Lyrik-Krümel

Abgang

Verrauscht
in Wortgewittern
zieht das Jahr
seine letzten Stunden
mit lautem Getöse
durch die Zeit.
Es schweigt nur
in seiner allerletzten Sekunde,
wie ein Loch in der Nacht,
einen Atemzug vor der Ewigkeit.

© Petra Elsner

Aufrufe: 199

Seltsame Welt (Abschnitt 3)

Eine Kurzgeschichte in Arbeit:

… Man weiß es nicht, es schleicht sich an. Wieder hörte sie: „Komm, schenk mir deinen Atem, du hast mich doch eingeladen!“
„Ich hab dich nicht eingeladen!“
„Doch! Du hast meinen Hut angenommen und aufgesetzt.“
Luise verteidigte sich: „Er hat mich verwundert. Ein atmender Hut, das ist doch merkwürdig – oder? Wer bist du eigentlich?“
„Ich bin das ultimative Ende und empfange dich gerade in meinem Vorzimmer.“
Luise spürte eine sanfte Berührung. Sie fühlte sich nicht bedrohlich an, aber sie war einfach nicht bereit, sich irgendeinem geschwätzigen Ende hinzugeben. Sie wollte zurück in ihre Welt, raus aus dieser haltlosen Schwebe. Doch indem sie das dachte, dröhnten die Worte fordernder: „Komm endlich, gib mir deinen Atem! Du kannst nicht ewig in diesem Zwischenreich ausharren!“
Aber Luises Wille kämpfte gegen den Sog: „Lass mich in Ruhe!“
Der Hut zeigte jetzt seinen roten Mund. Der säuselte verführerisch: „Was hält dich auf? Komm, die Ewigkeit hinter dem Ende deiner Zeit ist schön. Ich weiß es.“
Luise konnte ihren gestaltlosen Körper nicht bewegen, wie sollte sie dem Dunkel entkommen? Sie musste es erfragen: „Wieso hast du mir deinen Hut in den Weg gelegt?“
„Weil es an der Zeit war, dir ein Zeichen zu geben, die alten Kleider abzulegen.“
„Und wenn ich den Hut nicht aufgesetzt hätte, dann wärst du wieder gegangen?“
„Vielleicht.“…

© Petra Elsner
23. Juni 2019

Aufrufe: 230

Seltsame Welt (Abschnitt 2)

Eine Kurzgeschichte in Arbeit:

… Der Postbote klingelte erfolglos und fragte schließlich im Nachbarhaus nach, ob er die Paketsendung für Luise Knopf hier hinterlegen könne. Die Nachbarin nickte abwesend und meinte nur beiläufig: „Ach, die Frau Knopf schläft gern mal länger, seid ihr Hugo nicht mehr lebt.“
Doch das Paket wurde auch am nächsten Tag nicht abgeholt. Als die Begonien auf dem Fensterbrett von Luise Knopf darbten, wurde die Nachbarschaft unruhig. Etwas stimmte nicht. Man rief die Feuerwehr, um die alte Eichentür zu öffnen und nach dem Rechten zu sehen. Doch das Haus schien verlassen. Dass vor dem leicht erblindeten Gründerzeitspiegel ein Hut schwebte, hatte niemand bemerkt. Oder war er für die anderen nur nicht zu sehen?

Es fühlte sich merkwürdig unter dem Hut an. Sie spürte kein Zeitvergehen, keinen Hunger, keinen Durst. In einer Art Schwebe hörte sie in dem Dunkel immer nur die Worte „Schenk mir deinen Atem!“ Luise konnte sich nicht rühren und nichts erkennen. Sie hatte sich in ein großes Nichts aufgelöst, scheinbar. Aber noch atmete sie und endlich konnte sie auch wieder denken und sprechen. „Schenk mir deinen Atem!“ dröhnte es wieder und Luise antwortete: „Auf keinen Fall, ich brauche meinen Atem noch.“
„Wofür? Am Ende braucht man nichts mehr.“
„Ich bin nicht am Ende!“, rief Luise erschrocken. Ein kalter Schauer traf ihr unsichtbares Herz. Ja, sie wusste, dass seit Wochen etwas in ihr wucherte, dass sie welken ließ. Aber war das schon das echte, allerletzte Ende?…

© Petra Elsner
22. Juni 2019


Aufrufe: 857

Milchmond (31)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… „Sie werden sich schon finden“, unkte der große Schatten in die Schneeweihnacht, „ganz bestimmt.“ Während die Alleinstehenden in der Wirtschaft miteinander tanzten, erschienen die Nachtschatten wieder unter den Sternen und sprachen über das große Zeitvergehen. Eine schmale, dritte Gestalt hatte sich zu ihnen gesellt. Die seufzte: „Ganz schön dunkel bei Euch.“
Der Große raunte warmherzig: „Du wirst Dich daran gewöhnen müssen, denn die Ewigkeit ist lang. In ihr begleiten wir unsere Sippe als Zeitschatten. Ab und an flüstern wir ihnen Botschaften in ihre Träume, ansonsten bewachen wir den Lauf der Zeit.“
„Deshalb sind wir hier, um unsere Liebsten zu beschützen“, fragte der neue Schatten überrascht.
Der Kleine nickte und murmelte bedächtig: „Die Lust der Menschen nach immer größerer Beschleunigung hat uns in das monumentale Jetzt getrieben. Auf immer, denn es lebt kaum noch jemand in diesem klaren Moment. Ruhelos jagen sich die Leute bis in die Erschöpfung. Der Erschöpfte aber hat keine Empathie, keinen Weitblick, ist verführbar. Er braucht unseren Beistand.“
Nebelschleier flossen um die erdigen Füße der Moosgestalten, die verschwanden als aus dem Dorfkrug ein Paar in die Nacht trat….

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.
Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

Aufrufe: 716