Der Schlafwandler (3)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:

Der Schlafwandler  (der Schluss)

Heiligabend wollte Adam Leichtfuß abermals die Stunden zwischen Nacht und Tag im Blauen Licht verbringen. Als er die Tür öffnete, waren zwei Musiker gerade dabei ihre Gitarrensaiten zu stimmen. Gleich würden sie ein bluesiges Hauskonzert geben, als leidenschaftliches Geschenk an die eingeschworene Gemeinschaft. Sie waren alle da, wie immer, nur etwas wohlgenährter. Die meisten Gäste hatten den frühen Abend mit ihren zerbröselten Familien verbracht. Jetzt begann der private Teil ihres Weihnachtsfestes. Eingetaucht in dieses unschlagbar warme Kerzenlicht der Wirtschaft. Dieser milde Schein, der alles schönte. Jede Falte erschien sanfter und jeder Lebenskummer auch. Frauen waren hier gleichermaßen auf der Jagd wie Männer, aber Adam mochte keinen speziellen Apfel kosten, er liebte sie alle, nur meistens platonisch. So konnte er jede mit seinen lächelnden Augen verführen und sie in kluge Gespräche verwickeln: Wie schwarz ist das Dunkel des Vergessens? Solche Fragen machten jedes zarte Wesen stumm und er, Adam, konnte plaudern und fabulieren bis ins Morgengrauen. Er nannte es für sich nur – sprechen üben, aber es war viel mehr als das. In dem Korrektor erwachte ein verschollener Poet mit lautem Fernweh. Der Winter verging. Eines Tages hatte Adam Leichtfuß etwas Geld zusammen, um sich aufzumachen in die Weiten der Welt. Der stille Schreibtischheld riss seine tiefe Wurzel aus der Zeit und machte sich auf einen unbestimmten Weg.

© Petra Elsner
29. August 2019

 

Das Wins in den 90er Jahren.

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Der Schlafwandler

Guten Morgen allerseits, es entsteht gerade wieder eine neue Kurzgeschichte und Ihr könnt wieder live mitlesen.
Hier kommt der 1. Abschnitt zu:

Der Schlafwandler (1)

Eines Abends saß er einfach da, an diesem Drei-Ohren-Tresen im Blauen Licht an der Winsstraße. Die kleine Kneipe hieß eigentlich Fiasko, später Café Winsenz. Da aber Brauereiverträge vergänglich sind, und deren Werbelampen trotzdem weiter leuchten, wurde der Name des einstigen Lieferanten einfach mit Verdünnung ausgewaschen und das Lampenglas blau gestrichen. Schon bald nannte die Nachbarschaft das etwas verruchte Etablissement „Blaues Licht“. Dort bestellte sich der Neuzugang einen Schoppen trockenen Rotwein und wusste schon nach dem ersten Schluck: der macht Kopfschmerzen. Szenekneipen hatten seinerzeit kein gutes Händchen für Weine. Billiges wurde schlicht teuer verkauft, wer es trotzdem trank, war selber schuld. Während sich der Mann gegenüber gerade einen Sambuca anzündete und dem Rotweintrinker dabei mephistohaft zunickte, ahnte Adam Leichtfuß, dass er eben das richtige Quartier gefunden hatte. Ein Wohnzimmer für nächtliche Abschlaffstunden und ein Ort zum Sprechen. Den brauchte der Mann unbedingt, denn sein einsames Tageswerk am Schreibtisch entlockte ihm keinen einzigen Ton, vielleicht gelegentlich einen Seufzer über verquaste Sätze, mehr nicht. Wenn er abends das Haus verließ, um ein bisschen durch den Kiez zu schlendern, hatte er gewöhnlich noch nicht ein einziges Wort gesprochen. Insgeheim fürchtete er, er könnte es verlernen. Adam Leichtfuß war freiberuflicher Korrektor, den alle möglichen Verlage zu sich riefen, denn er war gewissermaßen der König der Korrektoren. Doch das wussten nur die andern. Leichtfuß war immer klamm, denn fürstlich entlohnt wurde er für seine Dienste eben nicht. Er griff in seine Hosentaschen, doch, die paar Klimpermünzen würden noch für einen zweiten Schoppen reichen, das beruhigte ihn für den Moment. Sein Blick wanderte hinauf zur Decke, die mit Zeitungsseiten tapeziert war, die Wände trugen so ein schäbiges undefinierbares Blaugrüngrau. Irgendwie erinnerte die Kneipeninszenierung an eine altväterliche Hausratsauflösung: Alte Bembel, eine Tuba vor einem goldgerahmten Spiegel, eine Bahnhofsuhr, die auf fünf vor 12 stand. Es war hier überhaupt nichts schön, nur schön-schräg und wie es aussah, passten auch die Gäste zu dem staubigen Interieur. Nur der Holztresen mit den drei angewachsenen Tischohren entsprang der Moderne. Der Wirt dahinter schaute allerdings finster, als hätte er am liebsten jeden einzelnen Stammgast noch vor dem nächsten Getränk gemeuchelt. Heute war seine Laune besonders übel, dazu schob er die großen Schnäpse mit einem Schlitterschwung über den Tresen, als befände er sich in einem alten Westernfilm. Alle kannten das – ein Spiel, in dem der Tresen-Mann die Hauptrolle auslebte, allein Adam Leichtfuß staunte noch. Als er seinen zweiten Schoppen Rotwein zu sich zog, flüsterte seinen Lieblingsspruch von Charles Bukowski dem Sambuca-Mann zu: „Man muss erst einige Male sterben -…“ und schlief ein, mitten im Satz, die Hand am Glas, von jetzt auf gleich. Nach etwa zwei Stunden erwachte Adam Leichtfuß und vollendete seinen Satz, als wäre keine Sekunde vergangen „…, um wirklich leben zu können.“ Das verwunderte den Sambuca-Trinker: „Bitte was?“…

