MINIATUR (7)

Die Schreibmaschine

Ob die Backsteinbauten am S-Bahnhof Zeuthen noch stehen? Es war eine geduckte Ladenzeile mit Parfümerie, Reinigung, Schuster und das Schreibwarengeschäft, das mich schon als Kind magisch anzog. Familie Dreiers hatte wunderbare Papiere, Pinsel, Stifte, Lineale, Ratzefummel, Tuschkästen, Tintenfässchen, Löschpapier, Abziehbilder, Poesiealben, Kalender, Notizblöcke, Lampions, Girlanden und Krepppapier. Natürlich Schulbücher, Schreib- und Rechenhefte und auch die Hefte für Noten. Es gab Ausmalblätter, Sammelmappen, Aktendullis, Locher und Umschläge aller Art, Mappen, Feder- und Aktentaschen… Ach, man konnte sich in der Menge der Enge verlieren.
Es war die Zeit, als ich meine ersten Liebesgedichte und Liedtexte auf der Schreibmaschine meiner Mutter schrieb. Das kleine „e“ hakte und das Band schmierte, aber immerhin. Als alleinerziehende Mutter war eine eigene unerschwinglich, und so arrangierte ich mich mit dem hakenden „e“.
An einem frühen Sommerabend Ende der 70er Jahre schlenderte ich frisch verliebt mit einem langhaarigen Parker-Typen durch den Ort, als ich sie bei Dreiers im Schaufenster entdeckte: eine Reiseschreibmaschine für satte 400 DDR-Mark. Orange mit weißen Tasten, ein Träumchen, an dem ich mich gar nicht sattsehen konnte. Ich wollte mich gerade loseisen und die Straßenseite wechseln, um ins Café Centra einzukehren, als der Mann neben mir schnellen Schrittes im Laden verschwand und das Teil ungefragt kaufte. Einfach so. Mein Magen meldete sich, während er mir die Maschine grinsend in die Hand drückten wollte. Kreidebleich wehrte ich ab, rannte blitzartig bis zur Bäcker-Ecke und kotzte dort in den Vorgarten. So ein teures Geschenk konnte ich nicht annehmen. In meiner Familie waren die Geschenke eher bescheiden, selten gab es etwas über 20 Mark. Der Parker-Typ ging an diesem Abend allein nach Hause, behielt aber die schöne „Erika“ ein Jahr lang in seinem alten Skoda versteckt. Monate später versuchte er es noch einmal: Ganz vorsichtig übergab er mir das Prachtstück und schmeichelte: „Leihgabe für die angehende Schriftstellerin.“ Das verfing.

Auf Facebook kommentierten:
Bärbel Kaiser
Den Geruch im Schreibwarenladen Brendel in Bernburg mochte ich sehr gern. Meine Mama war mit der Inhaberin befreundet.

Axel Kempert
… in der Menge der Enge … 🥰

Erinnerung an Volkmar

Aus gegebenem Anlass, eine Erinnerung an unseren Freund Volkmar Bothe, der vergangenen Samstag gestorben ist. Möge die Erde leicht zu ihm sein.

Frühjahr 2008: Der Imkergatte (links) und Volkmar Bothe (rechts) haben nächtens die Bienen von unseren Waldhof im Roten Luch nach Kurtschlag gebracht.

Anfang der 2000er Jahre schrieb ich eine Rezept-Kolumne für ein kleines märkisches Blättchen, dafür verriet mir Volkmar ein Familienrezept…

