Erinnerung an Volkmar

Aus gegebenem Anlass, eine Erinnerung an unseren Freund Volkmar Bothe, der vergangenen Samstag gestorben ist. Möge die Erde leicht zu ihm sein.

Frühjahr 2008: Der Imkergatte (links) und Volkmar Bothe (rechts) haben nächtens die Bienen von unseren Waldhof im Roten Luch nach Kurtschlag gebracht.

Anfang der 2000er Jahre schrieb ich eine Rezept-Kolumne für ein kleines märkisches Blättchen, dafür verriet mir Volkmar ein Familienrezept…

Berliner Nachttheater

Vorzeiten putzte sich im Oktober der Märkische Landadel fein heraus und brach zu den rauschenden Festen der Berliner Ballsaison auf. Heute zieht es den Märker wohl eher zum Kunstherbst in die Stadt an der Spree. Es ist Schauzeit in den vielen Theatern, Museen, Galerien und neu gewachsenen Stadtkompositionen. Und natürlich auch Lauschzeit in den Konzerthäusern und Clubs. Doch wohin nach den vielschichtigen Genüssen, wenn gerade die letzte Regionalbahn davon gerauscht ist? Draußen wird’s langsam ungemütlich. Ja, man kann irgendwo einkehren, auch dafür sind die Gelegenheiten uferlos. Für jene, die von der Hochkultur jetzt so erschöpft sind, dass sie zur Nacht lieber ein dadaistisches BlaBla praktizieren als einem gedrechselten Bildungsplausch frönen, hier ein Geheimtipp: Das „Sankt Bla“ in der Sredzkistraße 19 a, unweit des Kollwitzplatzes, ist ein schräger Szeneladen im Prenzlauer Berg. Der stammt noch aus der ersten Nachwendegeneration. Heißt, kein kalt ausgeleuchteter Edellackladen. Das Licht ist eher faltenfreundlich, man duzt die Gäste zwischen 18 und 80, das Bier kommt schnell, und nach Mitternacht spielt sich hier ein sehenswertes, aber höchst absurdes Theater ab. Das speist sich all- abendlich aus den Klängen der Nacht – live mit immer neuen Laiendarstellern.
Hier hat schon so manche märkische Omi mit akkuratem Spitzenblüschen (ausgeführt von den nach Berlin verzogenen Kindern) etwas derangiert erst am nächsten Morgen ihr Tanzbein auf den Heimweg nach Golzow oder Briesen gebracht. Etwas wackelig vielleicht, aber gut gelaunt und unbeschadet. Der Wirt dieses alterslosen Etablissements entspringt einer alten Kneiperfamilie, die seit den 50er Jahren unter anderem in Zeuthen große Ausflugslokale unterhielt. Volkmar Bothe hat das Bewirten im Blut und noch etwas anderes:
das Schauspielern. Vielleicht stünde er heute neben seinem einstigen Studienkumpel Axel Werner auf den Brettern des Berliner Ensembles, hätte man ihn nicht seinerzeit, nach dem Schauspielstudium einem verstaubten Provinztheater zugeteilt. Dort kam er nie an. Die Liebe hielt ihn felsenfest auf märkischem Sand. Irgendwie schicksalsfügig kehrte so der Charme sprühende Mann zu seinen Wurzeln zurück. Mancher mag das bedauern, doch für das absurde Nachttheater von Berlin ist es ein Glück.

Märkischer „Hai“:
Der Hecht ist der Haifisch des Süßwassers. Sicher werden Sie Ähnliches schon assoziiert haben, wenn zuweilen wahre Fischgiganten aus der Oder gezogen werden. Nein, auf der Speisekarte des „Stankt Bla’s“ finden Sie den nicht. Dort reicht man nur einen schmalen Imbiss. Dieses Rezept praktiziert die Gastronomen-Familie Bothe privat: Zwei junge Hechte (keine Giganten) waschen und mehrfach quer einschneiden. Feine Speckstreifen von Einschnitt zu Einschnitt unter die Haut ziehen, damit das Fleisch beim Braten nicht austrocknet. Nun salzen, pfeffern und mit Zitronensaft beträufeln. Die Hechte in Butter ca. zehn Minuten braten. Mehrfach wenden, eventuell Butter zugeben. Fische aus der Pfanne nehmen, in Semmelbrösel wälzen und weitere zehn Minuten braten. Serviert wird der Hecht dann mit gehackter Petersilie, brauner Butter, dazu gibt es warmen Kartoffelsalat mit knackig-kross gebratenen Speckwürfeln und herzhaftem Radieschensalat.

