Das Nebeltor (9)

Öffentliches Schreiben an einer Geschichte:

… Flora wanderte zurück und nahm dann den Abzweig zum Sternensee. Sie grübelte unterwegs. Ist das hier nicht das wirkliche Leben? Was ist es dann? Ein Zwischenraum? Eine Scheinwelt? Ein Traum? Sie kniff sich in den Arm, autsch, nein, kein Traum. Ist Zeit nicht einfach da, wie das Wasser im See? Wie kann sie einfach verschwinden oder bin ich aus der Zeit gesprungen, als ich durch das Nebeltor ging? In Floras Kopf surrten die Gedanken. Dabei spürte sie kaum, wie sie vorankam. Erst das helle Licht über dem Sternensee weckte wieder ihre Aufmerksamkeit und ihr Blick fiel auf einen Mann, der im seichten Uferwasser saß. Doch, sie hatte ihn schon einmal gesehen, in jener mysteriösen Gewitternacht am Fenster. Aber seine Gestalt änderte sich gerade, die Beine wandelten sich zu einer Flosse. Der Wassermann mochte es gar nicht, wenn ihn jemand während seiner Verwandlungen zusah. Flora hatte keine Chance, ihn noch anzusprechen, denn im Nu tauchte er, halb Mann, halb Nix, ab in die Tiefe des Seewassers, nur sein wassergrüner Hut schwamm noch am seichten Ufer. Flora nahm ihn auf, sie würde dem Nix schon noch begegnen. Doch er blieb vorerst verschwunden. Flora durchschwamm den sternförmigen See, sie tauchte sogar nach dem Wasserwesen. Nichts, nur Fische und Schlamm waren zu sehen. Sollte sie an diesem Ufer warten oder einen anderen Wasserplatz aufsuchen? Sie sah in die Unzerbrechliche und befragte sie: „Kann es sein, dass der Nix zu einem anderen Wasser aufgebrochen ist?“ In der Unzerbrechlichen drehten sich alle Bilder, es war, als suchte sie nach dem Nix und fixierte schließlich den Flusslauf der Ucker. Das blaue Band floss weiter durch das Kuppenland von See zu See. Obenauf schwamm der Richtungspfeil unaufhörlich hin und her, also schien der Nix unterwegs zu sein. Flora blieb an diesem Ufer und betrachtete die tanzenden Sonnenfunken auf dem See. Im Schilfgürtel sang eine reiche Vogelwelt und Fische sprangen ab und zu aus dem Wasser. Fast hätte sie ihren Auftrag vergessen. Doch da wellte sich auf einmal der Wasserspiegel und eine brummige Stimme rief nach ihr: „Du hockst ja immer noch auf meinem Lieblingsplatz. Der Nix stieg aus dem Wasser und setzte sich tropfend zu ihr. Flora reichte ihm lächelnd seinen Hut.
„Danke. Und nun erzähle schon, warum wartest du auf mich?“
„Ich muss den Sumpfgeist Uldis umgehen, um an das Elixier der Freude zu gelangen. Die Welt braucht es unbedingt.“
„Das wird dir kaum gelingen“, murrte der Wassermann. „Niemand kann das, er ist einfach zu mächtig geworden.“
„Agata meinte aber, du könnest mir beistehen!“
„Ach was! Die weise Stimme aus dem Sumpf kann ja viel behaupten und vielleicht war es ja auch einmal so, aber das ist längst Legende. Uldis ist das trickreiche Böse an sich geworden, kaum zu glauben, dass er mein Bruder ist.“
„Gibt es denn keine List, die mich an ihm vorbeiführt?“, fragte Flora. „Doch, denn Wasser- und Sumpfgeister sind nicht unsterblich. Das größte Unglück, dass ihnen widerfahren kann, ist die Austrocknung. Vor Zeiten, als die meisten Sümpfe des Kuppenlandes für die Ackerlandgewinnung entwässert wurden, wäre Uldis beinahe gestorben. Er wurde zu meinem Untermieter im Schlick meiner Seen. Das rettete ihn vor dem Vergehen, was er wohl vergessen hat, aber seither ist er schlecht gelaunt. Viele Sümpfe sind längst wieder geheilt, aber seine Seele nicht. Er sucht nach Vergeltung für sein Leid. Es waren die Menschen, die sein Sumpfland entwässerten, nun rächt er sich an ihnen, indem er ihnen die Freude raubte. Ich kann dir nicht helfen, kleines Mädchen, wer verrät schon seinen Bruder?“
„Du sollst ihn doch nicht verraten. Denk nach, gibt es nicht doch eine Möglichkeit, ihn zu umgehen oder besser noch, ihn umzustimmen?“
„Seit er so wütend ist, kann man nicht mehr mit ihm reden. Er sieht nur noch seinen Schmerz. Einen, der nicht zuhört, kannst du nicht umstimmen.“
„Aber vielleicht kann ich sein Herz berühren?“
Der Nix schwieg nachdenklich. Dann murmelte er: „Womit sollte dir das gelingen?“ Flora sah über das Wasser: „Ich weiß es nicht, aber ich denke, was mein Herz berührt, könnte auch seines berühren. Ich muss nachdenken.“
Das Licht senkte sich langsam über dem Sternensee. Noch flimmerte ein glutroter Sonnenball am Himmel. Der Nix und das Mädchen blickten gebannt auf seinen Untergang. Als sich das Rot im See ergoss, wussten beide, es gibt etwas, dass jedes Herz berührt und der Nix sprach es aus: „Der Spiegel der Natur, mit ihm könnte es gelingen, Uldis’ hartes Herz zu erweichen. Wir sollten uns von Ella, der Hüterin der Quellen, dabei helfen lassen. Sie benutzt eine feine Magie, die jedes Wasserwesen zum Leuchten bringt.“
Flora lächelt den Nix an und sprach aufgeregt: „Lass uns aufbrechen.“ Der Nix sprang in einen Seewassertropfen und setzte sich als Perle in die Feuchte auf der Unzerbrechlichen, so konnte Flora ihn als Beistand mitnehmen.

