Die Wunderbuche

Ein Märchen für die Woche ist eins meiner Schorfheidemärchen. Das muss ein paar Tage reichen, ich ersaufe gerade in Arbeit…

Die Wunderbuche:

Croll. Zeichnung von Petra Elsner
Croll. Zeichnung von Petra Elsner

Der kleine Druide, den der verfehlte Liebesschrei eines Einhorns ins Wanderland holte, war ein besonders emsiger. Schon im März schwebte er mit den goldenen Wolken der Haselnusspollen durch den Heidewald. Er liebte diesen Hauch von Glamour. Croll war kein heiliger Druide, sondern ein seltsamer Waldschrat, der mit den Bäumen sprach. Gern versteckte er sich hinter einer Blättermaske, denn Croll war nicht besonders gesellig. Selbst die wispernden Stimmen der Baumfeen störten ihn. Was jene aber nicht daran hinderte, über seine viel zu großen Ohren zu lästern, in die Croll, wenn es ihm zu viel wurde, demonstrativ kleine Früchte als Schalldämpfer steckte. Ansonsten aber lebten die Tiere und Gespinste einträchtig beieinander zwischen den tiefen Senken und den welligen Sandern.

Croll wohnte in der mächtigsten Buche im Wanderland. Wo sie stand, entfalteten sich im April Blütenteppiche aus unzähligen Buschwindröschen. Aber mit dem frischen Austrieb des Blätterdachs begann die Dämmerzeit unter den Buchen. In diesem Schattenlicht wuchsen die Träume und segelten die Fledermäuse.

Crolls Buche war älter als die üblichen Hundertjährigen. Sie thronte schon gut 300 Jahre auf einer Düne östlich des kleinen Pinnowsees. Ihr Stamm sah aus, als wäre er aus einem verschlungenen Baumbündel gen Himmel gewachsen. Über 30 Meter hoch wand sich ihr silbriges Rindenkleid, umweht vom glasigen Blattschleier. Dort oben, in den Wipfeln, erntete Croll immer im Mai rehbraune Knospen. Wozu er sie benutzte, blieb sein Geheimnis.

Und es war nicht alles, was er behütete, denn Croll war eben auch der Wächter der größten Buche der Schorfheide*. Am liebsten lauschte er ihrem Geflüster nachts, denn dann raunte ihm der mächtige Urwaldriese seine Weisheiten zu: Welche Bäume Kraft spenden und welche Kraft rauben. Die alte Buche war gewissermaßen Crolls Meister, durch sie wurde er zum einzigen Kräuterkoch, der jene magische Essenz, die allen guten Zauberwassern innewohnt, inszenieren konnte. Und weil dem so war, kamen alle Naturwesen mit dem ersten Frühlingslicht zu ihm.

Doch dieses Jahr war alles anders. Der Nebel hing fest zwischen den Stämmen und das rostrote Laub rollte sich auf dem kalten Waldboden. Die Frühlingswinde, die den Frost verwehen sollten, wollten einfach nicht kommen. Längst war es Mai und immer noch wuchs die Dürre in der Buche. Überall knackte es in der Rinde, als wollte sie reißen. Jeder weitere eisige Tag ließ den Baum Stück um Stück sterben. Es musste etwas geschehen.

Croll durchforstete all seine Kräuterhöhlen. Irgendwo hatte er diese Notration deponiert. Als er das Pulverdöschen schließlich fand, hockte er ratlos auf einem Ast und grübelte: Die magische Essenz wird es dieses Jahr nicht mehr geben, aber er könnte mit diesem kleinen Rest seinen Baum erretten. Dann aber blieben alle Waldgeister ohne Zauber. Was sollte er nur tun? Wieder platzte die Baumhaut seiner Buche etwas weiter auf. Und es war Croll, als hörte er seine Freundin vor Schmerz stöhnen. Da gab es kein Fragen mehr. Croll sprang auf, entzündete ein Feuer und kochte darüber ein schwarzes Mus, dem er zu guter Letzt das Pulver beigab. Mit dieser Masse bestrich er hauchdünn seinen Baum. Das dauerte mehrere Tage und Nächte, aber unter jedem Pinselstrich hörte Croll junges Leben atmen und das machte ihn sehr froh.

Ende Mai ging endlich der Frost und die Waldgeister kamen zu dem Druiden in der Buche, um sich etwas von jener Substanz zu holen. Croll zog die Zipfel seiner leeren Taschen aus den Hosen: „Die Ernte ist erfroren, ihr könnt erst nächstes Jahr wieder kommen.“ All die kleinen Zauberwesen standen steif und stumm. Wie sollten sie nun das Wanderland erwecken? Da reckte sich und ächzte plötzlich Crolls Buche. Aus ihrer Rinde perlten schillernde Lebenstropfen, die in die grünen Flakons der kleinen Feen und Kobolde schlüpften und wo sie auf den Boden fielen, erblühte augenblicklich das Land zwischen den zwei schnellen Flüssen. (pe)

(* Silkebuche ist der reale Name dieses Baumes)

(Aus meinem Buch „Schattengeschichten aus dem Wanderland“ – Schorfheidemärchen, erschienen 2010 im Schibri-Verlag ).

