Dorfgeflüster: Kürbiskönig gesucht

Kürbisvogel 1 von Petra Elsner
Kürbisvogel 1 von Petra Elsner

Kurtschlag (pe). Herbstzeit ist Kürbiszeit, und die wird in Kurtschlag seit zehn Jahren gefeiert.  „Wer hat den dicksten, wer hat den kleinsten Speisekürbis?“ heißt es, wenn am 1. Oktober 2016 der Kürbiskönig oder die Kürbiskönigin gekürt wird. Ab 15 Uhr steigt in und an der Gaststätte „Mittelpunkt der Erde“ das dörfliche Herbstfest mit allerlei Köstlichkeiten rund um die üppige Frucht. Zum Programm gehört wie immer ein Quizz und das Herbstliedermitsingen mit dem Dorfspatzen Kalle Hörning.  Die Kurtschlager Mädchen Oonjai und Kim üben schon ein Weilchen für ihr spezielles Gesangssolo. An den Ständen gibt es Pflanzen- und Sämereien der Freizeitgärtner, Garten- und Hausdekoartikel, Honig, regionale Postkarten und Literatur. Auf die kindlichen Besucher warten Kürbisschnitzen und der Bau einer Laterne, die zum Martinsfest am 12. November zum Einsatz kommen kann.
Gastgeber ist der örtliche Kulturverein, der mit selbst gebackenen Kuchen und leckeren Kürbis-Spezialitäten aufwartet. Das Schorfheidedorf am Döllnfließ freut sich bis 17.30 Uhr auf zahlreiche Besucher auch aus der Nachbarschaft. Der Eintritt ist frei.

Kürbisvogel 2 von Petra Elsner
Kürbisvogel 2 von Petra Elsner
Kürbisvögel 3 von Petra Elsner
Kürbisvögel 3 von Petra Elsner

Aufrufe: 1260

Dorfgeflüster: Entschleunigte Zeit und ein Kürbiskönig

Heute gibt es mal wieder einen kleinen Nachtrag aus dem echten Dorfleben im Schorfheidewald:

So mancher Zufallsgast, der am 3. Oktober unser Kürbisfest in Kurtschlag besuchte, sprach aus, was er dachte: „Ach, so klein?“ Und ich dachte bei mir: Hallo, welche Vorstellung weckt eigentlich die Ansage „heiteres Familienfest“ oder „dörfliches Herbstfest“? Die von einem Riesenklamauk mit 1000 Besuchern oder gar mehr? Ein großes Marktgeschehen lässt vielleicht einkaufen, mit allem, was man sich vorstellen kann. Aber für ein Dörfchen mit schlapp 300 Einwohnern? Hier legt man noch selbst etwas auf, mit begrenzten Mitteln, dafür mit allen Talenten. Das muss man/frau erst einmal hinbekommen. Zumal naturgemäß die, die es leisten in den Dörfer immer weniger werden. In der herbstlich geschmückten Gaststätte “Mittelpunkt der Erde“ gab es zu guter Letzt keinen Stuhl mehr, um die leckere Kürbissuppe und den feinen Kuchen der Dorffrauen zu verspacheteln. So saßen die Älteren und schauten zu, wie die Kinder Kürbisgesichter schnitzten und selbst gestrickte Socken, Kunstgewerbe, Herbstblumenschmuck, Ansichtskarten … und Honig den Besitzer wechselten. Ganz emsig wurde an Johannas Bäume-Quiz gerätselt. Kalle stimmte mit seiner Gitarre Herbstlieder an und alle lauschten den Gedichten, die Sieglinde wunderbar und gekonnt vortrug. Es war ein beschauliches, leises Fest, eines, das dem Gast entschleunigte Gemeinschaftszeit schenkte – eine Rarität. Die allenthalben anzutreffende Erwartung: „Immer schneller, höher, weiter“ kann in Zeiten des demografischen Wandels auf dem flachen Lande nicht gelten, sondern vielleicht eher: „Macht euch glücklich, aber überfordert euch nicht.“ Das haben die Veranstalter des örtlichen Kulturvereins versucht: Mit einem von Cordula toll geschmückten Erntewagen, mit einer Handvoll Marktständen und dem lustigen Kürbiswiegen. Satte 31 Kilo wog die Siegerfrucht. Vielleicht sind die dicksten Dinger anderswo schwerer, aber dieser hier wuchs im mageren Schorfheidesand. Rund 80 Leutchen guckten am 3. Oktober 2014 zu, als Mani mit den Gewichten an der Dezimalwaage hantierte. Schnell war klar, die dickste Beere brachte Jürgen Steddin zum Fest und wurde mit ihr zum dritten Kurtschlager Kürbiskönig gekürt. Sichtlich erfreut, hievte er fürs Foto den großen Bauernkürbis noch einmal ins rechte Licht. (pe)

