Morgenstunde (146. Blog-Notat)

Heute geht gar nichts mehr, ich schniefe nur noch vor mich hin, die Bettzipfel winken sehr, das Hirn ist matschig… Aber eine Maus für die Bademantelgeschichte ist gestern Abend noch gewachsen… Text folgt, wenn der Kopf wieder klar ist und der Atem nicht so rostig klingt…

Machts gut derweil!

Zeichnung: Petra Elsner

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Vaters Bademantel (Kurzgeschichte für Erwachsene: Teil 2)

… Bilderfetzen von ihrem Motorradunfall sausen durch ihr Hirn. Auf der Gegenspur überholt ein Wagen in der Kurve. Vor ihr plötzlich ein Traktor mit Hänger – überbreit, sie kann nicht ausweichen und zieht nach rechts: Scheppern, Rutschen, Fliegen, ein Rapsfeld, überall Gelb und Schmerz.
Als sie wieder zum Stuhl hinübersah, lugte eine blaue Maus aus der Flachmanntasche. Sie schwankte beim Hinauskrabbeln und Tine dachte: Doppelblau. „Hey, du Rülpser, was hast du genommen, dass du so voll blau aussiehst? Und was machst du in meinem Bademantel?“
Die Maus sah zu der Frau mit dem weißen Turban hinüber und kratzte sich verlegen das linke Ohr. Es war jenes, dass ein wenig schlechter hörte. „Dein Mantel? Der alte Badelumpen sah so einladend aus, irgendwie sprittig. Eher wie das Teil von einem alten Säufer und zu dem hätte ich doch gut gepasst – oder?“
Tine lächelte: „Gehörte einem alten Säufer, aber jetzt ist er meiner. Schon ziemlich lange.“
„Sieht man, aber 50er-Jahre-Look ist ja kolossal modern, er musste mir einfach gefallen, auch wenn er schon etwas schäbig ausschaut.“
„Verstehe, und jetzt bist du eingezogen und hoffst, dass ich dir den Flachmann täglich nachfülle?“
„Vielleicht“, säuselte die blaue Maus, „aber das hab‘ ich nicht nötig. Ich bin die Bademaus vom Krankenhaus und habe Zugang zu den medizinischen Alkoholitäten. Zwei Sprühspritzer reichen mir eigentlich am Tag. Der Flachmann war nur ein erfreuliches Fundstück.“
„Und du meinst nicht, ich hätte den noch gebrauchen können?“
„So wie du aussiehst, dachte ich, du rollst gleich einen Gebetsteppich gen Osten aus, so eine braucht keinen Alkohol.“
„Ich kann nicht rollen.“
„Wieso nicht?“
„Meine Arme sind gebrochen.“
„Oh, aber sonst würdest du gen Osten …?“
„Nein!“
„Au, verflixt, dann muss ich dir einen neuen Flachmann besorgen?“
„Nein, ist nicht nötig!“
„Wär‘ aber kein Problem, du hast ja gar keine Vorstellung, wie viele kleine Pullen hier in den Bademänteln schlummern.“
„Doch.“
„Und woher weißt du das?“
„Mein Vater war Säufer.“
„Ach, ja, aber dann hast du bestimmt auch Geduld mit einer blauen Seele?“
„Hab‘ ich.“ Nach diesen Worten fiel Tine wieder in einen langen Schwächeschlaf.

 

© Petra Elsner
5. März 2019
Zeichnung: Petra Elsner

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Vaters Bademantel (Kurzgeschichte für Erwachsene: Teil 1)

