Frohe Weihnachten!

Zum Heiligen Abend kommt meine Weihnachtsgeschichte für das Jahr 2025, verbunden mit dem Wunsch für alle Blog-Leser: Habt alle eine friedliche Weihnacht und ein gutes Leben, Eure Petra!

Das Weihnachtserbe

Es sind die einfachen Worte, die unter die Haut gehen. Das wusste Henning und dachte berührt an seinen Vater, der aus der Erinnerung brummte: „Mach keine Schnörkelsprüche. Immer schön geradeaus: Ho, ho, ho … Eine frohe Weihnacht wünsche ich euch allen! So einfach geht das, und auf gar keinen Fall bitte: himmlisch ruhige – engelschöne – kalorienbombige – oder rentierstarke… Weihnachten! Verstehst du? Das Echte ist immer schlicht.“

Henning nickte mit feuchten Augen und wusste: Feste feiern heißt auch Traditionen zu pflegen. Er hatte im Herbst die rote Robe des Vaters geerbt. Nun stand er tief atmend vor dem großen Spiegelschrank und zupfte unpässlich an sich herum. Vielleicht wird er irgendwann hineinwachsen, jetzt aber war ihm die Robe viel zu groß. Er sah aus wie reingeborgt. Ein windiger Ersatzmann, eine gemästete Fahrradspeiche; so geht das nicht. Er griff nach einem breiten Gürtel und schnürte sich ein pralles Kopfkissen vor den dürren Leib. Jetzt saß der Mantel gleich viel besser. Aber was hilft gegen das furchtbare Lampenfieber?

Schon als Kind geriet Henning Krause ins Stammeln, sobald er zur Tafel kommen musste, um ein Gedicht vorzutragen. Dabei schlotterten ihm die Knie, und seinen Körper erfasste ein großes Zittern. Im Älterwerden ist er das nie losgeworden, deshalb vermied er irgendwelche Auftritte. Aber nun kam da etwas auf ihn zu. Eine Hauptrolle sozusagen. Manch einer riet ihm, ein Schnäpschen würde ihn bestimmt mutiger machen, doch das lähmte nur die Zunge. Der junge Mann setzte die strenge Maske mit den buschigen Brauen und dem Rauschebart auf und hoffte, erkennen würde ihn so niemand, und ein richtiger Weihnachtsmann verhaspelt sich auch nicht. Aber hach, warum hatte er dem Vater nur seine Nachfolge versprochen?

Die Zeit schritt voran, es half kein Hadern mehr, er musste aufbrechen. Er griff nach dem Geschenkesack und stecke sich noch ein Schnupftuch in die Manteltasche, dabei spürte er ein Papierknäuel, den er hervorzog und vorsichtig öffnete. Ein hellblau gestreifter Stein kam zum Vorschein, und auf dem knittrigen Zettel stand:

„Mein lieber Henning, fürchte dich nicht, dieser Chalcedon-Edelstein wird dich stärken. Auch ich hatte einst ganz große Auftrittsangst, bis ich diesen Stein fand. Es ist ein Rednerstein, und du wirst sehen, in die Hand genommen wird jedwede Angst gebannt sein und deine Stimme wohlklingen. Er wird dir Leichtigkeit schenken. Dein Vater.“
Henning lächelte irgendwie erleichtert. Es war, als wäre eine große Last von ihm abgefallen. Als Weihnachtsmann ging er nun in dieser Nacht im Kiez von Tür zu Tür und spendierte den Menschen Glück und Freude. Und im Wohlklang seiner Stimme tanzten die weisen väterlichen Worte zum Fest.

Text & Zeichnungen: Petra Elsner

Dezember

Aus meinem Weihnachtsfundus kommt heute das Märchen: Die Stallweihnacht

In Kurtschlag gibt es eine schöne Aktion für die Dorfkinder: Adventsfenster-Raten. Das Thema heißt „Märchen“. Mein Atelierfenster ist heute Abend dran. Morgen schieße ich noch ein Foto von draußen. Heute nicht, mir wurden gerade die Narbenfäden gezogen…