Neu erschienen: 2018 bei der Verlagsbuchhandlung Ehm Welk in Schwedt an der Oder als Märchensammlung (30 Texte) unter dem Titel „Die Gabe der Nebelfee“

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Nachtblau

Zeichnung: Petra Elsner
Zeichnung: Petra Elsner

Der Regen pladderte auf dem Fensterblech ein Rondo. Doch diese Wetterpoesie ließ keine Leichtigkeit wachsen, sie nervte nur noch. Der Sommer war einfach zu grau, zu kalt, zu einsam. Leonie fröstelte. In der Pfanne brutzelten Bratkartoffeln, sie hatte Hunger wie im Winter. Der Duft aus der Pfanne legte eine Gedankenspur in eine Zeit, als die Sommer noch Leichtigkeit waren oder schienen. Damals unterm weiten uckermärkischen Himmel – sonnabendnachts:
Schwerer Rosenduft hing in den Gartenterrassen am See. Die Rockband hatte eingepackt, denn die übliche Lokalschlacht hatte sie schnell übertönt, und sie wollte nicht in die Keilerei hineingezogen werden. Es brauchte nie viel, um die Hitzköpfe der Dörfer in Position zu bringen. Jeder gegen jeden und jede Sonnabendnacht. Die Mädchen huschten in eine sichere Distanz und sorgten sich um ihren Favoriten. Chancenlos schrie der Wirt: „Raus, schlagt Euch draußen!“
Da flogen schon die ersten Stühle, Holz und Scheiben barsten. Die Minuten dehnten sich. Niemand hätte später genau sagen können, wie lange die Prügelei dauerte. Nur der Dorfpolizist, der allein im Schatten seiner Amtsbarracke, die gleich gegenüber dem Rosengarten stand, wartete, hatte ein sicheres Gespür dafür, wann er nach dem großen Finale, die angeschlagenen Raufbolde gefahrlos trennen konnte. Dann schrieb er die Namen und die Schäden auf, stieg wieder auf sein Fahrrad und fuhr nach Hause. Er wurde hier nicht mehr gebraucht.
Es war die Zeit, als man meist gefahrlos nachts von den ländlichen Tanzböden auf Waldwegen heim lief oder radelte. Die Zeit roch nach Bier, Club-Cola-Wodka, Rummel und schlechtem Deo.
Nichts konnte Leonie damals davon abhalten, ihre Lust in süßer Sorglosigkeit auszuleben, bis sie abermals in einer schwülen Sommernacht auf einer Bank am gleichen See schlaflos auf die Morgenfrische wartete. Ihr Leib beulte sich und pochte. Wenn die Fischer nach ihren Reusen sehen, wird sie heimgehen, in der Hoffnung auf Schlaf in der Kühle des Morgens. Aber noch war es nicht so weit. Himmel und See ergossen sich noch in ein tiefes Nachtblau, das kaum einen Horizont kannte.
Irgendwo tapste und hechelt etwas. Leonie zog die Schultern gerade nach hinten und späte nach dem Geräusch. Es kam schnell näher und dann lief er auf sie zu. Ein großer Schäferhund, der sich vor sie setzte und herzzerreißend jaulte.
„Lass das, Bero, du weckst noch alle Hühner auf!“, flogen die Worte dem Hund hinterher. Ein Mann tauchte aus dem Dunkelblau, nicht alt, nicht jung, in schwarzen Lederhosen und grünem Parker. Er rauchte Zigarre und brummte: „Sitzen Sie ganz alleine hier rum?“
„Sehen Sie doch oder?“ antwortete Leonie kühl.
„Ist aber nicht gut, allein in der Nacht mit dem gefülltem Bauch. Gibt es keinen Beschützer?“
„Gibt es nicht und wird auch nicht gebraucht.“
„Aha“, brummte der Mann, zog an seiner Zigarre und paffte Kringel in die Luft. „Es ist sauschwül, keiner kann schlafen, nicht mal der Hund.“ Er hockte sich zu Leonie auf die Bank und tippte ihr sacht auf den Bauch und sprach gutmütig: „1972 wird ein guter Jahrgang.“
Sie lächelte verklemmt.
„Und, wie wird das Alleinstehend so werden?“, fragte der Mann und kraulte dabei seinen Hund.
Leonie zog die Schultern hoch: „Mein Vater hat mir vorgerechnet, dass man mit 385 Mark Jungfacharbeiterlohn nicht klarkommt. Das merke ich gerade.“
„Und, wenn er das herausgefunden hat, unterstützt er Sie?“
„Leonie schwieg.
„Echt nicht?“, raunte der Mann.
„Er meinte nur, für solche wie mich, haben sie den Abtreibungsparagrafen gemacht, und wenn ich das nicht schnalle, dann solle ich mich auch allein kümmern“, erzählte sie tonlos.
„Aha“, brummte der Mann wieder und schwieg in das Morgengrauen.
Die Fischer zogen auf ihren Booten vorbei und Leonie streckte sich: „Ich geh dann mal.“
Der Mann nuschelte: „Wird ja auch Zeit. Ich bring Sie noch durch den Rosengarten.“
Der Hund sprang ihren gemächlichen Schritten voran, plötzlich stand und scharrte er. Als die Zwei bei ihm waren, sahen sie ein silbernes Fünfmarkstück. Und während der Mann sich bückte, es aufhob und es in Leonies Hand legte, scharrte Bero erneut und wieder brachte er ein Silberstück hervor und noch eines, bis zur Straße waren es neun. Leonie traute ihren Augen kaum, als der Mann sprach: „Reicht das für die nächsten Tage?“
Die Frau war dem Mann mit dem Hund nie wieder begegnet, aber sie wusste seither: Das Glück muss einem unterwegs begegnen und nicht erst am Ende des Tunnels.
Petra Elsner

Mit dieser Geschichte möchte ich nochmals auf meine Lesung am 6. März, 15 Uhr, im Jagdschloss Groß Schönebeck (Schorfheide) aufmerksam machen. Ich lese dort aus meinem Buch „Vom Duft der warmen Zeit“

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Die Steintafel

Dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, war am Heiligen Abend auch nie viel los. Langohr Mohri wünschte sich, einmal sollte das ganz anders sein. Lebhaft und glanzvoll. Und so pinselte er seinen Wunsch auf einen alten Teufelsstein am Weg durch die Heide: „Wanderer, du bist eingeladen, hier den Heiligen Abend mit uns zu feiern.“

Das Jahr verging. Mohri und sein Freund, der Fuchs Listus, hatten sich fein herausgeputzt und den Stein in eine Tafel verwandelt. Darauf thronten Nüsse, Rübchen, Pilze, Kohl und schönste Waldbeeren – schließlich nahte der Heilige Abend, auch wenn Nieselregen fiel. Die Nacht war weit vorangeschritten, noch immer spähten die Zwei in die dunkle Ferne und warteten, wer sich wohl zu ihrem Festschmaus einfinden würde. Mohri wurde langsam ungeduldig und begann zu mosern: „Es ist Weihnachten, und wir haben wieder keinen Schnee, der unserer Heide ein lichtes Weiß spendiert. Wer verliert sich schon in diese nasse Einöde? Nur die tollen Rüben leuchten so schön rot, wollen wir nicht mit dem Nachtmahle beginnen?“ Listus winkte ab: „Hab noch etwas Geduld“, dann starrte er abermals in das weite Nichts.

