Der Goldene (2)

Öffentliches Arbeiten: Ein Märchen entsteht:

…Der Rabe erhob sich sogleich und spähte bei seinem Flug nach Aurel zwischen all dem bunten Laub auf der Erde. Irgendwo dort unten musste er doch stecken. Aber der Herbstmann schlief noch in den Wolken. Sein Blattgewand färbte sich indes von Rot zu Orange und schließlich golden. Das war die Zeit in der Aurel besonders gefährdet war, denn sein Glanz weckte Begehrlichkeiten, was er sehr bald zu spüren bekommen sollte. Am Horizont zog ein wildes Wetter auf und in dem Sturm jagten die Wolkenreiter nach allem was edel funkelte. Das Windrauschen weckte den Schläfer, aber schon stachen die Blitze der Wolkenreiter nach seinem Blattgoldgewand. Kaum, dass er sich erheben konnte, hatten sie ihm seine ganze Pracht entrissen und ließen ihn vollkommen nackt zurück…

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Der Goldene (1)

Öffentliches Arbeiten: Ein Märchen entsteht….

Der bunte Schläfer drehte sich noch einmal in seinen Wolkenkissen auf die Herzseite. Ein Zwielicht streichelte sein funkelndes Haupt. Es konnte ihm noch nicht flüstern, ob der Tag noch Sommer oder schon Herbst werden wollte. Nachts hatte es den ersten Frost gegeben und die Hirsche röhrten majestätisch im kalten Mondlicht. Doch Aurel fühlte sich nicht gerufen. Er schlummerte genüsslich, wie alle jene, die gerade den Wecker ausgeschaltet haben, um sich noch eine kleine Zugabe zu gönnen. Längst müsste der Herbstmann walten, denn der September war weit vorangeschritten und die Herbstsonne stand schon tief.

Der Hüter des Jahres war besorgt und stieß seinen Rabenreif an. Die vier Raben erwachten, reckten ihre Köpfe und krächzten: „Was ist zu tun?“ Der Maigrüne, der Mohnrote, der Goldene und der Schneeweiße sahen erwartungsvoll zu ihrem Herrn. Der raunte ernst: „Goldener, dein Herbstmann verschläft seinen Auftritt. Du musst ihn aufstöbern, damit er seine Aufgaben verrichtet. Spute dich, es eilt!“…

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Kerzen in der Stadtbahn (4)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:
Er hatte sich verspätet, Irenes Schutzengel. Er war nie wirklich so pünktlich, wie er sollte. Auch unter den Engeln gab es nachlässigere Gewächse. Doch glücklicherweise hatte das Mädchen die Heilige Nacht allein überstanden und nun war er an ihrer Seite. Unsichtbar saß er im Sessel in der Leseecke und wachte.
Irene lugte in den duftenden Stoffbeutel, frische Schrippen und eine Streuselschnecke. Wunderbar! Sie liebte diese tellergroßen Schnecken. Das Mädchen schloss das Fenster und sah, unten auf dem Gehweg schlenderte Herr Kronberg. Ob er den Beutel an die Tür gehängt hatte? Egal.
Irene frühstückte und sprach mit vollem Mund mit dem Schreibblock:
„Moin, moin, schmeckts Euch auch?“
Wieder räusperte sich die väterliche Stimme und erklärte: „Deine Mutter hat Früchtebrot gebacken. Ist köstlich wie jedes Jahr.“
„Oh, Mann, Früchtebrot! Aber stellt euch mal vor, heute Morgen hat mir jemand ganz frische Schrippen und eine Streuselschnecke an die Tür gehängt – in einem wunderschönen Stoffbeutel.“
„Du weißt nicht von wem die sind und isst sie?“
„Ja, Mama, sei nicht so vorwurfsvoll. Es hat nur jemand an mich gedacht. Vielleicht der nette Herr Kronberg, der nebenan eingezogen ist.“
„Die Wohnung nebenan ist unbewohnt. Gesperrt wegen Rohrbruch, der den ganzen Fußboden ruiniert hatte. Dieser Herr Kronberg ist -,“ die Mutterstimme brach ab und Irene trieb ein Verdacht hinaus aus der Wohnung. Sie sprang die Treppe hinauf in den dritten Stock und klingelte bei Familie Krause. Die Nachbarin öffnete: „Ah, Irene. Frohe Weihnachten.“
„Ja, frohe Weihnachten. Frau Krause, ich will nicht stören, nur eine Frage: Ist in der Wohnung neben uns ein neuer Mieter eingezogen?“
Die Krause schüttelte den Kopf. „Die Wohnung muss erst saniert werden. Wenn da einer reingeht, dann ist er vielleicht von der Versicherung oder ein Klempner.“
Irene setzte düster nach: „Oder – einer von der Firma.“
„Wer weiß“, murmelte Frau Krause verhalten. „Ist sonst noch was?“
„Nein danke.“ Die Tür schloss sich wieder und Irene, wusste plötzlich nicht, was sie tun sollte. Wut stieg in ihr auf. Der hatte sie einfach frech angelogen. Sie klingelte Sturm bei Kronberg, aber niemand öffnete.

