Blätter zur Kriminalgeschichte „Michmond“

Der Weiße zur Legende vom Milchmond.
Zeichnung: Petra Elsner

Zwei Illustrationen zu Milchmond sind am heutigen Sonntag entstanden, eine zeige ich: Den weißen Wolf.  Schönen Sonntagabend allerseits!

 

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Morgenstunde (53)

Zeichnung von Petra Elsner

Wochenende!!!! Die Tasten ruhen gleich still – Montag könnt Ihr die nächste Wortladung erwarten.
Für heute sind kreative Pinselübungen vorgesehen. Hier schon mal ein Entwurf zu einem Titelbildhintergrund…Ein Nachthimmel eben.

Eigentlich wollte ich keine Zeichnungen zu dieser Kriminalgeschichte anbieten, aber eine Handvoll wird es nun vielleicht doch, mal sehen was da wächst.
Die Nachtschatten auf der Banke sollten es schon sein, notfalls finden die sich auf dem Rücktitel wieder. Ein anderes Blatt könnte die Wolfs-Legende illustrieren… Alles ist noch offen, wie in einem Spiel, dass sich gleich einem Puzzle am Ende finden wird.

Entwurf zum Titelblatt von Petra Elsner.

 

 

Hier mal ein Textversuch für das Titelblatt (siehe links), aber die typographische Gestaltung kann ein Verlag fraglos viel besser als ich, ist also nur eine Arbeitsansicht.

 

Entspannte Freizeit wünscht Euch,
Petra

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Milchmond (20)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu der Kriminalgeschichte „Milchmond“ von Petra Elsner.

… Die Ermittler hatten die schlimme Nachricht erst am Abend Julie Acker überbracht. Die OP-Schwester konnte tagsüber telefonisch nicht erreicht werden. Wegen des Sturms war der ganze Operationsplan dicht zusammengerückt. Die Pausen waren kurz und unbestimmt, so entschloss man sich, auf ihre Heimkehr zu warten. Nun hocken sie in der Hofküche. Das Surren des Kühlschranks verstärkte die große Sprachlosigkeit, die nach der Todesnachricht plötzlich unter dieses Dach gezogen war. Die Botschaft war Bestätigung, irgendwie hatte Julie den Verlust seit Tagen gespürt, nur das Wie, konnte und wollte sie nicht erahnen. Alles geriet an diesem Abend aus den Fugen. Die Mutter dement, der Vater verschollen, die Schwester tot. Diese Lebensbrüche schnitten ihr Kerben ins Herz.  Wie sollte sie das alles ertragen, den Verlust und die Einsamkeit? Julie konnte die Tränen nicht mehr halten. Die Zeit dehnte sich, irgendwann fragte die erschütterte Frau schluchzend: „Wer hat sie gefunden?“
„Ein Feuerwehrmann, Otto Ehrenburg“, antwortete Franziska Korn.
„Oh, wie bitter, gerade er.“, murmelte Julie.
„Wieso, was ist mit ihm?“
„Wegen Otto hat Laura Sandberg verlassen. Sie hatten ein Techtel, aber Ehrenburg entschied sich, in seiner Ehe zu bleiben. Zuletzt kam Laura nur noch ungern nach Sandberg, aber wir hatten ja gemeinsam unsere Mutter zu pflegen.“ Julies Augen versanken beim Sprechen wieder in Tränen. Die Korn blinzelte ihrem Kollegen zu, was soviel bedeutete: Komm, Rückzug. Sie verließen das Trauerhaus. Für heute war es genug, sie wollten nur noch die Akte zum Holzdiebstahl aus der Nacht vom 24. zum 25. November einsehen. Offenbar gab es zwischen diesem Mord und dem Holzdiebstahl einen Zusammenhang, und man musste nach dem grünen Opel des Opfers suchen. Die Auskunft der Wiese-Zwillinge im Dorfkrug ließ vermuten, dass es der Täter war, der über die Döllner Chaussee mit diesem Auto davon fuhr.

