Memory 10: Im Winterhaus

Zuerst hing die Ausstellung “Winter im Narrenhaus” 1996 im Beriner Galerie-Café “Scheinberg”, Immanuelkirchstraße 31, Prenzlauer Berg . Rechts sieht man das Bild “Bruderspiegel”.

Irgendwie muss ich schon vor gut 20 Jahren geahnt haben, dass ich einmal einen guten Lungenarzt brauchen werde. Im Rahmen einer Kunstförderung bot man mir 1998 eine große Ausstellungsfläche im Vivantes Klinikum im Friedrichshain an. Ich durfte mir eine Ebene wählen und endschied mich für die Station 37, den schnee-weißen Flur der Lungenklinik. Es war noch ganz am Anfang meiner künstlerischen Laufbahn, damals spachtelte ich vieldeutige, farbschreiende Figuren und nannte die Reihe „Winter im Narrenhaus“. Es war Sommer, als wir die Bilder aufhängten. Am 2. Juli sollte die Vernissage stattfinden, doch kurz vor Beginn wurde es totenstill. Ein Patient war gestorben. Wir hätten das Ganze am liebsten abgebrochen, aber die Schwestern und Ärzte baten uns zu warten. Zwei Stunden später spielte Margarete Frank auf ihrem Saxsophon leichte Variationen auf die Bilderschau. Es wurde heiter. Bademantelträger linsten aus den Krankenzimmern, schlurfen in Pantoffeln von Bild zu Bild und: LÄCHELTEN. Ein älterer Herr kam auf mich zu, ergriff meine Hand und flüsterte: „Ich habe schon lange nicht mehr so herzhaft gelacht. Vielen Dank.“ So hatte ich es mir vorgestellt, jenen, denen die Panik der Atemnot im Genick sitzt, Freude und Ablenkung zu schenken. Alles gut.

Im Scheinberg 1996 – Petra noch dunkel. Fotos: Lutz Reinhardt

Im Herbst endete die Ausstellung, doch unser Leben war plötzlich haargenau in dieses Mal-Thema geglitten. Es war winterlich und wir waren gerade die Gefoppten, die Narren ohne Glück. Damals schrieb ich als freie Autorin für ein kleines Berliner Baumagazin und mein Liebster (auch selbstständig) machte die Reportage-Fotos dazu. Der Verlag war mit der damaligen Baukrise in die roten Zahlen gerutscht und zahlte schlagartig keine Honorare mehr. Aber er schob ständig neue Aufträge nach und wir waren noch  unerfahrene Freiberufler. Wir hofften und irrten. Monatelang ging es uns echt schlecht. Ein Freund kutschierte uns schließlich die Ausstellungbilder kostenfrei mit seinem Auto nach Hause. Aber zwei passten einfach nicht mehr rein: der große Bruder-Spiegel und der Sterntaler.  Ich hab‘ sie einfach hängen gelassen, gewissermaßen als ständige Leihgabe. Längst wurde das Haus umgebaut und gewiss dümpeln die Teile inzwischen in irgendeinem Abstellraum und warten auf Erlösung. Aber vielleicht auch nicht, vielleicht erfreut sich ja einer still und heimlich an ihnen… Es wär mir recht.

