Dreizehn traumschattierte Gedichte versammelt das stilsicher handgedruckte Bändchen von Frank Martens. Seine poetischen Blicke in die Kindheit spiegeln Lebensgefühl, Klang und Farbe von Heimat, bevor er heranwachsend entdeckt: „das Wort wächst mir als stachliges Blatt“. Martens Gedichte erzählen uns kleine Geschichten vom Wahrnehmen: Von „rauschenden Kiefernwellen in träger Brandung“, von „der staubigen Kehle des Sommers“, von den Finsternissen im Kinderzimmer „schwarze und langsam schwenken Kastanienfinger“, von Vorkommnissen auf der Dorfkreuzung und von der Magie der Langsamkeit der Zeit in Golzow (Potsdam-Mittelmark). Ein feines Nachspüren, als wollte der Autor jene Zeit noch einmal vermessen. Dazu passt wunderbar der grafische Landkarten-Einband, deren Gestaltung Ute Langner übernahm. „Dorfkreuzung mit Regulierer“ ist 2022 in limitierter Auflage bei Eidechsen Presse Krohnhorst erschienen, ein stimmiges Buchkunstwerk ist es allemal. Für 13 € ist es direkt beim Autor unter: 039886 340062 zu haben. Petra Elsner
Man möchte in den Tanzkreis unter der Herbstlinde treten, wenn sich die neue Scheibe dreht. „So viele Wege VOL. 2“ ist der zweite altmeisterliche Streich der FOLKLÄNDER in der Corona-Zeit, der mit verblüffend hoher Qualität anknüpft an die besten Zeiten der Folk-Band. Gegründet 1976 in Leipzig, bestand sie bis 1982. Anschließend spielten sie unter wechselnden Namen und Besetzungen bis in die frühen 2000er Jahre. Die LP „Wenn man fragt, wer hat’s getan“ war übrigens die meistverkaufte AMIGA-Folkplatte zu DDR-Zeiten. Nach langer Band-Pause feierten die FOLKLÄNDER 2021 ihr 45-jähriges Bühnenjubiläum und haben nun ihre Ankündigung wahrgemacht. Im Booklet zum Album heißt es, sie hätten diese neue Produktion vollmundig versprochen, „wenn auch im Privaten wie auf der Weltenbühne inzwischen unheilvolle Beben aufzogen, die wahrlich geeignet sind, alle künstlerische Unbeschwertheit nachhaltig zu untergraben.“ Man merkt der Scheibe die Entstehungsumstände nicht an, aber die Auswahl der Texte und Kompositionen verraten uns schon etwas vom langen Ritt durch die Wüste und: „…Dass dieser Herbst uns seinerseits nicht braucht.“ Der Song „So viele Wege“ kommt als Sinnsuche wie eine Westernmelodie daher, die uns hoffentlich in einen trauten Kreis wieder nach Hause führt. Da schwingt in jeder Zeile mit, was wir an Irrwegen schon hinter uns haben. Bei aller Spielfreude der FOLKLÄNDER, sie würzen mit dem Salz des Lebens und parodieren den Weltenschmerz. Darüber hinaus trägt die CD wunderbare Cover-Versionen von „Im Café zur Frau Ohneherz/Finta“ mit einem maßgenauen deutschen Textkleid von Manfred Wagenbreth. Auf Bob Dylans Musik „It’s All Over Now, Baby Blue“ setzte Jürgen B. Wolff den herrlich schnodderigen Mundarttext „Schenner als wie hier“. Und abermals intonierten sie alte Liebeslieder („Kein Feuer, keine Kohle“), haben die Bänkel-Ballade von der „Gottesbraut“ bearbeitet und einiges mehr. „So viele Wege VOL. 2“ ist beste Unterhaltung nicht nur für die Folk-Gemeinde, mit spitzem Fingerzeig auf die Jetztzeit, vertraut zweideutig.
