Morgenstunde (58. Blog-Notat)

Die Nachtgestalten

Wochenende! Und jede Menge Besuch steht an. Heute beispielsweise kommt noch ein Schlafgast (im Atelier, inmitten meines kreativen Kreises…:)). Es ist meine Freundin Trilli, mit ihr wird es garantiert ein gutes Nachtgespräch geben. Trilli lebt seit einiger Zeit wieder in Erfurt und ist eine ganz besondere Künstlerin, ein Unikat unter den vielen.  Zum Texten werde ich die nächste Zeit wenig kommen. Auch wenn es noch winterlich ist, meine öffentliche Winterschreibzeit neigt sich gerade, denn es ist Frühling und die nächsten Wochen gehören der Vorbereitung des OFFENEN ATELIERS. Ich werde also nur noch ab und zu etwas zum Krimi „Milchmond“ posten, weil das Teil jetzt einfach mal langsamer wachsen wird. Ich hoffe, Ihr könnt es verschmerzen :). Dafür wird das Bildschaffen etwas wachsen, sechs leere Leinwände warten schon auf mich. Ich wechsele also eben mal wieder die Pferde … Habt eine gute Zeit!

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Milchmond (35)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Kurz vor 13 Uhr füllte sich der Gastraum. Dörte Sandig trat zu den Nagel-Söhnen und fragte dringlich: „Könntet Ihr vielleicht mal eine Wildkamera auf Euren Kahlschlag richten? Ich hab da heute beim Joggen etwas sehr merkwürdiges gehört, nicht gesehen, aber mir war, als habe mich von dort aus etwas verfolgt. Ich wüsste einfach gerne, was das war.“
Konrad Nagel lästerte: „Ich würd‘ es ja mal mit einer Brille versuchen. Aber O.K., wir hängen Dir einen Spion auf. Neujahr reisen wir wieder ab, bis dahin werden wir schon ein paar Treffer von Deinem Geräusch ergattern. Wieso warst Du eigentlich allein im Wald, gelten für Dich die Aufforderungen der Polizei nicht?“ Dörte grinste, aber Konrad schüttelte besorgt seinen Kopf: „Mädchen, das ist kein Spaß! Das nächste Mal nimmst Du zum Joggen jemanden mit. Klar?“
„Versprochen“, salutierte Dörte und knallte dazu die Hacken zusammen. Jetzt grinste auch ihr alter Skatkumpel.
Die Tür schrammte auf und ließ eine Wolke Sandberger Familien in den Raum, darunter auch Julie mit ihrer Mutter Helene, die sie zum Weihnachtsessen aus dem Altenheim geholt hatte. Jan warf die Weihnachtslieder-CD an. Während Helene aus dem Mantel schlüpfte, summte sie sofort guter Dinge mit. Mag auch der gestrige Tag im Vergessen versinken, die alten Lieder taten es nicht.
An der Tafel erzählten Rosa und ihre Söhne inzwischen, dass die Polizei bis jetzt nichts Greifbares zu dem Holzdiebstahl herausgefunden habe. Konrad winkte gelassen ab:  „Die Stämme können wir wohl abschreiben. Schlimmer finde ich, dass sie auch bei dem Mord nicht weiter gekommen sind. Ja, da haben sie tagelang Hubschrauber über der Heide kreisen lassen, aber wer sagt denn, dass der Irre überhaupt in diesem Wald steckt. Und ob er wirklich der Täter ist, die Blutgruppe AB positiv gibt es zwar nicht oft, aber doch mehr als nur einmal.“ Rosa zupfte ihren Sohn am Ärmel und deutete hinüber zu Julie und Helene am Garderobenständer: „Hör‘ auf, Junge, heute wird nicht über den Mord spekuliert!“
Julie staunte, als Kai Fischer in die Wirtsstube trat. Jan huschte an ihr vorbei und fragte beherzt: „Em, ist es Dir recht, wenn ich den Typen da neben Dir platziere?“ Sein Blick wies zu dem Berliner Gast.
Sie zögerte einen Moment lang, dann nickte sie. Neben ihr trällerte Helene laut und brüchig „Weihnachten, Weihnachten, steht vor der Tür…“ und Julie spöttelte: „Ist schon da, Mama.“ Ihr wurde heiß, als sich Kai neben ihr auf dem Stuhl niederließ…

© Petra Elsner
März 2018

Hinweis zum Urheberrecht:

Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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Milchmond (34)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Gegen Mittag duftete das Areal rund um den Dorfkrug köstlich. Alle Jahre wieder lud das Wirtspaar zu den Weihnachtsfeiertagen zum traditionellen Entenessen. Jan hatte längst die Spuren der Nacht beseitigt und der Wirtschaft ein Festgewand übergeworfen, während die Mutter einen Berg von Geflügel zubereitete. Bernd Uhlig steckte indes im Keller ein frisches Fass Bier an und räumte Flaschen weg. Der Durst in der Heiligen Nacht muss groß gewesen sein. Ihm war es recht so.
Als Kai Fischer gegen 11 Uhr den Gastraum betrat, war er gerade aus dem Bett im Ferienzimmer gestiegen. Alleine natürlich. Julie hatte ihn auf dem Nachhauseweg zwar auf Distanz gehalten, aber nicht abgewiesen. Ganz klar, sie brauchte Zeit und er musste Gelegenheiten schaffen. Uhlig Junior hatte die Haustür gehört, er fegte hellwach aus der Küche und schickte den hageren Mann in die mollig warme Billardstube, wo bereits sein Frühstückgedeck wartete. Brötchen, Eier mit Speck in einer Wärmepfanne und Kaffee. „Na, einen schweren Kopf“, fragte der Wirtssohn und plauderte gut aufgelegt weiter. „Die Cocktails, die unsere Schweizer Garde zuletzt mixte, hatten es wirklich in sich. Ich bin kaum aus den Federn gekommen, aber die Arbeit macht sich nun mal nicht von allein.“
Kai nickte und schlachtete mit einem gut gesetzten Messerhieb sein Frühstücksei. „Kann ich noch ein paar Tage bleiben, bis Neujahr vielleicht, mit Vollpension?“
„Kein Problem, im Winter ist unser Ferienzimmer meistens frei. Zum Entenessen hab ich Dich schon mit eingeplant. Pünktlich 13 Uhr, bitte.“
Julie war an diesen Morgen in das Buch der Schatten vertieft. Sie las überrascht und vergaß vollkommen die Zeit. Es klopfte leise klirrend an die Fensterscheibe, der Rabe brachte sich in Erinnerung und hoffte auf ein bisschen Brot. Julie reagierte prompt und brachte ein trockenes Stück herbei. Der Schwarze hüpfte nur etwas beiseite als sie das Fenster öffnete und flog nicht mehr aufgeschreckt davon. Sie vertrauten bereits einander. Wenn das immer so leicht wäre, dachte die Frau bei sich…

 

© Petra Elsner
März 2018

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Milchmond (33)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Ein Leuchten lag über dem offenen Schneefeld und Dörte spürte ganz deutlich die Anwesenheit von einem Etwas unter den Zweigen. Es schlich ihr entgegen, leise und irgendwie bedrohlich. Sie späte über das Weiß, konnte aber nichts entdecken. Ihr Instinkt schob sie wieder in den Laufmodus, weg von der Waldbrache. Dörte joggte ihre Runde weiter. Nicht mehr entspannt. Diesen Bogen noch, dann den Quer-Pfad links bis zum Fließweg, der sie zurück ins Dorf schicken würde. Unterwegs entdeckte sie nichts, witterte aber eine merkwürdige Begleitung. Am Kiefernbogen verschnaufte sie einen Moment. Hinter dem Rauschen des Blutes in ihren Ohren war ein leises Hecheln vernehmbar, das schlagartig inne hielt, als sie nach ihm lauschte. Ein Mensch war das nicht. Die Frau war verwachsen mit dem Wald, der sie an diesem Morgen seltsam beunruhigte, was sie zugleich ärgerte, denn schließlich war sie kein Hasenfuß. Beim Rodelberg stoppte sie kurz ihren Lauf, um die Beine auszuschütteln, die Arme zu kreisen, ihren Körper zu dehnen und vielleicht währenddessen die mulmige Stimmung abzustreifen. Doch abermals war das Schleichen in der Deckung des Buschwerks vernehmbar. Ein Knacken und ein Rascheln kaum 30 Meter entfernt. Das nervte und trieb ein dumpfes Gefühl an. Die Frau dachte an Laura, die Gewalt, die ihr angetan wurde. War sie in Gefahr? Aber nein, was sie da aus dem Unterholz fixierte, bewegte sich nicht auf zwei Beinen. Entschlossen, den Spuk zu vertreiben, klatschte sie ein paarmal laut in die Hände. Etwas lief davon. Dörte blickte dem Geräusch nach, atmete erleichtert auf und trabte schließlich zurück ins Dorf…