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Memory 9: Klinken putzen

Wenn Weihnachten vor der Tür stand und endlich die Ferien mich aus dem Sportschulinternat nach Hause schickten, bekam ich sehr bald diese häusliche Arbeit: Klinken putzen, mit Sidol aus der Tube und einem lumpigen Stofflappen. 20 Messingklinken mit Türbeschlägen, die in der Küche war immer fast schwarz, da hieß es Reiben bis der Putzfinger durchgebogen war und streikte.  Aber es gab kein Pardon, Oma kommt, da musste alles blitzen. Es interessierte keinen, dass ich gerade bei den Deutschen Kindermeisterschaften  Bestzeiten schwamm. Jetzt war ich Türklinkenputze, schließlich wollte meine supermoderne Mama nicht als nachlässig gelten, auch wenn sie eben genau das war. Geputzt wurde, wenn Oma kam… immer, also Ostern und Weihnachten. Später gab es Gott sei Dank elektrische Schleifscheiben, aber eines ist immer noch so: Die Weihnachtsvorbereitungen schreien nach Hausarbeit. Vorgestern hab‘ die Wohnküchenstühle neu mit groben Leinen bezogen, wie jedes Jahr, gestern Stollen, heute Kartoffelkuchen gebacken … alles geschieht irgendwie nebenher. Denn die eigentliche Arbeit im Atelier geht natürlich weiter. Klinkenputzen bekam für mich vor 28 Jahren eine ganz andere Bedeutung, und ehrlich, es lag mir  nie. Mit der Mappe unterm Arm quer durch die Berliner Szeneplätze in der Großen Hamburger oder Auguststraße von Galerie zu Galerie. Galeristen können das gar nicht leiden, sie suchen und wählen selber aus, aber das wusste ich damals noch nicht…

Stollen ungebacken
Erzgebigischer Kartoffel-oder Stollenkuchen

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Memory 8: Blätterwetter

Herbstwasser

Blätterwetter in schönster Üppigkeit. Kaum hab ich drei Schubkarren voll Lindenlaub vom Straßengrün geräumt, schneit es wieder leuchtend gelb. Wind von Süd-West treibt die Woge auf den Hof und schließlich, nach einem Knisterwirbel, in den Hausflur. Nur nicht umdrehen, um nicht zu verzagen. Ich entsinne mich einer Kleinproduktion für ein Do it joursef-Magazin anno 1991, bei dem wir wegen fehlendem Herbstlaub ganz schön ins Schwitzen geraten waren. Gewöhnlich haben solche Magazine sechs bis acht Wochen Vorlauf. Ich stellte in diesem Beitrag für die Herbstferien kleine Windspielzeuge und deren Bauweise vor. Für das Aufmacherfoto sollte Herbstlaub durchs Bild wehen: Herrje!!! Herbstlaub Anfang August! Ich sammelte alles, was irgendwie nicht mehr grün war. Eine halbvolle Kiepe wurde es schlussendlich nur. Deren Inhalt warfen wir x-mal in den Wind und fegten ihn wieder zusammen, damit wir dieses eine Herbstbild hinbekamen, bevor die Blätter unter den Strapazen zerbröselten. Die Kinder des Windes – Windball und Windrad sind übrigens einfache Spielzeuge, die rasch selbst gebaut sind, damals wie heute und Ferien sind auch gleich wieder… ich geh inzwischen nochmal Blätter einfangen…

Goldener Oktober


Windball und Windrad.
Fotos und Bau: Petra Elsner

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Memory 7: Der etwas andere Sandmann

Sandmann mit der Puppe Karl

Mitte der 70er Jahre, als mein Sohn Jan gerade im Kindergartenalter war, fieberte er jeden Abend dem Sandmännchen entgegen. Meist saß er dazu bei meinen Eltern, die im Obergeschoss des gelben Hauses an den Bahnschienen wohnten. Ich hatte keinen Fernseher, denn mein Verdienst war seinerzeit als Schrift- und Grafikmalerin unterirdisch.  Das Kindchen war ein Frühchen und die ersten Lebensjahre oft krank. Für alleinstehende Mütter gab es seinerzeit nur 21 Tage Krankengeld, danach nichts mehr. Das war schwierig. So lernte ich mit den Dingen aus zweiter Hand Lücken zu stopfen, darunter war auch ein alter Fernseher, der aber leider nicht mehr funktionierte. Also hab‘ ich das Teil ausgeschlachtet, ein paar Bühnenvorhänge zum auf- und zuziehen vor der Glotze angebracht und die Handpuppe Karl dorthinein gesetzt. Karl erzählte die Gute-Nacht-Geschichte und alles war gut, bis eines Tages mein Sohn im Kindergarten einen Streit vom Zaune brach. Sein Kumpel Peter hatte erzählt, was am Vorabend für eine tolle Geschichte im Sandmann lief, aber Jan pochte darauf, dass bei ihm der Karl eine ganz andere Geschichte erzählt hatte. Sie kriegten sich richtig in die Wolle und gingen sich tagelang aus dem Weg. Bis ich fragte, weshalb denn der Peter gar nicht mehr zum Spielen käme. Jan wollte den Lügner nicht mehr sehen und verriet mir, was geschehen war. Autsch, da musste ich mein Kindchen aufklären, dass unser Fernseher eigentlich eine Puppenbühne ist, die nur für ihn spielt. Der Sohn verstand und fragte nur noch, ob der Karl auch für zwei Sandmanngucker spielen würde. Ich nickte und Jan verschwand, um den Peter zu holen…

