Morgenstunde (82. Blog-Notat)

Kuppen im Wind. Zeichnung aus “Der Duft der warmen Zeit” von Petra Elsner

Ob ihn die Eiszeit neben den Kopfsteinpflasterdamm nach Bülowssiege geschoben hat oder das Städtische Bauamt, ist nicht gewiss, aber kurz vor dem Gutshof der deutschen Romantik hatte ich einen Hühnergott gefunden. Wahrscheinlich war er nur bei einer Ladung Rügen-Kies, aber was so eine echte Märchentante angeht, die schwelgt in diesem kleinen Glück. Ein Feuerstein mit Loch ist vielleicht nichts Besonderes, aber für mich dann doch ein glücksbringender Talisman für meinen Garten. Dort hängt er nun. Gestern ging es am Gut vorbei noch ein paar Meter weiter, dorthin, wo meine Geschichte „Kuppen im Wind“ (aus „Der Duft der warmen Zeit“) beginnt, in einem dieser zwei Kuppenhäuser wohnen Freunde, die wir einmal im Jahr besuchen. Auf eine Kaffeezeit mit dichten Geplauder, dann sind wir schon wieder weg. Ich dachte, ich bringe der Kräuterfee eine ganz besondere Pflanze mit – Odermennig, eines der mächtigsten Kräuter. Sie dankte, lächelte milde und zeigte auf eine Fläche, wo das zarte Zeug in ihrem Garten wucherte. Bei mir gibt es nur drei Pflänzchen auf dem Heidesand, wovon ich eines in die schönste Üppigkeit gebracht hatte… Dort, dicht beim Dammsee, ist der Boden schwer und lehmig, es wächst beinahe alles satt. Am Seeufer gegenüber beginnt Mecklenburg und eine Autostunde weiter die Ostsee, wohin wir es erst wieder im Herbst schaffen werden. Dennoch, diese kleinen Ausfahrten zwischendurch lösen momentweise entspannend den Fokus vom nächsten Tagwerk, unterwegs fliegen Wegweiser zu abgelegenen Behausungen  vorbei: “Villa Morgentau”, „Drei Häuser“, „Morgenland“ – ein Traum…

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Morgenstunde (81. Blog-Notat)

Erntebeginn. Es wird heute Bohnen im Speckmantel mit Tomatensalat geben.

Ich liebe es am Morgen in den Garten zu gehen und etwas zu ernten, auch wenn es jetzt schon schwül und klebrig ist, als wollte es sehr bald gewittern. Von mir aus – sehr gerne. Wenn ich die nächsten Etiketten für den Sommerblütenhonig, der gestern aus dem Fass lief, ausgedruckt habe, könnte ich den Stecker ziehen, denn hinter mir wartet schon sehr lange eine begonnene Leinwand… Beim öffentlichen WM-Finale-Schauen letzten Sonntag sah ich neben dem Beamer einen offensichtlich guten Verstärker (oder genauer gesagt: eine Keyboardcombo) stehen. Hab mir den Namen aufgeschrieben und nun beim Musikhaus Thomann das Teil nebst neuem Headset bestellt. Es musste sein, nach zehn Jahren war meine Beschallungstechnik für Buchlesungen einfach instabil geworden und alle häuslich vorhandenen technischen Alternativen machten mich auch nicht sicher. Jetzt kann die nächste Lesung ohne Wackelkontakt kommen – da ist Entspannung angesagt! Technisch gesehen, bin ich leider ein Analphabet und muss mich auf den Rat anderer verlassen, nur passt der gut gemeinte Rat oft nicht zu dem, was ich wirklich brauche. Diesmal war es einfach eine glückliche Fügung, auch wenn der Ausgang des WM-Finales mir andersrum besser gefallen hätte. Ich stehe meist auf der Seite der Verlierer und leide mit meinen Helden… denn ohne Schmerz entstehen eben keine Visionen…. Habt einen schönen Tag, Ihr da draußen in der Welt!