Sie hastete zurück in die elterliche Wohnung zu ihrem Blockdialog. Sie schrieb und sprach: „Mama, ich glaube, der Kronberg ist mein Schatten!“
„Und von dem nimmst du Brötchen an?“
„Sie sind von mir“, flüsterte der Engel. Irene sah erschrocken in die Leseecke. Dort war nichts. „Werd‘ ich jetzt irre, wer spricht da?“, schrie sie in den Raum. Da schimmerte der Engel in seiner Gestalt. Lessig saß er da in einem grünen Kapuzenmantel. Braune Locken fielen bis zu seinen schmalen Schultern und er schaute mit einem sanftmütigen Blick, der Irene an ihren Lieblingsbeatle George Herrison erinnerte.
„Mir wurde gesagt, mit Streuselschnecken kann man dich trösten. Ich bin Raphael und werde über Weihnachten Dein Schutzengel sein.“
Für Irene war das im Augenblick alles ein bisschen viel. Missgestimmt fragte sie barsch: „Und, wo warst du gestern?“
„Ich hatte verschlafen.“
„Die Heilige Nacht?“
„Ja.“
„Na sowas.“
„Wenn ich störe, bleibe ich unsichtbar.
„Ja, bitte.“
Der Engel atomisierte sich und Irene tippte mit dem Stift auf ihren Schreibblock: „Vati, Mama, ich bin nicht mehr allein. Ich habe jetzt einen Schatten und einen Engel.“ Der Schreibblock schwieg.

Sie musste raus. Abends fuhr Irene wieder S-Bahn und sprang von Wagon zu Wagon. Sich an Leuten sattsehen und ihnen Kerzenlicht spendieren. Diesmal war es schwieriger ihre Weihnachtslichter unbemerkt aufzustellen. Himmel und Menschen waren unterwegs und schleppten Geschenke von A nach B. Doch Irene fand stets diesen kleinen unbemerkten Moment oder war da wer, der sie abschirmte? „Raphael?“ flüsterte sie. Der Engel stand direkt neben ihr und lächelte. Und da noch einer, der sie beobachtete. Dieser Kurt Kronberg. Als sie ihn entdeckte, kam er auf sie zu und reichte ihr wieder ein Telegramm. „Sie sind wohl unter die Briefträger gegangen?“ zischte ihn Irene an. Dann las sie unter Freudentränen: „Komme morgen mit dem Zug, Mama“. Der Schatten verschwand, der Engel aber begleitete sie durch die Nacht.
                                                                         ***
© Petra Elsner

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Kerzen in der Stadtbahn (3)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:

… Sie stellte sich vier Kerzen auf, holte die Geschenke für Vater und Mutter herbei, legte sich Stift und Schreiblock zurecht und goss sich ein Glas Punsch ein. Irene prostete den imaginären Eltern zu und schrieb:
„Frohe Weihnachten! Wo immer ihr seid. Könnt ihr mich hören ihr Lieben?“
„Wir hören dich Kind. Im Herzen sind wir bei dir.“
„Ich weiß, Mama. Macht euch keine Sorgen, ich schaffe das.“
Irene schluchzte, denn sie spürte, dass es nicht stimmte, was sie gerade sagte, aber sie fühlte, ein Rollenspiel könnte ihr guttun. Und so schrieb sie diesen Dialog und sprach dabei die Worte mit verstellten Stimmen.
„Du musst nicht so stark tun, mein Kind. Wir wissen, dass diese Situation für dich schlimm ist. Trink einen Schluck, er hilft dir zu entspannen.“
„Mach ich, Vati. Prost! Wie geht es auf dem Kahn?“
Die Stimme des Vaters räusperte sich: „Em, es geht. Noch haben wir es warm, aber ich glaube, wir werden beobachtet.“
„Wie jetzt?“
„Na, vielleicht denkt man sich, die stecken im Eis fest, das ist eine gute Gelegenheit zu türmen, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Du meinst, die Stasi denkt das?“
„Ja. Die trauen doch keiner Seele. Pass auf dich auf mein Kind und lass dir nichts erzählen. Wir würden dich niemals zurücklassen. Ja, es gab solche Fälle, und wahrscheinlich haben wir deshalb diesen Schatten am Ufer bekommen, aber du kannst dich auf uns voll verlassen.“
„Das weiß ich doch.“
„Und warum sorgst du dich dann?“
„Na, wer weiß schon genau, was der andere denkt und wohin ihn das führt.“
„Kindchen!“
„Ja, Vati? Ich sorge mich halt und ich bin nicht gerne allein.“
„Weiß ich, deshalb machen wir uns ja Sorgen.“
Im Fernseher flimmerte „Die Feuerzangenbowle“. Irene legte den Stift beiseite, goss sich einen zweiten Punsch ein und kuschelte sich in eine Decke auf dem Sofa. Der Film lenkte sie ab und das Getränk machte sie schläfrig.

Am ersten Weihnachtsfeiertag weckte sie das Sendeschlussrauschen des Fernsehers. Sie sprang vom Sofa und schaltete das nervende Gerät aus. Zuerst legte sie Kohlen auf das letzte Glimmen im Kachelofen. Das Wohnzimmer roch nach abgestandenem Punsch. Sie füllte den Rest in eine Flasche und verschloss sie mit einer Gummikappe. Bestimmt ließe der sich noch einmal aufwärmen. Während Irene die Fenster weit öffnete, um zu lüften, schepperte die Wohnungsklingel. Niemand stand vor der Haustür, aber am Türknauf hing ein roter Stoffbeutel mit weißen Punkten und es war ihr, als ob ein Hauch in den Wohnungsflur wehte. Seltsam, bestimmt war es nur ein Luftzug zwischen offenem Fenster und dem Treppenhaus. Aber es war kein Luftzug…

