Morgenstunde (1149. Blog-Notat)

Jeden Tag kommen jetzt ein, zwei Heft-Bestellungen per Mail bei mir an. Die bringen ein angenehmes Tempo in meinen Tag, ohne mich zu übernehmen. So viele wie rausgehen, baue ich nach, es muss keine Halde wachsen. Für den Rest der Woche haben sich Gäste angesagt, für sie backe ich heute meinen Quark-Kuchen mit Sauerkirschen, den hat mir noch nie einer abgeschlagen 😊. Auf die Abwechslung freue ich mich. Im Garten komme ich so gar nicht voran, dafür fehlt mir dieses Frühjahr vollends die Kraft, selbst Nachbars Kater schaut schon entsetzt, wenn er mich nach ein paar Mal bücken japsen hört. Das Gärtnern fehlt mir sehr. Schauen allein, reicht mir nicht wirklich…

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Morgenstunde (1148. Blog-Notat)

Der Kurtschlager Damm

Heute kam ich nicht zum Heft-Bau, wir mussten nach Finowfurt, um dort den Reha-Antrag beim Lungenarzt abzuholen. Wenn die Krankenkasse den bestätigt, dann wird das meine allererste Reha sein. Oft habe ich mich gefragt, weshalb ich weder nach meiner Brustkrebs-OP, dem Beinbruch, den etlichen Exazerbationen (COPD-Schübe) nie eine Reha bekam. Es ist ganz simpel: Ich habe nicht gefragt. Ich dachte immer, so etwas wird einem angetragen. Aber offenbar hatte der Psychosozialer Dienst in meinem Falle immer frei und Lungenärzte haben mich das nicht wissen lassen. Vor rund 20 Jahren wurde diese Krankheit bei mir erkannt… Aber gut, diesmal habe ich gefragt und nun bekomme ich vielleicht für meine letzte Lebenszeit die nötige Hilfe, um länger auf den Beinen zu bleiben…

Auf dem Heimweg stießen wir auf einen stehenden Verkehr kurz vor dem Abzweig nach Groß Dölln. Mein Liebster wendete geistesgegenwärtig und wir nahmen den einzig möglichen Umweg über einen Kopfsteinpflasterdamm von Schluft nach Kurschlag. Unterwegs kamen uns etliche Blaulichter entgegen, es war klar, es würde Vollsperrung bedeuten und sehr bald würden uns auf diesem schmalen Damm mächtige LKWs entgegenkommen. Wir waren gerade Zuhause, da holperte die Karawane an… Glück gehabt.

Morgenstunde (1147. Blog-Notat)

Gestern habe ich auf Facebook die erste kleine Besprechung meiner Novelle FLÜSTERTON bekommen.
Reinhard Gundelach schrieb dort:
Die Novelle „Flüsterton“ von Petra Elsner ist eine stille, doch bewegende Geschichte mit vielen berührenden Momenten der Jetztzeit, die die Autorin für Frau und Mann gefühlvoll eingefangen hat. Zum Inhalt schweige ich. Den muss man sich erlesen, wie bei jedem anderen literarischen Werk. Mir war nach dem Lesen, des vollständigen Textes ganz, ganz anders als nach den von Petra eingestellten Textfragmenten vor längerer Zeit. Da funkelt Lebensweisheit und selbst erfahrenes Leben durch. Ich kenne die Autorin schon Jahrzehnte und ihre Lebensgeschichte. Ich rate meinen FB-Freunden: Kaufen und lesen! Kontaktiert petraelsner@gmx.de. Nicht oft sind von Autorinnen oder Autoren handgefertigte, dazu noch selbst illustrierte Bücher im Buchhandel erwerbbar.

Ich bin sehr dankbar für diese Wahrnehmung, lieber Reinhard. Und ich weiß es zu schätzen, dass der „Faule Poet“ (er nennt sich selbst so) vom Vielitzsee, sich aufgerafft hat, für mich Worte zu finden 😊

Den Samstagnachmittag schenkten wir einer alten Freundin, die gerade ihr Leben sortiert und seit Jahren in einem schwerwiegenden Scheidungskrieg steckt. Wir hatten uns bestimmt fünf Jahre nicht mehr gesehen und da stand sie plötzlich vor der Tür. Fast vier Stunden intensives Reden, ich hatte mehrfach feuchte Augen, ob ihrer Situation. Hach, möge sie Halt finden und neu ankommen. Normalerweise reicht meine Kraft für solche intensiven Gespräche nicht mehr über Stunden. Es frisst meine Energie und das viele Sprechen, nimmt mir den Atem, aber sie brauchte es und ich ging anschließend für eine Stunde ins Bett.  Außer Haus, also auf fremdem Terrain, gehen solche kraftraubenden Begegnungen gar nicht mehr. Selbst, wenn man mich hinfahren würde. Heute gehen wir in den Sonntagsmodus… habt alle einen schönen Tag!

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Morgenstunde (1146. Blog-Notat)

