MINIATUR (12)

Der Bücherstapel

Der Stapel Inselbücher war immer gleich hoch.  Wer eines dieser feinen Bändchen begehrte, musste dafür ein anderes mitbringen und es auf den Stapel legen. Inselbücher wurden hier ausschließlich getauscht und nicht verkauft. Eleonore Finger achtete akribisch darauf, dass keiner mogelte. Ihr Buchantiquariat war nicht mehr als ein mit Büchern beladenes Wohnzimmer einer lichtlosen Parterrewohnung. Das Einzige, was hier leuchtete, waren die wachen Blicke der dürren Frau mit dem kleinen Dutt. Ihr dunkles Kostüm hatte die Strenge eines Korsetts, aber ihre Schritte führten sie federleicht um den großen Tisch mit den getürmten Bücherstapeln herum. Die Regale an den Wänden waren zwar sorgsam sortiert, jedoch bedenklich gefüllt. Alles, was tragen konnte, wurde zum Platzhalter: Klavierhocker, Trittleiter, Teetischchen… Es roch nach Staub und altem Papier. Eleonore Finger wirkte wie die Hüterin eines heiligen Grals, und das war er wohl auch: ihr Bücherschatz. Im Grunde war es gar nicht ihr Schatz, sondern die Sammlung des verstorbenen Mannes, einst Professor für Germanistik. Wer hier einkehrte, wusste das und genoss das stille Entdecken und das schweigsame Blättern der Seiten. Manchmal stellte sie ungebeten einem Studenten einen feinen Grünen Tee hin, wenn sie sah, dass er mit dem Wachbleiben kämpfte. Dann deutete sie ihm auf den einzigen Stuhl im Raum und verschwand ein Weilchen hinter dem weinroten Samtvorhang, der ihre Wohnküche verbarg.
An diesem Nachmittag durchbrachen zwei Reisende den Tanz der Stille. Die Beiden unterhielten sich raumgreifend, bis sie an den Tauschstapel kamen. „Inselbändchen, und so viele!“ Sie zählten ihre Barschaft und suchten nun nach Raritäten. Ganz aufgeregt kam der sammelnde Reisende mit einem Dutzend Bändchen auf Eleonore Finger zu und sie fragte ihn: „Haben Sie mir zwölf Inselbändchen mitgebracht?“ „Was meinen Sie?“ „Na, glauben Sie wirklich, der Stapel wäre noch vorhanden, wenn ich sie einfach verkaufen würde? Sie können alle anderen Bücher erwerben, diese werden getauscht.“
Sein Gesicht wurde blass vor Enttäuschung: „Ich bin doch nur auf der Durchreise.“ Sie nahm langsam die Bändchen aus seinen Händen und sprach ungerührt: „Nun, dann müssen Sie halt wiederkommen.“

MINIATUR (11)

Am Rande

Als es der Demütigungen genug war, rappelten sich einige jenseits der Elbe und besannen sich ihrer Talente. Manches taugte dazu ein kleines Unternehmen zu gründen oder zu Freiberuflichem. Sie waren reife Erwachsene ohne Handgeld, nur ihr Können hielt sie am Rande des großen Marktes. Irgendwo im Regionalen hantierte die verdrängte Elite des Ostens. Für anderthalb Jahrzehnte, dann begannen die Gewissheiten zu schwimmen. Die Grundfeste: die Sprache wurde aufgeladen für einen Kampf, der auf Zerstörung von Selbstverständlichkeiten zielte. Gepflogenheiten und hohe Feste wurden attackiert. Die einen fuhren Autos in die Menge, die anderen schrieben das literarische Erbe und die Geschichte um. Und weil man sich ihrer nicht erwehren konnte, wählten viele aus Notwehr zu guter Letzt rechtskonservativ, und die Zeit blieb nicht stehen. Sie tickte nur anders, und am Rande wurde es eng.