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Nix-Kunstpostkarten

Der Herr der Tautropfen aus "Schattengeschichten aus dem Wanderland", gezeichnet von Petra Elsner
Der Herr der Tautropfen aus “Schattengeschichten aus dem Wanderland”,
gezeichnet von Petra Elsner

Ich hatte gerade den Herrn der Tautropfen für meine Schorfheidemärchen erfunden, da rief mich meine Freundin Trilli aus dem Alten Schulhaus in Diensdorf-Radlow am Scharmützelsee ab, ob ich nicht an einer Nix-Ausstellung im Sommer 2009 teinehmen möchte. Da ich gerade für meinen Tautropfennix in alten Sagen gekramt hatte, kam mir das gerade recht, und so zeichnete ich zwei Nixe und erzählte dazu eine alte sorbische Sage neu und bildreicher. Aus den Zeichnungen wurden zwei Postkarten. So kam es, dass sich in meinem Postkartenständer auch Karten befinden, die nichts mit der Schorfheide zu schaffen haben.

Nix als Nachtfürst, gezeichnet von Petra Elsner
Nix als Nachtfürst,
gezeichnet von Petra Elsner

Nix am Scharmützelsee, gezeichnet von Petra Elsner
Nix am Scharmützelsee,
gezeichnet von Petra Elsner

Diese Sagengestalten im Kartenformat sind in der Saison in der Touristinformation von Wendisch Rietz am Scharmützelsee erhältlich.

Und hier die Geschichte:

Der Wasserfürst vom Scharmützelsee
In einer Mittsommernacht ritt der alte Nix auf seinem Wellenross über

den Scharmützelsee. Er grummelte so dumpf wie die Gewitterfront in
seinem Nacken. Seine schönen Töchter waren vom Mittsommernachtsball noch
nicht zurückgekehrt, und der Wasserfürst fürchtete das Schlimmste.
Würden sie sich in einen Menschenmann verlieben, verlören sie ihre
Unsterblichkeit.
Der alte Nix hasste jene helle Nacht, in der sich  seine Töchter ihrer Flossen entledigten, um in Mädchengestalt zu tanzen.  Wütend peitschte er das Wasser, das sich dabei zu einer mächtigen Welle auftürmte, die zwei entsetzte Fischer mit ihren kleinen Booten ins  Schilf schickte. Kopfschüttelnd sahen sie dem alten Zausel nach, der mit wehendem Leinenjäckchen und rotem Krönchen seinem väterlichen Zorn frönte.
Zwischen Diensdorf und Radlow tanzten die Nixen mit dem Wind
über die sumpfigen Wiesen, die so zart gesprenkelt blühten, als hätte
ein Maler Hand angelegt. Ihre weißen Gewänder flatterten wie Segel.
Längst klebten ihre Tanzpartner Halt suchend an knorrigen Weiden, als
der Nix vor sie hin schwappte und sehr bös dröhnte: „Es mag ja sein,
dass der Sonnengott in dieser Nacht seine höchste Macht erreicht hat,
aber alles, was aufstrebt, wird auch wieder sinken, und ihr, meine
Töchter, seid Kinder des Wasserfürsten und habt nur ihm zu gehorchen.“
Die jungen Nixen aber waren so verzückt von der Fülle der Zeit und den
schönen Jünglingen, dass sie nicht gewillt waren, ihrem Vater sogleich
zu gehorchen. Nein, einmal nur, wollten sie ein loderndes
Sonnenwendfeuer erleben und schweigend sieben Sorten wilder Blumen von
sieben verschiedenen Wiesen pflücken, um zu erfahren, wen sie freien
werden. Sie kicherten und entschwanden in den Holunderbüschen.
Da schickte ihnen der Nix einen mächtigen Schwall. Das Feuer zischte und
das Wasser flutete die Wiesen, in denen nicht nur seine Töchter Blumen
suchen. Es sah so aus, als würde der See das Land nehmen wollen. Blitze
zuckten, und Wind peitschte die Wellen. Von den Fluten eingeholt,
wuchsen den Nixtöchtern augenblicklich wieder Flossen.
Fortan hatten  die Nixen ländliches Tanzverbot, und damit sie sich daran auch halten, streift der alte Nix seither von Sommerfest zu Sommerfest. Gut
verkleidet, allein am feuchten Saume seiner Jacke kann man ihn erkennen.

© Petra Elsner

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