Auswanderer
Janosch grübelte. Er erlebte gerade ein Déjà-vu: Ein junger Mann erzählte ihm bei seinem letzten Bier auf deutschem Boden, weshalb er jetzt auswandern würde. Der Rucksack lehnte sperrig neben seinem abgegriffenem Bratsche-Koffer. Genau wie damals in der „Tute“ am Alex – als sein Sohn Moritz nach Ungarn aufbrach. Was Janosch zu hören bekam, erinnerte ihn 1:1 an den Sommer 1989, als massenweise junge Ostdeutsche die DDR verließen. Ja, damals war das waghalsiger als heute. Man konnte gefasst werden und im Gefängnis landen. Aber die Antriebe zum Aufbruch waren fast identisch: Ein verkrustetes Heimatland, in dem es kein Zukunftsversprechen für junge Menschen gibt. Auch heute sind die vielbeschworenen Werte zerbröselt, und der Staat gibt sich als ein alles verschlingender Krake, dem man besser entflieht. Wie einst hockte der inzwischen gealterte Musiker im Frack beim Feierabendwein in einem kleinen Café unweit der Staatsoper und dachte: Nur, dass wir damals nicht noch einen Krieg mitfinanzierten. Er fuhr sich fahrig mit den Fingern durchs Weißhaar und ahnte: es wird diesmal anders ausgehen. Wenn die Jugend davonläuft, ist alles verspielt, und man kann nicht auf eine transfusionsartige Vereinigung hoffen. Was schon damals nicht gelang, sondern sinnentleerte. Der Frackträger zahlte missmutig und ging in die Nacht.
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Morgenstunde (2091. Blog-Notat)

Was war das wieder für eine aufgeregte Woche auf dem politischen Parkett. Wieder kein Waffenstillstand zwischen Russland und der Ukraine. Da kann man ein mulmiges Gefühl bekommen, wenn Sicherheitsgarantien für die Ukraine debattiert werden, die am Ende auch deutsche Soldaten verbrauchen werden. Ökonom Fratzscher fordert ein verpflichtendes soziales Jahr für Rentner (Hat er sie noch alle? Ich habe, wie die meisten meiner Generation, über 40 Jahre steuerpflichtig gearbeitet!) Fratzscher setzt händeringend auf die, die Arbeit als wichtiges Lebenselement lebten. Es ist gesellschaftliches Versagen, wenn das heute nicht mehr so ist und diesen Umstand haben nicht die Alten auszubügeln, sondern jene, die dieses Klima hervorbrachten… Das Leistungsniveau an Schulen ist laut aktueller Erhebungen noch weiter gesunken, denn die Menge von Kindern mit Migrationshintergrund bringt viele Schulen aus dem Gleichgewicht… mit der Folge, dass dieses Jahr 56.000 jungen Menschen ohne Abschluss ins Leben gegangen sind. Die Wirtschaft ruft nach Fachkräften und der Pistorius verlangt nach Freiwilligen für die Bundeswehr. Es gibt gute Gründe für junge Deutsche, das Land gleich nach dem Schulabschluss zu verlassen. Beinahe 270 000 Deutsche (jeden Alters) sind letztes Jahr ausgewandert. Sie gehen, weil sie hier keine gute Zukunft sehen und weil sie die Gesellschaft nach Corona und der großen Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen nicht wiedererkennen. Das Lebensgefühl hierzulande ist eher bedrückend geworden und die Liste für Gründe im Reformstau ist ellenlang. Wäre es nicht an der Zeit, die Lebensqualität in Deutschland wieder in einen guten Zustand zu bringen? Ich meine, das ist dringend geboten.
Schönes Wochenende allerseits!