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Die Glücklosen

Ihre wassergrünen Augen schauten immer etwas beleidigt in den Tag. Noch hatte sie etwas Apartes, obwohl sie schon fast 70 Jahre alt war. Modern gekleidet und die feuerrote Mähne frisch frisiert. Das hätte sie sich von ihrer mickrigen Rente niemals leisten können. Aber sie pflegte jahrelang ihren Vater, dann ihre Altersliebe. Mürrische Männer, die man in der schönen, neuen Welt nicht ankommen ließ. Dafür beschenkten sie ihre Margarete. Bis in den Winter 1989 war sie die kinderlose Geliebte eines Romeo-Spions, der durch die Verhältnisse getrieben, im Sumpf der Geschichte verschwand. Die Frau hatte erst spät begriffen, mit wem sie da gelegentlich das Bett teilte. Sie hatte Zeit und Muße. Auch in der damaligen DDR hatte die sogenannte 68er-Generation Mitte, Ende der 70er Jahre die Chefetagen und Institutionen erreicht und deren Posten besetzt. Für die drei, vier Jahre später Geborenen blieben diese ein Arbeitsleben unerreichbar. Die Zwischengeneration der ewigen Mitarbeiter entstand. Es war nicht verwunderlich, dass gerade diese Menschengruppe nach der Wende vom Westen in den Osten strömte, ihre Chance ergriff und alles weg biss, was sich um Augenhöhe und Posten bemühte. Margarete war damals 40 Jahre alt, studierte Werbeökonomin und versank uferlos in der Massenarbeitslosigkeit der 90er Jahre. Sie gehörte fortan zu den Glücklosen, die selbst von ihren Eltern, den gut ausgestatteten und fitten Einheitsrentnern, keinen Respekt bekamen. Anfänglich hoffte sie noch, irgendwann wieder einen einträglichen Job zu bekommen, aber ihr Leben hatte einen Riss und es gab immer einen, der sie verhinderte, bis sie verbittert in Rente ging. Dieser beleidigte Blick bekam nun nicht mehr täglich neue Nahrung, aber er verlor sich nicht. Er wandelte sich höchstens in einen enttäuschten, einsamen Blick. Der sagte schweigend an jedem Grab eines ehemaligen Kollegen: Was hätten wir alles werden können! Man starb früh in dieser Zwischengeneration. Verschlissen und entehrt von schlechten, billigen Jobs, schlugen in ihr Krankheiten härter zu. Margarete war halbwegs gesund. Die Hinterlassenschaften ihrer Männer ermöglichten ihr kleine Reisen und ausgiebige Kaffeehausbesuche, bei denen sie eintauchte in die Sphären der anderen. Hier saß keiner, der abgehetzten Paketboten oder der übernächtigten Zeitungszusteller. Hier lustwandelte das selbstgerechte Leben. Margarete bemerkte sehr bald, dass sie die einzige der Glücklosen war, die diesen Ort besuchte. Lange. Bis sich eines Tages die Glastür des Café Einsteins öffnete und sie ein Blick traf, der ihr vertraut war. Der wissende Blick eines Glücklosens. Er streifte sie nur und hielt dann Abstand. Der Mann griff sich eine Zeitung und fläzte sich mit ihr auf eine der Lederbänke zwei Tische weiter. Er las, trank Kaffee und entfaltete dabei diese seltsame Aura eines Unberührbaren. Die hatte Margarete auch, weswegen es niemand wagte, sich zu ihr zu setzen. Aber seine Anwesenheit ließ sie still in sich hineinlächeln. Sie war an diesem Ort nicht mehr allein.
© Petra Elsner

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Der Klammhold und die Pfützenspringerin (2)

Eine Ostergeschichte entsteht öffentlich:
…In der Nähe klagte etwas: „Oh je, oh je, oh jemine.“ Es raschelte hier, dann kurzweilig dort. Der Klammhold spitze die Ohren, dann sah er den suchenden Eichkater. „Hey, Rotfussel, was jammerst du so? Du weckst ja alle Winterschläfer!“ Der Eichkater zitterte wie Espenlaub. „Ach, du lieber Klammhold, ich habe Hunger, denn ich finde meine Vorräte nicht mehr. Einfach vergessen, ist das nicht furchtbar?“
„Ach, Rotfussel, bei den drei Eichen habe ich vorhin ganz zufällig dein Walnusslager entdeckt.“
„Haaah, wie schön! Du bist mein Retter! Ich danke dir! Vorhin habe ich bei den Eichen gesucht, ab dann hat mich das Schnarchen der Pfützenspringerin abgelenkt. Und schwuppdiwupp, bin ich an dem Lager vorbeigesaust.“
„Wo schläft denn die Waldelfe, ich suche sie schon den ganzen Tag?“
„Im alten Mauseloch unter dem linken Stamm.“
Die beiden gingen gemeinsam zu dem Waldplatz. Der Eichkater holte sich seine Walnüsse und der Klammhold weckte die Fenia, die Pfützenspringerin…