PS: Das BlaBla ist inzwischen geschlossen.

24 Heimlichkeiten im Advent

Winterliche Erinnerung
Wenn es auf Weihnachten zuging, wurden die Tage besonders dunkel. Fünf Uhr morgens stieg eine von uns in die Stiefel und ging mit einem Eimer die lange, eisige Piste zum Kohlenlager im alten Flugzeughangar. Roswitha, Ilona und ich bewohnten eine kleine Stube im Brandenburger Sportschulinternat. Wer Kohlendienst hatte, heizte auch und sprang dann zurück unter das dicke Federbett, bis der Raum warm wurde. Der Feuerschein leuchtete durch die Ritzen der Ofenklappe und wir Mädchen träumten uns für ein kleines Weilchen in eine wärmere Ferne. Wir waren 12 Jahre alt. Tagelang hatten wir schon unsere Schätze gesammelt, die wir als Geschenke mit nach Hause nehmen würden: Zitronen und Apfelsinen. Im Sportschulinternat gab es für uns diese Früchte, für die man sonst im Land Schlange stand. Es sollte die letzte Vorweihnachtszeit so sein, denn bei einer Taschenkontrolle (jemand hatte irgendwem etwas geklaut), wurde offensichtlich, dass wir die Südfrüchte horteten und nicht selbst aßen. Die Schule reagierte ohne Worte nach Neujahr 1964 – statt Obst gab es nun Vitamintabletten und man kontrollierte, dass wir die auch zu uns nahmen…

Memory 11

Dezemberdunkel schon um halb vier.
Atemschleier umwehen den Graubart des Vaters,
während er eine Geschichte stammelt.
Die Schwestern zählen Weihnachtsbäume.
Welche entdeckt mehr hinter den Fenstern?
Die Zeit schleicht.
Ich habe elf Bäume, meine große Schwester viel mehr.
Wir frieren um vier vor der Haustür.
Jagen die Treppe hinauf und
bekommen in der Küche heiße Schokolade.
Wann endlich ist es soweit?
Ein helles Glöckchen läutet.
Jetzt dürfen wir eintreten
in das Weihnachtszimmer…

Memory 10: Im Winterhaus

Zuerst hing die Ausstellung „Winter im Narrenhaus“ 1996 im Beriner Galerie-Café „Scheinberg“, Immanuelkirchstraße 31, Prenzlauer Berg . Rechts sieht man das Bild „Bruderspiegel“.

Irgendwie muss ich schon vor gut 20 Jahren geahnt haben, dass ich einmal einen guten Lungenarzt brauchen werde. Im Rahmen einer Kunstförderung bot man mir 1998 eine große Ausstellungsfläche im Vivantes Klinikum im Friedrichshain an. Ich durfte mir eine Ebene wählen und endschied mich für die Station 37, den schnee-weißen Flur der Lungenklinik. Es war noch ganz am Anfang meiner künstlerischen Laufbahn, damals spachtelte ich vieldeutige, farbschreiende Figuren und nannte die Reihe „Winter im Narrenhaus“. Es war Sommer, als wir die Bilder aufhängten. Am 2. Juli sollte die Vernissage stattfinden, doch kurz vor Beginn wurde es totenstill. Ein Patient war gestorben. Wir hätten das Ganze am liebsten abgebrochen, aber die Schwestern und Ärzte baten uns zu warten. Zwei Stunden später spielte Margarete Frank auf ihrem Saxsophon leichte Variationen auf die Bilderschau. Es wurde heiter. Bademantelträger linsten aus den Krankenzimmern, schlurfen in Pantoffeln von Bild zu Bild und: LÄCHELTEN. Ein älterer Herr kam auf mich zu, ergriff meine Hand und flüsterte: „Ich habe schon lange nicht mehr so herzhaft gelacht. Vielen Dank.“ So hatte ich es mir vorgestellt, jenen, denen die Panik der Atemnot im Genick sitzt, Freude und Ablenkung zu schenken. Alles gut.