Dezember

Wenn man Engel verschenkt

In einer Kirchgemeinde feierte man mit einer festlichen Kaffeezeit den Advent und Lieselotte gab ihr Bestes an der Harfe. Weil es sich herumgesprochen hatte, wie gut sie die Saiten zupft, kamen zu dieser Feier mehr Menschen als erwartet. Die fromme Musikerin hatte sich ausgedacht, jedem Gast am Ende ihrer Darbietung, einen Schutzengel zu schenken. 40 Stück hatte sie sich dafür besorgt, aber, oh je, sie reichten nicht. Jene, die keinen bekamen, standen nun vor der Frau und fragten leise: „Und wo ist mein Engel?“ Lieselotte war entsetzt. Sie hatte Gutes bewirken wollen, doch nun stand Enttäuschung im Raum. So sehr sich die Musikerin auch entschuldigte, die ohne Engel waren glaubten, sie hätten keinen verdient und mit diesem Gedanken, gingen sie nach Hause. Lieselotte schämte sich und schlief schlecht in der Nacht. Ihr unsichtbarer Schutzengel raunte ihr verärgert ins Ohr: „Wenn du Engel verschenken willst, zähle zuvor die Gäste ab oder lass es besser!“ Lieselotte rieb sich erstaunt die Augen, als sie am Morgen genau die fehlende Anzahl von Engeln auf ihrem Nachtisch entdeckte. An diesem Tag im Advent, lief sie durch das Städtchen und brachte jedem enttäuschten Konzertgast, seinen Engel mit einem wohlbedachten Spruch ins Haus. (pe)

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (5 – der Schluss)

Erzählt für Erwachsene

… Als sie am Morgen des Heiligen Abend den Frühstücksraum ihrer Pension betrat, wartete auf Julis Stuhl ein großes Paket auf sie. Es roch nach Heimat. Die wenigen verbliebenen Gäste lächelten erwartungsvoll. Jeder von ihnen wusste, dass ein Weihnachtsfest fern der Familie schmerzendes Heimweh auslösen konnte. Schon die letzten Tage im Advent hatte sich die Seele der jungen Frau verdunkelt. Sie wirkte abwesend und in sich gekehrt. Juli zögerte erst, packte dann aber vor aller Augen aus. Obenauf lag der Bär, den sie sofort an ihr Herz drückte. „Mein Tröster! Ach, wie hab ich dich vermisst, mit dir kann mir nichts mehr passieren,“ frohlockte sie und lachte schief. Sie fand handgestrickte Socken (super bei 30 Grad!), eine Dose mit den köstlichen Familienplätzchen und zwei dicke Bücher über Meeresbiologie. Die wollte sie schon lange haben. Als Letztes eindeckte sie ein Kuvert mit einem Sparbuch, begleitet von einem Zettelgruß der Eltern: „Es wird dir helfen, dein Auslandssemester zu finanzieren. Wir umarmen dich.“
Juli fühlte sich gestärkt. Sie wusste jetzt, sie würde nach dem Semester guten Mutes heimkehren. Und die Zeit bis dorthin beschützte ein kleiner Bär heimlich ihre Wege.
©Petra Elsner

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (4)

Erzählt für Erwachsene

…„Ich dachte mir, sie wollte mich auf ihrer Reise nur nicht verlieren. Kommt ja oft Gepäck weg, habe ich gehört. Vielleicht hat sie auch geglaubt, dass sie mich nicht mehr braucht. Aber man ist doch nicht frei von Erinnerungen, nur indem man etwas zurücklässt. Erinnerungen wohnen in unseren Gedanken, man hat sie immer bei sich.“
Der Besen nörgelte „Wenn du meinst.“ Er wusste, man kann Erinnerungen auch verdrängen, sogar gänzlich ausblenden, aber er wollte dem Bären nicht die Hoffnung nehmen und schwieg. Warum sollte sich Juli an ihre Heimat erinnern wollen, wenn sie doch vor ihr davonlief?

An einem Sonntagmorgen im Dezember klingelte das Telefon im Flur. Der Vater drückte die Stummtaste seiner TV-Nachrichten und lief in den schmalen fensterlosen Gang: „Hallo? Juli???“ Die Mutter sprang aus ihrem Zimmer hinzu, nun lauschten beide. „Hallo ihr Zwei. Wie geht es euch? Habt ihr Schnee?“ Juli druckste herum, als die Eltern wissen wollten, wie es ihr selbst ginge. Bis die Mutter geradeheraus fragte: „Was ist wirklich los mein Kind?“ Da erzählte die Zwanzigjährige, sie habe sich beim Surfen das rechte Schlüsselbein gebrochen und könne nun einige Wochen nicht mehr Kellnern. Ohne das Trinkgeld käme sie nicht zurecht. Ihre Worte „…ich werde wohl mein Pensionszimmer verlieren. Könnt Ihr mir bitte helfen?“, brachte die Mutter auf Trab. „Natürlich Kindchen. Was sollen wir Dir überweisen?“
Der Vater sandte umgehend die gewünschten 1000 €. Beide ahnten jedoch, dass Juli damit nicht weit kommen würde…

