KLAUSUR 2023

Das 1. Klausurstück:

Die verlorene Geschichte

Der Traum war greifbar. Elias Kühn wälzte sich verstört durch seine Bettlandschaft. Er war sich ganz gewiss, dass diese Geschichte, die eben noch seinen Traum berührte, irgendwo vergessen auf seinem Schreibtisch lag. Eine abgelegte Geschichte. Aber warum? Noch war ihm so, als müsste er nur tief genug in dem Stapel loser Blätter kramen, dann würde er sie wiederfinden. Worum ging es doch gleich? Der Traum hatte ihn mit einer Zeile verlassen, einer Zeile, die diese Geschichte vervollständigen würde. Aber sie war flüchtig, und der Zettel für Nachtgedanken auf dem Tisch neben dem Bett war leer. Das gibt es doch nicht, so eine wunderbare Zeile war das. Er spürte sie noch, aber wie lautete sie doch gleich? Ähm, er raufte sich die Haare und grübelte: irgendwas mit VERÄNDERUNG. Oh je, dachte Elias Kühn, VERÄNDERUNG konnte so vieles bedeuten. Wo anfangen, wo aufhören? In seinen 60 Lebensjahren hatte sich andauernd etwas verändert, und meistens war dieser Wandel nicht Verbesserung, sondern meist nur schriller, lauter, greller. Er kam aus der grauen Zeit, und heute spürte er, es waren seine goldenen Jahre. Ob seine Geschichte in jenen Tagen spielte? Doch wo war sie? Er schlurfte zu seinem großen Schreibtisch, der seit Einzug des Computers nur noch als Ablage diente, so gewaltig, dass sie mit dem Turmbau zu Babel durchaus mithalten konnte. Davor stand er nun und wuchtete die Stapel umgedreht vom Tisch auf den Fußboden und nahm mit dem ältesten das erste Blatt und las:

2. Januar 1979. Meine Goldfische sind erfroren. Alle. Auch die Guppys. Mutter hat das Aquarium vor die Haustür getragen und umgedreht, da rutschte der Inhalt als Eisblock in den Schnee. Sah schön aus, ist aber traurig. Als wir aus den Bergen zurückkehrten, waren die Wasserleitungen zugefroren und das Klo geborsten. Vor unserer Haustür lag eine mannshohe Schneewehe. Mutter und ich schippten mit knurrendem Magen, denn wir hatten eine 16stündige, verpflegungslose Heimfahrt hinter uns. Es dauerte, bis das Holzfeuer im Küchenofen den Raum erwärmte und Mutter eine Schneewasserbrühe mit eingeschlagenem Ei kochte, die besänftigte das Knurren…

Elias Kühn schmunzelte in seinen Graubart, er hatte schon als Junge alles und jedes aufgeschrieben und dabei gelernt, die Worte zu setzen. Und ja, das war der verrückteste Winter, den er jemals erlebte. Die Küstenorte waren wochenlang eingeschneit, es gab Tote, und in der Kohle liefen die Bagger heiß. Aber das war nicht die gesuchte Geschichte, und deshalb legte er das Stapelblatt zurück auf den großen Schreibtisch, um nach dem zweiten Blatt zu greifen.

Ein flammendes Liebesgedicht. Liebeshunger sprang aus diesen Zeilen. Ein wildes Beben. Ach herrje, dachte der Mann; der Herzschmerz eines Pubertiers. Fast war es ihm peinlich, dieses Gefühlschaos zu überfliegen. Aber dann fand er, weiter unten, diese kleine Geschichte.

Die roten Schuhe

Sie konnte Stiefeltrinken. Halleluja! Besser als die gesamte Fußball-Clique, die in der Kneipe „Zur Mühle“ immer samstags abfeierte, während im großen Saal die Disko aufheizte. Annelie stolzierte in ihren knallroten Clocks an der Tresenriege vorbei und rief dem Kneiper zu „Durst! Ein Potsdamer, bitte!“. Sie schwang sich in ihren hautengen Jeans auf einen Barhocker und warf ihr hüftlanges Weißhaar über die Schulter. Alle Augen berührten die Schöne. „Du kannst auch beim Stiefelsaufen mitmachen“, lud sie Eberhard, der Trainer ein, aber der erntete nur einen verächtlichen Augenaufschlag. Annelie war sich ihrer Wirkung durchaus bewusst, doch nie und nimmer würde sie sich mit einem Fußballer abgeben. Sie trank zügig ihr Bier-Fanta-Gemisch und wollte schon wieder zum Tanzen zurück, als sie der lange Jan anstachelte: „Du traust dich bloß nicht, Zuckerpuppe!“ Da hatte er was gesagt! Sie griff demonstrativ nach dem fast leeren Stiefel. Jan stellte noch klar: „Schwappt das Bier aus dem Schaft, zahlste die nächste Runde, und der Letzte vor dem Leertrinker muss einen Schnaps auf Ex schlucken. Alles klar?“ Annelie nickte und setzte die Neige an. Geschickt drehte sie das Bierglas ganz gleichmäßig und hielt so den Unterdruck im Fußbereich des Glases. Aber der Schluck war zu groß, sie musste absetzen und dass bedeutete: doppelter Wodka. Wie viele es wurden hatte schlussendlich nur der Wirt gezählt. Irgendwann waren alle entschwunden in die Sonnabendnacht. Ich schaffte es nur bis in den nächsten frisch gemähten Straßengraben. Als ich dort Sonntag früh erwachte schlich ich leichenblass nach Hause. Vor der Kirche standen zwei rote Schuhe. Ihre Schuhe! Fein säuberlich, wie vor ein Bett gestellt. Hier wird sie doch keiner klauen, dachte sich die betrunkene Schöne als letztes, und dann rannte sie barfuß heimwärts durch die Nacht. Der stille Verehrer trug sie ihr stillschweigend hinterher und stellte die Schuhe unbemerkt vor die Tür.

Ach, jung sein ist schwer – und so ungewiss. Wie schön wir waren, sahen wir erst später, auf den alten Fotos. Um nichts in der Welt wollte Elias Kühn noch einmal jung sein, und heutzutage schien ihm das noch weniger erstrebenswert. Dieser altkluge und genormte Moralismus, den die Jungen kompromisslos flaggen, für ihn unerträglich. Und die paar Schrillen daneben konnte er nicht ernstnehmen. Immer im Daueralarm, als würde ihnen gleich das letzte Stündchen schlagen. Was ist los mit dieser Zeit? Ausgeplündert, geheimnislos, am Ende aller Ziele? Bestimmt nicht. Er wünschte sich, die jugendliche Empörung würde sich in gestaltende Energie verwandeln, aber sie mündet immer nur im Nebel des Vergessens und dekadenter Langeweile.

Seine Gedanken wurden plötzlich schwer. Wie jäh auf wilde Aufbrüche entwürdigende Niedergänge folgen und die Protagonisten nur noch zu Zeitschatten werden. Kaum ein Blinzeln der Zeit dazwischen. Der Mann atmete tief. Auf das dunkelglänzende Holz seines Schreibtisches fiel spärliches Licht. Vorzeiten war das die Stunde der Großmuttergespräche in den Schulferien. Beschützt vom Dämmerlicht waren all seine kindlichen Fragen möglich. Kein Augenkontakt. Die Stille des Raums hörte ihn sagen: „Oma, gibt es einen Gott?“ und sie: „Ich weiß es nicht.“ Die Antwort der Kirchgängerin verblüffte ihn, und seither ahnte er, die Dämmerung ist das Portal zu den großen Rätseln und wundersamen Geschichten. Doch diese frühen Episoden von den welken Stapeln waren es nicht, nach denen er suchte, sie hatten es in keines seiner Bücher geschafft, er behielt sie nur aus Sentimentalität. Elias Kühn überlegte kurz, ob er sie nun endlich entsorgen sollte, doch dann wuchtete er die Stapel zurück auf das alte Möbel und entschloss sich in eine Wirtschaft zu gehen, um auf andere Gedanken zu kommen. Loslassen, sonst kreiselst du nur, sagte er sich, während er den Kragen hochschlug und in die Winterkälte trat.

Als er die Tür zum „Blauen Licht“ öffnete, schien die Wirtschaft dahinter zu dampfen. Der Abend war noch jung, aber die erste Gästerunde schien schon gut abgefüllt und tönte laut. Die Mädchenschicht, die hier am frühen Abend bediente, meist Studentinnen, kassierte höflich ab. Während die Belegschaft wechselte, torkelten die angetrunkenen Pärchen, die gleich nach ihrem Wochenendeinkauf mitsamt ihren Tüten hier hängen geblieben waren, nach Hause. Ihnen folgten Stunde um Stunde andere Falter nach. Jetzt hatten die Einzelgänger ihren leisen Auftritt, die gehen würden, wenn die Kino- und Theatergänger und die Freiberufler kamen. Ihnen folgten zur Mitternacht die harten Trinker und die Kiffer. Schichten, die sich nie begegneten oder nur streiften, obwohl sie ein- und dieselbe Kneipe besuchten. Elias Kühn kannte sie alle, denn er betrieb hier gerne beim Schoppen Roten seine Milieustudien. Aber heute suchte er einfach einen zum Reden. Er stand noch neben der Tür, bis sich die Szene entleerte und nur einen Menschen zurückließ, und eben der war der Richtige. Der Traumwanderer. Wolf starrte in den Schaum seines frischgezapften Bieres, als wollte er darin etwas Geheimes lesen, eine Botschaft oder was auch immer. Als er aufsah und Elias entdeckte, klarte sein Blick auf und er winkte ihn zu sich. „N‘abend.“  „Lange nicht gesehen“, begrüßtes ihn Elias Kühn und nahm ihm gegenüber Platz. „Wo hast du gesteckt? Hattest du den Schlüssel in deinem Bücherkabuff verlegt?“ Für Elias war der belesene Mann eine unermessliche Quelle zu seltenen Bücherschätzen, die er hortete, kaum dass er unter ihnen noch einen Lebensplatz fand. Wolfs müde Augen begannen hinter seiner Nickelbrille zu leuchten: „Nein. Ich hatte in Sachsen-Anhalt eine Orgel zu reparieren. Das war…“ Er wurde von der Wirtin Frau Graf unterbrochen. „Schoppen Roten?“ Sie blinzelte Elias Kühn dazu an, wie sie alle Männer anzwinkerte, die in ihr Beuteschema passten. Elias wusste, er würde irgendwann darauf zurückkommen, wenn er in Not wäre, heute nicht. Er bestätigte den Schoppen nur mit einem Nicken und sah wieder zu Wolf: „Hast du schon mal eine Geschichte verloren? Weiß du, ich bin mir plötzlich gar nicht mehr so sicher, ob ich diese Geschichte überhaut geschrieben oder nur geträumt habe.“
„Worum ging es darin?“ „Ich habe keinen Schimmer mehr.“ Wolf wippte seinen Zopfkopf, wie immer, wenn ihm eine bedenkliche Situation vertraut war, und sagte dann: „Ja, ja – die Wahr-Träume sind wie Kobolde. Es gibt da in Mannheim einen Schlafexperten, der meint: Wenn wir träumen, denken wir, dass wir wach sind und man müsse deshalb die Realität checken. Genauer gesagt: den Inhalt abklopfen.“ „Na fein“, murmelte Elias, „der ist vollkommen flüchtig, aber es ging um irgendeine Veränderung, glaube ich.“ Selbst darin war sich der Mann nicht sicher. „Mann, bist du nicht alt genug, um einfach darauf zu verzichten?“ „Es geht nicht,“ antwortete der graue Schreiber, „diese verschwundene Geschichte blockiert mich. Sie ist wie eine Warnung: Schau genau hin, diese Veränderung könnte dir gefährlich werden. Etwas in der Art.“ Wolf murmelte: „Steckt nicht in jeder Veränderung so eine Warnung, eine unbestimmte Furcht, aber doch auch der beflügelnde Mut des Aufbruchs? Sie bedingen einander, fließen zueinander, miteinander…“ „Schon, schon, aber, was bleibt am Ende wie auch am Anfang? Ein Verlust. Er gehört zum Wandel, wie der Tag zur Nacht. Weißt du noch, wozu wir 1989 aufgebrochen waren, wir Träumer, und was daraus wurde? Kein neues Land, nur ein größeres, mit Heerscharen von enterbten Kostgängern. Sowas brennt sich tief ein. Mir ist manchmal so, als hörte ich seither wirklich das Gras wachsen im politischen Stimmengewirr, als sehe ich vom Rand aus haarscharf ins Zentrum der Kampfzone. Weißt du was ich meine?“ Der Zopfmann blickte nickend in sein leeres Glas und nuschelte: „Menschlicher Seismograph.“ Er bestellte bei Frau Graf die nächste Getränkerunde, während Elias weitersprach: „Hm, ein Gespür für das atmosphärische Bioklima. Es geht um Teilhabe, Lebensglück, Akzeptanz, Stolz, Wohlbefinden…, es ist, als würde nach solchen gesellschaftlichen Beben der Spürsinn der Gescheiterten messerscharf. Eine Art Selbstbewahrung, die allerdings unbeweglich macht. Wenn man das Haus eines Mannes ausplündert, muss man sich nicht wundern, dass der die Schotten dicht macht.“ Die Männer tranken schweigend, und plötzlich wusste Elias Kühn, es gab diese verlorene Geschichte nicht als spezielle, einzelne Geschichte. All diese verstaubten Blätter auf seinem Schreibtisch und in seinem Herzen enthielten sie, seine verloren geglaubte Geschichte.                                                         

© Petra Elsner, 31. Januar 2023

Der wilde Garten (5)

Öffentliches Arbeiten an einer Geschichte (der Schluss):

… Wochen später erwachte Lenes Wunschgarten und die beiden Schläfer im Heu auch. Die zarten Krokusse sahen für den kleinen Blattträger und Flederlene mächtig wie bunte Bäume aus. Längst hatte die Verwandelte begriffen, nicht jede Wunschvorstellung lebt sich gut. Ja, das Fliegen war wundervoll, aber ansonsten war das Dasein sehr beschwerlich. Sie wollte lieber wieder ein Mensch sein und wie sie das bei sich dachte, wurde es wahr. Frau Lene verlor ihre roten Fledermausflügel und wuchs zu ihrer einstigen Gestalt und war fortan etwas vorsichtiger mit ihren Wunschträumen, denn sie wusste ja inzwischen, in diesem wilden Garten konnte alles wahr werden. Als das Maigrün sich entfaltete, sang dort das Leben sein schönstes Lied. Frau Lene sah, auch wenn sie wegen ihres Alters nicht mehr alle Winkel aufräumen konnte, dort, wo sie den Garten sich ihm selbst überließ, lebte die Natur besonders auf und der kleine grüne Blattträger bekam Gesellschaft: Rote Blattträger und weiße. Sie lebten in den Blätterteppichen unter den hohen Büschen und manchmal sprach Frau Lene mit ihnen und mit dem Dachs auch.

***

Und hier noch einmal die ganze Geschichte:

Der wilde Garten

Die Stille wisperte verschlafen und es war ihr, als würde dort jemand auf sie warten. An diesem dunklen Morgen entschied sich Lene, die reale Welt zu verlassen. Sie stieg aus der Rüstung und lief leichtfüßig, nur mit einem blauen Seidenhemd bekleidet, hinaus in den wilden Garten. Vorbei an den Holunderbüschen und den Kopfweiden. Aus den Kräuselblättern winkten ihr seltsame Wesen zu. Kleine fledermausartige Gestalten, bunt wie der Herbst. Auf der Mooswiese nah am Wald musste sie verschnaufen. Das Moos leuchtete samtig und der mächtige Haselnussstrauch wedelte mit seinem goldenen Laub. Es war weit im Oktober und doch noch sommerlich warm, aber wie lange noch? Sie wollte es nicht weiter bedenken, aber wie sie da so stand, fragte sie das Rotkelchen. „Wohin willst du so leicht bekleidet, Frau Lene? Der Nordwind wird doch bald eintreffen.“
Lene trat näher an den Vogel heran und streichelte sanft sein Gefieder: „Ach, ich bin so müde vom schweren Tragen.“
Das Rotkelchen zupfte sich drei Flaumfedern und sprach: „Schau, sie sind ganz leicht, aber sie werden dich wärmen, wenn es nötig wird.“ Lene dankte und ging weiter. Aus dem Unterholz knurrte es und Lene dachte, ach, Herr Dachs, gib nicht so an, aus dir wird nie ein Bär. Sie lächelte still in sich hinein als plötzlich eine eisige Böe durch das Gartenland jagte und alles schwärzte, was eben noch grün war. Lene schlotterte in ihrem dünnen Hemd. Schnell drückte sie die drei Flaumfedern fest an ihr Herz und schlagartig vermehrten sie sich und wuchsen zu einem dichten Federkleid. Jetzt konnte sie gehen, wohin sie wollte. Vom Fuß der Efeuhecke her hörte sie ein müdes Gähnen. Lene bückte sich und sah einen dicken Troll, der sich unter einem Moosbatzen zur Ruhe legte. Gleich daneben, kroch ein Igel in einen Blätterhaufen. Ein paar Elfchen flirrten noch im Strauchwerk, aber all die Kröten, Schlangen und die Regenwürmer krochen jetzt unter dem Steinhaufen tief in die Erde. Mit der nächsten Böe fegten die braunen Kräuselblätter vorbei, darin juchzten die bunten Flederwesen und riefen: „Komm mit, wir kennen einen Unterschlupf!“ Aber sie waren viel zu schnell, Frau Lene konnte ihnen nicht folgen. Fliegen müsste man können, dachte sie. Aber was war das? Ihr Hals, die Schultern, Arme, ihr ganzer Körper begannen zu jucken. Es war, als wollte etwas aus ihrer heraus und plötzlich begann sie zu wachsen und zu schrumpfen zugleich. Große, rote Flederarme wuchsen ihr, während ihre Gestalt klein wie ein Vogel wurde. Wie konnte das sein, wurde wahr, was sie gerade dachte? Ungeheuerlich. Aber als sie die Flügel hob, segelte sie mit dem nächsten Luftzug in die Höhe. Eine taumelnde Freude trug die Flederlene hoch in die dicken Schneewolken.

Es war kalt, unsagbar kalt. Leichter Schneefall setzte ein. Mit ihm sank sie taumelnd abwärts. Hunderte Augen sahen dem Trudeln zu. Sie hatten die Flederlene erwartet, die Grastrolle, die Moosmännchen, die Erdgnome, die Elfchen, das Nebelpferdchen und die Walddrachen – die ganze kleine Gesellschaft des Unterholzes. Kaum, dass sie sich noch bewegen konnte, landete sie steif und sah etwas Grünes auf sich zukommen.
„Darf ich bitten, Flederlene, komm näher, hier ist es trocken,“ wisperte der kleine Blattträger und reichte ihr mit einer sanften Geste die Hand. Sie hatte keine Kraft nachzufragen, woher und wohin. Vorsichtig und mit eingeschlagenen Flügeln trat sie schlotternd zu der grünen Gestalt und folgte ihr unter dem Blattschirm an den Rand einer gewaltigen Rinne, die ins Erdinnere führte.

„Unten ist es warm,“ meinte der kleine Blattträger und rutschte abwärts, sie folgte ihm vorsichtig in den tiefen, dunklen Schlund. Auf eine Ebene angekommen, rumste es plötzlich sehr gewaltig und eine riesige Gestalt stampfte um die Ecke: „Ah, Flederlene! Aus mir wird also nie ein Bär, ha, aber ein mächtiger König der Unterwelt, wie du siehst. Und hier bist du unerwünscht!“ Seine dunklen Augen funkelten und seine goldene Krone leuchtete. Der Dachs genoss den Augenblick seiner Macht, dann trat er mit seiner schweren Pfote so hart auf, dass der Boden in der Dachsburg brach. Unter lautem Getöse stürzten der kleine Grünling und das Flatterwesen mit dem Erdrutsch in einen tiefen, lichtlosen Abgrund. Es roch modrig als der Staub sich legte. Er hustete, sie schluchzte. Dann schwiegen beide starr vor Erschütterung. Lange. Nur die Stille hauchte Besänftigung. Als sie sich endlich rappelten, suchten sie tastend nach dem Ausgang aus der finsteren Erdkammer. Doch es gab keinen, sie saßen fest. Der kleine Blattträger legte sich schließlich erschöpft auf den Boden und bedeckte sich mit seinem großen Blatt: „Leg dich zu mir Flederlene. Wenigstens ist es warm, lass uns durch den Winter dämmern und auf das große Erwachen hoffen.“ Und so geschah es…

Ein Tropfenton, kaum hörbar und zerbrechlich, war das Erste, dass in die Kammer drang. Lene schlug die Augen auf und dachte: Ich lebe. Aber was hat mich nur geritten, mein Abenteuer im Winter zu beginnen? Vollständige Dunkelheit umgab sie und sie fühlte sich schwach wie ein Hauch, als es plötzlich überall raschelte, bröselte, scharrte, schlängelte, kroch. Alles, was der Boden vor Frost und Winterkälte schützte, erwachte von diesem Ton und strebte auf zum Licht. Das große Tauen begann und drängte zur Eile, denn in der Erdkammer sammelte sich das Wasser und stieg stetig an. Der kleine Blattträger spürte Lenes Aufregung und murmelte: „Keine Angst. Das Aufsteigen der Tiere ist unsere Chance hier rauszukommen. Hörst du die Regenwürmer husten?“ Flederlene spürte jetzt, wie sich der Boden neben ihren Füßen wölbte. Ein Maulwurf entstieg dem Erdhügel, streckte sich und grub hastig seine Röhre durch die Kammerdecke weiter. „Schnell, wir klettern ihm nach“, flüsterte der Grünling und rollte sein Blatt zusammen. Es war beschwerlich unter den Kieselschlägen dem Maulwurf zu folgen und es dauerte, bis sie die Oberfläche erreichten. Aber sie schafften es. Doch was war das? Als sie dem verschütteten Teil der Dachsburg entkommen waren, ging der Regen in Schneefall über und in der Dämmerung zog der Frost wieder an. „Fehlstart!“ riefen die atemlosen Wiesenwürmer und kehrten schimpfend wieder um. „Scheiß Klimawandel!“ maulte der Maulwurf und verschwand unter der Erde.
Schlotternd standen die beiden beim alten Haselnussbusch und Flederlene sah, der Strauch begann gerade zu blühen. „Ach, kleiner Blattträger, es ist erst Februar, der Winter wärt noch. Es war nur eine Warmfront, die uns den Frühling vorgaukelte. Lass uns ein trockenes Plätzchen im Scheunenheu suchen.“ Auf dem Weg dorthin, sah sie, wie viel die Gärtnerin vor dem Winter nicht geschafft hatte. Überall lagen dicke Blätterteppiche und die Weiden waren nicht beschnitten. „Der Garten sieht wild aus“, murmelte sie. Der kleine Blattträger hatte sie dennoch gehört und antwortete: „Gut so, das gibt ihm neue Kraft. Sorge dich nicht, es geht ihm und seinen Bewohnern bald viel besser, du wirst sehen.“

Wochen später erwachte Lenes Wunschgarten und die beiden Schläfer im Heu auch. Die zarten Krokusse sahen für den kleinen Blattträger und Flederlene mächtig wie bunte Bäume aus. Längst hatte die Verwandelte begriffen, nicht jede Wunschvorstellung lebt sich gut. Ja, das Fliegen war wundervoll, aber ansonsten war das Dasein sehr beschwerlich. Sie wollte lieber wieder ein Mensch sein und wie sie das bei sich dachte, wurde es wahr. Frau Lene verlor ihre roten Fledermausflügel und wuchs zu ihrer einstigen Gestalt und war fortan etwas vorsichtiger mit ihren Wunschträumen, denn sie wusste ja inzwischen, in diesem wilden Garten konnte alles wahr werden. Als das Maigrün sich entfaltete, sang dort das Leben sein schönstes Lied. Frau Lene sah, auch wenn sie wegen ihres Alters nicht mehr alle Winkel aufräumen konnte, dort, wo sie den Garten sich ihm selbst überließ, lebte die Natur besonders auf und der kleine grüne Blattträger bekam Gesellschaft: Rote Blattträger und weiße. Sie lebten in den Blätterteppichen unter den hohen Büschen und manchmal sprach Frau Lene mit ihnen und mit dem Dachs auch.              
© Text/Illus: Petra Elsner

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Der wilde Garten (4)

Öffentliches Arbeiten an einer Geschichte:

…Ein Tropfenton, kaum hörbar und zerbrechlich, war das Erste, dass in die Kammer drang. Lene schlug die Augen auf und dachte: Ich lebe. Aber was hat mich nur geritten, mein Abenteuer im Winter zu beginnen? Vollständige Dunkelheit umgab sie und sie fühlte sich schwach wie ein Hauch, als es plötzlich überall raschelte, bröselte, scharrte, schlängelte, kroch. Alles, was der Boden vor Frost und Winterkälte schütze, erwachte von diesem Ton und strebte auf zum Licht. Das große Tauen begann und drängte zur Eile, denn in der Erdkammer sammelte sich das Wasser und stieg stetig an. Der kleine Blattträger spürte Lenes Aufregung und murmelte: „Keine Angst. Das Aufsteigen der Tiere ist unsere Chance hier rauszukommen. Hörst du die Regenwürmer husten?“ Flederlene spürte jetzt, wie sich der Boden neben ihren Füßen wölbte. Ein Maulwurf entstieg dem Erdhügel, streckte sich und grub hastig seine Röhre durch die Kammerdecke weiter. „Schnell, wir klettern ihm nach“, flüsterte der Grünling und rollte sein Blatt zusammen. Es war beschwerlich unter den Kieselschlägen dem Maulwurf zu folgen und es dauerte, bis sie die Oberfläche erreichten. Aber sie schafften es. Doch was war das? Als sie dem verschütteten Teil der Dachsburg entkommen waren, ging der Regen in Schneefall über und in der Dämmerung zog der Frost wieder an. „Fehlstart!“ riefen die atemlosen Wiesenwürmer und kehrten schimpfend wieder um. „Scheiß Klimawandel!“ maulte der Maulwurf und verschwand unter der Erde.
Schlotternd standen die beiden beim alten Haselnussbusch und Flederlene sah, der Strauch begann gerade zu blühen. „Ach, kleiner Blattträger, es ist erst Februar, der Winter wärt noch. Es war nur eine Warmfront, die uns den Frühling vorgaukelte. Lass uns ein trockenes Plätzchen im Scheunenheu suchen.“ Auf dem Weg dorthin, sah sie, wie viel die Gärtnerin vor dem Winter nicht geschafft hatte. Überall lagen dicke Blätterteppiche und die Weiden waren nicht beschnitten. „Der Garten sieht wild aus“, murmelte sie. Der kleine Blattträger hatte sie dennoch gehört und antwortete: „Gut so, das gibt ihm neue Kraft. Sorge dich nicht, es geht ihm und seinen Bewohnern bald viel besser, du wirst sehen.“…

Der wilde Garten (3)

Öffentliches Arbeiten an einer Geschichte:

…„Unten ist es warm,“ meinte der kleine Blattträger und rutschte abwärts, sie folgte ihm vorsichtig in den tiefen, dunklen Schlund. Auf eine Ebene angekommen, rumste es plötzlich sehr gewaltig und eine riesige Gestalt stampfte um die Ecke: „Ah, Flederlene! Aus mir wird also nie ein Bär, ha, aber ein mächtiger König der Unterwelt, wie du siehst. Und hier bist du unerwünscht!“ Seine dunklen Augen funkelten und seine goldene Krone leuchtete. Der Dachs genoss den Augenblick seiner Macht, dann trat er mit seiner schweren Pfote so hart auf, dass der Boden in der Dachsburg brach. Unter lautem Getöse stürzten der kleine Grünling und das Flatterwesen mit dem Erdrutsch in einen tiefen, lichtlosen Abgrund. Es roch modrig als der Staub sich legte. Er hustete, sie schluchzte. Dann schwiegen beide starr vor Erschütterung. Lange. Nur die Stille hauchte Besänftigung. Als sie sich endlich rappelten, suchten sie tastend nach dem Ausgang aus der finsteren Erdkammer. Doch es gab keinen, sie saßen fest. Der kleine Blattträger legte sich schließlich erschöpft auf den Boden und bedeckte sich mit seinem großen Blatt: „Leg dich zu mir Flederlene. Wenigstens ist es warm, lass uns durch den Winter dämmern und auf das große Erwachen hoffen.“ Und so geschah es…

Der wilde Garten (2)

Öffentliches Arbeiten an einer Geschichte:

… Es war kalt, unsagbar kalt. Leichter Schneefall setzte ein. Mit ihm sank sie taumelnd abwärts. Hunderte Augen sahen dem Trudeln zu. Sie hatten die Flederlene erwartet, die Grastrolle, die Moosmännchen, die Erdgnome, die Elfchen, das Nebelpferdchen und die Walddrachen – die ganze kleine Gesellschaft des Unterholzes. Kaum, dass sie sich noch bewegen konnte, landete sie steif und sah etwas Grünes auf sich zukommen.
„Darf ich bitten, Flederlene, komm näher, hier ist es trocken,“ wisperte der kleine Blattträger und reichte ihr mit einer sanften Geste die Hand. Sie hatte keine Kraft nachzufragen, woher und wohin. Vorsichtig und mit eingeschlagenen Flügeln trat sie schlotternd zu der grünen Gestalt und folgte ihr unter dem Blattschirm an den Rand einer gewaltigen Rinne, die ins Erdinnere führte…

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Der wilde Garten (1)

Öffentliches Schreiben einer Geschichte.

Vorab: Dieses Schreiben wird langsamer voranschreiten, denn für diese Geschichte will ich mehr zeichnen als gewöhnlich. In den nächsten Tagen reisen wir ins Erzgebirge. Auch daher wird es  ein kurzes Weilchen hier keinen Zuwachs geben, aber schaut, soweit bin ich inzwischen:

Die Stille wisperte verschlafen und es war ihr, als würde dort jemand auf sie warten. An diesem dunklen Morgen entschied sich Lene, die reale Welt zu verlassen. Sie stieg aus der Rüstung und lief leichtfüßig, nur mit einem blauen Seidenhemd bekleidet, hinaus in den wilden Garten. Vorbei an den Holunderbüschen und den Kopfweiden. Aus den Kräuselblättern winkten ihr seltsame Wesen zu. Kleine fledermausartige Gestalten, bunt wie der Herbst. Auf der Mooswiese nah am Wald musste sie verschnaufen. Das Moos leuchtete samtig und der mächtige Haselnussstrauch wedelte mit seinem goldenen Laub. Es war weit im Oktober und doch noch sommerlich warm, aber wie lange noch? Sie wollte es nicht weiter bedenken, aber wie sie da so stand, fragte sie das Rotkelchen. „Wohin willst du so leicht bekleidet, Frau Lene? Der Nordwind wird doch bald eintreffen.“
Lene trat näher an den Vogel heran und streichelte sanft sein Gefieder: „Ach, ich bin so müde vom schweren Tragen.“
Das Rotkelchen zupfte sich drei Flaumfedern und sprach: „Schau, sie sind ganz leicht, aber sie werden dich wärmen, wenn es nötig wird.“ Lene dankte und ging weiter. Aus dem Unterholz knurrte es und Lene dachte, ach, Herr Dachs, gib nicht so an, aus dir wird nie ein Bär. Sie lächelte still in sich hinein als plötzlich eine eisige Böe durch das Gartenland jagte und alles schwärzte, was eben noch grün war. Lene schlotterte in ihrem dünnen Hemd. Schnell drückte sie die drei Flaumfedern fest an ihr Herz und schlagartig vermehrten sie sich und wuchsen zu einem dichten Federkleid. Jetzt konnte sie gehen, wohin sie wollte. Vom Fuß der Efeuhecke her hörte sie ein müdes Gähnen. Lene bückte sich und sah einen dicken Troll, der sich unter einem Moosbatzen zur Ruhe legte. Gleich daneben, kroch ein Igel in einen Blätterhaufen. Ein paar Elfchen flirrten noch im Strauchwerk, aber all die Kröten, Schlangen und die Regenwürmer krochen jetzt unter dem Steinhaufen tief in die Erde. Mit der nächsten Böe fegten die braunen Kräuselblätter vorbei, darin juchzten die bunten Flederwesen und riefen: „Komm mit, wir kennen einen Unterschlupf!“ Aber sie waren viel zu schnell, Frau Lene konnte ihnen nicht folgen. Fliegen müsste man können, dachte sie. Aber was war das? Ihr Hals, die Schultern, Arme, ihr ganzer Körper begannen zu jucken. Es war, als wollte etwas aus ihrer heraus und plötzlich begann sie zu wachsen und zu schrumpfen zugleich. Große, rote Flederarme wuchsen ihr, während ihre Gestalt klein wie ein Vogel wurde. Wie konnte das sein, wurde wahr, was sie gerade dachte? Ungeheuerlich. Aber als sie die Flügel hob, segelte sie mit dem nächsten Luftzug in die Höhe. Eine taumelnde Freude trug die Flederlene hoch in die dicken Schneewolken…

Und hier geht’s zurück zum Adventskalender.

Eine Geschichte entsteht…

Öffentliches Schreiben:

Der Elfenschrat (1)

Das Winterhäuschen knarrte und knisterte im ruppigen Novemberwind, und die Türschwelle wuchs wieder ein bisschen in der kalten Feuchte. Dadurch knarrte das Türöffnen so mächtig, als wollte ein Elfenschrat dem Holz entspringen. Einer, der schon hundert Jahre in dem Holz wohnt und darüber klagt. Plattgeschlagen von einer alten Eiche im Schorfheidewald. Er hatte den Waldarbeitern beim Baumfällen und Köhlern zugeschaut, und just, als diese Eiche fiel, war er nicht achtsam genug. Da hat es ihn hineingepresst in dieses Holz – auf Ewigkeit. Immer, wenn es Winter wird, jammert der Elfenschrat besonders laut aus diesem Holz.
Wenn ich sein Abbild finde, kann ich ihn vielleicht erlösen, dachte sich die Hausmaus Hermine unter den Dielen, denn dieses Schrammen war ihr einfach zu laut.
Sie kroch durch das Loch neben dem Heizungsrohr in die Oberwelt und besah sich die schnarrende Pforte. Es war tiefste Nacht, längst schliefen die Hausbewohner tief und fest, nur Hermine konnte kein Auge schließen. An einer Fuge kletterte sie aufwärts und besah sich Schritt für Schritt die Maserung der alten Eichentür. Irgendwo muss es ihn doch hineingepresst haben. Eine Mausbreite aufwärts, eine Mausbreite abwärts und so weiter, Stückchen für Stückchen hangelte sie sich auf und nieder. Die Maus kam ins Schwitzen, doch sie hatte gerade erst die Hälfte der Tür genau inspiziert, als es plötzlich kicherte. „Nicht, das kitzelt doch!“ Hermine hielt inne und kletterte vorsichtig ein paar Schritte zurück: „Wo steckst du?“ Offenbar war sie zu nahe dran, um gut zu sehen. „Hi, hi, hi, hi.“, kicherte es wieder, und Hermine entdeckte ein uraltes Auge, das schlaff blinzelte…

Der Goldene (3)

Öffentliches Arbeiten – der Schluss.   

…Vor Kälte zitternd fand ihn der Rabe. „Du gehst sehr leichtsinnig mit meinen Geschenken um!“, schimpfte der Vogel. „Den Glanz der goldenen Blätter sollst du in die Welt tragen, um den Menschen vor der kargen Winterzeit noch eine pralle Freude zu bringen. Du hast ihn nicht bekommen, um dich darin allein zu sonnen!“ Der Rabe war höchst ärgerlich und murrte vor sich hin. „Wie kann man nur so seinen Daseinsgrund verpennen, nein aber auch!“  Aurel schlotterte und ihn packte die Scham als er bat: „Verzeih mir bitte, es soll nie wieder vorkommen.“ Da rief der Rabe nach seinen Brüdern vom goldenen Reif. Gemeinsam zupften sie sich die Farben des Jahres aus dem Gefieder und schenkten dem Herbstmann daraus ein neues Gewand, dessen Pracht mit ihm in die Landschaft wehte. Spät zwar, aber besonders schön.

Der Goldene. Hier die ganze Geschichte im Zusammenhang:

Der bunte Schläfer drehte sich noch einmal in seinen Wolkenkissen auf die Herzseite. Ein Zwielicht streichelte sein funkelndes Haupt. Es konnte ihm noch nicht flüstern, ob der Tag noch Sommer oder schon Herbst werden wollte. Nachts hatte es den ersten Frost gegeben und die Hirsche röhrten majestätisch im kalten Mondlicht. Doch Aurel fühlte sich nicht gerufen. Er schlummerte genüsslich, wie alle jene, die gerade den Wecker ausgeschaltet haben, um sich noch eine kleine Zugabe zu gönnen. Längst müsste der Herbstmann walten, denn der September war weit vorangeschritten und die Herbstsonne stand schon tief.
Der Hüter des Jahres war besorgt und stieß seinen Rabenreif an. Die vier Raben erwachten, reckten ihre Köpfe und krächzten: „Was ist zu tun?“ Der Maigrüne, der Mohnrote, der Goldene und der Schneeweiße sahen erwartungsvoll zu ihrem Herrn. Der raunte ernst: „Goldener, dein Herbstmann verschläft seinen Auftritt. Du musst ihn aufstöbern, damit er seine Aufgaben verrichtet. Spute dich, es eilt!“
Der Rabe erhob sich sogleich und spähte bei seinem Flug nach Aurel zwischen all dem bunten Laub auf der Erde. Irgendwo dort unten musste er doch stecken. Aber der Herbstmann schlief noch in den Wolken. Sein Blattgewand färbte sich indes von Rot zu Orange und schließlich golden. Das war die Zeit, in der Aurel besonders gefährdet war, denn sein Glanz weckte Begehrlichkeiten, was er sehr bald zu spüren bekommen sollte. Am Horizont zog ein wildes Wetter auf und in dem Sturm jagten die Wolkenreiter nach allem was edel funkelte. Das Windrauschen weckte den Schläfer, aber schon stachen die Blitze der Wolkenreiter nach seinem Blattgoldgewand. Kaum, dass er sich erheben konnte, hatten sie ihm seine ganze Pracht entrissen und ließen ihn vollkommen nackt zurück.
Vor Kälte zitternd fand ihn der Rabe. „Du gehst sehr leichtsinnig mit meinen Geschenken um!“, schimpfte der Vogel. „Den Glanz der goldenen Blätter sollst du in die Welt tragen, um den Menschen vor der kargen Winterzeit noch eine pralle Freude zu bringen. Du hast ihn nicht bekommen, um dich darin allein zu sonnen!“ Der Rabe war höchst ärgerlich und murrte vor sich hin. „Wie kann man nur so seinen Daseinsgrund verpennen, nein aber auch!“  Aurel schlotterte und ihn packte die Scham als er bat: „Verzeih mir bitte, es soll nie wieder vorkommen.“ Da rief der Rabe nach seinen Brüdern vom goldenen Reif. Gemeinsam zupften sie sich die Farben des Jahres aus dem Gefieder und schenkten dem Herbstmann daraus ein neues Gewand, dessen Pracht mit ihm in die Landschaft wehte. Spät zwar, aber besonders schön.