Seit heute gibt es bei uns drei Sorten Honig: Raps/Robinie/Sommerblüte.

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Morgenstunde (80. Blog-Notat)

Aber auf der schwebenden Grasnelken-Wiese ist’s schön.

Die Endphase zu einem neuen Buch gestaltet sich gerade wie ein Ping-Pong-Spiel. Man schlägt einen Ball auf und das Teil kommt immer wieder mit Höchstgeschwindigkeit und neuen Aufgaben zurück. Der Grund: Die Neuherausgabe meiner Schorfheidemärchen (die 2009 zuerst bei Schibri erschienen) brach zu neuen Ufern auf. Der Schwedter Verlag machte daraus eine Sammlung fast all meiner Märchen. Jetzt sind es 30 Stück und natürlich braucht es dafür eine neue geistige Klammer auf dem Buchrücken. bzw. im Klappentext. Der war heute Morgen zu texten und jetzt hoffe und wünsche ich, dass als nächstes nur noch die Autorenkorrektur anfällt und wenig später die Bücherkisten eintreffen. Denn es beginnt zu nerven. Im Januar hatte ich damit schon abgeschlossen… Nun denn, der Text ist in Sack und Tüten und ich verdufte eben mal in den Garten, denn vorgestern hatten wir  eine Trauung am Döllnsee zu fotografieren. Rund 1000 Bilder entstanden, die ich gestern alle noch ansehen und aussortieren durfte, 817 Bilder blieben übrig und warten jetzt im Stick auf das junge Paar… Der Liebste hat inzwischen neuen Honig in Gläsern, die nach Etiketten rufen – das Leben brüllt zurzeit mal wieder von allen Seiten… 🙂

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Morgenstunde (79. Blog-Notat)

Elli am Fenster. Zeichnung: Petra Elsner

Schönen Sonntag allerseits! Während manche schon mit dem Handtuch am See hocken, durfte ich mich heute für einen Augenblick in den Winter versenken, denn der Vorspann zu dem Märchenbuchkapitel “Schorfheidemärchen” brauchte noch eine Zeichnung zu diesem Text hier :
Es hatte die ganze Nacht große Flocken geschneit, so wie schon den Tag zuvor und den davor. Elli saß am Fenster und sah, wie sich die große Stille über das Dorf legte. Nichts regte sich dort draußen mehr. Das war sie wohl, die Ruhe, die alte Leute suchten oder jene, die mit einem Läuten im Ohr der Stadt entflohen. Für Elli aber war diese Stille kaum auszuhalten, weil der kleinste Laut darin ein gaukelndes Getöse veranstaltete und das Mädchen erschreckte. Gerade jetzt klirrte wieder etwas schelmisch und versteckte sich sogleich. Elli drückte die Nase an das kalte Glas und starrte in das Weiß. Lange, bis sich ihr Blick verschleierte und Elli mit offenen Augen ins Reich ihrer Fantasie entschlüpfte…

Jetzt ist die Zeichnung per Mail an den Verlag unterwegs und ich kann in meinen Sonntag springen, tschüss denn mal…

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Morgenstunde (78. Blog-Notat)

Handproduktion für die Kurtschlager Editionen – Juli 2018.

Gestern hatte ich begonnen, aus den losen Blättern der letzten Tage ein neues Künstlerheft für meine „Kurtschlager Edition“ zu gestalten. Das „handgeschnitzte“ Layout im Word-Programm ist immer eine Herausforderung, weil auf jedem Blatt die vordersten und die hintersten Teile der Geschichte zusammentreffen. Man muss wirklich konzentriert bei der Sache bleiben, sonst hat man später nur noch ein wirres Text-Durcheinander. Aber, wahrscheinlich weil es nach der Regennacht so ein schöner, kühler Tag war, kam ich damit gut voran. Inzwischen hab‘ ich 26 Bändchen gefaltet, geschnitten und gebunden. Nach „Das kleine Rabenbuch“, „Auf den Gabentisch“, „Ottilies Nachtwanderung“ und „Die Mohnfee und die verschwundene Zeit“, ist es der fünfte kleine Band in der handgefertigten Reihe – ein kleines Sammelobjekt, das Stück für moderate 7 Euro… Die ersten Bestellungen sind eingegangen – schön!
Habt alle miteinander einen frohen Sommertag,
Eure Petra

Die ersten fertigen Exemplare.