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (3)

Erzählt für Erwachsene

…In der Nacht öffnete er das Fenster, sah nach den Sternen und dachte an Juli. Sie arbeitete inzwischen täglich ein paar Stunden in einer Bar am Bondi Beach von Sydney, danach surfte sie auf den Wellen. Sein Kopfkino zeigte ihm Bilder von einem leichten Leben. Ted gönnte ihr den Strandspaß, aber zugleich dachte er, es sind zu viele junge Menschen, die jedes Jahr die Heimat verlassen. Der Bär wusste nicht genau, weshalb sie auswanderten, es musste etwas sehr Beunruhigendes sein. Aber war die Summe der Bedrohungen nicht überall gleich groß? Offensichtlich lebte es sich anderenorts trotzdem leichter. Ach, sinnierte der Bär: Beim Wellenreiten lernt Juli wenigstens, dass schöne Momente die Zeit dehnen. Sie kann sich darin genussvoll strecken und das Hamsterrad der immer schneller werdenden Hatz abstreifen. Ted sehnte sich durch die Sommernacht. „Ob alle Auswanderer ihre Bären vergessen einzupacken?“ Er merkte gar nicht, dass er inzwischen seine Gedanken halblaut vor sich hinsprach und der Besen ihn hörte. „Vielleicht vergessen sie ihre Bären gar nicht, sondern verlassen sie ganz bewusst, um mit ihnen die Erinnerungen zurückzulassen.“ Ted blickte erschrocken den Besen an…

Eine Geschichte entsteht:

Einsam (2)

Erzählt für Erwachsene

… Wie überhaupt alles in diesem verlassenen Zimmer zu dämmern schien. Der Bär träumte davon, mit einem mächtigen Besen die schlimmsten Weltbrände auszukehren. Nicht als Superheld. Nein, Ted wollte nur das Kriegsgeschrei vertreiben, das Stunde um Stunde aus dem Vaterzimmer hinüberschallte.  Seit Jahren dröhnte es immer lauter. Im Mutterzimmer herrschte seit dem Auszug von Juli Stille. Dort hauste nur noch Schwermut, die kein bisschen Gemeinschaft zuließ. Der Bär fegte so heftig, dass er schweißgebadet und schnaufend erwachte. Wo war der Besen? Der kicherte entspannt neben der Zimmertür, denn er kannte dieses entsetzte Erwachen: „Warst du wieder mit mir unterwegs?“
Der Bär nickte.
„Aber ich war nicht dabei.“
„Weiß schon, ich habe nur geträumt. Leider.“
„Ich bin nicht so mächtig, wie dein Traumfeger. Bin gut zum Hausputz geeignet, zu mehr nicht“ leierte der Besen vor sich hin.
Der Bär wusste das. Er selbst war auch kein Held, er war der Tröster. Immer schon, trösten konnte er gut. Er war ganz zerzaust vom vielen Trösten, aber an diesem Ort konnte er mit seiner Kunst nichts mehr ausrichten. Aus dem Vaterzimmer dröhnten wieder Geschosssalven, im Mutterzimmer schwebte die Stille. „Es ist zum Davonlaufen,“ seufzte der Bär. „So wie Juli davongelaufen ist, der es zu eng war hinter der Gardine und im Land. Australien – sie wird mich dort vergessen.“
„Einen Tröster vergisst man nicht,“ meinte der Besen. „Dein einfühlsames Brummen wird ihr bestimmt wieder einfallen, wenn sie ein Leid zu tragen hat. Bestimmt,“ setzte der Besen nach. Er hätte Ted gern in diesem Moment tröstend gestreichelt, aber er war mit seinen harten Borsten dafür nicht geschaffen. Deshalb schwieg er, ehe aus ihm ausgelatschte Floskeln heraussprudelten. Der Bär sorgte sich…

Eine Geschichte entsteht…

Einsam (1)