MINIATUR (10)

Stadtengel

Man sieht sie an Brücken, auf Türmen oder Sockeln in Bronze gegossen. Erhaben und stark. Die Stadtengel aus Fleisch und Blut hingegen sind beinahe unsichtbar. Vielleicht entdeckt man einen in der blauen Stunde eines späten Tages, das aber ist selten. Robert war weder kampfstark wie Erzengel Michael noch so ein prächtiger Heiler wie Raphael. Er war nur ein leiser Bote des Herzensguten. Nicht zu verwechseln mit einem Gutmenschen. Er hatte dafür zu sorgen, dass das Herz gehört wird und echt klingt. Aber manchmal empfand der Engel seine Rolle zwischen verwahrlosten Stadtsteinen als uferlos. Dann trugen seine Flügel schwer an dieser Last, und so war es nicht verwunderlich, dass er zuweilen eine Kneipe aufsuchte, um sich die Schwere leicht zu trinken. Dabei murmelte er kaum hörbar ins Glas „diese Rolle ist zu schwer für mich“. Jemand hörte ihn doch. Sein massiger Leib nahm die Stimmung des Engels auf. George Meister kannte sich aus mit den energetischen Schwingungen der geistigen Welt. Er beruhigte Schauspieler in den Garderoben vor ihren Auftritten. Das konnte er wirklich gut. Er nahm seinen Rotweinschoppen und setzte sich zu dem Erschöpften. Dann malte er in seine Hand ein paar geheime Zeichen und hielt sie schwebend über Roberts Haupt. Dessen Haare stellten sich auf und vibrierten. Verwundert fragte er „Was machst du?“ „Ich gebe dir neue Kraft!“ Die Hand des Meisters begann zu zittern und er zog sie erstaunt zurück. Robert raunte: „Du wirst doch nicht einem göttlichen Boten mit deinem irdischen Hokuspokus kommen?“ Der Engel ratschte mit seinem Stuhl vom Tisch, sprang auf, schüttelte sich und es schien, dass er all die Schwere augenblicklich verlor. Es war seine innere Kraft, die aufleuchtete, um den Moment der Schwäche hinfort zu fegen. Dann schritt er hinaus in die blaue Stunde und verwebte sich mit dem Klang der Herzen auf alle Zeit.

MINIATUR (9)

Versehrte

Bereits, wenn der riesige Mann im braunen Mantel mir entgegenkam, kroch mich ein Schaudern an. Herr Schawan hatte eine tiefliegende Narbe auf der gewölbten Stirn, wie von der Axt getroffen. Das eine Auge irrte flink nach allen Seiten, während sein Glasauge immer streng geradeaus starrte. Eine schwere Strenge umgab diesen gezeichneten Mann, der das Lachen verloren hatte. Die Grausamkeiten des Krieges hingen in seinem Blick wie ein Kainsmal. Es lebten etliche Versehrte und schwarz gekleidete Witwen in unserer Straße, wie überall im Land. Niemand kam an ihnen vorbei, ohne sie mit einem verschämten Blick zu streifen. Kriegszeichen im noch jungen Frieden und die Schuld als Last. Auch mein Vater ging noch an Krücken. Bei der Kesselschlacht auf den Seelower Höhen trafen ihn Granatensplitter. Es war sein erstes und letztes Gefecht auf dieser atemschweren Erde, dass ihn beinahe das linke Bein kostete. Mit dem Segelfliegen war es vorbei, und die Narbenschmerzen blieben ein Leben lang. Die jungen Frauen hassten ihn, wenn er morgens die S-Bahn bestieg, sich in dem Gedränge mit einer Krücke den Weg zu den Sitzbänken stocherte, um dort seinen Schwerbeschädigtenausweis zu zücken. Während er saß und die Zeitung aufschlug, mussten sie eine Stunde lang stehen. Erschöpfung hing blass in ihren Gesichtern.
Und dann gab es noch Hermann. Der konnte keine Stille mehr ertragen. Sein Mundwerk ratterte los, sobald er einen Menschen auf der Straße traf. Ganz gleich, ob bekannt oder unbekannt. Nicht alle Verletzungen sind offensichtlich, aber noch war das ganze Land versehrt, der Schwur „Nie wieder Krieg!“ wurde gelebt beim Anblick der Trümmer und Narben.
Lange her. Glatt sind inzwischen die Fassaden, die Einschüsse verborgen und vergessen „Nie wieder Krieg!“? Die Pazifisten werden neuerdings als naiv beschimpft, und man rüstet wieder. Aber Schwüre bricht man nicht!

