Lyrik-Krümel

Gestaltete Lyrik

Morgenstunde (1085. Blog-Notat)

An manchen Tagen wird es mir Himmelangst. Inmitten eines anstiftenden Infekts beispielsweise (wie Ende Mai), worin das Hirn hämmert: ist dieser elende COPD-Zustand jetzt der Status Quo oder wird es wieder besser? Es weiß ja niemand, denn diese schlimmen Schübe können auch tödlich enden. Sprechen will kein Arzt darüber. Lebenserwartung? Es ist ein bisschen wie: Schau ‘n wir mal… Es gibt in meiner Umgebung niemanden, der sich mit den Schüben dieser Lungenkrankheit auskennt. So ist das für mich jedes Mal ein einsamer Kraftakt wieder auf die Beine zu kommen. Geistig einsam meine ich, denn emotionalen Beistand habe ich schon von meinem Liebsten.  Die langfristige Behandlung (seit 18 Jahren) mit dem entzündungshemmenden Kortison führt darüber hinaus zu Nebenwirkungen, die irgendwann das Heft übernehmen. Muskelschwund, Pergamenthaut, weiche Knochen… Die Perspektive ist nicht rosig, aber das bedrückt mich nicht ständig. Kaufen wir erst einmal noch einen Gartenstuhl für einen weiteren Verschnaufstopp bei (unter) der Linde und eine weichere Matratze, an der ich mich nicht so schnell verletze… Man glaubt es kaum, aber man kann sich durch das Streifen über Stoff diese dünne Haut verletzen. Möge man es mir verzeihen, wenn ich manchmal jaule…

Morgenstunde (1084. Blog-Notat)

Das Wetterklagen wird lauter. Erst war es nur ein grummeliges Murren, jetzt, nach fünf Regenwochen fluchte ich schon ab und zu lauthals „Scheißwetter!“. Dieses Fluchen ist gefühlt überall und fügt sich in die bissige Gesellschaftslaune. Bei Ulf Poschardt lese ich „Der Shitbürger ist ein Schönwettermatrose. In Zeiten ohne Not und Elend blüht er auf und widmet sich der Moralbewirtschaftung…“. Habe sein Essay „Shitbürgertum“ erst halb durch. Da will manches verdaut werden, aber seine Denkansätze und Analysen inspirieren und entlarven verquere Entwicklungen. Kein Wunder, das die verletzten Aufschreie so laut sind. Es ist halt eine Streitschrift, die Aufrütteln will. Und mal ehrlich, ist schon einmal eine intellektuelle Riege angetreten, um eine Hochkultur zu entkernen? Welch Selbsterhebung über alles was war! Eine Anmaßung. Nun, heute sind ein paar Sonnenstrahlen versprochen, da lege ich das Buch mal kurzweilig beiseite, bis zum nächsten Regenschauer…  😊

Lyrik-Krümel

In der Reihe: Gestaltete Lyrik – Worte & Spachteleien

Lyrik-Krümel

In der Reihe: Gestaltete Lyrik – Worte & Spachteleien

Morgenstunde (1083. Blog-Notat)

Mehr als 200 Liter Regen hatten wir im Juli. Diese andauernde Nässe trübt nicht nur den Sommer: Im Tomatenhäuschen zeigt sich inzwischen Braunfäule und die Gurken wachsen erst gar nicht. An den fünf Apfelbäumen hängt ein ganzer Apfel… (Frostwind im Mai).  Die Sandgärtnerin hat augenblicklich wenig Erntefreuden. Also hake ich das Thema schon mal für dieses Jahr ab, es nützt nichts, der Mühe nachzutrauern… Die Energie wird anderweitig gebraucht. Ich habe gerade wirklich Spaß daran, meine Lyrik-Krümel mit vorhandenen Spachtelarbeiten zu verschmelzen. Dabei entsteht etwas Neues: „Gestaltete Lyrik“, die sich so oder so in meinen Künstler-Heften wiederfinden wird.

Kleiner Input ins Dorf: Ich kann zwei bemerkenswerte Bücher weitergeben:
„Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ von Daniela Krien
„22 Bahnen“ von Caroline Wahl (großartig!)

Lyrik-Krümel

In der Reihe: Gestaltete Lyrik – Worte & Spachteleien

Morgenstunde (1082. Blog-Notat)

Es ist der Geburtstag meines Sohnes Jan. Er ist jetzt in den Jahren, in denen Frauen ewig 39 sind. Mit scheint, Menschen, die vom überbordenden Jugendkult gelenkt sind, haben es noch schwerer älter zu werden. Ich war kaum 19 als er geboren wurde. Seither habe ich viele Kilos verloren, aber ich habe meine Entscheidung für das Kind nie bereut.