Der 3. Kurtschlager Kürbiskönig: Jügen Steddin Foto: Petra Elsner
Der 3. Kurtschlager Kürbiskönig: Jügen Steddin
Foto: Petra Elsner

Aufrufe: 1260

Dorfgeflüster: Met und Schwärme

Die Bienen schwärmen. Foto: pe
Die Bienen schwärmen. Foto: pe

Als mein Liebster begann, Bienen zu züchten, schenkte mir Frau Jesse, die Chefin vom Imkereihandel Berlin, eine Flasche Met. Ich hatte keine Ahnung, auf welchen Schreck hin ich den trinken sollte. Jetzt weiß ich es: Auf das Los der Imkerfrauen, die nie mehr Sommerurlaub haben, denn von April bis Oktober gehört der Mann den Bienen.
Es ist der erste Hochsommertag des Jahres 2014, Dienstag, der 20. Mai. An diesem Morgen musste mein Liebster für ein paar Untersuchungen abermals ins Krankenhaus einrücken. Ich hatte mir gerade einen Pott Kaffee eingeschenkt und wollte vor der Arbeit im Atelier einen entspannenden Gartenrundgang unternehmen, als es plötzlich an der Waldkante sehr laut wurde. Tausende Bienen starteten zu einer Wolke auf, die mit unglaublichem Getöse drei, vier Meter hoch über dem Grundstück stand. Es sah aus, als wäre die Luft von Bienen geschwängert. Die Wolke löste sich nach einer Handvoll Minuten in fünf Schwärme auf, die sich so nach und nach in den Obstbäumen der angrenzenden Gärten niederließen. Mein Herz klopfte, und ich dachte: Schöne Bescherung – und der Imker nicht daheim!
Nun ist es ja so, dass schwärmende Bienen, weil sie keine Brut und keinen Honig zu verteidigen haben, nicht stechen (so sie nicht geärgert werden). Aber so einen Schwarm im Apfelbaum, findet nicht jeder Nachbar prickelnd. Also was tun? Hatte ich nicht heute Morgen Manni auf dem Damm gesehen? Der könnte vielleicht sich den einen oder anderen Schwarm aus der Landschaft pflücken, bevor sie auf nimmer Wiedersehen im Schorfheidewald eine Baumhöhle beziehen.
Ich hatte Glück, Manni hatte in diesem Frühjahr aus Liebhaberei mit dem Imkern begonnen und spielte gerade mit dem Gedanken, sich Königinnen zu züchten, um weitere Ableger zu bilden. Das braucht er nun nicht mehr, denn er hat nach einem aufregenden Tagewerk fünf prächtige Schwärme in seinem Garten und eigentlich sollte er nun seiner Frau eine Flasche Met schenken (lassen) …

© Petra Elsner

Aufrufe: 1067

Dorfgeflüster

Stolperndes Herz und Dorfhelfer:

Männer sorgen gelegentlich für dramatischen Auftritte. Beispielsweise wenn sie schwächeln und ein Arztbesuch dringlich wird. Mein Liebster gehört zu jener Spezies, die selbst mit stolperndem Herzen erst im letzten Augenblick Einsicht zeigt und sich den Notwendigkeiten ergibt. Da kann es schon mal vorkommen, dass Frau Doktor den Süßen umgehend ins Krankenhaus schickt, und ich verlassen mit dem alten, roten Auto in der Landschaft stehe. Mit fliegenden Augen: Wo sind die Blinker, wo das Licht? Das letzte Mal hab ich vor drei Jahren auf dem Fahrersitz gesessen – einmal nur nach der erfolgreichen Fahrschule … Wie komme ich jetzt hier weg und wie weiter? Das Notizbuch mit den Dorftelefonnummern habe ich nicht dabei. Kurtschlag hat, obgleich zu Zehdenick gehörig, kurioserweise ein Templiner Vorwahl, so kann ich nicht am ärztlichen Tresen im örtlichen Telefonbuch suchen. Da fällt mir Kerstin von der Fahrschule Günther ein. Wollte eh‘ Auffrischstunden nehmen, damit ich mich endlich mit dem alten Auto zu fahren trau‘. Jeder hat so seine Macke, mich plagt eine diffuse Fahrangst. Kerstin kommt zwei Hände voll Minuten und bringt mich – völlig aufgelöst – erst einmal nach Haus. Schnauf. Wir verabreden Fahrstunden. Aber wie nun weiter? Kurtschlag ist kein Dorf mit Bahnanschluss … Es sind die Nachbarfrauen und – männer, die mir in den nächsten Tagen beistehen und mich befördern. Fahrten ins Granseer Krankenhaus, um nach dem Liebsten zu sehen … Zu allen Überfluss standen am Wochenende die „Offenen Ateliers“ an. Unsere Einladungen waren raus – die Aktion lief an, war einfach nicht mehr zu stoppen. Schlussendlich ersetzten die fehlende Männerhand unberufene Dorfhelfer. Viele sprangen mir selbstlos hilfreich zur Seite – beim Zeltaufbau und Möbelrücken, mit einem Kuchen, einem beherzten Wort … So konnten Atelier und Lesegarten am ersten Maiwochenende rund 120 Menschen empfangen. Man sagt, es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Ich setze dem mal einen Spruch hinzu: Wer von einem Dorf beschützt wird, der kommt durch jede Zeit. Habt alle vielen, vielen Dank!

© Petra Elsner

Im Bilderhof Foto: pe
Im Bilderhof
Foto: pe
Bevor die Gäste kamen...
Bevor die Gäste kamen…
Lesung
Lesung
Zuhörer
Zuhörer
Zuhörer 2
Zuhörer 2

Aufrufe: 741

Dorfgeflüster: Auf dem Eichendamm

Ein Winterspaziergang:

Das Döllnfließ am Eichendamm Foto Lutz Reinhardt
Das Döllnfließ am Eichendamm
Foto Lutz Reinhardt