 

© Petra Elsner
März 2018

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Milchmond (32)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Die Frau schmiegte sich an den rauchenden Mann. Sie umfasste ihn, streichelte druckvoll seinen Rücken und atmete seinen Duft. Dörte war lange nicht mehr ihrer Lust gefolgt, aber heute pflückte sie sich diesen Jan wie einen Apfel vom Baum. Der Tresen-Mann war es gewöhnt, von Frauen verführt zu werden. Er brauchte nur ein bisschen seinen Charme spielen zu lassen und eine weltgewandte Geschichte zu erzählen, schon flogen ihm die Gespielinnen für eine Nacht zu. Mehr wollte die  Rangerin nicht und dem Mann gefiel dieser Rollentausch.
Die Nacht war Flut. Als sich Dörte am Weihnachtsmorgen räkelte, war der Platz neben ihr schon wieder verlassen. Sie lächelte, es war gut so. Beim Frühstück verspürte sie den Wunsch nach einem Waldlauf. Die Forst hatte mit ihren Holztransporten wieder neue Pisten gezaubert, so würde gut über den Schnee kommen. Wenig später joggte sie los. Die Luft war frostklar, kein Windhauch fing sich in den Baumwipfeln und der Schnee dämpfte ihre Schritte. Die Läuferin war schon eine halbe Stunde unterwegs, als sie den Kahlschlag von Rosas Wald erreichte. Wüst sah es hier immer noch aus. Nach den Sturmschäden hatte keiner Zeit, sich um das wild verstreute Nadelgrün zu kümmern. Der Schnee beruhigte nur den Anblick. Plötzlich knackte es und Dörte horchte auf. Etwas bewegte sich im Unterholz der gefällten Kronen…

© Petra Elsner
März 2018

 

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Milchmond (31)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… „Sie werden sich schon finden“, unkte der große Schatten in die Schneeweihnacht, „ganz bestimmt.“ Während die Alleinstehenden in der Wirtschaft miteinander tanzten, erschienen die Nachtschatten wieder unter den Sternen und sprachen über das große Zeitvergehen. Eine schmale, dritte Gestalt hatte sich zu ihnen gesellt. Die seufzte: „Ganz schön dunkel bei Euch.“
Der Große raunte warmherzig: „Du wirst Dich daran gewöhnen müssen, denn die Ewigkeit ist lang. In ihr begleiten wir unsere Sippe als Zeitschatten. Ab und an flüstern wir ihnen Botschaften in ihre Träume, ansonsten bewachen wir den Lauf der Zeit.“
„Deshalb sind wir hier, um unsere Liebsten zu beschützen“, fragte der neue Schatten überrascht.
Der Kleine nickte und murmelte bedächtig: „Die Lust der Menschen nach immer größerer Beschleunigung hat uns in das monumentale Jetzt getrieben. Auf immer, denn es lebt kaum noch jemand in diesem klaren Moment. Ruhelos jagen sich die Leute bis in die Erschöpfung. Der Erschöpfte aber hat keine Empathie, keinen Weitblick, ist verführbar. Er braucht unseren Beistand.“
Nebelschleier flossen um die erdigen Füße der Moosgestalten, die verschwanden als aus dem Dorfkrug ein Paar in die Nacht trat….