Nun, werktätige Menschen werden heute vielleicht enttäuscht in das Regengrau schauen, aber ich finde es schön, dass es endlich regnet. Als ich gestern ein paar Pflanzen setzte, staubte die Gartenerde, so trocken ist es schon wieder. Also gönne ich der Natur die paar Tropfen, die hier im Nord-Osten Brandenburgs noch ankommen. Der Imkergatte hat die letzten Tage seine Frühjahrsarbeit an den Bienen wieder aufgenommen. Zwischendurch schleppt er Weidenschnitt und staucht ihn in die Trockenhecken. Er hat auch begonnen den Gehölzschnitt zu verbrennen. Zwei Jahre hatte sich da was angesammelt, nicht nur wegen der vergangenen Lebensschwere. Es war einfach, wenn er Zeit hatte, zu trocken und der Wald zu nah… Aber dieser Tage lichten sich die wilden Ablagen. Ich bin ganz glücklich über seinen Einsatz, denn der Garten war ja vornehmlich meine Freizeitarbeit… das ändert sich – leider. Aber, wenn ich sehe, wie stolz er ist, mir das abzunehmen und wie froh es mich macht, dass er sich nicht genötigt fühlt, dann wird es leicht, die Dinge anzunehmen 😊. Ja.
Ich habe indes ein fettes Suppenhuhn (3,6 kg vom Fleischer) zu rund 10 Litern Hühnersuppe verarbeitet. Das letzte vor der warmen Zeit. Der Froster ist voll 😊. Mein alter Lungenprof meinte immer: „Hühnersuppe, Hühnersuppe!“ Ich halte mich daran. In den Zwischenräumen baue ich weiter Künstler-Hefte und tüte ein. Als wir Donnerstag zum Beutezug der Woche starteten, sah ich, überall schön die Ostereierbäumchen leuchten, das hatte ich noch nicht auf dem Schirm, abends lachte auch unser Bäumchen mit seinen bunten Eiern. Es geht aufwärts im Jahr. Wünsche ein schönes Wochenende allerseits.

Morgenstunde (1145. Blog-Notat)

Wenn man Kunst produziert und schriftstellerisch tätig ist, muss man die Dinge in die Öffentlichkeit tragen oder man kann sich einen Agenten leisten 😊. Man sucht sich seinen Verlag und Ausstellungsplätze, stellt aus und gibt Lesungen. All das habe ich gut 35 Jahre lang gemacht und doch haben sich kaum Türen geöffnet. Die Sängerin und Musikproduzentin Annette Humpe sagte jüngst in einem Podcast: „Für den Erfolg muss man auch durchgewunken werden.“ Also reingelassen in die Szene, besprochen werden in den Medien. Das zum einen, zum anderen nannte Rowohlt-Herausgeber Paul Auster als ein Entscheidungskriterium für den Erfolg eines Schriftstellers in seinem Verlag: „Er muss vorzeigbar sein.“ Das hatte ich im Ohr, als ich entschied, keine Lesungen mehr zu geben. Das Atmen, Ihr wisst schon…  
Wenn Künstler chronisch erkranken und möglicherweise das Rausgehen in die Welt nur noch bedingt möglich ist, dann kann man aufgeben oder man muss sich andere Kommunikationswege suchen.
Künstlerisch Schaffen, das ist gewissermaßen mein Lebenselixier. Der Grund aufzustehen und der Wunsch, mich mit meinen Mitteln in unsere Lebenswirklichkeit einzubringen. Damit Letzteres möglich ist, musste ich mir für die Außenwirkung meiner Bücher und Bilder etwas anderes einfallen lassen: Zum Beispiel das „Öffentliche Schreiben“, die Lesekostproben, eigenes Marketing in den sozialen Netzwerken, Kombination von künstlerischen Genres wie Bildkunst & Lyrik (Gestaltete Lyrik) für virtuelle Präsentationen und nicht zuletzt diesen Blog selbst. Er ist mein Fenster zur Welt. Das Allerkleineste in dieser Reihe ist meine Atelierfensterwerbung als kleinen Hingucker für Spaziergänger. Gestern habe ich dafür den neunen Titel FLÜSTERTON dort in Szene gesetzt. Mal sehen, ob und was mir noch einfällt, denn noch ist das Ende offen…

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Morgenstunde (1144. Blog-Notat)

Die ersten sechs Künstler-Hefte sind gebunden und in Cellophan-Tüten gesichert. Nachmittags gehen sie auf den Postweg, es müssen noch Briefmarken in Zehdenick beschafft werden. Ich merke, ich bin auch beim Falten und Binden langsamer geworden, aber darauf kann ich mich einstimmen. Es ist das lange Stehen am Pult bei den Verrichtungen. Es braucht Sitzpausen, damit der Sauerstoffgehalt im Blut nicht so extrem absackt. Ein paar Minuten, dann ist er wieder im grünen Bereich.
Zuhause lässt sich das alles regeln, unterwegs – schwierig. Deshalb bin ich das auch kaum. Wie dem auch sei, ich finde, die Hefte sind gelungen, wäre schön, es käme ein Feedback 😊. Ich weiß, das ist eher selten.
Heute geht’s an die nächsten Teile, ich hab meine Freude daran. Darüber hinaus lenken mich das Bauen, auch das Schreiben gut von den Befindlichkeiten ab. Was gar nicht so leicht ist, wenn man schon vom Ankleiden am Morgen schwer außer Atem kommt. Der erste Stimmungskiller im Tag. Ich schleiche dann mit meinem Heißgetränk hinüber ins Atelier. Lese ein paar Nachrichten und fange dann langsam mit meinen Dingen an. Nichts mehr erzwingen, fließen lassen… Und immer wieder belese ich mich: was hilft den Fortgang der COPD IV zu entschleunigen? Beispielsweise keine Getränke mit Kohlensäure mehr trinken, denn die Gase können auf Zwerchfell und Lunge Druck ausüben. Instinktiv hatte ich das schon vor einigen Jahren gelassen, das Nachlesen brachte mir heute die Bestätigung… Man muss sich einfach für die Lebensführung mit dieser Krankheit sehr viel selbst erarbeiten, denn Ärzte haben bei den Terminen für solcherart Aufklärung wenig Zeit.