Im Scheinberg 1996 – Petra noch dunkel. Fotos: Lutz Reinhardt

Im Herbst endete die Ausstellung, doch unser Leben war plötzlich haargenau in dieses Mal-Thema geglitten. Es war winterlich und wir waren gerade die Gefoppten, die Narren ohne Glück. Damals schrieb ich als freie Autorin für ein kleines Berliner Baumagazin und mein Liebster (auch selbstständig) machte die Reportage-Fotos dazu. Der Verlag war mit der damaligen Baukrise in die roten Zahlen gerutscht und zahlte schlagartig keine Honorare mehr. Aber er schob ständig neue Aufträge nach und wir waren noch  unerfahrene Freiberufler. Wir hofften und irrten. Monatelang ging es uns echt schlecht. Ein Freund kutschierte uns schließlich die Ausstellungbilder kostenfrei mit seinem Auto nach Hause. Aber zwei passten einfach nicht mehr rein: der große Bruder-Spiegel und der Sterntaler.  Ich hab‘ sie einfach hängen gelassen, gewissermaßen als ständige Leihgabe. Längst wurde das Haus umgebaut und gewiss dümpeln die Teile inzwischen in irgendeinem Abstellraum und warten auf Erlösung. Aber vielleicht auch nicht, vielleicht erfreut sich ja einer still und heimlich an ihnen… Es wär mir recht.

Memory 9: Klinken putzen

Wenn Weihnachten vor der Tür stand und endlich die Ferien mich aus dem Sportschulinternat nach Hause schickten, bekam ich sehr bald diese häusliche Arbeit: Klinken putzen, mit Sidol aus der Tube und einem lumpigen Stofflappen. 20 Messingklinken mit Türbeschlägen, die in der Küche war immer fast schwarz, da hieß es Reiben bis der Putzfinger durchgebogen war und streikte.  Aber es gab kein Pardon, Oma kommt, da musste alles blitzen. Es interessierte keinen, dass ich gerade bei den Deutschen Kindermeisterschaften  Bestzeiten schwamm. Jetzt war ich Türklinkenputze, schließlich wollte meine supermoderne Mama nicht als nachlässig gelten, auch wenn sie eben genau das war. Geputzt wurde, wenn Oma kam… immer, also Ostern und Weihnachten. Später gab es Gott sei Dank elektrische Schleifscheiben, aber eines ist immer noch so: Die Weihnachtsvorbereitungen schreien nach Hausarbeit. Vorgestern hab‘ die Wohnküchenstühle neu mit groben Leinen bezogen, wie jedes Jahr, gestern Stollen, heute Kartoffelkuchen gebacken … alles geschieht irgendwie nebenher. Denn die eigentliche Arbeit im Atelier geht natürlich weiter. Klinkenputzen bekam für mich vor 28 Jahren eine ganz andere Bedeutung, und ehrlich, es lag mir  nie. Mit der Mappe unterm Arm quer durch die Berliner Szeneplätze in der Großen Hamburger oder Auguststraße von Galerie zu Galerie. Galeristen können das gar nicht leiden, sie suchen und wählen selber aus, aber das wusste ich damals noch nicht…