An diesem glasklaren Wintertag plätschert das Döllnfließ bei der Eichendammbrücke in einem wundersamen Glitzerlicht. Uns ist nach Naturschau, also stiefeln wir kurz entschlossen los, wollen auf dem Eichendamm einen weiten linken Bogen nehmen. Der schmale Ackerweg gesäumt von alten, windschiefen Eichen führt durch feuchte Wiesen und Felder hinüber nach Kappe. Harter Frost macht es jetzt möglich, die Gräben durchzogene Flächen zu betreten. Bei mildem Wetter ist hier schwankendes Land, morastiges Gelände. Unzählige Spiegelbilder in den Wasserläufen und Schattenspiele verzaubern uns. Ein Raubvogel kreischt, ein Fuchs spaziert uns entgegen und flüchtet erst wenige Augenblicke vor uns in eine Deckung. Nagespuren eines Bibers erzählen etwas von stiller Landnahme. Der Schnee knirscht und funkelt. Linkerhand steigt das Land ein wenig zu einem welligen Hügelzug an – die Rabenberge. Plötzlich befinden wir uns auf einem Rastplatz, der von mächtigen Buchen mit knorrigen Wurzeln umstellt ist. Eine Feuerstelle und eine eingepackte Sitzgruppe verraten, hier gibt es zuweilen launige Gesellschaften. Sommerwärts. Stünde ein Gasthaus in der Nähe, unser Weg wäre zweifellos ein richtig beliebter Wanderpfad. Aber ist nicht, und so sind wir vollkommen allein. Mir ist nach einem Heißgetränk, jetzt, nicht später. Der Mangel dieser eiskalten Glitzerlandschaft heißt leider: keine Gastwirtschaft weit und breit. Im Stillen denke ich, ein mobiler Wandersteigkiosk tät es auch, und wäre eigentlich eine nützliche touristische Ich-AG-Idee oder eine Sonntagsnutzung für die Überland-Versorgerautos. Wildgrill und dampfender Holunderpunsch. Das wär’s! Wir stapfen fröstelnd weiter. Nach der blauen Brücke stoßen wir irgendwann auf den Kurtschlager Damm. Die Kopfsteinpflasterstraße führt mitten durch den Schorfheidewald. Linkerhand ist man gleich am Kurtschlager Dorfeingang und nach knapp zweieinhalb Stunden wieder am Ausgangspunkt zurück. Oder man will tapfer weiterlaufen, dann gerät man rechterhand nach sechs Kilometern in das Dörfchen Schluft, wo es im Gasthaus „Zur Linde“ beinahe immer was Deftiges und Plauderlaune gibt. Für uns ein bisschen weit an diesem Wintersonntag (2011).
© Petra Elsner

Der Eichendamm Foto: Lutz Reinhardt
Der Eichendamm
Foto: Lutz Reinhardt
Wassergraben Foto: Lutz Reinhardt
Wassergraben
Foto: Lutz Reinhardt
Wurzelbuche bei den Rabenberger Foto: Lutz Reinhardt
Wurzelbuche bei den Rabenbergen
Foto: Lutz Reinhardt

Aufrufe: 1237

Dorfgeflüster: Neujahrsfeuer

Gesundes neues Jahr Euch allen und Friede auf Erden!

Kurtschlager Dorfkirche Foto: Lutz Reinhardt
Kurtschlager Dorfkirche
Foto: Lutz Reinhardt

Wir erlebten unerwartet zauberhafte, nächtliche Begegnungen. Unser Nachbar hatte sein mobiles Lagerfeuer scharf gemacht (in einem eisernen Schubkarren, in dem eine Waschkesselschale von anno Knips saß. Das Rad für den Karren war einst ein Waschmaschinenantrieb, ein bereiftes würde der Hitze nicht standhalten), und uns zur Mitternacht zum Glühwein daran eingeladen. Das Feuer wollte anfangs nicht so richtig züngeln und umhüllte den Schiebenden vollkommen in geisterhaftem Rauch. An der Kirche stoppte die kleine Gesellschaft, denn einer der Männer war mit Auftrag unterwegs: Er stieg in den Kirchturm und läutete schnaufend das neue Jahr ein. Raureif betupfte die Landschaft puderzuckerartig und ringsum zischten üppig die Raketen in den sternenklaren Nachthimmel. Unten am Fließ loderte ein zweites Feuer. Dorthin zogen wir und trafen auf eine große, heitere Runde. Das Dorf hatte sich in diesem Dezember mehrfach überrascht: Mit Turmblasen und Adventsfeuer an der von uns allen geschmückten Tanne und nun dieses Neujahrsfeuer. Man sah die Freude darüber in den Gesichtern, denn all das hat es noch nie in unserem Schorfheidedorf gegeben. Aber man ist sich darüber einig: Das wird nächstes Jahr wieder so sein – wie wunderbar! (pe)

Aufrufe: 1135

Dorfgeflüster: Berliner Buletten

Berliner Ausflug Zeichnung: Petra Elsner
Berliner Ausflug
Zeichnung: Petra Elsner