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Die Hitze unterm Sonnenhut – eine Sommerlochgeschichte (der Schluss)

… Als der erste Landregen fiel, rückte der Mann das ranzige Küchenbuffet in die Mitte des Raums, um es aufzuarbeiten. Es war so ein schönes altes Möbel, wie es auch seine Großmutter hatte, mit Glasdosen für Mehl, Zucker und Salz; einer Lochkonsole für Hühnereier und einer Eieruhr mit Glocke. Der Vogel saß auf den Schrank und sah ihm bei seinen Verrichtungen zu. Plötzlich wirbelte das Tier mächtig Staub auf. Mit einem vergilbten Blatt im Schnabel hüpfte der Vogel an die Schrankkante und tschilpte aufgeregt als wollte er sagen: Sieh, ein Schatz! Wahlberg nahm es ihm verwundert ab und las: „Steglitzer Nussbissen“. Der Mann lächelte und murmelte: „Ein altes Plätzchenrezept, wie schön.“ Backen war seine Freizeitleidenschaft, mit der er die Kollegen oft verwöhnte. Aber für wen sollte er hier backen? Der Vogel tschilpte, flog zum Radweg und wieder zurück. „Du meinst für die Radtouristen?“ Der Mann sprach mit dem winzigen Federball und es schien, der tat es auch. Vielleicht gar keine schlechte Idee.  Wie oft hatte er auf dem Weg hierher einen Hungerast gehabt und keine Kneipe oder ein Lebensmittelgeschäft in Sicht – so einen süßen, knusprigen Kraftspender würden ihm die Leute bestimmt abnehmen.  Er sollte es versuchen.
Am nächsten Tag fuhr er mit dem Bus nach Prenzlau und besorgte einen Großeinkauf. Abends begann er zu backen. Zum Ausstechen nahm er einfach eine Tasse, so entstand der nussige Taler, der auf seiner Zunge alle Geschmacksknospen kitzelte. Einzel schob er das Gebäck in kleine Tüten, die er mit einem Etikett „Stegelitzer Nussbissen, 1 Keks für 50 Cent“ versah.  Morgens platzierte er die Tüten und eine Geldbüchse auf einem wackligen Klapptisch am Radweg. Gegen Mittag waren alle 50 Tüten vergriffen. Volltreffer, dachte er bei sich und begann die nächste Ladung zu backen.

Stegelitzer Nussbissen

Fortan fertigte Alexander Wahlberg Nussbissen. Schon bald kamen sogar Anfragen mit der Post, ob man nicht zum Weihnachtsfest diese Herrlichkeit bestellen könnte. Das ließ hoffen. Im Dorf munkelten die Alten, solche Nussbissen habe es bereits vor Jahrzehnten bei der einstigen Hausbesitzerin Anna-Marie gegeben. Es hieß auch, der Wahlberg hätte seine Stadtwohnung aufgegeben und würde bleiben, wie so viele alte Berliner. Das stimmte.
Der Sommer verging. Als sich die Zugvögel sammelten, wurde auch der kleine blaue Vogel unruhig. Es zog ihn nach Süden und Wahlberg blieb in den Herbststürmen allein zurück. Bis eines schönen Oktobertages der Bus vor seinem Häuschen hielt und eine rundliche Frau in blauen, wehenden Kleidern ausstieg. Wahlberg werkelte gerade im Garten und sah verblüfft auf, als sie über den Zaun rief: „Hätten Sie vielleicht Verwendung für eine gute Bäckerin? Man hat mir im Dorf gesagt, Sie könnten Hilfe gebrauchen?“ Wahlberg zog seinen Hut, kratzte verlegen seine Glatze und meinte nur: „Könnte sein.“