© Petra Elsner
März 2018

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Milchmond (30)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… „Ach, Sigmund Freud lässt grüßen!“ nörgelte Henry, als Jan Uhlig die alte Sage über die Theke erzählte.
„Wie jetzt, was hat denn der alte Seelenforscher mit unserer Wolfs-Legende zu schaffen“, fragte Jan irritiert.
„Nix, der Wolfsmann war nur sein berühmtester Fall. Der dreht sich um so einen russischen Psycho, der unter einem  Angstraum mit zwei weißen Wölfe litt. Und bei uns im Wald haben die Ahnen, als es noch Wolfsland war, eben diese Legende erfunden. Sie verrät etwas von der ländlichen Urangst. Die lebt immer auf, wenn Wölfe im Revier sind. Angst ist eben ein guter Treibstoff für die Fantasie.“
„Aber die Polizei, spricht auch von einem Wolfsmann.“
„Ja, und meint einfach einen gewalttätigen Irren“, blubberte Henry. „Komm, schenk‘ mir noch einen ein, es ist so traurig, dass es Laura erwischt hat. Ich kann’s nicht fassen. Die Schöne hätte echt noch ein gutes Stück Leben verdient, ein Jammer.“
Im Nebenraum feierte die Jugend-Runde am Billardtisch einen gut geglückten Stoß. Dörte hatte mit den Nagel-Brüdern die Skatrunde beendet, drehte den Radiorecorder lauter und schob sich dann hüftschwingend zum Tresen: „Noch eine Lage bitte, für die alten Herren und mich.“
Der Mittvierziger am Tresen lästerte leise: „Und welchen von den alten Säcken schleppst Du heut‘ noch ab?“
„Ich dachte da, eher an Dich“, antwortete sie ein wenig lasziv. Er wusste, dass sie meinte, was sie sagte und grinste anzüglich.
Julie und Kai Fischer saßen am Beobachtertisch bei den trinkenden Zwillingen, den zwei Schwestern vom Waldrand und dem Anton, der sich lieber an die Häppchen hielt. Irgendwann zog Anton eines der späten Waldmädchen aufs Parkett und tanzte seinen perfekten Foxtrott. Kaum später war die Tanzfläche rappelvoll.
Kai fragte unsicher Julie: „Willst du vielleicht auch?
Sie zuckte mit den Schultern, atmete tief durch und antwortete: „Warum nicht.“
Die Nähe machte sie geschmeidig. Sie plauderten nicht belanglos, sie wiegten sich in der Musik und taten einander ganz offensichtlich gut.
Im Krug war eine seltsame Stimmung in dieser Nacht entstanden – ein bedecktes Gemurmel, dass nur zur vorgerückten Stunde anhob, als wollte die Heilige Nacht ein fröhliches Finale haben…

© Petra Elsner
März 2018

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Milchmond (29)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Natürlich hatte die Frau diesen Blick gespürt und nach innen gelächelt. Nach außen blieben ihre Augen verschleiert. Julie wusste, dass sie sich nicht weiter vergraben durfte, um nicht  gänzlich in der Süße der Selbstzerstörung zu versinken. Diese Bittersüße, die dem Tod das Bett bereitet. Ihr Verstand riet ihr zu mehr Gesellschaft, doch ihre Seele hielt Trauer. Es war ihr nicht möglich, diesen Blick zu erwidern, aber er verstand weshalb.
Als man sich am Abend vor dem Acker-Hof voneinander verabschiedete, war es die Frage von Dörte, die eine neue Option austeilte: „Was machst Du Heilig Abend?“
Julie trat von einem Bein auf das anderen und blies sich in die gefalteten Hände. Es war kalt und alle waren rechtschaffend müde. So antwortete sie nur kurz: „Ich gehe zur Single-Weihnacht.“
„Und Du“, fragte Dörte den Berliner?
„Em, keine Ahnung.“
„Na, dann 20 Uhr im Dorfkrug, ich besorg‘ Dir ein Zimmer.“
„Em, ja, wenn das geht?“
„Das geht“, antwortete Dörte forsch, verabschiedete sich und verschwand schnellen Schritts in ihrem Winterhaus.