Als die Dorflaternen zur Nacht abgeschaltet waren, schlürften die Schattengestalten wieder zu ihrer Moosbank. Der Kleine raunte: „Endlich haben sie die unterm Laub gefunden. Da wird die Legende vom Milchmond wieder Nahrung bekommen, wir müssen sie ihr erzählen.“ Der große Schatten nickte.
Eine Welle schwerer Gedanken überflutete Julie.  Was um Himmels Willen war nur in dieser Nacht auf der Waldstraße geschehen? Wer oder was hatte das Auto zum Stehen gebracht? Und weshalb hatte Laura den Wagen verlassen? An Schlaf war für Julie nicht zu denken. Sie öffnete die Tischschublade und griff nach den Pausenzigaretten ihrer Schwester. Sie nahm sich eine, zündete sie an, zog an ihr und hustete. Vor drei Jahren hatte sie sich das Rauchen abgewöhnt, jetzt aber glaubte sie, die Dinger wieder zu brauchen. Sie trat ins Freie, sog wieder an der Zigarette und lief ein paar Schritte. Als sie aufblickte, sah sie die Nachtschatten winken. Allein die Vorstellung, dass die Beiden auf sie gewartet hatten, wärmte ihr leidendes Herz. Die Frau hockte sich still auf die Bank und die andere, hinter der Gardine, trat kopfschüttelnd zurück in Dunkel. Sie sah nur wie die junge Nachbarin mutterseelenallein auf der Bank saß – was für ein seltsamer Anblick.
Julie hörte indes schweigend den Moosgestalten zu und rauchte. Nun ächzte der große Schatten: „Es ist schon fast vergessen, aber vorzeiten erzählten sich die Frauen in der Schorfheide diese Legende: Wenn es im Winter einen großen Milchmond gibt, holt sich der weiße Wolfsmann eine Braut, begehrt sie eine Nacht lang und versenkt sie Morgengrauen im Reich der Toten. Fortan erscheint sie als weiße Frau immer wenn es wieder einen Milchmond gibt und geistert durch die Nacht.“
„Herrje, müsst ihr mir auch noch Schauergeschichten erzählen“, stöhnte Julie. Sie stand ruckartig auf und verließ die Schatten. Aber natürlich würde sie noch den Wirt vom Krug nach dieser alten Sage fragen – morgen oder übermorgen…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

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Morgenstunde (52)

Im Frost.

Heute mal krimifrei. Die Tasten dürfen gleich ruhen, zugunsten eines Waldspaziergangs, sonst rutscht mir die Geschichte noch in die Träume. Die Schreiberin driftet in dieser Schöpfung wieder in ein Eigenleben, fernab der Realität. Mein Liebster versinkt derweil mit viereckigen Augen im Olympiaschnee. Ich schau nur finale Entscheidungen, um dann gleich wieder zurück in die Geschichte zu schleichen. Das ist auf die Dauer nicht so gut, Pausen müssen sein.
Gestern Abend habe ich mal auf die Statistik der Blog-Leser des gestrigen Tages geschaut. Da geht es zurzeit sehr leise zu, offenbar schleppen sich die meisten Leute mit ihrer Grippe nur noch ins Bett oder tragen schwer an ihren roten Faschingsnasen. Was mich allerdings verwunderte, es gibt einen Mitleser auf Singapur. Hey, wie schön! Ich möchte Euch dort draußen in den Weiten des Netzes durchaus mal ermutigen, hier einen Kommentar zu schreiben, damit man/frau sich kennenlernen kann. Wie auch immer, habt einen schönen Tag alle miteinander, kuriert Eure roten Nasen und macht Euch glücklich!

Eure Petra

Blogstatistik

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Milchmond (19)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kinimalgeschichte „Milchmond“ von Petra Elsner