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Der Klammhold und die Pfützenspringerin (1)

Eine Ostergeschichte entsteht öffentlich:

Ein leises Atmen schlich aus dem Moos. Der Klammhold hob ganz vorsichtig den Moosbatzen an und lugte darunter.  Nein, wieder war es nicht die Pfützenspringerin. Hier lagen Moosfrau und Moosmann im ganz friedlichen Winterschlaf. Sachte legte er die Moosdecke wieder über sie. Wo die Pfützenspringerin nur steckte? Der Klammhold war ein guter Sprungtrainer, aber als Pfadfinder eignete er sich nicht besonders. Darum war es nicht verwunderlich, dass er nicht genau wusste, ob er an dieser oder jener Spechthöhle schon vorbeigekommen war. Aber rufen wollte er auch nicht nach ihr, dass würde ja vielleicht die anderen Waldelfen gleich mit erwecken und ihr Plan, früher mit dem Training zu beginnen als alle anderen, wäre verwirkt. Der erste milde Wind in den Baumwipfeln zeigte an, in wenigen Wochen würde Ostern sein. Es wurde Zeit…

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Die Kamera (2)

Eine Geschichte entsteht öffentlich:

… Sie hatte ihm frühzeitig Steilvorlagen geliefert, die Anne – dem Tod. Ein Leben gegen den Strom. Immer eigen. Und, sie hat sich beizeiten rechtschaffend verbraucht. Zu viel Arbeit, zu viel Mangel, zu viel Sucht. Sie rauchte unentwegt so eine kleine, gebogene Tabakpfeife unter ihrem schwarzen Schlapphut. Den hatte ihr eine Novizin auf Landgang vermacht, als jene sich vor dem viel zu wirren Leben für immer hinter die Klostermauern zurückzog. Im schwarzen, knöchellangen Mantel trug Anne ihr eigenes Trinkglas mit sich, denn die üblichen Kneipengläser fand sie einfach nur grottig. So war sie auch 1973 zu den Weltfestspielen unterwegs. Eine Woche lang Ausgang vom junge-Mutter-sein. Schon viel zu ernst mit 20 Jahren für den flirrenden Frohsinn. Auf dem Alexanderplatz badeten ausgelassen junge Leute in den Wasserschalen der spiralartigen Brunnen-Kaskade. Anne dachte bei sich: Würden die das an einem gewöhnlichen Sommertag probieren, man hätte sie festgenommen. Aber Ost-Berlin lebte einen Ausnahmezustand. Am Rande des Womacka-Brunnens hockte ein zusammengesunkener Mann in Latzhose mit verschleiertem Blick über seiner Gitarre. Die einzige traurige Seele in all der Überschwänglichkeit sah sie. Ein leiser Klagesingsang ging von ihr aus. Anne setzte sich zu dem Mann und spürte die Trauer des Sängers, der am Auftrittsverbot litt. Nach ein paar Worten entzogen sie sich dem ausgelassenen Treiben zum Rotweintrinken in den DT-Keller (*). Mit eigenem Glas, versteht sich. Dort verlor sich die zufällige, namenlose Begegnung sehr bald in andere. Erst später, nach einer Film-Doku im Westfernsehen, wurde ihr klar, dass dieser Sänger Wolf Biermann war…

(*) DT-Keller: Kantine des Deutschen Theaters

Aufrufe: 255

Die Kamera (1)

Eine Geschichte entsteht öffentlich:

Die Kamera war ihr perfektes Alibi, an diesem wilden dunklen Ort zu sein, dem Kesselhaus der Kulturbrauerei. Hinter ihr konnte sie unter all den jungen Menschen, die allesamt ihre Kinder hätten sein können, leicht sein. Es war stickig, überfüllt und laut, aber die Frau in den schwarzen Klamotten war in diesem Moment glücklich, wie schon lange nicht mehr. Die Canon gab ihr die Möglichkeit, unauffällig wieder jung zu sein und sei es nur für diese gewisse Zeit. Sie schob die umgedrehte Bierkiste lässig mit dem weißen Leisetreter an der Bühnensohle entlang, um ihrer kleinen Gestalt mehr Höhe geben und sich so einen besseren Sichtraum zu schaffen. Gundermann röhrte „…unter der Fahne der Grünen Armee…“
Klick, klick. Letztes Bild. Sie ging für den Rollenwechsel in die Hocke. Ihr Herz stolperte. Nicht wegen Gundermann. Der Film saß, Klappe zu, Herzaussetzer. Anne dachte seltsam gelassen: schöner Ort zum Sterben. Das Herz fand seinen Takt, sie erhob sich und fotografierte weiter. Das nervte Gevatter Tod. Keinen Respekt, diese Frau?
Hatte sie schon. Nur war sie es müde geworden über all seine Stöckchen zu springen. Was ihm die Spielfreude nahm. Also ließ er jetzt von ihr ab und suchte sich einen anderen Zeitvertreib. Anne zoomte durch das Gedränge und sah durch ihren Sucher, wie hinten rechts eine Gestalt im Bühnennebel zu Boden ging…

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Der Dunkelgnom

Öffentliches Schreiben – Teil 3 – der  Schluss

… Das war es wohl, weshalb die gedrungene Gestalt so unauffällig ihrem Auftrag nachgehen konnte, denn ein böses Gesicht hätten die Menschen gemieden. Die Kapuzenfrau hatte den Dunkelgnom aus der Ferne beobachtet und wusste nun, dass sein Raubzug Hass nähren sollte. Das musste sie verhindern. Sie diente dem Licht, er den Schatten. Ihr gehörte all das schöne Lachen eines Sommertages, ihm das Furchtsame der Nacht. Beide lebten im Lauf der Zeit, doch der Dunkelgnom versuchte sie zu vertreiben, um der Finsternis mehr Raum zu geben und er wusste, die Kapuzenfrau war nur so schön durch das Lachen und die Freude der Menschen. Die aber gingen Tag um Tag mehr verloren, denn er setzte verschlagen sein Werk fort.

Sie hatte das Versteck im Wald nicht gefunden, dass seinen Zauber hütete. Aber Emma Niesel war klug und wusste, das verschluckte Lachen war ja nur verborgen. Vielleicht konnte sie es erwecken. Dazu tat die Kapuzenfrau plötzlich ganz einfache Dinge: Sie verteilte hier eine Blume, las dort ein Gedicht oder eine Geschichte, dem Nächsten sang sie auf dem Marktplatz ein Lied oder verschenkte Zuckerwatte. Dem Übernächsten überreichte sie ein Kaleidoskop, einen Zauberwürfel oder erzählte ihm einfach einen guten Witz. Und es schien ihr, als würde mancher der Beschenkten einen weicheren Zug um den Mund bekommen. Kultur formt Herzen, ganz gleich wann und wo. Die Kapuzenfrau kann den Dunkelgnom nicht aufhalten, aber sie folgt ihm und verteilt gute Worte und warmherzige Blicke, damit das Lachen im Tag nicht gänzlich verloren geht.