PS: So einen STASSFURT mit Moped-Schalter zum Abziehen hatten übrigens meine Eltern auch Anfang der 60er Jahre. Wenn der Vater zur Arbeit fuhr, zog er den Schalter ab und nahm ihn mit, auch in den Schulferien.

1019. Blogbeitrag

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Memory 6 – Hoyerswerda

Ich fuhr heut Nacht durch wirre Träume zurück ins Jahr 1969. Der Gundermann-Film, gestern im Templiner Kino, hat mich dorthin gebracht – auf die Straße nach Hoyerswerda. Am Vortag endete die 9. Werkstattwoche der Singeklubs in Brandenburg, wo ich mich in der Texter-Werkstatt ausprobierte. Auf dem Fernbahnhof griff ich beim Einsteigen in den Zug nach Hause die falsche Gitarre. Dumm gelaufen. Zuletzt hatte ich bei den Magister-Brüdern (angesagte Liedermacher aus der Stadt im Tagebau) gestanden und gequatscht, es war eine ihrer Gitarren. Am anderen Morgen, wir hatten kein Telefon, bin ich einfach losgetrampt, Daumen raus und ab gings. Ich war schlapp 15 Jahre alt und kein Mensch kam auf die Idee, mir das auszureden. Bis zur Autobahnabfahrt Hoyerswerda ging alles gut, dann, auf der Landstraße hielt kein Auto mehr an. Ziemlich sture Typen – diese Lausitzer – fand ich, es war ein Trecker mit einer Ladung Zwiebeln im Hänger, der mich schließlich gemächlich in die Plattenhausstadt zum Gitarrentausch brachte. Von Gerhard Gundermann hatte ich damals noch nie etwas gehört, der war seinerzeit 13 Jahre jung, der Nachwuchs eben. Erst später wurde er Chef der Brigade Feuerstein. Fan wurde ich erst in den 80er Jahren. Ich mochte seine raue, schwermütige Stimme, die Poesie und den Tiefgang seiner Texte. Schwermut trugen viele Künstler in der DDR mit sich. Traurig wegen der Zustände. Mit seismographischen Gespür hatte er seinerzeit Texte für Scheibe „Februar“ von Silly geschrieben. Gekannt habe ich Gundi nicht. Aber damals im Kesselhaus im Prenzlauer Berg, Anfang der 90er, holte sich meine verletzte Seele an der Bühnenrampe bei seinem Konzert ein paar Streicheleinheiten ab. Dass er IM war, fand ich echt scheiße, aber, wie er dazu stand – nach der Wende, wie er das verdeckte Verdrängte wieder ausgegraben hat, das hat mir auch imponiert. Der Gundermann-Film von Andreas Dresen hat versucht diese Konstellation einzufangen und Alexander Scheer hat den sperrigen Typen ganz gut rübergebracht, aber musikalisch gesehen, war ich doch enttäuscht. Weit hinter dem Original, nur die Optik war etwas schöner…Und die echte Band “Die Seilschaft” kam zu knapp weg. Da fehlten einfach mal kontroverse, auch kreative Dialoge… Dennoch. Dieser Film trifft ins Mark, alle jene, die dabei oder in der Nähe waren und dass ist wohl seine Stärke. Er schiebt eine Gedankenreise an, zurück in der Zeit, eine Traumsequenz lang oder auch mehr.