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Morgenstunde (1142. Blog-Notat)

So sah der Kräuterhügel noch letztes Frühjahr aus…

„Herr, schick mir einen Gärtner!“, war gestern mein Wunschflehen, als ich die Hundert Meter vom Kräuterhügel schnaufend zum Haus ging. Der angeschaffte Unkrautjäter mit Stiel taugt für diese Flächen nicht. Der ist nur nützlich auf flachen Beeten, aber nicht für diesen kleinen Feldsteingarten. Heute beim Morgenkaffee meinte ich zum Liebsten, dass wir den Hügel, samt Wasserlauf und Kleinteich aufgebeben sollten. Er macht die meiste Bück-dich-Arbeit überhaupt im Garten und so schön, wie er mal aussah, wird es nicht mehr werden. Der Liebste nickte: Das habe er gestern auch schon gedacht. Mein Sohn fragte neulich, was er helfen könnte, das wird dann sein Projekt: Abtragen und Einebnen. Die Kräuter und Sedum-Pflanzen werde ich vorher entnehmen und in Töpfe geben. Die über Jahre zusammengetragenen Feldsteine werden am Rande einen Steinhügel bilden, da kann die Ringelnatter einziehen. Was solls, wenn man einen gestalteten Ort nicht erhalten kann, muss er weichen. Mich berühren solche Abschiede sehr. Die COPD in diesem Stadium fordert ihren Tribut.
Mein Tageskapitel ist heute bereits geschrieben, weil wir nachmittags nach Prenzlau wollen. In der Novelle Flüsterton geht es aufs Finale zu, vielleicht noch ein oder zwei Seiten, dann ist diese leise Geschichte auserzählt. Es werden etwa 40 Heftseiten sein. Bei diesem Umfang braucht es keine weiteren eigenständigen Geschichten, um das Format auszufüllen. Die bereits vorhandenen Miniaturen nehme ich in die nächste Winterklausur mit. So geht es manchmal, denn eigentlich hatte ich ja die Idee: Miniaturen und gestaltete Lyrik in dieser Klausur zu thematisieren. Stattdessen wuchs da eine Novelle. Nach der Endkorrektur kann ich die Broschüre layouten und es folgt meine Lieblingsarbeit😊: Drucken, falten und beschneiden. Die wundersame Vermehrung meiner Text- und Zeichenarbeit😊 zum Klausurende. Aber noch ist es nicht soweit…

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Morgenstunde (1141. Blog-Notat)

Tag 30 der Schreibklausur und sieben Seiten weiter. Meine Freundin Ines, hat indes schubweise alles und in Windeseile Korrektur gelesen und ganz einfühlsam redegiert. Es ist ein Glück, sie an meiner Seite zu wissen und ich bin ihr sehr dankbar dafür. Wenn die Gesellschaft bröckelt, stehen wir oft ohnmächtig vor dem Scherbensalat und wissen nicht, was wir tun können. Es sind diese sehr individuellen Handlungen für einen Anderen, die es uns ermöglichen, aus dieser beklemmenden Stimmung herauszukommen. Gesellschaftlich aktiv zu sein, heißt nicht unbedingt, auf eine Demo zu eilen, es ist die Pflege der menschlichen Bindungen, die uns weiterhilft. Schritt um Schritt. So wächst wieder eine wackere Schicksalsgemeinschaft, die wir alle brauchen, um auf uns zu setzen und nicht nur trügerisch zu hoffen…
Mein öffentliches Schreiben an der Novelle „Flüsterton“ endet indes, denn es sollte schon noch Neugier auf das ebenfalls entstehende handgefertigte Künstlerheft geweckt sein. Ich hoffe, für 10 € plus Versandt, kann ich einige von Euch, wenn die Handproduktion abgeschlossen ist, interessieren. Das Feedback ist ja bisher recht übersichtlich, da weiß man nicht so recht…
Dieses Wochenende mache ich Schreibpause. Die milde Luft und das Sonnenlicht tun mir gut. Nur bei den versuchten Verrichtungen im Garten, merke ich: Zweimal Bücken, x-mal Schnaufen. Aber: Jede Bewegung bringt was, es muss nicht immer Blut und Schweiß heißen, es können auch sanfte Tai-Chi-Atemübungen sein 😊.
Weil aber das Bücken die Atmung abklemmt, habe ich mir gestern einen Unkrautjäter mit Stiel bestellt. Der verheißt, Unkrauten im Stehen ginge😊. Vielleicht ist es nur Tinnef, möglicherweise aber hilft mir das Teil, meinen kleinen Kräuterberg zu entkrauten… wenn nicht, muss ich ihn aufgeben. Habe schon letzten Herbst begonnen, Kräuter im Korb ans Haus zu holen… und dabei eigentlich nur an den Winter gedacht. Es wird sich ergeben, einen schönen Sonntag alleseits!

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Morgenstunde (1140. Blog-Notat)

Tag 21 der Schreibklausur und fünf Seiten weiter. Auf dem Papier komme ich voran, im Leben, naja. Die Minusgrade könnten endlich gehen, damit ich nach draußen kann und mit Sonne und Licht vielleicht besser atme. Es sind beladene Tage, denn wir beiden müssen erst mal lernen, damit zu leben: 25 Prozent. Ich spürte es schon seit drei Wochen, schnell trieselig, noch mehr Pausen. Aber wenn es ausgesprochen wird, ist das wie eine Wucht. Und man steht an diesem Abgrund und weiß nicht, wie lange es einen dort hält. Das steckt im Hinterkopf, während wir weiter machen. Der Liebste hat Ansaat-Erde mitgebracht, da werde ich am Wochenende Tomaten, Gurken, Paprika in den Minigewächshäusern aussäen, eine Vorausschau auf die wärmere Zeit…

Flüsterton (1)

Erste Lesekostprobe zur Novelle von Petra Elsner:

Er begann ihr etwas zuzuflüstern. So leise, dass sie es kaum verstand: „Du musst aus der Tiefe schöpfen.“ 
„Was?“, fragte Ronja mit einem Räuspern. Die Stille brach und das Gesagte verschwand, indem der Flüsterer eilig den Wartebereich der Notaufnahme verließ. Die vier wartenden Personen sahen einander an, als hätten sie diesen Moment wie Verschworene erlebt. Doch außer Ronja dachten die anderen nur – einer weniger, wie lange noch? Sie saßen schon Stunden in diesem offenen Raum, aus dem sich Gänge – ins Labor, zum Röntgen, zur Intensivstation – schicksalhaft hinaus wanden. Draußen vor der Tür tönte die Welt sprachlos gegen das Entgleiten, wie die letzten Worte vor der Narkose von Oskar, dem frischen Unfallopfer.