Stollen ungebacken

Erzgebigischer Kartoffel-oder Stollenkuchen

Memory 8: Blätterwetter

Herbstwasser

Blätterwetter in schönster Üppigkeit. Kaum hab ich drei Schubkarren voll Lindenlaub vom Straßengrün geräumt, schneit es wieder leuchtend gelb. Wind von Süd-West treibt die Woge auf den Hof und schließlich, nach einem Knisterwirbel, in den Hausflur. Nur nicht umdrehen, um nicht zu verzagen. Ich entsinne mich einer Kleinproduktion für ein Do it joursef-Magazin anno 1991, bei dem wir wegen fehlendem Herbstlaub ganz schön ins Schwitzen geraten waren. Gewöhnlich haben solche Magazine sechs bis acht Wochen Vorlauf. Ich stellte in diesem Beitrag für die Herbstferien kleine Windspielzeuge und deren Bauweise vor. Für das Aufmacherfoto sollte Herbstlaub durchs Bild wehen: Herrje!!! Herbstlaub Anfang August! Ich sammelte alles, was irgendwie nicht mehr grün war. Eine halbvolle Kiepe wurde es schlussendlich nur. Deren Inhalt warfen wir x-mal in den Wind und fegten ihn wieder zusammen, damit wir dieses eine Herbstbild hinbekamen, bevor die Blätter unter den Strapazen zerbröselten. Die Kinder des Windes – Windball und Windrad sind übrigens einfache Spielzeuge, die rasch selbst gebaut sind, damals wie heute und Ferien sind auch gleich wieder… ich geh inzwischen nochmal Blätter einfangen…

Goldener Oktober


Windball und Windrad.
Fotos und Bau: Petra Elsner

1037. Blogbeitrag

 

Memory 7: Der etwas andere Sandmann

Sandmann mit der Puppe Karl

Mitte der 70er Jahre, als mein Sohn Jan gerade im Kindergartenalter war, fieberte er jeden Abend dem Sandmännchen entgegen. Meist saß er dazu bei meinen Eltern, die im Obergeschoss des gelben Hauses an den Bahnschienen wohnten. Ich hatte keinen Fernseher, denn mein Verdienst war seinerzeit als Schrift- und Grafikmalerin unterirdisch.  Das Kindchen war ein Frühchen und die ersten Lebensjahre oft krank. Für alleinstehende Mütter gab es seinerzeit nur 21 Tage Krankengeld, danach nichts mehr. Das war schwierig. So lernte ich mit den Dingen aus zweiter Hand Lücken zu stopfen, darunter war auch ein alter Fernseher, der aber leider nicht mehr funktionierte. Also hab‘ ich das Teil ausgeschlachtet, ein paar Bühnenvorhänge zum auf- und zuziehen vor der Glotze angebracht und die Handpuppe Karl dorthinein gesetzt. Karl erzählte die Gute-Nacht-Geschichte und alles war gut, bis eines Tages mein Sohn im Kindergarten einen Streit vom Zaune brach. Sein Kumpel Peter hatte erzählt, was am Vorabend für eine tolle Geschichte im Sandmann lief, aber Jan pochte darauf, dass bei ihm der Karl eine ganz andere Geschichte erzählt hatte. Sie kriegten sich richtig in die Wolle und gingen sich tagelang aus dem Weg. Bis ich fragte, weshalb denn der Peter gar nicht mehr zum Spielen käme. Jan wollte den Lügner nicht mehr sehen und verriet mir, was geschehen war. Autsch, da musste ich mein Kindchen aufklären, dass unser Fernseher eigentlich eine Puppenbühne ist, die nur für ihn spielt. Der Sohn verstand und fragte nur noch, ob der Karl auch für zwei Sandmanngucker spielen würde. Ich nickte und Jan verschwand, um den Peter zu holen…

PS: So einen STASSFURT mit Moped-Schalter zum Abziehen hatten übrigens meine Eltern auch Anfang der 60er Jahre. Wenn der Vater zur Arbeit fuhr, zog er den Schalter ab und nahm ihn mit, auch in den Schulferien.

