Morgenstunde (233. Blog-Notat)

Frost im Hof

Eine kalte Dürre liegt dort draußen vor der Tür. Das Weinlaub kräuselt sich knisternd, der nächste Windhauch wird es fallen lassen. In den stillen Reformationstag gestern klingelte abends das Telefon und meine Schweizer Tante erklärte mir: Dein Onkel ist nach seinem Mittagsschlaf nicht mehr aufgewacht. Er stand in der direkten Familienlinie als Letzter vor mir. Onkel Manfred war mal ein profiboxendes Federgewicht, aber er trug immer schwer an der Last des Schweigens. Die Flucht aus Schlesien – allein mit der Mutter als Achtjähriger unterwegs. Nie hat jemals jemand in meiner Familie darüber gesprochen. Da war nur sein tränenschwerer Blick, der verriet, es muss ungeheuerlich gewesen sein für die Zwei. Mein Vater, damals 17 Jahre, lag verwundet im Lazarett, hart gezeichnet vom Krieg. Ob die Brüder untereinander sprachen, ich weiß es nicht. Der Eiserne Vorhang kühlte die Familienbande ab, denn der Jüngere hatte 1953 auf den Älteren gewartet, in Westberlin, aber der kam nicht. Auch das erfuhr ich erst nach der Wende und nach Vaterns Tod. Was alles ins ewige Schweigen fällt – viel, wie gleich die Weinlaubblätter im Hof.

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