Auswanderer
Janosch grübelte. Er erlebte gerade ein Déjà-vu: Ein junger Mann erzählte ihm bei seinem letzten Bier auf deutschem Boden, weshalb er jetzt auswandern würde. Der Rucksack lehnte sperrig neben seinem abgegriffenem Bratsche-Koffer. Genau wie damals in der „Tute“ am Alex – als sein Sohn Moritz nach Ungarn aufbrach. Was Janosch zu hören bekam, erinnerte ihn 1:1 an den Sommer 1989, als massenweise junge Ostdeutsche die DDR verließen. Ja, damals war das waghalsiger als heute. Man konnte gefasst werden und im Gefängnis landen. Aber die Antriebe zum Aufbruch waren fast identisch: Ein verkrustetes Heimatland, in dem es kein Zukunftsversprechen für junge Menschen gibt. Auch heute sind die vielbeschworenen Werte zerbröselt, und der Staat gibt sich als ein alles verschlingender Krake, dem man besser entflieht. Wie einst hockte der inzwischen gealterte Musiker im Frack beim Feierabendwein in einem kleinen Café unweit der Staatsoper und dachte: Nur, dass wir damals nicht noch einen Krieg mitfinanzierten. Er fuhr sich fahrig mit den Fingern durchs Weißhaar und ahnte: es wird diesmal anders ausgehen. Wenn die Jugend davonläuft, ist alles verspielt, und man kann nicht auf eine transfusionsartige Vereinigung hoffen. Was schon damals nicht gelang, sondern sinnentleerte. Der Frackträger zahlte missmutig und ging in die Nacht.
Kategorie: MINIATUREN
MINIATUR (5)
Das Postmachen
Nach einem winzigen Frühstück ziehe ich jeden Morgen mit einem Pott Filterkaffee vor den Computer und checke die Mail-Post. Inzwischen geht das ratzfatz, denn auch die sogenannten Mail-Briefe werden immer seltener. Meist fliegen einem nur ein paar Wortfetzen um die Ohren und ich antworte dann ebenso im Staccato. „Richtige“ Briefe muss man sich verdienen, denn diese Jedermanns-Literatur ist randvoll von Stimmungsbildern und Lebenstatsachen, die Nähe herstellen. Wer sich drauf einlässt, begibt sich in ein immerwährendes Gespräch.
Vor Jahren bekam ich diese wundervolle Künstlerpost von meinem Malerfreund Ecki. Er ist leider vor 15 Jahren gestorben, sonst würde ich bestimmt heute noch sieben handschriftliche Seiten zum Jahreswechsel bekommen. Schon die gestalteten Umschläge waren eine Schau, und die Briefe selbst hatten zu seinen nachdenklichen Texten auch immer farbige Skizzen dabei. Alles kleine Originale. Ich habe sie geheftet und bewahre sie auf wie einen Schatz.
Zum Jahresausklang bekamen alle meine Atelierbesucher Weihnachtsbriefe. Einmal im Jahr mit Briefmarke per Post für alle jene, die mit dem Virtuellen auf Kriegsfuß standen. Inzwischen freue ich mich über gehaltvolle Mail-Briefe ebenso wie über Analoge. Die Guten kommen als Papierdruck in meine Sammelbox. Ist eine gewisse Fülle erreicht, werden sie zu einem Briefe-Buch gebunden. Gutes geht nicht verloren. Ich freue mich schon auf Morgen, da kommt bestimmt der Sonntags-Mail-Brief von meiner Freundin Ines…


MINIATUREN (4)

Spätlese
Im Jahr 2000 bemerkte ich im Wins-Kiez vom Prenzlauer Berg, dass es unglaublich viele Schwangere im Straßenbild gab, aber kaum noch Alte. Sie waren irgendwie verschwunden. In Nachmittagsclubs oder Seniorenresidenzen, man wusste es nicht genau. Ein paar Monate später begann der große Umbau der Parterrewohnungen: es entstanden Spätis, Kinderlädchen aller Art, Pensionen und Bio-Läden. Die lichtlosen Orte, die den Alten und Armen der Stadt vorbehalten waren, wurden plötzlich hip und teuer. Meine Wahrnehmung dauerte nur einen Moment, dann war die Hektik jener Zeit schon wieder darüber hinweg gehuscht.
