Flüsterton (2)

„Bier oder Wasser“, fragte Ronja, während sie das Netz vom Imkerhut anhob und ihn absetze. „Bier“, antwortete Hannes und schmunzelte verlegen, denn er hatte gerade ein Bild vor Augen – sie hantierend mit seinen Beinen. Es war ihm irgendwie peinlich, dass sie ihn so hingerafft gesehen hatte. Ronja bemerkte das, als sie mit zwei Flaschen zurückkam. Gelassen bot sie ihm einen Platz auf der Gartenbank an und sprach blinzelnd in die Sonne: „Muss dir nicht unangenehm sein, es war einfach nötig. Du hattest über 40 Fieber, da zögert man nicht lange. Der Mensch ist da wie Honig: bei 41 Grad ist er tot.“
„Ich wollte mich heute bei dir bedanken. Die Hühnersuppe war ein Gedicht!“ „Na, gerne,“ sie zwinkerte ihm zu: „Prost, auf das Leben!“
„Prost, auf das Leben! Und wir, was machen wir damit? Wie alle Wesen kreisen wir zwischen Licht und Schatten. Unaufhörlich. Wir Menschen zünden nachts die Lichter an, als könnten wir der Rotation des Planeten ein Schnippchen schlagen. Zu viel Licht lässt Arten aussterben und uns schlechter schlafen.“
„Ja, ich weiß, aber du kannst doch nicht ernsthaft den Städtern das Nachtlicht ausknipsen wollen?“
„Na, wollen würde ich schon, aber was würde daraus werden? Mord und Totschlag. Nein, nein, es geht um die Reduzierung von Lichtemissionen. Nur ein bisschen dimmen. Irgendwann wird es Beleuchtungsregeln geben, die die Lichtverschmutzungen minimieren werden.“
„Schon wieder neue Regeln,“ murrte Ronja. „Muss das sein? Kann man nicht anders herangehen und beispielsweise über die ‚Schönheit des sanften Lichts‘ sprechen? Was verströmten seinerzeit die alten Gaslaternen für eine wundervolle Romantik, und dann kamen die eiskalten Neonröhren und LED. Ich glaube, über unsere Sinne und Ästhetik lässt sich so ein Thema viel näher an die Menschen herantragen.“
„Interessanter Ansatz“, meinte Hannes. Sein Seitenblick umspielte gerade die Frau, die so lebensklug sprach. Ruhig und wohltemperiert. Er fühlte sich wohl neben ihr.
„Ich finde, der Staat darf nicht alles regeln wollen. Die Leute müssen auf eigene Gefahr leben und nicht immer gleich nach Vater Staat rufen, wenn ein Ast vom Straßenbaum gefallen ist. Mir scheint, durch die Coronazeit haben viele ihre eigene Verantwortung vergessen. Und weil das Geschnaufe und Gebrüll immer lauter wird, würde ich versuchen, da drinnen“, Ronja tippte mit ihrem Zeigefinger auf sein Herz und lächelte ihn dabei mit ihren funkelnden Augen an, „etwas zum Klingen zu bringen. Verlust von Schönheit spüren alle, aber man kann sie wiederfinden und pflegen. Schönheit zu erhalten macht Arbeit, verlangt nach Zeit.“
„Und Liebe“, flüsterte Hannes. Sie sahen einander an. Eine gefühlte Ewigkeit, in der sie sich ungeschützt zeigten und wortlos sprachen – ich bin‘s für dich. Das spürend, schmiegten sie sich aneinander und liebten sich, bis die Nacht über sie fiel.
Hannes stieg bei Kerzenlicht aus dem Bett und gab ihr frech lächelnd einen Handkuss: „Ich muss los, meine Schöne. Oskar wird sich schon sorgen.“
Sie sah ihn verdutzt an.
„Ja, er wartet jeden Abend und fürchtet, ich würde ihn irgendwann verlassen.“
„Und, wirst du ihn irgendwann verlassen?“
„Nein. Es ist ein Versprechen, dass ich ihm gab, als unsere Mutter starb. Ein Versprechen gegen die schwankende Zeit, die Ungewissheiten. Ich bin sein Ankerpunkt, verstehst du?“ „Irgendwie schon.“
Hannes zog sich an, lief die Treppe hinunter, griff sich das Rad und nahm im Mondlicht den Weg durch die Felder. Ronja sah ihm aus dem Giebelfenster nach und dachte beklommen, das kann ja heiter werden.
Sie hatte die ganze Nacht wach gelegen und nachgedacht. Da tritt ein Mann ins Leben und schon geht wieder alles durcheinander. Sie hatte ihren Rhythmus gefunden, sich verortet, Ruhe geschaffen und Stil. Und jetzt gerät wieder alles durcheinander, nur wegen dem bisschen Sex. Mit Hannes und Oskar am Frühstückstisch? Sie wälzte sich in den Kissen. Was will ich? Sie verstand, dass Hannes das Band seiner Familie, das Kümmern, auch um jene, die verachtet oder zurückgelassen sind, nicht durchschneiden wird. Sozialer Kitt, den er lebt. An dem darf ich nicht kratzen. Frauen kommen und gehen, der Bruder bleibt. Als das Morgenrot aufstieg, zog sie sich an und lief hinaus zum Seenblick. Und wie sie dort stand, fest und entschlossen, sprach sie leise in die klare Luft: „Wir lassen alles, wie es ist.“