Seinetwegen warteten sie. Ronja war in Gedanken versunken. Der Mann hatte sie aufgeschreckt. Wie konnte er es wagen, sich in ihre Gedanken zu mischen? Der letzte Gedanke führte doch gerade in geheimes Leben – tief in ihrem Inneren. Wie war das doch gleich? Wenn die Stille hauchdünn summt, vertiefen sich die Sinne, die Zeit ist ausgeschlossen und es filtern sich…
„Frau Kiekebusch? Ronja Kiekebusch?“ Ronja war irritiert, als sie ihren Namen hörte und schreckte auf: „Ja, hier!“ Dann stolperte sie dem Aufruf nach. Der Arzt verwies sie, kurz angebunden, auf den Stuhl neben seinem Schreibtisch. Dann starrte er auf seinen Monitor und sprach ohne sie anzusehen: „Das CT weist einige Vernarbungen in Ihrer Lunge auf. So etwas sehen wir jetzt recht häufig nach Corona. Wir beobachten das erst einmal und machen nächstes Jahr wieder ein CT, dann wissen wir mehr. Vielleicht. Für alles weitere wenden Sie sich an Ihren Hausarzt.“
Ohne ein weiteres Wort stand Ronja Kiekebusch wieder vor dem Krankenhaus. Dürrer Ostwind blies ihr ins Gesicht. Vernarbungen also. Und für diese knappe Auskunft durfte ich stundenlang warten? Na fein, dachte sie missmutig. Ihr war kalt, und die eisige Luft stach beim Atmen. Sie zog den Schal über die Nase. Linkerhand sah sie durch ein großes Schaufenster in die Cafeteria des Hauses. Dort saß der Flüsterer.  Die Frierende drehte um, holte sich am Tresen einen Pott Kaffee und ging damit auf den Zeitung lesenden Mann zu. „Was hat Sie eigentlich geritten, mir etwas ins Ohr zu hauchen?“ Er blickte erstaunt auf und murmelte: „Das mache ich immer so bei nachdenklichen Menschen. Glauben Sie mir, dass kommt nicht oft vor. Meistens sieht man ja nur die stillen Verzweifelten.“ Jetzt lächelte er: „Setzen Sie sich doch. Ich bin Hannes Wagner, und wer sind Sie?“ „Ronja Kiekebusch. Der Tag ist eh versaut, schlimmer wird es ja wohl nicht werden, oder?“
„Was hatte denn Ihre Gedanken so gepackt?“
„Die Schichten der Zeit. Dass mit der Tiefe ist nämlich schon lange meine Methode. Versunkenes oder überlagertes Wissen auszugraben und noch einmal zu betrachten, ob es uns aus der Klemme helfen kann.“
„Oh, spannend. Sie meinen also, wir kommen aus dem Schlamassel wieder raus und finden den Schlüssel in der Vergangenheit?“
Die Frau nippte am Kaffee und zuckte mit den Schultern. „Möglicherweise.“
Der Mann faltete ruhig seine Zeitung zusammen und sah Ronja forschend an: „Scheinbar gibt es das noch, das tiefe Nachdenken. Freut mich sehr. Aber ich muss jetzt leider aufbrechen, der Bus kommt gleich. Mein Bruder Oskar hat unser Auto heute Morgen geschrottet und sich selbst wohl auch. Aber sie haben ihn, Gott sei Dank, wieder zusammengeflickt. Er lebt, das ist das Wichtigste. Ich muss jetzt los.“ Hannes Wagner stellte sein Geschirr in die Ablage, zahlte und nickte ihr durch das Fensterglas noch einmal zu, bevor seine lange Gestalt aus ihrem Blickfeld verschwand.

Ist doch komisch, dachte Ronja, in Krankenhäusern und in der Bahn entstehen rasch und unkompliziert sonderbare Verbindungen. Die können ein wohltuend unverfängliches Eigenleben führen, für die Zeit des Aufenthalts, völlig losgelöst von dem, was sonst noch ist. Sie wusste das aus einem anderen Leben. Ja, mit diesem Typen hätte ich doch glatt Stunden weitersprechen können. Sie schmunzelte in sich hinein, während sie die Cafeteria verließ, ihr Auto startete und zu ihrem Ausbau am Oberuckersee fuhr.
Das Dorf davor protzte mit raumgreifenden Häusern. In den Corona-Wintern waren hier wirklich alle Menschen über 80 Jahren gestorben. Schlagartig. Berliner haben danach die verwaisten Katen gekauft, um sie abzureißen und diese kantigen Stadtquartiere zu errichten. Die letzten verbliebenen Fachwerkhäuser muten jetzt geradezu wie trotzige Überbleibsel an. Da prallen Lebenswelten aufeinander. Das Dorf als Ganzes hatte sich noch nicht entschieden, was es nun werden will, man rieb sich aneinander. Seltsam, dachte Ronja, alle anderen Zuzugswellen waren in den letzten Jahren behutsamer mit der ländlichen Welt assimiliert. Diese hier ist eine Übernahme. Stadt frisst Land. Aber kein Wunder, wenn die Erben verzogen sind und lediglich an den Meistbietenden verkauften. Mondpreise waren das. Unbezahlbar für Normalos. Der reinste Wucher! So etwas bringt das komplette soziale Gefüge durcheinander. Die Frau atmete tief und ließ den Zuzug hinter sich. Jetzt fuhr sie die letzte kleine Strecke über die Eulenberge zu ihrem Gehöft in der welligen Senke. Frieden, dachte sie und huschte in das kleine Haus.
Ronja fühlte sich erschlagen von diesem Tag, der langen Wartezeit, der Diagnose, auch von der merkwürdigen Begegnung. Diese Art Neugier hielt sie inzwischen auf Sparflamme. Sie hatte so gar keine Lust auf noch mehr Beschleunigung oder gar Veränderungen. Seit der Erfindung des Smartphons raste die Zeit. Sie war müde von den Oberflächlichkeiten, den ständigen Verlusten und dem hetzenden, empörten Geschrei im Land. Keiner dachte mehr in großen Zeitabschnitten. Da haben die Dinge immer weniger Bestand, dachte sie und ermahnte sich: Mach‘ ruhiger, lies ein Buch, darin ist noch Langsamkeit zu finden.