Es kam ganz anders, als sie es erwartete hatte. Sie war nicht gestorben. Stattdessen gluckste etwas, man könnte auch sagen, es rülpste frech. Wo? Ihr Blick wanderte durch das Weiß des Zimmers: Ein Krankenbett, ein fahrbarer Beistelltisch, ein Stuhl, darauf ihr gestreifter Bademantel. Den hatte sie mitgenommen, als ihr Vater ihn nicht mehr brauchte. Wenn Tine ihn anzog, fühlte sie sich von ihm irgendwie beschützt. Es rülpste wieder und die Frau neigte ihr schmales Antlitz, über dem ein gigantischer Kopfverband thronte, langsam abwärts. Zu der Bademanteltasche, daher schien das Geräusch zu kommen. Aber Tine konnte nicht nachsehen, ihre Arme lagen fest bandagiert neben ihrem langgestreckten, dürren Körper, sie kam sich wie eine Mumie vor.
„Hey, du Rülpser, hast wohl die letzte Flasche von meinem alten Herrn gefunden?“ Tatsächlich hatte Tine den letzten Flachmann, den der Vater nicht mehr hatte trinken können, weil ihn die Chemo innerlich auffraß, nie entsorgt. Nach jedem Waschgang steckte sie ihn wieder in die ausgedröselte Tasche, so war der Mantel perfekt. Und jetzt hatte sich jemand an der Flasche vergriffen?
„Zeig dich, du Rülpser!“ Das Etwas regte sich nicht, es knurrte ärgerlich, kaum später schnarchte es leise und der moosgrüne Bademantelstreifen atmete.
Tine schloss die Augen und träumte sich in den Irrgarten des vergangenen Tages…

 

 

© Petra Elsner
4. März 2019
Zeichnung: Petra Elsner

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Zeitschatten 5

Petra Elsner: Zeitschatten 5, 2019

Kleine Spachtelei, Acryl auf Karton, 14 x 24

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Mein Schaufenster im März

Morgenfrost. Foto: Petra Elsner

Zeitvergehen

Ein kalter Morgenwind greift mir ins Haar
und hält das Leben an
für einen Extraschlag des Herzens.
Das Stolpern aus dem Takt
singt eine alte Weise:
lebe, liebe, blühe rasch,
es welkt die Zeit –
ihr Zauber ist vergänglich.

1. März 2019
© Petra Elsner

Lyrikfenster im März. Das Lindenboot wird ab April in den Lesegarten wandern und dort auf einer Stange im Wind thronen.

Mein Atelierfenster zeigt im März: Krümel-Lyrik.

Will sagen – sie braucht immer mal ‘nen Krümel Lyrik, der sich als Stimmungsbarometer in meinem Blog wiederfindet. Später wird daraus ein handgebundenes Künstlerheft wie dieses hier: “Eine Handvoll Lyrik”.

Das schmale Bändchen ist für 10 Euro in meinem Atelier erhältlich (zzgl. Versand).
Zurzeit wächst das zweite Heft – still und langsam vor sich hin, es eilt ja nichts …

 

 

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Das Immerwiederkehrende

Alltag 5, März 2019:  Die „Dinge des Alltags – das Immerwiederkehrende“ – ist das Jahresprojekt der Bloggerin Ulli Gau, an dem ich mich beteilige und 12 Monate lang immer am  1. Monatswochenende etwas aus meinem Alltag vorstelle.

Diesmal: Der Selbstzweifel.
An dem reibe ich mich jeden Tag. Alle Jahre schon muss ich immerzu über dieses schwankende Land. Keine Etappe führte je in eine Gewissheit, die den Selbstzweifel vertrieb. Fraglos rührt vieles davon aus meiner Weiblichkeit, eben jener Tatsache, dass die Emanzipation der Frauen erst gut 100 Jahre her ist. Dass Frauen wählen durften und studieren. Bündnisse schmieden sie immer noch selten. Das Beziehungsgeflecht, dass Frauen stärkt und flankiert ist besonders im Osten kaum vorhanden. Und frau spürt es allenthalben überall, auch in der Kunst. Ich versuche pragmatisch all diese gesellschaftsimmanenten Hürden zu nehmen. Nicht mit Descartes philosophischer Methode – den Zweifel durch rationalistische Überlegungen zu entkräften. Nein, der Zweifel hält für mich die Dinge in Bewegung, gibt Anstoß, aber er blockiert auch. Meistens schaffe ich es, mich über das Selbstzweifeln hinwegzusetzten, indem ich es für einen Moment ausschalte und einfach losmache, ein paar Atemzüge verliert es sich, wie ein flüchtiges Gas, bis ich das Tagwerk beende. Und da ist er schon wieder, dieser Selbstzweifel, wenn ich kritisch Draufschau halte auf das Tagesschaffen.
Vielleicht ist es ja der klassische Weg des Einzelwesens, der aus der Art des kreativen Schaffens rührt: Zum Schreiben ist man/frau meist allein, in sich versunken, gräbt in sich und birgt Gedanken für das da Draußen. Aber werden sie wirklich gebraucht – die Märchen, die Geschichten, meine Reflektionen über die Zeit? Wer weiß.

