Turteltauben (8)

Heutzutage kommt eine Liebeserklärung meist per Klingelton. Rasant bewegliche Daumen tippen die Herzstimmung auf das Tout Terrain des Smartphones. Piep, und ab gehen die Rufe der Sehnsucht. Ganz cool bleibt auch Jung-Mensch so lange nicht, bis das angewählte Menschenwesen ihn erhört. Was für Jungverliebte heute die SMS, war Anfang des letzten Jahrhunderts die Rendezvous-Karte. Herrlich kitschige Teile hab’ ich in Großmutters Mappe gefunden, mit schmachtenden Worten, die ihr einst der junge Artur schrieb: „Herzliebchen! Mein Liebchen, ich will Dir schreiben, daß ich Sonntag bestimmt komme, aber es wird wohl etwas später werden. Es grüßt Dein treu geliebter Artur.“ Ist es nicht rührend? Oder diese (vielleicht Montagskarte) hier: „Was wär’ ohne Dich mein Leben: Eines ohne Sonnenschein. Du hast mir das Schönste gegeben. Drum lieb’ ich dich allein.“ Und alles völlig ohne Diskretion. Ich stelle mir vor: Der riesige Landmann mit Händen wie Schaufeln ist bei Wind und Wetter in den nächsten Schreibwarenladen geradelt. Schon bei der Auswahl der Karte, wusste man/frau hinter dem Verkaufstresen: Der ist verliebt und lächelte milde. Dann hat der Mann sich mit Bleistift sachte Linien gezogen und mit artiger Schrift seine Seele von innen nach außen gekehrt. Nun musste er noch zur Post, eine Marke kaufen, aufkleben und das Prachtstück mit feuchten Händen in den Kasten werfen. Der Rest war Hoffen, Bangen, Warten. Gelesen hat seine Nachricht garantiert zuerst der Postbote. Die herzigen Worte haben den bestimmt für seinen Tag gut gelaunt. Von der Empfängerin ganz zu schweigen. Und 90 Jahre später steht es immer noch schwarz auf weiß, und ich erfahre, Großvater hat Großmutter wirklich geliebt. Jedenfalls am Anfang. Das ist doch ‘was.
Das Liebesgeflüster moderner Jung-Menschen ist wohl nicht weniger inbrünstig, auch wenn es sich anders liest. Zum Beispiel: „KISS 4U“ (Kiss for you = Küsse für Dich) Oder: „h.d.g.d.l. s.s.z“ (Hab’ Dich ganz doll lieb. Schreib schnell zurück). Bemerkenswert, nicht wahr? Doch ihre Botschaften scheinen mir wie flüchtiges Gas. Irgendwann verschwinden sie per Knopfdruck im Nirwana des unendlichen Datenmülls. Schade eigentlich. Denn zuweilen kann es sehr aufbauend sein, handfest nachzulesen, dass man einmal (oder mehrmals) schutzlos geliebt wurde. Gerade wenn das Herz wieder einmal blutet. Also mein Tipp: Druckt Euch wenigstens Eure Love-Mails aus, und bindet sie mit einem Schleifchen. Für schlechte Zeiten und die Nachwelt.

Rendezvous-Karte von etwa 1920
Rendezvous-Karte von etwa 1920
Rendezvous-Karte von etwa 1920
Rendezvous-Karte von etwa 1920

© Petra Elsner
aus “Die Mappe meiner Großmutter”, limitiertes Künstlerbuch, handgebunden.
Die Texte entstanden zuvor für eine naturfeulletonistische Zeitungskolumne. Dieses Potpourri aus Erinnerungsgeschichten half mir eine Trauerarbeit zu leisten. Der Titel adaptiert Adalbert Stifters “Die Mappe meines Urgroßvaters” – Frauen haben eben auch Geheimnisse. Und bei mir war es an der Zeit, nach den guten Dingen in meinem Leben zu suchen. Ich fand sie in den Ferienzeiten bei meiner allerliebsten Großmutter Selma im Oberreichenbach der Oberlausitz

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