An dem Tag, an dem Ronja Kiekebusch und Hannes Wagner sich erneut begegneten, schien der Winter eine Atempause einzulegen. In den Auslagen vor dem kleinstädtischen Supermarkt leuchteten frühlingshaft jede Menge Primeln. Aber alle wussten, der nächste Schnee würde den milden Hauch schnell wieder vertreiben. Die Wetter-APPs sagten es voraus. Ronja ließ sich verführen und nahm ein ganzes Gebinde gelb-rot leuchtend. Als sie in den Supermarkt ging, entdeckte sie im offenen Gastraum der Bäckerfiliale Hannes neben einem Mann mit Kopfverband. Letzterer verdrückte gerade einen Berg belegter Hackepeter-Brötchen. Die Frau holte sich eine Tasse Kaffee und setzte sich dazu. „Na, da hat wohl einer die Glatteiszeit nicht gut überstanden!“ „Hab kein Glatteis gesehen“, murmelte der Mann mit Verband. Hannes Wagner stellte einander vor: Das ist Oskar, mein Bruder, der unsere Familienkutsche geschrottet hatte. Ich habe ihm heute mal einen illegalen Ausgang verschafft, weil er das Krankenhausessen nicht mehr sehen kann.“
„So lange sind Sie schon im Krankenhaus? Gruslig.“
„Nun lass mal das Sie“, blubberte Oskar, „wir kommen vom Dorf, wenn du verstehst, was ich meine.“
Verstand sie. Oskar hatte so gar nichts gemeinsam mit dem schlaksigen Hannes. Er war klein und gedrungen, aber wendig, wie sein wieselflinker Vater. Hannes hatte einen anderen Vater, einen Physiker, der es auf dem Lande nicht aushielt. Der Kompakte war ein echtes Schrauber-Talent, und Hannes reiste mit seinen himmlischen Vorträgen. Die Magie des Sternenhimmels hatte ihn fest im Griff. Er wusste was Lichtverschmutzung in der Natur so alles anrichtet und kannte die dunkelsten Orte im Land. In Sternenparks spricht er über den Reiz der Dunkelheit. So viel wusste Ronja schon, als sie die beiden Männer zum Outdoor-Fischsuppenessen einlud. Eine Gastwirtschaft existierte in ihren Dörfern nach Corona nicht mehr.


10 Grad und Sonne, die Bienen flogen zum ersten Mal nach diesem eisigen Winter. Ronja freute und sorgte sich zugleich. Das war ein kritischer Moment für ihre Bienen. Raus aus den Stöcken, den Darm entleeren – das war gut, nur hoffentlich verklammten sie nicht unterwegs. Da sie nichts an der Situation ändern konnte, sah sie besser nicht zu und tackerte stattdessen einen Stapel Holzrähmchen für die neuen Waben. Das Imkern hatte sie von ihrem früh verwitweten Vater gelernt. Auch er war an den Folgen von Corona gestorben und hatte der Tochter Haus und Imkerei vermacht. Das veränderte ihr Leben total. Die einstige Köchin hatte in Berlin Shutdowns erlebt und wollte danach nie wieder von jemandem abhängig sein. So kehrte sie zu ihren Wurzeln zurück, wie manch anderer Mittvierziger auch. Die totgesagten Dörfer bekamen neues Leben eingehaucht.
Ronjas Hof in der Senke nannten die Leute „Einsiedel“. Das passte. Nach den hektischen Lebensjahren in Berlin genoss sie die ländliche Ruhe und kam gut mit sich alleine klar. Von März bis August war sie vollauf mit der Imkerei beschäftigt, und im Winterhalbjahr rührte sie aus Propolis Tinkturen und Salben. Außenkontakte beschränkten sich auf Einkäufe und ein wöchentliches Freitagsfrühstück bei ihrer Schulfreundin Sandra im Dorf Flieth.