Als wir die Masken ablegten, sahen wir in all die erschrockenen Gesichter. Sie sprachen wortlos von Angst, Verwirrung, einer großen Leere und von Verlusten. Aber die Traurigkeit wich rasch einem übertünchenden Sommerleben. Als der Herbst kam, sahen wir die Schäden. Verhaltensstörungen und Lernschwächen. Es reichte offenbar nicht, dass wir drei Lebensjahre verloren hatten und mit den Folgen kämpften. Es musste von den Meinungsmachern hervorgekehrt werden, wer mehr gelitten hat und wer noch einsamer als der Einsamste gewesen war. Das hat uns beschäftigt und das Hinterfragen der Pandemiemaßnahmen verschoben. Das Zerlegen der Gesellschaft nahm weiter Fahrt auf. Die Jungen gegen die Alten, die Andersdenkenden gegen den Rest, die Linksgrünen gegen die Weißbrote. Stadtgesellschaft gegen die ländlichen Sitten. Die Lebensschönheit verschwand und die Debatten gerieten in den Zerhacker. Überall Feindschaft und ein Krieg vor der Tür. In all dem Getöse dämmerte ein Bär im Kinderzimmer…

Ende der Schreibzeit


Die Schreibzeit ist abgeschlossen. Gestern entstand noch diese kleine Abgangsgeschichte, ab morgen werde ich die Texte layouten, dann kann meine Handproduktion der Künstler-Hefte beginnen…

Wenn der Traum den Hut zieht

Er spreizte sich und referierte „Träume kann man nicht einsperren. Sie haben Flügel, die durch Raum und Zeit gleiten und dich einholen, wohin du dich auch verirrst. Sie haken sich an deinem Mantel fest. Und jede verdammte Nacht schleichen sie sich aufs Neue an.“ Der alte Kasper zog die Zipfelmütze vom Kahlkopf und senkte seinen Blick, als würde ein Vorhang fallen. Er wusste, wovon er sprach, aber das Rampenlicht war lange schon erloschen. Er hatte seinen Traum erreicht, und nun flüsterte er nur noch aus dem Dunkel. Ob ihn jemand hörte? „Kommt schon! Wo habt ihr eure Ohren? Keiner da?“ rief er halblaut in die Kammer und lauschte. Es regte sich nichts.
Da sprach der Kasper wieder mit sich selbst: „Ich weiß ja, es schmerzt, wenn dir niemand mehr zuschaut, wenn du singst und spielst. Aber ganz gleich, denn nachts kannst du die Traumflügel überstreifen und aufsteigen wie ein Ikarus. Im Traumschatten bist du frei. Meistens jedenfalls, wenn du nicht einem Trugbild aufsitzt. Denn das Leben verträumen, meine ich nicht. Einen Lebenstraum muss man packen wie einen Stier bei den Hörnern.“ Der Kasper nickte seinem Gedanken nach und sinnierte betreten: „Was aber, wenn sich der Lebenstraum verabschiedet? Er einfach den Hut zückt und weiterzieht, dem Land der Jugend entgegen? Tja, dann ist guter Rat teuer und die Stimme wird rostig.“
„Na, dann kommt ein neuer Traum vorbei“, knautschte eine Stimme „Der schenkt dir vielleicht Reiseflügel oder Gartenträume am sicheren Ort.“
Der Kasper knipste seine Taschenlampe an und sah sich suchend um. Es war eine zerrupfte Brockenhexe, die an der Kammerdecke hing.
„Ah, noch eine Ausgediente,“ brummte der Kasper. „Solche Träume meine ich nicht und auch keine Nachtfantasien, in denen wir alle wieder jung und schön sind. Ich will den alten Kasper spielen im vollen Scheinwerferlicht, aber man besetzt mich nicht mehr.“
„Kannst du dir doch erträumen, oder etwa nicht?“ fragte die Brockenhexe auf dem Besen.
„Das geht nicht, denn ich weiß ja schon, dass es nicht passieren wird. Ich liege im Staub der Zeit. Niemand will meine Faltenfurchen sehen und hören, wenn ein Schatzmeister über seine Lebensperlen spricht. Sie taugen nicht für die Moderne.“
„Oh, ich habe einen guten Besen, der kann Staub aufwirbeln.“
„Mach keine Witze, wenn ich über mein Leben sinniere!“
„Hört das denn niemals auf? Sollte diese Frage im Alter nicht längst passé sein?“
„Nein. Sie stellt sich immer wieder neu. Man träumt doch nicht, für immer abzutreten. Da sind wohl Sinnfragen angemessen.“
Die Hexe räuspert sich dünn: „Herr Kasper, wir sind doch nur die Hüter von längst Vergangenem.“
„Mag sein, aber das Sehnen nach Vollendung bleibt, selbst wenn die Träume ausgeträumt sind.