Nebelschwaden waberten. Bald war die flache Landschaft vollständig im Dickicht versunken, aus dem es auf einmal leise kicherte, dann grunzte und schließlich knurrte. Mohri und Listus lauschten mit aufgestellten Ohren. Wer mag das sein? Mal wisperte es von rechts her, dann gluckste es von links. Fuchs und Hase wurde es unheimlich zumute. Plötzlich entsprangen dem milchigen Dunst zwei kleine Trolle. „Na, na, wer wird denn da maulen? Ohne dieses tolle Reisewetter hätten wir nicht kommen können“, meinte eines der fidelen Wesen. Sie grüßten, traten an die Tafel heran, holten ihre Wasserpfeifen hervor und genossen schmunzelnd die erstaunten Blicke ihrer Gastgeber. „Was schaut ihr so irritiert, wir sind die Gebrüder Sanft und Mut, geboren in einer Weihnacht unter diesem Stein, und keine Trolle der bösartigen Sorte. Ihr könnt euch also entspannen.“ „Hohoh“, raunte Listus, „das kann ja jeder behaupten. Gewöhnlich bringen Trolle nur Ärger und Schabernack mit sich. Wir aber wünschten uns eine gesellige, friedliche Heilige Nacht.“ Der Fuchs blieb misstrauisch, er mochte keine Geisterwesen. Der Hase starrte indessen ein schwarzes Loch in den Boden: „Unter diesem Teufelsstein?“ Mut grunzte vor Lachen: „Was heißt hier Teufel-, es ist ein Trollstein. Vorzeiten  hat just an dieser Stelle ein gemütlicher Riesentroll den Sonnenaufgang verpasst und wurde vom ersten Tageslicht in diesen Stein verwandelt.“ Instinktiv wich das Langohr furchtsam von dem Steine zurück und musterte ihn mit gebührlichem Abstand. Nein, ein Trollgebilde ließ sich darin nicht wirklich erkennen: „Ach, ihr tischt uns bloß ein Schauermärchen auf.“

Sanft schaute sanftmütig und flüsterte: „Glaubt es nur. Seit Jahren versuchen wir ihn zu erwecken, wissen aber nicht, wie das gelingen kann. Wir haben ihn schon untergraben, dann gerollt, gekitzelt, selbst freche Witze haben wir ihm erzählt – ohne Wirkung.“

Listus umkreiste den alten Feldstein, schnupperte hier, klopfte dort und kratze sich schließlich nachdenklich am Haupte: „Was soll‘s, es wird wohl niemand mehr kommen, lasst uns endlich speisen. Wir werden euren Gevatter kaum erwecken. Der Stein liegt hier seit Fuchsgedenken ungerührt. Außerdem würde unser Vorrat wohl kaum für einen Riesen ausreichen.“ Sprach’s und lächelte versöhnlich.

Sodann schmausten sie genüsslich. Mohri und Listus hörten weitschweifende Geschichten,  von garstigen und guten Trollen, von Unholden und ihren Feen. Und es war gerade so, wie es sich Mohri gewünscht hatte: Lebhaft und feierlich. Der Himmel hatte sich gerade gelichtet, und der Stern der Weihnacht beleuchtete die kleine Gesellschaft, als Sanft inne- hielt: „Wartet, wir sind nicht nur zum Plaudern gekommen. Jetzt beginnen die geheimnisumwitterten Stunden, in denen sogar kalte Herzen schmelzen und vielleicht, ja vielleicht auch Steine erweichen.“

„Was habt ihr denn vor?“, fragte der Hase aufgeregt und schon wieder etwas bammelig. „Keine Ahnung“, gab Sanft zu, „einfach nur warten, und bei ihm sein.“ „Und das allein soll diesen Stein schmelzen?“ – der Hase schaute ungläubig, aber auch erleichtert. „In einer Heiligen Nacht – vielleicht“, murmelte Sanft kaum vernehmbar.

„Wozu wollt ihr eigentlich den Riesen erlösen?“, bohrte Listus neugierig. Mut räusperte sich: „Es ist ein ganz besonderer seiner Art. Einer, der wilde Flüsse und Stürme zähmt, die Ernte beschützt, Streit schlichtet und Sanftmut verbreitet. Er ist unser Großvater, und sein guter Zauber fehlt nicht nur uns Trollen.“ „Das könnte sein“, fand auch der Fuchs.

So saßen sie also die ganze Nacht lang hoffnungsvoll, aber nichts regte sich. In der Dämmerung mussten die Trolle aufbrechen. Schließlich wollten sie nicht als kleine Feldsteine enden. Ein Blatt lag noch verloren auf der Steintafel. Schläfrig meinte Mohri: „Es wird Zeit zu gehen, habt dank für eure Gesellschaft, und kommt nun gut nach Haus.“  Zum Abschied spöttelte er noch: „Das leckere Blatt lassen wir ‘mal vorsorglich für euren Riesen zurück“, dann machten sie sich auf ihre Wege. Ein Hauch von Schnee kam mit dem ersten Weihnachtsmorgen über die Heide, und in dem alten Stein rührte sich ungesehen Leben.