Aber es war anders. Sie hatten ihre Herzen berührt. Ihre Frage nach Oskar ließ Hannes jedoch wegbleiben. Seitdem sprach Ronja Kiekebusch mit dem toten Vater. Wie eine immerwährende Unterhaltung, die sie aufnahm, wenn sie in das leere Haus trat. „Es ist wieder geschehen, Papa. Kaum, dass ich mich geöffnet habe, begann schon sein Rückzug.“ Sie sprach diese Worte wie ein schmerzhaftes Gemurmel gegen das Alleinsein, gegen ihre Sehnsucht. Als sie Berlin verließ, hatte sie Monate gebraucht, um die letzte Liebe aus ihrem Fleisch zu vertreiben. Erst allmählich kam sie mit dem Single-Leben zurecht.  Die geflüsterten Worte mit dem imaginären Vater kamen einer Selbstreinigung gleich.
Hannes ließ sich wochenlang nicht blicken, und sie ging nicht zu ihm.
Inzwischen war sie mit ihren Bienenstöcken in einen Akaziengrund gewandert. Solche Umzüge waren schwerste Nachtarbeit, nach der sie zumindest gut schlafen konnte. Die Nächte, diese schlimmen Nächte, in denen sie jeder Stern an ihn erinnerte. Sie litt – und weil sie das schlecht aushalten konnte, arbeitete sie intensiv und uferlos. Der Rapshonig war längst in Gläsern und an einen Berliner Bio-Markt verkauft. Für das Land hielt sie nur so viel zurück, was sie von ihrem Hof aus verkaufen konnte. Seit Mai kamen alle paar Tage vorbei und fragten nach der neuen Ernte. Es waren Vaters Kunden, die sie übernommen hatte, und er schwebte gewissermaßen durch diese kleinen Verkostungen und Verkäufe. „Hm, genauso köstlich wie bei Ihrem Herrn Vater. Wunderbar, ich nehme vier Gläser.“  Ronja liebte diese Momente, nicht nur wegen der Einnahmen. Ein Lob geschenkt zu bekommen – gepaart mit Erinnerungen. Erinnerungen sind wie Treibsand und Stimmen aus der Ferne. Geronnene Zeit fließt weiter durch Berührung, in eine andere Form. Das Bild ändert sich. „Wissen Sie, Frau Kiekebusch, Ihr Vater hat meinem Sohn das Leben gerettet. Dort unten an der Badestelle. Der Junge hatte einen Krampf bekommen und wäre glatt ertrunken, wenn Ihr Vater ihn nicht rausgeholt hätte.“ Ronja staunte, das wusste sie nicht. „Das muss wohl in meinen Berliner Jahren geschehen sein. Er hat es mir nicht erzählt.“
„Ach, na ja, der Herr Kiekebusch war immer so bescheiden. Der hat nicht viel Aufsehen darum gemacht. Ein anderer hätte sich als Lebensretter in der Zeitung groß feiern lassen. Das war nicht sein Ding,“ wusste die alte Landfrau. So brachte fast jeder Kunde eine Handvoll Neuigkeiten mit.

Er verließ das alte Fachwerkhaus und trat in die Dunkelheit. „Bringst du mal wieder Honig mit?“, rief ihm Oskar hinterher, bevor die Tür ins Schloss fiel. Er bekam keine Antwort. Hannes wollte nur ein paar Schritte zur Entspannung laufen, da triggerte ihn dieses Wort „Honig“. Der Mann lief trotzig durch das Dorf, ohne aufzuschauen, wollte nicht gesehen oder gar angesprochen werden. Das verstand jeder, der den Gebeugten sah. Körpersprache ist in den Dörfern immer noch ein Signal. Ein paar Schritte hinter dem Ortsrand hatte ihn die Dunkelheit verschluckt. Wenig später stellten seine Augen auf Nachtsicht, so konnte er stolperfrei Schritte setzen. Die Natur liebt die Schwärze. In der grau-schwarzen Moorsenke sah der Wanderer Glühwürmchen tanzten. Hannes blickte zum Nachthimmel – Orion, Großer Wagen, Kleiner Wagen, Polarstern… eben Sommerhimmel, der war langweilig. Für Sterngucker ist der Winter die spannendste Zeit. Sternschnuppenzeit. Ronjas Frage hämmerte in seinem Kopf: „Und, wirst du ihn irgendwann verlassen?“ Wie konnte sie nur. War das unbedachtes Gerede oder schon leise Besitzergreifung? Hannes war empfindlich geworden, denn alle Beziehungen waren an der Nähe zu seinem Bruder gescheitert. Oskar nervte, verletzte, pöbelte, platzte in Situationen ohne jegliche Distanz. Erst jetzt, nach dem Rauswurf bei seiner Freundin, legte sich das alles ganz langsam. Mit 30. Auch, weil Oskar verlässlich spürte: der große Bruder ist sein sicherer Anker, ganz gleich, was geschah. Er hatte ihn nach Schlägereien von der Wache geholt. Wenn er zu ausgiebig mit Glatzen rumhing, fuhr er mit ihm Zelten an die Ostsee oder schleppte ihn auf große Konzerte. Raus aus der dumpfen Ecke. Hannes zeigte ihm immer wieder, dass das Leben schön sein kann. Vielleicht bin ich altmodisch, dachte Hannes, während er durch die Finsternis lief, aber wenn die Gesellschaft auseinanderbröselt, dann muss Familie zusammenhalten. Dafür hatte er ungestillte Bedürfnisse tief in sich vergraben, immer wieder aufs Neue. Das Innere sagte ihm aber auch: dieses ständige Vergraben ist nicht gut.
Wie er so durch die Nacht stapfte, stand er irgendwann vor Ronjas Haus. Nicht bewusst, seine Füße lenkten ihn dorthin. Das Haus lag im Dunkel. Still und ohne Nachtlicht, nur die Grillen zirpten, und in den Feldern raschelte es. Hannes ging weiter bis zur Anhöhe bei den Eulenbergen. Dort kam ihm eine Gestalt entgegen: „Ronja? Was macht du denn hier?“
Sie lief auf ihn zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Aus der Tiefe der Nacht schöpfen.“
Sie gingen zum Aussichtspunkt und lehnten, während sie nach den Lichtern am Horizont schauten, mit den Armen auf der Brüstung aus Holzstämmen. Sie fragte ohne ihn anzusehen: „Warum hast du unseren Kontakt abgebrochen?“
Er starrte ebenso in die Ferne und erwiderte tonlos: „Du hast die falsche Frage gestellt.“
„Echt jetzt? Das war der Grund? Deswegen hast du mich nicht in dein Leben gelassen? Einfach gecancelt, wie es gerade in Mode zu sein scheint, wenn‘s mal nicht absolut stimmig ist. Das habe ich nicht erwartet!“ Sie dachte an ihr elendes Befinden in den Wochen nach seinem Abgang und bekam große nasse Augen, aber er sah das nicht, sondern starrte geradeaus. Ronja wandte sich ab und ging wortlos davon, während seine Augen weiter im Dunkel verharrten.

Oskar klingelte. Es war regnerisch, da würde Ronja nicht irgendwo bei ihren Bienen sein. Er zog noch einmal an seinem Zigarettenstummel, dann quetschte er die Glut mit Daumen und Zeigefinger aus, bevor er die Kippe wie Dreck wegwarf. Ronja öffnete die Haustür: „Morgen. Komm rein! Was treibt dich her?“ „Ich möchte ein Glas Honig. Genau solchen wie beim letzten Mal, der war lecker.“
„Oh, da muss ich dich enttäuschen, der war noch aus dem vorigen Jahr. Jetzt habe ich nur Neuen.“ Oskar stand unschlüssig mit ihr im Flur, bis sie ihn erlöste: Na, willst du nicht einfach probieren und sehen, welcher dir zusagt? Ich habe augenblicklich drei Sorten, aber es kommen bis August noch weitere Nuancen hinzu.“
Oskar folgte ihr in die Küche, und sie stellte ihm drei Probiergläser, Teelöffel, einen kleinen Teller und ein Glas Wasser vor die Nase. Sie schraubte die Gläser auf: „Bitte für jedes Glas einen neuen Löffel nehmen. Der Weiße hier ist Rapshonig.“ Oskar nahm sich eine Löffelspitze. „Schön cremig, aber sehr süß.“ Er nahm einen Schluck Wasser, legte den klebrigen Löffel auf den Teller, griff sich einen neuen und fuhr damit in das nächste Glas. „Der ist ja wie flüssiges Gold.“ Er kostete und urteilte: „Mild und im Abgang bisschen kräftig.“
„Ja, das ist Robinienhonig, und der hier kommt aus den Gärten und den Streuobstwiesen.“ „Hm, wunderbar cremig, nicht ganz so süß, und er leuchtet wie Perlmutt. Toll, den nehme ich. Der kommt dem anderen am nächsten.“
„Gut. Weißt du, die Honige sind jedes Jahr geschmacklich ein Müh anders. Das ist wie mit allem anderen auch. Gurken und Tomaten schmecken ja auch nicht jedes Jahr gleich. Wenn zum Beispiel Anfang Juni nochmal Frost kommt und in die Robinienblüten fällt, dann holen sich die Bienen eine andere Tracht hinzu und so kommt es zu den Nuancen.“
„Verstehe. Ich nehme zwei Gläser mit und komme zum Sommerschluss wieder, um die anderen Sorten auch zu probieren, wenn ich darf.“ „Aber gerne doch.“
Oskar fand seinen Honigeinkauf spannend. So hatte er noch nie eingekauft, er spürte aber auch, dass Ronja sehr vorsichtig mit ihm umgegangen war und kein Wort über Hannes verlor. Sein Bauchgefühl sagte ihm, es sei besser, nicht daran zu rühren…

Eine Geschichte entsteht…

Einsam (1)

Als wir die Masken ablegten, sahen wir in all die erschrockenen Gesichter. Sie sprachen wortlos von Angst, Verwirrung, einer großen Leere und von Verlusten. Aber die Traurigkeit wich rasch einem übertünchenden Sommerleben. Als der Herbst kam, sahen wir die Schäden. Verhaltensstörungen und Lernschwächen. Es reichte offenbar nicht, dass wir drei Lebensjahre verloren hatten und mit den Folgen kämpften. Es musste von den Meinungsmachern hervorgekehrt werden, wer mehr gelitten hat und wer noch einsamer als der Einsamste gewesen war. Das hat uns beschäftigt und das Hinterfragen der Pandemiemaßnahmen verschoben. Das Zerlegen der Gesellschaft nahm weiter Fahrt auf. Die Jungen gegen die Alten, die Andersdenkenden gegen den Rest, die Linksgrünen gegen die Weißbrote. Stadtgesellschaft gegen die ländlichen Sitten. Die Lebensschönheit verschwand und die Debatten gerieten in den Zerhacker. Überall Feindschaft und ein Krieg vor der Tür. In all dem Getöse dämmerte ein Bär im Kinderzimmer…

Schreibzeit

In den letzten Tagen habe ich die Novelle WELTENGANG ab dem Kapitel „Trau, schau, wem“ bearbeitet und umgeschrieben. Hinweise von Freunden machten mich darauf aufmerksam, dass ich ins Berichten verfiel. Das geschieht, wenn so ein Text beim Schreiben schmerzt. Aber jetzt ist sie für mich abgeschlossen und ich kann Euch die nächste Kurzgeschichte vorstellen:

Ein wenig Geborgenheit

Hannes Knopf lebte im Herbst 1989 noch gemeinsam mit seiner Mutter und Großmutter zusammen. Die Frauen waren eiserne Kommunisten, und er hatte sechs Semester Wissenschaftlichen Sozialismus studiert. Während die Nachbarn in Westberlin nach ihrem Begrüßungsgeld Schlange standen, goss die Mutter drei Kognakschwenker halbvoll, reichte den beiden die Gläser und fragte beim Anstoßen trocken: „Nun, mein Junge, werden wir jetzt arm und bedeutungslos oder kriminell?“ Hannes riss die Augen auf. Soweit hatte er noch gar nicht gedacht.

Das mit dem Reichwerden durch kriminelle Energie hatte nicht geklappt. Hannes Knopf versuchte Flüchtlinge aus Pakistan über die Türkei nach Deutschland zu schmuggeln und wurde prompt beim ersten Mal an der Bayrischen Grenze geschnappt. Während er zwei Jahre in Haft saß, starben Mutter und Großmutter. Die Wohnung in Weißensee war also verwaist, als er heimkehrte. Die goldenen Häkeldeckchen der Großmutter waren stumpf vor Staub, nichts mutete ohne die Frauen behaglich an. Im Gegenteil, den Mann fröstelte es, obwohl es Sommer war. Hannes Knopf war unschlüssig, wie er den Abend verbringen sollte. Morgen – das war bereits vereinbart – könnte er in diesem Weddinger Letter-Shop arbeiten. Werbung eintüten und adressieren. Für „arm und bedeutungslos“ würde es reichen, dachte er.
Ein Hungergefühl trieb ihn schließlich vor die Tür. Beim nächsten Imbiss kaufte er sich zwei Bockwürste mit Brot, lehnte sich an die Hauswand und sah den Passanten zu. Alles hetzte hin und her – nur eine Person nicht. Sie bewegte sich wie in Zeitlupe. Ein vollkommenes Alleinsein, so schien es. Die kleine Punkerin bummelte mit ihrem Hund als würde sie träumen. Aber sie träumte nicht, sie taumelte. Der Imbissmann kommentierte: „Die is ooch schon wieder zugedröhnt.“ Hannes nickte lustlos und winkte den Gesprächsversuch ab. Er warf die senfverschmierte Pappschale in den Müllsack, wechselte die Straßenseite und ging hinunter zum Scheunenviertel. Stadtwandern ist schön, dachte er beim Laufen, und bemerkte: viel hatte sich in den Straßen nicht verändert. Die fliegenden vietnamesischen Zigarettenhändler standen an den Kiez-Ecken und musterten jeden argwöhnisch: Geheimpolizei oder Kunde? Hier und da gab es neue Imbissangebote, ein paar Italiener, Türken und Griechen hatten Restaurants eröffnet, die sorgten für ein bisschen Flair. Aber sonst: Leerstand und viel Grau. Man nahm sich Zeit mit den versprochenen blühenden Landschaften. Hannes wollte zum ältesten Haus in der Sophienstraße, das eine schöne Kneipe und einen noch besseren Hausgarten beherbergte. Die „Sophie 11“ gab es schon zu DDR-Zeiten, da kannte er sich aus. Dort wollte er sich niederlassen und mit Rotwein seine Freilassung feiern, bis die Nacht den Tag verschluckte. In dieser Dämmerstunde gegen 23 Uhr betrat die Punkerin mit ihrem Hund den Hof. Offenbar suchte sie jemand. Sie sprach eine Kellnerin an, die nickte und verschwand im Küchenzugang. Keine Minute später huschte eine andere Kellnerin herbei und umarmte die kleine Punkerin, die sich steif machte und die Zuneigung mit dem Arm abwehrte. Hannes sah noch, wie die Frau dem Mädchen ein bisschen Geld in die Hand drückte, dann verschwand es. Es war weit nach Mitternacht, als Hannes Knopf am Tresen seine Zeche zahlte. Die zwei Kellnerinnen tranken jetzt ihren Feierabendsekt, als die zarte Dunkelgestalt sich umdrehte und ihn ansah. Das war ein Funkeln aus verheulten Augen, seltsam berührend. Hannes stand wie angewurzelt, aber sie rutschte vom Hocker und meinte nur: „Komm!“

Als er morgens erwachte, wusste er nicht mehr allzu viel vom Fortgang der Nacht. Es war ihm, als wären sie wie Raubtiere übereinander hergefallen. Heftiger Liebeshunger. Sie schlief noch, als er sich auf den Weg in den Wedding aufmachte. Er war viel zu spät dran, und sein Kopf war noch rotweinschwer, als er vor seinem neuen Chef auftauchte. Der nickte ihm zu und meinte in die Runde: „Na, der fängt ja gut an!“ Doch der Mann hatte andere Sorgen. Die Kuvertiermaschine streikte, und alle rauften sich die Haare. Hannes hatte vor seinem verunglückten Studium glücklicherweise ein Abitur mit Berufsausbildung zum Elektriker gemacht. „Kann ich helfen?“, fragte er leise.  Der Chef zog eine krause Stirn: „Kannst du das? Dann mach!“ Hannes machte. Eine Viertelstunde später lief das Maschinchen wieder und tütete in Höchstform Infobriefe ein. Der Chef war begeistert, und sein Neuling stieg gleich am ersten Tag in eine gefühlte andere Liga auf. Zwei Wochen später schmiss Hannes verlässlich den ganzen Laden. Am liebsten in den Nächten, am liebsten allein. Da brauchte er keine Fragen zu beantworten, nur der Chef wusste, dass er frisch aus dem Knast kam.

Am Wochenende ging er abends wieder in den lauschigen Hofgarten der Sophie 11. Die Kellnerin schien nicht besonders viel Notiz von seinem Erscheinen zu nehmen. Sie stellte ihm im Vorbeigehen einen Schoppen Roten vor die Nase „Spendiert!“ krächzte sie heiser. Das wars, sie hatte nebenan ihr Revier. Zur Nacht zog sie sich einen anderen Mann vom Hocker. Hannes sah zu und war irritiert, dann suchte er sich eine neue Kneipe.

Im Morgengrauen entdeckte er auf dem Nachhauseweg das Punkermädchen mit schlafendem Hund vor einer Bäckerei lagern. Verbunden nur mit diesem Tier, schien ihm eine schwere Wolke der Einsamkeit über dem Mädchen zu schweben. Der Anblick stach ihm tief ins Herz. Er ging zu ihr und sprach sie klar an: „Ich heiße Hannes Knopf, und habe ein Zimmer frei, möchtest du mit mir kommen? Nicht zicken, nicht klauen. Ich tu‘ dir nichts, ich meckere nicht, ich kann dir aber ein bisschen Geborgenheit bieten, wenn du willst. Wie heißt du?“
„Paula, 17 Jahre, mein Hund heißt Paul.“
Hannes streckte ihr die Hand entgegen, Paula ließ sich hochziehen, dann trottete sie langsam hinter Hannes her.
Als sie die Wohnung betraten, zeigte er ihr das Zimmer seiner Mutter. Er raffte die alte Kleidung aus dem Schrank, brachte Bettwäsche und ermunterte sie: „Du kannst das Zimmer nach deiner Fasson gestalten. Ich bin nur am Wochenende zuhause, sonst schiebe ich Nachtschichten und schlafe tagsüber. Aber im Kühlschrank wirst du immer was finden – und hier ist dein Schlüssel.“

Paula schaute in sein offenes Gesicht, seltsamerweise vertraute sie diesem Mann und schlief, ohne das Bett zu beziehen, ein.
Währenddessen räumte Hannes die unzähligen Golddeckchen und den Sammelkitsch der Frauen in einen Karton. Das Wohnzimmer sah gleich nicht mehr so nach alten Damen aus. Dann kochte er einen großen Eintopf und schnitt ein paar Wiener für Paul klein – und ging schlafen.
Das Leben zog weiter. Die beiden sprachen nicht viel miteinander, aber Paula hatte plötzlich Verlässlichkeit. Manchmal lag ein bisschen Taschengeld für sie neben ihrem Frühstück, oder ein neues Shirt. Eines Morgens war das Mädchen nicht in der Wohnung als Hannes von der Nachtschicht kam. Ein Zettel lag auf dem Küchentisch, besorgt las er: „Ich mache jetzt einen Entzug irgendwo in Brandenburg! Ich komme wieder, Paula“

Kerzen in der Stadtbahn (2)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:

… Ostkreuz. Der obere Bahnsteig hinter dem Wasserturm lag gebogen, dunkel und menschenleer. Das machte Irene keine Angst. Es war etwas anderes, dass sie augenblicklich angefallen hatte: dieses Gefühl, verlassen zu sein, für immer. Es schlich sich über Irenes Gänsehaut vom Rücken hinauf bis unter die Kopfhaut, um in den Schläfen laut zu pochen. „Wo seid ihr?“ rief sie leise, fast jammernd in die Nacht. In ihrem Kopf hämmerte der Gedanke: Abgehauen, übers Eis in den Westen. Sie stieg die Treppen hinab zu den unteren Gleisen und am anderen Bahnsteigsende wieder hinauf. Dort nahm sie die nächste Bahn heimwärts.  Würde sie die Nacht aushalten? Sie fühlte sich elend als sie in ihre Straße einbog. Es war eisig kalt und der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Der viergeschossige Neubau lag im Dunkel, als sie die Haustürschlüssel aus der Manteltasche zog. Ein Glimmen auf einem der Balkone verriet, da rauchte einer und blies Kringel in die Nacht. Als Irene in der zweiten Etage ankam stand ein Mann vor der Wohnungstür: „Bitte nicht erschrecken, ich habe nur ein Telegramm abzugeben.“
Irene nickte und nahm das Kuvert. „Danke, ich kenne Sie gar nicht, wohnen Sie schon lange hier?“
„Entschuldigung, ich hätte mich vorstellen müssen: Kurt Kronberg. Bin gerade erst gegenüber eingezogen. Aber durch diese Tür habe ich noch keinen gehen sehen.“
„Meine Eltern sind Binnenschiffer.“
„Verstehe. Na, dann, frohe Weihnachten.“
„Ihnen auch.“
Irene schloss auf und huschte in die Wohnung. Sie Atmete tief und riss das Telegramm auf: Wir stecken bei Hamburg fest. Geld liegt im Brotkasten. Halte durch, Mutti!
Tränen verschleierten ihren Blick. Sie lehnte an der Tür und rutschte nun weinend in die Hocke. Das Telegramm fiel zu Boden. Schließlich stand sie auf, legte Kohlen im Ofen nach und stocherte in den Küchenschränken nach etwas essbarem. Drei Tütensuppen: Ochsenschwanzsuppe, Brühnudeln und Gemüseeintopf fanden sich und im Tiefkühler steckten ein halbes Brot und ein Stück Butter. Damit käme sie über Weihnachten. Essen hält Leib und Seele zusammen und Irene wollte nicht in dieser schrecklichen Einsamkeit untergehen.  Sie entschied sich für die Brühnudeln. Zum Essen schaltete sie die Nachrichten im Schwarz-Weiß-Fernseher an und hörte:

Stillstand in der Binnenschifffahrt: Der anhaltende Frost in weiten Teilen Deutschlands hat fast alle Wasserstraßen zufrieren lassen. Selbst Eisbrecher schaffen es nicht mehr, die Fahrrinnen frei zu halten. Die Verluste für die Binnenschiffer lassen sich im Augenblick noch nicht abschätzen.

Irene löffelte die dünne Brühe mit den dicken Eiernudeln und grübelte: Bei Hamburg. Im Westen! Wenn so ein Kahn erst mal eingefroren ist, das könnte dauern. Sie sprang auf und schaute im Brotkasten nach: 100 Mark. Für Irene war das viel Geld. Ihr monatliches Taschengeld betrug 20 Mark. Jetzt aber musste sie damit über die Weihnachtsferien kommen und zurück ins Internat. Es würde reichen. Beruhigt ging sie zurück zu ihrem Suppenteller. Wie sollte sie diese Zeit alleine aushalten? Sie muss sich unterhalten, um diese Stille zu füllen. Irene holte sich die Baumkerzen und eine Flasche Rotwein aus der Speisekammer und kochte sich einen Punsch mit Zimt und Nelken. Ein Glas gestatteten die Eltern zu Weihnachten…