MINIATUR (8)

Der Schlapphut

37 Grad, und auf den Steinplatten des Alexanderplatzes schien es noch heißer. Ina streckte ihre Füße in das Becken des Womacka-Brunnens und spürte ein wenig Erleichterung. Über der Szenerie schwebte etwas Verspieltes. Jemand klimperte schräg auf einer Campinggitarre, ein anderer spielte Mundharmonika dazu. Die junge Arbeiterin Ina hatte Urlaub, aber nicht genug Geld, um zu verreisen. Am Brunnen schien es einigen ähnlich zu gehen. Deren Blicke verrieten das. Die einen suchten einen Anker, die anderen ein Abenteuer. Als es über dem Platz dämmerte und die quälende Hitze von einem lässigen Windhauch vertrieben worden war, hatte sich ein Kreis gefunden, der in jenem Hitzesommer spontan beieinanderblieb. Man zog von einem Quartier zum nächsten – auf Dachböden oder in leerstehende Wohnungen, in einen Garten in der Vorstadt oder ein Lagerhaus am See. Die Wandergesellschaft bildete eine Art Urlaubsfamilie, und wo immer sie ihr Lager ausbreitete, traten junge Menschen hinzu, die nach einer kleinen Weile wieder verschwanden. Irgendwann tauchte Marie auf. In dem Blick unter ihrem schwarzen Schlapphut lag ergriffenes Staunen. Es sah so aus, als würden diese dunklen Augen das erste Mal ins Leben schauen. Das weckte Inas Beschützerinstinkt. Sie blieb in ihrer Nähe, während zum Abend ein Lagerfeuer loderte. Plötzlich sprach Marie in das flackernde Licht: „Ich werde morgen 18 und muss mich entscheiden. Eine Woche hatte ich dafür Zeit.“ „Was musst du entscheiden?“, fragte Ina vorsichtig. „Ob ich Nonne werde.“ Ina schwieg irritiert und erfuhr, dass Marie in einem Kloster geboren wurde. Man schickte sie auf diesen Ausgang, damit sie etwas von der Außenwelt erlebte, um wirklich entscheiden zu können. Die Novizin war unschlüssig, und was sie bisher sah, beunruhigte sie. Eines der Mädchen am Feuer zog sich unbemerkt in die Dunkelheit zurück. Ein Wimmern ließen Ina und Marie aufhorchen. Das Mädchen lag zusammengerollt im Gras und erlitt gerade eine Fehlgeburt. Was war zu tun? Es gab keine öffentliche Telefonzelle und in der Runde besaß niemand ein Auto. Aufgewühlt fanden sie zur Landstraße, und als ein LKW heranschepperte, hob Ina den rechten Arm. Der Koloss mit Hänger stoppte schnaufend. Heraus sprang ein gedrungener Mann mit Igel und Dreitagebart: „Was ist los?“ „Fahren Sie uns bitte in das nächste Krankenhaus!“ Für Kalle war das keine Frage. Er legte eine Wolldecke über sein Lager in der Schlafkoje, hob das schluchzende Geschöpf darauf. Ina und Marie kletterten auf den Beifahrersitz. Der Mann war nur wenig älter als die jungen Frauen, doch er schwieg väterlich. Langsam kamen sie zur Ruhe. Keine halbe Stunde später war das Mädchen in die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses gebracht. Auf dem Parkplatz fragte Marie den Fahrer: „Du fährst Richtung Sachsen?“ Er nickte. „Würdest du mich nach Hause bringen? Das hier ist nichts für mich.“ Kalle nickte wieder. Die zwei kletterten in die Fahrerkabine, und Ina flog der schwarze Schlapphut auf den Blondschopf. „Der passt besser zu dir als zu mir! Mach‘s gut!“

