Rosenblütenblätter 15 – Mein langsames Blog-Notat

Die Erwachende.
Die Erwachende.

… Sie nahm es, riss es auf,  zog eine schlichte Briefkarte heraus und las erwartungsvoll:
„Wenn du nichts mehr erstrebst, gelingt dir alles.“
Nora sah den Mann fragend an: „Ich soll aufgeben? Nicht mehr kämpfen und als Verlierer enden?“ Der Mann schüttelte seinen Kopf und murmelte: „Nur die Jagd loslassen.“
„Und dann, untergehen“, rief die Frau schrill-müde.  Der Frackträger winkte enttäuscht ab und ging. Nora aber stieg missmutig auf den Kutschbock, schnalzte mit der Zunge und die Schimmel liefen langsam  einem weichen Abendlicht entgegen. Sie ließ die Zügel locker, denn ihre Gedanken setzten ihr Stiche zu. Sie fühlte sich abermals zurückgeworfen in die große Ratlosigkeit …

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Rosenblütenblätter (11) – mein langsames Blognotat

Foto. Petra Elsner
Foto. Petra Elsner

…Als sie von der Baumbrücke ins Moos sprang, schwollen die Töne zu einem Requiem an, trunken vor Schwere, als wollten sie zu Bleitropfen werden. Doch da schwebten im Totentanz der Zeit flirrende Stimmen vom Dunkel ins Licht. „Komm, Nora, tanz‘ mit mir!“ „Schwing dich auf den Wind!“ „Dreh dich geschmeidig und kreise nicht die Gedanken!“ Die Stimmen kicherten und lockten. Aber die Frau war schwer von der unsäglichen Traurigkeit in dieser Welt. Jeder Tag eine Träne. Salzige Zeittropfen, in denen die Gedanken nicht frei sind. Sie laufen Schleife. Aber dennoch war sie ja aufgebrochen, als wüsste etwas tief in ihr den Weg. Leichter waren unterwegs nur die Schritte geworden …

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Rosenblütenblätter – ein langsames Blognotat (10)

Foto: pe
Foto: pe

… Nora erinnerte sich plötzlich. Eines Morgens, als die Sonne gleich wieder im Wolkengrau unterging, stand er vor ihr: Im Frack mit einem Cellokasten in der Hand betrat er das gläserne Café am Berliner Alexanderplatz. Er setzte sich zu ihr und ihrem Morgentee und plauderte oktavenreich wie vom andern Stern in ihr dumpfes Erwachen. Als er ging, fühlte sie sich eingeladen. Aber in dieser frühen Novemberstunde war sie zu einem Abenteuer noch nicht bereit. Die Verpflichtungen zerrten sie artig weiter. Vierzig Jahre lang blieb sie auf dem dünnen Pfad der strengen Regeln. Die Wahrnehmung jenes Morgens aber, blitzte manchmal als schillernder Traumton in ihre kreisende Gedankenwelt. Jetzt, als sie nach seiner Hand fasste, hörte sie den feinen Klang klarer, lauter …
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Rosenblütenblätter 9 – mein langsames Blognotat

Weidenbrücke. Foto: pe
Weidenbrücke.
Foto: pe

… Unter ihren Schritten raschelte das Laub. Mit jedem kleinen Luftzug wirbelte es golden zu Boden. Heitere Vergänglichkeit. Der Tag glänzte eben noch, als ein kalter Wind auffrischte. Der schluckte die Rufe des Raben weit oben im Blätterdom. Nora lief und lief. Das war längst kein Waldspaziergang mehr. Unmerklich war sie aufgebrochen, einfach weiter gegangen ohne Ziel und Absicht. Unterwegs schien es ihr, als würde sie von Stunde zu Stunde leichter. Nicht wie ein flüchtiges Gas. Die Gedankenschwere bröckelte und verwandelte sich in ein leichtes, stilles Lauschen, und der Wald lauschte nach ihr. Nora lief ohne zu suchen. Im Abendrot gelangte sie an eine Lichtung. Ein Bachwasser plätscherte und zog die Frau zu einer Baumbrücke. Sie sprang auf den mächtigen Stamm und balancierte hinüber zum anderen Ufer, wo ihr ein dunkler Mann im Frack die Hand reichte: „Ich habe lange auf Sie gewartet.“ …

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Rosenblütenblätter (6)

Foto: pe
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… Über das Kopfsteinpflaster holperte in der Mittagsstunde ein Pferdegespann. Die schwarzen Rösser schnauften in den gezogenen Zügeln. Ein Mann im Frack stieg vom Wagen und läutete die Glocke am Tor. Nora schreckte aus ihren Gedanken. Sie fing mit beiden Händen ihre windzerzausten langen Haare ein und fingerte noch mit dem Gummi, während sie die Hoftür öffnete. Die dunkle Erscheinung zog den Hut, verbeugte sich und hielt ihr auf einem schwarz gelackten Tablett ein Briefkuvert entgegen. Nora griff verstört nach dem Schreiben, auf dem in einer geschwungenen Handschrift „Einladung“ stand. Sie öffnete behutsam den Umschlag und das eingesteckte Blatt. Es war leer. Der Mann sah sie fragend an: „Und, was soll ich ausrichten, werden Sie kommen?“
Nora antwortete entgeistert: „Wenn ich wüsste wohin, könnte ich Ihnen vielleicht antworten, aber so?“ Sie wedelte das leere Blatt. Der mysteriöse Bote wusste, er würde jetzt keine Antwort bekommen. Er bestieg seinen Wagen und orakelte noch: „Sie wenden es wissen, wenn Sie aufbrechen.“ Dann löste er die Zügel der Rösser und verschwand mit dem nächsten Luftzug…

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Rosenblütenblätter (5)

… und spöttelte zurück: „Das Wetter hat sich übernommen, versonnen seufzt es arg beklommen.“ Der Rabe nickte, gluckste heiter und flog davon.

