Morgenstunde (303. Blog-Notat)

In meiner 7. Lesezeit gegen die Traurigkeiten der Corona-Krise lese ich für Euch ein weiteres Waldmärchen. Zugehörig zur Schorfheide – immer schon – ist die Wilddieberei. In unserem Nachbardorf Groß Dölln kolportiert man heute noch diesen Spruch: Wird ein Sohn geboren, setze man ihn auf den Dachfirst: Fällt er nach rechts, wird er ein Holzdieb, und fällt er nach links, ein Wilddieb. Das waren so die landläufigen Karrierechancen der einfachen Leute in den Walddörfern. Deshalb:

Der Hasenräuber
https://www.facebook.com/petra.elsner.9/videos/1917325865067893/

Für den Fall, das Video lässt sich nicht öffnen, dann klickt bitte hier.

Ein Ausmalbogen dazu für Kids, einfach kopieren und in ein Word-Dokument einfügen, ausdrucken…

PS: Auch die Heideläufer gab es wirklich. Sie waren die Forstaufseher im 18. Jahrhundert. Ihre Aufgabe bestand darin, Holz- und Jagdfrevel (Wilderei) zu verhindern bzw. einzudämmen. Der Heideläufer war unter anderem berechtigt, dem Dieb Pferd und Wagen abzunehmen. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts hatte er die Aufgabe, die Forstordnung durchzusetzen, Steuern einzutreiben und die Grenzen zu sichern.

Die Schorfheidemärchen sind neben anderen meiner Geschichten in der Märchensammlung „Die Gabe der Nebelfee“ 2018 erschienen. Das illustrierte Buch mit 180 Seiten ist für die ganze Familie gedacht und kostet 20 Euro zzgl. Versand.

Erhältlich ist es hier: http://www.buchschmook.com/product_info.php?info=p144_die-gabe-der-nebelfee.html

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Der Hasenräuber – ein Schorfheidemärchen

Schorfheidemärchen
Der Hasenräuber
Zeichnung: Petra Elsner

Feiner Nieselregen fiel auf den Nachtschatten, der durch den Wiesenhain am Koppelberg huschte. Aus dem Dorfkrug bei den Eichen drangen die trunkenen Stimmen des Heideläufers und seiner gedungenen Jagdknechte. Derbe Gesellen, die aufpassten, dass keiner unerlaubt den Wald betrat oder gar wilderte. Heute würden sie ihm nicht folgen, trotzdem schlich Gustav auf leisen Sohlen und mit lauschenden Ohren. Die Kröten quakten in den Hügeln und die milde Nacht atmete raschelnde Geräusche. Gustav kannte die nächtlichen Täuschungen, dennoch schien es ihm, sein Herz klopfte noch lauter. Tief hängende Zweige formten gespenstische Gestalten und Gesichter, ob vielleicht doch ein Jagdknecht auf der Lauer lag? Seine Augen bohrten Löcher in das Dunkel, als endlich die Wolkendecke aufriss, und der Mond sein Licht auf einen Hirsch auf der Waldweide warf.

Der geduckte Mann staunte das erhabene Tier an. Nein, er würde es nicht wagen, ihm nachzustellen. Diese Jagd gehörte dem Fürsten mit seiner Steinschlagflinte. Gustav war kein hemmungsloser Wilderer, der auch vor Menschenmord nicht zurückschreckte. Er suchte keine Trophäen, sondern legte Schlingen, um damit ab und zu einen Hasen zu fangen. Das empfand der Landmann als gerecht, waren es doch die Tiere dieses Waldes, die letzten Sommer seine Feldfrüchte fraßen, weshalb die Not auf seinen Hof kroch. Doch wen sie beim Wildern erwischten – gleich ob Hirsch oder Hase, den quälten die Häscher gar fürchterlich. Gustav  musste also unentdeckt bleiben.

Dort vorne, in dem Dunkelbusch, hatte er gestern seine Schlinge ausgelegt, aber was war das? Ein Knacken wie von einem Schritt. Gustav duckte sich tiefer und wartete. Ein Zündholz flammte auf und beschien ein fahles Gesicht. Nein, das war kein menschliches Antlitz. Gustav traute seinen Augen kaum, ein grauer Nachtelf zündete sich eine Pfeife an, schmauchte und blickte plötzlich zielgenau zu ihm. „Komm her, du Hasenräuber, du hast Beute.“ Sprach er und verschwand.

Dem Mann war es nicht wohl. Er starrte um sich herum, sah aber nichts als die Schwärze der Nacht. So ging er einen Schritt auf den Busch zu, als neben ihm wieder die Pfeife erglimmte und das Elfgesicht schmunzelte. „Schenkst du mir Deinen Hasen?“

Gustav stand unschlüssig, seine Knie schlotterten, während die Graugestalt wieder vollständig aufgetaucht war. „Ich schenke dir auch dieses wundersame Pfeifchen“, setzte der Elf nach.

Gustav schüttelte seinen Kopf: „Meinst du der Tabak macht satt wie mein Hase?“

„Was heißt hier ‚mein Hase’?“ zische der Elf. „Also gut, wir teilen uns den Fang, ich weiß, wie Hunger schmerzt“, murmelte Gustav, zerlegte den Hasen und gab die Hälfte dem Grauelf. Der dankte, legte die Pfeife samt einem Tabakbeutel in die Hand des Hasenfängers, zündete sich eine andere Pfeife an und damit verschluckte ihn der Wald. Gustav stand und wunderte sich, dann packte er sein Zeug zusammen und wollte gerade aufbrechen, als es abermals ganz in der Nähe knackte. Aber diesmal erkannte Gustav den Heideläufer mit seinen Knechten. Sie kamen von allen Seiten auf ihn zu. Einer knallte mit der Peitsche, der nächste zückte einen Dolch, der dritte durchstocherte mit einer Lanze die Luft. Gustav war starr vor Schreck, so hatten die Fänger ein leichtes Spiel. Übermächtig schlugen sie auf den harmlosen Wilderer ein. Als der nicht mehr zuckte, luden sie ihn auf eine Karre, machten ein Feuer und brieten sich den halben Hasen. Gustav stöhnte leise, Blut lief ihm von den Schläfen und sein Rücken schmerzte ganz fürchterlich. Er fingerte in seinen Hosentaschen nach einem Tuch und ertastete dabei die warme Pfeife. Sie glimmte offenbar noch. Sollte er es versuchten? Warum nicht. Er zog an ihr und sah im flackernden Licht, wie er sich langsam auflöste. Schmerzgekrümmt kroch der Mann ungesehen vom Karren in die schützende Dunkelheit und ward von seinen Häschern nie mehr gesehen. Immer wenn aus Gustavs Haus ein feiner Hasenbratenduft aufstieg, stürmten sie seinen Hof, dort aber fanden sie stets nur einen Schwaden von einer Tabakpfeife vor.

(Aus meinem Buch “Schattengeschichten aus dem Wanderland” – Schorfheidemärchen, erschienen 2010 im Schibri-Verlag ).

Neu erschienen: 2018 bei der Verlagsbuchhandlung Ehm Welk in Schwedt an der Oder als Märchensammlung (30 Texte) unter dem Titel “Die Gabe der Nebelfee”

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