Schreibzeit

In den letzten Tagen habe ich die Novelle WELTENGANG ab dem Kapitel „Trau, schau, wem“ bearbeitet und umgeschrieben. Hinweise von Freunden machten mich darauf aufmerksam, dass ich ins Berichten verfiel. Das geschieht, wenn so ein Text beim Schreiben schmerzt. Aber jetzt ist sie für mich abgeschlossen und ich kann Euch die nächste Kurzgeschichte vorstellen:

Ein wenig Geborgenheit

Hannes Knopf lebte im Herbst 1989 noch gemeinsam mit seiner Mutter und Großmutter zusammen. Die Frauen waren eiserne Kommunisten, und er hatte sechs Semester Wissenschaftlichen Sozialismus studiert. Während die Nachbarn in Westberlin nach ihrem Begrüßungsgeld Schlange standen, goss die Mutter drei Kognakschwenker halbvoll, reichte den beiden die Gläser und fragte beim Anstoßen trocken: „Nun, mein Junge, werden wir jetzt arm und bedeutungslos oder kriminell?“ Hannes riss die Augen auf. Soweit hatte er noch gar nicht gedacht.

Das mit dem Reichwerden durch kriminelle Energie hatte nicht geklappt. Hannes Knopf versuchte Flüchtlinge aus Pakistan über die Türkei nach Deutschland zu schmuggeln und wurde prompt beim ersten Mal an der Bayrischen Grenze geschnappt. Während er zwei Jahre in Haft saß, starben Mutter und Großmutter. Die Wohnung in Weißensee war also verwaist, als er heimkehrte. Die goldenen Häkeldeckchen der Großmutter waren stumpf vor Staub, nichts mutete ohne die Frauen behaglich an. Im Gegenteil, den Mann fröstelte es, obwohl es Sommer war. Hannes Knopf war unschlüssig, wie er den Abend verbringen sollte. Morgen – das war bereits vereinbart – könnte er in diesem Weddinger Letter-Shop arbeiten. Werbung eintüten und adressieren. Für „arm und bedeutungslos“ würde es reichen, dachte er.
Ein Hungergefühl trieb ihn schließlich vor die Tür. Beim nächsten Imbiss kaufte er sich zwei Bockwürste mit Brot, lehnte sich an die Hauswand und sah den Passanten zu. Alles hetzte hin und her – nur eine Person nicht. Sie bewegte sich wie in Zeitlupe. Ein vollkommenes Alleinsein, so schien es. Die kleine Punkerin bummelte mit ihrem Hund als würde sie träumen. Aber sie träumte nicht, sie taumelte. Der Imbissmann kommentierte: „Die is ooch schon wieder zugedröhnt.“ Hannes nickte lustlos und winkte den Gesprächsversuch ab. Er warf die senfverschmierte Pappschale in den Müllsack, wechselte die Straßenseite und ging hinunter zum Scheunenviertel. Stadtwandern ist schön, dachte er beim Laufen, und bemerkte: viel hatte sich in den Straßen nicht verändert. Die fliegenden vietnamesischen Zigarettenhändler standen an den Kiez-Ecken und musterten jeden argwöhnisch: Geheimpolizei oder Kunde? Hier und da gab es neue Imbissangebote, ein paar Italiener, Türken und Griechen hatten Restaurants eröffnet, die sorgten für ein bisschen Flair. Aber sonst: Leerstand und viel Grau. Man nahm sich Zeit mit den versprochenen blühenden Landschaften. Hannes wollte zum ältesten Haus in der Sophienstraße, das eine schöne Kneipe und einen noch besseren Hausgarten beherbergte. Die „Sophie 11“ gab es schon zu DDR-Zeiten, da kannte er sich aus. Dort wollte er sich niederlassen und mit Rotwein seine Freilassung feiern, bis die Nacht den Tag verschluckte. In dieser Dämmerstunde gegen 23 Uhr betrat die Punkerin mit ihrem Hund den Hof. Offenbar suchte sie jemand. Sie sprach eine Kellnerin an, die nickte und verschwand im Küchenzugang. Keine Minute später huschte eine andere Kellnerin herbei und umarmte die kleine Punkerin, die sich steif machte und die Zuneigung mit dem Arm abwehrte. Hannes sah noch, wie die Frau dem Mädchen ein bisschen Geld in die Hand drückte, dann verschwand es. Es war weit nach Mitternacht, als Hannes Knopf am Tresen seine Zeche zahlte. Die zwei Kellnerinnen tranken jetzt ihren Feierabendsekt, als die zarte Dunkelgestalt sich umdrehte und ihn ansah. Das war ein Funkeln aus verheulten Augen, seltsam berührend. Hannes stand wie angewurzelt, aber sie rutschte vom Hocker und meinte nur: „Komm!“

