MINIATUR (8)

Der Schlapphut

37 Grad, und auf den Steinplatten des Alexanderplatzes schien es noch heißer. Ina streckte ihre Füße in das Becken des Womacka-Brunnens und spürte ein wenig Erleichterung. Über der Szenerie schwebte etwas Verspieltes. Jemand klimperte schräg auf einer Campinggitarre, ein anderer spielte Mundharmonika dazu. Die junge Arbeiterin Ina hatte Urlaub, aber nicht genug Geld, um zu verreisen. Am Brunnen schien es einigen ähnlich zu gehen. Deren Blicke verrieten das. Die einen suchten einen Anker, die anderen ein Abenteuer. Als es über dem Platz dämmerte und die quälende Hitze von einem lässigen Windhauch vertrieben worden war, hatte sich ein Kreis gefunden, der in jenem Hitzesommer spontan beieinanderblieb. Man zog von einem Quartier zum nächsten – auf Dachböden oder in leerstehende Wohnungen, in einen Garten in der Vorstadt oder ein Lagerhaus am See. Die Wandergesellschaft bildete eine Art Urlaubsfamilie, und wo immer sie ihr Lager ausbreitete, traten junge Menschen hinzu, die nach einer kleinen Weile wieder verschwanden. Irgendwann tauchte Marie auf. In dem Blick unter ihrem schwarzen Schlapphut lag ergriffenes Staunen. Es sah so aus, als würden diese dunklen Augen das erste Mal ins Leben schauen. Das weckte Inas Beschützerinstinkt. Sie blieb in ihrer Nähe, während zum Abend ein Lagerfeuer loderte. Plötzlich sprach Marie in das flackernde Licht: „Ich werde morgen 18 und muss mich entscheiden. Eine Woche hatte ich dafür Zeit.“ „Was musst du entscheiden?“, fragte Ina vorsichtig. „Ob ich Nonne werde.“ Ina schwieg irritiert und erfuhr, dass Marie in einem Kloster geboren wurde. Man schickte sie auf diesen Ausgang, damit sie etwas von der Außenwelt erlebte, um wirklich entscheiden zu können. Die Novizin war unschlüssig, und was sie bisher sah, beunruhigte sie. Eines der Mädchen am Feuer zog sich unbemerkt in die Dunkelheit zurück. Ein Wimmern ließen Ina und Marie aufhorchen. Das Mädchen lag zusammengerollt im Gras und erlitt gerade eine Fehlgeburt. Was war zu tun? Es gab keine öffentliche Telefonzelle und in der Runde besaß niemand ein Auto. Aufgewühlt fanden sie zur Landstraße, und als ein LKW heranschepperte, hob Ina den rechten Arm. Der Koloss mit Hänger stoppte schnaufend. Heraus sprang ein gedrungener Mann mit Igel und Dreitagebart: „Was ist los?“ „Fahren Sie uns bitte in das nächste Krankenhaus!“ Für Kalle war das keine Frage. Er legte eine Wolldecke über sein Lager in der Schlafkoje, hob das schluchzende Geschöpf darauf. Ina und Marie kletterten auf den Beifahrersitz. Der Mann war nur wenig älter als die jungen Frauen, doch er schwieg väterlich. Langsam kamen sie zur Ruhe. Keine halbe Stunde später war das Mädchen in die Notaufnahme des Kreiskrankenhauses gebracht. Auf dem Parkplatz fragte Marie den Fahrer: „Du fährst Richtung Sachsen?“ Er nickte. „Würdest du mich nach Hause bringen? Das hier ist nichts für mich.“ Kalle nickte wieder. Die zwei kletterten in die Fahrerkabine, und Ina flog der schwarze Schlapphut auf den Blondschopf. „Der passt besser zu dir als zu mir! Mach‘s gut!“

Die Kamera (2)

Eine Geschichte entsteht öffentlich:

… Sie hatte ihm frühzeitig Steilvorlagen geliefert, die Anne – dem Tod. Ein Leben gegen den Strom. Immer eigen. Und, sie hat sich beizeiten rechtschaffend verbraucht. Zu viel Arbeit, zu viel Mangel, zu viel Sucht. Sie rauchte unentwegt so eine kleine, gebogene Tabakpfeife unter ihrem schwarzen Schlapphut. Den hatte ihr eine Novizin auf Landgang vermacht, als jene sich vor dem viel zu wirren Leben für immer hinter die Klostermauern zurückzog. Im schwarzen, knöchellangen Mantel trug Anne ihr eigenes Trinkglas mit sich, denn die üblichen Kneipengläser fand sie einfach nur grottig. So war sie auch 1973 zu den Weltfestspielen unterwegs. Eine Woche lang Ausgang vom junge-Mutter-sein. Schon viel zu ernst mit 20 Jahren für den flirrenden Frohsinn. Auf dem Alexanderplatz badeten ausgelassen junge Leute in den Wasserschalen der spiralartigen Brunnen-Kaskade. Anne dachte bei sich: Würden die das an einem gewöhnlichen Sommertag probieren, man hätte sie festgenommen. Aber Ost-Berlin lebte einen Ausnahmezustand. Am Rande des Womacka-Brunnens hockte ein zusammengesunkener Mann in Latzhose mit verschleiertem Blick über seiner Gitarre. Die einzige traurige Seele in all der Überschwänglichkeit sah sie. Ein leiser Klagesingsang ging von ihr aus. Anne setzte sich zu dem Mann und spürte die Trauer des Sängers, der am Auftrittsverbot litt. Nach ein paar Worten entzogen sie sich dem ausgelassenen Treiben zum Rotweintrinken in den DT-Keller (*). Mit eigenem Glas, versteht sich. Dort verlor sich die zufällige, namenlose Begegnung sehr bald in andere. Erst später, nach einer Film-Doku im Westfernsehen, wurde ihr klar, dass dieser Sänger Wolf Biermann war…

(*) DT-Keller: Kantine des Deutschen Theaters