Erschienen bei Löwenzahn/Heideck, 15 € Petra Elsner
Sie führt sie uns vor, die Poesie des Augenblicks. Jana Weinert verrät in ihren Texten etwas davon was uns leicht und was schwer macht. Ihre sinnlichen Aufforderungen zum Glücklichsein berühren beim Lesen: „…Lass und übers Wasser gehen“. Die Autorin schenkt uns wahre Beobachtungen „Poeten stimmen sich am Meer…“ und solche Einsichten: „Im Schatten aller Worte wächst mit der Stille mein Klang.“. Man wird von ihrer feinen Lyrik und Prosa in „Nachtbaden“ angeschlagen wie ein Glas, das klingt. Sich selber spüren, sich finden und hinterfragen. In diesem Nachspüren treibt sie die Gefühle und die Gedanken „auf des Messers Schneide“ und holt die Spuren der Zeit ans Licht. „…Die Worte stehn euch gut wie Sonntagskleider, und machen fremd wie Schminke im Gesicht. Die weißen Westen näht nur euer Schneider. Unsrer hat das Händchen nicht….“ Jana Weinerts polemischen Buchstücke und winzige Geschichten sind dem Leben, dem Alltag abgelauscht und deshalb so unverstellt und echt. „…der Tag ein ewiger Wiedergänger im Schelmenkleid.“ – so klingt die leichte, hintersinnige Saite ihrer Poesie, die manchen Narren „auf winterharten Brandenburger Sand“ tanzen lässt. Und manchmal verzaubert den Leser einfach nur ihr poetisches Naturgeflüster. „Nachtbaden“ ist eine weise und empfindsame Einstimmung auf die Liebe, das Menschsein und das Alter: „Je mehr das Herz Raum hat, desto länger leben wir.“
Es gehört zu den ehrenvollsten Arbeiten eines Chronisten, brüchiges Wissen zu bergen und so für die Nachwelt zu bewahren. Das war der Antrieb von Manfred Lentz, der seinen Spürsinn und Recherchegeschick einsetzte, um die Geschichte eines fast verfallenen Gemäuers im Wald zwischen Kappe und Kurtschlag zu erforschen. Ja, in den Dörfern wusste der eine oder andere noch: Der Kaiser ging auch hier in der westlichen Schorfheide jagen. Und man munkelte, Wilhelm II habe das sagenumwobene Blockhaus vom Schwedenkönig 1889 geschenkt bekommen. Aber diese Mär hat der Autor ausgeräumt. Was den meisten heutigen Bewohner der Walddörfer völlig unbekannt war, dass Wilhelm II an dieser Stelle ein Gatter für die Zucht von Ungarnhirschen unterhielt. Die mächtigeren Tiere sollten der Auffrischung des Rotwildbestandes dienen, aber wie so oft im Leben, ging die Idee nicht gut aus. Immer dann, wenn Manfred Lentz ins Erzählen oder auch Unken kommt, liest sich diese Schrift flüssig und sehr unterhaltsam, aber wie es sich für eine Chronik gehört, braucht es Belege, Faksimiles, Auszüge aus Dokumenten, um die Thesen zu stützen. Und so entstand ein fundiertes Sachbuch unter Mithilfe von Birgit Halle, Erich Voß und Manfred Grimm, das lückenlos über die Nutzung des Hauses und seiner Bewohner berichtet. Der Leser erfährt von Totschießjagden, von Lappjagden und der Pirsch. Vom Leben der Wildwärter. Von forkelnden Hirschen und interessanten Moorkulturen. Lentz bringt auch Licht in das dunkelste Kapitel: 1941 bis 1945 diente der Ort als Kriegsgefangenenlager. Er fand Belege dafür, dass hier Serben und Italiener in einer Baracke unterhalb des Blockhauses eingesperrt waren und zur Zwangsarbeit im Holzeinschlag, im Sägewerk von Vogelsang und in den Zehdenicker/Burgwaller Tongruben genötigt wurden. Nach 1945 diente das Blockhaus als Unterkunft für Waldarbeiter und Vertriebenenfamilien. Kurzweilig gab es beim Haus einen Heimtiergarten und schließlich wurde das Gemäuer Jagd- und zuletzt Forstquartier. Aber, obgleich unter Denkmalschutz gestellt, verfällt inzwischen das Blockhaus im Wald. Was von ihm bleiben wird, sind wage Geschichten, aber definitiv Manfred Lentz‘ Gedenkschrift. (pe) Erhältlich ist das Sachbuch „Der Kaiser und sein Haus im Wald“ nur beim Autor unter Telefon: 0171 4729673. Das Buch wird es daneben auf Dorffesten geben. Da die Nachfrage recht groß ist, wurden inzwischen weitere 150 Exemplare gedruckt. Der Preis der Zweitauflage beträgt 10 Euro.