MINIATUR (7)

Die Schreibmaschine

Ob die Backsteinbauten am S-Bahnhof Zeuthen noch stehen? Es war eine geduckte Ladenzeile mit Parfümerie, Reinigung, Schuster und das Schreibwarengeschäft, das mich schon als Kind magisch anzog. Familie Dreiers hatte wunderbare Papiere, Pinsel, Stifte, Lineale, Ratzefummel, Tuschkästen, Tintenfässchen, Löschpapier, Abziehbilder, Poesiealben, Kalender, Notizblöcke, Lampions, Girlanden und Krepppapier. Natürlich Schulbücher, Schreib- und Rechenhefte und auch die Hefte für Noten. Es gab Ausmalblätter, Sammelmappen, Aktendullis, Locher und Umschläge aller Art, Mappen, Feder- und Aktentaschen… Ach, man konnte sich in der Menge der Enge verlieren.
Es war die Zeit, als ich meine ersten Liebesgedichte und Liedtexte auf der Schreibmaschine meiner Mutter schrieb. Das kleine „e“ hakte und das Band schmierte, aber immerhin. Als alleinerziehende Mutter war eine eigene unerschwinglich, und so arrangierte ich mich mit dem hakenden „e“.
An einem frühen Sommerabend Ende der 70er Jahre schlenderte ich frisch verliebt mit einem langhaarigen Parker-Typen durch den Ort, als ich sie bei Dreiers im Schaufenster entdeckte: eine Reiseschreibmaschine für satte 400 DDR-Mark. Orange mit weißen Tasten, ein Träumchen, an dem ich mich gar nicht sattsehen konnte. Ich wollte mich gerade loseisen und die Straßenseite wechseln, um ins Café Centra einzukehren, als der Mann neben mir schnellen Schrittes im Laden verschwand und das Teil ungefragt kaufte. Einfach so. Mein Magen meldete sich, während er mir die Maschine grinsend in die Hand drückten wollte. Kreidebleich wehrte ich ab, rannte blitzartig bis zur Bäcker-Ecke und kotzte dort in den Vorgarten. So ein teures Geschenk konnte ich nicht annehmen. In meiner Familie waren die Geschenke eher bescheiden, selten gab es etwas über 20 Mark. Der Parker-Typ ging an diesem Abend allein nach Hause, behielt aber die schöne „Erika“ ein Jahr lang in seinem alten Skoda versteckt. Monate später versuchte er es noch einmal: Ganz vorsichtig übergab er mir das Prachtstück und schmeichelte: „Leihgabe für die angehende Schriftstellerin.“ Das verfing.

Auf Facebook kommentierten:
Bärbel Kaiser
Den Geruch im Schreibwarenladen Brendel in Bernburg mochte ich sehr gern. Meine Mama war mit der Inhaberin befreundet.

Axel Kempert
… in der Menge der Enge … 🥰

MINIATUR (6)