Gundermann im Kesselhaus in der Berliner Kulturbrauerei 30. Januar 1993
Gerhard Gundermann im Kesselhaus. Fotos: Petra Elsner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1016. Blogbeitrag

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Memory 5: Gedenkweiden

Petras Gedenkweide. Fotos: pe

Gestern in Zeuthen entdeckt: Anfang der 80er Jahre lebte ich noch in dem gelben Haus (das heute Schlüpferrosa aus der Wäsche guckt) an der Bahnlinie gen Osten. Es war laut, wenn „Nikitas letzte Rache“ (so nannten wir die schweren, russischen Diesel-Loks) vorbeischepperten. Noch lauter wurde es, als irgendwann in den 70er Jahren die kleine Sanddüne, auf dem ich als Kind im Winter rodelte, eingeebnet wurde. Keine Ahnung weshalb, aber fortan benutzte die Reichsbahn das Gelände jeden Sommer als Parkplatz für Baumaschinen. Alle Bemühungen meinerseits, den Platz zu begrünen, um die Lärm- und Schmutzbelästigung zu dämpfen, scheiterten in jedem Sommer aufs Neue. Die jungen Bäume wurden einfach plattgefahren. Es musste mir etwas anderes einfallen und dachte mir, wenn wir widerstandsfähige Weiden genau auf den Rand des Schotter-Radwegs pflanzen, dann würden sie nicht mehr übersehen werden und vielleicht eine Überlebenschance haben.  Außerdem standen Weiden seinerzeit unter Naturschutz, man würde es nicht so einfach wagen, sie umzunieten. Vielleicht. Die Klicke meines damals zehnjährigen Sohnes Jan half mir bei dem Unterfangen, denn es war eine ganz schöne Schufterei an der verfestigten Wegkannte zu graben. Fünf Weiden pflanzten wir. Sie müssten heute Riesen sein, aber, aber. Die Brache ist heute ein ausgebauter Parkplatz und die Bäume mussten dafür irgendwann doch weichen, bis auf zwei, die sogar bei einer Erneuerung des Weges umbaut wurden. Zu guter Letzt wurden sie doch gefällt, aber an einem Stumpf treiben wieder junge Ruten. Meine Zeuthener Freunde aus der Spreestraße nennen die kleine Kämpferin  „Petras Gedenkweide“, dass treibt mir doch ein breites Grinsen ins Gesicht ?.

Schnee auf der Dühne vor dem gelben Haus in der Zeuthener Bahnstraße 10. Weihnachten 1957. Meine große Schwester Angelika und ich auf dem neuen Schlitten.

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Memory (4): Die handgefertigten Bücher

Verborgene Schätze…. Zeichnung: Elsner

Was immer uns Menschen umtreibt, den eigenen Text zwischen zwei Buchdeckeln sehen zu wollen – gemeinhin tun wir viel dafür. Doch bevor sich ein Verlag für den Einen oder die Andere interessiert, vergeht oft lähmende Zeit. 2006 fand ich meinen ersten deutschen Buchverlag (1993 einen Griechischen), aber davor gab es schon viele Texte, von denen ich mich irgendwie befreien musste, um weiter schreiben zu können – so kam es zu den handgefertigten Büchern.