„Berliner Buletten“ – so uncharmant heißen die Hauptstädter bei vielen Brandenburgern schon lange. Wie lange? Seit der Große Friedrich die Bulette zur allgemeinen Versorgung der darbenden Bevölkerung entwickeln ließ. Rund 50 Prozent der Städter waren seinerzeit französische Flüchtlinge. Ein Umstand, der den Berliner Jargon mit neuen Worten speiste: Malheur, Bel Étage, Carré, allé … und eben auch die Boulette, die ein Hugenotten-Offizier erfunden haben soll. Besonders originell gingen danach die Kanoniere mit dem neuen Nahrungsmittel um: Sie stopften die Buletten in die Kanonenrohre, wo sie frisch und saftig blieben. Kam es plötzlich zu einer Schlacht, flog dem ersten Donnerschlag zunächst eine Salve Buletten voraus.
Also – im Grunde sind die „Berliner Buletten“ Franzosen. Ähnlich, wie die meisten „Berliner“ der späten DDR-Zeit Sachsen waren. Heutzutage sind es Schwaben, Franken, Bayern, Friesen und Menschen aus aller Welt, die der Kollos Berlin wie ein trockener Schwamm aufsaugt. Aber keiner kommt deswegen auf die Idee, die Sommerfrischler „Berliner Spätzle“ zu nennen. Wobei – das klänge gar nicht schlecht und vor allem nicht mehr so abwertend. Mit so einem zeitnahen Spitznamen könnten die Brandenburger zur nächsten Frühjahrssalve die „Berliner Buletten“ echt überraschen.
© Petra Elsner

Aufrufe: 1003

Dorfgeflüster: Stoppelhopser

Woher des Brandenburgers Affinität zu Country-Festen stammt, war mir lange Zeit wirklich schleierhaft. Doch es gibt unzählige Country-Vereine, Westernladys, Country-Frühschoppen, Country-Weekends, Country-& Truckerfestivals, die Westernstadt Eldorado, selbst einem Einfamilienhaus der Massivbauweise gab man für Berlin-Brandenburg den Namen Country. Irgendwie eigenartig. Doch neulich wusste ich plötzlich, warum gerade jene Folk-Musik aus den USA hier so großen Anklang findet. Wir holperten gerade mit unserem alten Auto einen nett-verschlammten Waldweg entlang. Das Frühstück grüßte gewissermaßen bei jeder Bodenwelle, und endlich wusste ich es (vom Magen her): Der Brandenburger muss einfach auf solchen Pfaden ein Gefühl von „Yippi-jeh-jeh-yippi-yippi-jeh-jeh“ bekommen. Auf unseren berühmt-berüchtigten Sommerwegen und manchen vergessenen Kopfsteinstraßen kann man eben nur ein Reit- statt einem Fahrgefühl entwickeln. Und so scheint es dann doch logisch, dass es in den präriehaften Weiten der Mark Brandenburg recht viele Country- und Westernfreunde siedeln.
© Petra Elsner