… Stunden später wurde das Opfer rechtsmedizinisch untersucht und es war bald  klar, das Tötungsdelikt ging mit einer Vergewaltigung und schweren Misshandlungen einher. Ein exakt gesetzter Messerstich ins Herz, machte dem Martyrium der jungen Frau schließlich ein Ende. Die Winterkälte konservierte den traurigen Zustand, der keinen Zweifel über den Tathergang bei den Experten hinterließ. Auch DNA wurde entdeckt: Graues Haar, Hautteilchen und Sperma. Druckstellen – offenbar von den Händen des Täters – verrieten, er muss groß und kräftig gewesen sein, und er hatte die seltene Blutgruppe AB positiv.
Im Sandberger Dorfkrug hatten zwei Ermittler der Mordkommission Prenzlau ihr ambulantes Büro einen Tisch aufgeschlagen. Dem Wirt war das nicht recht, er hatte an seinem Ruhetag nur für die Feuerwehrleute spontan geöffnet, um den Helfern einen warmen Platz und eine deftige Bohnensuppe auszugeben. Strom gab es noch nicht, aber der alte Kachelofen spuckte wohlige Wärme und Kerzen spendeten ein schummriges Licht. Mit quenglicher Stimme fragte Uhrig: „Möchten Sie vielleicht was Heißes? Tee, Kaffee oder Bohnensuppe? Der Gasherd macht‘s möglich, nur Wasser ist knapp.“
Die zwei Kriminaloberkommissare entschieden sich für Suppe und Tee. Als der Wirt servierte, dankten sie höflich und begannen zugleich mit ihren routinemäßigen Fragen. Oberkommissarin Franziska Korn sah Uhing ruhig an: „Irgendwelche Fehden im Dorf, von denen wir wissen sollten, Herr Wirt?“
„Nichts von Bedeutung. Sandberg ist ein stilles Dorf. Es gibt fast nur noch alte Leute hier, von einer Handvoll Ausnahmen abgesehen. Die Ackerschwestern wären bestimmt auch schon weggemacht, hätte der republikflüchtige Vater ihrer Mutter nicht so ein elendes Leben beschert. Der hat sich über Ungarn rausschleusen lassen und sie bekam Berufsverbot. Sippenhaft eben. Geputzt hat die gelernte Drogistin im Hotel bis sie das große Vergessen erwischte. Ein Scheißleben. Aber die Mädchen haben gut zu ihr gehalten. Nur miteinander hatten sie ab und zu ein bisschen Stress. Zicken-Alarm, mehr nicht. Letztes Jahr ist Laura nach Berlin gezogen. Wissen Sie, Distanz und Nähe, dass ist auf dem Dorf immer ein Drahtseilakt, da ist es manchmal besser,  eine Zeitlang Abstand zu wahren.“
Der Wirt wollte sich zurückziehen, aber Ermittler Eberhard Stark, rückte ihm einen Stuhl neben sich zurecht: „Erzählen Sie weiter, weshalb hatten die Schwestern öfter Streit?“
Uhlig schniefte: „Ach, nichts Besonderes. Laura lebte gerne auf großem Fuße und kam deshalb mit ihrem Gehalt als Altenpflegerin nicht gut aus. Sie pumpte sich bei jedem was, der dazu bereit war. Die meisten schwiegen darüber, aber ihre große Schwester hat ihr oft die Ohren langgezogen.“
Die Tür ratschte, Püschel und Ehrenburg traten grüßend ein. Klopften sich den Schnee von den Jacken und schleppten sich an den Kachelofen. Sie waren müde und erschüttert. Der Feuerwehhauptmann sprach mit gesenktem Blick in den Gastraum: „ Wir haben ein Holzkreuz und ein Grablicht am Fundort aufgestellt.“
Anna Uhlig hatte ihre winzige Küche verlassen und brachte den Männern am Ofen dampfende Suppenschüsseln: „Hier Jungs, damit ihr ein bisschen auftaut.“ Sie streichelte die Zwei mit ein paar Strichen über deren Arme, Worte fand die scheue Frau des Wirtes nicht. Schnell war sie wieder in ihr Reich verschwunden als wäre es ein sicherer Ort.
Draußen heulte der Sturm. Trotzdem war es so leise in Sandberg als hielten alle den Atem an, wie immer, wenn der Tod in ein Haus gekrochen war. Leben und Sterben sind auf dem Land noch so nah, dass das Leid anderer gefühlt wird…

© Petra Elsner
Februar 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

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Milchmond (18)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte „Milchmond“ von Petra Elsner