Mein erstes handgebautes „Buch“ entwickelte ich als Internatsschülerin in der 5. Klasse. Es war eher ein schmales A5-Bändchen, aber immerhin. Ich hatte mein Heimweh und die Kälte des Internatslebens auf losen Seiten notiert, Bilder mit schichten Buntstiften dazu gezeichnet, und weil ich meinen Kummer ernst und wichtig nahm, band ich ihn – gewissermaßen für die Ewigkeit – zwischen zwei glänzend rote Pappdeckel und: Es ging mir danach wirklich besser, denn der Kummer war „ausgelagert“. Eine nützliche Erfahrung, die ich später immer wieder aufgriff.
Ein handgefertigtes Buch ist etwas ganz Besonderes, die Anlässe seiner Herstellung jedoch so vielfältig wie die Macharten. Umso mehr die elektronische Welt menschliche Kommunikation verändert, drängen die handgemachten Dinge wieder ins Bewusstsein. Denn: sie sind einzigartig, erzählen vom Leben, haben Seele.

Meine Flyerkunstbücher aus den 90er Jahren. In dieser Zeit baue ich diese aufwändigen Unikate nicht mehr.

In den 90er Jahren habe ich Flyerkunstbücher entwickelt und gebaut, als meine spezielle Form des Künstlerbuches. Darunter winzige Minis, klein wie ein gefaltetes Zigarettenpapier und Maxis, als besondere Ausstellungsstücke. Immer halfen mir diese Teile etwas loszuwerden und natürlich auch, einen Schein zu verdienen. Diese Flyerkunstbücher waren handwerklich eine aufwändige Sache und für viele Interessenten einfach zu teuer, so kam ich zu den schlichteren Modellen, die Hefte mit der Fadenbindung, bezahlbar, aber auch handfertigt. Obgleich ich inzwischen einen Hausverlag habe, ich baue diese nummerierten Künstlerbändchen immer noch, denn sie tun mir und anderen einfach gut.
Anfang der Woche bestellte eine Blog-Leserin alle fünf Titel meiner “Kurtschlager Editionen” und schrieb mir nach dem Eintreffen das Wörtchen “zauberhaft” dazu in ihre Mail. Ich las es mit einem breiten Lächeln.

Beispiel: Raben-Collektion 2013

Hier geht es zu den vorrätigen Titeln:

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Memorys 3: Koffer mit Buntkarierten

Sommerfrische im Kurtschlager Garten.

Mein Sohn ist schon in Philadelphia und fast alle anderen düsen jetzt auch gleich in die Ferien. Doch was so eine echte Imker-Gattin ist, die bleibt im Sommer daheim – es ist Bienenhochzeit…, sagte ich wohl schon. Aber in Gedanken reise ich Euch nach. Früher war diesbezüglich nicht wirklich alles besser. Wenn beispielsweise in unserem Sportschulinternat die großen Ferien ausgerufen wurden, hieß es: Stube räumen. Alles rein in den kleinen Pepita-Koffer und dann ab auf die Piste. Die Sportschule in der Stadt Brandenburg lag in den frühen 60ern vor der Stadt, bei einem stillgelegten Flugzeug-Hangar. Der Stadtbus fuhr nicht ganz so zuverlässig, da kam es schon mal vor, dass ich, Kindchen von 11/12 Jahren, mich mit zwei Koffern ein paar Kilometer durch die Vorstadt schleppte. In dem zweiten, sehr viel größeren Koffer steckten mein Kopfkissen und  das dicke Federbett. Räder hatten diese Gepäckstücke damals noch nicht. Lustig  ist anders. Aber das Internat wurde in den Schulferien (Sommer wie Winter) zu einem Ferienlager umfunktioniert. Von den Eltern deshalb abgeholt werden, das gab es nie. Schon als Fünfjährige bin ich mit einem Schild um den Hals (auf dem die Ankunftsadresse stand) zu meinen Großeltern in der Lausitz geschickt worden. Abgegeben bei der Schwester vom Roten Kreuz und empfangen in Reichenbach vom meinem Malergroßvater. So einfach war das. Man wurde seinerzeit früh selbstständig und lernte sich Abkürzungen zu suchen. Z.B. bin ich oft durch den illegalen Hinterausgang des S-Bahnhofs in meinem Heimatort Zeuthen gehuscht, schon allein, um die Schlepperei abzukürzen. Erwischt wurde ich nie von der Bahnpolizei… So etwas müsst Ihr heute alle nicht mehr, denn es gibt schicke Rucksäcke, tolle Koffer mit Rädern und Verwandte mit dicken Autos. Rute Reise also!

