Morgenstunde (865. Blog-Notat)

Wir sind zurück und ja: Die Zeit war schlicht zu kurz. Zumal es mich einen Tag flachlegte, die Atmung labil, der Kreislauf zittrig. Das Reizklima hebelt mich stets am 2. Tag aus, erst danach wird es besser. Im Grunde ging es mir nur am Geburtstagstag gut. Damit meine Lunge von so einem Ortswechsel wirklich was hätte, bräuchte es mindestens drei Wochen Meeresluft, aber Kinner ne – die Preise… Die guten Stunden aber waren wirklich schön. Spazieren unter Möwengeschrei, Sonne, leichte Brise. Ein bisschen Schlendern und in den Andenkenlädchen Tinnef schauen, den wirklich keiner braucht und will 😊, beim Kaffee dem flanierenden Panoptikum zuzusehen, was da so alles rumrennt… Und schließlich das Meer, das mit seinem schwarzen Algensaum schwere, müde Wellen warf, als hätte es längst vom Sommer genug. Die Insel war immer noch satt gefüllt von Urlauber und Ausflüglern, die meisten Kneipen aber: leer. Die aufgestockten Preise, und was man nicht verheimlichen darf – der schlechte Service allenthalben. Statt die Menschen, die noch einkehren, gut zu bewirten, bekommste z.B. bei „Uwes Fischerhütte“ in Ahlbeck eine muffelgraue Ofenkartoffel mit einem Kräuterquark aufgetischt, der wie süße Sahne schmeckte. Lieb- und respektlos gegenüber dem Gast ist das. Ich hatte keine Kraft, das Gericht zurückzugeben und darauf setzt man wohl: Im Urlaub will man nicht streiten und eine Waage eher nie. Dieses Quartier jedoch hat sich für mich auf alle Zeit erledigt. Immerhin bin ich von dort bis Heringsdorf am Strand gelaufen. Drei Kilometer, der Liebste staunte, ich auch. Tagesform. 70 Jahre, du meine Güte…

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10. Klausur-Schnipsel

zu “Die verlorene Geschichte”:

… Elias ergriff ihre Hand und zog sie in seine Arme. Das war keine schlichte Umarmung, es war ein Ineinanderfallen, ein Verschmelzen. Nicht als überraschender Urknall, eher einer Ahnung nachspürend, es könnte Liebe sein. Vielleicht ist die Liebe zwischen älteren Menschen die zarteste überhaupt, weil sie den Schmissen des Lebens nachfühlt, das Welken der Zeit auf der Haut streichelt und das Noch-am-Leben-sein feiert. Maja fand, dazu gehöre ein Festessen – und weil der Kühlschrank nicht viel hergab, zogen sie sich an, um beim Italiener zu tafeln.

Elias wurde von Geschäftigkeit geweckt. Er stieg die steile Stiege hinunter in die Wohnküche. Dort stand ein Picknickkorb mit Äpfeln und belegten Bäckerbrötchen, und durchs Fenster beobachtete er Maja, wie sie an einem alten Auto Wasser in die Scheibenwaschanlage füllte. Er öffnete fröstelnd das Fenster: „Morgen, was wird das?“ Maja sah ihn verschmitzt an: „Was hältst du von einer Ausfahrt ans Meer?“ „Ach, wie schön,“ seufzte Elias. Er beeilte sich mit dem Duschen, bekam noch einen Kaffee im Stehen und los gings. Frühstück im Auto, denn sie wollten in dreieinhalb Stunden auf der Insel sein, um etwas von diesem glasklaren Tag zu haben. Gegen Mittag fuhren sie über die Peenebrücke hinüber zur Sonneninsel. Möwen kreischten, und die Luft schmeckte salzig. Maja und Elias glänzten vor Glück. Es war einer dieser selten gewordenen Inseltage, an denen die Touristen noch fernblieben. In Bansin kauften sie sich Fischbrötchen und stiegen damit über die Düne. Wind knatterte, und die Weite der Ostsee lag tosend vor ihnen. Einatmen. Ausatmen. Ins Fischbrötchen beißen. Sie wussten, sie hatten nur ein paar Stunden für ihren Trip. Denn beide hatten Abgabetermine im Genick. Aber diesen Moment genossen sie mit allen Sinnen. Maja schnaufte kurz vor Heringsdorf beim Strandlaufen. Die kleine Frau hatte Mühe seinen langen Schritten zu folgen. Irgendwann nahm er sie einfach Huckepack und trug sie schweren Schrittes durch den weichen Strandsand hinauf zur Promenade. Dort setzte er sie ab: „Hier läuft es sich leichter.“ Sie war ein wenig verärgert, ob ihrer Winterschwäche: „Keine Kraft. Zu viel gesessen. Ich muss was tun…“ Elias witzelte: „Wie wär‘s mit Treppentraining?“ Sie räusperte sich: „Um nichts in der Welt.“ „Schade.“ Sie flanierten zurück nach Bansin, vorbei an modernen Prachtbauten und weißgetünchten Villen der alten Bäderarchitektur. Renaissance, Klassizismus und Barock – alles dicht beieinander. Maja fand: „Sie haben einen wundervollen Schauwert für Spaziergänger, aber wie viel Geld da drinsteckt! Kann man so viel Kohle sauber verdienen? Ich weiß es nicht. Viele ostdeutsche Eigentümer sind da vermutlich nicht mehr darunter.“ Angekommen am neuen Entree hinunter zur Stadt, murmelte Elias: „Werden wir ihnen unseren Niedergang jemals verzeihen können?“ Sie zuckte mit den Schultern: „Vielleicht, wenn sie nicht immer neue abwertende Narrative über die Ostdeutschen stülpen. Dann womöglich.“
Am späten Nachmittag bekamen sie noch einen guten Platz im „Fischkopp“. Das kleine familiengeführte Restaurant ist gewöhnlich vollkommen ausgebucht, aber offenbar war ein Reisebus liegengeblieben, und so konnte das Paar vor der Heimfahrt noch genüsslich speisen. „Wie wär‘s mit Zander auf Beluga-Linsen mit Sahnesoße und Salat?“, las Elias aus der Karte vor. „Nehmen wir.“ …

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