Zeichnungen: Petra Elsner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Petra Elsner
Juli 2018

Hinweis zum Urheberrecht: Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

 

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Die Hitze unterm Sonnenhut – Sommerlochgeschichte (4. Passage)

… Niemand würde ihn noch einmal aufhalten oder doch? Wovon würde er zukünftig  leben (?), hämmerte es unter seinem Sonnenhut. Ja, er hatte einen Notgroschen gespart, aber der würde nicht lange reichen. Was dann? Während er Kilometer strampelte, sorgte er sich uferlos.
In der Dämmerung kam Wahlberg bei seinem alten Katen an. Der Ausbau vor Stegelitz lag gleich neben dem Radweg und bei einer Bushaltestelle. Doch als er die quietschende Gartenpforte geöffnet hatte, sah der müde Mann: Das Gemäuer erstickte förmlich im Grün. Aus dem Dach wuchsen kleine Birken und wilder Wein hatte das Häuschen vollkommen umschlungen. Unheimlich wild mutete es an, wer statt seiner wohl darin inzwischen lebte? Die Nacht verbrachte er lieber in seiner Hängematte unter dem Blätterdach der beiden Walnussbäume, die er vor gut zwanzig Jahren nach seinem Hauskauf gepflanzt hatte. Der Vogel tapste in dieser milden Mondnacht vom Hemdkragen in den Sonnenhut, der sich ruhig mit jedem Atemzug auf Wahlbergs Bauch auf- und niedersenkte.

Zeichnug: Petra Elsner

Das Haus lebte mit allerlei Getier. Blindschleichen, Mäuse, Ameisen, Spatzen, selbst ein Fuchs schien hier ab und zu Quartier zu nehmen. Tagelang hatte Wahlberg damit zu tun, es auszufegen und zu putzen, das Dach zu dichten und die Wände weiß zu kalken. Die Hauswasserversorgung lief wieder, und auf sein Pappschild an der Gartenpforte: „Ich pflege für Sie Ihren Computer!“, hatte bereits der erste Kunde reagiert. Wahlberg war mit seinem Start zufrieden. Der Vogel schlief weiter nachts in seinem Sonnenhut, tagsüber brauchte ihn sein Kahkopf, um darunter die Gedanken zu sortieren…

© Petra Elsner
Juli 2018

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Hitze unterm Sonnenhut – eine Sommerlochgeschichte (3. Passage)

… Auf der Wellenschaukel, einem waldgesäumten Asphaltband, das über die Sander der Schorfheide sprang, kam der Mann das erste Mal so richtig ins Schnaufen. Aber dann, er glaubte kaum seinen Augen, schoss er in der Abfahrt auf zwei Hirschkühe zu. Sie sahen ihn kommen und rührten sich nicht. Wahlberg bremste scharf, dass es hinter ihm staubte, dann standen sie sich Auge in Auge gegenüber. Sekundenlang. Die Hitze wölbte sich unter seinem Sonnenhut, als die Tiere zu tänzeln begannen und schließlich davonsprangen. Der heller lichte Tag sah den Mann hochrot und sprachlos, dass hätte er in Berlin nie erlebt.
In Eichhorst gönnte er sich am Werbellinkanal eine Pause, holte sich dazu ein Fischbrötchen und sah von einer Parkbank aus dem ruhigen Schleusenbetrieb zu. Der Vogel auf seiner Schulter schien in seiner Angststarre zu verharren, bis zu jenem Augenblick, als Wahlberg ihm ein paar Brötchenkrümel vor den Schnabel hielt. Gierig hackte der Vogel zu und tschilpte leise, blieb aber fest am Hemdkragen hocken. Offenbar hatte er einen Begleiter bekommen, aber noch rund 50 Kilometer lagen vor ihnen.
Auf dem Berlin-Usedom-Radfernweg überholten den Mann mit dem blauen Vogel sogar die ältesten Rentner mit ihren schicken e-bikes. Sein Drahtesel stammte noch aus dem Land, das keine Sollbruchstellen kannte. Es hatte jahrelang im Keller auf diese große Ausfahrt gewartet und trug seinen Besitzer langsam, aber immer weiter in den Norden in das Land der 590 Seen und seiner Träume. Lange hatte sich der Mann nach ihm gesehnt, jetzt war er zu sich selbst aufgebrochen…