Jan hatte beizeiten den Kachelofen angeheizt. Der Sohn der Wirtsleute lud schon seit Jahren zur Single-Weihnacht. Dorthin kamen alle, die Lust darauf hatten. Die Jungen, die zu Gast im Elternhaus schnell die Langeweile nervte und die Alleinstehenden jeden Alters. Die Nacht der Nächte bot immer auch eine Chance, eine neue Liebe oder wenigstens eine Affäre für die Feiertage zu finden. Schönere Geschenke gibt es zu Weihnachten nicht. Jan, der auch nur zu den Wochenenden aus Berlin nach Sandberg kam, um seine Eltern zu unterstützen, spendierte dem Dorf diese Weihnachtsidee, als er selbst gerade wieder einmal Single war. Es brauchte dazu nicht viel – einen warmen Ofen und reichlich Getränke.  Die Gäste trugen leckere Häppchen herbei, damit die echten Alleinstehenden etwas Festliches verkosten konnten.
Der Abend begann immer ähnlich wie bei einem Klassentreffen. Erst mal schauen, wie die Exil-Schweizer und die Neu-Süddeutschen das Jahr überstanden hatten. Wie viele Kilos zu- oder abgenommen wurden. Ob ein neues Auto vor dem Elternhaus parkte. Welche Geschenke dieses Jahr die alleinstehenden Mütter bekamen, und ob sie ein weiteres Jahr in der Fremde verlängern werden würden oder dem ewigen Heimweh nachgeben. Die „Jugend“ des Dorfes war inzwischen Mitte 30, kinderlos und gut solvent.
Die Sandberger Eltern hatten nach der Wende beinahe alles richtig gemacht. Sie holzten keine Obstplantagen ab, verkauften kein Land, ließen keine Windräder zu. Fast alle schulten noch einmal um und machten sich selbstständig. Es gibt wohl kein weiteres Deutsches Dorf aus dem so viele Materialprüfer stammen, wie aus Sandberg.  Diese Menschen, die auf Sanddünen siedelten, entwickelten über Generationen einen weiten Blick, der sie immer dorthin führte, wo es ein gutes Auskommen gab. So lebten in Sandberg kaum Arbeitslose und die meisten Dorfkinder hatten eine gute Ausbildung im Reisegepäck. Doch nach langen Wanderjahren sehnten sich inzwischen viele nach der Heimat und einer eigenen Familie. Die Löhne stiegen endlich wegen des bedrohlichen Fachkräftemangels in Brandenburg, darüber galt es sich auszutauschen. Dieses Jahr aber war das Thema Nummer 1 bei Jans Single-Weihnacht: Der Mord unterm Milchmond…

© Petra Elsner
1. März 2018
Hinweis zum Urheberrecht: Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

Alle in dieser Kriminalgeschichte vorkommenden Namen, Personen, Organisationen, Orte sind erfunden oder werden rein fiktiv benutzt. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Geschehnissen, Orten oder Personen, lebend oder tot, sind nicht beabsichtigt und rein zufällig.

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Milchmond (28)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Eines Morgens waren sie aufgebrochen und nicht zurückgekehrt. Manche Nacht hörte er nun einen Schrei aus der Erde, aber es war kein Ton, der noch zu ihm gehörte. Frau und Tochter blieben seit jenem Unfallmorgen verschwunden in einer anderen Zeit, und er begann sein Eremitendasein ohne den Wunsch nach menschlicher Nähe. Bis zu ihrem Blick, der so traurig war, dass er ihn kaum aushielt. Seither dachte er an Julie und wartete auf ihren Anruf. Wenige Tage vor Weihnachten war es soweit. Eine schlichte Verabredung für den nächsten Tag, aber sein Herz klopfte dabei, als hätte er einen 100-Meter-Sprint hinter sich.
Sie fuhren die 70 Kilometer von Sandberg nach Pankow mit drei Autos. Dörte, Otto und Julie. Kai Fischer hatte den nötigen Parkplatz für ein paar Stunden mit einem rotweißen Band abgesperrt und wartete vor dem fein sanierten Gründerzeithaus. Als Otto Lauras Wohnung betrat, bekam er weiche Knie. Er sah sofort, dass seine Ex-Geliebte hier nur ein Zwischendasein führte, und er fühlte sich dafür irgendwie verantwortlich. Jetzt zerlegte er Regale und die Frauen packten den übersichtlichen Hausrat in Taschen und Kisten. Die ganze Aktion dauerte keine drei Stunden. Als fast alles verstaut war, stellte Julie eine Platte mit belegten Brötchen und Becher mit Kaffee auf den Fußboden und bat: „Kommt, kleine Stärkung!“ Die Helfer hockten sich wie um ein Lagerfeuer auf die blanken Dielen und langten zu.
„Was machst Du jetzt mit dem ganzen Zeug?“, fragte Dörte. Julie hing mit den Lippen pustend am heißen Kaffee und sprach ganz ruhig: „Ich bin noch nicht ganz sicher, ob dass der richtige Weg ist, aber ich muss das Leben neu zu sortieren. Hab mir überlegt, zwei Ferienzimmer auf dem Hof einzurichten, dafür kann ich die Sachen hier gut gebrauchen. Und wenn die Saison angelaufen ist, hole ich die Mutter zurück nach Hause. Wir hatten eine Verabredung, die Laura und ich, unsere Mutter kommt nicht ins Heim. Im Moment ging es für mich nicht anders, aber ich werde mein Versprechen halten.“
Kai Fischer fixierte Julie mit großen Augen und dachte: Stark, so eine tapfere Frau.
Dörte sah seinen Blick, freute sich still für ihre Nachbarin und sprach dann in das Rund. „Ferienzimmer – das ist eine gute Idee! Was meinst Du, wie oft ich nach meinen Schorfheide-Führungen gefragt werde, wo man hier ein Wochenende oder ein paar Tage unterkommen kann. Auch die Jäger suchen immer ein einfaches Quartier. Da kann ich Dir bestimmt ein paar Weichen stellen.“
Otto Ehrenburg fand die Idee auch gut und nützlich: „Wisst ihr, der Alfons aus Friedrichswalde und ich planen ab Mai Fototouren ins Wolfserwartungsgebiet. Ich bin sicher, dass diese Waldwanderer auch Übernachtungsmöglichkeiten suchen werden. Gut möglich, dass Du bald noch die Scheune ausbauen musst.“
Dörte neigte sich flüsternd zu Julie: „Spürst Du eigentlich, wie der Dich anschaut?“ …