© Petra Elsner

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Der Goldene (2)

Öffentliches Arbeiten: Ein Märchen entsteht:

…Der Rabe erhob sich sogleich und spähte bei seinem Flug nach Aurel zwischen all dem bunten Laub auf der Erde. Irgendwo dort unten musste er doch stecken. Aber der Herbstmann schlief noch in den Wolken. Sein Blattgewand färbte sich indes von Rot zu Orange und schließlich golden. Das war die Zeit in der Aurel besonders gefährdet war, denn sein Glanz weckte Begehrlichkeiten, was er sehr bald zu spüren bekommen sollte. Am Horizont zog ein wildes Wetter auf und in dem Sturm jagten die Wolkenreiter nach allem was edel funkelte. Das Windrauschen weckte den Schläfer, aber schon stachen die Blitze der Wolkenreiter nach seinem Blattgoldgewand. Kaum, dass er sich erheben konnte, hatten sie ihm seine ganze Pracht entrissen und ließen ihn vollkommen nackt zurück…

Kerzen in der Stadtbahn (4)

Öffentliches Schreiben einer Kurzgeschichte:
Er hatte sich verspätet, Irenes Schutzengel. Er war nie wirklich so pünktlich, wie er sollte. Auch unter den Engeln gab es nachlässigere Gewächse. Doch glücklicherweise hatte das Mädchen die Heilige Nacht allein überstanden und nun war er an ihrer Seite. Unsichtbar saß er im Sessel in der Leseecke und wachte.
Irene lugte in den duftenden Stoffbeutel, frische Schrippen und eine Streuselschnecke. Wunderbar! Sie liebte diese tellergroßen Schnecken. Das Mädchen schloss das Fenster und sah, unten auf dem Gehweg schlenderte Herr Kronberg. Ob er den Beutel an die Tür gehängt hatte? Egal.
Irene frühstückte und sprach mit vollem Mund mit dem Schreibblock:
„Moin, moin, schmeckts Euch auch?“
Wieder räusperte sich die väterliche Stimme und erklärte: „Deine Mutter hat Früchtebrot gebacken. Ist köstlich wie jedes Jahr.“
„Oh, Mann, Früchtebrot! Aber stellt euch mal vor, heute Morgen hat mir jemand ganz frische Schrippen und eine Streuselschnecke an die Tür gehängt – in einem wunderschönen Stoffbeutel.“
„Du weißt nicht von wem die sind und isst sie?“
„Ja, Mama, sei nicht so vorwurfsvoll. Es hat nur jemand an mich gedacht. Vielleicht der nette Herr Kronberg, der nebenan eingezogen ist.“
„Die Wohnung nebenan ist unbewohnt. Gesperrt wegen Rohrbruch, der den ganzen Fußboden ruiniert hatte. Dieser Herr Kronberg ist -,“ die Mutterstimme brach ab und Irene trieb ein Verdacht hinaus aus der Wohnung. Sie sprang die Treppe hinauf in den dritten Stock und klingelte bei Familie Krause. Die Nachbarin öffnete: „Ah, Irene. Frohe Weihnachten.“
„Ja, frohe Weihnachten. Frau Krause, ich will nicht stören, nur eine Frage: Ist in der Wohnung neben uns ein neuer Mieter eingezogen?“
Die Krause schüttelte den Kopf. „Die Wohnung muss erst saniert werden. Wenn da einer reingeht, dann ist er vielleicht von der Versicherung oder ein Klempner.“
Irene setzte düster nach: „Oder – einer von der Firma.“
„Wer weiß“, murmelte Frau Krause verhalten. „Ist sonst noch was?“
„Nein danke.“ Die Tür schloss sich wieder und Irene, wusste plötzlich nicht, was sie tun sollte. Wut stieg in ihr auf. Der hatte sie einfach frech angelogen. Sie klingelte Sturm bei Kronberg, aber niemand öffnete.

Sie hastete zurück in die elterliche Wohnung zu ihrem Blockdialog. Sie schrieb und sprach: „Mama, ich glaube, der Kronberg ist mein Schatten!“
„Und von dem nimmst du Brötchen an?“
„Sie sind von mir“, flüsterte der Engel. Irene sah erschrocken in die Leseecke. Dort war nichts. „Werd‘ ich jetzt irre, wer spricht da?“, schrie sie in den Raum. Da schimmerte der Engel in seiner Gestalt. Lessig saß er da in einem grünen Kapuzenmantel. Braune Locken fielen bis zu seinen schmalen Schultern und er schaute mit einem sanftmütigen Blick, der Irene an ihren Lieblingsbeatle George Herrison erinnerte.
„Mir wurde gesagt, mit Streuselschnecken kann man dich trösten. Ich bin Raphael und werde über Weihnachten Dein Schutzengel sein.“
Für Irene war das im Augenblick alles ein bisschen viel. Missgestimmt fragte sie barsch: „Und, wo warst du gestern?“
„Ich hatte verschlafen.“
„Die Heilige Nacht?“
„Ja.“
„Na sowas.“
„Wenn ich störe, bleibe ich unsichtbar.
„Ja, bitte.“
Der Engel atomisierte sich und Irene tippte mit dem Stift auf ihren Schreibblock: „Vati, Mama, ich bin nicht mehr allein. Ich habe jetzt einen Schatten und einen Engel.“ Der Schreibblock schwieg.

Sie musste raus. Abends fuhr Irene wieder S-Bahn und sprang von Wagon zu Wagon. Sich an Leuten sattsehen und ihnen Kerzenlicht spendieren. Diesmal war es schwieriger ihre Weihnachtslichter unbemerkt aufzustellen. Himmel und Menschen waren unterwegs und schleppten Geschenke von A nach B. Doch Irene fand stets diesen kleinen unbemerkten Moment oder war da wer, der sie abschirmte? „Raphael?“ flüsterte sie. Der Engel stand direkt neben ihr und lächelte. Und da noch einer, der sie beobachtete. Dieser Kurt Kronberg. Als sie ihn entdeckte, kam er auf sie zu und reichte ihr wieder ein Telegramm. „Sie sind wohl unter die Briefträger gegangen?“ zischte ihn Irene an. Dann las sie unter Freudentränen: „Komme morgen mit dem Zug, Mama“. Der Schatten verschwand, der Engel aber begleitete sie durch die Nacht.
                                                                         ***
© Petra Elsner

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