Petra Elsner

Der Schatz der Baumriesen

Diese Fantasy-Geschichte habe ich noch nicht als Lesekostprobe vorgestellt, was ich heute einfach mal nachholen muss:

Die erste Seite
Die erste Seite

Der Schatz der Baumriesen

Das tiefgrüne Land war wild und mächtig. Nur wenige tapfere Männer haben es je gesehen. Uralt war es, wie auch seine Bewohner, die Baumriesen. Niemand ahnte, dass sie heimlich wanderten. Langsam und unmerklich nahmen sich ihre Baumkinder jeden Frühling ein Stück neues Land von den Wiesen. So wuchs das Baumland zu einem mächtigen grünen Pelz der Erde heran.
Natürlich hatte das Land der Baumriesen auch einen König. Hanjor, der friedfertige Seher. Und die Riesen bewahrten einen einzigartigen Schatz – die Elementekugeln: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Hier schlug das Herz der Welt. Diese leuchtenden Kugeln hielt Loriell, die Tochter des Baumkönigs, unter ihrem Rindenkleid, in einer Asthöhle verborgen. Die gleich starken Kugeln mussten immer beieinander sein, um das Gleichgewicht der Erde zu wahren.
Loriell wuchs deshalb dicht umstanden im Schutze ihrer vier Wächterbäume Robur, Benjo, Solan und Pikar heran. Schlank und schön. An einem kalten Dezembertag fiel plötzlich Eisregen ins Land der Baumriesen. Er umzog jeden Ast und jeden Halm mit einem glasklaren Mantel, der vom Wind angefacht den ganzen Wald zum Singen brachte. Es war ein klirrendes, bedrohliches Lied. Kaum später kam der Schnee.
Tage und Nächte fielen Flocken aus dem Wolkengrau und legten sich schwer auf die alten Baumgestalten. Die ächzten und knarrten unter der Last. Es war die zarte Loriell, die als Erste in sich zusammenbrach. Der Kugelschatz erreichte im Fallen nicht einmal den Boden, denn der Wind fing sie auf und nahm sie mit sich fort. So sehr auch die Wächterbäume versuchten, dem stürmischen Gesellen den Weg zu verstellen, sie waren einfach zu steif gefroren, als dass sie wendig genug gewesen wären. Seither war es dunkel und kalt im Land der Baumriesen.
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Holle ohne Schnee

Die dunkle Seite der Zeit ist die Nacht,
und in ihr wohnen die märchenhaften Gestalten.

Holle ohne Schnee

Tief im Wald von Metzelthin wohnt die Frau Holle. Die Echte aus der Uckermark, versteht sich. Eine schlichte Natur, die als Kinderschreck schon mal die Hexe aus „Hänsel und Gretel“ in der offenen Landschaft gibt. „Zeig Deinen Finger, Hänsel!“ herrscht sie, aus dem Gebüsch springend, einen mageren Jungen vom Wegesrand an. Der verdrückt sich, leicht schockiert, in die Deckung der Kindergruppe. Märchen können immer noch schrecken. Sie wohnen in der Ewigkeit, in der es weder ein Gestern noch ein Heute gibt. Manchmal spielt diese knorrige Rolle auch die erwachsene Holle-Tochter, denn so federleicht ist Muttern nicht mehr. Frau Holle ist mollig und zuweilen gedankenschwer.
Herr Holle baut unentwegt die Kulissen für ihre Spiele, die sie sich im Winter für die Sommerferienkinder ausdenkt. Er schafft und schafft und doch ergeht es ihm gleich dem Mann in Grimms Märchen „Von dem Fischer un syner Frau“. Ihre Wünsche überwuchern ihn, und wie er sich auch müht, seine Holla begnügt sich nicht.
Im sonnigen Mai hockte Herr Holle zwischen Brunnen und Backhaus und zermarterte sich das Haupt: Er seufzte, jammerte und sprach schließlich leise in den Wind: „Sie wünscht sich Schnee. Jetzt, wo es endlich Sommer wird! Herrje!“
Der Wind strich als sachte Briese über die Märchenwiese und sah sich noch einmal um, als hätte er sich verhört. Verdutzt machte er kehrt und lauschte noch einmal dem Manne. Nein, er hatte sich nicht geirrt, so nahm er den Wunsch auf seine wehenden Schultern und trug ihn nach Norden.
Es sollte nicht lange dauern, da tönte es aus dem Radio: Schnee sei im Anmarsch. Die Allgemeinheit war entsetzt und man munkelte, die Schneezeit käme auf Wunsch einer einzigen Frau. Wie maßlos.
Ende Mai erfror das Blütenweiß und der Sommer blieb aus. Frau Holle hatte zwar ihr perfektes Frau-Holle-Schauspiel im Märchenland, aber keiner sah ihr zu, wie sie statt Federbetten zu schütteln, Schnee schippte. Die Kinder blieben einfach zu Haus oder fuhren mit ihren Eltern nach Süden, der Sonne entgegen.
Frau Holle war beleidigt. Sie schlürfte missmutig über ihren Märchenacker, der in diesem Jahr komplett fruchtlos blieb. Das war eine dürre Zeit ohne Kinderlachen. „Gewünscht ist gewünscht, bist selbst schuld“, murrte Herr Holle seine Frau an, während das Leben sie mit vielen Wartezeiten strafte, und die Zeit nur langsam darüber einen dichten Mantel des Vergessens webte.
Doch jedes Übel hat auch etwas Gutes: Frau Holle besann sich und erfand ihre Rolle neu. Sehr bald galt sie nicht mehr nur als die Chefin vom Märchenwald, sondern als die Holla im Busch – die wetterfeste, hohe Frau, die Kräuterkunde als Ferienfach anbot. Der alte Glaube an die Göttin im Holunder kam ihr dabei zupass. Die Legende vom beschützenden Hausgeist muss in der Uckermark schon vorzeiten weit verbreitet gewesen sein, denn wohin das Auge auch schaut, jeden Waldrand säumen Holunderbüsche, sie fehlen in keinem Bauerngarten oder lehnen sich an die alten Scheunen. Das selbst die Gebrechlichsten unter

Zeichnung: pe
Zeichnung: pe

ihnen unberührt ins Land schauen, mag daher kommen, dass sich die Menschen scheuten, solch‘ einen Strauch zu fällen, weil der Frevel mit Krankheit geahndet wurde. Holla hatte ihren Lieblingsstrauch besonders wohlwollend ausstaffiert. Blüte, Beere, Blatt, selbst die Rinde ist mit Heilkraft beseelt und die Märchen-Holle hatte inzwischen alles darüber gelernt und weiß nun: Holle ohne Schnee? Das geht.