Hühner und Gänse hielt Sandra auf der weitläufigen Wiese hinter ihrem feinen terrakottafarbigen Häuschen. Sie war gerade am Briefkasten, als Ronja angeradelt kam. „Hi, hast du an Propolis gedacht?“ „Selbstverständlich!“ Sie lehnte das Rad an den Zaun und umarmte die Freundin. „Gibt’s was Neues?“ „Nicht, dass ich wüsste.“ Frage und Antwort waren Dorf-Standard, aber manchmal geschah ja auch wirklich etwas, dann mussten die beiden nicht nach einem Thema suchen.
„Ich habe Zimtschnecken für die Kinder gebacken, willst Du?“
Ronja setzte sich an den Küchentisch, auf dem schon ein 6er-Pack Eier auf sie wartete. „Gerne, Zimt macht nicht nur Kinder glücklich.“
Sandra Langschwager unterhielt einen kleinen Weiberhaushalt mit ihren drei Mädchen. Sieben, neun und zwölf Jahre alt. Einen Mann gab es nicht. Männer hielten sich nicht lange bei der durchaus dominanten Frau. Sandra nahm es inzwischen gelassen. Sie verdiente als Physiotherapeutin gutes Geld, die Kinder kannten keinen echten Mangel.
„Wie ist die Stimmung?“, fragte Ronja, bevor sie herzhaft in die Zimtschnecke biss.
„Wenn ich den Fernseher nicht anschalte und die Mädchen keinen Ärger ins Haus bringen geht es eigentlich. Aber wehe dem, eine sagt was Politisches, dann schrauben sich alle Gemüter in die Höhe und das ganze Dilemma ergießt sich wie stinkende Gülle. Man will es nicht und doch geschieht es immer wieder.“
Ronja nickte: „Es scheint seit einer gefühlten Ewigkeit, als atmen wir immerzu nur Schwere. Ein und wieder aus.“
Sandra Langschwager wusste, was die Freundin meinte: „Keine Ahnung, ob das Land in eine Depression schliddert oder diese Schwere nur die Ruhe vor dem Sturm zu krassen Veränderungen ist. Ich mach‘ mir echt Sorgen um die Kinder.“
Ronja griff sich die nächste Zimtschnecke und meinte nachdenklich. „Du solltest dich nicht fürchten, wir wissen doch seit damals: in den Brüchen wird klar, was im Leben wichtig ist. Das Mitmenschliche zum Beispiel, was mehr und mehr abhandenkommt. Du kannst die Mädchen nicht in Watte packen, sie müssen das Leben lernen. Und du, du halt‘ einfach fest, was bleiben soll.“
Sandra seufzte: „Da ist sie wieder, die Philosophin, die du schon in der Grundschule werden wolltest. Und gelernt hast du Köchin.“
„Und Imkerin bitte. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Wenn die Pandemie Künstlern Auftritte und Ausstellungen untersagte, dann hat man doch nicht das Kunstmachen aufgegeben, weil man einen anderen Job nachgehen musste. Man hat seine Kunst nur in die Freizeit verlegt. Gezwungenermaßen. Dann ist man eben die philosophierende Imkerin. Oder wie du: Malende Physiotherapeutin oder der schreibende Hotelier oder musizierender Bademeister… Die Zeiten, in denen man nur eines ist und bleibt, um akzeptiert zu werden, sind vorbei. Mit der Pandemie. Unsere Eltern erlebten diese Umbrüche nun schon zweimal. Das erste Mal zur Wende.  Du weißt ja, fast alle wurden danach aus ihrem Beruf gedrängt, verloren Status und Ansehen. Aber der gegenwärtige Zeitenbruch ist anders, da geht es um die Existenzbedingungen ganzer Länder. Nur du kannst auf deine Lebensreise mitnehmen was du willst. Positiver Wandel eben, und nicht einfach nur Altes gegen Neues austauschen. Fürchte dich nicht, bitte.“
Die Frauen plauderten noch ein Weilchen über anstehende Verrichtungen, bevor Ronja nach Hause aufbrach.

„Es fühlt sich an, als würde das Land verblühen“, sinnierte Hannes, während er ins Feuer blickte. Sie hatten den ganzen Nachmittag über den Zustand Deutschlands debattiert, während sie zwischendurch Fischsuppe löffelten. Ein zufälliges Reizwort führte fast zwanghaft in dieses problemgeladene Gespräch über den bürokratischen Aufbau, der jedes Jahr neue Beamte, neue Ämter, neue Gesetze und Verordnungen heckte, über die opulenten Besoldungen, welche Unmengen des Bruttosozialproduktes verschlangen. Oskar war darüber hitzig geworden und hatte sich gerade schnaufend verabschiedet.
„Es stirbt von innen, wie alles von innen stirbt. Es verheddert sich in seiner überbordenden Bürokratie und erstickt schließlich an ihr“, raunte Ronja in die Dämmerung. Das Feuer war heruntergebrannt und wärmte nicht mehr. „Möchtest du noch mit reinkommen?“ „Eigentlich haben wir heute genug Probleme gewälzt“, schien Hannes die Einladung abzuwehren. Er holte kurz Luft und sah, wie sie den Blick senkte: „aber der Wein ist so gut, viel zu schade, um nicht getrunken zu werden.“ Ronja sah auf und lächelte. Sie deckte die Glut mit einem großen Deckel ab, stellte die Suppenschalen in den Eisentopf und lief zum Haus. Er griff sich die Gläser und die angebrochene Weinflasche und folgte ihr. Es war frisch geworden; der letzte Hauch des scheidenden Winters ließ sie frösteln, bevor sie den Katen erreichten.
Während sie das Geschirr in den Spüler sortierte, sah er sich in der offenen Wohnküche um. Niedrige Decke, aber ein weitläufiger Raum mit kleinen Inseln auf abgezogenen Dielen. Ein großer Sessel, beidseitig Bücherstapel, eine Gründerzeit-Stehlampe, daneben ein Sofa, gegenüber die Glotze und ein Essplatz. „Man sieht einen minimalistischen Ein-Frauen-Haushalt, oder?“ „Naja, das war ein Singlehaushalt. Mein Vater lebte hier jahrelang allein – und nun ich. Meine Berliner Zeit – ach, was solls, bisher ist mir die Stille des Winters ganz gut bekommen.“
„Wann bist du heimgekehrt?“ fragte Hannes interessiert.
„Nach dem letzten Corona-Shutdown, im Frühsommer 2022.“
„Ui, drei Jahre einsame Winter?“
„Ich bin nicht einsam, Hannes, ich tauche in die Stille und bin ganz bei mir.“
„Ist das eine philosophische Interpretation von Einsamkeit oder bist du einfach niemandem in der Weite der Felder begegnet?“ Hannes fragte das ernsthaft. Er selbst lebte schon lange allein, was aber nicht sein Wohlfühlzustand war.
„Ich habe nicht gesucht. Es ist die letzten Jahre kompliziert geworden, Herzensmenschen zu finden. Zu viel negative Energie, da wächst der Wunsch nach Abkehr. Aus reinem aus Selbstschutz.“ Ronja räusperte sich, in Hannes‘ Blick spürte sie, dass sie vielleicht zu viel gesagt hatte. Sie goss Rotwein nach und trank.
„Ich weiß, es sind beladene Zeiten, und du hast ja heute am Feuer gesehen, wie schnell man in die Kontroversen rutscht – und zack – macht mein Oskar dicht und entzieht sich. Er wählt inzwischen AFD. Aus Wut. ‚Die kriegen überhaupt nichts mehr auf die Reihe!‘ ist seine Sicht auf das, was ist. Die Freundin hat ihn wegen seiner ausfallenden Wortausbrüche rausgeworfen. Nun bin ich wieder sein Blitzableiter. Ist nicht schön, aber, wenn die Lebensbänder reißen, dann ist alles hin. Wenn Gesellschaft bricht, gilt nichts mehr. Gemeinschaft muss etwas aushalten können, also sitzen wir das miteinander aus und reden miteinander – so gut es geht. Diese Parole ‚Mit denen sprechen wir nicht!‘ geht gar nicht, die spaltet extrem und ist nur feige. Es braucht ein bisschen mehr Mut zum anständigen Leben.“
Ronja nickte ihm zu: „Schwierig.“
„Ja, sehr.“
Er spürte ihre grünen Augen auf sich gerichtet. Ein warmherziger Blick, der musste für diesen Abend genügen. Der Rotwein war ausgetrunken.