 

Und nun – die ganze Geschichte:

Der Dunkelgnom

Die Finsternis war ihr auf der Spur. Die Frau im Kapuzencape lief schnell, denn sie fühlte schon ihren kalten Atem. Das Winterlicht hing tief in den Bäumen und in den Kuscheln knackte und raschelte es, als würde jemand Tannengrün brechen. Der Wald roch erdig. Kein Mensch war in dieser triefenden Nässe zu sehen und das wollte Emma Niesel auch so, allein und ungesehen sein. Vor einer Weggabelung zog sie die Kapuze tiefer in das blasse Gesicht, da fiel ihr plötzlich eine kopflose Taube vor die Füße. Ihr Atem stockte. Keinen Schritt weit entfernt lag der weiße Vogel. Etwas wehte über sie hinweg. Kein Wind, es war der Flügelschlag eines Habichts, der den Weg überflog. Instinktiv zog Emma Niesel den Kopf ein. Das Tier landete in einer Eiche und lauerte dort auf einen Moment, sich die verlorene Beute wiederzuholen. Die Frau zögerte weiter zu gehen, denn der tote Vogel schien ihr ein schlechtes Omen für ihren heimlichen Weg zu sein. Eine Botschaft? Beklommen stieg sie über den Vogel. Irgendwo kicherte es aus dem Unterholz.

Der Dunkelgnom hatte es geschafft, die Kapuzenfrau auf den falschen Weg zu locken. Sein Versteck war sicher. Er konnte sie laufen lassen und in seine Stadt zurückkehren, um auf Beutezug zu gehen. Dabei trat er den Menschen im Straßengewühl einfach frech in die Hacken und wer sich nach ihm umsah, der verschluckte sein Lachen für immer. Es waren inzwischen viele, die es verloren hatten. Ohne das Lachen aber, waren die Menschen wehrlos und wurden hart. Das genau war sein Auftrag, denn der Dunkelgnom war ein Diener der Finsternis. Noch vor Jahren bewachte er wie andere Zwerge einfach nur seinen Schatz. Doch eines Tages kamen die großen Bagger, hoben für ein Hochhausfundament seine kleine Höhle aus. Seitdem war er ohne Zuflucht und Sinn. Das war die Stunde der Finsternis, sie verwandelte ihn langsam in den Dunkelgnom. Rein äußerlich war es ihm nicht anzusehen, er sah aus wie alle Zwerge so oder so aussehen, nur ein bisschen missmutig wirkte er.

Das war es wohl, weshalb die gedrungene Gestalt so unauffällig ihrem Auftrag nachgehen konnte, denn ein böses Gesicht hätten die Menschen gemieden. Die Kapuzenfrau hatte den Dunkelgnom aus der Ferne beobachtet und wusste nun, dass sein Raubzug Hass nähren sollte. Das musste sie verhindern. Sie diente dem Licht, er den Schatten. Ihr gehörte all das schöne Lachen eines Sommertages, ihm das Furchtsame der Nacht. Beide lebten im Lauf der Zeit, doch der Dunkelgnom versuchte sie zu vertreiben, um der Finsternis mehr Raum zu geben und er wusste, die Kapuzenfrau war nur so schön durch das Lachen und die Freude der Menschen. Die aber gingen Tag um Tag mehr verloren, denn er setzte verschlagen sein Werk fort.

Sie hatte das Versteck im Wald nicht gefunden, dass seinen Zauber hütete. Aber Emma Niesel war klug und wusste, das verschluckte Lachen war ja nur verborgen. Vielleicht konnte sie es erwecken. Dazu tat die Kapuzenfrau plötzlich ganz einfache Dinge: Sie verteilte hier eine Blume, las dort ein Gedicht oder eine Geschichte, dem Nächsten sang sie auf dem Marktplatz ein Lied oder verschenkte Zuckerwatte. Dem Übernächsten überreichte sie ein Kaleidoskop, einen Zauberwürfel oder erzählte ihm einfach einen guten Witz. Und es schien ihr, als würde mancher der Beschenkten einen weicheren Zug um den Mund bekommen. Kultur formt Herzen, ganz gleich wann und wo. Die Kapuzenfrau kann den Dunkelgnom nicht aufhalten, aber sie folgt ihm und verteilt gute Worte und warmherzige Blicke, damit das Lachen im Tag nicht gänzlich verloren geht.

© Petra Elsner
Oktober 2020

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