Die Schreibmaschine
Ob die Backsteinbauten am S-Bahnhof Zeuthen noch stehen? Es war eine geduckte Ladenzeile mit Parfümerie, Reinigung, Schuster und das Schreibwarengeschäft, das mich schon als Kind magisch anzog. Familie Dreiers hatte wunderbare Papiere, Pinsel, Stifte, Lineale, Ratzefummel, Tuschkästen, Tintenfässchen, Löschpapier, Abziehbilder, Poesiealben, Kalender, Notizblöcke, Lampions, Girlanden und Krepppapier. Natürlich Schulbücher, Schreib- und Rechenhefte und auch die Hefte für Noten. Es gab Ausmalblätter, Sammelmappen, Aktendullis, Locher und Umschläge aller Art, Mappen, Feder- und Aktentaschen… Ach, man konnte sich in der Menge der Enge verlieren.
Es war die Zeit, als ich meine ersten Liebesgedichte und Liedtexte auf der Schreibmaschine meiner Mutter schrieb. Das kleine „e“ hakte und das Band schmierte, aber immerhin. Als alleinerziehende Mutter war eine eigene unerschwinglich, und so arrangierte ich mich mit dem hakenden „e“.
An einem frühen Sommerabend Ende der 70er Jahre schlenderte ich frisch verliebt mit einem langhaarigen Parker-Typen durch den Ort, als ich sie bei Dreiers im Schaufenster entdeckte: eine Reiseschreibmaschine für satte 400 DDR-Mark. Orange mit weißen Tasten, ein Träumchen, an dem ich mich gar nicht sattsehen konnte. Ich wollte mich gerade loseisen und die Straßenseite wechseln, um ins Café Centra einzukehren, als der Mann neben mir schnellen Schrittes im Laden verschwand und das Teil ungefragt kaufte. Einfach so. Mein Magen meldete sich, während er mir die Maschine grinsend in die Hand drückten wollte. Kreidebleich wehrte ich ab, rannte blitzartig bis zur Bäcker-Ecke und kotzte dort in den Vorgarten. So ein teures Geschenk konnte ich nicht annehmen. In meiner Familie waren die Geschenke eher bescheiden, selten gab es etwas über 20 Mark. Der Parker-Typ ging an diesem Abend allein nach Hause, behielt aber die schöne „Erika“ ein Jahr lang in seinem alten Skoda versteckt. Monate später versuchte er es noch einmal: Ganz vorsichtig übergab er mir das Prachtstück und schmeichelte: „Leihgabe für die angehende Schriftstellerin.“ Das verfing.
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Bärbel Kaiser
Den Geruch im Schreibwarenladen Brendel in Bernburg mochte ich sehr gern. Meine Mama war mit der Inhaberin befreundet.
Axel Kempert
… in der Menge der Enge …