Ende März. Das Wetter war kaiserlich als Ronja Kiekebusch ihre sonnengelben Bienenwachstorten zum Imkereifachhandel chauffierte, um sie gegen neue Wabenmittelwände einzutauschen. Sie hatte wochenlang den Dampfwachsschmelzer in der Scheune mit alten Waben gefüttert, um das kostbare Wachs heraus zu schmelzen. Alles was Beine und Räder hatte war jetzt unterwegs. Der lange Winter – die Menschen sehnten sich nach Sonne und Licht.  In Eichhorst schlenderten Familien mit Eistüten und Fischbrötchen am Werbellinkanal entlang. Sogar im Vorbeifahren sah man ihnen den angestauten Lebenshunger an. Ronja ließ die Fensterscheibe herunter, atmete die frische Luft und dachte an Hannes. Sie hatten sich an jenem Abend nicht verabredet, und es war beinahe ein Monat vergangen. Was wollte sie, nachdem sie ihn Distanz spüren ließ? Dennoch knisterte da etwas in ihr.
In Hirschfelde grüßte stolz der Bronzehirsch am Dorfteich, daneben dösten ein paar alte Leute auf der Parkbank. In der Bienengasse war kein Andrang. Die Chefin rief ihren Mann herbei, als Ronja die Heckklappe ihres Kombis öffnete: „Siehste, so müssen Wachstorten aussehen!“ Sie schimpfte über das verunreinigte Zeug, was ihr gelegentlich angeboten wird. Ihr Mann hob die Teile mit seinem Gabelstapler aus dem Auto und jonglierte sie zur Waage.
„Und, wie war der Winter? fragte der Co-Chef. „Es haben ja wieder viele aufgegeben. Die einen können die schwere Arbeit wegen des Alters nicht mehr auf sich nehmen, die anderen hatten zu große Verluste und gaben auf. Bienen sind nicht mehr so in Mode bei den Jungen, wie noch vor ein paar Jahren.“
Ronja nickte. „Bei mir ist alles gut. Der Vater hatte mir die Völker gut in Schuss übergeben, und ich habe schließlich von ihm gelernt und auch keine Mätzchen ausprobiert.“
Die Chefin tippte die Posten in die Kasse: „246 €, den Tauschwert abgezogen, sind es noch 16,50 €. Ronja strahlte und verschwand von diesem immer gleichen Ort.

Oskar raste mit seiner alten Simson über die Feldwege. Sein zäher Bruder, der nie krank war, lag im Fieber und lallte etwas von Propolis und Ronja. Eine späte Grippewelle hatte sich noch einmal durchs Land getröpfelt. Hannes hatte es nach seinem letzten Vortrag schwer erwischt. Oskar hupte, als er in die Senke einfuhr, so stand Ronja bereits vor dem Häuschen, als er hart bremste.
Der coole Oskar war ganz aufgewühlt: „Hannes hat hohes Fieber und braucht Propolis-Tropfen.“ Der rausgeschmetterte Satz ließ Ronja wortlos eilig ins Haus laufen. Sie packte weiße Küchenhandtücher, Propolis-Tropfen, Honig und ein Tütchen Lindenblütentee in ihren Rucksack, zuletzt holte sie noch eine gefrorene Portion Hühnersuppe aus dem Tiefkühler, dann sprang sie zu Oskar auf das Moped. „Du willst mitkommen?“, fragte der erstaunt. „Nun fahr schon, ich kann helfen.“
Über die Feldwege gelangten sie schneller zum hinteren Rand von Fergitz als per Auto. Am alten Familiensitz bremste Oskar und führte Ronja rasch ins Wohnhaus des Hofes. Hannes lag blass und schweißgebadetauf der Liege im Wohnzimmer. Fiebernd schlief er. „Der hat es nicht mal mehr die Treppe zu seinem Zimmer raufgeschafft,“ erklärte der aufgeregte Bruder das provisorische Lager. „Das ist auch besser so, da sind die Wege kürzer. Wo sind Küche und Bad?“ Oskar führte sie kurz zu den Räumen, dann griff sie sich ihre Leinentücher, ein Badetuch und eine Schüssel mit kaltem Wasser. Sie zog das Tuch unter die Beine und legte nun dem Kranken kalte Wadenwickel an. „Komm mal Oskar, hilf mir einen Moment. Setz dich her und fühle, sobald die Wickel warm werden, abbinden, ins kalte Wasser tauchen, auswringen und wieder anlegen. Okay?“ Er zögerte. „Nun mach schon, ich koche inzwischen Lindenblütentee und bin gleich zurück.“ Als sie mit der Teekanne zurück war, wrang Oskar schon zum zweiten Mal tapfer die Wickel aus. „Gut so, ich mache weiter. Versuch ihn mal zu wecken, er muss trinken.“ Oskar nickte und griff so sacht er konnte nach Hannes klitschnasser Schulter. „Hannes, wach auf. Bitte.“ Der Bruder stöhnte und blinzelte durch seine verklebten Lider. „Komm, du musst was trinken!“ Er griff unter dessen Nacken und hob der Kopf soweit an, dass Hannes den Tee schlürfen konnte. Kaum eine Tasse, dann trieselte es ihn wieder weg. Dass Ronja zu seinen Füßen kniete, bemerkte er nicht. Es vergingen fasst zwei Stunden, bis das Fieber sank und die zwei Helfer zur Ruhe kamen.
Sie hockten am Küchentisch, und Ronja stellte die angetaute Hühnersuppe vor Oskars Nase. „Wenn er abends halbwegs wach ist, dann koche die Suppe auf und gib sie ihm. Nicht wegfuttern! Das ist Gesundheitssuppe. Was essen wir?“ „Bockwurst und Brot?“, fragte der Kompakte und sah, begeistert war sie nicht, aber erschöpft genug, um das Angebot anzunehmen. Zuletzt zeigte sie ihm noch, wie das mit den Propolis-Tropfen, dem Tee und dem Honig ging, dann brach sie auf. „Soll ich dich nicht schnell fahren? „Nein, bleib bei Hannes, ich laufe.“