… Windböen in Orkanstärke warfen am nächsten Morgen hunderte Bäume in der Schorfheide um und einige waren in die Überlandstromleitungen zwischen den Walddörfern gefallen. Kein Strom in Sandberg. Die ersten Pendler kehrten in den Ort zurück und brachten die Freiwillige Ortswehr auf Trab. Beide Landstraßen waren durch gestürzte Stämme blockiert. Nirgends ein Durchkommen und Zuhause kein Licht, kein Wasser, keine Heizung. Der erste Wintersturm hatte das öffentliche Leben komplett stillgelegt, kaum später kam der Schnee. Nass und schwer, überall im Wald brachen krachend Kronen zu Boden. Es war gefährlich für die Blaulichter mit ihren Motorsägen am Straßenrand. Besorgt hob Alex Püschel seinen Blick, wartete die nächste Böe ab, dann arbeitete sich der Feuerwehrchef bis zur nächsten Ausweich-Nische an der schmalen Asphaltpiste vor. Dorthin stapelten sie Meterschnitte. Die Männer hatten Mühe, sich aufrecht zu halten und stemmten sich in den eisigen Wind. Otto Ehrenburg musste pinkeln, deshalb lege er die Säge beiseite und trat er etwas weiter in den verschneiten Busch. Die Ohren nach knackenden Geräuschen gespitzt, jeden Augenblick könnte etwas niederbrechen. Dort, wo er stand, linste etwas Rotes aus dem Schnee. Ein kleiner Stadtrucksack. Wie er sich danach bückte, schreckte er zurück: Unter welkem Buchenlaub und Schnee lag ein lebloser Körper. Ehrenburg schrie: „Nein, nein, bitte nicht!“ Die Männer dachten, ihr Kamerad hätte sich verletzt, deshalb liefen sie alle zu jener Stelle von der sein Aufschrei kam. Ehrenburg weinte, während er aufgewühlt vorsichtig das Gesicht der Toten freilegte. Grau und geschunden sah es aus und die Sandberger Wehr stand steif vor Schreck im Halbkreis um den grusligen Fund. Es war ihre Laura.
Alex Püschel trat beiseite und tippte in sein Handy den Notruf der Polizei. Es knackte ein paar Mal dicht neben ihm, dann prallte der nächste Baum mit dumpfem Knall auf die Waldstraße. Es wird dauern, bis die Kripo hierher durchkommt.

Der Spurenleser besah sich den Tatort und schüttelte seinen Kopf. Er griff nach dem weißen Seidenstoff, der wie ein Schleier über dem toten Körper lag: „Diese angerichtete Szene! Sie dürfen nicht glauben, was Sie sehen. Sie kann auch hergetragen worden sein. Und dieser Schleier – als sollte er die Tat bedecken oder eine Braut aus ihr machen.“ Er zückte seine 20fach vergrößernde Lupe und besah sich den Boden dicht um die Leiche. „Die Frau ist schon länger tot. Reichliche zwei Wochen vielleicht. Ein Wunder, dass die Waldtiere nicht an sie herangegangen sind.“ Der Mittfünfziger hatte sich seine jungenhafte Neugier gut bewahrt und scheute sich nicht, ganz dicht an den schaurigen Fund heranzugehen. Jedes einzelne Schandmahl konnte er betrachten, ohne auch nur einen Schauer zu empfinden. Der Kommissar hingegen war durch die unzähligen Gewaltdelikte, die er zu sehen bekam, mit der Zeit mürbe geworden. Dünnhäutig hielt er Abstand zum Tatort. „War da nicht dieser gewaltige, milchige Vollmond, bei dem wieder alle Verrückten unterwegs waren?“
„Kann sein“, antwortete der Spurensucher…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (17)

Öffentliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte „Milchmond“ von Petra Elsner