Berliner Nachttheater

Vorzeiten putzte sich im Oktober der Märkische Landadel fein heraus und brach zu den rauschenden Festen der Berliner Ballsaison auf. Heute zieht es den Märker wohl eher zum Kunstherbst in die Stadt an der Spree. Es ist Schauzeit in den vielen Theatern, Museen, Galerien und neu gewachsenen Stadtkompositionen. Und natürlich auch Lauschzeit in den Konzerthäusern und Clubs. Doch wohin nach den vielschichtigen Genüssen, wenn gerade die letzte Regionalbahn davon gerauscht ist? Draußen wird’s langsam ungemütlich. Ja, man kann irgendwo einkehren, auch dafür sind die Gelegenheiten uferlos. Für jene, die von der Hochkultur jetzt so erschöpft sind, dass sie zur Nacht lieber ein dadaistisches BlaBla praktizieren als einem gedrechselten Bildungsplausch frönen, hier ein Geheimtipp: Das „Sankt Bla“ in der Sredzkistraße 19 a, unweit des Kollwitzplatzes, ist ein schräger Szeneladen im Prenzlauer Berg. Der stammt noch aus der ersten Nachwendegeneration. Heißt, kein kalt ausgeleuchteter Edellackladen. Das Licht ist eher faltenfreundlich, man duzt die Gäste zwischen 18 und 80, das Bier kommt schnell, und nach Mitternacht spielt sich hier ein sehenswertes, aber höchst absurdes Theater ab. Das speist sich all- abendlich aus den Klängen der Nacht – live mit immer neuen Laiendarstellern.
Hier hat schon so manche märkische Omi mit akkuratem Spitzenblüschen (ausgeführt von den nach Berlin verzogenen Kindern) etwas derangiert erst am nächsten Morgen ihr Tanzbein auf den Heimweg nach Golzow oder Briesen gebracht. Etwas wackelig vielleicht, aber gut gelaunt und unbeschadet. Der Wirt dieses alterslosen Etablissements entspringt einer alten Kneiperfamilie, die seit den 50er Jahren unter anderem in Zeuthen große Ausflugslokale unterhielt. Volkmar Bothe hat das Bewirten im Blut und noch etwas anderes:
das Schauspielern. Vielleicht stünde er heute neben seinem einstigen Studienkumpel Axel Werner auf den Brettern des Berliner Ensembles, hätte man ihn nicht seinerzeit, nach dem Schauspielstudium einem verstaubten Provinztheater zugeteilt. Dort kam er nie an. Die Liebe hielt ihn felsenfest auf märkischem Sand. Irgendwie schicksalsfügig kehrte so der Charme sprühende Mann zu seinen Wurzeln zurück. Mancher mag das bedauern, doch für das absurde Nachttheater von Berlin ist es ein Glück.

Märkischer „Hai“:
Der Hecht ist der Haifisch des Süßwassers. Sicher werden Sie Ähnliches schon assoziiert haben, wenn zuweilen wahre Fischgiganten aus der Oder gezogen werden. Nein, auf der Speisekarte des „Stankt Bla’s“ finden Sie den nicht. Dort reicht man nur einen schmalen Imbiss. Dieses Rezept praktiziert die Gastronomen-Familie Bothe privat: Zwei junge Hechte (keine Giganten) waschen und mehrfach quer einschneiden. Feine Speckstreifen von Einschnitt zu Einschnitt unter die Haut ziehen, damit das Fleisch beim Braten nicht austrocknet. Nun salzen, pfeffern und mit Zitronensaft beträufeln. Die Hechte in Butter ca. zehn Minuten braten. Mehrfach wenden, eventuell Butter zugeben. Fische aus der Pfanne nehmen, in Semmelbrösel wälzen und weitere zehn Minuten braten. Serviert wird der Hecht dann mit gehackter Petersilie, brauner Butter, dazu gibt es warmen Kartoffelsalat mit knackig-kross gebratenen Speckwürfeln und herzhaftem Radieschensalat.

PS: Das BlaBla ist inzwischen geschlossen.

Morgenstunde (1136. Blog-Notat)

Rechts: Bärbel, links Petra (noch mit dunklem Haar)

Sonntagskaffee. Den ließen wir uns damals nie nehmen, selbst in der allergrößten Hatz. Es gab Redebedarf als 1990 meine damalige Zeuthener Freundin Bärbel nach ihrem einjährigen Arbeitsaufenthalt in der Schweiz zurückkam. Ich hatte ihre Zimmerpflanzen am Leben gehalten, aber das Land, dass sie kannte, gab es nicht mehr. Und obgleich ich versuchte, ihr die Geschehnisse des Wendeherbstes und den Wandel danach in Briefen zu erklären, es gab Fragezeichen. Bärbel zog damals lebensklug ganz klare Schnitte: Sie steckte ihren Doktortitel für Philosophie in die Schublade und bewarb sich schlicht als Mitarbeiterin bei einem Landesamt. Sie hatte ihren Machiavelli (Der Fürst) verstanden und wusste, in ihrem Fach würde sie nach dem Systemwechsel nie wieder Fuß fassen. Ich hab das im Grunde erst jetzt begriffen, dass sie mit ihrem klaren Kalkül, die sichere Wahl getroffen hatte. Wahrscheinlich war es leichter, den Niedergang mit räumlichem Abstand zu betrachten, als sein Herzblut in den Wandel und die Wendeprojekte zu stecken. Als ich 1992 das Mietshaus auf dem Zeuthener Westgrundstück verließ und nach Berlin zog, versiegte unsere Freundschaft, wie so vieles in dieser Zeit. Die Lebensbündnisse hatten sich verloren. Dieses alte Foto erzählt noch, während wir längst schweigen.