Stoppelhopser von Petra Elsner
Stoppelhopser von
Petra Elsner

Aufrufe: 566

Ameisen-Stopp

Wer auf dem flachen Lande lebt, fest oder auch nur auf Zeit, dem muss man eigentlich nicht erzählen, dass die Spuren seines Seins, die Natur rasch über webt, wenn sie nicht stetig sind. Doch nirgends ist dieses Werden und Vergehen sichtbarer als im Wald. Unter seinem grünen Labordach, in feuchtem Klima gedeiht unentwegt aus scheintotem, neues Leben, und was nicht gebraucht wird, räumen rote wie schwarze Ameisenkolonnen auf.
Sommerfrischler kennen das gut: Nach langer Abwesenheit muss man sich seine kleine Hütte gewissermaßen zurückerobern. Die winzige Fledermaus unter unserem Flachdach hat ihre Kinderstube letzte Woche ganz von allein aufgelöst (beim 21. Flattermännchen habe ich, schwer beeindruckt, aufgehört zu zählen); drei Wespennester klopften wir frühzeitig ab; die vielen Käfer nach der Holzfällaktion im Frühjahr fraßen  die Spechte, aber die Ameisen wollten uns so gar nicht verlassen.  Aber was tun, wenn der Naturfreund nicht zur Giftkeule greifen möchte oder darf? Es gibt eine sonderbar einfache Lösung, die uns die muntere Frau Jesse im gleichnamigen Imkereibedarf in Hirschfelde verriet: Kreide. Wie jetzt? Na, einfach einen Strich mit Schultafelkreide quer durch die Ameisenstraße auf der Hauswand ziehen und – staunen, denn die wackeren Krabbler kehren plötzlich um. Die oberen muss man jetzt nur noch abfegen, und Friede ist im Revier. Warum die Ameisen nicht über Kreide gehen ist mir auch nicht bekannt, der Strich durchtrennt jedenfalls ihre Duftspur, die ihnen ihren Weg weist. Vorsorglich habe ich nach dem ersten erfolgreichen Test gleich dem ganzen Haussockel einen Strich spendiert. Der versieht nun seinen Job wie ein Regelposten auf einer Straßenkreuzung.

 © Petra Elsner

Aufrufe: 1023

Dorfgeflüster: Der Pilzfinder

Schräge Vögel auf Brandenburgtour - die Pilzfinder, gezeichnet von Petra Elsner
Schräge Vögel auf Brandenburgtour – die Pilzfinder,
gezeichnet von Petra Elsner

Wir wollten gerade vom Hof düsen, da rasselte die Hausklingel ihren scheppernden Ton, bei dem ich immer wie vom Blitz getroffen zusammenzucke. Auf ihrem verzinkten Klangkörper steht unabwaschbar was sie einst wert war: 5 Mark. Sieht nach „Konsumgüterproduktion“ aus und ist noch vom Vorbewohner. Hinter dem Schreck-Ton lugte die Mütze vom Übernachbar über das Hoftor. Der Mann dazu lächelte zurückhaltend mit einer Zeitung in der Hand, als ihm geöffnet wurde. Er tippte auf eine Bildnachricht über eine Krause Glucke spektakulären Ausmaßes und meinte nur: „Meine ist größer.“ Aber in die Zeitung wolle er nicht. Kurtschläger Bescheidenheit oder schlechte Erfahrung, dieser Mann macht jedenfalls nicht viel Worte: „Fotografiert sie und sagt, es sei eure.“ Na, dass ging natürlich auch nicht, weil wir eine ehrliche Haut zu Markte tragen, mein Liebster und ich. So wurde die stattliche Krause von reichlich zwei Kilo für die Nachwelt ausgeleuchtet und abgelichtet, bevor sie im Kochtopf verschwand. Ich denke ja bei diesem Pilz immer an knirschende Märkische Heide zwischen den Zähnen, und hab ihn seit einer ersten Erfahrung gemieden. Wusste einfach nicht, dass man das Teil auseinander pflücken muss, dann waschen, putzen und schließlich 20 Minuten in Salzwasser kochen soll, damit sich Schmutz und alle Tierchen darin restlos verabschieden. Erst dann, nach dem Ablaufen, kann man die Krause Glucke panieren oder was auch immer. Die Frau des Pilzfinders schneidet sie in Scheiben und brät sie am liebsten mit Speck, Petersilie, Pfeffer und Salz – mal mit, mal ohne Ei. Vielleicht sollten wir es ja doch noch einmal mit dem Pilz, der anmutet, wie ein fleischfarbener Blumenkohl versuchen, denn er soll ausgesprochen köstlich sein.
© Petra Elsner

Krause Glucke, Foto: Lutz Reinhardt
Krause Glucke,
Foto: Lutz Reinhardt

PS: Erwin, der Pilzfinder ist leider im Dezember 2016 verstorben.

Aufrufe: 1109