 

© Petra Elsner
Juli 2018

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Die Hitze unter dem Sonnenhut – Sommerlochgeschichte (2. Passage)

Zeichnung: Petra Elsner

… Alexander Wahlberg trat zornig in die Pedale und wunderte sich unterschwellig, seit er auf das Rad gestiegen war, war ihm kein Mensch begegnet. Wirklich keiner, das war seltsam, denn längst müssten die Pendler unterwegs sein. Aber als er die lange Gerade auf der Strecke erreicht hatte, war schnell klar weshalb er hier so mutterseelenallein radelte. In der Ferne sah Wahlberg dicken Rauch aufsteigen und ein Blaulichtgewitter davor. Der Wald brannte lichterloh, er würde dort nicht durchkommen. Und nun? Er stand und sinnierte einen Augenblick. Dann entdeckte er, der Rauchfahne flog etwas voran. Wahlberg fixierte diesen Punkt, der als kleiner, blauer Vogel auf seiner Schulter landete. Der Mann hielt den Atem an und rührte keine Wimper. Er spürte das Herzrasen des Federballs, die blanke Angst und deshalb murmelte er ihm ganz ruhig zu: Ist ja gut, du kannst da hocken bleiben und verschnaufen. Das tat er dann auch. Der blaue Vogel krallte sich in seinen Hemdstoff und blieb dicht beim seinem Kragen hocken, auch als Wahlberg sein Rad wendete und zurück nach Groß Schönebeck aufbrach. Von dort könnte er über die Wellenschaukel und Eichhorst den Brand umfahren. Doch irgendetwas sagte ihm, gleich würde er auf Abwege geraten…

 

 

© Petra Elsner
Juli 2018

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Sommerloch-Geschichte (1)

(Wie diese Kurzgeschichte entsteht, könnt ihr live mitlesen, heute die erste Passage.)

Die Hitze unterm Sonnenhut

Zeichnung: Petra Elsner

Mit der ersten S-Bahn entfloh er den Stadtsteinen und stieg in Karow in die Heidekrautbahn, die ihn nach Groß Schönebeck brachte. Von dort folgte er der L 100. Noch war der Morgen frisch, aber die Wärme fiel sehr bald vom Himmel und zwickte auf seiner roten Kopfhaut. Der Mann stülpte sich einen Strohhut auf die heiße Glatze und radelte weiter Richtung Norden. Unter dem Hut dümpelte die Ansage seines Ex-Chefs: „Sie brauchen morgen nicht mehr so früh aufzustehen, ihr Vertrag läuft aus, und ich werde ihn diesmal nicht erneuern.“ Alexander Wahlberg konnte es nicht fassen. Er war 63 Jahre alt, 18 Jahre schuftete er für diese Firma, mit 18 Jahresverträgen als freier Mitarbeiter und dieser junge Schnösel schnitt ihm einfach die Lebensader ab. Einfach so. Zwar war seit Jahren klar, dass man erst mit 67 Jahren in Rente gehen dürfe, aber wen interessierte das schon. Allerorten freie Stellen in Brandenburg nur eben nicht für die Ü60er. Wahlberg sagte kein Wort, er wandte sich ab und ging, denn er wollte auf keinen Fall seine Tränen zeigen. Aufgewühlt dachte er bei sich: Das ist das Ende. Nachts schlief er schlecht und stand am Morgen auf, wie er jeden Morgen aufgestanden war, nur nahm er einen anderen Weg. Richtung Norden. Ab in die Uckermark, zu dem brüchigen Katen, den er vor Jahren für ein Spottgeld erstanden hatte. Als Sommersitz, nur war er nie wieder dorthin gekommen.  Keine Zeit…

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