Anna Amalia.
Jeder besondere Neuankömmling in der Stadt verhieß für den neugierigen Streuner ein weiteres Abenteuer. Ach, er mochte es sehr, wenn der Märchendichter Musäus seine „Zauberlaterne der Fantasie“ anzündete und aus dem Geplapper der Leute wohlfeine Geschichten formte. Auch beim Dichtervater Wieland, bei Goethe, Herder, Schiller, Liszt und der Familie Falk mit ihren fünfhundert Waisenkindern lauschte er dem Schaffen und den Kümmernissen der Meister. Nepomuk erzählt von den Vorzügen und Lebensgewohnheiten seiner unzähligen Gastgeber, sachkundig und aus erster Pfote, denn er war ja schließlich immer dabei…  über Jahrhunderte.
Zwei Jahre recherchierte Ingrid Annel zu dieser anspruchsvollen Veröffentlichung, und Illustrator Stefan Leyh zeichnete aufwändig dazu. So gelang den beiden ein vollkommen anderer Blick auf die Stadt Weimar und deren Kulturgeschichte. Sehr empfehlenswert nicht nur für Kinder.

Petra Elsner

Ingrid Annel: Kater Nepomuk und die Geister von Weimar, Bertuch 2026, ab 12 Jahren, ISBN: 978-3-86397-188-5, Preis 18 €

Morgenstunde (1137. Blog-Notat)

Winterstill. Die zweite Seherin ist gestern entstanden. Das gespachtelte Kleinformat könnte zum Titelblatt einer Textsammlung werden. Noch ist es nicht entschieden. Zum Wochenende werde ich einsteigen in die Schreibzeit dafür. Weil ich bei diesen Temperaturen wenig vor die Tür komme, habe ich mein Qi Gong Training wieder aufgenommen, damit die Muskeln nicht weiter verschwinden und ich stabil bin. Dazu ein paar Dehnungen gegen die Verspannungen, die Computerarbeit mit sich bringt und schon kanns weitergehen. Habt einen guten Morgen allerseits…

Morgenstunde (1136. Blog-Notat)

Rechts: Bärbel, links Petra (noch mit dunklem Haar)

Sonntagskaffee. Den ließen wir uns damals nie nehmen, selbst in der allergrößten Hatz. Es gab Redebedarf als 1990 meine damalige Zeuthener Freundin Bärbel nach ihrem einjährigen Arbeitsaufenthalt in der Schweiz zurückkam. Ich hatte ihre Zimmerpflanzen am Leben gehalten, aber das Land, dass sie kannte, gab es nicht mehr. Und obgleich ich versuchte, ihr die Geschehnisse des Wendeherbstes und den Wandel danach in Briefen zu erklären, es gab Fragezeichen. Bärbel zog damals lebensklug ganz klare Schnitte: Sie steckte ihren Doktortitel für Philosophie in die Schublade und bewarb sich schlicht als Mitarbeiterin bei einem Landesamt. Sie hatte ihren Machiavelli (Der Fürst) verstanden und wusste, in ihrem Fach würde sie nach dem Systemwechsel nie wieder Fuß fassen. Ich hab das im Grunde erst jetzt begriffen, dass sie mit ihrem klaren Kalkül, die sichere Wahl getroffen hatte. Wahrscheinlich war es leichter, den Niedergang mit räumlichem Abstand zu betrachten, als sein Herzblut in den Wandel und die Wendeprojekte zu stecken. Als ich 1992 das Mietshaus auf dem Zeuthener Westgrundstück verließ und nach Berlin zog, versiegte unsere Freundschaft, wie so vieles in dieser Zeit. Die Lebensbündnisse hatten sich verloren. Dieses alte Foto erzählt noch, während wir längst schweigen.

Lesetipp: Wende-Strudel

Morgenstunde (1135. Blog-Notat)

Wenn mich in den letzten Jahren eine politische Rede wirklich angestoßen hat, dann war es die von Kanadas Premier Carney vorgestern in Davos. Inmitten weltpolitischer Tollheiten benennt er klar den Bruch der Weltenordnung und zeigt auf, wie die Mittelmächte darauf reagieren können. Er meint, dass „Konformität keine Sicherheit bringt“ und verdeutlicht das Phänomen, indem er Václav Havel zitiert. Der schrieb 1978 „einen Aufsatz mit dem Titel ‚Die Macht der Machtlosen‘. Darin stellte er eine einfache Frage: Wie konnte sich das kommunistische System aufrechterhalten?