Diese Geschichte findet Ihr in: „Vom Duft der warmen Zeit“

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Der wilde Ritt

Ein Märchen gepflückt aus der Silvesternacht:

Die kleine Winterhexe Proxi rutschte vom Besen. Sie hatte eindeutig zu viel von dem Jagdwasser getrunken, welches der bunten Gesellschaft schon seit sechs Tagen gereicht wurde. Proxi jammerte. „Oh, mein Kopf, mein, Kopf, mein Kopf! Was für einen miesen Fusel sie wieder gebraut haben. Ohohoho…“ Sie schwankte. „Wie nur soll ich durch diese schmale Pforte kommen? Die wilde Jagd wird ohne mich stattfinden, welch eine Schande!“ Proxi klatsche sich die Wangen munter, da schlug schon die Uhr Mitternacht und das Geisterreich öffnete knarrend seine Pforte. Ein Schimmelreiter rief die Wintergeister zum großen Neujahrssturm herbei. Die brausten von allen Seiten heran. Nun stand das große Gefolge und wartete auf des Schimmelreiters ersten Ton. Die Rösser schnaubten noch in den gezogenen Zügeln, bis endlich absolute Stille herrschte. Jetzt stimmte der Herr der Schatten und der Stürme einen magischen Gesang an, einen ohne jeden Zorn und Kummer: „Es sei milde Güte den Erdenwesen gegeben, und keine Sorge möge über sie kommen …“ Proxi wunderte sich: „Welch’ einzigartige Inszenierung! Diesen Text kenne ich überhaupt noch nicht!“ Die kleine Hexe zerrte sich auf den Besen, denn um nichts in den Welten wollte sie bei dieser schönen Verkündung für das neue Jahr fehlen. Sie schüttelte den Rausch aus ihren Haarspitzen, als das berittene Heer der Geisterweisen, begleitet von Raben und schwarzen Hunden, den Nachthimmel im Diesseits stürmte. Mit ihm war auch Holla, die einen weißem Flockenwirbel verstiebte. Der Himmel klang, und ein Lichtschweif sauste darüber. Nur Proxi hielt nicht mit. Sie schlingerte desolat, torkelte irgendwie luftkrank und stürzte schließlich ab. Ihr Besen landete in einem züngelnden Neujahrsfeuer und sie daneben.
„Hoho, welch’ stürmischer Auftritt!“ raunte der Förster Klaus. Er hatte mit seinen Gesellen gerade die alte Waldstraße vom Windbruch befreit. Nun wärmten sie sich am Feuer und hießen still das neue Jahr willkommen. „Nicht alles Gute kommt von oben, Hexlein! Was treibt dich durch diese Nacht?“ „Die wilde Jagd, hick!“ Die Männer legten Holz nach und das Feuer loderte heller. Klaus schnupperte: „ Wohl zu tief ins Glas geguckt?“ „Hick, leider“, säuselte Proxi, „nun verpasse ich doch wirklich den Rest der schönen Verkündung für das neue Jahr. Habt ihr den wundervollen Gesang gehört?“
„Nein, nur das Geheul des großen Sturmes. Sieh, selbst biegsame Haselnussbäume hat er entwurzelt.“ „Es wird eben ein großartiges Jahr werden, dafür braucht es Platz“, meinte Proxi. „Und eine betrunkenes Hexlein in der ersten Stunde“, raunte die Runde.
„Nein, nein, ich gehöre nicht in das Programm, ich bin nur ein Zufall“, stammelte Proxi. „Ein guter oder ein schlechter“, wollte Klaus wissen, „wohl nur ein geschwätziger“, murmelte er leise weiter und band dazu einen Besen aus Haselnusszweigen.
Die kleine gefallene Hexe schlürfte ernüchternd heißen Kaffee, als ihr der Förster den Besen reichte: „So, damit müsstest du davon kommen!“ Sie musterte das Gebinde: „Er versteht sich gut aufs Besenbinden, hat er auch einen Zauber? Nein? Dann wird er einen bekommen.“ Sie pustete das Teil an, dass es sich drehte und sodann durch die Pisten der Landschaft fegte. Kein entwurzelter Baum blockierte nun noch einen Ort. Proxi lächelte über die verwunderten Gesichter am Feuer: „Nun ist euch etwas Zeit zum Feiern zugefallen, genießt sie!“ Dann brauste die kleine Hexe auf einem einfachen Haselnusszweig davon.

© Text & Zeichnungen: Petra Elsner

Diese  Neujahrsgeschichte  findet sich in meinem Buch  “Von der Stille des Winters”. Erhältlich ist es hier.