Wenzel, das ist die wunderbare Melange aus Folk und Rockpoesie, ein sehender Wanderer auf dem Drahtseil in der Ferne. Ein schier unerschöpfliches Multitalent als Sänger, Instrumentalist, Komponist, Autor und Regisseur. Ein Feingeist. Über 40 Platten hat der Mann seit 1986 herausgebracht. Vielleicht ist die neueste Scheibe „Allerschönste noch nicht gesehn“ des 66-Jährigen die ultimative Antwort auf das Älterwerden. Auf jeden Fall aber erzählt er mit beißender Poesie vom heimatlosen Schmerz und legt uns sozialkritische Episoden in unsere Zeit, wider die allgemeine Verblödung. Er spricht aus „…was uns bedrückt, das schweigt schon so lang im Munde…“ und weiß „In die Irre führt, was uns nicht berührt…“ – gegen den Wahn „in diesem aufgeblasenen Land“, singt er sich den Trotz aus der Kehle und berührt die Herzen jener, die sich fremd fühlen auf diesem kühlen Grunde. Hans-Eckardt Wenzel, der unermüdliche Liedermacher ist ein musikalischer Robin Hood, der jenen gibt, denen alles genommen wurde. Aber natürlich nicht nur ihnen… „Allerschönste noch nicht gesehn“ umarmt das verletzlich Menschliche in uns.
Der neue Erzählband von Eckard Mieder ist auf der Suche nach dem Grund für die allgegenwärtige Müdigkeit und der Angst vor dem Zeitenwandel. Mit ruhiger Meisterschaft und zuweilen hübsch altmodischen Worten inszeniert der Dichter Kreuzfahrten durch die Abgründe der Seelen seiner Antihelden. Alle stehen im Zeitgestöber und stolpern geradewegs zu ihrem Wendepunkt. Bei der Stadt-Streunerin Ines findet der sich mitten auf einer belebten Straßenkreuzung. Im Polizeibericht heißt es dazu: „Sie ging nach hinten nicht und nicht nach vorne.“ Mieder denkt sich in das Desaster seiner Figuren und lässt den Leser wissen, wo es ins Ungewisse geht. Eine Stimme aus dem Off verrät uns „Das wissen wir nicht…“, und so erfahren wir auch etwas von den Zweifeln des Autors. Wie schon in „Der Lord geht noch einmal auf Sendung“ werden uns absurde und phantastischen Geschichten erzählt, die allesamt präzise das gesellschaftskritische Warum analysieren. Lebensweise und desillusioniert. Die eine schrumpft auf ihren Kern, bis sie verstummt. Ein anderer schaut teilnahmslos auf diese irre Frau, die ihn mit einer Waffe bedroht. Der Schneefall hinter dem Fenster hatte ihn mehr überrascht. Den Kindern des Ameisenvereins wachsen Ameisenköpfe – wohl als letzter Versuch Aufmerksamkeit zu erhaschen? Wahrscheinlich. Ein Aussteiger lebt als Eremit im Wald und begegnet unverhofft seinem früheren Ich. Realität oder Fieberwahr? Wir wissen es nicht. Und auch nicht, weshalb der Leser eines antiquarischen Buches, den Anmerkungen seines Vorlesers verfällt und plötzlich nach Oppenheim aufbricht, um diesen Leser kennenzulernen. Stadtgestalten, denen wir, wenn wir genau hinschauen, überall begegnen können. Irgendwo haben sie die falsche Kurve genommen, einen bizarren Richtungswechsel erfahren und wurden so zu Menschen, die das System ausspuckte. Eckhard Mieder hat sich ihrer mit feinem Gespür angenommen. (pe)