WAGNIS

Am Haus der Engelmacherin in der Kleinen Auguststraße schlug ihr das Herz bis zum Hals. Würde sie wirklich über diese Schwelle gehen? Sie zögerte. Oft hatte sie Frauen wie fahrige Schatten in dieses schmale Haus schleichen sehen. Jetzt wusste Klara, was jene in diese Zumutung getrieben hatte. Eine falsche Liebe, ein Leichtsinn oder die Furcht vor Armut. Was wäre, wenn sie es behalten würde – diese Handvoll Kind? Sie wusste es nicht, spürte aber, es wäre ein langes, ungewisses Wagnis. Sie grübelte. Nein, es geht nicht um Mut zum Risiko, sondern um – Verantwortung. Was für ein hartes, forderndes Wort! Wollte sie die allein übernehmen, jetzt, wo doch ihr Leben gerade erst begann? Klara Heidenreich lehnte sich in ihrem schwarzen knöchellangen Kapuzenmantel an die Hauswand neben der Haustür und rauchte eine „Alte Juwel“. Es würde ihre letzte Zigarette sein, wenn sie nicht die Stufen zur Engelmacherin hinaufstiege. Trotzig pustete sie Kringel in das Wintergrau und sah danach auf ihre Taschenuhr, die ihr der Großvater letzten Sommer vermacht hatte. Die junge Frau war für ihre Unpünktlichkeit berühmt. Schon sieben Uhr. Ihr Lehrmeister würde ab jetzt auf sie warten, jede weitere Fehlminute würde sein explosives Gemüt anheizen. Na und, dachte Klara, sie wusste mit dem dickleibigen Mann umzugehen, der ein Berlinisch quasselte, das mit „mir“ und „mich“ so seine Probleme hatte. „Sie“ statt „Ihnen“ – Klara grinste, schnippte die Kippe weg und verließ den Ort an der engen Straße.

Erst zwanzig Jahre später kam Klara Heidenreich wieder in die Kleine Auguststraße. Sie machte Fotos von Berlins Mitte, die den Wandel zwischen Schrott und Stein einfingen. Graugepellte brö­ckelnde Fassaden überall, aber das letzte Haus hinten rechts leuchte­te in abenteuerlichem Cobaltblau. Knallbunte Graffiti darauf signali­sierten – hier wohnen alternative Künstler. Wieder schlug Klaras Herz wie wild. Sie war jetzt 39 Jahre alt. Eine späte Schöne. Ihr Sohn jobbte weit weg in der Schweiz. Die Wende in Ostdeutschland hatte in ihrem Leben keinen Stein auf dem anderen gelassen. Nichts hatte mehr Bestand, außer der Liebe zu ihrem erwachsenen Kind. Selbst ihr Fernstudium, das sie erst im Wende-Herbst abgeschlossen hatte, war wenige Monate später wertlos geworden. Arbeit gab es auf lange Zeit nicht. Ein ungewollter Freiraum entstand, der ein neues Wagnis hervorzauberte: Nach all den verpflichtenden Jahren legte die Frau in dieser Zeit die alte Verantwortung ab. Als sie vor das Blaue Haus in der engen Straße trat, ahnte sie, wohin ihr fliegendes Herz sie führen würde. Vom Dunkel ins Licht. Das Blaue Band der Freiheit konnte sie nur selbst fliegen lassen.

Petra Elsner

TROST

Morgenstunde (1081. Blog-Notat)

Ich warte nicht mehr auf mögliche Atelier-Besucher. Sie kommen oder sie kommen nicht.  Als wir 2008 in dieses Walddorf zogen, hatte ich Sonntagsöffnungszeiten angeboten und gewartet. Zwischen 14 und 18 Uhr, jeden Sonntag, sieben Jahre lang. Wöchentlich aufgeräumt und Kuchen gebacken. 2014 habe ich damit aufgehört. Mit dem Warten, dem Aufräumen und dem Backen…Die meisten Menschen kamen außerhalb dieser Öffnungszeiten, wenn ich nicht aufgeräumt hatte und auch keinen Kuchen. Eben wie es ihnen passte. Inzwischen ist mein kleiner Fan-Kreis mit mir gealtert und auf dem Rückzug in die Stille. Der Lauf der Dinge und die Jüngeren? Sie haben andere Spielzeuge und nur eine begrenzte Neugier auf Altersschaffende. Vielleicht auch eine Folge der zerlegten Gesellschaft. Ich warte also nicht mehr und mache einfach weiter. Gerade habe ich die Illustration zur neuen Weihnachtsgeschichte als Skizze im Block…