Lesetipp: Wende-Strudel

Morgenstunde (259. Blog-Notat)

Die Weihnachtsfrau macht Schicht und legt die Beine hoch.  Schnauf. Irgendwie ist sie doch schon etwas in die Jahre gekommen 😊. Heilig Abend gab es übrigens meine jüngste Weihnachtsgeschichte in den Tageszeitungen Ostbrandenburgs, das hatte mich echt verwundert, denn in die Hand gegeben hatte ich es nur der Lokalredaktion Eberswalde… Der sogenannte „Tisch“ hat wohl einen „Durchläufer“ für alle Lokalausgaben daraus gemacht, was durchaus ein Geschenk für mich war. Dankeschön.
Gestern Nachmittag las ich noch im Auditorium (Foto, rechts) des Hotel Döllnsee aus „Stumme Gänse“. Es gelang eine wache, heitere Stimmung zu erzeugen – echt schön für mich. Denn mal ehrlich, bei den klassischen Weihnachtsgeschichtenlesungen (10 Stück in einem), bei denen jede irgendwie ein kleines Wunder entfaltet und von der allerletzten Chance erzählt, schläft schon mal jemand in den Besucherreihen ein… Herrje, gut, wenn er/sie nicht schnarcht 😊. Also sowas gab es dieses Jahr nicht, dafür viele gute Worte.  Heute herrscht Stille im Quartier der schläfrigen Weihnachtsfrau, die das rote Zaubertuch bis zum nächsten Advent an den Nagel hängt hat. Am 2. Feiertag war’s bei uns daheim sowieso nicht mehr weihnachtlich: Die Eltern hatten ihren Hochzeitstag auf dieses festliche Datum gelegt und begossen ihn fortan immer mit einem leichtsinnigen Frühschoppen in der Sportlerkneipe von Zeuthen (wie hieß sie denn gleich? Café Langner? Oder so). Jedenfalls fanden sie nur leicht lädiert nach Hause, wo Großmutter und ich schon mit den Halb-und-Halb-Klößen warteten… Im Grunde war damit Weihnachten gelaufen, ist ja auch genug… Wahrscheinlich picheln die Beiden heute auf ihrer Wolke wie eh und je ihren klaren Schnaps, ich werd ein Gläschen auf sie heben in der stillen Nacht 😊. 

Morgenstunde (148. Blog-Notat)

Zeichnung: Petra Elsner

Manchmal wünsche ich mir weniger Geschwindigkeit. Ich mag es, wenn die Dinge nicht so an einem vorbeihuschen, langsam klare Kontur bekommen. Pferdewagentempo wäre meins. Und immer schon habe ich Probleme mit neuer Technik, der ersten Inbetriebnahme. Kaum zu glauben, wie schüchtern ich vor solchen Neuerungen hocke. Es ist, als blockiere der Verstand und meine Seele jault: Nicht schon wieder… Bei neuen Projekten aus meinem Kopf ist das komplett anders, da kann es nicht schnell genug vorwärtsgehen und es kann auch immer viel davon sein.

Nur einer hat mir diesen Zugang zu Neuem federleicht gemacht: Gerdchen, der ständig angetrunkene Mathematiker aus dem vormaligen Institut für Hochenergiephysik in Zeuthen bei Berlin, wo ich bis 1992 lebte. Während des berühmten Institutsfaschings hat er mir das nächtliche Rechenzentrum gezeigt. Der russische Großrechner BESM blinzelte mir aus dem Dunkel der Halle ganz romantisch zu, seine Dimension blieb dabei rätselhaft und das zusammen hat mir doch gut gefallen. Gerd wollte nicht anbändeln, er wusste von meiner Schwester, das Mathe und Technik so gar nicht meins waren. Aber genau so eine suchte er als Testperson und ich sagte ihm dafür in dieser feuchtfröhlichen Nacht zu. Eine Woche später hockte ich vor seinem selbstgebauten PC, der für heutige Verhältnisse auch schrankgigantische Ausmaße hatte. Er gab mir drei Blätter in die Hand, die den Zugang zu diesem „Kleinrechner“ erklärten. Ich sollte einfach nur seine Gebrauchsanweisung lesen und losmachen. Starten, Funktion der Programme erkennen und einen Satz schreiben. Er verließ den Raum und ich kam doch wirklich ohne jede weitere Hilfe voran. Wir schreiben das Jahr 1979, ich saß zuvor noch nie an einem PC! Eine tolle Erfahrung für mich. Was will ich damit sagen? Es kommt darauf an, es logisch (Logik ist die Wissenschaft über die Eigenschaften der Sprache!!!) und verständlich zu erklären. Der Schreiber eines Gebrauchszettels sollte sich immer fragen: Was muss ich einem sagen, der ohne Vorkenntnisse dieses Gerät bedienen will oder muss… dann geht es auch stressfrei.