Julie stolperte heimwärts. Weshalb nur fuhr Laura auf der Chaussee nach Groß Dölln, sie wollte doch noch zur Tanke in Zehdenick? Hatte sie das in ihrer Rage verworfen? Vom Grübeln fühlte sich Julies Kopf schon ganz wund an. Die Kälte verstärkte ihren Zustand. Glühwein und Korn – eine üble Mischung, morgen wird sie jede Haarspitze spüren. Als die Wolken aufrissen und einen weißen Mond freigaben, blieb sie in seinem fahlen Licht stehen. Der offene Nachthimmel verriet, ein starker Wind wird aufziehen.
Aus der Stille schwappte ein seltsamer Ton. Etwas wie borkiges Räuspern. Es kam von der Bank, auf der zwei Moosgestalten hockten. „Ihr habt mir heute gerade noch gefehlt“, murmelte die Frau fröstelnd in ihren Wickelschal. Wenn ich jemandem von Euch erzählen würde, die steckten mich doch glatt in die Klapse. Die Schatten stimmten ihr nickend zu. Der Kleine rutschte ein Stück zur Seite und winkte. Julie schwankte die letzten Schritte zur Bank und ließ sich schließlich zwischen den Nachtschatten nieder. Es war kalt und die Gestalten neben ihr hatten kein bisschen Wärme für sie, aber sie sprachen mit ihr: „Weißt Du noch, wie Du früher immer in den Rehbergen gerutscht bist? In einem Pappkarton mit Laura die dünne Schneepiste hinab? Das war ein Gaudi! Zum Faschingsrodeln schauten immer zwei Seeräubertöchter aus dem Karton. Es war so ein stabiler Westkarton mit Metallecken von Eurem Vater.“ Der kleine Moosschatten schwieg nachdenklich, es schien, als würde er tief atmen und seufzen. Da sprach der große Schatten weiter: „Von Liebe hat er Euch geschrieben und der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Auf einer bunten Karte, die stets in dem Karton voll Apfelsinen lag. Aber als jener Herbst kam, in dem die Mauer fiel,  blieben seine Lebenszeichen aus. Unbekannt verzogen oder auch abgehauen zum zweiten Mal. Viele hofften in diesem milden Winter auf ein Leben in Freiheit und waren doch bald nur Beute. Dieser Herbst deckte unzählige Lügen auf allen Seiten auf.“  Julie konnte nicht antworten, sie hatte einen Klops im Hals. Sie wusste, die Nachtschatten sind erfundene Realität, aber weshalb sprachen sie mit ihr?
Ein schwerer Griff rüttelte sie wach. „Süße, willst Du erfrieren?“ Anton Müller hatte die junge Frau auf seinem Heimweg in der Nacht entdeckt, griff ihr unter die Arme, stellte sie auf und schob sie die wenigen Meter bis vor das Hoftor der Familie. Ohne ein weiteres Wort verzog sich der Helfer dieser Nacht, es war in Sandberg nicht üblich, kleine Peinlichkeiten zu kommentieren…

© Petra Elsner
Februar 2018

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Morgenstunde (51)

Die kleinen Dinge: Die neue Gartenflagge für den Saisonstart 2018 am Sonntag, den 6. Mai.

 

Windzerfetzt: Die Saisonflagge 2017 hat die Stürme des Jahres nicht gut ausgehalten.

Als ich gestern Nachmittag durch den Garten spazierte, um ein bisschen Sonnenlicht abzubekommen, fiel mein Blick auf die zerfledderte Flagge neben dem Lesepult am Teich. Hm, dachte ich, da wartet noch so eine Kleinigkeit, die bis zum Saisonstart im Lesegarten erneuert werden sollte. Also bin ich rein, hab umgehend Stück Leinen zugeschnitten, gesäumt und einen meiner Trommler aus der Reihe „Paradiesvögel“ in die Fahnen-Ecke gesetzt. Beidseitig bemalt. Der darf im Mai die Saison 2018 ausrufen.
Auf dem Schnappschuss mit der windgebeutelten Flagge (rechts) sieht man, auf ihr knatterte kein Schräger Vogel, was selten ist, aber es gibt eben Jahre, da ist einem nicht nach Spielzeugen. Dieses Jahr schon. Auch wenn es mir vor den Reparaturarbeiten auf dem Hof einigermaßen grault: Türen, Tore und Zäune brauchen frische Farbe…
Aber noch herrscht Winterruhe draußen. Drinnen ist – Wochenende!!! Habt alle miteinander ein schönes!

Eure Petra

 

Notabene: Mit der öffentlichen Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte „Milchmond“ geht es am Montag weiter…

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Milchmond (16)

Öffenliche Winterschreibarbeit zur Kriminalgeschichte „Milchmond“ von Petra Elsner.