© Petra Elsner
27. August 2019

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Sommermorgen

Der Bär fegte gerade die Seifenblasen aus dem Traum, als Rose erwachte. Sonntagmorgen. Die Stadt döste noch und mutete fast dörflich an. Nur ein paar Kirchgänger im Sonntagsstaat und eine streunende Katze begegneten der Vierzigjährigen auf ihrem Weg zur Hoflesung in der Kastanienallee. Rose fuhr entspannt auf ihrem Hollandrad, mit geradem Rücken, in einem Leinenkleid mit Sommersträußchen. Sie hatte sich schön gemacht für den Dichter, den sie gestern erst bemerkt hatte, in ihrem Café an der Sredzkistraße. Plötzlich saß er bei der launigen Abendrunde. Eine schmale Gestalt im langen Mantel und rotem Schal. Er sagte nicht viel, er hörte zu und lächelte in seinen Rotwein. Als er ging, schob er Rose eine Einladungskarte zu, die sie heute Morgen auf diesen Weg brachte. Die Straßenbahn quietschte unter der Hochbahn über die Kreuzung und spuckte vor dem Kastanienhof eine Menschentraube aus, die offenbar dasselbe Ziel hatte. Rose steuerte in den geräumigen Hinterhof, stieg graziös vom Rad, schloss es an und suchte sich einen guten Platz.  Nun hockte sie auf einer, der unzähligen Bierbänke unter dem sattgrünem Blätterdach der Kastanien in guter Sicht zur Bühne. Die bestand aus einem entsetzlich schief gestapelten Podest aus Europalenten, obenauf ein alter Schemel. Der Dichter hatte Mühe den Bretterberg zu besteigen, er war schließlich kein Sportler, sondern eher ein gemütlicher Flaneur.
Berthold Diehl begann zu lesen, Liebesgedichte, herznah und zerrissen. Ab und zu fiel sein Blick beim Aufschauen auf Rose in ihrem schönen Kleid, das ihrer fein gebräunten Sommerhaut eine aufreizende Note gab. Sie wusste das genau und der Dichter aus dem Hunsrück schien verzaubert. Es war gerade so, als wäre jedes Wort für sie geschrieben. Doch da legte sich auf einmal ein leises Lustgestöhn über die Poesie des Dichters. Es drang aus einem weit geöffneten Fenster im Quergebäude des vierten Stocks. Und es wurde lauter und die Zuhörer grinsten breit, manche kicherten, denn dieses rhythmische Stöhnen brachte den Dichter völlig aus dem Konzept. Er stammelte sich durch die Seiten und Rose zog genervt die Brauen hoch. Als es endlich wieder still wurde hockte die barocke Stöhnerin, eingewickelt in ein weißes Laken im Fenster, hörte dem Dichter zu und klatschte begeistert als er endete. Berthold Diehl stieg von dem wackligen Podest, erst dann konnte er schwindelfrei zu der Frau im Fenster hinaufsehen. Er verbeugte sich mit großer Geste vor ihr und ging.

© Petra Elsner
24. April 2019

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