Die Credits zum Buch:
Petra Elsner, „Von der Stille des Winters“, Hardcover, 92 Seiten, 2. stark erweiterte Auflage (des Dezemberlesebuches), zahlreiche Illustrationen von Petra Elsner, ISBN: 978-3-943487-79-4, Preis: 20 Euro, erschienen in der Verlagsbuchhandlung Ehm Welk (einst in Angermünde, jetzt in Schwedt)

Der Waldschrat

Eine Weihnachtsgeschichte

Tief im märkischen Wald, auf den Hügeln über dem Roten Luch, lebte weltabgewandt der alte Waldschrat Karl mit seinem Raben Kuno. Der schwarze Vogel war sein einziger Gefährte durch die Zeit. Sommer wie Winter ging der Mann sockenlos nur in Sandalen. Sein graues Haar fiel struppig und reichte weit über seine schmalen Schultern. Nur sein abgetragener schwarzer Anzug ließ vermuten, dass der Alte schon einmal bessere Zeiten gesehen hat. Wenn Karl die Wälder durchstreifte, um Holz, Pilze oder Beeren zu sammeln und dabei gelegentlich auf Wanderer traf, erschreckten sich die Menschen vor der bizarren Gestalt. Grußlos war er ihnen begegnet und scheu, gebeugt rasch wieder im Unterholz entschwunden. Nur Kunos „Krarr, krarr“ war noch ein Weilchen vernehmbar. So nährte der Mann mit dem Raben im nächsten Dorf eine wüste Mär von dem unheimlichen Hexer im Luchwald. Mehr und mehr mieden die Menschen die Gegend um Karls windschiefe Holzhütte.

Der alte Waldschrat bemerkte nicht, wie er wirkte. Zu schwer trug er an einem Kummer, der ihn einst in diesen Wald trieb. Damals, als er, der eigentlich ein begnadeter Pianist war, mit seinem Klavierkonzert für „Eulen und Raben“ beim Publikum durchfiel. Verletzt vergrub er sich seither in der märkischen Stille und lebte von dem, was die Natur darbot. Die Hütte hatte er vorzeiten von einer alten Tante geerbt, auch ihre Notate für die Waldküche und ein paar Bienenvölker. Sehr bald nach jenem unglücklichen Konzert versorgte sich der Mann völlig selbst. Nur etwas Salz und Mehl beschaffte er sich gelegentlich im sieben Kilometer fernen Dorfladen. Aber sein Erscheinen dort erzeugte nur sehr verstörte Blicke. So wurde Karl immer wunderlicher.

Nun hatten sich aber die Zeiten sehr verändert. Es gab in der Gegend kaum noch Arbeit, die Sozialkassen waren leer, und die Kinder des Dorfes litten unter dem Mangel am meisten. Der nahe Wald mit seinen Früchten lockte unwiderstehlich schon den ganzen Sommer lang. Schließlich war ihr Heißhunger auf zuckersüße Himbeeren, Walderdbeeren und Brombeeren größer als jede Angst. Doch der unheimliche Ruf einer Eule und das Krächzen von Kuno hielten die Kinder immer noch fern von Karls Hütte.

An einem kühlen Tag, kurz vor Nikolaus, machte sich die kleine Marie auf den Weg in den Wald, um nach den letzten Haselnüssen zu suchen. Der Wind pfiff scharf über die kahlen Felder. Marie war froh, den schützenden Wald zu erreichen. Doch Nüsse fand sie einfach keine. Weihnachten ohne Nussplätzchen? Marie gab nicht auf und lief immer tiefer in den Forst, in dem es auch kleine, aber nicht wirklich gefährliche Moorfelder gab. Plötzlich brach unter ihr der Boden. Das Kind rutschte und fiel mit dem Kopf auf einen Stein. Ohnmächtig lag es da in der Kälte, doch glücklicherweise war Karl zum Holzsammeln unterwegs und fand das Mädchen.

Als Marie erwachte, rieb sie sich vor Erstaunen die Augen: Im Kerzenschein des engen Raumes sah sie Unmengen von großen Gläsern, prall gefüllt mit getrockneten Früchten. Sie glaubte sich fast im Schlaraffenland, bis ein „Krarr, krarr!“ ihr Staunen unterbrach. Ängstlich schaute sie auf den zauseligen Mann, der ihr eine Handvoll getrocknete Himbeeren reichte. „Nimm, sie sind süß und lindern dein Fieber“, raunte Karl. Und Marie schob erst skeptisch, dann voller Gaumenfreude Beere für Beere in den Mund. „Och“, sagte sie schließlich, „du hast so viele Schätze hier, und die Kinder im Dorf werden dieses Jahr zu Weihnachten wohl nicht einmal bunte Teller bekommen.“

„Steht es so schlecht“, fragte erschrocken der Waldschrat und hörte daraufhin nur ein leises „Ja.“

Betroffen schlug Karl das verletzte Mädchen in eine dicke Decke und trug es durch den kalten Wind zurück ins Dorf, in dem bereits helle Aufregung herrschte. Hunde bellten, und Lichter flackerten im nahen Luch. Die Männern suchten schon Stunden nach dem Kind. Karl war unbemerkt in die Siedlung gelangt. Wortlos übergab er die schlafende Marie der erschrockenen Mutter und verschwand sogleich wieder in der Nacht wie ein flüchtiger Schatten. Erst am Weihnachtsabend schlich der Mann aus dem Wald abermals in das Dorf und hängte heimlich an jede Haustür ein Leinensäckchen, voll gestopft mit Trockenfrüchten, Honig und Nüssen. Natürlich waren die Geschenke sehr bald entdeckt, denn Kunos „Krarr, krarr“ hatte einen der Bauern aufhorchen und nach dem Rechten sehen lassen.

Die ganze Dorfgemeinschaft freute sich über die unverhofften Gaben. Nur Marie schwieg nachdenklich, bis sie in die fröhliche Runde fragte: „Und wer beschenkt heute Abend den alten Mann im Wald? Er könnte mindestens ein paar Socken gebrauchen.“ Ein paar Handgestrickte waren schnell gefunden, und dann brach das ganze Dorf zu einer Nachtwanderung in den tief verschneiten Winterwald auf. Karl war es erstmalig richtig unheimlich, als die vielen brennenden Fackeln auf sein Haus zukamen. Aber als der stille Mann die fröhlichen Stimmen vernahm, öffnete er sein Haus und braute den Gästen über einem lodernden Feuer im Schnee einen kräftigen Weihnachtspunsch.