Auswanderer

Janosch grübelte. Er erlebte gerade ein Déjà-vu: Ein junger Mann erzählte ihm bei seinem letzten Bier auf deutschem Boden, weshalb er jetzt auswandern würde. Der Rucksack lehnte sperrig neben seinem abgegriffenem Bratsche-Koffer. Genau wie damals in der „Tute“ am Alex – als sein Sohn Moritz nach Ungarn aufbrach. Was Janosch zu hören bekam, erinnerte ihn 1:1 an den Sommer 1989, als massenweise junge Ostdeutsche die DDR verließen. Ja, damals war das waghalsiger als heute. Man konnte gefasst werden und im Gefängnis landen. Aber die Antriebe zum Aufbruch waren fast identisch: Ein verkrustetes Heimatland, in dem es kein Zukunftsversprechen für junge Menschen gibt. Auch heute sind die vielbeschworenen Werte zerbröselt, und der Staat gibt sich als ein alles verschlingender Krake, dem man besser entflieht. Wie einst hockte der inzwischen gealterte Musiker im Frack beim Feierabendwein in einem kleinen Café unweit der Staatsoper und dachte: Nur, dass wir damals nicht noch einen Krieg mitfinanzierten. Er fuhr sich fahrig mit den Fingern durchs Weißhaar und ahnte: es wird diesmal anders ausgehen. Wenn die Jugend davonläuft, ist alles verspielt, und man kann nicht auf eine transfusionsartige Vereinigung hoffen. Was schon damals nicht gelang, sondern sinnentleerte. Der Frackträger zahlte missmutig und ging in die Nacht.

MINIATUR (5)

Das Postmachen 

Nach einem winzigen Frühstück ziehe ich jeden Morgen mit einem Pott Filterkaffee vor den Computer und checke die Mail-Post. Inzwischen geht das ratzfatz, denn auch die sogenannten Mail-Briefe werden immer seltener. Meist fliegen einem nur ein paar Wortfetzen um die Ohren und ich antworte dann ebenso im Staccato. „Richtige“ Briefe muss man sich verdienen, denn diese Jedermanns-Literatur ist randvoll von Stimmungsbildern und Lebenstatsachen, die Nähe herstellen. Wer sich drauf einlässt, begibt sich in ein immerwährendes Gespräch.
Vor Jahren bekam ich diese wundervolle Künstlerpost von meinem Malerfreund Ecki. Er ist leider vor 15 Jahren gestorben, sonst würde ich bestimmt heute noch sieben handschriftliche Seiten zum Jahreswechsel bekommen. Schon die gestalteten Umschläge waren eine Schau, und die Briefe selbst hatten zu seinen nachdenklichen Texten auch immer farbige Skizzen dabei. Alles kleine Originale. Ich habe sie geheftet und bewahre sie auf wie einen Schatz.
Zum Jahresausklang bekamen alle meine Atelierbesucher Weihnachtsbriefe. Einmal im Jahr mit Briefmarke per Post für alle jene, die mit dem Virtuellen auf Kriegsfuß standen. Inzwischen freue ich mich über gehaltvolle Mail-Briefe ebenso wie über Analoge. Die Guten kommen als Papierdruck in meine Sammelbox. Ist eine gewisse Fülle erreicht, werden sie zu einem Briefe-Buch gebunden. Gutes geht nicht verloren. Ich freue mich schon auf Morgen, da kommt bestimmt der Sonntags-Mail-Brief von meiner Freundin Ines…

MINIATUREN (4)