1019. Blogbeitrag

Memory 6 – Hoyerswerda

Ich fuhr heut Nacht durch wirre Träume zurück ins Jahr 1969. Der Gundermann-Film, gestern im Templiner Kino, hat mich dorthin gebracht – auf die Straße nach Hoyerswerda. Am Vortag endete die 9. Werkstattwoche der Singeklubs in Brandenburg, wo ich mich in der Texter-Werkstatt ausprobierte. Auf dem Fernbahnhof griff ich beim Einsteigen in den Zug nach Hause die falsche Gitarre. Dumm gelaufen. Zuletzt hatte ich bei den Magister-Brüdern (angesagte Liedermacher aus der Stadt im Tagebau) gestanden und gequatscht, es war eine ihrer Gitarren. Am anderen Morgen, wir hatten kein Telefon, bin ich einfach losgetrampt, Daumen raus und ab gings. Ich war schlapp 15 Jahre alt und kein Mensch kam auf die Idee, mir das auszureden. Bis zur Autobahnabfahrt Hoyerswerda ging alles gut, dann, auf der Landstraße hielt kein Auto mehr an. Ziemlich sture Typen – diese Lausitzer – fand ich, es war ein Trecker mit einer Ladung Zwiebeln im Hänger, der mich schließlich gemächlich in die Plattenhausstadt zum Gitarrentausch brachte. Von Gerhard Gundermann hatte ich damals noch nie etwas gehört, der war seinerzeit 13 Jahre jung, der Nachwuchs eben. Erst später wurde er Chef der Brigade Feuerstein. Fan wurde ich erst in den 80er Jahren. Ich mochte seine raue, schwermütige Stimme, die Poesie und den Tiefgang seiner Texte. Schwermut trugen viele Künstler in der DDR mit sich. Traurig wegen der Zustände. Mit seismographischen Gespür hatte er seinerzeit Texte für Scheibe „Februar“ von Silly geschrieben. Gekannt habe ich Gundi nicht. Aber damals im Kesselhaus im Prenzlauer Berg, Anfang der 90er, holte sich meine verletzte Seele an der Bühnenrampe bei seinem Konzert ein paar Streicheleinheiten ab. Dass er IM war, fand ich echt scheiße, aber, wie er dazu stand – nach der Wende, wie er das verdeckte Verdrängte wieder ausgegraben hat, das hat mir auch imponiert. Der Gundermann-Film von Andreas Dresen hat versucht diese Konstellation einzufangen und Alexander Scheer hat den sperrigen Typen ganz gut rübergebracht, aber musikalisch gesehen, war ich doch enttäuscht. Weit hinter dem Original, nur die Optik war etwas schöner…Und die echte Band „Die Seilschaft“ kam zu knapp weg. Da fehlten einfach mal kontroverse, auch kreative Dialoge… Dennoch. Dieser Film trifft ins Mark, alle jene, die dabei oder in der Nähe waren und dass ist wohl seine Stärke. Er schiebt eine Gedankenreise an, zurück in der Zeit, eine Traumsequenz lang oder auch mehr.

Gundermann im Kesselhaus in der Berliner Kulturbrauerei 30. Januar 1993

Gerhard Gundermann im Kesselhaus. Fotos: Petra Elsner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1016. Blogbeitrag

Memory 5: Gedenkweiden

Petras Gedenkweide. Fotos: pe

Gestern in Zeuthen entdeckt: Anfang der 80er Jahre lebte ich noch in dem gelben Haus (das heute Schlüpferrosa aus der Wäsche guckt) an der Bahnlinie gen Osten. Es war laut, wenn „Nikitas letzte Rache“ (so nannten wir die schweren, russischen Diesel-Loks) vorbeischepperten. Noch lauter wurde es, als irgendwann in den 70er Jahren die kleine Sanddüne, auf dem ich als Kind im Winter rodelte, eingeebnet wurde. Keine Ahnung weshalb, aber fortan benutzte die Reichsbahn das Gelände jeden Sommer als Parkplatz für Baumaschinen. Alle Bemühungen meinerseits, den Platz zu begrünen, um die Lärm- und Schmutzbelästigung zu dämpfen, scheiterten in jedem Sommer aufs Neue. Die jungen Bäume wurden einfach plattgefahren. Es musste mir etwas anderes einfallen und dachte mir, wenn wir widerstandsfähige Weiden genau auf den Rand des Schotter-Radwegs pflanzen, dann würden sie nicht mehr übersehen werden und vielleicht eine Überlebenschance haben.  Außerdem standen Weiden seinerzeit unter Naturschutz, man würde es nicht so einfach wagen, sie umzunieten. Vielleicht. Die Klicke meines damals zehnjährigen Sohnes Jan half mir bei dem Unterfangen, denn es war eine ganz schöne Schufterei an der verfestigten Wegkannte zu graben. Fünf Weiden pflanzten wir. Sie müssten heute Riesen sein, aber, aber. Die Brache ist heute ein ausgebauter Parkplatz und die Bäume mussten dafür irgendwann doch weichen, bis auf zwei, die sogar bei einer Erneuerung des Weges umbaut wurden. Zu guter Letzt wurden sie doch gefällt, aber an einem Stumpf treiben wieder junge Ruten. Meine Zeuthener Freunde aus der Spreestraße nennen die kleine Kämpferin  „Petras Gedenkweide“, dass treibt mir doch ein breites Grinsen ins Gesicht ?.