Blütenhauch.

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Memorys: Himmelblauer Brokat auf Puderzucker

Kräutergärtchen

Wenn das Land auf dem ich laufen lernte ein bisschen fester und nahrhafter gewesen wäre, dann wäre garantiert eine Gärtnerin aus mir geworden. Die erste, die ich sah, trug lange Brokatseidenkleider zu geringelte Wollsocken, Gummistiefeln und langen gelben Handschuhen.  Natürlich gehörte zu dem Aufzug auch noch ein ruppiges Strohhüten. Die Frau sah wahrhaft schräg in alle dem aus – meine Mutter. Sie war keine wirkliche Gärtnerin, nur gegen den Alltagsstress wühlte die Radioredakteurin nach Feierabend in dem rieselnden Puderzuckersand der Mark und versuchte dabei ihren Frust zu erden. Die Ernte war immer mager, wie das gesamte Leben damals. Das himmelblaue Brokatseidenkleid, selbst genäht für irgendeine öffentliche Radioshow, trug sie im Garten lediglich auf und sparte sich so, eine solide Arbeitsklamotte zu kaufen. Der Sand auf der wir damals siedelten drängte zur Sparsamkeit. Dass ich später auf einen noch dürreren Grund geraten würde, hätte ich mir niemals vorstellen können. Nein, ich bin in kein heißes Wüstenland ausgewandert, aber auf ein staubiges Dünenland gezogen. Man kann hier Gärtnern, aber man darf nicht ernsthaft Ernten wollen, dann kann eine Pflanzenfreundin auch in der Heide glücklich werden.

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Memorys: Zaunstreichen

Zaunstreichen.

Das schwarze Zäunchen am Haus blättert schon, seit wir vor zehn Jahren in die Schorfheide zogen. Ich habe es ignoriert, einfach etwas davor gepflanzt, denn ich wollte keinen Zaun mehr streichen – nie wieder. Aber es fand sich einfach kein anderer und so bin ich nun endlich dabei, dem Teil ein neues Antlitz zu verpassen. Ich weiß nicht, was ich einst ausgefressen hatte, irgendwann begannen meine großen Schulferien mit einem Ringpinsel und drei Farbdosen. Nein, nein, es ging dabei nicht um eine Sommerkinderarbeit, die einen Traum erfüllt – ein Fahrrad, ein Kofferradio, ein paar leichte Sandalen oder ein zweites Kleid. Bestimmt musste ich einen Trotz oder einen Schlammassel ausbügeln, denn ein zweites Paar Schuhe (Sandalen zu Halbschuhen) gab es bei uns für die Kinder nicht. Meine Eltern gehörten zu der ersten Partygeneration, die Deutschland sah. Sie waren zu Kriegsende 16 und 17 Jahre alt und feierten ihr Am-Leben-Sein bis ans Ende ihrer Tage. Das verbrauchte ihr Einkommen – sie lebten sehr. Ob sie dabei wirklich froh waren, weiß ich bis heute nicht. Meine Lebemutter ist früh gestorben, der Vater hat danach sein Leid ersoffen, auch eine zweite Ehe tröstete ihn nicht. Er hat übriges nie einen Zaun gestrichen, er hatte ja mich, denn nach diesen besagten Sommerferien hatte ich diesen Zaun – 25 Meter lang – alle drei Jahre an der Backe bis ich wegzog. 1992. Erst in der Schorfheide habe ich eine neue Wurzel geerdet und ja, da muss ich wohl dann und wann wieder den Zaun streichen – bis ans Ende meiner Tage. Gott sei Dank, ist dieser nur halb so lang…

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