Versteck unter dem Hut (Abschnitt 4)

Öffentliches Arbeiten an einer Kurzgeschichte:

…Der Stein brannte förmlich auf seiner Haut, wie der Gedanke an die Zauberin. Er hatte sich ungebeten in seinem Kopf breitgemacht. Julius Silvester konnte nicht einschlafen, denn er kämpfte gegen das besitzergreifende Gefühl. Dieser Zustand hatte immer kurz über lang zu seiner Enttarnung geführt und die Frauen zogen in diesem Erkenntnismoment eisenhart die Grenzen ihrer Liebe zu ihm. Die meisten Menschen sind nur für ein Lebensweilchen füreinander gemacht, aber Julius Silvester war ein Schwan, ein monogames Wesen, das jede Trennung in die tiefste Krise stürzte. Er wollte sich nicht mehr verlieben, doch diese tiefsinnige Mittagsfrau schlich durch seine Nachtgedanken. Genervt wälzte er sich von seinem Laken, zog sich wieder an und schlenderte zu jenem Biergarten, in dem er schon zur Mittagsstunde saß. Eine Italienische Nacht hing über der Schönhauser Allee. Der Asphalt glänzte vom Smog, als hätte es gerade geregnet. Überall in den Freisitzen Gelächter und Musik, es schien, als würde kein Mensch an Schlaf denken. Der Biergarten war rappelvoll, so holte sich Julius Silvester vom Tresen ein Nulldreier-Bier und hockte sich damit auf die Bordsteinkante. Da sah er sie, bei den Tischen auf der anderen Straßenseite. Die Zauberin ging in einem bunten, wallenden Kleid von Tisch zu Tisch und las den Menschen aus ihren Händen. Eine Wahrsagerin? Immer wenn sie in keine Hand blickte, jonglierte sie mit Flämmchen und spuckte aufsehenerregend Feuerfontänen. Geheimnisvoll. Die Mitternachtsfrau erstaunte ihn. In ihrem Treiben sammelte sie Geldscheine und verteilte schöne Blicke. Julius Silvester zog sich unbemerkt zurück, er wollte ihre Straßenaktion nicht durch eine Begegnung stören…

© Petra Elsner
16. Juli 2019

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Teetassen (Abschnitt 2)

Eine Kurzgeschichte in Arbeit:

… In den Allee-Arcaden fand er nicht, wonach er suchte. So lief er zielstrebig den Prenzlauer Berg hinunter zum Alexanderplatz. Dort, im S-Bahnhof, hatte er neulich ein Bremer Teekontor entdeckt, das neben hochwertigen Tees aus aller Welt auch elegantes Glasgeschirr anbot. Noch schlenderte er durch den Straßenlärm und die feinstaubschwere Luft, dann lief er immer schneller. Das Leben an dieser Straße sah so schön bunt und lebendig aus, aber war im Grunde eine Zumutung für Körper und Seele. Die Enge, die Fülle, der Gestank und der Schmutz machten die Menschen aggressiv. Sie schnauzten und rempelten einander an. Der Verkehr staute, die Straßenbahnen quietschten, die Hochbahn ratterte, auf dem Gehweg sauste ein Radfahrer haarscharf um eine Mutter mit Kinderwagen. Tom stockte der Atem.
Als er am Alex Teetassen und seinen Irish Blend ergattert hatte, stieg er in eine volle, stickige S-Bahn, Schweißperlen traten auf seine Stirn und jemand rammte ihm seinen Ellenbogen ins Kreuz. Tom setzte seinen Ein-bisschen-enttäuscht-Blick auf und erreichte so schadlos den Ostbahnhof. Eine Computerstimme quäkte durch die Halle: „Der ICE aus Hamburg verspätetet sich! Wir bitten um Verständnis und um Geduld.“ Verschnaufzeit, dachte Tom, suchte sich eine Bank und wartete. Das Tassenpaket wippte mit dem Sekundentakt der Bahnsteiguhr nervös auf dem Schoß. Wo würde Luci jetzt sein? Kurz vor 20 Uhr lief ein Schnellzug der Russischen Bahngesellschaft RZD in das Ferngleis ein. Die Wagentür öffnete sich und eine junge Schaffnerin schaute mit einem Teeglas in der Hand nach Passagieren für den Wagen 212. Zwei kompakte Männer mit großen Plastiktaschen stiegen ein. Die Schaffnerin prüfte ihre Fahrkarten und Reisepässe, dann starrte sie nach der Uhrzeit auf dem Bahnsteig. Noch zwei Minuten. Sie schlürfte an ihrem heißen Tee und Tom starre währenddessen auf den feinziselierten Teeglashalter aus Silber in ihrer Hand…

© Petra Elsner
13. Juni 2019

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