Nach hinten nicht und nicht nach vorne von Eckhard Mieder, ISBN: 978-3-89793-333-0, Verlag am Park, 208 Seiten, Softcover, 16 €
Landwärts Poesie Der Gedichtband „Landwärts Sölle“ von Frank Martens
Aufs Land gehen, die Stille zu suchen. Sie zu finden, auszuschreiten und auszuhalten, sich umzusehen, sie ansehen, sich von ihr umarmen zu lassen, zu trösten – davon erzählt die freie Lyrik von Frank Martens. Seine Gedichte kommen einem leise und listig entgegen, wie auf einem langsamen Spaziergang durch die Jahreszeiten, durch Landschaft und ländliche Gemäuer. Vom Leben erfahren wir, von seiner Süße und seiner Beschwerlichkeit. Mit körperlichem Gespür wählt der Dichter seine Worte und es ist Akkuratesse, die seine natürliche Poesie entwickelt. Intuitiv und langsam. Es sind ruhige Mitteilungen von innen nach außen, von denen manche „…mit einem Ton wie dünnes Glas knackt oder das Rückgrat nach einem Streit“ (Seite 22). Die Rhythmik muss sich der Leser bei vielen dieser Gedichte selbst wählen, denn die Aneinanderreihung der Worte folgt nicht den klassischen Hebungen und Senkungen. Das verlangt vom Leser genaue Auseinandersetzung mit der geronnenen Ruhe in Martens‘ Lyrik – sehr ungewöhnlich, als hätte sie einen Input aus zeitgenössischer Musik bekommen.
Frank Martens (Jahrgang 1964) lebt heute in Krohnhorst und betreibt dort als Lehrer ein LandDojo. Er stammt aus dem Dorf Golzow bei Brandenburg. Martens studierte Bibliothekswesen in Leipzig und arbeitete in Bibliotheken, verschiedenen Redaktionen, einer Grafikagentur und in diversen Kulturprojekten. Weitere Informationen finden sich hier:
Sein Lyrikband „Landwärts Sölle“ erscheint im Januar 2022 in der Edition Rugerup und kostet 20 €, ISBN 978-3-942955-87-4
Wenn Micha Seidel singt, juckt einem ungebeten die Tanzsohle. Aber diese Scheibe „Seidel Singt, ziemlich beste Lieder“ ist viel mehr als „nur“ tanzbar. Manch‘ Liebeslied („Außer Dir“) hat das Potenzial zum Ohrwurm. In 14 Songs mischt der Süden sich mit dem Norden. Seidels musikalischer Kompass flimmert zwischen Polka-Pop („Wer weiß, wer weiß“), ein bisschen Rock, Klezmer („Die Reuse“) und Folk – Weltmusik mit charismatischen Texten. Da verschmelzen Pointen des Comedians mit dem Tiefsinn eines Liedermachers, zeichnet der Gehalt einer Landliebe Heimat im besten Sinne. Michael Seidel (bekannt durch Ex-Arbeiterfolk, Schauorchester Ungelenk oder als Frontmann von Polkaholix) hat sich in der Corona-Zeit eine Eigenproduktion (Musik und Texte) gegönnt (mutig!), bei der ihm große Musiker- und Künstlerfreunde mit ihren Talenten beistanden. Mit 58 Jahren schuf er so sein erstes Solo-Album. Gerade ist die CD bei BuschFunk erschienen. Möge es die Radiowelt wahrnehmen, denn diese Scheibe färbt sich aus dem Klang-Kosmos unserer Zeit. (pe)
Eine pralle Klangzeit, die aus der weiten Landschaft am schönen Wentowsee entsprungen ist.
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