Foto: pe
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Weise Töne des Herzens pochten unter Noras Haut: Geh weiter. Lass Dich nicht ausnehmen. Bleib ganz bei dir. Hangle nicht nach Verderblichen. Die Frau wollte nicht mehr Klimmzüge an Kunsthändlern stemmen, die sich wie Hausverwalter aufführen oder verbeamtet, sich nur selbst versorgen. Sie tragen dazu die schönsten Federn der Vogelfreien, unbezahlt oder gegen ein Trinkgeld. Nora aber musste niemandem mehr etwas beweisen. Lass los, steige vom Tretrad. „Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen,“  ließ Michael Ende seine Momo sagen. Und Nora wusste, ihre Lebenszeit tickte. Sie hockte auf dieser Eichenbohlenbank im Garten und sinnierte: Augenfänger ist ein schönes Wort und „nur mit den Augen berühren“ eine kluge Ansage. Nora sammelte für ihre nächste Erfindung, die nur ihr gehören würde….

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Rosenblütenblätter (2)

Blog-Notat, Kapitel 2:

Foto: pe
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Die Zeit frisst sich wie eine rasende Flamme durch diesen Tag. Getrieben vom Wind, der Wortfetzen aus dem nahen Wald heranweht. Es sind ihre Kopfgestalten, die darin säuseln: Ariella, die Nebelfee und Croll, der Kräuterdruide, Hanjor, der König der Baumriesen und Molina, die Winterfee. Nora sieht sich in einem Gedankenblitz, wie sie mit einem Kescher deren Töne zu erhaschen versucht. Aber sie sind unsichtbar im Zeitenwind, nur ein höhnisches Lachen dröhnt aus den Böen. „Hihihihi, siehst du sie, unsere Geschichtenmutter? Hat uns erfunden, aber es wärmen sich andere an uns. Siehst du ihre Trauer, Loriell, Tochter des Baumkönigs?“ „Aber wie kann das sein?“, fragte Loriell ihren Begleiter, und der kleine Apfelkönig antwortete: „Sie hat keinen Läufer, der ihr beisteht.“ Nora nickte und dachte, das stimmt. Aber es hilft nichts, ihre Reise geht weiter. Die letzte Passage wird es sein, und auch sie führt in einen großen Wald. Einen ohne Wegelagerer, die und auch die Räuber sind längst in die Städte gezogen, dort ist die Menschenjagd leichter. In diesem neuerlichen Geschichtenwald wehen die Stimmen derer, die noch gehört werden müssen. Sie wohnen in einem wilden Rosenbusch auf einer versteckten Lichtung. Doch zuvor muss Nora das stumpfe Feld der welken Träume überqueren …

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Rosenblütenblätter 1

Ein langsames Blog-Notat von Petra Elsner

Foto: pe
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Sie war schwer von der Leere und die Stille flüsterte: schlaf. Aber das Pfeifen in ihren Ohren wollte den Schlaf nicht kommen lassen. Sie stand auf, wie sie immer aufgestanden war. Weich in den Knien, doch mit jedem Schritt schob ihr Wille den Antrieb. Im Garten duftete die zweite Rosenblüte. Von den Essigrosen pflücke sie sich eine Handvoll Blütenblätter, trug sie in die Küche, schnitt das bittere Gelb heraus, gab sie in eine Glaskanne, dazu ein Salbeiblatt und übergoss alles mit heißem Wasser. Sie wartete zehn Minuten auf den Rosenblütenblättertee, der Herz und Seele leicht machen sollte. Das hoffte sie mit jedem bedächtigen Schluck, dann endlich lief sie in den Tag. War es noch Sommer oder schon Herbst? Viel Braun mischte sich schon in das Laub der Bäume, deren Blätter welk in der Hitze zu Boden fielen. Seit Wochen war kein Tropfen Regen gefallen, deswegen goss sie die Pflanzen nun auch in dieser Morgenstunde, bevor sie an ihren Schreibplatz ging. Heute würde sie nur Worte sammeln, denn sie wusste noch nicht, wohin sie sie führen würden. Sie hatte all ihre Kraft in den letzten großen Text fließen lassen, nun war sie weg. Für ein Weilchen oder auch länger, auch das wusste sie nicht. Aber sie erinnerte sich an die Worte ihres Methodik-Professors, der den gestressten Fernstudenten immer riet: „Schaffen Sie sich jeden Abend zur selben Zeit, die gleiche Situation: Ein Punktlicht, das die Umwelt ausblendet. Denken Sie nicht an die Verrichtungen, die auch auf Sie noch warten. Nur Sie im Lichtkegel und das Buch oder Blatt vor Ihnen. Sagen Sie ihrem Körper mit diesem immer wiederkehrenden Ritual: Du musst jetzt nochmal zwei Stunden etwas leisten. Wenn Sie zu müde sind, sortieren Sie einfach Karteikarten oder etwas in der Art, aber im Lichtkegel der Lampe …“. Damals gab es noch keine Computer, aber als sie fünf Jahre später auf die Schreibtische rückten, war es genau diese Situation, die Nora trainiert hatte. Das Licht und ihr sprudelnder Geist. Und wenn der schweigt – sammeln und sortieren….

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