Schnee auf der Dühne vor dem gelben Haus in der Zeuthener Bahnstraße 10. Weihnachten 1957. Meine große Schwester Angelika und ich auf dem neuen Schlitten.

1002. Blog-Beitrag

Memory (4): Die handgefertigten Bücher

Verborgene Schätze…. Zeichnung: Elsner

Was immer uns Menschen umtreibt, den eigenen Text zwischen zwei Buchdeckeln sehen zu wollen – gemeinhin tun wir viel dafür. Doch bevor sich ein Verlag für den Einen oder die Andere interessiert, vergeht oft lähmende Zeit. 2006 fand ich meinen ersten deutschen Buchverlag (1993 einen Griechischen), aber davor gab es schon viele Texte, von denen ich mich irgendwie befreien musste, um weiter schreiben zu können – so kam es zu den handgefertigten Büchern.

Mein erstes handgebautes „Buch“ entwickelte ich als Internatsschülerin in der 5. Klasse. Es war eher ein schmales A5-Bändchen, aber immerhin. Ich hatte mein Heimweh und die Kälte des Internatslebens auf losen Seiten notiert, Bilder mit schichten Buntstiften dazu gezeichnet, und weil ich meinen Kummer ernst und wichtig nahm, band ich ihn – gewissermaßen für die Ewigkeit – zwischen zwei glänzend rote Pappdeckel und: Es ging mir danach wirklich besser, denn der Kummer war „ausgelagert“. Eine nützliche Erfahrung, die ich später immer wieder aufgriff.
Ein handgefertigtes Buch ist etwas ganz Besonderes, die Anlässe seiner Herstellung jedoch so vielfältig wie die Macharten. Umso mehr die elektronische Welt menschliche Kommunikation verändert, drängen die handgemachten Dinge wieder ins Bewusstsein. Denn: sie sind einzigartig, erzählen vom Leben, haben Seele.

Meine Flyerkunstbücher aus den 90er Jahren. In dieser Zeit baue ich diese aufwändigen Unikate nicht mehr.

In den 90er Jahren habe ich Flyerkunstbücher entwickelt und gebaut, als meine spezielle Form des Künstlerbuches. Darunter winzige Minis, klein wie ein gefaltetes Zigarettenpapier und Maxis, als besondere Ausstellungsstücke. Immer halfen mir diese Teile etwas loszuwerden und natürlich auch, einen Schein zu verdienen. Diese Flyerkunstbücher waren handwerklich eine aufwändige Sache und für viele Interessenten einfach zu teuer, so kam ich zu den schlichteren Modellen, die Hefte mit der Fadenbindung, bezahlbar, aber auch handfertigt. Obgleich ich inzwischen einen Hausverlag habe, ich baue diese nummerierten Künstlerbändchen immer noch, denn sie tun mir und anderen einfach gut.
Anfang der Woche bestellte eine Blog-Leserin alle fünf Titel meiner „Kurtschlager Editionen“ und schrieb mir nach dem Eintreffen das Wörtchen „zauberhaft“ dazu in ihre Mail. Ich las es mit einem breiten Lächeln.

Beispiel: Raben-Collektion 2013

Hier geht es zu den vorrätigen Titeln: