Morgenstunde (1089. Blog-Notat)

An guten Tagen sollte man vorsorgen und Dinge tun, die einem nicht so leicht von der Hand gehen. Gestern war so ein Tag. Da ja klar ist, dass ich kein biblisches Alter erreichen kann, habe ich gestern für meinen Liebsten „Unser Kochheft“ geschrieben und gebunden. Darin stehen nur Gerichte, wie ich sie koche oder erfunden habe, damit er, der Nichtkoch, was er besonders mochte, selbst anrichten KANN, wenn er denn will und keine andere übernimmt. Wer weiß das schon und es ginge mich dann auch nichts mehr an.
Als mein allerliebster Malergroßvater mit kaum 65 Jahren Witwer wurde, war er ein Weilchen in meinem Elternhaus, wo seine Tochter, meine Mutter, ihn versuchte am Leben zu halten. Es war schwer und er litt unendlich. Aber seltsamerweise aß er plötzlich Dinge, die er wegen eines Magenleidens, Langezeit nie vertrug. Wahrscheinlich schleppte er zu viel, denn Großmutter Marie hatte schon als junge Frau eine belastende Herzschwäche.
Als er nach Wochen zurück in die Lausitz fuhr, nahm er sich ein Herz, kaufte rote Rosen und besuchte eine alte Nachbarin. Frieda war einen Kopf größer als er und Kriegswitwe, damals mit fünf Kindern, die längst aus dem Haus waren. Sie war eine gute Seele und großartige Köchin.  Großvater hat vielleicht einen Slibowitz zuvor genommen, bevor er es wagte, bei ihr zu klingeln. Er muss Eindruck geschunden haben, denn Frieda zog umgehend zu ihm und kochte fortan, was ihn am Leben hielt. Weitere 20 Jahre – immerhin. Man soll seinem Bauchgefühl folgen und wenn mein Liebster das Heft nicht brauchen sollte, dann bleibt es halt im Spint. Aber er könnte nun nachsehen, wenn er denn wollte. Ich habe es ihm abends gegeben und er wusste warum…

Morgenstunde (1088. Blog-Notat)

Im Hof plätschert der sonnengebleichte Minisolarbrunnen in einer vielleicht hundertjährigen Brotbackschüssel aus Ton. Dem Wasserspiel zuzusehen macht ruhig, ähnlich wie das Schauen in ein Lagerfeuer. Ich kann mich nicht entsinnen, wann ich jemals so still bei mir war. Nicht getrieben von irgendwas. Seit Tagen ist das schon so. Erst hat es mich irritiert, dann begann ich den Zustand zu genießen. Mir scheint, es ist ein Erholungseffekt. Ich habe ein bemerkenswertes Buch nachmittags in den Händen, dass zu dieser Stimmung passt: Erika Pluhar „Spät aber doch“. Luisa und Heinrich treffen sich nach gut siebzig Jahren wieder und beginnen etwas Neues. Dieser hübsch altmodische Klang der Gespräche zwischen den beiden, trägt einen Singsang in sich, der mich beim Lesen ständig lächeln lässt. Da kommen zwei zusammen, die sich ihre Leben erzählen und bemerken, dass ihre Liebe zueinander alles überdauert hat. Wie schön. Mein Liebster schleudert heute den letzten Honig ab. Es herbstelt also, genießt den schönen Rest vom Sommer…

Morgenstunde (1087. Blog-Notat)

Was mich entkräftet in dieser Zeit, ist die Leier der Worte. In jedem Nachrichtenblock bekommen wir sie auf die Ohren: Tramp, Zölle, Ukrainekrieg, Putin, AFD… sie verschleißen sich und machen stumpf. Das Smartphone warnt schon am Morgen „Unwetterwarnung: Moderate Gefahr durch hohe Temperaturen.“ „Moderat“ – das heißt: weder leicht noch schwer, sondern irgendetwas dazwischen. Es ist ein heißer Hochsommertag und man warnt uns, ihn unbeschwert zu leben. Sie ist geblieben: Die Angstmache. Seit Corona haben wir sie allerorten und auch die Aufgescheuchten. Kommt einer mit Sack und Pack zurück in sein Heimatdorf, weil: „In Berlin fallen ja jetzt gleich die Bomben…“ Die Medien haben vergessen, mit Verantwortungsgespür zu berichten. Stattdessen torpedieren sie die Menschen mit den Macht-Exzessen der globalen Welt. Wenn die Zeiten gefährlich sind, sollte man nicht den Lebensmut der Menschen untergraben und Hysterie schüren. Hach…

Morgenstunde (1086. Blog-Notat)

Der wilde Wein blüht und es brummt darin ganz wild. Nicht nur wir genießen die ersten Sonnentage im August. Ein paar Gartenwinkel haben wir schon aufgeräumt. Der üppige Rest, nun, je nach dem, wenn es gleich wieder regnen sollte, wird’s nüscht, wenn sonnig bleibt, schaffen wir es vielleicht wieder Grund reinzubekommen – vielleicht😊. Es gibt ja auch noch anderes: Kunst & Kochen. Ach, ich bin stolz auf mich, habe mir innerhalb von fünf Wochen 2 Kilos angefuttert und ich hoffe, ich schaffe noch 2 oder 3 weitere, dann wären es 50 Kilo. Schokolade (die ich sonst nicht brauche) und ein zweites Abendbrot bringen endlich wieder etwas auf die Rippen. Vielleicht gibst dann auch wieder etwas mehr Kraft…
Schönes Wochenende allerseits!

Morgenstunde (1085. Blog-Notat)

An manchen Tagen wird es mir Himmelangst. Inmitten eines anstiftenden Infekts beispielsweise (wie Ende Mai), worin das Hirn hämmert: ist dieser elende COPD-Zustand jetzt der Status Quo oder wird es wieder besser? Es weiß ja niemand, denn diese schlimmen Schübe können auch tödlich enden. Sprechen will kein Arzt darüber. Lebenserwartung? Es ist ein bisschen wie: Schau ‘n wir mal… Es gibt in meiner Umgebung niemanden, der sich mit den Schüben dieser Lungenkrankheit auskennt. So ist das für mich jedes Mal ein einsamer Kraftakt wieder auf die Beine zu kommen. Geistig einsam meine ich, denn emotionalen Beistand habe ich schon von meinem Liebsten.  Die langfristige Behandlung (seit 18 Jahren) mit dem entzündungshemmenden Kortison führt darüber hinaus zu Nebenwirkungen, die irgendwann das Heft übernehmen. Muskelschwund, Pergamenthaut, weiche Knochen… Die Perspektive ist nicht rosig, aber das bedrückt mich nicht ständig. Kaufen wir erst einmal noch einen Gartenstuhl für einen weiteren Verschnaufstopp bei (unter) der Linde und eine weichere Matratze, an der ich mich nicht so schnell verletze… Man glaubt es kaum, aber man kann sich durch das Streifen über Stoff diese dünne Haut verletzen. Möge man es mir verzeihen, wenn ich manchmal jaule…

Morgenstunde (1084. Blog-Notat)

Das Wetterklagen wird lauter. Erst war es nur ein grummeliges Murren, jetzt, nach fünf Regenwochen fluchte ich schon ab und zu lauthals „Scheißwetter!“. Dieses Fluchen ist gefühlt überall und fügt sich in die bissige Gesellschaftslaune. Bei Ulf Poschardt lese ich „Der Shitbürger ist ein Schönwettermatrose. In Zeiten ohne Not und Elend blüht er auf und widmet sich der Moralbewirtschaftung…“. Habe sein Essay „Shitbürgertum“ erst halb durch. Da will manches verdaut werden, aber seine Denkansätze und Analysen inspirieren und entlarven verquere Entwicklungen. Kein Wunder, das die verletzten Aufschreie so laut sind. Es ist halt eine Streitschrift, die Aufrütteln will. Und mal ehrlich, ist schon einmal eine intellektuelle Riege angetreten, um eine Hochkultur zu entkernen? Welch Selbsterhebung über alles was war! Eine Anmaßung. Nun, heute sind ein paar Sonnenstrahlen versprochen, da lege ich das Buch mal kurzweilig beiseite, bis zum nächsten Regenschauer…  😊

Morgenstunde (1083. Blog-Notat)

Mehr als 200 Liter Regen hatten wir im Juli. Diese andauernde Nässe trübt nicht nur den Sommer: Im Tomatenhäuschen zeigt sich inzwischen Braunfäule und die Gurken wachsen erst gar nicht. An den fünf Apfelbäumen hängt ein ganzer Apfel… (Frostwind im Mai).  Die Sandgärtnerin hat augenblicklich wenig Erntefreuden. Also hake ich das Thema schon mal für dieses Jahr ab, es nützt nichts, der Mühe nachzutrauern… Die Energie wird anderweitig gebraucht. Ich habe gerade wirklich Spaß daran, meine Lyrik-Krümel mit vorhandenen Spachtelarbeiten zu verschmelzen. Dabei entsteht etwas Neues: „Gestaltete Lyrik“, die sich so oder so in meinen Künstler-Heften wiederfinden wird.

Kleiner Input ins Dorf: Ich kann zwei bemerkenswerte Bücher weitergeben:
„Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ von Daniela Krien
„22 Bahnen“ von Caroline Wahl (großartig!)

Morgenstunde (1082. Blog-Notat)

Es ist der Geburtstag meines Sohnes Jan. Er ist jetzt in den Jahren, in denen Frauen ewig 39 sind. Mit scheint, Menschen, die vom überbordenden Jugendkult gelenkt sind, haben es noch schwerer älter zu werden. Ich war kaum 19 als er geboren wurde. Seither habe ich viele Kilos verloren, aber ich habe meine Entscheidung für das Kind nie bereut.

WAGNIS

Am Haus der Engelmacherin in der Kleinen Auguststraße schlug ihr das Herz bis zum Hals. Würde sie wirklich über diese Schwelle gehen? Sie zögerte. Oft hatte sie Frauen wie fahrige Schatten in dieses schmale Haus schleichen sehen. Jetzt wusste Klara, was jene in diese Zumutung getrieben hatte. Eine falsche Liebe, ein Leichtsinn oder die Furcht vor Armut. Was wäre, wenn sie es behalten würde – diese Handvoll Kind? Sie wusste es nicht, spürte aber, es wäre ein langes, ungewisses Wagnis. Sie grübelte. Nein, es geht nicht um Mut zum Risiko, sondern um – Verantwortung. Was für ein hartes, forderndes Wort! Wollte sie die allein übernehmen, jetzt, wo doch ihr Leben gerade erst begann? Klara Heidenreich lehnte sich in ihrem schwarzen knöchellangen Kapuzenmantel an die Hauswand neben der Haustür und rauchte eine „Alte Juwel“. Es würde ihre letzte Zigarette sein, wenn sie nicht die Stufen zur Engelmacherin hinaufstiege. Trotzig pustete sie Kringel in das Wintergrau und sah danach auf ihre Taschenuhr, die ihr der Großvater letzten Sommer vermacht hatte. Die junge Frau war für ihre Unpünktlichkeit berühmt. Schon sieben Uhr. Ihr Lehrmeister würde ab jetzt auf sie warten, jede weitere Fehlminute würde sein explosives Gemüt anheizen. Na und, dachte Klara, sie wusste mit dem dickleibigen Mann umzugehen, der ein Berlinisch quasselte, das mit „mir“ und „mich“ so seine Probleme hatte. „Sie“ statt „Ihnen“ – Klara grinste, schnippte die Kippe weg und verließ den Ort an der engen Straße.

