MINIATUR (6)

Auswanderer

Janosch grübelte. Er erlebte gerade ein Déjà-vu: Ein junger Mann erzählte ihm bei seinem letzten Bier auf deutschem Boden, weshalb er jetzt auswandern würde. Der Rucksack lehnte sperrig neben seinem abgegriffenem Bratsche-Koffer. Genau wie damals in der „Tute“ am Alex – als sein Sohn Moritz nach Ungarn aufbrach. Was Janosch zu hören bekam, erinnerte ihn 1:1 an den Sommer 1989, als massenweise junge Ostdeutsche die DDR verließen. Ja, damals war das waghalsiger als heute. Man konnte gefasst werden und im Gefängnis landen. Aber die Antriebe zum Aufbruch waren fast identisch: Ein verkrustetes Heimatland, in dem es kein Zukunftsversprechen für junge Menschen gibt. Auch heute sind die vielbeschworenen Werte zerbröselt, und der Staat gibt sich als ein alles verschlingender Krake, dem man besser entflieht. Wie einst hockte der inzwischen gealterte Musiker im Frack beim Feierabendwein in einem kleinen Café unweit der Staatsoper und dachte: Nur, dass wir damals nicht noch einen Krieg mitfinanzierten. Er fuhr sich fahrig mit den Fingern durchs Weißhaar und ahnte: es wird diesmal anders ausgehen. Wenn die Jugend davonläuft, ist alles verspielt, und man kann nicht auf eine transfusionsartige Vereinigung hoffen. Was schon damals nicht gelang, sondern sinnentleerte. Der Frackträger zahlte missmutig und ging in die Nacht.