Gestern Abend also hockte ich vor der Schachtel mit dem Inhalator und fragte mich entsetzt – welcher von den zwei Mundstückaufbauten – wofür? Genau das wird nicht näher erklärt – herrje, vor der zweiwöchigen Beatmungskur stehen abermals die Schrecken des Nichtverstehens. Der Imkergatte muss es richten, weiß er schon. Nun denn, nach der Kur, soll mein Lungenvolumen wieder besser sein, das ist ein wahrer Anreiz. In der Charité hat man mir am Montag wirklich gute Hoffnungen gemacht. Aber keine Sorge, ihr lieben Leute auf der Alm oder auf Wolkenstein – auf Berge komme ich nicht mehr. Das ist zwar sehr schade, aber Flachlandlatschen ist doch auch schön…

Memory 5: Gedenkweiden

Petras Gedenkweide. Fotos: pe

Gestern in Zeuthen entdeckt: Anfang der 80er Jahre lebte ich noch in dem gelben Haus (das heute Schlüpferrosa aus der Wäsche guckt) an der Bahnlinie gen Osten. Es war laut, wenn „Nikitas letzte Rache“ (so nannten wir die schweren, russischen Diesel-Loks) vorbeischepperten. Noch lauter wurde es, als irgendwann in den 70er Jahren die kleine Sanddüne, auf dem ich als Kind im Winter rodelte, eingeebnet wurde. Keine Ahnung weshalb, aber fortan benutzte die Reichsbahn das Gelände jeden Sommer als Parkplatz für Baumaschinen. Alle Bemühungen meinerseits, den Platz zu begrünen, um die Lärm- und Schmutzbelästigung zu dämpfen, scheiterten in jedem Sommer aufs Neue. Die jungen Bäume wurden einfach plattgefahren. Es musste mir etwas anderes einfallen und dachte mir, wenn wir widerstandsfähige Weiden genau auf den Rand des Schotter-Radwegs pflanzen, dann würden sie nicht mehr übersehen werden und vielleicht eine Überlebenschance haben.  Außerdem standen Weiden seinerzeit unter Naturschutz, man würde es nicht so einfach wagen, sie umzunieten. Vielleicht. Die Klicke meines damals zehnjährigen Sohnes Jan half mir bei dem Unterfangen, denn es war eine ganz schöne Schufterei an der verfestigten Wegkannte zu graben. Fünf Weiden pflanzten wir. Sie müssten heute Riesen sein, aber, aber. Die Brache ist heute ein ausgebauter Parkplatz und die Bäume mussten dafür irgendwann doch weichen, bis auf zwei, die sogar bei einer Erneuerung des Weges umbaut wurden. Zu guter Letzt wurden sie doch gefällt, aber an einem Stumpf treiben wieder junge Ruten. Meine Zeuthener Freunde aus der Spreestraße nennen die kleine Kämpferin  „Petras Gedenkweide“, dass treibt mir doch ein breites Grinsen ins Gesicht ?.

Schnee auf der Dühne vor dem gelben Haus in der Zeuthener Bahnstraße 10. Weihnachten 1957. Meine große Schwester Angelika und ich auf dem neuen Schlitten.

1002. Blog-Beitrag

Morgenstunde (88. Blog-Notat)

Der Vogelklotz war zwar fertig, aber der Unterseite fehlte noch der Lack und schon kam Spontanbesuch und reservierte das Teil. Fein, da hat doch Frau gleich wieder Lust weiter zu wuseln. Diesmal werden es meine Musikclowns aus der Reihe „Schräge Vögel“ (siehe oben) sein, die aufs Holz springen werden… Aber jetzt ist erst einmal Wochenende, wir besuchen Freunde in meiner alten Heimat Zeuthen. Süß-schmerzlich, denn dort werde ich immer den Phantomschmerz meiner verlorenen Familie spüren. Das gelbe Haus an der Bahnlinie…  Dennoch das Freundschaftstreffen ist es wert, ihn auszuhalten.
Macht Euch ein schönes Wochenende, ich bin dann mal weg.

Immer wenn wir auf der A10 an diesem Wasserturm von Niederlehme vorbeirasen, werden die Erinnerungen wach. Von der Dahmebrücke schaut man hinunter nach Wildau hinein, wo ich geboren wurde. Der Ort dahinter ist Zeuthen, dort lebte ich 35 Jahre lang bis 1992.

Blog-Beitrag 1001