Seine Antwort begann mit einem Gemüsehändler. Jeden Morgen hängt dieser Ladenbesitzer ein Schild in sein Fenster: ‚Arbeiter aller Länder, vereinigt euch!‘ Er glaubt nicht daran. Niemand glaubt daran. Aber er hängt das Schild trotzdem auf – um Ärger zu vermeiden, um Konformität zu signalisieren, um sich anzupassen. Und weil jeder Ladenbesitzer in jeder Straße dasselbe tut, bleibt das System bestehen.

Nicht allein durch Gewalt, sondern durch die Teilnahme gewöhnlicher Menschen an Ritualen, von denen sie insgeheim wissen, dass sie falsch sind. Havel nannte dies ‚Leben in einer Lüge‘. Die Macht des Systems beruht nicht auf seiner Wahrheit, sondern auf der Bereitschaft aller, so zu tun, als wäre es wahr. Und seine Fragilität hat denselben Ursprung: Wenn auch nur eine Person aufhört, so zu tun – wenn der Gemüsehändler sein Schild entfernt –, beginnt die Illusion zu bröckeln. Es ist an der Zeit, dass Unternehmen und Länder ihre Schilder abnehmen…“

Ich will und kann nicht alles aus dieser Rede, die ein Zukunftsmodell bereithält, hier besprechen, aber dieser Verweis auf Havel erzählt etwas, was wir Ostdeutschen gut kennen und wir wissen auch, wie es ausging.
Ach, ich hätte mir gewünscht, unser Redner hätte die Tragweite Carneys Vision erkannt … Die ganze Rede findet Ihr hier

Morgenstunde (1134. Blog-Notat)

Als das Weihnachtliche abgeschmückt war, lag da wieder dieses Abendschwarz hinter dem Glas und auch meine kleine, wechselnde Buchauslage versank nur im Schatten. Da hatte das Adventsfenster ein Nachspiel, denn für die Beleuchtung kaufte ich eigens eine kleine batteriebetriebene Notenständerleuchte, die nun zu neuen Ehren kommt: Sie beleuchtet in den Abendstunden die Bücherauslage, die sagen will: Schaut doch mal rein. Klar, es ist kein üblicher Dorf-Laden in den man unbekümmert eintritt. Man muss schon Klingeln 😊. Aber ja, dass ist und wird meine Zukunft: Von diesem Atelierraum heraus agieren. Die kalte Winterluft macht mir das Unterwegssein echt beschwerlich und da ich Erkältungswellen meiden muss, komme ich auch nicht mehr zu Veranstaltungen. Gewiss, ich gehöre zu einer aussterbenden Spezies. Die Bedürfnisse der Nachwachsenden wandeln sich gerade extrem schnell und dieser Wandel ist übertönt von einer gefährlichen Weltenlage, die viele nur noch ratlos macht. Wer hat da noch Muße? Aber wie auch immer, hier leuchtet noch ein Licht…

Morgenstunde (1133. Blog-Notat)

Es ist Sonntagmorgen und ich hocke mit meinem Kaffee irgendwie erschöpft von der Heizungsreparatur zum Jahresstart. Das waren wirklich zehn unbehagliche Tage und die gilt es irgendwie abzustreifen. Man mag es kaum glauben, da habe ich gestern Abend, getrieben von dem Wunsch nach Behaglichkeit, mit dem Entwurf meines nächsten virtuellen Adventskalenders angefangen. Und heute werde ich dazu Zeichnen. Nicht am Stück 24 Bildchen, das würde mein Klausur-Projekt Ende Januar durcheinanderbringen, aber ein paar Tage und übers Jahr immer mal wieder. So wird das Schaustück „Weihnachtsgeister“ (nicht von Dickens) für die Adventszeit 2026 wachsen. Habt einen feinen Sonntag alle miteinander 😊…

Lyrik-Krümel

Gestaltete Lyrik.