Zeichnung: Petra Elsner

Kommentare auf FB:

Am 1. März 2019 auf FB: Barbara Liebrenz antwortet auf diesen Beitrag: Deine Geschichten werden sowas von gebraucht, liebe Petra! gerade wenn frau in Selbstzweifel verfällt, für die m.E. meistens kein rationaler Grund besteht. Dann hilft eine phantasievolle Geschichte, mir jedenfalls.


Heide Schenk am 8. März auf FB: „…manchmal erstaunt mich, dass auch andere Menschen das gleiche fühlen wie ich. Dein großer Vorteil ist es, dass du die richtigen Worte findest es auch auszudrücken. Die Selbstzweifel kenne ich. Und wahrscheinlich hat du recht – sie sind und in die Wiege gelegt. Mal sind sie Antrieb und mal Bremse.
War erstaunt das es dir auch so geht. Deshalb noch mal an dieser Stelle – du bist eine tolle Frau mitzauberschönen Bildern und wundervollen Geschichten und Gedichten. Sie werden sehr gebraucht.
Gundi hat mal gesagt er wünsche sich das seine Lieder wie Lebensmittel gebraucht werden. Genau so geht es mir mit seinen Liedern und mit deinen Texten. Sie sind ein Kraftquell! Erholung und Freude für die Seele und noch vieles mehr. Bitte schenke uns noch ganz viele davon…“

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Morgenstunde: Dorfpremiere (145. Blog-Notat)

Kurz vor 19 Uhr im “Mittelpunkt der Erde”. Unmittelbar vor Lesebeginn mussten noch etliche Stühle herbeigeschafft werden. Etwa 40 Gäste waren bei der Manuskriptlesung dabei. Foto: Petra Elsner

Als mein Liebster mir nach dem Korrekturlesen sagte, er sei viel zu dicht dran, als dass er was zu dem Text sagen könnte, war ich verunsichert – wie meinte er das nur? Einen Tag später konnte er es formulieren, worüber ich noch nachdenken sollte. Zwei Kleinigkeiten, die ich dankbar annahm, aber die Verunsicherung blieb in mir hocken bis in die Abendstunde, als die Lesung begann. Es kamen mehr Menschen als ich erhoffte in unser kleines Dorf und ehrlich, es war ein gelungener Abend… Es war 55 Minuten lang so still, dass ich fast meinen Atem hörte. Mit dem letzten Satz: „Nebelschleier flossen um die erdigen Füße der Moosgestalten, die verschwanden als aus dem Dorfkrug ein Paar in die Nacht trat.“ – öffnete sich die Kneipentür und ein Paar trat verspätet um eine satte Stunde ein und alles lachte schallend. Ich weiß nicht, ob die Beiden jemand aufklärte, weshalb das Gelächter losbrach, sie waren schnell wieder verschwunden, aber das wird sich finden.
Man selbst ist ja nicht wirklich realistisch in den Bewertungen eigener Auftritte, aber es kam von allen Seiten Lob und Anerkennung, dass ich denke, es ging wohl in Ordnung. Besonders dankbar bin ich unserem Kurtschlag-Redakteur Manfred Lentz, der noch heute Nacht eine tolle Besprechung hinlegte, die über den Abend gut Auskunft gibt, hier geht es zu dem Link

Bildschirmfoto von der Startseite. Auf kurtschlag.de bitte ein bisschen weiter runter skrollen, dort findet Ihr den Text.

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Morgenstunde (144. Blog-Notat)

Heut: Leseübungen

Für den Krimi-Abend am Mittwoch in Kurtschlag sind heute für mich Leseübungen angesagt, denn eine Stunde laut Vorlesen, wird nie zur Gewohnheit, wenn es nicht alle Wochen geschieht. Also ran an den 25-Seiten-Block und nicht heiser werden! Diese Lesung wird nicht vom Anfang her vorgetragen. Ich beginne sozusagen Mittendrin, überspringe zwischen den Kapiteln Seiten und hoffe so einen schlüssigen Teil der Geschichte in der Lesung vorzustellen. Naturgemäß wird auch nicht das spannende Ende verraten, denn wer würde sonst den Krimi noch lesen, später, wenn das Buch erscheinen wird – irgendwann in diesem Jahr.