Spätlese

Im Jahr 2000 bemerkte ich im Wins-Kiez vom Prenzlauer Berg, dass es unglaublich viele Schwangere im Straßenbild gab, aber kaum noch Alte. Sie waren irgendwie verschwunden. In Nachmittagsclubs oder Seniorenresidenzen, man wusste es nicht genau. Ein paar Monate später begann der große Umbau der Parterrewohnungen: es entstanden Spätis, Kinderlädchen aller Art, Pensionen und Bio-Läden. Die lichtlosen Orte, die den Alten und Armen der Stadt vorbehalten waren, wurden plötzlich hip und teuer. Meine Wahrnehmung dauerte nur einen Moment, dann war die Hektik jener Zeit schon wieder darüber hinweg gehuscht.
Ein Dutzend Jahre später sah ich auf dem flachen Lande beinahe nur noch Alte, und die 50-Jährigen muteten in ihren weißen Turnschuhen an, als wären sie die Jungen im Dorf. Ihre Kinder arbeiteten in der Schweiz oder waren nach Süddeutschland gezogen. Die schönen Landfeste zur Mittsommernacht, zur Ernte und zu Weihnachten mutierten leise zu Seniorenfeiern, die von den 50- und 60-Endern bespaßt wurden. Mühevoll, denn sie waren in der Minderheit und hatten damit alle Hände voll zu tun. Doch die Freude war flüchtig, weil die in den Turnschuhen inzwischen ebenfalls ergrauten.
Meine Freundin Ina bewohnt am Berliner Stadtrand mit ihrer Familie ein Viergenerationenhaus. Die Mutter ist 95, bettlägerig und blind. Ina leidet schon einige Jahre an Parkinson, kümmert sich aber so gut es geht gemeinsam mit ihrer Schwester um die alte Dame. Die beiden Frauen Mitte 60 kämpfen gegen die sich einschleichende Langsamkeit des Alters. Inas Sohn wohnt mit Frau und Kind parterre und fragt schon mal: „Muttern, wird das mit dir auch wie bei Oma sein? Da werde ich wohl beizeiten wegziehen.“ Ina ruft mich an und schluchzt vor Traurigkeit. Ich erinnere mich, wie sie und ihr Mann jedes Extrastudium des Sohnes in den 2000er Jahren finanzierten und dafür all ihre Versicherungen und Rücklagen aufbrauchten. Berlin, USA, Australien, China. Er war 35, als er endlich sein erstes Geld verdiente. Und nun würde er sie also wieder verlassen, um sich ein leichteres Leben zu suchen. Wir schwiegen ratlos miteinander, aber dann verriet ich ihr noch, ich habe inzwischen die weißen Turnschuhe ausgezogen.

MINIATUREN (3)


Putzwunderlich

„Schau mal, ich habe ein schönes Wort gefunden: ‚putzwunderlich‘. Wenn du willst, schenke ich es dir, denn du schaust mich gerade putzwunderlich an.“ Der Wortfinder staubte das schöne alte Wort mit einem Pinsel ein bisschen ab, bevor er es dem staunenden Kind übergab. Dann riet er ihm: „Du musst es ab und zu statt des Wortes ‚erstaunt‘ sagen. Falls nicht, dann verlierst du es wieder.“ Das Mädchen sah in seine leere Hand und sprach lächelnd mit der kleinen Unsichtbarkeit: „Putzwunderlich. Ah – ein Putzwunder, ein wunderliches Was-weiß-ich, etwas Putzwunderliches.“ Es trällerte das geschenkte Wort auf seinem Nachhauseweg vor sich hin, so lange, bis es sicher war, dass es diese Wortherrlichkeit nie wieder vergessen würde.
Der Wortfinder war indes wieder auf seiner ständigen Suche nach vergessenen Wörtern. Am Imbiss an der Straßenbahnhaltestelle stritten sich zwei Männer um eine Nichtigkeit, bis eine ältere Dame ihnen zurief, macht doch nicht so einen Heckmeck! Der Wortfinder schmunzelte und dachte, ist das nicht ein wunderbares Wort für solch unnötiges Gehabe? Die Männer verstummten sofort, denn sie kannten das Wort nicht. Es klang aber irgendwie abwertend, und das reichte, um voneinander abzulassen. Schöne Wirkung! Das Wort hatte Kraft, fand der Sammler, und wusste, andere können ein Zwinkern wecken, wie dieses „garstig“ oder „ergötzen“.
Wortschmuggler brachten ständig neue Wörter aus der Welt ins Land. Die strahlten hell und beschatteten jene Wörter, die Emotionen auslösten. Der Wortfinder hatte nichts dagegen, nur wollte er, dass der vorhandene Reichtum bestehen bleibt. Nicht ersetzen, sondern dem Schatz hinzufügen. Das war sein Ansinnen, und so spazierte er Sonntag nachmittags durch die Straßen und Gassen seiner Stadt und verschenkte ab und zu einem Kind mit größter Wonne ein vergessenes Wort und hoffte, dass sie wieder zu klingen beginnen.