Als er morgens erwachte, wusste er nicht mehr allzu viel vom Fortgang der Nacht. Es war ihm, als wären sie wie Raubtiere übereinander hergefallen. Heftiger Liebeshunger. Sie schlief noch, als er sich auf den Weg in den Wedding aufmachte. Er war viel zu spät dran, und sein Kopf war noch rotweinschwer, als er vor seinem neuen Chef auftauchte. Der nickte ihm zu und meinte in die Runde: „Na, der fängt ja gut an!“ Doch der Mann hatte andere Sorgen. Die Kuvertiermaschine streikte, und alle rauften sich die Haare. Hannes hatte vor seinem verunglückten Studium glücklicherweise ein Abitur mit Berufsausbildung zum Elektriker gemacht. „Kann ich helfen?“, fragte er leise.  Der Chef zog eine krause Stirn: „Kannst du das? Dann mach!“ Hannes machte. Eine Viertelstunde später lief das Maschinchen wieder und tütete in Höchstform Infobriefe ein. Der Chef war begeistert, und sein Neuling stieg gleich am ersten Tag in eine gefühlte andere Liga auf. Zwei Wochen später schmiss Hannes verlässlich den ganzen Laden. Am liebsten in den Nächten, am liebsten allein. Da brauchte er keine Fragen zu beantworten, nur der Chef wusste, dass er frisch aus dem Knast kam.

Am Wochenende ging er abends wieder in den lauschigen Hofgarten der Sophie 11. Die Kellnerin schien nicht besonders viel Notiz von seinem Erscheinen zu nehmen. Sie stellte ihm im Vorbeigehen einen Schoppen Roten vor die Nase „Spendiert!“ krächzte sie heiser. Das wars, sie hatte nebenan ihr Revier. Zur Nacht zog sie sich einen anderen Mann vom Hocker. Hannes sah zu und war irritiert, dann suchte er sich eine neue Kneipe.

Im Morgengrauen entdeckte er auf dem Nachhauseweg das Punkermädchen mit schlafendem Hund vor einer Bäckerei lagern. Verbunden nur mit diesem Tier, schien ihm eine schwere Wolke der Einsamkeit über dem Mädchen zu schweben. Der Anblick stach ihm tief ins Herz. Er ging zu ihr und sprach sie klar an: „Ich heiße Hannes Knopf, und habe ein Zimmer frei, möchtest du mit mir kommen? Nicht zicken, nicht klauen. Ich tu‘ dir nichts, ich meckere nicht, ich kann dir aber ein bisschen Geborgenheit bieten, wenn du willst. Wie heißt du?“
„Paula, 17 Jahre, mein Hund heißt Paul.“
Hannes streckte ihr die Hand entgegen, Paula ließ sich hochziehen, dann trottete sie langsam hinter Hannes her.
Als sie die Wohnung betraten, zeigte er ihr das Zimmer seiner Mutter. Er raffte die alte Kleidung aus dem Schrank, brachte Bettwäsche und ermunterte sie: „Du kannst das Zimmer nach deiner Fasson gestalten. Ich bin nur am Wochenende zuhause, sonst schiebe ich Nachtschichten und schlafe tagsüber. Aber im Kühlschrank wirst du immer was finden – und hier ist dein Schlüssel.“

Paula schaute in sein offenes Gesicht, seltsamerweise vertraute sie diesem Mann und schlief, ohne das Bett zu beziehen, ein.
Währenddessen räumte Hannes die unzähligen Golddeckchen und den Sammelkitsch der Frauen in einen Karton. Das Wohnzimmer sah gleich nicht mehr so nach alten Damen aus. Dann kochte er einen großen Eintopf und schnitt ein paar Wiener für Paul klein – und ging schlafen.
Das Leben zog weiter. Die beiden sprachen nicht viel miteinander, aber Paula hatte plötzlich Verlässlichkeit. Manchmal lag ein bisschen Taschengeld für sie neben ihrem Frühstück, oder ein neues Shirt. Eines Morgens war das Mädchen nicht in der Wohnung als Hannes von der Nachtschicht kam. Ein Zettel lag auf dem Küchentisch, besorgt las er: „Ich mache jetzt einen Entzug irgendwo in Brandenburg! Ich komme wieder, Paula“