Blätterwald (Abschnitt 2)

Eine Kurzgeschichte in Arbeit

…Wie sollte er darauf antworten? Ich liebe eine gepflegte Sprache ohne lautes Effektgewitter? Hatte er mit seiner Wortwahl wirklich ein falsches Bild von der Welt abgegeben. Er war sich dessen nicht bewusst. Schreiben war für ihn immer auch Selbstverteidigung gewesen, eine Abwehr von Schwachsinn und Machtchaos. War das ein Irrtum? Eine verlorene Idee? Der Schreiber grübelte und je länger das dauerte, desto deprimierter schaute er auf seine unangenehme Post: „… Sie lügen! Die Welt ist nicht so, wie Sie sie beschreiben. Sie ist hässlich und der menschliche Umgang ist ruppig! Warum ziehen Sie der Realität Kapitälchen und Schnörkel an? Sehen Sie besser hin, bevor Sie uns mit ihren schwülstigen Texten eine Zukunft ausmalen. Wir stehen am Abgrund und Sie geben der Zukunft ein blendendes Image. Das ist abartig…“
Eric Winter fühlte sich unbehaglich. Hätte der Leser ihn einfach rüde angefeindet, wie es die meisten  Leute heutzutage praktizieren, dann hätte er die Sache zur Seite legen können. Ein Wutbürger mehr im Papierkorb, doch diese Worte schmerzten wahr. Und doch waren Eric Winters Reflektionen eben sein Augenschein auf seine Umwelt. Der Leser konnte ja einen anderen haben. War es denn nicht legitim einen komplett anderen Grundton Hoffnung zu verbreiten? Ist das schon aus der Zeit gefallen?…

© Petra Elsner
27. Juni 2019

 

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Morgenstunde (15)

Treibgut. Foto: pe

Noch eine Woche bis zur Wahl und zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich nicht, wem ich meine Stimme geben soll. Ich bin in den medialen Arenen der alten Eliten keinem begegnet, der auch nur annähernd Antworten auf die Herausforderungen unserer unruhigen Welt hervorgebracht hätte. Stattdessen haben wir  hemmungslose und gefährliche Umarmungen im traditionellen Parteiensystem erlebt. Ein gegenseitiges Festhalten in Zeiten der Eruption der welkenden Machtgebilde. Keiner hat wirklich etwas vorgelegt, das sich den Problemen Deutschlands und Welt kreativ stellt. Der einzige, der mich gestern wirklich erstaunte, war Lindner mit seiner freien Rede ohne Pult und Block. Bemerkenswert, aber auch er hatte keine tiefgründige Zukunftsvision, die in den Technikschüben und geopolitischen Konflikten bestehen könnte.
Wir leben in einer Zeit der Mogelpackungen. Wie bei Volkswagen wird eher ein Schleichpfand mit Nebenwirkungen gegangen, als die Probleme der Erneuerung und des Wandels anzupacken. Viele Menschen sind längst mit ihren empirischen Erfahrungen den Politikern voraus und gerade deshalb so unduldsam gegen Phrasendrescherei  geworden. Ich gehe einstweilen in die innere Klausur, um meine Wahrnehmungen zu schärfen – in freier Selbstbestimmung.

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