MINIATUREN (4)

Spätlese

Im Jahr 2000 bemerkte ich im Wins-Kiez vom Prenzlauer Berg, dass es unglaublich viele Schwangere im Straßenbild gab, aber kaum noch Alte. Sie waren irgendwie verschwunden. In Nachmittagsclubs oder Seniorenresidenzen, man wusste es nicht genau. Ein paar Monate später begann der große Umbau der Parterrewohnungen: es entstanden Spätis, Kinderlädchen aller Art, Pensionen und Bio-Läden. Die lichtlosen Orte, die den Alten und Armen der Stadt vorbehalten waren, wurden plötzlich hip und teuer. Meine Wahrnehmung dauerte nur einen Moment, dann war die Hektik jener Zeit schon wieder darüber hinweg gehuscht.
Ein Dutzend Jahre später sah ich auf dem flachen Lande beinahe nur noch Alte, und die 50-Jährigen muteten in ihren weißen Turnschuhen an, als wären sie die Jungen im Dorf. Ihre Kinder arbeiteten in der Schweiz oder waren nach Süddeutschland gezogen. Die schönen Landfeste zur Mittsommernacht, zur Ernte und zu Weihnachten mutierten leise zu Seniorenfeiern, die von den 50- und 60-Endern bespaßt wurden. Mühevoll, denn sie waren in der Minderheit und hatten damit alle Hände voll zu tun. Doch die Freude war flüchtig, weil die in den Turnschuhen inzwischen ebenfalls ergrauten.
Meine Freundin Ina bewohnt am Berliner Stadtrand mit ihrer Familie ein Viergenerationenhaus. Die Mutter ist 95, bettlägerig und blind. Ina leidet schon einige Jahre an Parkinson, kümmert sich aber so gut es geht gemeinsam mit ihrer Schwester um die alte Dame. Die beiden Frauen Mitte 60 kämpfen gegen die sich einschleichende Langsamkeit des Alters. Inas Sohn wohnt mit Frau und Kind parterre und fragt schon mal: „Muttern, wird das mit dir auch wie bei Oma sein? Da werde ich wohl beizeiten wegziehen.“ Ina ruft mich an und schluchzt vor Traurigkeit. Ich erinnere mich, wie sie und ihr Mann jedes Extrastudium des Sohnes in den 2000er Jahren finanzierten und dafür all ihre Versicherungen und Rücklagen aufbrauchten. Berlin, USA, Australien, China. Er war 35, als er endlich sein erstes Geld verdiente. Und nun würde er sie also wieder verlassen, um sich ein leichteres Leben zu suchen. Wir schwiegen ratlos miteinander, aber dann verriet ich ihr noch, ich habe inzwischen die weißen Turnschuhe ausgezogen.

Der Schlafwandler

Guten Morgen allerseits, es entsteht gerade wieder eine neue Kurzgeschichte und Ihr könnt wieder live mitlesen.
Hier kommt der 1. Abschnitt zu:

Der Schlafwandler (1)

Eines Abends saß er einfach da, an diesem Drei-Ohren-Tresen im Blauen Licht an der Winsstraße. Die kleine Kneipe hieß eigentlich Fiasko, später Café Winsenz. Da aber Brauereiverträge vergänglich sind, und deren Werbelampen trotzdem weiter leuchten, wurde der Name des einstigen Lieferanten einfach mit Verdünnung ausgewaschen und das Lampenglas blau gestrichen. Schon bald nannte die Nachbarschaft das etwas verruchte Etablissement „Blaues Licht“. Dort bestellte sich der Neuzugang einen Schoppen trockenen Rotwein und wusste schon nach dem ersten Schluck: der macht Kopfschmerzen. Szenekneipen hatten seinerzeit kein gutes Händchen für Weine. Billiges wurde schlicht teuer verkauft, wer es trotzdem trank, war selber schuld. Während sich der Mann gegenüber gerade einen Sambuca anzündete und dem Rotweintrinker dabei mephistohaft zunickte, ahnte Adam Leichtfuß, dass er eben das richtige Quartier gefunden hatte. Ein Wohnzimmer für nächtliche Abschlaffstunden und ein Ort zum Sprechen. Den brauchte der Mann unbedingt, denn sein einsames Tageswerk am Schreibtisch entlockte ihm keinen einzigen Ton, vielleicht gelegentlich einen Seufzer über verquaste Sätze, mehr nicht. Wenn er abends das Haus verließ, um ein bisschen durch den Kiez zu schlendern, hatte er gewöhnlich noch nicht ein einziges Wort gesprochen. Insgeheim fürchtete er, er könnte es verlernen. Adam Leichtfuß war freiberuflicher Korrektor, den alle möglichen Verlage zu sich riefen, denn er war gewissermaßen der König der Korrektoren. Doch das wussten nur die andern. Leichtfuß war immer klamm, denn fürstlich entlohnt wurde er für seine Dienste eben nicht. Er griff in seine Hosentaschen, doch, die paar Klimpermünzen würden noch für einen zweiten Schoppen reichen, das beruhigte ihn für den Moment. Sein Blick wanderte hinauf zur Decke, die mit Zeitungsseiten tapeziert war, die Wände trugen so ein schäbiges undefinierbares Blaugrüngrau. Irgendwie erinnerte die Kneipeninszenierung an eine altväterliche Hausratsauflösung: Alte Bembel, eine Tuba vor einem goldgerahmten Spiegel, eine Bahnhofsuhr, die auf fünf vor 12 stand. Es war hier überhaupt nichts schön, nur schön-schräg und wie es aussah, passten auch die Gäste zu dem staubigen Interieur. Nur der Holztresen mit den drei angewachsenen Tischohren entsprang der Moderne. Der Wirt dahinter schaute allerdings finster, als hätte er am liebsten jeden einzelnen Stammgast noch vor dem nächsten Getränk gemeuchelt. Heute war seine Laune besonders übel, dazu schob er die großen Schnäpse mit einem Schlitterschwung über den Tresen, als befände er sich in einem alten Westernfilm. Alle kannten das – ein Spiel, in dem der Tresen-Mann die Hauptrolle auslebte, allein Adam Leichtfuß staunte noch. Als er seinen zweiten Schoppen Rotwein zu sich zog, flüsterte seinen Lieblingsspruch von Charles Bukowski dem Sambuca-Mann zu: „Man muss erst einige Male sterben -…“ und schlief ein, mitten im Satz, die Hand am Glas, von jetzt auf gleich. Nach etwa zwei Stunden erwachte Adam Leichtfuß und vollendete seinen Satz, als wäre keine Sekunde vergangen „…, um wirklich leben zu können.“ Das verwunderte den Sambuca-Trinker: „Bitte was?“…

© Petra Elsner
27. August 2019