Ein Dutzend Jahre später sah ich auf dem flachen Lande beinahe nur noch Alte, und die 50-Jährigen muteten in ihren weißen Turnschuhen an, als wären sie die Jungen im Dorf. Ihre Kinder arbeiteten in der Schweiz oder waren nach Süddeutschland gezogen. Die schönen Landfeste zur Mittsommernacht, zur Ernte und zu Weihnachten mutierten leise zu Seniorenfeiern, die von den 50- und 60-Endern bespaßt wurden. Mühevoll, denn sie waren in der Minderheit und hatten damit alle Hände voll zu tun. Doch die Freude war flüchtig, weil die in den Turnschuhen inzwischen ebenfalls ergrauten.
Meine Freundin Ina bewohnt am Berliner Stadtrand mit ihrer Familie ein Viergenerationenhaus. Die Mutter ist 95, bettlägerig und blind. Ina leidet schon einige Jahre an Parkinson, kümmert sich aber so gut es geht gemeinsam mit ihrer Schwester um die alte Dame. Die beiden Frauen Mitte 60 kämpfen gegen die sich einschleichende Langsamkeit des Alters. Inas Sohn wohnt mit Frau und Kind parterre und fragt schon mal: „Muttern, wird das mit dir auch wie bei Oma sein? Da werde ich wohl beizeiten wegziehen.“ Ina ruft mich an und schluchzt vor Traurigkeit. Ich erinnere mich, wie sie und ihr Mann jedes Extrastudium des Sohnes in den 2000er Jahren finanzierten und dafür all ihre Versicherungen und Rücklagen aufbrauchten. Berlin, USA, Australien, China. Er war 35, als er endlich sein erstes Geld verdiente. Und nun würde er sie also wieder verlassen, um sich ein leichteres Leben zu suchen. Wir schwiegen ratlos miteinander, aber dann verriet ich ihr noch, ich habe inzwischen die weißen Turnschuhe ausgezogen.
MINIATUREN (3)

Putzwunderlich
„Schau mal, ich habe ein schönes Wort gefunden: ‚putzwunderlich‘. Wenn du willst, schenke ich es dir, denn du schaust mich gerade putzwunderlich an.“ Der Wortfinder staubte das schöne alte Wort mit einem Pinsel ein bisschen ab, bevor er es dem staunenden Kind übergab. Dann riet er ihm: „Du musst es ab und zu statt des Wortes ‚erstaunt‘ sagen. Falls nicht, dann verlierst du es wieder.“ Das Mädchen sah in seine leere Hand und sprach lächelnd mit der kleinen Unsichtbarkeit: „Putzwunderlich. Ah – ein Putzwunder, ein wunderliches Was-weiß-ich, etwas Putzwunderliches.“ Es trällerte das geschenkte Wort auf seinem Nachhauseweg vor sich hin, so lange, bis es sicher war, dass es diese Wortherrlichkeit nie wieder vergessen würde.
Der Wortfinder war indes wieder auf seiner ständigen Suche nach vergessenen Wörtern. Am Imbiss an der Straßenbahnhaltestelle stritten sich zwei Männer um eine Nichtigkeit, bis eine ältere Dame ihnen zurief, macht doch nicht so einen Heckmeck! Der Wortfinder schmunzelte und dachte, ist das nicht ein wunderbares Wort für solch unnötiges Gehabe? Die Männer verstummten sofort, denn sie kannten das Wort nicht. Es klang aber irgendwie abwertend, und das reichte, um voneinander abzulassen. Schöne Wirkung! Das Wort hatte Kraft, fand der Sammler, und wusste, andere können ein Zwinkern wecken, wie dieses „garstig“ oder „ergötzen“.
Wortschmuggler brachten ständig neue Wörter aus der Welt ins Land. Die strahlten hell und beschatteten jene Wörter, die Emotionen auslösten. Der Wortfinder hatte nichts dagegen, nur wollte er, dass der vorhandene Reichtum bestehen bleibt. Nicht ersetzen, sondern dem Schatz hinzufügen. Das war sein Ansinnen, und so spazierte er Sonntag nachmittags durch die Straßen und Gassen seiner Stadt und verschenkte ab und zu einem Kind mit größter Wonne ein vergessenes Wort und hoffte, dass sie wieder zu klingen beginnen.