Sie war lange diesen Weg nicht mehr gelaufen. Unweit von Potzlow begannen die doppelspurigen Betonbahnen, die sich durch das wellige Ackerland zogen. Alles noch fast kahle Weite, aber links blitzte der Oberuckersee, und in der Feldsteinsenke davor blühten schon die Schlüsselblumen. Ronja wagte sich nicht mehr über dieses Steinfeld, um sich welche zu pflücken, denn die Sonne schien kräftig und weckte die Schlangen. Als Kind hatte sie hier eine Kreuzotter gebissen, seither ist ihr dieser Platz ein Schreckbild. Sie erinnerte sich, wie der Vater wegen ihres Geschreis angerannt kam und das Gift aus ihrer Wade sog. „Geistesgegenwärtig, fürsorglich, mein stiller Held,“ sprach sie leise vor sich hin. Das Mutterbild hingegen verschwamm schon lange, merkte Ronja ungerührt. Deren Pendelei in den Westen. Weite Wege, immer müde, und dann Sekundenschlaf auf der Autobahn. Als Ronja zur Schule kam, war sie mit dem Vater allein. Welch Glück, dass er einen sicheren Job als Industriemechaniker im PCK hatte, und nicht wie andere Väter im Meer der Arbeitslosen schwamm. Die Frau lief auf dem Sandpfand neben dem Beton und atmete tief die frische Luft. Wie schön das Land geworden war! Vor sich der Blick zum Aussichtspunkt und Rastplatz an den Eulenbergen. Früher war dort die Müllkippe der LPG – und jetzt: Der aufgehübschte Mittelpunkt der Uckermark. Sogar einen Gedenkstein haben sie aufgestellt. Ronja lächelte als sie von dieser Anhöhe über das wellige Land in die Weite schaute. Der Anblick stach ihr ins Herz: Sechs Seen zwischen den Moorwiesen: Silbersee, Krummer See, Potzlower See, Runder See, Oberuckersee und Kosätensee. Hier und da kleine Waldinseln, die Rapsfelder würden bald blühen – und am Horizont – Windräder neben der Silhouette der St. Marienkirche von Prenzlau. „Hach“, seufzte sie leise und schaute lange in diese schöne Stille. Es war nach der Renaturierung der Lieblingsplatz des Vaters, zu dem er jeden Abend lief und die Gedanken schweifen ließ. Aller Kummer wurde hier kleiner. Vor ihrem geistigen Auge sah sie ihn neben sich, wie er genüsslich Zigarillos rauchte und den Blick nach Norden richtete, wie ein Steuermann durch die Wellen der Zeit. Er fehlte ihr.

Ende April leuchteten die Rapsfelder ringsum Ronjas Gehöft. Die Bienen flogen wir irre auf Tracht, bald würde sie das erste Mal im Jahr Honig schleudern können. Seit Tagen arbeitete sie sich schon durch ihre Bienenstöcke. Wabe für Wabe nachsehen, ob genug Brut vorhanden ist, ob Weiselzellen angefüttert werden und wie weit die Honigwaben schon verdeckelt sind.
Hannes war über die Feldwege zu ihr geradelt. Ihm steckte noch die Schwäche von der abgeklungenen Grippe in den Beinen, und er schnaufte am Hang. Von der Kuppe aus sah er den Hof in der Senke liegen. Wie angeschmiegt in der Delle. Zur Straße das kleine Wohnhaus, dahinter Hof und Scheune, dann zaunloser Garten und die Wiese mit den Bienenstöcken. Grünland und Feld berührten sich geschmeidig, und sie stand dort inmitten einer summenden Wolke. Ein friedliches Bild, dachte Hannes. Er stieg vom Rad und sah ihr eine Weile beim Imkern zu. Ganz ruhige, fließende Bewegungen. Was er sah, stimmte ihn sanft und berührte ihn zutiefst. Das ist Einklang. Einklang mit sich und der Natur. Als die Frau den Stock verschloss und zum nächsten gehen wollte, entdeckte sie Hannes und winkte ihn heran…

Morgenstunde (1139. Blog-Notat)

Heute musste ich das Schreiben für einen Termin beim Lungenspezi in Finowfurt unterbrechen und danach war ich doch wirklich angeschlagen: 25 Prozent Lungenvolumen ließen sich nur messen. Das hört sich nicht gut und fühlt sich auch nicht gut an. Bedauerlicherweise schreitet die Krankheit schleichend voran, und frage mich bitte niemand mehr: Geht es Dir besser? Was soll ich darauf antworten? Ich hoffe auf ein mildes Frühjahr. Bis dahin schreibe ich.