 

© Petra Elsner
28. Februar 2018
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Milchmond (27)

Öffentliche Winterschreibarbeit zu “Milchmond”, der Kriminalgeschichte von Petra Elsner.

… Würde sie mit ihm sprechen? Das war nicht gewiss, denn die Ackerköpfe waren durch die Bank stur. Und was sollte er ihr auch sagen? Ich wollte ein anderes Leben? Sie würde ihn für diesen Satz noch mehr hassen, als sie es ohnehin tat.
Er hatte das eine Ferienzimmer des Dorfkruges bekommen und überlegte, ob er noch bleiben sollte oder besser Abreisen. Wenn für den Einen die neuen Zeiten erst Jahre später beginnen, ist es schwer, miteinander in dasselbe Wasser zu springen.
Julie ihrerseits hatte die Nacht nicht schlafen können. Da saß er einfach, der geflüchtete Vater, ohne ein Wort, setzte er sich in diesen traurigen Tag. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm eine Brücke hätte bauen sollen, aber wieso eigentlich sie? Irgendwann glaubte sie, nichts mehr verlieren zu können, aber vielleicht zu gewinnen. Sie schlüpfte in den Mantel und stiefelte zum Krug, wo sie Gerhard beim Frühstücken antraf. Anna brachte ungebeten ein zweites Gedeck und verschwand in der Küche. Gerhard schenkte seiner Tochter Kaffee ein: „Ich will Dir nichts vormachen, Julie, ich wollte damals einfach nur weg. Bin erstickt in dem DDR-Mief, der Enge, dem Grau, dem dauernden Mangel, den Plattitüden und den devoten Verbeugungen. Die Liebe zu Helene war längst vorbei. Da hab ich meinen Abgang geplant, man lebt schließlich nur einmal. Wer konnte schon ahnen, dass man hier keine fünf Jahre später die Mauer zu Fall bringen würde. Und zusehen, wie eure friedliche Revolution in die Hände der Bürokraten geriet, darauf hatte ich auch keine Lust. Ich wusste ja inzwischen, wie der Hase läuft.“
In Julie pulsierte das Blut und schließlich platzte aus ihr: „Aber dass Deine Flucht, Mutters Leben total aus der Bahn werfen würde, das war Dir doch wohl klar – oder? Dass die Stasi sie ausquetschte und für ihr Berufsverbot sorgte. Sie hat sich davon nie mehr erholt.“
Gerhard hielt seine Emotionen unter der lässigen Fassade bedeckt. Er nickte nur. Natürlich wusste er das. Sein Verstand arbeitete wie eine große Suchmaschine, doch er fand nicht die passende Erklärung. Und weil sie nichts weiter fragte, schwiegen sie. Erst als Anna neuen Kaffee brachte, entspann sich ein belangloses Gespräch: Was machst Du, wo lebst Du? Gerhard hatte nach der Scheidung von Helene im Sommer 1989 wieder geheiratet und noch zwei Töchter in die Welt gesetzt, die es ihm offenbar leichter machten, die anderen zwei mit der Zeit zu vergessen. Sofern das überhaupt geht, denn als er im Regensburger Wochenblatt die Traueranzeige las, traf ihn ein Schmerz, der ihm fast den Atem nahm. Deshalb war er hier in Sandberg, auch wenn er wusste, es war einfach für alles zu spät. Sie würden sich nie wiedersehen…

© Petra Elsner
Februar 2018

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Der Text darf ohne Angabe des Urhebers nicht weiterverwendet oder kopiert werden. Auch das Zitieren von Textstellen bei Veranstaltungen bedarf meiner Genehmigung.

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