… Der Abend kippte. Im Dorfkrug sinnierten die Einheimischen, wer, wann Laura wo zuletzt gesehen hatte. Selbst der Wirt fand zu seiner Sprache zurück und nuschelte irritiert vor sich hin: „Laura würde doch nie einfach verschwinden. Selbst wenn sie noch so sauer wäre, sie würde eine Ansage machen, bevor sie in irgendeinen Flieger stiege.“
Die Zwillinge waren sich einig, sie hatten am späten Abend des 24. Novembers ihren froschgrünen Opel auf der Chaussee nach Groß Dölln gesehen. Klaus war unschlüssig: „Wir kamen gerade vom Skat bei unserem Golliner Kumpel. Ob da allerdings wirklich Laura drin gesessen hat, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Dazu war es natürlich zu dunkel. Jedenfalls sind wir dort ihrem Blitz begegnet.“
Julie nickte: „Das war kurz nach der Zeit, als Laura stinksauer den Hof verließ. Wir hatten uns wieder einmal in den Haaren. Nichts Besonderes. Ihr wisst ja, sie ist ein bisschen verschwenderisch, borgt sich schnell mal Kohle und gibt sie dann ewig nicht zurück. Ich bin gerastet und sie ist demonstrativ davon gerauscht – mit scheppernden Türen und bösen Worten.“
„Aber, dass sie ihren Pflegeschichten bei eurer Mutter nicht nachkam, das ist doch außergewöhnlich oder“, fragte Dörte.
„Ja, stimmt schon“, antwortete Julie, „Das kam noch nie vor, aber ich dachte, vielleicht war für sie das Maß einfach mal voll. Schließlich liegen bei uns beiden die Nerven blank. Die Pflege der Mutter – es ist hart zu erleben, wie sich ein Menschkopf nach und nach entleert. Da ist es nicht unverständlich, wenn eine die Chance ergreift, um sich mal wegzuducken.“
„Das denkst du“, wunderte sich die alte Rosa, „das deine Schwester den Streit zum Anlass nahm, um  sich eine Auszeit zu gönnen?“
Julie murmelte: „Irgendwie schon.“
„Das glaube ich nicht!“ mischte sich Anton ein. „Sie ist zwar eine Verschwenderin, aber ich kenne keine bessere Altenpflegerin. Als sie letztes Jahr noch im Dorf lebte, hatte sie meine Mutter betreut, da gab es nie etwas auszusetzen. Das Mädel ist wie ein Uhrwerk, absolut zuverlässig bei den Alten.“
Die Leute im Dorfkrug wurden plötzlich beklommen still, keiner sprach aus, was alle dachten. Dumpfe Ahnungen hocken zwischen allen Stühlen: Etwas Schlimmes musste geschehen sein…

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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Milchmond (15)

Öffentliche Winterschreibarbeit 2018 zur Kriminalgeschichte „Milchmond“ von Petra Elsner.

… Am Wanderer-Rastplatz loderte seit 18 Uhr ein Feuer und die Sandberger Bläser schmetterten Lieder zur Ankunft des Advents. Der Pfarrer teilte gut gelaunt Textblätter aus, Lesebrillen hatte er auch in seinen schier unergründlichen Manteltaschen dabei, auch Hustenbonbons und Taschentücher. Wer wollte, stimmte in den brüchigen Gesang mit ein, die anderen nippten am heißen Glühwein und genossen einfach den Abend im Feuerschein. Julie Acker stand still dabei, es war winterlich in ihrer Seele und in ihren Kopf hämmerten schwere Gedanken. Was könnte nur geschehen sein? Sie musste das Dorf einweihen, schon um ihre Kräfte zu potenzieren und außerdem war Laura eine von ihnen. Aber nicht gleich, die Leute sahen alle so froh und entspannt aus, da würde eine derartige Nachricht die ganze schöne Stimmung verderben. Vielleicht wäre es am besten, es nur Marlene zu erzählen. Die schafft bei „Löwenmenü“, diesem Essen auf Rädern, Montagsabend wüssten es alle. Aber Sandbergs Litfaßsäule war nicht unter den Sängern am Feuer. Das knisterte und stiebte Funken wie Sterne. Julie entschied sich lieber für den zweiten Glühwein mit Schuss. Die vier Jagdhörner tönten „Stille Nacht, heilige Nacht…“ Wo, um Himmels Willen, war Laura? Julie war bitter drauf und der Alkohol verstärkte es. Das war natürlich dem einen oder anderen in dieser Stunde nicht entgangen, es war nur eine Frage der Zeit, dass Dörte zu ihr trat und fragte: „Was ist los? Sorgen mit der Mutter?“
„Mit der auch, aber mit meiner Schwester stimmt etwas nicht. Ich musste gestern eine Vermisstenanzeige aufgeben.“
„Was?“ reagierte Dörte erschrocken. „Seit wann hast Du nichts mehr von ihr gehört?“
„Seit der Nacht, als Rosas Wald geklaut wurde.“
„Das ist ja schon über zwei Wochen her!“
„Eben.“ …

 

© Petra Elsner
Februar 2018

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