MINIATUREN (2)
Lücke in der Zeit
Als die Zeitung sparen musste, nahm sie keine Artikel mehr von freien Journalisten an. Schlagartig wurde es um den stadtbekannten Schreiber Wolf Kunze still. Keine hundert Mails mehr am Tag, auch das Telefon schwieg. Kunze war verwundert, denn er glaubte wirklich, dass ihn die Leute kontaktierten, weil er so ein feinfühliger Rechercheur war und seine Schreibe liebten. Unzählige Feste hatte er beschrieben, Menschen portraitiert, und so manchen Schwätzer, der sich um Kopf und Kragen redete, verantwortungsvoll beschützt. Nicht über alles, was man erfährt, muss man auch schreiben. Der Mann lebte noch Berufsethos. Aber nun konnte er ganz deutlich spüren: er war den Leuten egal, weil nicht mehr nützlich – und deshalb fiel er aus all ihren Leben. Bis zu diesem Zeitpunkt vermutete der Schreiber, es bestünde zwischen all diesen Menschen und ihm eine gewisse Verbindung. Was für ein Irrtum. Er raufte sich die Haare, als er das erkannte. Aber gut, dachte der Kunze, von nun an hätte er endlich Zeit für das ganze Lebensbild. Nicht nur für den programmatischen Ausschnitt, den es brauchte, um – während die anderen zu feiern begannen – einen spritzigen Artikel vor Druckschluss zu schreiben, ein Foto auszuwählen, es zu betexten und beides via Mail in die Redaktion zu senden. Anfänglich wäre Kunze gerne bei diesen Festen geblieben, er war schließlich ein quietschfideler Menschenfänger, der auch einen oder zwei Schoppen Rotwein nicht verschmähte. Doch unter dem jahrelangen Termindruck wurde er immer ernster. Das Feste feiern war ihm unwichtiger geworden, bis er nun feststellte, er hatte es vollends verlernt. Wie geht Feiern? Er trank am Rande eines ländlichen Sommerfestes seinen Rotwein und sah still den Leuten beim Lachen und Tanzen zu, aber wusste mit dem was er sah so gar nichts anzufangen. Der Zeilenschinder kannte nur den programmatischen Ausschnitt, das pralle Leben floss schon lange an ihm vorbei.
MINIATUREN (1)
Bettgeflüster
„Der Lack ist ab“, sagt die spindeldürre Frau Krause und hustet, als wollte sie einen Kohlenkeller mit Brocken füllen. Blass ist sie, aber voller Galgenhumor. Oma Schwertfeger liegt gegenüber wie hingerichtet auf dem Krankenhausbett und harrt erwartungsvoll auf ihre nächste Behandlung. Sie ist schon das fünfte Mal in diesem Jahr in dieser Klinik in Gransee, in der die Schwestern besonders nett sind. Oma Schwertfeger ist 93 Jahre alt und nach dem Umzug in das Dorf am Stechlinsee vereinsamt. Der Sohn hat sie vor fünf Jahren dorthin geholt. In die obere Etage seines Hauses. Am See war sie noch nie, sie ist schlecht zu Fuß. Mit jedem weiteren Tag in diesem Krankenzimmer blüht sie auf wie ein Alpenveilchen. Und erzählen kann sie! Aber noch beeindruckender ist ihr Schnarchen in der Nacht. Morgens legt sich Trude mit sechs gebrochenen Rippen in das Bett neben ihr. Sie schläft, als hätte sie seit Wochen keinen Schlaf gefunden. Das Handy surrt und der Alarm ihres Zuckermessgerätes schlägt an. Trude hört nichts, man muss sie wecken. Am Handy nervt der betrunkene Lebenspartner, stündlich ruft er an. Trudes Unfallgeschichte ist dünn, sie deckt jemanden. Nach zwei Tagen schickt man sie zurück ins Leben. Es ist schon nach 16 Uhr. Ich schaue mit der spindeldürren Frau Krause im Laptop „Drei Haselnüsse“ an. Trude steht hinter uns, man merkt, es gefällt ihr in dieser Stimmung. Eine Schwester bringt Pillen und seufzt: „Ach, Haselnüsse, wie schön.“ Trude steht immer noch. Den entlassenden Arztbrief bekam sie schon vor zwei Stunden. Nach dem Dämmern wird es dunkel im Zimmer, nur das Filmlicht flackert. Am Sonntag ist 1. Advent, ich werde wieder daheim sein und bin froh darüber. Trudes Handy surrt und Aschenbrödel reitet zum Ball. Die Tür schlägt auf, das Licht geht an, zwei Schwestern beziehen Trudes Bett neu, sie muss gehen. Wir halten den Film an und verabschieden sie. Eine Neue betritt das Zimmer. (pe)
Hier geht es zu den Lesekostproben:
Flüsterton (1)
https://www.schorfheidewald.de/oeffentliches-schreiben-an-einer-geschichte/flusterton-1/
Flüsterton (2)
https://www.schorfheidewald.de/oeffentliches-schreiben-an-einer-geschichte/klausur-woche-iii-2/
Zu den anderen Heften der EDITION.


