Die Fährfrau (3)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:  3. Absatz:

… Sie dachte bei sich, während sie den Tauknoten löste: Das Schweigen ist wieder laut geworden im Schmerzland. Sie wusste, es führt zu Denunziationen und Sprechverboten. Die vergiften den Gesellschaftston und nähren die Furcht vieler, im Abseits zu landen. Mancher will heute allein deshalb über den Fluss. Andere suchen eine nichtssagende Adresse, eine ohne diesen geopolitischen Stempel. Sie fliehen vor dem seltsamen Rassismus unter Gleichen, der sie zu Ungleichen macht. Eine Schande. Wieviel Verletzungen kann ein Mensch ertragen, fragte sich die Fährfrau und fühlte beklommen nach ihrem stolpernden Herzschlag.
Der Rufende wartete am Ostufer mit stechendem Blick. Wortlos bestieg nun die Fähre, die wieder übersetzte. Die Frau am Ruder sah, hinter seiner verschlossenen Fassade tobte blanke Aufruhr. Seine Brauen zuckten, doch seine schmalen Lippen blieben verschlossen…

© Petra Elsner
17. Oktober 2019

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Die Fährfrau (1)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:  1. Absatz:

Die Fährfrau zurrte das Tau fest und ließ die Plattform über den Strom gleiten. Der Wind blies ihr scharf ins Gesicht, doch er verschluckte auch das Wortgewitter in ihrem Nacken. Aufgeregtes Wasser trug sie und das Fahrseil zog sie geradewegs hin zum westlichen Ufer des Stroms, der ihr Schmerzland zerschnitt. Auf der anderen Seite wartetet niemand auf sie oder auf ihre schwimmende Insel, so konnte die Fährfrau ihren wunden Gedanken nachsinnen. In aller Ruhe, niemand würde sie stören, und möglicherweise würde sie die Fähre verlassen auf immer…

© Petra Elsner
15. Oktober 2019

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Der Schlafwandler (2)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte: Der Abschnitt 2:

… Leichtfuß wiederholte seinen geborgten Spruch und der Sambuca-Mann nickte wissend. Charles Bukowski kannte er nicht, aber er war schon alle Tode gestorben, die ein Artist sterben kann. Seit dem Letzten lebte nur noch in den Tag, was ihm ganz gut bekam. Den Sambuca trank Theo Rein nur gegen den Schmerz in all seinen schlecht verheilten Frakturen. Die beiden Männer sprachen über die Finsternis der Zeit, über die Illusionen des Lebens und was aus jenen geworden ist. Adam Leichtfuß genoss dieses ungeschützte Gespräch und fühlte sich angenommen. So einen wohligen Zustand hatte er lange nicht mehr erfahren. Gegen 23 Uhr wurde es immer voller in dem rauchigen Quartier. Die Leute standen in drei Reihen vor dem Tresen, tranken, gestikulierten, diskutierten und feierten sich selbst. Es war höllisch laut und sehr bald stand ein Streifenwagen vor der Tür. Der Wirt drehte die Musik leiser, er kannte die beiden Uniformierten und nahm die x-ste Anzeige wegen Ruhestörung gelassen entgegen. Geschäftsrisiko. Umso später es wurde, desto seltsamer waren die Gestalten, die das Dunkel vor der Tür hier hineinfegte, schillernd wie ein Regenbogen und jeder Einzelne bekam seinen Auftritt für Minuten in der Nacht. Der rockende Dichter, der raue Dokfilmer, der desaströse Koch, ein Bücher-Messi mit Grammophon, der verbittere Synchronsprecher, der Klezmersänger und diverse kunstseidene Sternchen. Für Adam Leichtfuß wurde es jetzt ein wenig zu grell. Doch als er ging war klar, er würde wiederkommen, auf ein gutes Gespräch mit dem arbeitslosen Artisten oder mit einem der anderen Bohémiens. Bald schon klopfte er im Hinterzimmer mit Stammgästen regelmäßig Skat. Niemand regte sich darüber auf, wenn der Korrektor, selbst bei einem Grand mit Vieren auf der Hand, schlagartig einschlief. Schließlich wussten alle, er hat diese merkwürdige Krankheit, eine Art Schlafsucht, die ihn immer mal aus der Wirklichkeit knipste…

© Petra Elsner
28. August 2019

 

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Versteck unter dem Hut (Abschnitt 4)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:

…Der Stein brannte förmlich auf seiner Haut, wie der Gedanke an die Zauberin. Er hatte sich ungebeten in seinem Kopf breitgemacht. Julius Silvester konnte nicht einschlafen, denn er kämpfte gegen das besitzergreifende Gefühl. Dieser Zustand hatte immer kurz über lang zu seiner Enttarnung geführt und die Frauen zogen in diesem Erkenntnismoment eisenhart die Grenzen ihrer Liebe zu ihm. Die meisten Menschen sind nur für ein Lebensweilchen füreinander gemacht, aber Julius Silvester war ein Schwan, ein monogames Wesen, das jede Trennung in die tiefste Krise stürzte. Er wollte sich nicht mehr verlieben, doch diese tiefsinnige Mittagsfrau schlich durch seine Nachtgedanken. Genervt wälzte er sich von seinem Laken, zog sich wieder an und schlenderte zu jenem Biergarten, in dem er schon zur Mittagsstunde saß. Eine Italienische Nacht hing über der Schönhauser Allee. Der Asphalt glänzte vom Smog, als hätte es gerade geregnet. Überall in den Freisitzen Gelächter und Musik, es schien, als würde kein Mensch an Schlaf denken. Der Biergarten war rappelvoll, so holte sich Julius Silvester vom Tresen ein Nulldreier-Bier und hockte sich damit auf die Bordsteinkante. Da sah er sie, bei den Tischen auf der anderen Straßenseite. Die Zauberin ging in einem bunten, wallenden Kleid von Tisch zu Tisch und las den Menschen aus ihren Händen. Eine Wahrsagerin? Immer wenn sie in keine Hand blickte, jonglierte sie mit Flämmchen und spuckte aufsehenerregend Feuerfontänen. Geheimnisvoll. Die Mitternachtsfrau erstaunte ihn. In ihrem Treiben sammelte sie Geldscheine und verteilte schöne Blicke. Julius Silvester zog sich unbemerkt zurück, er wollte ihre Straßenaktion nicht durch eine Begegnung stören…

© Petra Elsner
16. Juli 2019

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Versteck unterm Hut (Abschnitt 2)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:

… Das stimmte, doch Julius Silvester fühlte sich beobachtet von dieser fremden Frau, die ihren Mittagskaffee schlürfte und diesen interessierten, saugenden Blick aufgesetzt hatte. Der Mann Mitte 30 war Frauen gegenüber sehr vorsichtig geworden. Als er seinen bunten Schlapphut aufsetzte, konnte Tina Morgenstern nichts mehr erspüren. Der Zauberin war es so, als hätte sie in diesem Moment einen Kollegen vor sich, aber Julius Silvester war kein Zauberer, er war ein Versteckkünstler und der bunte Hut half ihm dabei. Unter ihm war sein umwölktes Gemüht nicht zu erkennen. Ansonsten aber konnte der Hut gar nichts, außer optisch täuschen. Aber Tina Morgenstern hatte einen seismografischen Spürsinn, dem gewöhnlich nichts entging…

© Petra Elsner
13. Juli 2019

Montag gehts weiter, schönes Wochenende einstweilen 🙂

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