Fortan trug der alte Karl sommers wie winters handgestrickte Socken. Die Dorfkinder besuchten den Waldschrat seit jenem Weihnachtsabend, wann immer sie wollten und lernten dabei, wie man manchen Mangel selbst beheben kann. Karl wurde darüber wieder ein heiterer Mann, der zuweilen auch sein Konzert für „Eulen und Raben“ seinen Gästen vorspielte, und jene mochten und verstanden seine Musik.

Text & Zeichnung: Petra Elsner

 

Vom Zauber der Weihnachtsfeen

Ein weihnachtliches Abenteuer von Petra Elsner

Zeichnung: Petra Elsner
Zeichnung: Petra Elsner

Das Flügelmädchen Malve erwachte im Moos als es zu schneien begann. Leise wisperte es seine Klage: „Ich friere so sehr.“ Malve zitterte und senkte wieder die Lieder. Der Eichelhäher hörte das Jammern und weckte mit seinem lauten Rätschen den ganzen Wald. Alvin, der Eichkater blinzelte verschlafen aus seiner Baumhöhle und entdeckte im Flockenwirbel die zarte Gestalt. Schnell raffte er seine rote Schlafdecke und war mit flinken Sprüngen bald bei der Winselnden: „Dich hat wohl der Sommer vergessen?“ Er wickelte fürsorglich die Decke um Malve, doch genau in diesem Augenblick wurde sie von der Erde verschluckt und das rote Tuch sackte als leeres Häufchen zusammen.
„Wer oder was war das?“ schrie Alvin entsetzt. Indem schwebte der Eichelhäher aus einem Baumwipfel zu dieser Stelle. Dort klaffte ein dunkles Loch, in das der Rabenvogel lugte und schließlich krächzte: „Zeigt euch ihr Erdlinge – alle!“ Der Wald begann zu rascheln und zu knistern. Soweit das Auge schauen konnte, öffneten sich Höhlengänge, scharrten sich unzählige Mäuse und Maulwürfe, kleine Kobolde und große Käfer hervor. Selbst eine fast erstarrte Ringelnatter hob ihren Kopf in die Winterluft und eine alte Kröte auch. Die hustete und raunte dann: „Es war der Riesenratterich. Der stiehlt alle Wesen, die einen guten Zauber verströmen. Auf das winterlahme Flügelmädchen hat er schon lange gelauert.“
„Oh, wie entsetzlich! Ich muss hinterher und Malve retten“. Der Eichkater wollte schon in das Erdloch springen, da stöhnte die Kröte noch: „Das wird schwer, denn der Riesenratterich atmet auch den Mutigen die guten Gedanken weg und ersetzt sie gegen Frust und Gier. Du musst dich sehr in Acht nehmen.“ Dann grub sich die alte Kröte zurück in das Erdinnere.„Wie soll ich mich schützen?“, fragte sich der Eichkater ratlos und tippelte nervös auf und ab. „Schöpf dir etwas Blaunebel aus der Dämmerung und verberge dich in ihm, wenn du in die Erde steigst“, flüsterte ein listiger Mooskobold. Gesagt, getan. In der Blauen Stunde fing sich Alvin mit einem großen Tuch Blaunebel ein und huschte mit dem Bündel über die dünne Schneedecke zu dem Erdloch, in dem das Flügelmädchen verschwunden war. Vorsichtig stieg er ab. Es roch modrig und seine dunklen Augen mussten sich sehr anstrengen, um etwas zu entdecken. Irgendwo in der Ferne blitze ein schmaler Lichtschein in den schwarzen Gang. Der Eichkater schlich dem Licht entgegen und linste in den hellen Schein. Da sah er sie, viele kleine Weihnachtsfeen, gefesselt an Händen und Füßen, und dort hockte auch Malve. Sie alle schienen steif vor Angst. Der Riesenratterich marschierte durch den Kerker und drohte: „Keine von euch wird dieses Jahr ihren Weihnachtszauber in die Welt bringen, denn ich werde all eure guten Wunschgedanken verbrauchen, bis ihr gar nichts mehr könnt.“ Die Feen schluchzten leise vor sich hin, als der Unhold sich eine von ihnen griff und ihren Atem aufsog. Danach hing sie nur noch schlapp in seiner Pranke.
Der Eichkater fuhr erschrocken zurück ins Dunkel. Was für ein Ungeheuer! Es schauderte ihn bis in die letzte Fellspitze, aber er musste etwas tun. Der Blaunebel würde ihn verbergen. Alvin öffnete das Bündel und zwängte sich im Schutz einer blauen Wolke durch den Spalt in den Kerker. Die Feen zuckten etwas erschrocken, als plötzlich irgendetwas ihre Fesseln zernagte. Sie hielten aber still, damit der Riesenratterich nichts davon bemerkte. Der verließ inzwischen den Kerker, um wieder auf Jagd zu gehen. Da sprang Alvin aus dem Blaunebel und rief den ängstlichen Feen zu: „Ihr müsst euch wehren!“ „Wie soll das gehen? Wir sind viel zu schwach mit unserem kleinen Zauber“, hauchten die Zarten. „Na, dann vereint eure Magie! Ihr müsst einfach nur alle das Gleiche wünschen!“, rief der Eichkater. Die Weihnachtsfeen waren immer allein unterwegs, so war ihnen dieser Gedanke nicht gekommen. Sie tuschelten sehr aufgeregt miteinander. Als die knarrende Kerkerpforte wieder aufsprang schrien sie wie mit einer Stimme: „Her mit dem guten Zauber, der dir nicht gehört!“ und hielten dem Ungetüm ihre funkelnden Zauberstäbe entgegen. Da hustete und pustete der Riesenratterich, sein Atem fuhr wie ein Wind aus ihm, und er schrumpfte dabei zu einem Staubkornwinzling. All die ausgesogenen Wesen erwachten hier und überall im Land wieder zu neuem Leben. Die Feen staunten über die Kraft ihrer Gemeinschaft. Das würden sie niemals vergessen. Während sie den düsteren Ort verließen, schlug Alvin die rote Decke um das immer noch frierende Flügelmädchen und fand: „Jetzt siehst du fast wie eine Weihnachtsfee aus.“ Malve fragte „Was müssen Weihnachtsfeen können? Ich tanze ja nur mit den Blumen und belohne die Menschen mit einem freundlichen Zauber.“ Der Eichkater lächelte: „Das machen die Weihnachtsfeen auch. Du musst halt nur mit den Flocken tanzen lernen und für den guten Geist der Weihnacht sorgen.“ Malve raffte entschlossen die schleifende, rote Decke und verschwand mit einem „Das will ich tun!“ in der Winternacht.