Worum geht es in der frei erfundenen Geschichte? Nach einem Schwesternstreit kommt Laura Acker nicht in das Dorf Sandberg zurück. Julie Acker wartet am nächsten Tag vergeblich auf ihre Ablösung bei der Betreuung der dementen Mutter. Laura scheint abgetaucht. Doch in jener Streitnacht geschah noch etwas anderes: Rosa Nagels Wald wurde geklaut, ein ganzer Hektar – einfach so. Die Polizei sieht kaum Chancen für eine Aufklärung des Diebstahls, deshalb statten die Waldbesitzer sich mit Wildkameras aus. Doch statt einem Langfinger läuft ihnen ein großer, weißer Wolf vor die Linse. Die fast vergessene Legende vom Milchmond bekommt wieder Zunder und unter dem Schnee liegt eine Tote im Flüsterlaub…
Das Dorf in der Schorfheide ist fiktiv, aber es borgt sich Gepflogenheiten und Typen aus der echten regionalen Nachbarschaft. Das Sittenporträt zeichnet durchaus reale Lebensumstände auf dem flachen Lande nach, in denen manchmal auch eine untergeht, wenn sie den Schutz der Gemeinschaft verliert.

Ort der Lesung: 27. Februar 2019 aus dem Manuskript „Milchmond“. Veranstalter ist der örtliche Kulturverein, die Lesung beginnt um 19 Uhr in der Gaststätte “Mittelpunkt der Erde” und ist offen für alle Interessierten, der Eintritt ist frei.

 

 

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Morgenstunde: Klausur-Ende (143. Blog-Notat)

Atelierkarte in Arbeit…

Die Klausur ist abgeschlossen. Am 18. Februar hatte ich meinen Schorfheide-Krimi „Milchmond“ runtergeschrieben, Dienstag habe ich den Auszug für die Lesung am 27. Februar zusammengestellt und gestern standen so Sachen wie Klappen- und Rücktiteltext an. Heute beginnt mein Liebster mit dem Korrekturlesen, ihm bleibt auch wirklich nichts erspart: Erst taucht sie wochenlang täglich auf Stunden im Atelier ab und dann muss er die Ergüsse auch noch lesen – in Ermanglung eines echten Korrektors. Den einen, den ich gut kannte, der auch auf Bitten meine ersten Bücher gegenlas, ist gestern gestorben. Herzinfarkt mit 65 Jahren. Hartmut Schönfuß lebte mit seiner jungen Familie sehr zurückgezogen im lauten Berlin und so lange ich denken kann, kämpfte er ums Überleben. Er las große Literatur für kleines Geld Korrektur, vor allem aber Gebrauchsanleitungen auf Cent-Basis, die aus dem Freiberufler einen Lese-Sklaven machte, sittenwidrig und doch längst gelebte Normalität, wie in so vielen anderen freien Berufen. Sein Berufsstand gehörte zu den ersten, den die Digitalisierung schon vor 20 Jahren killte – es gibt ja Rechtschreibprogramme…, dann die Berufe der Fotografen, dann die freien Schreiber… Ihre machtlosen Schreie hörte niemand, sie waren/sind ja die vielen Vereinzelten und so lautlos. Ich bin gerade dabei meine Einladungskarte für den nächsten Tag des OFFENEN ATELIERS zu zeichnen, die thematisiert, dass ich in meinem 25. Freiberuflerjahr bin, ich würde es nicht noch einmal wagen, wüsste ich, was da auf einen zukommt…

Atelierkarte 2019 Zeichnung: P. Elsner

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Flüsterlaub

Foto: Petra Elsner

Knisterlaub
flüstert laut
steigt auf mit dem Wind
Wisperlaub
weht hinauf
spielt mit dem Wolkenkind
Winterlaub
schon ganz taub
wird im März zu Staub

  1. Februar 2019

 

© Petra Elsner
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