Erst zwanzig Jahre später kam Klara Heidenreich wieder in die Kleine Auguststraße. Sie machte Fotos von Berlins Mitte, die den Wandel zwischen Schrott und Stein einfingen. Graugepellte brö­ckelnde Fassaden überall, aber das letzte Haus hinten rechts leuchte­te in abenteuerlichem Cobaltblau. Knallbunte Graffiti darauf signali­sierten – hier wohnen alternative Künstler. Wieder schlug Klaras Herz wie wild. Sie war jetzt 39 Jahre alt. Eine späte Schöne. Ihr Sohn jobbte weit weg in der Schweiz. Die Wende in Ostdeutschland hatte in ihrem Leben keinen Stein auf dem anderen gelassen. Nichts hatte mehr Bestand, außer der Liebe zu ihrem erwachsenen Kind. Selbst ihr Fernstudium, das sie erst im Wende-Herbst abgeschlossen hatte, war wenige Monate später wertlos geworden. Arbeit gab es auf lange Zeit nicht. Ein ungewollter Freiraum entstand, der ein neues Wagnis hervorzauberte: Nach all den verpflichtenden Jahren legte die Frau in dieser Zeit die alte Verantwortung ab. Als sie vor das Blaue Haus in der engen Straße trat, ahnte sie, wohin ihr fliegendes Herz sie führen würde. Vom Dunkel ins Licht. Das Blaue Band der Freiheit konnte sie nur selbst fliegen lassen.

Petra Elsner

Morgenstunde (1081. Blog-Notat)

Ich warte nicht mehr auf mögliche Atelier-Besucher. Sie kommen oder sie kommen nicht.  Als wir 2008 in dieses Walddorf zogen, hatte ich Sonntagsöffnungszeiten angeboten und gewartet. Zwischen 14 und 18 Uhr, jeden Sonntag, sieben Jahre lang. Wöchentlich aufgeräumt und Kuchen gebacken. 2014 habe ich damit aufgehört. Mit dem Warten, dem Aufräumen und dem Backen…Die meisten Menschen kamen außerhalb dieser Öffnungszeiten, wenn ich nicht aufgeräumt hatte und auch keinen Kuchen. Eben wie es ihnen passte. Inzwischen ist mein kleiner Fan-Kreis mit mir gealtert und auf dem Rückzug in die Stille. Der Lauf der Dinge und die Jüngeren? Sie haben andere Spielzeuge und nur eine begrenzte Neugier auf Altersschaffende. Vielleicht auch eine Folge der zerlegten Gesellschaft. Ich warte also nicht mehr und mache einfach weiter. Gerade habe ich die Illustration zur neuen Weihnachtsgeschichte als Skizze im Block…

Morgenstunde (1080. Blog-Notat)

Vor zwei Wochen etwa bekam unsere Harlekinweide im Vorgarten zunehmend braune Blätter. Ich dachte zuerst an Sonnenbrand, aber der letzte 30-Grad-Tag ist schon eine Weile her. Also könnte es vielleicht ein Befall von irgendwas sein. Ich las nach und fand den Weidenbohrer und die Aussage, dass der Baum nur durch einen Rückschnitt (um die Hälfte) zu retten sei. Was wir uns gestern vornahmen, doch im Holz waren keine Raupen zu entdecken. Stattdessen fanden wir am Fuß des Baumes ein großes Ameisennest. Da kommt keine Freude auf, denn Ameisen haben uns schon mit ihren Einzügen ins Wurzelbett etliche Johannisbeersträucher u.a. gekillt. Auch wenn ich sonst für handzahme Mittelchen bin, diesmal hab ich dann doch lieber Gift gewählt. Nun bleibt abzuwarten, ob der Baum sich erholt. Augenblicklich sieht er doch eher traurig aus…