Zeit des Geschichtenerzählens

Schattenschlaf

Der kleine Stern erwachte langsam aus seinem Schattenschlaf und warf einen lieblichen Strahl in das Dunkel der kalten Winternacht. Jan Peters fühlte sich seltsam berührt. Als hätte irgendetwas sein Herz gestreichelt. Unsicher fuhr seine raue Hand unter die Jacke und fingerte prüfend nach dem Herzschlag. Nein, es war offenbar nichts. Aber er fühlte in dem Moment der Stille, wie sich die Müdigkeit seines Körpers bemächtigte. So wie jeden Abend, wenn er erschöpft eine Baustelle verließ und schon beim Abendbrot einnickte. „Arbeiten, essen, schlafen – mehr kennst du nicht“, schimpfte dann seine Freundin, und Jan Peters wusste, sie hatte recht. Wie es dazu kam, dass er immer, immer mehr schuftete, war ihm unklar. Scheinbar erhöhte der Herr der Zeit unmerklich, aber fortwährend, die Taktzahl. Und das Herz des Mannes stolperte schon manches Mal. Dann war Peters Stammkunde in der Notaufnahme vom städtischen Krankenhaus. Nach Ultraschall und EKG bekam er meist nur eine Beruhigungsspritze und den Rat, etwas kürzer zu treten.

Peters fröstelte. Endlich kurvte der Bus um die Ecke. Er stieg ein und schaute in das Lichtermeer der Stadt. Hinter einem dieser Fenster wird sie schon auf ihn warten, aber er hatte noch nicht einmal ein Geschenk für sie. Irgendwie fühlte er sich deswegen schlecht, aber er kam schon lange nicht mehr während der Ladenzeiten nach Hause. Der kleine Stern war inzwischen richtig erwacht und schüttete seinen weihnachtlichen Glanz in die Welt. Über alle Gipfel und alle Täler. Auch Jan Peters sah ihn herrlich leuchten, doch dann zuckte er plötzlich zusammen. Wieder hatte ihn etwas getroffen, kräftig. Er presste die Hand an seine Brust und spürte sein Herz losrasen. Er pustete und hatte schließlich nur einen einzigen Gedanken: Aussteigen, dort vorne ist das Krankenhaus!

„Ach nö, Herr Peters, Sie nicht schon wieder“, nörgelte genervt die Frau an der Aufnahme. „Sie waren doch vorgestern erst hier! Wieder Ihr Stressherz?“ Peters, bekannt als Hypochonder, nickte mit Schmerz verzogener Mimik. Im Wartezimmer stand ein üppig geschmückter Weihnachtsbaum, mit Feenhaar und roten Kugeln. An der Spitze thronte ein gläserner Stern umkränzt von zarten Glöckchen. Der Festbaum stand vor einem Fenster, durch das nicht nur das Nachtblau hereinschaute. Aber das sah der Wartende nicht. Er setzte sich mutterseelenallein auf einen der Stühle und schlief ein. Währenddessen stand der kleine Stern am Firmament genau so, dass er den Weihnachtsstern des Wartezimmerbaumes traf. In seinem Schatten schnarchte Peters, den nun ein drittes Mal der Sternstrahl traf, um diesmal in seine Jacke zu verschwinden. Dem Mann wurde es wohlig warm dabei, doch eine Stimme, die seinen Namen rief, ließ ihn aufschrecken.

Der Kardiologe staunte das EKG an. „Sehen Sie dieses seltsame Flimmern, da kann ich Ihnen aber wirklich nicht helfen.“ Peters befiel Panik. „Nein, nein, atmen Sie langsam, und beruhigen Sie sich“, beschwichtigte der Arzt, „das Herz ist vollkommen gesund, es ist nur von Liebe getroffen.“ „Äh, wie jetzt, was?“, stammelte Peters irritiert. „Na, sehen Sie doch, gesund, rosarot und schön sieht es aus und schwer verliebt. Ein bisschen müde vielleicht, aber Sie sollten es zu Ihrer Liebsten tragen.“ Der Arzt schmunzelte seinen Patienten an, klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und verschwand mit einem „Frohe Weihnachten, also!“ hinter der Tür.

Jan Peters trat in das Dunkel der Heiligen Nacht. Schneewolken zogen heran, und ein kalter Wind schliff den Straßenasphalt. Der Mann an der Bushaltestelle vergrub die Hände in seinen Jackentaschen. Etwas klimperte in seiner linken Hand. Als er nachsah, strahlte ihn ein kleiner Stern an einem Goldkettchen an.

Petra Elsner

 

Auf den Gabentisch

… die ersten drei Künstlerhefte des neuen Titels mit vier Geschichten für die  Advents- und Weihnachtszeit sind geschnitten, gebunden und in Folie verpackt. Drin sind meine  Geschichten „Rosalie und der Gedankensammler“, „Der Punk des Lichterkettenmanns“, „Unter dem Silbermond“ und „Das Pralinenmädchen“.

Das handgebundene Stück gebe ich für 7 Euro ab (zzg. ggf. Versand) …

Auf den Gabentisch
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